Suchen Sie in den Erinnerungen anderer Verschickungskinder nach ihrem Heim
- 1) MarioHallo, ich war 1966 auf Borkum im Adolfinenheim zur Kinderverschickung welches von strengen Nonnen geleitet wurde. Kinder wurden regelrecht gemästet sodass ich bis heute bestimmte Sachen nicht essen kann. Bestrafung war an der Tagesordnung z. B. mit nackten Füssen Stunden auf den kalten Boden in der Ecke stehen oder im extra Raum einsperren bis alles aufgegessen war.Nach sechs Wochen hatte ich auch dann ein paar kilos drauf, Ziel erreicht egal wie.
- 2) Thomas PietzkaIch bin neu hier und eigentlich wollte ich nicht mehr darüber nachdenken. Dieser Zeit keinen Platz in meinen Gedanken geben aber das damals Erlebte ist bis heute geblieben.
Ich bin heute 60 Jahre. Damals war ich 9 Jahre. 1969 habe ich in mein Tagebuch geschrieben.
Ich war noch nie im Urlaub und schon gar nicht auf einer Insel. Jetzt mache ich Urlaub auf Borkum. Meine ständigen Asthma Anfälle hatten meine Mutter und den Doktor dazu gebracht eine Kinderheilkur beim Jugendamt zu beantragen.
Die Kinder-Verschickung wurde auch genehmigt und so habe ich sechs Wochen auf der Insel Borkum, im Kinderhaus Concordia verbracht. Das Haus war ein Gefängnis für Kinder die alle blauweißen Mützen tragen mussten, die nicht spielen, nicht reden und nicht fröhlich sein durften. Ich war 6 Wochen im Kindergefängnis, einmal bei Regen am Strand und unheimlich lange sechs Wochen traurig. Asthma ist doch kein Verbrechen.
- 3) UlrichHallo Elisabeth,
ich war so um das Jahr 1975 in dem gleichen Heim Sancta Maria, Borkum. Auch bei mir hies es, das ich zu "schmächtig" bin, aussderm hatte ich Heuschnupfen. In dem Heim waren viele Kinder mit Asthma-Beschwerden, die jeden morgen und Nachmittag inhalieren mussten.
Während dieser Inhalationszeit hat sich niemand um mich gekümmert, ich musste entweder im Haus oder direkt vor dem Haus die Zeit absitzen.
Was Du über den Tagesablauf, das schlechte Essen, die Pflicht alles aufzuessen, dass dauernde Eingesperrtsein, die kurze Ausflüge, die Pflicht im Bett zu bleiben, besonders zur Mittagsruhe, der grosse Schlafsaal, das Zurückbehalten der Post, schreibst, kann ich alles bestätigen.
Nach dem Aufenthalt (ca. 6 Wochen) war ich von einem frechen, aufgeweckten, unbeschwerten zu einem schüchternen, in sich zurückgezogen Jungen mutiert.
Heute leide ich unter Depresssionen und Angstzuständen .... - 4) GudrunLiebe Elisabeth,
ich war 1967 auf Borkum zur Kur. Ich wusste den Namen des Hauses auch nicht mehr. Dank alter Postkarten und meiner Erinnerungen habe ich es gefunden. Es existiert heute noch als Teil einer anderen Einrichtungen. Die Bilder des Speisesaals haben bei mir sofort Erinnerungen ausgelöst. Gib die Suche nicht auf. Vielleicht war es das Adolfinenheim oder das Haus Santa Maria auf Borkum. Suche alte Fotos dazu. Es ist schlimm, was Dir passiert ist. Ich weiss heute nach den vielen Berichten, ich hatte noch viel Glück. Auch bei uns war es nicht schön, aber nicht so schlimm. Was ich aber tröstend finde, ich war nicht die Einzige der es so ging. Das gibt Kraft. Ich habe auch die gesamte Kinderheimzeit verdrängt. Ich habe weder Gutes noch Schlechtes damit in Verbindung gebracht. Es war wie weg. Langsam lüftet sich der Nebel. Auch die schönen Sachen kommen hoch. Meine Liebe zum Meer, das mir in schwierigen Situationen Kraft gibt und meine Fähigkeit mit Liedtexte zu merken bzw. mich mit Liedern zu trösten. Vor allem die Lieder aus dem Kinderheim kann ich immer noch. Sie haben mir wohl wie Dir auch geholfen. Die Einsamkeit, der Vertrauensverlust vieles hat mich geprägt. Ich wusste nie woher es kam. Je mehr ich mich damit auseinandersetze, je mehr verstehe ich mich jetzt. - 5) Elisabeth KallenbachIch wurde zusammen mit meiner Cousine 1970 mit 4 Jahren für 6 Wochen nach Borkum zur Kur geschickt. Ärztlicher Rat, weil wir angeblich zu dünn wären. An den Namen des Hauses kann ich mich leider nicht mehr erinnern, es war eine kirchliche Einrichtung, das Heim lag direkt am Meer, ein Leuchtturm in der Nähe, Großes weißes Haus ist in meiner Erinnerung.
