Hände hoch – und dann bin ich verloren – Anja Röhl

Die Autorin Anja Röhl hat 2009 in einem Artikel „Hände hoch – und dann bin ich verloren!“ in der jw und dann 2013, nochmal ausführlicher, in ihrem autobiografischen Roman (Die Frau meines Vaters), ihre Erlebnisse aus Verschickungsheimen beschrieben und geschildert. 

Hieraus ein Auszug:

Eines Tages sagt die Mutter, der Arzt habe gesagt, sie müsse „verschickt werden“ in ein Heim. Sie sei zu dünn und zu oft krank und solle zu einer “Verschickung“. Dort würde sie gesund werden, bei frischer Luft. Das Wort Heim macht dem Kind Angst. Die Mutter sagt, es sei gut für sie. Das Kind findet das nicht. Statt in die Schule zu kommen, wird sie nun verschickt, bekommt ein Schild um den Hals wie die anderen Kinder auch und wird an einen Zug gebracht. Schüchtern sitzt sie mit fremden Kindern zusammen in der Eisenbahn. Sie fahren nach Wyk. Das ist auf Föhr, einer Insel in der Nordsee. Zu den Erziehern müssen sie Tanten sagen. Das kennt das Kind schon. Die Verschickung dauert sechs Wochen. Nach Hause werden Karten geschickt, die haben die Tanten geschrieben, auf denen steht, dass es den Kindern gut gehe.

Abends liegen sie im Schlafraum. Es ist ein riesiger Schlafraum, mit zahllosen kleinen Feldbetten, graue Decken darüber. Eine Erzieherin ist noch ganz hinten im Raum, kommt aber näher. Das Kind liegt unter der grauen Decke und hat große Angst. Denn die Tante geht von Bett zu Bett und macht etwas Seltsames. Sie nimmt die Hände der Kinder hoch, besieht sie sich und legt sie wieder hin. Was macht sie dann? Sie zieht etwas Weißes aus der Tasche, steckt die Hände der Kinder hinein und schnürt sie mit einem Band unter dem Bett fest. Das Kind beobachtet die Tante und rührt sich nicht, starrt auf die weißen Stoffstücke. Es sind Handschuhe ohne Finger. Plötzlich versteht das Kind: Die Kinder, die noch am Daumen nuckeln, so wie sie, werden zur Strafe dafür, und damit sie es sich abgewöhnen, mit ihren Händen ans Bett gefesselt. Das Kind erschrickt zu Tode. Der Schrecken fährt in sie wie eine Flamme, sitzt ihr im Hals und fährt ihr über die Haut, bis hin zum rechten Daumen, ohne den sie nicht einschlafen kann. Sie muss ihn immer in den Mund stecken, deshalb ist der rechte Daumen auch kleiner als der linke. Das kann man sehen. Sie legt die Hände rechts und links aufs Bett starr neben sich, in der Hoffnung, dass die Tante den Unterschied nicht bemerkt. Als die Tante ganz nahe ist, schließt das Kind die Augen, hält die Luft an, stellt sich tot, rührt sich nicht mehr. Die Erzieherin ist vorbei gegangen, hat die Hände des Kindes frei gelassen, noch mal Glück gehabt.

Am Tag kommen sie in einen großen, kahlen Raum, angeblich, um gesund zu werden. Der Raum ist viereckig, ganz leer und bis unter die Decke gekachelt. Dort müssen die Mädchen sich nackt ausziehen und Plumpssack spielen. Derweil scheinen seltsame grüne Lichter. Die Kinder bekommen kleine schwarze Brillen, die sie aufsetzen müssen. Es riecht komisch. Sie bleiben lange dort drinnen. Dem Kind ist es unangenehm, ihm ist auch kalt, es will nicht nackt sein und nicht Plumpssack spielen. Danach treffen sie eine andere nackte Gruppe, Jungen, im Treppenhaus. Das Kind schämt sich und möchte weglaufen. Die Erzieherinnen lachen sie aus.

In diesem Heim hat das Kind oft Angst, schämt sich, leidet und ist auf der Hut, dass es nur ja nicht bestraft wird. Eins aber macht sie nie: an die Eltern denken oder an Zuhause. Das Kind hat vergessen, dass es Eltern hat. Keine Sehnsucht, kein Gedanke, kein Brief, kein Telefon, keine Eltern. Der Alltag ist jede Minute ausgefüllt mit Angst, die Tanten schreiben die Karten nach Hause, sie kommt nicht mal allein in den Raum, wo die Karten liegen und kann ja auch noch gar nicht schreiben.

