Leseproben aus den gesammelten Texten: Das Elend der Verschickungskinder

Leseproben

                           Wildgänse rauschen durch die Nacht/Mit schrillem Schrei nach Norden / Unstete Fahrt! Habt acht, habt acht! / Die Welt ist voller Morden./ Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt,/ Graueisige Geschwader/ Fahlhelle zuckt, und Schlachtruf gellt,/ Weit wallt und wogt der Hader./ Rausch’ zu, fahr’ zu, du graues Heer!/ Rauscht zu, fahrt zu nach Norden/ Fahrt ihr nach Süden übers Meer –/ Was ist aus uns geworden!/ Wie ihr ein graues Heer/ Und fahr’n in Kaisers Namen,/ Und fahr’n wir ohne Wiederkehr,/ Rauscht uns im Herbst ein Amen!

Das Kind stand am Fenster und dachte so etwas wie: Wann hört dies auf? Dies hört nie auf. Wann hört dies auf? Es hatte beide Arme auf das Fensterbrett gestützt, das durfte es nicht – aber es war für einen Augenblick, für einen winzigen, gestohlenen Augenblick, allein. Gleich würden die anderen kommen; man spürte das zuerst im Rücken, der nun der Tür zugewendet war, der Rücken kitzelte erwartungsvoll. Nun stieg die Kurve der Furcht siedend-rot nach oben. Frau Adriani, die rothaarige Frau Adriani. Trappeln. Schurren. Türenklappen. Kein Wort: Eine Stumme Schar näherte sich. Also war sie dabei. Die Tür öffnete sich, als habe sie sich allein aufgetan. Im Rahmen stand sie, die Frau Direktor, der Teufelsbraten: Die Adriani. Ihren Beinamen hatte sie von ihrem Lieblingsschimpfwort.  Sie war nicht groß, eine stämmige Person mit fast unsichtbaren Augenbrauen. Sie sprach schnell und hatte eine Art, die Leute anzusehen, die keinem guttat…“Was machst du hier?“ Das Kind duckte sich. „Was du hier machst?“ Sie ging auf die Kleine zu und gab ihr eine Art Knuff gegen den Kopf. Der Schlag ignorierte, dass da ein Kopf war. „Ich habe…ich…ich bin…“ „Du bist ein Teufelsbraten“, sagte die Adriani. „Drückst dich hier oben herum, während unten geturnt wird! Heute Abend kein Essen. In die Schar!“ Kurt Tucholsky, in Schloss Gripsholm, S. 44ff, 1931

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Eines Tages sagt die Mutter, der Arzt habe gesagt, sie müsse „verschickt werden“ in ein Heim. Sie sei zu dünn und zu oft krank und solle zu einer Land-Verschickung. Dort würde sie gesund werden, bei frischer Luft. Das Wort Heim macht dem Kind Angst. Die Mutter sagt, es sei gut für sie. Das Kind findet das nicht. Statt in die Schule zu kommen, wird sie nun verschickt, bekommt ein Schild um den Hals wie die anderen Kinder auch und wird an einen Zug gebracht. Schüchtern sitzt sie mit fremden Kindern zusammen in der Eisenbahn. Sie fahren nach Wyk. Das ist auf Föhr, einer Insel in der Nordsee. Zu den Erziehern müssen sie Tanten sagen. Das kennt das Kind schon. Die Verschickung dauert sechs Wochen. Nach Hause werden Karten geschickt, die haben die Tanten geschrieben, auf denen steht, dass es den Kindern gut gehe.

Abends liegen sie im Schlafraum. Es ist ein riesiger Schlafraum, mit zahllosen kleinen Feldbetten, graue Decken darüber. Eine Erzieherin ist noch ganz hinten im Raum, kommt aber näher. Das Kind liegt unter der grauen Decke und hat große Angst. Denn die Tante geht von Bett zu Bett und macht etwas Seltsames. Sie nimmt die Hände der Kinder hoch, besieht sie sich und legt sie wieder hin. Was macht sie dann? Sie zieht etwas Weißes aus der Tasche, steckt die Hände der Kinder hinein und schnürt sie mit einem Band unter dem Bett fest. Das Kind beobachtet die Tante und rührt sich nicht, starrt auf die weißen Stoffstücke. Es sind Handschuhe ohne Finger. Plötzlich versteht das Kind: Die Kinder, die noch am Daumen nuckeln, so wie sie, werden zur Strafe dafür, und damit sie es sich abgewöhnen, mit ihren Händen ans Bett gefesselt. Das Kind erschrickt zu Tode. Der Schrecken fährt in sie wie eine Flamme, sitzt ihr im Hals und fährt ihr über die Haut, bis hin zum rechten Daumen, ohne den sie nicht einschlafen kann. Sie muss ihn immer in den Mund stecken, deshalb ist der rechte Daumen auch kleiner als der linke. Das kann man sehen. Sie legt die Hände rechts und links aufs Bett starr neben sich, in der Hoffnung, dass die Tante den Unterschied nicht bemerkt. Als die Tante ganz nahe ist, schließt das Kind die Augen, hält die Luft an, stellt sich tot, rührt sich nicht mehr. Die Erzieherin ist vorbei gegangen, hat die Hände des Kindes frei gelassen, noch mal Glück gehabt.

Am Tag kommen sie in einen großen, kahlen Raum, angeblich, um gesund zu werden. Der Raum ist viereckig, ganz leer und bis unter die Decke gekachelt. Dort müssen die Mädchen sich nackt ausziehen und Plumpssack spielen. Derweil scheinen seltsame grüne Lichter. Die Kinder bekommen kleine schwarze Brillen, die sie aufsetzen müssen. Es riecht komisch. Sie bleiben lange dort drinnen. Dem Kind ist es unangenehm, ihm ist auch kalt, es will nicht nackt sein und nicht Plumpssack spielen. Danach treffen sie eine andere nackte Gruppe, Jungen, im Treppenhaus. Das Kind schämt sich und möchte weglaufen. Die Erzieherinnen lachen sie aus. 

In diesem Heim hat das Kind oft Angst, schämt sich, leidet und ist auf der Hut, dass es nur ja nicht bestraft wird. Eins aber macht sie nie: an die Eltern denken oder an Zuhause. Das Kind hat vergessen, dass es Eltern hat. Keine Sehnsucht, kein Gedanke, kein Brief, kein Telefon, keine Eltern. Der Alltag ist jede Minute ausgefüllt mit Angst, die Tanten schreiben die Karten nach Hause, sie kommt nicht mal allein in den Raum, wo die Karten liegen und kann ja auch noch gar nicht schreiben. 

Sie lernen dort Lieder: „Wildgänse rauschen durch die Nacht mit schrillem Schrei nach Norden, und stete Fahrt hab Acht, hab Acht, die Welt ist voller Morden…“

Als das Kind acht Jahre alt ist, sagt die Mutter, der Arzt hätte wieder gesagt, es müsse ins Heim. Das Kind schreit: „Nein! Ich gehe nie wieder! Das war ein Folterheim! Ich will nicht nochmal dahin!“ Die Mutter sagt, es ginge nicht anders, der Doktor hätte es verordnet, sie müsse. Das Kind nennt es nochmal Folterheim, es will nicht, diesmal schon schreiend und in Tränen. „Du schreibst uns einfach!“, sagt die Mutter. „Du weißt es nicht“, weint die Tochter, „aber die lassen einen da nicht schreiben!“ „Dann machen wir etwas aus, ein Geheimzeichen. Wir tun, als ob wir über Wolken reden, aber fragen dich, wie es dir geht“. Das findet das Kind blödsinnig. „Nein“, schreit das Kind weiterhin, „ich will nicht!“ Und am Tag vor der Reise hat sie Bauchschmerzen, muss sich übergeben, weint nachts in ihrem Bett. Ich will nicht! Sie sagt auch dem Vater, dass sie da nicht hin will. Er sagt auch, sie würden ein Geheimzeichen ausmachen: Wenn es ihr dort nicht gut ginge, solle sie schreiben: ‚Die Wolken sind schlecht’ und wenn es ihr gut ginge, ‚Die Wolken sind gut.“ Das Kind weiß, dass das nicht helfen wird. Sie weint. Sie ist auch wütend.

Das Heim ist im Teutoburger Wald, bei Bielefeld. Den ersten Teil der Strecke darf sie mit einem Bekannten fahren, da sie solche Angst hat, erst dann steigt sie in den Bus dazu. Das muss schon unangenehm aufgefallen sein, die braucht wohl eine Extrawurst, denkt die Erzieherin, verwöhntes Püppchen. Auf dem Weg dorthin verstärken sich die Bauchschmerzen bis zum Würgereiz. Kaum ist sie im Heim, muss sie quer über den Fußboden spucken. Bitter beißt ihr das Erbrochene im Hals, treibt ihr Tränen in die Augen, lässt sie sich schwach und krank fühlen. Da kommt die Erzieherin, Tante Anneliese, auf sie zu und knallt ihr vor allen Kindern eine deftige Ohrfeige ins Gesicht. Schamesröte schießt in ihr hoch und überdeckt den Schmerz. Tante Anneliese steht drohend über ihr, schreit sie an: „Was ist denn das für eine Sauerei? Das machst du sofort weg! Da haben wir ja eine, die hier falsch ist, die gehört wohl nach da unten, zu den Zweijährigen.“ Und mit diesen Worten zeigt sie zur Tür und befielt ihr, einen Lappen zu holen um aufzuwischen. Das Kind fühlt nichts mehr, nur Scham, die anderen Kinder sind still und schauen es an. Tränen der Demütigung laufen dem Kind über die Wangen. Tante Anneliese ruft: „Du kriegst kein Abendbrot, ab ins Bett, kleine Kinder müssen viel schlafen!“ Danach bringt Tante Anneliese sie in den Schlafsaal. Das Kind fühlt sich vernichtet. Nun steht sie als die Schwächlichste und Dümmste da, zitternd liegt sie unter dem fremden weißen Laken in dem Bett, dass ihr die Tante zugewiesen hat, und lauscht angstvoll auf alle Geräusche. Sie hat Angst, dass Tante Anneliese wiederkommt und weitere Beleidigungen ausstößt, sie hat Angst vor allem. Und damit sie nicht weinen muss, macht sie sich ganz steif und starr und schaut dann lange in den Baum vor dem Fenster, wo die Vögel singen. Und sie vergisst, wer sie war, woher sie kam, von wem sie sich Hilfe holen könnte, vergisst alles und lebt nur noch mit der lauernden Angst.