Meine Mutter hatte mir versprochen, dass es ganz wunderschön wäre dort, und sie mir ganz viele Briefe schreiben würde und auch ich ihr doch schreiben sollte.
Tatsächlich war der Ort schön, direkt am Meer, Leuchtturm, viele Kinder. Aber dann zeigte sich sehr schnell, dass wir in einem Heim/ Gefängnis waren und unsere Wärterinnen Sadistinnen.
Ich erinnere mich vor allem an die Angst und die Wut über die Ungerechtigkeiten. Zuerst wurden ich und meine gleichaltrige Cousine getrennt, ich habe sie 6 Wochen nicht einmal sehen oder sprechen können, dann wurden wir im großen Massen- Schlafsaal einem Bett zugewiesen. Meines stand so, dass ich vor der "Wickelkommode" stand. Jeden morgen mussten dort, die Kinder, die eingenässt hatten ihr Bettzeug abgeben, wurden beschimpft, gedemütigt und bestraft. Ich hatte Angst, dass es mir auch passieren könnte, so schlief ich in der Nacht nur schlecht. Jede Nacht wurde das Neonlicht 2 x eingeschaltet und alle Kinder, die einen Strumpf an ihr Bett gebunden hatten (das war das Zeichen) wurden geweckt und mussten auf die Toilette gehen. Die Wärterinnen standen vor der offenen Toilette und beobachteten die Kinder, ob sie auch wirklich Pipi machen.
Es gab immer mal wieder Spitzen in den Po, es gab sehr schlechtes fettes breiartiges Essen, man musste aufessen, sonst musste man sitzen bleiben. Ich habe mich manchmal übergeben, dann musste ich dennoch weiter essen. Da ich nicht gut aß, durfte ich auch nicht spielen. Der Spielzeugschrank war einmal am Tag für die "lieben" Kinder zugänglich. Die anderen mussten ins Bett. Wir konnten den Schrank und die spielenden Kinder sehen. Ich habe nicht einmal spielen dürfen. Ich schrieb meiner Mutter jeden Tag einen Brief (ich konnte bereits schreiben und lesen), dass sie mich bitte abhole. Jeden Tag kam Post, aber es gab für mich keine Briefe, meine Mutter hat auch keinen meiner Briefe erhalten. Ich habe gedacht, dass sie mich vergessen hat und nie wieder abholt. Dabei wurden unsere Briefe einfach nicht weitergegeben, Sie hatte immer geschrieben. Mein Vertrauen zu ihr war zerstört.
Einmal am Tag durften wir spazieren gehen, an einem Seil, auf dem Steg, im Sand sah ich Muscheln, sah das Meer und durfte nichts aufheben oder mal die Füße ins Wasser stecken. Nur in Reih und Glied marschieren auf einem Holzsteg. Danach wieder schlafen. Das schönste war die Singstunde. Ich erinnere mich an die Lieder, die wir lernten bis heute, die gaben mir Halt und Mut.
Zum Abschied bekamen wir einen Plastikleuchtturm und buntbemalte Muscheln in einem Säckchen. Ich habe das Geschenk sofort weggeschmissen. Als ich wieder zuhause war, war ich fett, aufgedunsen, Still und traurig, aß aber nun gar nicht mehr und die kindliche Lebensfreude war weg.