Sie lernen dort Lieder: „Wildgänse rauschen durch die Nacht mit schrillem Schrei nach Norden, und stete Fahrt hab Acht, hab Acht, die Welt ist voller Morden…“

Als das Kind acht Jahre alt ist, sagt die Mutter, der Arzt hätte wieder gesagt, es müsse ins Heim. Das Kind schreit: „Nein! Ich gehe nie wieder! Das war ein Folterheim! Ich will nicht nochmal dahin!“ Die Mutter sagt, es ginge nicht anders, der Doktor hätte es verordnet, sie müsse. Das Kind nennt es nochmal Folterheim, es will nicht, diesmal schon schreiend und in Tränen. „Du schreibst uns einfach!“, sagt die Mutter. „Du weißt es nicht“, weint die Tochter, „aber die lassen einen da nicht schreiben!“ „Dann machen wir etwas aus, ein Geheimzeichen. Wir tun, als ob wir über Wolken reden, aber fragen dich, wie es dir geht“. Das findet das Kind blödsinnig. „Nein“, schreit das Kind weiterhin, „ich will nicht!“ Und am Tag vor der Reise hat sie Bauchschmerzen, muss sich übergeben, weint nachts in ihrem Bett. Ich will nicht! Sie sagt auch dem Vater, dass sie da nicht hin will. Er sagt auch, sie würden ein Geheimzeichen ausmachen: Wenn es ihr dort nicht gut ginge, solle sie schreiben: ‚Die Wolken sind schlecht’ und wenn es ihr gut ginge, ‚Die Wolken sind gut.“ Das Kind weiß, dass das nicht helfen wird. Sie weint. Sie ist auch wütend.

Das Heim ist im Teutoburger Wald, bei Bielefeld. Den ersten Teil der Strecke darf sie mit einem Bekannten fahren, da sie solche Angst hat, erst dann steigt sie in den Bus dazu. Das muss schon unangenehm aufgefallen sein, die braucht wohl eine Extrawurst, denkt die Erzieherin, verwöhntes Püppchen. Auf dem Weg dorthin verstärken sich die Bauchschmerzen bis zum Würgereiz. Kaum ist sie im Heim, muss sie quer über den Fußboden spucken. Bitter beißt ihr das Erbrochene im Hals, treibt ihr Tränen in die Augen, lässt sie sich schwach und krank fühlen. Da kommt die Erzieherin, Tante Anneliese, auf sie zu und knallt ihr vor allen Kindern eine deftige Ohrfeige ins Gesicht. Schamesröte schießt in ihr hoch und überdeckt den Schmerz. Tante Anneliese steht drohend über ihr, schreit sie an: „Was ist denn das für eine Sauerei? Das machst du sofort weg! Da haben wir ja eine, die hier falsch ist, die gehört wohl nach da unten, zu den Zweijährigen.“ Und mit diesen Worten zeigt sie zur Tür und befielt ihr, einen Lappen zu holen um aufzuwischen. Das Kind fühlt nichts mehr, nur Scham, die anderen Kinder sind still und schauen es an. Tränen der Demütigung laufen dem Kind über die Wangen. Tante Anneliese ruft: „Du kriegst kein Abendbrot, ab ins Bett, kleine Kinder müssen viel schlafen!“ Danach bringt Tante Anneliese sie in den Schlafsaal. Das Kind fühlt sich vernichtet. Nun steht sie als die Schwächlichste und Dümmste da, zitternd liegt sie unter dem fremden weißen Laken in dem Bett, dass ihr die Tante zugewiesen hat, und lauscht angstvoll auf alle Geräusche. Sie hat Angst, dass Tante Anneliese wiederkommt und weitere Beleidigungen ausstößt, sie hat Angst vor allem. Und damit sie nicht weinen muss, macht sie sich ganz steif und starr und schaut dann lange in den Baum vor dem Fenster, wo die Vögel singen. Und sie vergisst, wer sie war, woher sie kam, von wem sie sich Hilfe holen könnte, vergisst alles und lebt nur noch mit der lauernden Angst.