Nach dem Mittagessen müssen die Kinder schlafen. Die lesen können, dürfen in die Bibliothek und sich Bücher ausleihen. Das Kind nicht. Tante Anneliese hat es verboten, denn das Kind habe sich wie ein Baby verhalten, dann müsse es auch wie ein Baby behandelt werden. Sie wird also für die ganze Zeit des Aufenthalts, es sind acht Wochen, vom mittäglichen Bibliotheksbesuch ausgeschlossen, dabei liebt das Kind Bücher über alles. „Ich kann schon lesen!“, widerspricht sie. Das reizt Tante Anneliese noch mehr: „Auch noch widersprechen! Na warte!“ Das Kind macht noch einen Anlauf: „Ich bin schon acht!“, ruft sie. „Eben“, lacht Tante Anneliese, „und noch solch ein kleines Baby!“

Jeden Nachmittag fragt das Kind die anderen Kinder und fleht speziell seine Bettnachbarin an: „Gibst du mir eins von deinen Büchern, nur zum Anschauen?“ Doch die traut sich nicht. Sie hat auch Angst. Nur sehr selten und ganz kurz mal darf sie einen Blick in eines der Bücher hineinwerfen. Dabei ängstliches Zur-Tür-Schauen. Hektik. Keine Zeit, in Ruhe zu lesen.

Sie bekommt Post. Die Mutter schreibt auf einer Karte komische Dinge: „Wie sind denn da die Wolken?“ Das Kind hat das Geheimzeichen vergessen. Was schreibt sie so komisch, fragt es sich.

Die Tante läuft im Schreibraum herum und sieht jedem über die Schulter. „Du kommst nicht hinein“, ruft sie dem Kind zu. „Warum nicht?“ „Weil Babys nicht schreiben können.“ „Aber ich kann es doch“, ruft das Kind! „Willst mir wohl widersprechen, was!“ Die Tante lacht hart. „Na warte!“ Das Kind geht wieder hinter die braune Holzschwingtür zurück, muss als Einzige der ganzen Gruppe draußen auf dem Flur stehen bleiben, während die anderen im Schreibraum an ihre Eltern schreiben.

Erst am Ende der Stunde darf sie kurz mal reinkommen. Tante Anneliese legt ihr eine fertig geschriebene Karte hin und sagt: „Hier, das habe ich an deine Eltern geschrieben.“ Eine Karte, auf der das Kind die Worte „Es geht ihr gut!“ erkennen kann. Das habe ich gewusst, denkt das Kind, genau das habe ich gewusst, dass es hier so sein würde. Sie soll ihren Namen darunter setzen. Das Kind will nicht, weigert sich. Die Tante lacht: „Ich dachte, du kannst schreiben!“ Da nimmt das Kind den Stift und tut es doch. Die Buchstaben schreibt sie absichtlich schlecht, vielleicht können sie daraus was lesen, denkt sie sich. „Siehst du“, sagt Tante Anneliese, „du kannst noch gar nicht schreiben!“

Einmal schleicht das Kind sich heimlich in den Schreibraum und schnappt sich eine Karte, sieht sich schon schreiben: „Holt mich hier weg, es ist schrecklich, holt mich ab!“, doch plötzlich steht hinter dem Kind schon die Tante und blitzt sie giftig an. Das Kind hat große Angst und weiß nicht, was es sagen soll, blickt auf die leere Karte. Die Tante grinst: „Na? Möchtest du nichts schreiben? Du kannst es doch so gut, zeig mir mal, wie du es kannst!“ Dann nimmt sie mit einem Ruck dem Kind die Karte aus der Hand, beschreibt sie selbst und gibt sie ihm zur Unterschrift zurück. Und wieder schreibt das Kind seinen Namen darunter, wie sehr wünscht es sich, die Mutter möge in den wenigen Buchstaben erkennen, wie schlecht es ihr geht.

Abends muss das Licht sofort ausgemacht werden. Keiner darf reden, keiner darf lesen. Die Kinder sind noch nicht müde, also flüstern sie miteinander. Manchmal lachen sie auch oder kommen ins Albern. Sie strengen sich an, leise zu sein, aber gerade deshalb sind sie zu laut. Da wird die Tür aufgerissen, das Licht geht an, die Tante schnaubt vor Wut: „Was ist denn hier noch los?“ Die Kinder erstarren mitten in ihren Bewegungen. Sie schließen die Augen und stellen sich schlafend. So wie sie gerade sind, verharren sie, ob sie mit ihren Nachbarinnen gesprochen oder im Bett getobt haben, sie bleiben stehen, wie sie waren. Ein Mädchen erstarrt mit hochgehaltenen Füßen. Die Tante lacht. Das Mädchen wird rausgesetzt. Das ist noch die geringste Strafe, aber die Kinder zittern davor, rausgesetzt zu werden. 

Einmal passiert es auch ihr. Eine Tante kommt rein, schreit sie an, zerrt sie hoch, wirft sie auf einen vor der Tür stehenden Stuhl, gibt ihr eine graue Soldatendecke. Nun ist es soweit, denkt das Kind, sein Herz klopft. Sie hat unbeschreibliche Angst davor, dass Tante Anneliese sie entdecken könnte. Still sitzt sie auf ihrem Stuhl im kalten Flur. Niemand kommt. Es ist dunkel. Das Kind ist allein mit sich und seiner Angst unter der kratzigen Decke. Der Flur ist hoch und lang. Die Geräusche hallen von den Wänden zurück, das Kind hört das Tropfen eines Wasserhahns aus dem Bad. Dahinein wäre es noch schlimmer gewesen, tröstet sie sich. 

Mach, dass Tante Anneliese nicht kommt und mich sieht, mach, dass sie nicht kommt und mich sieht!, betet das Kind zu einem imaginären Gott. 

Tante Anneliese lässt zu jeder Gelegenheit ihren Hass und ihre Häme an dem Kind aus. Sie hält es für ganz besonders verzogen, verwöhnt, dazu hinterhältig und widerständig. Das muss ausgetrieben werden. „Immer muss sie das letzte Wort haben. Aber das werden wir ihr schon austreiben“, sagt sie, „da sind wir schon mit Schlimmerem fertig geworden. Leider haben wir ja nicht mehr die Mittel, früher, da wäre es ein Leichtes gewesen, sich von „Solchen“ zu trennen. Man muss ihnen Lehren erteilen, dass die sehen, dass sowas nicht durchkommt.“ 

Nachts. Das Kind muss auf Klo. Aber sie dürfen nur bei Rotlicht auf Klo. Das Rotlicht wird aber erst irgendwann mitten in der Nacht eingeschaltet. Woher sollen wir wissen, wann Rotlicht ist?, fragt sich das Kind. Vor Angst muss sie noch dringender. Den anderen geht es genauso. Nachmittags dürfen sie auch nicht aufs Klo gehen. Wieso, fragen sich die Kinder, wenn wir in Betten pinkeln würden, wäre es noch schlimmer. Irgendwann stehen sie auf und bilden ein Spalier, vom Schlafraum bis zur Toilette, da stellen sich die Kinder auf, um Wache zu halten. Eine Schlange von lauter Kindern, eins hinter dem anderen, vom Zimmer bis zur Toilette, die aufpassen, dass keiner kommt. Dann geht einer von ihnen schnell aufs Klo, dann darf das nächste Kind. Die ganze Zeit über schweigen sie. 

 Einmal muss das Kind nach einem Ausflug beim Nachmittagsschlaf schon sehr früh aufs Klo, diesmal wurde wegen dem Ausflug alles dunkel gemacht, alle sollen schlafen. Keiner darf sich Bücher holen. Die Bewachung vor den Zimmern ist schärfer als nachts. Sie erschrickt sich zu Tode, als sie es merkt. Sie spürt, dass sie es nicht schafft, auszuhalten, sie wird es nicht schaffen. Schon krümmt sie sich im Bett zusammen, presst die Beine aneinander, beißt die Zähne zusammen und doch lässt sich der Schmerz einfach nicht aushalten. Dabei ist es noch endlos lange, sie weiß das, denn eben erst sind sie hingelegt worden. Sie flüstert zu ihrer Nachbarn hin, fleht um Hilfe, aber keine Antwort. Sie will die anderen fragen, ob sie das Spalier für sie wagen könnten, aber sie erhält keine Antwort, die anderen trauen sich nicht oder schlafen. Sie stöhnt, sie stopft sich das Kissen in den Mund, Tränen laufen ihr aus den Augen, sie denkt, das ist ungerecht! Ich kann nichts dafür! Und in Wut und unter Schmerz sagt sie sich, dass sie keine Wahl hat, denn wenn sie ins Bett machen würde, wäre das Donnerwetter fürchterlich, würde sie aufstehen und zur Toilette schleichen, ebenso. 

Endlos zieht sich die Zeit, dann endlich kommt eine Tante herein und macht die Vorhänge auf und das Kind darf aufstehen. Aber sie kann nicht mehr, sie wankt und geht sehr langsam, alles tut weh. Später sitzt sie auf dem Klo und weint, weil es noch mehr weh tut. 

Es gibt auch eine Turnhalle. In der Turnstunde sind die Kinder zu laut, Lachen ist auch nicht erlaubt. Das Kind sagt nichts, weil sie die Tante schon gesehen hat. Die Tante kommt direkt auf sie zu. Aber so sehr sie sich auch duckt, es ist schon zu spät. Die Tante holt eine Rolle Leukoplast aus ihrer Tasche, sagt: „Jetzt reicht’s aber“, und klebt dem Kind einen breiten Streifen Leukoplast über den Mund. Die Augen des Kindes weiten sich. Die übrigen Kinder starren sie an. „So“, sagt die Tante, „damit ihr mal seht, was passiert, wenn ihr keine Ruhe geben könnt!“ Ich war doch nicht die Einzige, die geredet hat, denkt das Kind, aber die anderen Kinder lachen jetzt, denn sie sind erleichtert, dass sie davongekommen sind. Langsam geht die Sportstunde weiter, alle sind jetzt ruhiger, schweigen, machen ihre Übungen. Manche zeigen auf das Kind, wie es mit dem Pflaster auf dem Mund da steht. Das Kind versucht, nicht zu weinen. Sie stellt sich vor, wie sie aussieht. Sie schämt sich. Die ganze Stunde, eine endlose Zeit lang, muss das Kind mit dem Pflaster herumlaufen. 

