Verschickung

Verschickung in Kinderkur- und -Erholungsheime  

Verschickung war der in den 50er bis 70er Jahren im Gesundheitswesen und der Kinderheilkunde gängige Begriff für das Verbringen von Kindern in Kindererholungsheime und Kinderkurkliniken. Es geschah i.d.R. für 6 Wochen, die Heime hatten einen Ganzjahresbetrieb. Es gab für das Heim einen Pflegesatz pro Kind (ca.12.-DM). Endsendestellen  waren vertraglich an die Heime gebunden, Kinder wurden nach ärztlicher Diagnose verschickt. Chronisch kranke Kinder mit TBC, Asthma, Diabetis oder Rheuma wurden in Kinderkurkliniken (Ärztliche Leitung im Hause), Kinder mit Bronchitis, Über- oder Untergewicht, Haltungsschwächen oder sonstigen Mangelerscheinungen, wurden in Kindererholungsheime (ohne ärztliche Leitung im Hause) verbracht. Die Verschickungen wurden das ganze Jahr und individuell vorgenommen. Besonders empfohlen wurde die Zeit vor dem Schulalter. (1)

Die Einrichtungen lagen meist in Kurorten.  Es gab 1964 wahrscheinlich mindestens 839 solcher Einrichtungen, höchstwahrscheinlich noch mehr. Sie galten als klinische Einrichtungen und wurden von den Landesjugendämtern überwacht. 

(1) Aus: Kinderheime – Kindererholungsheime, Sepp Folberth, 1964

Zur Definition Verschickung*: 

             1) Ärztliche Diagnose / oft sehr beliebig

             2) Begrenzte Wochenanzahl von sechs Wochen / wurde manchmal   auch, im Krankheitsfall, oder aus noch unbekannten Gründen, um 3 – 8 Monate verlängert

             3) Ziel: Verbesserung des Gesundheitszustand /  Häufiges Kriterium: Gewichtszu- oder abnahme

             4) Klinische Einrichtung / Pädiatrische Leitung

In Abgrenzung zur Fürsorge-Heimerziehung:

  1. Empfehlung oder Anordnung vom Jugendamt
  2. Heim als neuer Wohnort, Ende des Aufenthalts ungewiss, da Herausnahme aus familiärem Umfeld aus beliebig-sozialen Gründen
  3. Ziel: Verbesserung des Verhaltens / soziale Disziplinierung
  4. Pädagogische Leitung 

* Definition: Anja Röhl, 2019, auf: http://verschickungsheime.de/verschickung 

Zahlreiche Arbeiter- und Angestelltenkinder, besonders aus innerstädtischen Ballungsgebieten wurden in den 60er Jahren zu Millionen in solche Kindererholungsheime gegeben, oft auch unter dem Begriff:  „Kassenverschickungen“ . Viele dieser Kinder kamen traumatisiert zurück.

Der Begriff „Verschickung“ knüpft an die Kinderlandverschickungen unter den Nazis und in der unmittelbaren Nachkriegszeit an, jedoch handelt es sich um einen völlig anderen Vorgang.  Während die NS-Kinder-Landverschickung auf Bauernhöfe, in KDF- Zeltlager, und nach dem Krieg in Privatfamilien ging, ging die Verschickungs-Welle in den 50-80er Jahren als eine breit angelegte Sozialmedizinisch-pädiatrische Maßnahme vom kinderärztlichen Gesundheits- und Kurwesen aus. Sie knüpfte damit an das Kurwesen in den klassischen Erholungsorten aus der Kaiserzeit an, die zahlreich auf den ost- und nordfriesischen Inseln vorhanden waren, auch im Allgäu, Schwarzwald, Harz, Teuteburger Wald, vielen Mittel- und Hochgebirgsorten. 

Es wurden viele neue Kindererholungsheime, neben den klassischen Kinderkurheimen gegründet, viele in privater Hand, in enger kinderärztlicher Begleitung, nicht mehr nur unter kinderärztlicher Leitung. 

Kindererholungs- und Kinder-Kur-Heime gehörten zum kindermedizinischen Versorgungssystem, somit handelt es sich um ein Problemfeld der Pädiatrie. 

Ende der 50er Jahre muss es zu Werbekampagnen der Träger der Heime gekommen sein, die in zahlreichen Broschüren an die Hausärzte herantraten, möglichst viele Kinder zu schicken. So kam es ab den 60er Jahren zu einem Boom von Verschickungen.

Bronchitis, Über- oder Untergewicht, zu dünn, zu dick, zu blass, es reichten schließlich Kleinigkeiten aus, dass den Eltern geraten wurde, ihre Kinder zu „verschicken“. Im Buch des Pädiaters Sepp Folberth ( s.u.) werden die genauen Indikatoren für die Verschickungen aufgelistet. 

Ab frühestem Alter (2-4 Jahre) ließ man die Kinder von den Eltern an einen Bahnhof bringen und von da an allein mit Zug oder Bus per Sammeltransport in die Kurorte fahren. Kinder wurden allein, außerhalb ihrer institutionellen sozialen Gruppen verschickt ( Bewusst wurden keine Schulklassenentsendungen wie zb in Frankreich geplant). Geraten wurde, den Kindern nichts davon zu erzählen, dass sie allein fahren müssten, um das „Heimweh“ zu vermindern. Aus den gleichen Gründen hatten Eltern striktes Besuchsverbot.