Nach dem Mittagessen müssen die Kinder schlafen. Die lesen können, dürfen in die Bibliothek und sich Bücher ausleihen. Das Kind nicht. Tante Anneliese hat es verboten, denn das Kind habe sich wie ein Baby verhalten, dann müsse es auch wie ein Baby behandelt werden. Sie wird also für die ganze Zeit des Aufenthalts, es sind acht Wochen, vom mittäglichen Bibliotheksbesuch ausgeschlossen, dabei liebt das Kind Bücher über alles. „Ich kann schon lesen!“, widerspricht sie. Das reizt Tante Anneliese noch mehr: „Auch noch widersprechen! Na warte!“ Das Kind macht noch einen Anlauf: „Ich bin schon acht!“, ruft sie. „Eben“, lacht Tante Anneliese, „und noch solch ein kleines Baby!“

Jeden Nachmittag fragt das Kind die anderen Kinder und fleht speziell seine Bettnachbarin an: „Gibst du mir eins von deinen Büchern, nur zum Anschauen?“ Doch die traut sich nicht. Sie hat auch Angst. Nur sehr selten und ganz kurz mal darf sie einen Blick in eines der Bücher hineinwerfen. Dabei ängstliches Zur-Tür-Schauen. Hektik. Keine Zeit, in Ruhe zu lesen.

Sie bekommt Post. Die Mutter schreibt auf einer Karte komische Dinge: „Wie sind denn da die Wolken?“ Das Kind hat das Geheimzeichen vergessen. Was schreibt sie so komisch, fragt es sich.

Die Tante läuft im Schreibraum herum und sieht jedem über die Schulter. „Du kommst nicht hinein“, ruft sie dem Kind zu. „Warum nicht?“ „Weil Babys nicht schreiben können.“ „Aber ich kann es doch“, ruft das Kind! „Willst mir wohl widersprechen, was!“ Die Tante lacht hart. „Na warte!“ Das Kind geht wieder hinter die braune Holzschwingtür zurück, muss als Einzige der ganzen Gruppe draußen auf dem Flur stehen bleiben, während die anderen im Schreibraum an ihre Eltern schreiben.

Erst am Ende der Stunde darf sie kurz mal reinkommen. Tante Anneliese legt ihr eine fertig geschriebene Karte hin und sagt: „Hier, das habe ich an deine Eltern geschrieben.“ Eine Karte, auf der das Kind die Worte „Es geht ihr gut!“ erkennen kann. Das habe ich gewusst, denkt das Kind, genau das habe ich gewusst, dass es hier so sein würde. Sie soll ihren Namen darunter setzen. Das Kind will nicht, weigert sich. Die Tante lacht: „Ich dachte, du kannst schreiben!“ Da nimmt das Kind den Stift und tut es doch. Die Buchstaben schreibt sie absichtlich schlecht, vielleicht können sie daraus was lesen, denkt sie sich. „Siehst du“, sagt Tante Anneliese, „du kannst noch gar nicht schreiben!“

Einmal schleicht das Kind sich heimlich in den Schreibraum und schnappt sich eine Karte, sieht sich schon schreiben: „Holt mich hier weg, es ist schrecklich, holt mich ab!“, doch plötzlich steht hinter dem Kind schon die Tante und blitzt sie giftig an. Das Kind hat große Angst und weiß nicht, was es sagen soll, blickt auf die leere Karte. Die Tante grinst: „Na? Möchtest du nichts schreiben? Du kannst es doch so gut, zeig mir mal, wie du es kannst!“ Dann nimmt sie mit einem Ruck dem Kind die Karte aus der Hand, beschreibt sie selbst und gibt sie ihm zur Unterschrift zurück. Und wieder schreibt das Kind seinen Namen darunter, wie sehr wünscht es sich, die Mutter möge in den wenigen Buchstaben erkennen, wie schlecht es ihr geht.

Abends muss das Licht sofort ausgemacht werden. Keiner darf reden, keiner darf lesen. Die Kinder sind noch nicht müde, also flüstern sie miteinander. Manchmal lachen sie auch oder kommen ins Albern. Sie strengen sich an, leise zu sein, aber gerade deshalb sind sie zu laut. Da wird die Tür aufgerissen, das Licht geht an, die Tante schnaubt vor Wut: „Was ist denn hier noch los?“ Die Kinder erstarren mitten in ihren Bewegungen. Sie schließen die Augen und stellen sich schlafend. So wie sie gerade sind, verharren sie, ob sie mit ihren Nachbarinnen gesprochen oder im Bett getobt haben, sie bleiben stehen, wie sie waren. Ein Mädchen erstarrt mit hochgehaltenen Füßen. Die Tante lacht. Das Mädchen wird rausgesetzt. Das ist noch die geringste Strafe, aber die Kinder zittern davor, rausgesetzt zu werden.