Einmal wird mitten in der Nacht ein Mädchen mitsamt ihrem Bett aus dem Schlafsaal geholt, weil es zu laut ist. Es bleibt die ganze Nacht weg. Die Kinder wissen, was das bedeutet, das Mädchen wird in den Waschraum gebracht. Er ist fensterlos und stockdunkel. Entsetzen erfüllt die Kinder. Sie glauben, dass man es kaum überleben kann, in den Waschraum gebracht zu werden. Aber das Mädchen stirbt nicht. Am nächsten Morgen wird es wieder hereingebracht, mit bleichem Gesicht. Die anderen Kinder wenden sich ängstlich ab. 

Das Kind bekommt Besuch. Ein Onkel Willi kommt mit seiner Frau. Das Kind kennt die beiden nur flüchtig, es sind Verwandte, die irgendwie zufällig vorbeikommen, aber es liebt plötzlich diesen Onkel Willi und seine Frau und freut sich riesig. Sie möchte mit ihnen hinausgehen und nie wieder zurückkehren. Aber die ganze Zeit des Besuchs steht Tante Anneliese daneben und beobachtet das Kind. „Es geht ihr gut“, sagt diese zu Onkel Willi, und redet über dies und das. Das Kind schaut die Tante und den Onkel an und sagt kein Wort. Dann fragen Onkel Willi und seine Frau etwas. Sie sprechen das Kind an. Was soll sie tun? Sie kann nicht antworten, stottert nur, Tante Anneliese unterbricht jeden Satz. Sie lässt die beiden auch nicht in das Haus hinein, nur vor der Tür dürfen sie bleiben.

Da wird das Kind traurig, es weiß jetzt, dass es nicht mitgehen kann. Die Frau von Onkel Willi schenkt dem Kind zum Abschied ein Paket mit Lakritzen. Das Kind strahlt, es liebt Lakritze. Das Kind drückt den Karton an sich und folgt Tante Anneliese ins Haus. In der Küche dreht die Tante sich um, reißt dem Kind den Karton aus der Hand, schüttet die Lakritzen in einen großen Eimer und sagt: „Das ist für alle!“ 

Dem Kind tanzen Sterne vor den Augen. Nie sieht es jemals die Lakritzen aus dem Paket wieder. 

Eines Tages fährt das Kind in einem Zug sitzend in einen Bahnhof ein und sieht dort die Eltern stehen, die wohl gekommen sind, um es abzuholen. Erst in diesem Moment begreift das Kind, dass es ja Eltern hat. Aber sie hat keine Kraft mehr. „Du bist ja ganz grün im Gesicht“, sagt der Vater. Sie fühlt nichts mehr, nur der eine Gedanke ist in ihr: Sie hat Eltern. Sie sind beide gekommen. Sie kann nicht erzählen, wie es ihr ergangen ist, sie schweigt die ganze Rückfahrt bis zur Vogelweide, fällt dann ins Bett und schläft zwei Tage lang. Nie wieder geht sie in ein Heim, das schwört sie sich!

Anja Röhl, 2013, Buchauszug aus „Die Frau meines Vaters“ 

Gekürzt aus etwa 200 Berichten:

      …Durch Zufall bin ich auf diesen Text gestoßen, als ich über das Kinderheim Gutermann in Oberstdorf im Allgäu recherchiert habe, in dem ich im Januar/Februar 1957 für 6 Wochen zu einer Kinderkur war. Damals war ich 6 Jahre alt und wurde mit einem „Kindertransport“ dorthin „verschickt“ Ein halbes Jahr zuvor in 1956 hatte ich sechs Wochen nach meiner Einschulung einen Unfall auf dem Schulhof, bei dem ich mit einem Jungen der achten Klasse beim Spielen zusammengestoßen und auf Rücken und Hinterkopf gefallen bin. Danach hatte ich eine schwere Gehirnerschütterung und war über eine Stunde bewusstlos. Der Krankenhausaufenthalt, der auf den Unfall folgte, hat ebenfalls seine Spuren hinterlassen, die aber nicht vergleichbar sind mit denen aus der Kinderkur. Die behandelnde Kinderärztin war damals der Meinung, dass ich vor meiner erneuten Einschulung in 1957 (ich war nach dem Unfall für ein Jahr vom Unterricht zurückgestellt worden) unbedingt eine Erholungskur machen sollte. Das Kinderheim Gutermann war meinem Vater von der DAK als ein sehr gutes Haus empfohlen worden. Ich weiß noch genau, dass ich mich auf eine Zeit gefreut habe, mit anderen Kindern zusammen zu spielen und Schlitten zu fahren. Meine Mutter kaufte mir schöne neue Sachen zum Anziehen Es gab eine Liste, was alles mitgebracht werden sollte. In die Kleidungsstücke wurden Schilder mit meinem Namen eingenäht. An alles was danach kam, sind meine Erinnerungen nur noch lückenhaft. Ich erinnere mich an einen Speisesaal, in dem eine bedrückende, angstvolle Atmosphäre herrschte. Morgens gab einen Teller Haferschleim ohne Zucker, voll bis zum äußersten Rand, und anschließend noch ein unverhältnismäßig dickes Brot mit Marmelade. Man musste sitzenbleiben bis alles aufgegessen war. Die zugeteilte Menge war viel zu viel für einen kleinen Kindermagen und man musste über das „Sattsein“ hinaus weiteressen. Einmal hat ein Junge am Tisch erbrochen. Er bekam dann das gleiche Essen nochmal vorgesetzt und musste es aufessen. Der Kurerfolg wurde damals an der Gewichtszunahme gemessen. Ich wurde nach ein paar Tagen krank und bekam Windpocken. Man war ärgerlich auf mich und ließ mich das spüren, weil ich aufgrund der Ansteckungszeit, die Krankheit angeblich „von zu Hause mitgebracht haben musste“. Ich fühlte mich schuldig. Weil ich ansteckend war, brachte man mich in einer Dachkammer unter, zusammen mit einem anderen Mädchen, was Masern hatte. Als meine Windpocken vorüber waren, bekam ich anschließend die Masern und das andere Mädchen die Windpocken. Ich habe von den sechs Wochen Kinderkur vier Wochen in der Dachkammer im Bett liegend verbracht, ohne Kontakt zu anderen. Wie ich diese Zeit überstanden habe, weiß ich bis heute nicht. Ich habe auch absolut keine Erinnerung daran, was ich die ganze Zeit über gemacht habe. Das einzige, an das ich mich erinnere, ist der Platz im Zimmer, wo mein Bett stand, in dieser Dachkammer, wo das Fenster schräg und klein war, aus dem ich den anderen Kindern beim Schlittenfahren vor dem Hause manchmal zuschauen konnte. Einigen von ihnen hatte man meine neuen Kleider, die ich noch nie angehabt hatte, angezogen, weil sie nicht so viel mitgebracht hatten und ich die Kleider ja nicht brauchte, weil ich ja im Bett liegen musste, wie man mir erklärte. Meinen Eltern hatte man zwar gesagt, dass ich krank sei und im Bett liege, aber dass es mir gut gehe. Meine Mutter schickte daraufhin ein Paket an mich mit Süßigkeiten und meiner Lieblingspuppe. Dieses Paket habe ich nie bekommen. Meine Puppe haben sie mir auch nicht gegeben, die habe ich im Spielzimmer gefunden, als ich wieder aufstehen durfte. Mit der hatten inzwischen andere Kinder gespielt. Ich erinnere mich auch noch daran, dass man uns bei der Ankunft im Kinderheim mitgeteilt hatte, dass wenn jemand ganz großes Heimweh bekäme, er sich melden könne und dann nach Hause dürfe. Ich bin in dieser Zeit vor Heimweh fast umgekommen und als ich es nicht mehr aushalten konnte, habe ich mich gemeldet, in der Hoffnung, wie versprochen, nach Hause zu dürfen. Aber da wollte man von diesem Versprechen nichts mehr wissen. So habe ich das Vertrauen in die Zusagen von anderen Menschen verloren. Einen Satz von damals habe ich nie vergessen, er hat sich mir bis heute eingebrannt. Wir wurden regelmäßig gewogen und da ich aufgrund meiner langen Krankheit trotz des vielen Essens in der ganzen Zeit nur ein Pfund zugenommen hatte, bekam ich gesagt, dass wenn ich nicht mehr zunehmen würde, ich nie mehr nach Hause dürfte. Mit schnürt sich der Hals zu, wenn ich an diesen Satz denke. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, mein Zuhause jemals wiederzusehen. Am Ende bin ich schließlich dann doch wieder nach Hause gekommen, allerdings als ein anderer Mensch. Meine Eltern waren entsetzt, welches Kind da aus dem Zug stieg. Zu den Krankheiten, von denen sie bereits wussten, hatte ich noch drei verbundene Finger, die sich, wodurch auch immer, entzündet hatten. Vielleicht hatte ich sie mir selbst zerbissen? Meine Eltern waren entsetzt, als sie die dicken Brotscheiben sahen, die man uns als Proviant für die nächtliche Zugrückfahrt mitgegeben hatte und konnten kaum glauben, dass wir diese immer essen mussten. Ich weiß, dass mein Vater sich bei der DAK nach meiner Rückkehr über dieses Heim beschwert hat. Die Folgen dieser 6-wöchigen Kinderkur haben mich ein Leben lang begleitet und mein Leben sehr eingeschränkt. Ich bin inzwischen selbst Traumatherapeutin mit einer eigenen Praxis und habe viel über Trauma gelernt und geforscht, um den Ungereimtheiten meines Lebens auf die Spur zu kommen und ich weiß inzwischen, dass vieles davon seinen Ursprung in den damaligen Erlebnissen hat. 2019