Krankenkassen warben mit frischer Seeluft. Krankenkassen, Ärzte und Gesundheitsinstitutionen rieten besonders, diejenigen Kinder aufzunehmen, deren Familien sich keinen Sommerurlaub mit ihren Kindern und frische Seeluft leisten konnten. Für Verschickungskinder, die in die Berge geschickt wurden, galt das Motto: Luftveränderung macht Appetit und stärkt die Widerstandkraft des Körpers.

Inhalt der Berichte

Die bisherigen Berichte sind abgefasst von Menschen, die sich erstmalig nach Jahrzehnten erinnern. Sie sprechen einheitlich davon, dass die Kinder fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen wurden. Der Detailreichtum ihrer Berichte ist absolut glaubhaft. Angst steht im Mittelpunkt aller Erinnerungen. Ungünstige Bedingungen, nach ersten Aktenstudien: 

       1) Überbelegung, besonders in den Sommermonaten

       2) Chronische Unterbesetzung

       3) zu geringer Essens- und Wäsche-Etat

       4) Zu wenig pädagogische Fachkräfte.

Strafen, die erlebt wurden

Drohungen, Demütigungen, Lächerlichmachen, brutale Essens-Einfütterung, überlange Schlafenszeiten, Rede- und Toilettenverbot, stundenlanges nächtliches Draußenstehen und -Sitzenmüssen Einzelner, als Warnung für die anderen,  Ans-Bett-Fesseln, in den Waschraum sperren, Trennung von Geschwistern, Mund und Augen zukleben, Einsammlung der Kuscheltiere, Schreib-und Kontaktverbot nach Hause, Nichtaushändigung von Paketen und vieles mehr.

Diese Strafen wurden so häufig vergeben, dass sie für die sich erinnernden Verschickungskinder eine ständige Atmosphäre der Angst darstellten, von der sie sich jede Minute des Aufenthaltes umgeben sahen. 

Erste Vermutungen über prägende Einflüsse

Heimbetreiberin haben, nach ersten Aktenstudien,  vorsätzlich gehandelt, es galt mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Geld zu verdienen.

Die Kinderschwestern, Kinder-Pflegerinnen und Hilfskräfte waren teils durch die Bedingungen überfordert, andererseits waren sie noch unter der Ideologie der Nazi-Pädagogik und der Erziehungsprinzipien Hitlers groß und ausgebildet worden, diese propagieren (nach S. Chamberlain*) das Gegenteil der für ein Kind notwendigen Entwicklungs- und Bindungserfordernisse.  Auch widersprechen die Zwischen 1933 und 45 propagierten NS-Erziehungsprinzipien den seit 2000 Jahren herrschenden christlich-abendländischen Wertmaßstäben diametral :  

  •  Statt Liebe deinen Nächsten: Kein Mitleid!
  •  Statt Mitleid mit dem schwächsten deiner Brüder: Nur der Starke hat das Recht zu existieren
  •  Statt Hilfe für die Bedürftigen: Das Schwache muss ausgemerzt werden“
  •  Statt Gemeinschaft und Solidarität: Eine Jugend muss herangezogen werden, die grausam und erbarmungslos ist
  •  Statt Freiheit und Brüderlichkeit: Sie sollen nicht mehr frei werden, ihr ganzes Leben lang nicht  

Der Erholungswert dieser Kuren ist nach den bisher über 1600 Berichten stark anzuzweifeln, es ist von massiver Traumatisierung auszugehen. Es melden sich täglich mehr Augenzeugen, die von Erlebnissen berichten, die heute als schwere Kindesmisshandlung gelten.

Auch Säuglinge wurden verschickt

Die Kuren lagen grundsätzlich nicht in den Ferien, sondern wurden über das ganze Jahr verteilt, womit die Auslastung der Heime gleichmäßig erfolgte. Der dadurch hervorgerufene Schulausfall wurde meist nicht ausgeglichen. Viele verloren damit schulisch den Anschluss oder mussten ein Jahr dranhängen oder ausfallen lassen. Die jüngsten, die sich erinnern, waren 2-4 Jahre alt. Aber auch Säuglinge wurden verschickt. Wenn Kleinkindern ältere Geschwister mitgegeben wurden, wurden beide meist sofort nach Eintritt in das Heim voneinander getrennt. 

Wer ist Betroffene oder Betroffener ?

Die Menschen, die einen Verschickungs-/ Kuraufenthalt traumatisch erinnern, hatten bisher keine öffentliche Stimme. Nun ist das anders. Jede Person, die auf dieser Seite ihren Bericht mit anderen teilt, oder uns ihren Bericht per Fragebogen oder mail schickt, ist Teil unserer Initiative. Im November 2919 fand ein größerer Kongress statt, auf dem die: ERKLÄRUNG DER VERSCHICKUNGSKINDER von über 74 Teilnehmer*innen abgestimmt wurde, Grundlage unserer weiteren Arbeit.

Wir haben einen kleinen Förderverein gegründet: Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung ( i.Gr.) er hat schon ein Spendenkonto, darauf können ab sofort Spenden angenommen und, zweckgebunden auch Geld an Landesgruppen überwiesen werden. Ab 100 .- Euro werden auf Anfrage Spendenbescheinigungen ausgegeben.  

Förder-Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung i.Gr. IBAN:   DE70 4306 0967 1042049800       

Im November 2020 wird es erneut zu einem Jahrestreffen und einem KONGRESS aller Verschickungskinder kommen, 

Kontakt über: info@verschickungsheime.de