Einmal passiert es auch ihr. Eine Tante kommt rein, schreit sie an, zerrt sie hoch, wirft sie auf einen vor der Tür stehenden Stuhl, gibt ihr eine graue Soldatendecke. Nun ist es soweit, denkt das Kind, sein Herz klopft. Sie hat unbeschreibliche Angst davor, dass Tante Anneliese sie entdecken könnte. Still sitzt sie auf ihrem Stuhl im kalten Flur. Niemand kommt. Es ist dunkel. Das Kind ist allein mit sich und seiner Angst unter der kratzigen Decke. Der Flur ist hoch und lang. Die Geräusche hallen von den Wänden zurück, das Kind hört das Tropfen eines Wasserhahns aus dem Bad. Dahinein wäre es noch schlimmer gewesen, tröstet sie sich.

Mach, dass Tante Anneliese nicht kommt und mich sieht, mach, dass sie nicht kommt und mich sieht!, betet das Kind zu einem imaginären Gott.

Tante Anneliese lässt zu jeder Gelegenheit ihren Hass und ihre Häme an dem Kind aus. Sie hält es für ganz besonders verzogen, verwöhnt, dazu hinterhältig und widerständig. Das muss ausgetrieben werden. „Immer muss sie das letzte Wort haben. Aber das werden wir ihr schon austreiben“, sagt sie, „da sind wir schon mit Schlimmerem fertig geworden. Leider haben wir ja nicht mehr die Mittel, früher, da wäre es ein Leichtes gewesen, sich von „Solchen“ zu trennen. Man muss ihnen Lehren erteilen, dass die sehen, dass sowas nicht durchkommt.“

Nachts. Das Kind muss auf Klo. Aber sie dürfen nur bei Rotlicht auf Klo. Das Rotlicht wird aber erst irgendwann mitten in der Nacht eingeschaltet. Woher sollen wir wissen, wann Rotlicht ist?, fragt sich das Kind. Vor Angst muss sie noch dringender. Den anderen geht es genauso. Nachmittags dürfen sie auch nicht aufs Klo gehen. Wieso, fragen sich die Kinder, wenn wir in Betten pinkeln würden, wäre es noch schlimmer. Irgendwann stehen sie auf und bilden ein Spalier, vom Schlafraum bis zur Toilette, da stellen sich die Kinder auf, um Wache zu halten. Eine Schlange von lauter Kindern, eins hinter dem anderen, vom Zimmer bis zur Toilette, die aufpassen, dass keiner kommt. Dann geht einer von ihnen schnell aufs Klo, dann darf das nächste Kind. Die ganze Zeit über schweigen sie.

Einmal muss das Kind nach einem Ausflug beim Nachmittagsschlaf schon sehr früh aufs Klo, diesmal wurde wegen dem Ausflug alles dunkel gemacht, alle sollen schlafen. Keiner darf sich Bücher holen. Die Bewachung vor den Zimmern ist schärfer als nachts. Sie erschrickt sich zu Tode, als sie es merkt. Sie spürt, dass sie es nicht schafft, auszuhalten, sie wird es nicht schaffen. Schon krümmt sie sich im Bett zusammen, presst die Beine aneinander, beißt die Zähne zusammen und doch lässt sich der Schmerz einfach nicht aushalten. Dabei ist es noch endlos lange, sie weiß das, denn eben erst sind sie hingelegt worden. Sie flüstert zu ihrer Nachbarn hin, fleht um Hilfe, aber keine Antwort. Sie will die anderen fragen, ob sie das Spalier für sie wagen könnten, aber sie erhält keine Antwort, die anderen trauen sich nicht oder schlafen. Sie stöhnt, sie stopft sich das Kissen in den Mund, Tränen laufen ihr aus den Augen, sie denkt, das ist ungerecht! Ich kann nichts dafür! Und in Wut und unter Schmerz sagt sie sich, dass sie keine Wahl hat, denn wenn sie ins Bett machen würde, wäre das Donnerwetter fürchterlich, würde sie aufstehen und zur Toilette schleichen, ebenso.

Endlos zieht sich die Zeit, dann endlich kommt eine Tante herein und macht die Vorhänge auf und das Kind darf aufstehen. Aber sie kann nicht mehr, sie wankt und geht sehr langsam, alles tut weh. Später sitzt sie auf dem Klo und weint, weil es noch mehr weh tut.