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Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich überhaupt über diese Erlebnisse gesprochen habe. Nach der Rückkehr in mein Leben habe ich alles abgeschüttelt. Ich werde nie vergessen, wie entsetzt meine Eltern waren, als mal die Rede darauf kam. Diese Kinderquäler hätten vor Gericht gehört, aber wer weiß, wie die deutsche Justiz damals damit umgegangen wäre. Mich hat es 1966 als Neunjährige nach Weisel verschlagen. Eigentlich sollte ich ans Meer, weil ich „schwache Bronchien“ hatte, aber da war wohl gerade nichts frei, also ab in den Taunus. Zu Fräulein Netz und Schwester Dingens! Ich würde sie heute gern fragen, wie sie sich damals gefühlt haben. Ob es ihnen Spaß gemacht, Kinder zu quälen? Ich erinnere mich deutlich:  Geschlafen wurde in Mehrbettzimmern bei offenen Türen, während Schwester Dingens im Gang auf dem Stuhl saß und beim leisesten Mucks wie eine Furie ins Zimmer schoss. Wurde die Übeltäterin identifiziert, zerrte sie sie ab in den Speisesaal, wo man dann auf der harten Holzbank schlafen musste. Das war nicht nur unbequem, sondern abends auch absolut schaurig. Und jeden Tag morgens und nach dem Mittagsschlaf Betten machen! Ich beherrsche heute noch die Weiseler Methode im Schlaf: Ein  Drittel der Decke quer aufs Bett, den Rest einmal einschlagen und dann überlegen. Und wehe es war auch nur ein Fältchen zu sehen. Das Bettzeug wurde so oft runtergerissen, bis es faltenfrei lag. Das Essen! Am Anreisetag wurden alle mitgebrachten Brote eingesammelt und zum Abendessen gab es dann „Brotpudding“: kleingeschnittene Wurst- und Käsestullen in Vanillepudding! Ich hatte übrigens vergessen, eine Schokoladentafel aus meinem Barmer-Rucksack zu nehmen. Als sie mir abends wieder einfiel, war sie allerdings weg. Die Damen hatten unser Gepäck durchsucht und alles konfisziert, was an Essbarem darin war. Diejenigen Kinder, bei denen sie fündig geworden waren, wurden dann beim ersten Frühstück namentlich als Betrüger gebrandmarkt, die heimlich Süßigkeiten hätten bunkern wollen. Ich habe mich sechs Wochen lang dafür geschämt!  Ansonsten gab es jeden Tag u.a. Salat, der in einer großen Plastikwanne angekarrt wurde, vor Sahne troff und vom Zucker knirschte. Das Geschirr war aus vergammeltem, hellblauem Plastik und alles wurde auf einen Teller geklatscht, so dass die eklige Salatsauce alles andere noch ungenießbarer machte. Beim Gedanken an warme Milch aus einem abgekauten Plastikbecher wird mir heute noch übel. Wir mussten bei jeder Hauptmahlzeit einen Nachschlag nehmen, da der Kurerfolg an der Gewichtszunahme gemessen wurde. Nahm man nicht ausreichend zu, drohten drei Wochen Nachkur, für alle Kinder eine Horroraussicht. Ein Mädchen, Skarlett, mochte keine Schokoladensuppe, die es mehrmals wöchentlich zum Abendbrot gab. Immer wenn sie den Teller fast leer hatte, musste sie sich übergeben. Dann musste sie das Erbrochene aufwischen, bekam eine neue, volle Portion und das Elend begann von vorn. Wenn wir schon längst im Bett lagen, saß sie noch allein im Speisesaal und musste weinend die Pampe runterwürgen.

Bevor wir zu Bett gingen wurden noch die speckigen Mundorgeln ausgepackt und wir sangen Lieder: „Wildgänse rauschen durch die Nacht…“ „Wenn wir erklimmen, schwindelnde Höhen…“ „Aus grauer Städte Mahauern..“ „wir lagen vor Madagaskar…“ und zum Hohn „Kein schöner Land in dieser Zeit…“. Während meines Aufenthalts hatte ich Geburtstag. Meine Mutter hatte mir ein Päckchen mit Süßigkeiten geschickt. Die durfte ich nicht einmal ansehen. Die Sachen wurden zu den Geschenken anderer Kinder in eine große Schüssel geleert und ab und zu durfte sich jedes Kind etwas daraus nehmen. Das nannte sich „Teilen lernen“….  Samstags wurde gruppenweise geduscht – unter Aufsicht des Personals. In den prüden Sechzigern war das für uns pubertierende Mädchen äußerst peinlich. (Ebenso wie die Unsitte, nur mit der Turnhose bekleidet Völkerball zu spielen, und das in gemischten Gruppen. Die Regel galt für alle unter 12.) Nach dem Duschen gab es eine frische Unterhose und dann ging es ab zum Doktor, zum Wiegen. Wer nicht ausreichend zugenommen hatte, bekam Extraportionen und Liegekuren verordnet. Das hieß: nach dem Mittagsschlaf ging es ab auf den Liegestuhl und dann musste man mucksmäuschenstill liegen, statt Sport zu treiben.  Mittagsschlaf kannte ich übrigens gar nicht aus meinem wirklichen Leben. Welches normale Kind mit 9 geht am hellen Tag ins Bett? Ich habe in den 6 Wochen tagsüber nicht eine Sekunde geschlafen! Das Ganze war also eine zweistündige Übung in stummer Bewegungsstarre unter strengster Bewachung.  Wenn wir wenigstens hätten lesen dürfen!!!!  Ich war 6 Wochen auf Entzug. Einzige Lektüre: die Briefe der Eltern, die natürlich vorab geöffnet und von unseren Bewachern gelesen wurden. Überhaupt gab es keinerlei Privatheit. Die Toilettentüren waren nicht abschließbar. Abziehen durften wir nur bei großen Geschäften, ansonsten stand das Pipi im Klo. So kam ich ungewollt zu einem Aufklärungsschreck, als ein Mädchen ihre Periode hatte und sich nicht traute, zu spülen.

Ab und zu gab es eine „Schreibstunde“, in der wir nach Hause schreiben mussten. Wer fertig war, musste seinen Brief bei Fräulein Netz abgeben, die ihn erst einmal las und vor der gesamten Gruppe kommentierte. Ein Junge, der sich über das Essen zu beschweren wagte, bekam die Fetzen seines Briefes zurück und musste von vorn beginnen. Mich hat es besonders schwer erwischt. In einem Anfall von Heimweh hatte ich geschrieben, ich wolle in Zukunft ganz lieb zu meinem kleinen Bruder sein. Die Häme, die da über mich ausgekippt wurde, war schlimmer als jede Strafe.

Wir mussten für die sechs Wochen zwölf Mark Taschengeld mitnehmen. Das war damals sehr viel Geld, zuhause habe ich damals 30 Pfennig die Woche bekommen. Und wofür ging die Kohle in der Kur drauf? Wir mussten das Geld abgeben und bekamen dafür Briefmarken und Ansichtskarten vom Heim. Ansonsten konnten wir kein Geld ausgeben, wir hatten ja gar keinen Kontakt zur Außenwelt. Also blieb noch jede Menge übrig. Das wurde uns dann am letzten Tag aus der Tasche gezogen, als es eine regelrechte Verkaufsschau gab: Holzscheiben mit den Aufschriften „Vater ist der Beste“, Pinnekes, umhäkelte Taschentücher mit dem Schriftzug „Gruß aus St. Goarshausen“ und ähnlicher Plunder wurde uns angedreht, und zwar so lange, bis unser Taschengeld komplett aufgebraucht war. „Du willst deinem Papa nichts mitbringen? Da ist er aber traurig…er denkt dann, du hast ihn nicht lieb wenn du ihm kein Andenken mitbringst!“ Ich weiß noch genau, dass diese blöde Scheibe für meinen Vater drei Mark gekostet hat, so viel Geld hatte ich vorher noch nie auf einmal ausgegeben. (Und das Ding verschandelte dann noch jahrelang unsere Küche!)

Das Geld war also weg, aber wenigstens bekamen wir unseren Privatbesitz zurück, bevor wir nach Hause fahren durften. Ich frage mich gerade, warum sie uns wohl die Uhren abgenommen hatten? Jedenfalls ging die Rückgabe auch nicht ohne Häme ab, bei meiner Uhr fragten sie: „Wem gehört denn dieser hässliche Wecker?“   Jedes noch so kleine „Fehlverhalten“ wurde mit dem Hinweis kommentiert, das käme alles in den „Bericht“. Angeblich würde Fräulein Netz über jedes Kind einen Führungsbericht an die Krankenkasse schicken und bei besonders schlimmen Kindern müssten die Eltern dann nachträglich die kompletten Kosten für die Kur übernehmen. Das gelte im Übrigen auch, wenn sich jemand über die tolle Kur zu beschweren wage. Für Arbeiterkinder aus dem Ruhrgebiet eine schwerwiegende Drohung! Noch Wochen nach der Kur habe ich nächtelang wachgelegen und vor Angst gebibbert, dass am nächsten Tag der böse Brief der Barmer kommen würde. Und das, obwohl und gerade weil ich damals ein sehr liebes, angepasstes kleines Mädchen war.  Die Kur war übrigens aus Sicht der Barmer ein voller Erfolg. Als Hungerhaken gestartet, kam ich nach sechs Wochen als Mops zurück. Meine Mutter, die mir vor der Kur noch jede Menge neuer Kleider genäht hatte, brach in Tränen aus, als ich aus dem Zug kletterte und das schöne neue Dirndl komplett gesprengt hatte. Seitdem habe ich übrigens nie wieder Normalgewicht gehabt!

Ob es nur die Drohung des sadistischen Personals war oder die Erleichterung, diese schreckliche Zeit überstanden zu haben – ich habe jedenfalls als Kind nie von den Zuständen im Heim erzählt. Erst später, als wir schon längst erwachsen waren, hat sich im Gespräch mit anderen herausgestellt, dass es denen genauso ergangen ist. Das Ganze liegt fast 50 Jahre zurück und hat „nur“ sechs Wochen gedauert. Wie werden sich Menschen fühlen, die jahrelang unter vergleichbaren Umständen traktiert wurden? 2019  

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Ich habe schlimme Erinnerungen an meine „Verschickung“. Das war 1962, ich war 6 Jahre und wurde nach Bad Sooden-Allendorf „verschickt“, weil ich für die Einschulung zu schmächtig schien.
Viele Erinnerungen habe ich nicht, es sind nur schlechte. Ich kam nach den furchtbaren 6 Wochen mit beidseitiger Niererenbeckenentzündung und über 40 Grad Fieber zurück nach Hause. Meine Mutter hatte mir viele gesondert markierte warme Kleidungsstücke mitgegeben – es war zur Winterszeit. Meine warme Kleidung wurde anderen Kindern angezogen, ich habe immer gefroren, das weiß ich noch genau. Die Nächte im riesengroßen Schlafsaal – Mädchen und Jungen in einem Raum – waren schlimm. Wir Kinder durften nicht auf die Toilette gehen, sondern mussten „Pinkeltöpfe“ benutzen, die in der Mitte des Saals standen. Die waren natürlich schnell voll und ich habe mich geekelt, mich darauf zu setzen..Die Schwestern waren Drachen – so habe ich es damals empfunden – die haben uns geschlagen, wenn sie uns dabei erwischt haben, wenn wir uns doch auf die Toiletten geschlichen hatten.  Viele Kinder hatten großes Heimweh und haben viel geweint. Ich auch, war aber meistens in mich gekehrt. Ich weiß auch noch, dass ich zwei Postkarten nach Hause schicken durfte. Die wurden von den Schwestern geschrieben. Ansonsten war jeder Kontakt untersagt. Ach ja, und dann waren da noch die Spaziergänge auf steilen vereisten Waldwegen. Ich bin andauernd hingefallen und war dann pitschnass. Wenn ich heute über den Aufenthalt dort nachdenke oder erzähle, bekomme ich eine Riesenwut. Das Trauma ist immer noch in mir. Ich möchte mir gar nicht erst vorstellen, was Kinder durchgemacht haben, die in solchen Heimen aufgewachsen sind und dann auch noch sexuell missbraucht wurden. 2019

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Ich war kurz vor der Einschulung, Frühjahr 1971, zum ersten Mal auf Verschickung. Mein von mir sehr stark geliebter Opa (ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen) war gerade verstorben, da bin ich für 6 Wochen nach St. Peter-Ording verschickt worden. Mein älterer Bruder war auch dabei, aber ich habe ihn kaum gesehen in der Zeit. Ich kann mich wie heute daran erinnern, wie es dort gerochen hat. Wenn man von draußen rein kam, musste man irgendwie mit den schmutzigen Schuhen durch eine Art Keller. Es roch noch Schuhcreme, Bohnerwachs, Hagebuttentee und Puddingsuppe.  Den Schlafsaal, in dem unzählige Betten standen (meins war auf den linken Seite, ziemlich dicht an der Tür) habe ich noch vor Augen. Das Zimmer durfte man nach 18:00 Uhr und in der Mittagsschlafzeit nicht verlassen. Auch nicht, um auf die Toilette zu gehen. Ich musste einmal, die Strafe folgte. Geduscht oder gebadet wurde einmal die Woche, die Unterwäsche durfte nur danach gewechselt werden. Ich sehe auch noch den Kiosk vor mir, wo man von seinem kleinen Taschengeld was zu Naschen kaufen konnte.  Die anderen Kinder haben von zu Hause Pakete bekommen – für mich war nie was dabei. Ich hatte unendlich Heimweh und dachte, ich müsse für immer da bleiben. Selten war man mit der Gruppe draußen an der frischen Luft, nur an den Wandertagen. Zu zweit in Reih und Glied in den Ort.  Die Zeit an der Nordsee habe ich nur als Albtraum in Erinnerung. Ich wurde ein paar Jahre später nochmal verschickt – nach Braunlage. 2019

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Meine Erholung bestand daraus 6 Wochen in der Ecke vom Speisesaal zustehen, weil ich nicht Milchreis und co essen wollte. Einmal in der Woche war Wiegetag, was ein Horror für „alle“ Kinder war. Wehe man hat nicht zugenommen oder ab….!  Zur Bestrafung wegen Bettnässen oder Laufen auf dem Gang waren Nächte auf einer Holztruhe zu verbringen. 2019

Ich bin 1968 im Alter von knapp fünf Jahren für sechs Wochen „verschickt“ worden. Es war das Kindererholungsheim im Cuxhavener Stadtteil Duhnen. Die Erinnerungen sind sehr bruchstückhaft, um so mehr sind die wenigen Bilder ins Gedächtnis eingebrannt.  Leider war ich ziemlich zu Beginn an den Windpocken erkannt – das wurde hier in den Kommentaren ja schon mehrfach geschildert … Bei mir hat die Genesung offenbar recht lange gedauert, genaues weiß ich nicht mehr; gefühlt war ich drei von den sechs Wochen krank. Ich erinnere mich sehr deutlich an eine Wanderung mit der Gruppe: Nach meiner Genesung ging es auf dem Deich an der Küste entlang. Ich muss wohl noch recht geschwächt gewesen sein, so dass ich bei starken Gegenwind nicht mithalten konnte. Hilfe oder Trost erhielt ich nicht, im Gegenteil: Ich wurde von den Betreuerinnen ungeduldig ermahnt, mich nicht so anzustellen. Ich konnte nur mit größter Anstrengung ein Bein vors andere setzen, so sehr ich mich auch gegen den Wind stemmte, und kämpfte verzweifelt darum, nicht den Anschluss zur Gruppe zu verlieren. Schöner Stoff für wiederkehrende Alpträume Die zweite Szene: Wir Kleinen mussten Mittagsschlaf halten, ob wir wollten oder nicht. Der Schlafsaal mit vielen Stahlrohrbetten war nur vereinzelt belegt. Unter meinem Bett wurde menschlicher Kot gefunden, und ich als vermeintlicher Verursacher (sprich: zu Unrecht beschuldigter) bekam Handfeger und Schaufel in die Hand gedrückt. Vor allen Kindern musste ich unters Bett kriechen und die Kackwurst beseitigen. Dass ich dies als ungerecht und zutiefst entwürdigend empfunden habe, muss ich wohl nicht betonen. Die dritte und letzte Szene: Meine Mutter holt mich am Hamburger Hauptbahnhof ab. Ich freue mich, dass sie meine Lieblingsspeise vorbereitet hat. Als meine Mutter ein paar Jahre später mir gegenüber äußerte, eventuell auch meine kleinen Brüder „verschicken“ zu wollen, soll ich ernst und bestimmt gesagt haben: „Tu das nicht, Mami. Tut – das – nicht!“ Meine Eltern waren beeindruckt und haben meinen Rat befolgt.Ich bin interessiert an einem Berliner Vorbereitungstreffen teilzunehmen. 2019

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Ich bin selbst Betroffener und kann nur sagen, danach war alles anders!  Keine Ahnung, ob ich 4 od. 5 Jahre alt war. Ich habe an diese Zeit keine Erinnerungen mehr, ausser der Zugabfahrt am Bahnhof Düsseldorf und meinen Teddybären.   Danach, 6 Wochen später, war alles weg. Mein Teddy, meine Unversehrtheit, mein Vertrauen. Mein Selbst hatte sich gravierend verändert.  Ein schreckliches Trauma! 2019

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Ich erinnere mich noch mit Schrecken das Kinderheim in Plön. Ich war das erste Mal 1962 dort mit 6 Jahren. Für ganze 6 Wochen. Ich habe besonders die Einsamkeit in Erinnerung. Auch gab es „Essen als Strafe“ – alles was ich damals essen musste (Milchsuppe, Milchreis, Rosinen u.v.m.)  Viele andere Kinder bekamen Pakete von Zuhause – ich leider nicht. Ich dachte als kleines Kind, ich komme nie wieder nach Hause. Einmal waren meine Eltern zu Besuch und erzählten mir, dass sie in der Zeit im Urlaub gewesen wären und meine Klagen über das gezwungene Essen konnten sie auch nicht verstehen. Zuhause musste ich auch essen was auf den Tisch kam, schrecklich. Im Alter von 14 Jahren war ich übrigens noch einmal dort, es war alles noch genauso schlimm. Um allem zu entgehen, bin ich mit 17 Jahren Zuhause ausgezogen, eine Befreiung. 2019

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Eines abends wurde ich in Hamburg in einen Zug mit vielen, vielen anderen Kindern gesetzt und musste sitzend durch die Nacht fahren. Das war, als ich  8-Jahre alt war, um Ostern 1966 herum, für 6 Wochen. Das „Heim“ war in Berchtesgaden, irgendwo am Fuß des Jenners. An den Namen kann ich mich nicht erinnern, aber sehr wohl an die Namen der beiden Häuser, in denen wir untergebracht waren: Haus „Sonnenschein“ und Haus „Fröhliche Wiederkehr“. Ich glaube, man konnte vom Grundstück aus auf die Talstation der Jennerbahn sehen. Ich erinnere, wie so viele andere, absolut ungeniessbares Essen, sich erbrechende Kinder, hundsgemeine Straf- und Mobbingaktionen der „Tanten“, riesige Schlafsäle mit 12 und mehr Betten und ältere Kinder, die uns jüngere drangsalierten. Es gab nur eine einzige Jungentoilette und ich weiß noch, wie unerträglich es war, beim abendlich befohlenen Toilettengang in einer langen Schlange zu warten, um dann in diesen unerträglichen Abort zu müssen…Schon bei der Ankunft wurde ich von einer „Tante“ vor den anderen Kindern lächerlich gemacht, weil sie beim Auspacken des Koffers meinen geerbten, schon reichlich abgeliebten Steiff-Teddy fand und ihn mir unter dem Gejohle der Älteren wegnahm, weil ich doch schon viel zu alt für so etwas wäre. Oder ob ich ein Mädchen werden wollte? Ich sah ihn nie wieder. Auch erinnere ich mich, dass wir zweimal fotografiert wurden. Es gab dort zwei Ponys, „Peter“ und „Freya“. Jeder von uns wurde einmal draufgesetzt, musste fröhlich winken und musste dann sofort wieder absteigen. Das zweite Foto entstand auf dem Schneefeld. Einmal auf den Schlitten setzen, fröhlich winken und wieder absteigen.  Ein „Betragen-Zeugnis“, dass wir mit nach Hause brachten, ist leider nicht erhalten, ich nenne dieses Heim nur: Kleine Kinderhölle in Berchtesgaden/Königsee. 2018 

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Ich hatte schon länger das Gefühl, bei mir ist seelisch was im Argen, auf der Strecke geblieben, oder liegt im Mantel eines Traumas in mir verborgen und will nach Hilfe schreien…ich habe endlich meinen Vater danach befragt, zunächst wohin es damals ging und wie lange, wie alt ich war und so fort…erschreckend mit welcher Gleichgültigkeit er meine Bedenken aufgenommen hat, bezüglich der Folgen und Erinnerungen diese „Erholungsaufenthalte“ betreffend, wie sie genannt wurden….also finde ich hier offensichtlich Gleichgesinnte, denen diese Wochen weg von zuhause mehr als zugesetzt haben…sie haben uns verändert, uns unserer naiven (gutgläubigen) Seite beraubt, uns ins Unbekannte gestoßen und Angst in uns gesät, auf jeden Fall große Vorsicht oder auch Misstrauen, haben uns den Glauben an die Liebe genommen, die wir als schutzlose Wesen ersehnten und so dringend damals gebraucht hätten… 2018:

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Seltsam, diese Seite zu finden. Ich habe gar nicht bewusst danach gesucht und dennoch wüsste ich nur zu gern, was das für ein merkwürdiges Heim war, in dem ich … vielleicht 1966 (?) für einige Wochen war. Mein kleiner Bruder war gerade geboren und wir Mädchen 3 (ich) + 4 (meine Schwester) hatten Keuchhusten. An die See! Reizklima! so hieß es. Was es für die Gesundheit wirklich bedeutete und ob es wirklich die Heilung beschleunigte, weiß niemand.  Was es für die Seele eines kleinen Kindes bedeutete, das wissen nur die Kinder selbst. Irgendwie hat man das überlebt, aber die Gedanken an eine kalte, unfreundliche Zeit, bleiben für immer. Es war Winter oder Herbst. Meine Gefühle waren die einer großen Ungerechtigkeit uns weg zu schicken, genährt durch viele kleine Ungerechtigkeiten im Umgang mit den Kindern. Dazu kam Einsamkeit und Heimweh… und natürlich auch Angst. Meine Schwester und ich wurden getrennt. Ich weinte nach ihr, aber die „Tanten“ waren unbarmherzig. Wir waren in einem langen Schlafsaal mit Betten, die nebeneinander standen. Man kam durch einen Aufenthalts- und Speisesaal hinein. Rechts neben der Tür war eine Toilette. Altbau mit hohen Decken. Einmal musste ich nachts auf diese Toilette und zur Strafe wurde ich dort eingesperrt. Die Tante warf mir aber noch meine Bettdecke hinein. Mit dieser verkroch ich mich auf die Fensterbank, schaute in den Nachthimmel und sagte lauthals „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen“. Bis sie mich entnervt befreiten. Aber nicht ohne „Klaps“ auf den Hintern. In einer der folgenden Nächte passierte mir das wieder und – statt mich auf die Toilette zu schleichen – machte ich der Nachbarin in die Hausschuhe. Sie hieß Maibritt. Daran erinnere ich mich gut, weil ich den Namen vorher noch nie gehört hatte und immer dachte, sie hieße „Mai-Brett“, was mir Kopfzerbrechen bereitete. 

Der Alltag war streng durchorganisiert. Es gab auch die täglichen kalten Duschen zum Abhärten, was ich als Folter empfand und immer noch so empfinde. Etwas leichter wurde es, wenn ein „Onkel“ da war, der mit uns spielte. Ich lernte Elefanten aus Knete zu machen. Und wir bauten einen Drachen. Bei einem Spaziergang sahen wir einen toten Kugelfisch. Dieser junge Mann war irgendwie freundlicher, als die Anderen. Dennoch blieb der Trennungschmerz. Zu wissen, dass meine Schwester auf der anderen Seite des Saales war. Einmal trafen wir uns kurz und meine Schwester flüsterte mir zu, ich solle krank werden. Das tat ich dann. War nicht so schwer, weil wir sowieso nicht ganz gesund waren. So kam ich auf die Krankenstation im Souterrain. Dort war es dann besser. Nette Menschen, leckeres Essen, viel Pudding…und meine Schwester … Da blieben wir, meinem Gefühl nach, bis zum Ende dieses Aufenthaltes am Meer, bei dem ich vielleicht ein- oder zweimal das Meer sah. 2018

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Bis zu meinem 6. Lebensjahr war ich dreimal bei so einer Verschickung. Immer mit meinem Bruder. An das erste Mal in der Nähe von Daun in der Eifel (vermutlich Burg Seinsfeld). Ich war zwischen zwei und drei. Mein Bruder ein Jahr älter. Beim zweiten Mal, da war ich vier Jahre alt,  wurden wir für 6 Wochen nach Borkum geschickt. Als ich nach 6 Tagen meinen Bruder fragte, ob wir nun nach Hause können, erklärte er mir erst, was 6 Wochen bedeuten. Ich konnte nichts anderes tun als warten. Ich kann mich erinnern, dass ich die Nummer 15 war. Kamm Nummer 15, Mütze Nummer 15, Platz im Speisesaal Nummer 15, …. Einmal wollte man uns eine Freude machen und kündigte freudig eine Feier mit einem Clown an. Wir saßen steif im Speisesaal an unserem Tisch wie immer, hatten einen kleinen Kuchen und dann kam der Clown. Aber es war überhaupt keine Freude in dem Saal. Keiner war froh oder hat gelacht. Nachts hat ein Mädchen neben mir öfters ins Bett gemacht. Sie wurde so bloß gestellt, dass wir alle Angst bekamen, ebenfalls ins Bett zu machen. Möglicherweise waren einige Erzieherinnen nett und haben sich Mühe gegeben. Aber die Stimmung, das Heimweh und die graue Zeit haben alles zunichte gemacht. Ich war immer brav, habe möglicherweise auch immer nur als Beobachterin fungiert, aber ganz sicher habe ich sehr gelitten.  Mein Bruder erzählt, er wurde mal sehr verprügelt, weil er nachts aufgestanden war, um sich ein Taschentuch zu holen. Seine Nase lief. Ich kann bis heute nicht auf die Insel Borkum fahren. Alleine beim Gedanken ich müsste dort hin, kommen mir die Tränen. Ich weiß nicht, was dort war, dass das so ist. Beim dritten Mal, kurz vor meinem 6. Geburtstag wurden wir beide nach Heimenkirch (Herz Jesu-Heim) ins Allgäu geschickt.  Obwohl ich hier älter war, kommt in meiner Erinnerung keine einzige Person vor. Kein Kind, kein Erwachsener. Alles verdrängt. Ich war entsetzt. Wieder für lange Zeit auf mich allein gestellt. Kein Entkommen. Keine Liebe, kein Kuscheln, nichts Vertrautes….. Ich erinnere mich, dass ich einmal alleine draußen stand, die Luft genoss, die Natur war so grün und duftete gut. Alles um mich herum war weg. Nur ich und die Natur. Fasst erlösend. Ich habe meinen Bruder zu Heimenkirch befragt. Auch hier wurde er sehr verprügelt, weil er dem Heimleiter eine Armbanduhr gestohlen hatte. Insgesamt haben diese Verschickungen mich und meinen Bruder sehr geprägt und traumatisiert. Ich selber habe keine Misshandlungen in Erinnerung. Mir reichte das Heimweh, die düstere Stimmung, das Endgültige, das Machtlose. Ich vermute aber auch, dass diese Heime schon lange vorher existiert haben und auch das Personal bzw. die Tanten schon einige Jahre tätig waren und deshalb die Erziehungsmethoden und Vorgehensweisen aus den Kriegsjahren mitgebracht wurden. Wenn ich meine Mutter heute dazu frage, fand sie es sehr nett, dass man Ihr diese Kuren für uns immer genehmigt hat, obwohl wir nichts hatten. 2018

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Ich bin mit 10 Jahren im Herbst/Winter 1961 mit dem Abendzug von Essen nach Dagebüll gefahren u. dort bei Tageslicht mit einem Schiff in Wyk auf Föhr eingetroffen. Da mein Bruder schon vorher in einem Kurheim war und über keine schlimmen Erfahrungen berichten konnte, war ich nicht so mutlos. Fragt man mich nach dem Namen des Kinderkurheimes, fällt mir spontan der Name „Haus Schöneberg“ ein. Aber heute sah ich das Foto der Stiftung Ballin Am Sandwall mit den rot-gelben Backsteinen u. mit den sich nach oben verschlankenden Zinnen und tippe darauf. Haus Schöneberg ist abgerissen u. durch einen Neubau ersetzt.  1993 habe ich vom Hafen Wyk aus in einem Spaziergang sofort das damalige Haus, am Strand gelegen, ohne Zweifel wieder erkannt. Und bin rein, kein Mensch zu sehen und ich sah den dunklen Holzflur, den großen Eßsaal, die breite Holztreppe und das Klassenzimmer unverändert wieder.  Wir hatten keine begleitenden Betreuer*innen, wir waren sozusagen ALLEIN. Es herrschte große Lieblosigkeit, fehlende Zugewandtheit allen Kindern gegenüber. Ein Beispiel ist die damalige Schwester Irmgard mit „Häubchen“, verhärmd aussehend, nie freundlich guckend, nie ein nettes Wort.   Ein primitives „Badezimmer“ mit mehreren, richtig primitiven Waschtischen und immer kalt! Liegestühle und dicke Decken auf einer Liegeterrasse warteten täglich auf uns u. regelmäßige kleine Blutuntersuchungen. Erinnere mich an zwei Schwestern, die so lange vor ihren Brötchen sitzen mussten, bis sich eine erbrach und rumerzählte wurde, sie hätte es wieder aufessen müssen, ohne, dass es jemals von dem Personal dementiert oder erwähnt wurde. Man sprach kaum mit uns, die Kommunikation bestand aus Anweisungen: „die Mädchen hierhin, die Jungen dorthin..“

Ausnahme war eine Betreuerin am Strand, die uns etwas über Sturmfluten erzählte. Einmal bin ich nachts ängstlich auf die Toilette und es gab gleich Schimpfe von der Nachtschwester. Für Kinder endlos wirkende Spaziergänge in Zweierreihe durch Wyk, aber auch Spaziergänge in die umliegenden Kieferwäldchen. In tiefer Erinnerung ist mir ein kleines Mädchen geblieben, die weinend von ihrem Vater auf der Strasse, vor dem Haus, wieder da rausgeholt wurde. 