Die Angst, die Einsamkeit, die Demütigung aber bleiben für immer und tauchen auch heute nach 50 Jahren immer wieder in den Gedanken auf. Essen ist mir nie wieder richtig lieb geworden. Meine Cousine hat es nicht verkraftet, sie starb in der Psychiatrie mit 40 Jahren, - 6) Elke1963/1964 Insel Borkum (ich war 5 J.) in unserem Schlafsaal konnte man nachts die Lichter des sich drehenden Leuchtturmes sehen. Grauenhafte Erinnerungen, Spritzen in den Po - Vitamine - du musst dicker werden, dabei war ich ganz normal, Bestrafungen stundenlang im dunklen, kalten Treppenhaus stehen, Essenszwang, Gemeinschaftsduschen Zwang - Panik und schreckliche Ängste, Demütigungen, schlafen, schlafen, schlafen. Geschenke die zum Geburtstag gesandt wurden - wurden verschenkt an andere weil man dies oder das - Taschengeld Null - Eselreiten versprochen - aber am nächsten Tag abgesagt - wegen ... du warst nicht artig Tomate nicht gegessen. Es war ein Alptraum - bis Heute - die Duschen auf dem Boden schmale Holzleisten und Eisendüsen oben an der Decke - vorher Panik und Angstmache - da in der Familie Menschen das KZ überlebt und nicht überlebt hatten - assozierte ich diese riesige Dusche mit dem Tod. Ich hatte Todesangst. Tagsüber allein im Riesenschlafsaal - nicht raus - ich sollte schlafen - Stubenarrest wegen der Tomate die nicht gegessen wurde - nachts lag ich wach - ich lag vorn rechts an der Tür und sah auf ein großes Fenster - Licht Leuchtturm - 1 x in den Dünen in 6 Wochen - NRW
- 7) GudrunMoin, ich war mit 7 Jahren von Mitte August bis Mitte September 1967 auf Borkum im Haus Oberhausen. Diese Zeit war für mich völlig aus dem Gedächtnis verschwunden. Nach dem Bericht im Fernsehen und dem Lesen der Berichte hier im Forum kommen die Erinnerungen wieder. Ich bin damals nach 6 Wochen schwerem Keuchhusten über die BEK zur Kur gekommen. Ich war zu dünn. Später hatte ich ein Leben lang mit Übergewicht zu kämpfen. Das Lebensmotto meiner Mutter war immer "nur nicht auffallen." Vielleicht hat mich das in der Zeit gerettet. Ich habe keine wirklich schlimmen Erinnerungen an diese Zeit. Prügeleien unter uns Kindern gab es glaub ich nicht. Alles, was nicht schön war, die großen Schlafsäle, das pappige Essen, dass aufgegessen werden musste, die Wegnahme der eignenen Sachen, vorgeschriebene Postkarten, das alles sind Dinge, die alle erlebt haben. Ich habe sie damals auch klaglos hingenommen. Nicht auffallen und durchhalten.Irgendwann war ich zwischendurch krank in Borkum, aber was , weiss ich nicht mehr. Ich hab auch nach der Rückkehr nichts erzählt. Wozu? Es war vorbei. Jetzt fange ich langsam an zu begreifen, wie sehr mich das dennoch geprägt hat und welche Spuren es inmeinem Leben hinterlassen hat. Genau dieses damals eingeübte Verhalten hat mich immer begleitet. Ich habe eine hohe Leidensfähigkeit entwickelt. Vielleicht ist dies auch das Trauma der Kindheit, was zu meiner schweren Fibromyalgie geführt hat, wie mir Ärzte immer sagen. Ich habe es bisher abgestritten, denn da war ja nichts. Aber vielleicht kann ich mit den langsam zurückkommenden Erinnerungen jetzt arbeiten. Ich würde mich freuen, wenn es hier noch mehr gäbe, die Erinnerungen an dieses Haus auf Borkum haben. Ich habe noch zwei Namen im Kopf (ohne Anspruch auf Genauigkeit), die mit mir dort waren: eine Helga Kobbe aus Celle ud eine Almuth Engel aus Gifhorn.