Es gibt auch eine Turnhalle. In der Turnstunde sind die Kinder zu laut, Lachen ist auch nicht erlaubt. Das Kind sagt nichts, weil sie die Tante schon gesehen hat. Die Tante kommt direkt auf sie zu. Aber so sehr sie sich auch duckt, es ist schon zu spät. Die Tante holt eine Rolle Leukoplast aus ihrer Tasche, sagt: „Jetzt reicht’s aber“, und klebt dem Kind einen breiten Streifen Leukoplast über den Mund. Die Augen des Kindes weiten sich. Die übrigen Kinder starren sie an. „So“, sagt die Tante, „damit ihr mal seht, was passiert, wenn ihr keine Ruhe geben könnt!“ Ich war doch nicht die Einzige, die geredet hat, denkt das Kind, aber die anderen Kinder lachen jetzt, denn sie sind erleichtert, dass sie davongekommen sind. Langsam geht die Sportstunde weiter, alle sind jetzt ruhiger, schweigen, machen ihre Übungen. Manche zeigen auf das Kind, wie es mit dem Pflaster auf dem Mund da steht. Das Kind versucht, nicht zu weinen. Sie stellt sich vor, wie sie aussieht. Sie schämt sich. Die ganze Stunde, eine endlose Zeit lang, muss das Kind mit dem Pflaster herumlaufen.

Einmal wird mitten in der Nacht ein Mädchen mitsamt ihrem Bett aus dem Schlafsaal geholt, weil es zu laut ist. Es bleibt die ganze Nacht weg. Die Kinder wissen, was das bedeutet, das Mädchen wird in den Waschraum gebracht. Er ist fensterlos und stockdunkel. Entsetzen erfüllt die Kinder. Sie glauben, dass man es kaum überleben kann, in den Waschraum gebracht zu werden. Aber das Mädchen stirbt nicht. Am nächsten Morgen wird es wieder hereingebracht, mit bleichem Gesicht. Die anderen Kinder wenden sich ängstlich ab.

Das Kind bekommt Besuch. Ein Onkel Willi kommt mit seiner Frau. Das Kind kennt die beiden nur flüchtig, es sind Verwandte, die irgendwie zufällig vorbeikommen, aber es liebt plötzlich diesen Onkel Willi und seine Frau und freut sich riesig. Sie möchte mit ihnen hinausgehen und nie wieder zurückkehren. Aber die ganze Zeit des Besuchs steht Tante Anneliese daneben und beobachtet das Kind. „Es geht ihr gut“, sagt diese zu Onkel Willi, und redet über dies und das. Das Kind schaut die Tante und den Onkel an und sagt kein Wort. Dann fragen Onkel Willi und seine Frau etwas. Sie sprechen das Kind an. Was soll sie tun? Sie kann nicht antworten, stottert nur, Tante Anneliese unterbricht jeden Satz. Sie lässt die beiden auch nicht in das Haus hinein, nur vor der Tür dürfen sie bleiben.

Da wird das Kind traurig, es weiß jetzt, dass es nicht mitgehen kann. Die Frau von Onkel Willi schenkt dem Kind zum Abschied ein Paket mit Lakritzen. Das Kind strahlt, es liebt Lakritze. Das Kind drückt den Karton an sich und folgt Tante Anneliese ins Haus. In der Küche dreht die Tante sich um, reißt dem Kind den Karton aus der Hand, schüttet die Lakritzen in einen großen Eimer und sagt: „Das ist für alle!“

Dem Kind tanzen Sterne vor den Augen. Nie sieht es jemals die Lakritzen aus dem Paket wieder.

Eines Tages fährt das Kind in einem Zug sitzend in einen Bahnhof ein und sieht dort die Eltern stehen, die wohl gekommen sind, um es abzuholen. Erst in diesem Moment begreift das Kind, dass es ja Eltern hat. Aber sie hat keine Kraft mehr. „Du bist ja ganz grün im Gesicht“, sagt der Vater. Sie fühlt nichts mehr, nur der eine Gedanke ist in ihr: Sie hat Eltern. Sie sind beide gekommen. Sie kann nicht erzählen, wie es ihr ergangen ist, sie schweigt die ganze Rückfahrt bis zur Vogelweide, fällt dann ins Bett und schläft zwei Tage lang. Nie wieder geht sie in ein Heim, das schwört sie sich!

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei