Pressemitteilung 12.2.20

Die „Initiative Verschickungskinder“ hat inzwischen ihre Aktivitäten zur Aufarbeitung und Erforschung der Kinderkurverschickung in den 50er bis 70er Jahren aufgenommen. So wurden ein Forschungsverein gegründet und mit der wissenschaftlichen Erhebung durch ein anerkanntes Forschungsinstitut begonnen. Es wurden ein wissenschaftlicher Kongress ausgerichtet, und ein Forschungsantrag zur Unterstützung von Bürgerforschung und Selbsthilfe (Citizens sciences) eingereicht.
Aufgrund der anfänglichen Recherchen und Berichte von über 1600 Betroffen kann bereits jetzt bestätigt werden, dass die geschilderten traumatischen Vorkommnisse in den Kindererholungs- und Kurheimen während der 50-90er Jahre keine Einzelfälle waren. Flächendeckend wurden aus zahlreichen Kurorten verschiedenste Vorfälle von körperlicher und psychischer Gewaltanwendung detailliert geschildert.
Grundlage der damalige Erziehungspraxis bildeten offenbar die in dem damaligen Standardwerk von Dr.med. Sepp Folberth „Kinderheime Kinderheilstätten“ empfohlenen Ratschläge an das Betreuungspersonal zum Umgang mit bestimmten Vorkommnissen und Verhaltensweisen der Kinder, wie z.B. mit der „Heimwehkrankheit“ und „Straftaten“ der Kinder. Übliche kindliche Verhaltensweisen wie z.B. das Sprechen während der Mahlzeiten oder nächtlicher Toilettengang, wurden mit Verboten belegt, deren Verstoß als „Straftat“ geahndet wurde. Allein durch die Begrifflichkeit wurden Verstöße gegen den Verhaltenskodex in den Kurheimen ungerechtfertigterweise kriminalisiert und schienen die Rechtfertigung für eine Bestrafung zu sein.
Die in dem Buch aufgeführten Strafen stellen körperliche und psychische Misshandlungen und Demütigung der Kinder dar, die traumatisch und prägend für die Identitätsentwicklung sind.
Diese Empfehlungen decken sich mit den Erfahrungsberichten ehemaliger Verschickungskinder. Die Gesundheitsverbände, die Träger von Kinderreha-Einrichtungen und die Politik sind gefordert, die Aufarbeitung, Erforschung und Anerkennung des Leids der Betroffenen durch Herausgabe der Akten zu unterstützen und zu begleiten.
Erste Erfolge wurden bereits erzielt: Die Länder Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben eine Unterstützung bei der Aufarbeitung der Zustände in den Kindererholungsheimen, -heil- und -kurstätten der 50-90er Jahre bereits zugesagt und den Betroffenen Unterstützung versprochen. Am Mittwoch, den 12.2.20 werden in Stuttgart in einem Arbeitsgremium weitere Schritte der konkreten Umsetzung von Hilfe besprochen. Die Sozialministerien Bawü, SH und NI sprechen sich dafür aus, das Thema in die nächste Bundesministerkonferenz einzubringen, damit bundesweite Lösungen angeboten werden können.
Die bundesweite „AG Kinder- und Jugendpolitik“, bestehend aus den zuständigen Abteilungen der Sozialministerien aller Bundesländer wird das Thema mit dem Ziel einer länderübergreifenden Zusammenarbeit in ihrer Sitzung am 13.02.2020 erörtern.
Für weitere Informationen und Rückfragen wenden Sie sich bitte an Anja Röhl / 0176-24324947
Initiative Verschickungskinder / www.verschickungsheime.de info@verschickungsheime.de

(Ein ergänzender Fachartikel dazu, mit Belegen: Finstere Pädagogik in Kinderkurkliniken, siehe unter RECHERCHE )

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Anja RöhlMelanie Letzte Kommentartoren
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Melanie
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Melanie

Hallo liebe Anja, gibt es eine Möglichkeit dieses damalige “Standardwerk” von Sepp Folberth irgendwie zugänglich zu machen oder zumindest die zitierten Auszüge der Pressemitteilung? Online ist es leider nicht zu finden bzw zu beziehen.

Liebe Grüße und Danke für dein unermütliches Engagement

Melanie