Meine Mutter schickte mir in einem Paket rote Gummistiefel, ich war im November die einzige Glückliche, die damit ins Wasser gehen durfte. 2018

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Ich war im Harz, Bad Harzburg, Haus Sonnenschein. Ein unerträgliches Martyrium, welches ich mit meinem Bruder getrennt erlebte. Ich war fünf Jahre alt und er drei Jahre älter. Wir durften uns während des Aufenthalts nicht sehen. Strafen waren an der Tagesordnung. Ich kann mich an keine sichere Minute erinnern. 2018

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Ich war auch auf Langeoog. Fragmentarische Erinnerungen an diesen Aufenthalt sind schlimm. Nur ein Beispiel: als ich im Kurheim ankam und 2 „Tanten“ meinen Koffer öffneten, die schöne Kleidung sahen, die meine diesbezüglich begabte Mutter selbst genäht hatte, war mein Schicksal besiegelt. Schikanieren und sanktionieren waren an der Tagesordung. 2018

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Ich war im August/September 1973 als fünfjährige nach Berchtesgaden verschickt worden. Nach den Briefen muss es in Schönau gewesen sein. Das hatte Folgen, die mein Leben bis heute beeinträchtigen. Ich habe viele schlimme Erinnerungen. Ich erinnere mich genau an den Baukörper des Hauses, an einen Metallpilz im Garten, an dem man sich dranhängen und drehen konnte. Und an die Lage des Hauses in der Landschaft, also wo eine Straße war, wo es Bäume gab, wo man Berge sehen konnte, sehe alles vor mir, in welcher Richtung vom Haus es bergauf oder bergab ging…Es gab eine Art „Sportgeräteraum“ in einer Baracke auf dem Grundstück, wo ich mich oft versteckt habe. Man durfte nachts nicht auf die Toilette, was mir zum Verhängnis wurde. Es war grausam. 2018:

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Ich kann meine Erlebnisse nicht aufschreiben, so schrecklich sind sie, ich könnte ggf darüber sprechen. Und da auch nur über einen Teil, denn der Rest ist so entsetzlich, dass ich wahrscheinlich nie darüber reden werde. Außerdem sind noch ca. 8 Jahre fast ganz im Dunkeln verschwunden, denn ich war immer weg, regelmäßig, bis ich 18 Jahre alt war. 2018  

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       …Kurz vor meinem fünften Geburtstag wurden meine Zwillingsschwester und ich im Sommer 1978 nach Norderney ins Seehospitz (von den Insulanern Seeknast genannt) geschickt. Ich hatte Probleme mit der Lunge. Dort waren wir 8 Wochen lang. Meine Schwester wurde mit mir mitverschickt. Es waren die schlimmsten 8 Wochen meines Lebens. Erniedrigungen und Misshandlungen rund herum habe ich in klarster Erinnerung. Wir lagen in einem 4 Bett Zimmer. Die Kinder, die außen lagen, mussten mit dem Gesicht zu Wand schlafen. Die Kinder in der Mitte zu deren Rücken gekehrt. Einmal sammelte die Schwester alle Milchhäute der abgekühlten Milch, aller Kinder, ein und tat sie in meine Tasse. Ich wusste nicht, warum ich diese Strafe bekam, musste mich übergeben, aber alles was da war aufessen. Neben mir wurde ein Junge gefüttert. Die Schwestern quetschten ihm das Gesicht so, dass der Mund offen blieb und stopften ihm das Essen samt wieder Erbrochenen hinein. Eiskaltes Abduschen, auch gezielt zwischen den Beinen, war an der Tagesordnung. Rings um uns hagelte es Ohrfeigen und Schläge. Nacktes Baden mit bunten Bademützen zur Erkennung.  Erzwungenes morgendliches Abhusten bis zum Erstickungsanfall,  das war die Regel. Wenn wir Probleme damit hatten, wurden wir belacht. Beim Inhalieren hatte ich Angst zu sterben, da die „Tante“ sagte, wenn ich den Schlauch nicht fest im Mund lasse, würde ich ersticken und sterben. Ich schämte mich, wenn andere Kinder schlecht behandelt wurden, da ich mich nicht traute etwas mich zu sagen. Einmal biss meine Schwester eine Diakonissin ins Bein, da unser Vater anrief und drängte, uns zu sprechen. Die Diakonissin lachte uns aus und hielt den Hörer über unseren Köpfen unerreichbar hoch.  Da war ich stolz auf meine Schwester!! Es durfte keinen Kontakt nach draußen geben. Ich wurde immer beschimpft, dass ich schlecht wäre, da ich krank war. Die Schwestern sagten mir oft, dass ich nicht weinen dürfe, wenn ich Heimweh hätte.  Sie sagten, unsere Eltern hätten inzwischen schon längst neue, andere Kinder, die keine Probleme machen würden und gesund wären… und viele andere scheußliche Dinge… Das ist nur ein Ausschnitt von dem, was wir erlebt haben. Einmal stand ich am Strand, sah auf das Wasser und der Schmerz in meiner Brust wurde so groß. Ich sehnte mich, eins zu werden mit dem Wasser. Ein Gefühl, dass ich jetzt sterben würde. Der Schmerz und das Heimweh überfluteten mich. Da merkte ich plötzlich, wie mein Gefühl aus mir herausströmte und anstelle dessen eine Leere kam, die mich noch heute, wenn ich in Stress gerate oder Sorgen habe, überkommt. Es war nichts mehr in mir außer dieser Leere. Meine Schwester und ich schämten uns später noch sehr für die Zeugenschaft, für unsere Passivität, für die vielen mit erlebten und gesehenen „Misshandlungen“. In uns war ein Gefühl: Wir hätten eingreifen müssen. Da Wirkung geduckt haben und nicht eingegriffen haben, fühlten wir uns mitschuldig. Ich war ein anderer Mensch nach diesen Wochen. Obwohl wir unser Leben „meistern“ und inzwischen selber schon Kinder haben, innen drin ist etwas, dass man nie los wird. Die Narben sind  tief. 2019        

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Mit 7 Jahren wurde ich 1947 nach Sandkrug bei Oldenburg (Oldb), Einheimische, kränklich, mager verschickt. Ich sehe noch meinen Platz im Schlafraum. Nachts war ich wach geworden, weil meine Bettdecke runtergefallen war. Die „Tante“ hatte das bemerkt. Den Rest der Nacht verbrachte ich stehend im zugigen Zwischenflur nach draußen. Vom Essen durfte nichts übrig bleiben, ich behielt ein sehniges Stück im Mund und verbuddelte es nach dem Mittagsschlaf beim Spielen im Wald. Der Mittagsschlaf fand auf Holzpritschen  auf einer offenen überdachten Holzbaracke statt. Ich hörte, wie es bei meiner Nachbarin runtertropfte, weil sie eingenäßt hatte. Den Rest der Mittagszeit mußte sie unter knalliger Sonne draußen liegen. 2019

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Im Oktober 1951 oder Frühjahr 1952 schickten meine Eltern mich und meinen knapp zwei Jahre älteren Bruder nach Wyk auf Föhr ins Kinderheim „Südstrand“. Am deutlichsten ist mir die Zugfahrt von Hamburg nach Dagebüll in Erinnerung, besonders die Überquerung des Nordostseekanals über die Rendsburger Hochbrücke. Ich habe bis heute (ich bin mittlereile 71 Jahre alt) einen immer wiederkehrenden Alptraum: Ich fahre im Zug oder Auto über eine unendlich hohe und unsichere Brücke und spüre dabei eine furchtbare Angst vor dem Absturz . Ich schließe dann im Traum ganz fest die Augen, um nicht hinunter schauen zu müssen und erwarte mit großer Angst das Ende der Brücke.  Im Heim schlief ich in einem großen Schlafsaal mit vielen Kindern. Der Mittagsschlaf wurde streng kontrolliert. Ich war mehrmals krank und verbrachte diese Zeit in einem Raum, in dem auch Betreuerinnen schliefen. Ich erinnere mich, dass eine von ihnen mich einmal morgens mit in ihr Bett nahm, weil sie mich kleinen fünfjährigen Blondschopf so „süß“ fand. Ich erinnere mich auch nicht, dass es zu sexuellen Handlungen kam. –Ich hatte furchtbares Heimweh, mein Bruder war mir überhaupt keine Hilfe, ich fühlte mich allein und elend. Es war kalt und zugig in dem Heim, die nächtlichen Toilettengänge über den halb dunklen langen Flur der reine Horror. In meiner Erinnerung herrschte die ganzen 5 Wochen kaltes, windiges und nasses Wetter; mich fröstelt heute noch in Gedanken an diese Zeit. Auf mein Leben hatte der Heimaufenthalt insofern großen Einfluss, als ich bis heute eine Abneigung gegen die Nordsee im Besonderen und Strandaufenthalte im Allgemeinen habe. Allein der spezielle „Nordsee-Geruch“ nach Tang, Salzwasser, Muscheln, toten Fischen usw. verursacht bei mir zutiefst unangenehme Gefühle.  Ähnlich geht es mir, wenn ich Möwen schreien höre. Obwohl ich die Natur mit ihren Lebewesen über alles liebe und schon seit der Jugendzeit die meisten Vögel genau bestimmen kann, habe ich eine unüberwindliche Abneigung gegen Möwen und ihr Geschrei. Eine andere mögliche Auswirkung betrifft das Verhältnis zu meinem Bruder. Ich vermute, dass die Erfahrung, in ihm keine Hilfe oder Stütze zu haben (er suchte wohl eher Kontakte zu gleichaltrigen. Heimkindern), ursächlich  dafür war, dass ich erst sehr spät, im Alter von Anfang 20, Nähe und. Sympathie zu ihm entwickeln konnte. 2018

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Ob es heute zumindest eine medizinische Notwendigkeit für den Aufenthalt in einer Kinderkurklinik gibt?  Bei mir und vielen anderen Kindern war es in den 60ern nicht so.