- 8) Heidi1965 in den Sommerferien war ich 12 Jahre alt. Meine Eltern fragten mich, ob ich zur Erholung ans Meer fahren wolle. Als "Wasserratte" sagte ich voller Freude ja zu Borkum. Ein Nachbarsjunge fuhr ebenfalls mit. Ich glaube, das Heim hieß Concordia.
Als wir ankamen, wurden wir in feste Jungen- und Mädchengruppen eingeteilt und erhielten eine Nummer, ich war 6 Wochen lang die 22.
Unsere Uhren wurden uns abgenommen - es gab im ganzen Kinderheim keine Uhren - sodass wir nie wussten, wie spät es war. Die eigene Kleidung wurde durch Heimkleidung ersetzt.
Wir gingen von da an überall hin in 2er-Reihen, immer mit der entsprechenden "Nummer" an seiner Seite. Auch auf die Toilette, ca. 5x am Tag; dazwischen durfte man nicht. Während die Schlange vor der Tür wartete, musste man zusehen, dass man einmal am Tag "groß" machte, was man abends in der Runde berichten musste, bzw. was von den "Fräuleins" vor dem Spülen kontrolliert wurde. Wer 3x nicht "groß" gemacht hatte, musste ein Glas Seewasser trinken.
Die Abendrunden waren sehr unangenehm. Die Tageskleidung kam in einen Beutel, die Unterhosen mussten wir umgedreht vor allen in die Mitte legen. Wer sie "schmutzig gemacht " hatte, wurde getadelt. Besonders schockiert war ich, als ein Mädchen dort zum ersten Mal ihre Regel bekam und man das natürlich auch sah. Auch sie wurde von unserm Fräulein als schmutzig beschimpft.
Mein Nachbarsjunge, ca. 8 Jahre alt, bekam eine Kinderkrankheit (Windpocken oder Masern...). Ihm wurden wiederholt Vorwürfe gemacht, die Krankheit eingeschleppt zu haben.
Gegessen wurde immer in den festen Gruppen. Es gab sehr oft Milchreis. Man musste alles aufessen, ggf. stundenlang vor dem Teller sitzen bleiben, sonst wurde man mit Bettzeit bestraft. Einmal bekam ich mit, wie ein Kind sein Erbrochenes aufessen musste.
Schlafen mussten wir in Schlafsälen, immer mit dem Gesicht zur Wand. Reden war streng verboten. Die Schlafzeiten erschienen mir endlos, auch nachmittags. Dabei war ich mittags gar nicht müde. Manchmal hatte ich den Eindruck, sie lassen uns zum Abendessen gar nicht mehr aufstehen. Aber wir konnten ja nirgends auf die Uhr sehen.
Unseren Eltern durften wir ca. 2-3 mal schreiben. Die Inhalte wurden zensiert, d.h. bei negativen Aussagen mussten wir die Karte neu schreiben mit "Textvorschlägen" der Fräuleins. Wer nicht gehorchte, dem drohte man, ihn/sie auf Kosten der Eltern nach Hause zu schicken.
Die Eltern schickten Päckchen mit Süßigkeiten. Wir durften sie lange nicht aufmachen; aber 2-3 mal durften wir das. Dann mussten wir uns alles, was wir mochten, auf einen Teller laden und auf einmal aufessen. Uns war kotzübel!
Meine Sehnsucht nach Baden im Meer konnte ich mir abschminken. Wir waren 2, höchstens 3 mal am Strand. Wir gingen in der Gruppe ins Wasser und mussten im Kreis angefasst bleiben. Eigene Schwimmbewegungen waren nicht erlaubt.
