Verschickung

Verschickung in Kinderkur- und -Erholungsheime  

Zur Definition Verschickung*: 

             1) Ärztliche Diagnose / oft sehr beliebig

             2) Begrenzte Wochenanzahl / wurde manchmal   auch, im Krankheitsfall, oder aus noch unbekannten Gründen, um 3 – 8 Monate verlängert

             3) Ziel: Verbesserung des Gesundheitszustand / Kriterium: Gewichtszunahme – oder Abnahme

             4) Elternbesuch verboten / strikte Briefkontrolle

In Abgrenzung zur Heimerziehung:

  1. Empfehlung oder Anordnung vom Jugendamt
  2. Heim als neuer Wohnort, Ende des Aufenthalts ungewiss, da Herausnahme aus familiärem Umfeld aus beliebig-sozialen Gründen
  3. Ziel: Verbesserung des Verhaltens / soziale Disziplinierung
  4. Elternbesuch sukzessive und unter bestimmten Bedingungen erlaubt

* Definition: Anja Röhl, 2019, auf: http://verschickungsheime.de/was-war-verschickung/

Zahlreiche Arbeiter- und Angestelltenkinder, besonders aus innerstädtischen Ballungsgebieten wurden in den 60er Jahren zu Millionen in Kindererholungsheime gegeben, oft als „Kassenverschickungen“ indem ein Arzt das Attest ausschrieb. Die Krankenkassen bezahlten den „Erholungsaufenthalt“.  Viele dieser Kinder kamen traumatisiert zurück.

Die Kinderheilstätten lagen abseits der Metropolen, vielfach in Wald- und Küstengebieten, sie waren oft schon zur Zeit der Jahrhundertwende gebaut worden. Unter den Nazis wurden solche Heime für Partei- und paramilitärische Zwecke genutzt, dienten dann Lazarettzwecken, zT verbunden mit Maßnahmen der Kinder-Euthanasie, Kinder-Evakuierung und Landverschickung, später der Unterbringung von ca. zwei Millionen Kriegswaisen.

Der Begriff „Verschickung“ knüpft an die  Kinderlandverschickungen unter den Nazis und in der unmittelbaren Nachkriegszeit an, jedoch fand sie nicht mehr auf Bauernhöfen und auf dem platten Land, sondern in klassischen Erholungsorten aus der Kaiserzeit statt, die zahlreich auf den ost- und nordfriesischen Inseln vorhanden waren, aber auch im Allgäu, Schwarzwald, Mittel- und Hochgebirge usw. usf.

Nach 1945 gehörten Kinder-Kur-Heime zum medizinischen Versorgungssystem. Ende der 50er Jahre muss es zu Werbekampagnen der sozialen und medizinischen Träger der Heime gekommen sein, die aus noch unbekannten Gründen an die Hausärzte herantraten, möglichst viele Kinder zu schicken.

Es kam ab den 60er Jahren zu einem Boom von Verschickungen.

Bronchitis, Über- oder Untergewicht, zu dünn, zu dick, zu blass, es reichten schließlich Kleinigkeiten aus, dass den Eltern geraten wurde, ihre Kinder zu „verschicken“. Was so geschah, dass man sie ab frühestem Alter allein in einen Zug setzte. Geraten wurde, den Kindern nichts davon zu erzählen, dass sie allein fahren müssten, um das „Heimweh“ zu vermindern. Das Alleingelassenwerden wurde damals nicht thematisiert.

Krankenkassen warben mit frischer Seeluft. Krankenkassen, Ärzte und Gesundheitsinstitutionen rieten besonders, diejenigen Kinder aufzunehmen, deren Familien sich keinen Sommerurlaub mit ihren Kindern und frische Seeluft leisten konnten. Für Verschickungskinder, die in die Berge geschickt wurden, galt das Motto: Luftveränderung macht Appetit und stärkt die Widerstandkraft des Körpers.