Damals kam bei mir die Verschickung nicht wegen einer Indikation durch unseren Hausarzt zustande. Zu der Zeit erschien jedes Jahr in unserer Schule ein Arzt (woher er kam und wer ihn beauftragt hat, weiß ich nicht mehr). Der hat dann alle Kinder „untersucht“, immer ca. 30 % der Kinder aussortiert und deren Eltern die Verschickung dringend angeraten. Dies waren ganz normal entwickelte Kinder. Während meines Aufenthaltes im Verschickungsheim habe ich dort auch keine kränklichen Kinder gesehen. Ich kann mir heute immer noch nicht den Hintergrund dieses Handelns erklären. Wahrscheinlich hat dort jemand oder irgendeine Institution gut dran verdient.

Danach fing einige Monate später das Elend mit dem Sammeltransport und Pappkarten um den Hals an. Was dann geschah, ist hier ja schon beschrieben worden. War bei mir nicht anders. Ich kann mich noch gut an viele Details meines Aufenthaltes erinnern.

Ich könnte hier noch viel schreiben, ob ich es noch mache, weiß ich noch nicht. Es geht es mir schlecht, wenn ich mich an die damalige Zeit erinnern muss. 2019

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Ich war ein sehr dünnes Kind das nicht essen wollte und durch Zwang und Stockschläge auf den Teller erbrach. Dieses musste ich dann essen. Ich habe sehr laut um Hilfe geschrien.  Meine Eltern ließen mich verschicken, damit ich esse und zunehme. Meine Problematik bzw die Ursache der Essensverweigerung wurde nicht bedacht. Ich wurde also nach West Herbede verschickt. Vermutlich war es das St. Josefshaus. Es wurde von Nonnen geführt und bestand aus einem Mutterhaus und einem kleineren Haus. Die Dauer des Aufenthaltes ist nicht mehr zu erfahren. Es gibt Hinweise, dass ich lange dort war, was eine Behandlung im Erziehungsheim vermuten lässt.

Denn im März 1962 wurde ich in Bochum gegen Polio geimpft, im Juni zum Geburtstag kam ein Paket mit einer Puppe und nach meiner Rückkehr schien es Winter zu sein. In diesem Heim gab es furchtbares Essen. Ich war die letzte am Tisch und habe erbrochen. Ich musste tun was ich gewohnt war. Die Nonne stand in der Tür und entschied dann, mich in den Waschraum zu zerren und zu schlagen. Des Weiteren erinnere ich mich dass der Aufenthalt im Schlafsaal gruselig war. Und ich vermute dass ich einmal angebunden wurde. Alles was wir in dem Heim taten oder unternahmen ist aus meiner Erinnerung weg. Ich höre aber Schreie, sehe den weiß gekachelten Waschraum in dem gezüchtigt wurde, und den langen Tisch, an dem ich immer die einzige zum Schluss war. Ich habe gedacht dass ich auch raus will aber ich konnte nicht essen.

Als ich nach Hause kam habe ich nicht gesprochen. Ich habe nichts erzählt weil ich weitere Bestrafungen fürchtete denn sie haben mich verschicken lassen und ich kam dünner zurück. Meine Eltern halten mir noch heute vor dass ich nicht essen wollte und dass sie nur Ärger mit mir hatten. Aber was in dem Heim war hätte ich erzählen sollen dann hätten sie was eingeleitet.  Die Verschickung war von der Fürsorge. Den Zeitraum kann ich absolut nicht mehr wissen. Mich interessiert das sehr, vor allem, ob es ein Erziehungsheim war in dem ich evtl ein Jahr war. 1963 zu Ostern wurde ich eingeschult und war immer ein ruhiges angepasstes Kind das lieber ganz hinten saß und nicht aktiv am Unterricht teilnahm. 2019

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Ende der 60er war ich auf Borkum, ich glaube im Haus Concordia. Die beschriebenen Demütigungen waren auch hier an der Tagesordnung. 6 Wochen lang wurde ich nicht mit meinem Namen, sondern als „27“ angesprochen, jeder hatte eine Nummer bekommen. In Erinnerung sind mir noch Wanderungen durch die Dünen, unabhängig von den Temperaturen musste jeder eine blauweiße Strickmütze tragen. Es wurde mit Angst gearbeitet. In den Dünen abseits der Wege würden Tretminen aus dem Krieg liegen, Fehltritte seien tödlich. Gebadet haben wir in den 6 Wochen ein Mal, und das bei schlechtem Wetter. Der Stuhlgang wurde auf ausreichende Menge kontrolliert, ggfs. würde man bestraft, gerne mit tagsüber im Bett liegen. Nachts war die Strafe – für was auch immer- nackt oder nur mit Unterhose bekleidet im Treppenaufgang zu stehen. Schikanen rund ums Essen usw. Das schlimmste für mich war, dass ich mich nicht wirklich gewehrt habe. Man hat uns gesagt, wenn wir uns nicht fügen würden, kämen wir später oder im schlimmsten Fall nie mehr nach Hause. Ohne diese Drohung hätte ich mich niemals derart schikanieren lassen. Selbst zu Hause erzählte ich zunächst nichts. Mir war gedroht worden, man könne mich auch wieder zurückholen. Erst nach langem und guten zureden durch meinen Vater und dessen Versprechen, mich zu schützen, berichtete ich nach und nach über die Vorgänge. Insgesamt handelte es sich um ein zutiefst sadistisches und willkürliches System.  2019

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Ich wurde 1975 nach Bad Salzuflen geschickt. 6 Wochen lang. Während dieser Zeit habe ich meinen 6. Geburtstag gefeiert. Meine Erinnerungen sind bruchstückhaft aber die Erinnerungen, die ich habe, sind alle negativ und wecken eine grosse Traurigkeit in mir. Ich wurde meinen Eltern auf dem Bahnsteig von einer fremden Frau entrissen und in ein Abteil mit anderen Kindern gesteckt. Meine Eltern wusste noch nicht einmal, ob ich im richtigen Zug sass, so schnell ging das. Dann erinnere ich mich, dass ich mit vielen anderen Kindern in einem grossen Schlafsaal mit Gitterbetten schlafen musste, u.a. wurde man gezwungen Mittagsschlaf zu machen, auch wenn man nicht müde war. Meinen Eltern haben anfangs jeden Tag angerufen, ich glaube am vierten Tag wurde ihnen von dem grässlichen, alten und völlig unempathischen Arzt des Hauses mitgeteilt, dass sie dies gefälligst zu lassen hätten. Das würde mich nur verwirren. Ich war 5! Es ging mir sehr schlecht. Ich hatte Heimweh ohne Ende und hatte Angst. Die Schwestern und überhaupt alle Angestellten in diesem Heim waren völlig kalt und emotionslos. Die sozialen Fähigkeiten und vor allen die pädagogischen Fähigkeiten aller Schwestern und Pfleger waren quasi nicht vorhanden. Wir wurden gezwungen morgens Lebertran zu uns zu nehmen. Dabei habe ich mich fast jedes Mal übergeben. Mein 6. Geburtstag kam und ging sang-und klanglos. Ich wusste ja nur, dass ich Geburtstag hatte, weil meine Eltern mir eine Karte geschickt hatten, die auch tatsächlich ankam. Ansonsten kann ich mich noch erinnern, dass ich einmal als Bestrafung mehrere Stunden ganz alleine auf einem Stuhl in einem Zimmer sitzen musste. Was bitte schön kann den ein 5/6 jähriges Kind angestellt haben, um so eine Bestrafung zu verdienen? Wie gesagt, ich habe noch andere Erinnerungen, aber bruchstückhaft. Was mich beunruhigt, sind die negativen, fast schon depressive Gefühle, die diese Erinnerungen in mir erwecken. Ich wäre an einer Teilnahme an dem Seminar interessiert. Komisch, jetzt wo ich diese Erinnerungen zulasse und nicht wie sonst sofort blockiere, tauchen immer neuere Erinnerungen auf. Meine Eltern hatten mir zum Geburtstag nicht nur eine Karte, sondern auch ein Paket geschickt. Das Paket durfte ich öffnen, aber dann wurde es mir abgenommen, mit dem Inhalt natürlich. Der Inhalt wurde nicht, wie andere hier beschreiben, verteilt an andere Kinder; es verschwand einfach. Überhaupt wurde mir bei der Ankunft alles, was meine Eltern mir mitgegeben hatten, abgenommen. Bis auf ein Kuscheltier. Mein Lieblingskuscheltier, das ich immer bei mir hatte. Nach 3 Wochen habe ich diesem heissgeliebten Kuscheltier den Bauch aufgeschlitzt. Womit, weiss ich gar nicht mehr. Zu Hause habe ich dann erzählt, dass es ein anderes Kind gewesen war, aber das war eine Lüge. Warum habe ich das gemacht? Will ich die Antwort darauf überhaupt wissen? Tatsächlich ist aus mir aber kein Serientäter geworden, im Gegenteil, ich arbeite für das Rote Kreuz. Die Berichte hier über das Essen und die Strafen, wenn man den Teller nicht aufaß, kann ich bestätigen. Den ausgebrochenen Lebertran musste ich auch immer wieder zu mir nehmen. Auch an die Schlangen vor dem Arztzimmer in Unterwäsche kann ich mich jetzt erinnern. 2019 

Hieraus soll eine Veröffentlichung im Psychosozialverlag entstehen, es ist der Anfang selbstbestimmtes Forschung von Betroffenen. Welche das unterstützen wollen, bitte hier: https://www.betterplace.me/selbstbestimmte-recherche-verschickungsheime

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