Inhalt der Berichte

Die „Verschickungsheime“, wie sie umgangssprachlich während dieser Zeit von allen genannt wurden, waren Häuser, in die Kinder ab frühestem Alter, ab dem 2./3./4. Lebensjahr allein „verschickt“ wurden, 6-8 Wochen, bei Verlängerung durch Krankheiten 3 bis 8 Monate lang (Anja Röhls Sammlung von ca: 1300 Erlebnisschilderungen). Die bisherigen Berichte sprechen einheitlich davon, dass die Kinder fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen wurden. Diese wurden jeweils einer größeren Gruppe von Kindern zugeordnet. ZT unter fatalen, kostengünstigen Bedingungen (dies nach schriftlicher Stellungnahme der Diakonie, nach erster Aktensichtung im Brief an uns vom 24.11.19): 

       1) Überbelegung

       2) Dünne Personaldecke 

       3) zu geringer Essens- und Wäsche-Etat

       4) Keine oder kaum pädagogischen Fachkräfte.

Strafen, die erlebt wurden

Drohungen, Demütigungen, Lächerlichmachen, brutale Essens-Einfütterung, überlange Schlafenszeiten, Rede- und Toilettenverbot, stundenlanges nächtliches Draußenstehen und -Sitzenmüssen Einzelner, als Warnung für die anderen,  Ans-Bett-Fesseln, in den Waschraum sperren, Trennung von Geschwistern, Mund und Augen zukleben, Einsammlung der Kuscheltiere, Schreib-und Kontaktverbot nach Hause, Nichtaushändigung von Paketen und vieles mehr Schwestern versuchten mittels dieser „Maßnahmen“ irgendwie „durchzukommen“. Eine Pädagogik kann man das nicht nennen. 

Erste Vermutungen über prägende Einflüsse

Einerseits waren die Erzieherinnen, Pflegerinnen und Hilfskräfte überfordert, andererseits waren sie noch unter der Ideologie der Nazi-Pädagogik und der Erziehungsprinzipien Hitlers groß und ausgebildet worden, diese propagieren nach S. Chamberlain* das Gegenteil der für ein Kind notwendigen Bindungserfordernisse, sowie der seit 2000 Jahren herrschenden christlich-abendländischen Wertmaßstäbe:  

  •  Statt Liebe deinen Nächsten: Kein Mitleid!
  •  Statt Mitleid mit dem schwächsten deiner Brüder: Nur der Starke hat das Recht zu existieren
  •  Statt Hilfe für die Bedürftigen: Das Schwache muss ausgemerzt werden“
  •  Statt Gemeinschaft und Solidarität: Eine Jugend muss herangezogen werden,     die grausam und erbarmungslos ist
  •  Statt Freiheit und Brüderlichkeit: Sie sollen nicht mehr frei werden, ihr ganzes Leben lang nicht  

Der Erholungswert dieser Kuren ist nach den bisher über 1300 Berichten im Nachhinein stark anzuzweifeln, es ist von massiver Traumatisierung auszugehen. Es melden sich täglich mehr Augenzeugen, die von Erlebnissen berichten, die heute als schwere Kindesmisshandlung gelten.

Schulausfall wurde nicht ausgeglichen

Die Kuren lagen grundsätzlich nicht in den Ferien, sondern wurden über das ganze Jahr verteilt, womit die Auslastung der Heime gleichmäßig erfolgte. Der dadurch hervorgerufene Schulausfall wurde meist nicht ausgeglichen. Viele verloren damit schulisch den Anschluss oder mussten ein Jahr dranhängen oder ausfallen lassen. Oft wurden die Kinder aber vor dem Schuleintritt in diese Heime gegeben. Die jüngsten, die sich erinnern, waren 2-4 Jahre alt. Aber auch Säuglinge wurden verschickt. Wenn Kleinkindern ältere Geschwister mitgegeben wurden, wurden beide meist sofort nach Eintritt in das Heim voneinander getrennt. 

Wer ist Betroffene oder Betroffener ?

Die Menschen, die einen Verschickungs- oder Kuraufenthalt traumatisch erinnern, hatten bisher keine öffentliche Stimme. Nun ist das anders. Jede Person, die auf dieser Seite ihren Bericht mit anderen teilt, Oder uns ihren Bericht per Fragebogen oder mail schickt, ist Teil unserer Initiative. Im November 2919 fand ein größerer Kongress statt, auf dem die: ERKLÄRUNG DER VERSCHICKUNGSKINDER von über 74 Teilnehmer*innen abgestimmt wurde, Grundlage unserer weiteren Arbeit.

Im November 2020 wird ein zweiter KONGRESS stattfinden, diesmal in Salzdetfurth

Kontakt über: info@verschickungsheime.de