Als wir nach Hause kamen, glaubten uns die Eltern, da wir unabhängig voneinander das Gleiche berichteten. Sie bedauerten uns wegen der enttäuschenden Ferien. Leider hatten sie nicht den Mut, sich zu beschweren oder zumindest die AOK, die den Aufenthalt bezahlt hat, zu informieren. - 9) Robert BoeckerJahrzehntelang hatte ich nur einen sehnlichen Wunsch: Ich wollte wie John Rambo sein: die dicke Wumme in der Hand, Zwei Gürtel mit Handgranaten umgeschnallt und ein riesiges Messer zwischen den Zähnen. So wollte ich in Borkum von der Fähre steigen und das elende Haus Concordia in die Luft jagen.
Im Sommer 1970 war ich sechs Wochen in dieser Einrichtung, die von Cläre Meibert geleitet wurde. Ich hatte mich sogar gefreut an die See zu kommen. Doch was dann folgte war der Horror. Ich war der zweitgrößte in unserer Gruppe und hatte die Nr. 24 in dem weißblau-gestreiften Strickkäppchen, das wir tragen mussten sobald wir die "Anstalt" verließen. Wir schliefen mit 25 jungen in einem großen Raum unter dem Dach. Sprechen war natürlich verboten. Unsere Aufseherin schlief in einem Vorraum. Durch diesen mussten wir, wenn wir nachts auf einen der beiden Eimer mussten, die uns als Toliletten dienten. Die Aufseherin war dan immer sauer, wenn sie im Schlaf gestört wurde. Also hat man sich zehnmal überlegt, ob man auf den Eimer ging.
Wegen chronischer Bronchitis war ich über das Gesundheitsamt nach Borkum geschickt worden., Die meiste Zeit haben wir in einer Art Kellerverschlag die Zeit verbracht. Es gab dort Spielzeug nach Art von Lego. Wenn wir uns als Gruppe benommen hatten, rückte die Aufseherin Räder heraus, damit wir aus den Klötzchen Fahrzeuge bauen konnten.
Schlimm fand ich die gemeinsamen Gänge der 25köpfigen Gruppe zur Toilette. Abspülen durften wir nicht. Die Aufseherin kontrollierte die "Qualität" unseres "großen Geschäftes". Es gab drei Kategorien: Je nach Größe wurde in einer Liste ein Kreuz, ein Strich oder ein Punkt eingetragen. Je nachdem gab es anschließend Salzwasser zur Verdauungsförderung zu trinken. Von Zensur in den Briefen ist schon oft berichtet worden. ICh fühle noch wie heute meine Verzweiflung, dass ich unter den Blicken der Aufseherin schreiben musste "Wir dürfen nicht an den STrand weil wir nicht lieb waren". Wie gerne hätte ich meinen ELtern die Wahrheit geschrieben.
Es war erlaubt, zwei Pakete in den sechs WOchen geschickt zu bekommen. Irgendwann mussten wir aber schreiben, dass wir nur ein Paket bekommen durften. Warum? Niemand weiß es.
Die Sache mit den Paketen war auch ein Besondere. Die ankommenden Pakete wurden von der Aufseherin einkassiert. Je nach Lust und Laune entschied sich die Aufseherin ein "Zuckerfest" zu veranstalten. Dann wurden die Pakete geöffnet und er Inhalt an alle verteilt. Das war der wahre Kommunismus...
Ich könnte noch viel über diese Zeit erzählen, die sich in meinem Gehirn eingebrannt hat als wäre es gestern gewesen. Nur eines noch: Von Borkum bis Köln war es auch 1970 eine lange Zugfahrt. Ich muss den Leserinnen und Lesern dieses Forum nicht erklären, was ein Sunkist-Tütchen ist: Davon bekamen wir im HOchsommer genau ein einziges für die lange Zugfahrt.
Vielleicht kann der/die ein oder andere jetzt verstehen, warum ich gerne einmal John Rambo gewesen wäre. - 10) BeateGestern habe ich einen Bericht über die Verschickungsheime gesehen und bin so froh, dass endlich öffentlich darüber gesprochen wird. Ich hatte nie im Blick, dass natürlich noch unzählige Kinder außer mir damals traumatisiert worden sind.
Ich war 1969 im Alter von 6 Jahren für 6 Wochen in einem Heim auf Borkum. Ich war sowieso ein schüchternes Kind, der Aufenthalt da war so schlimm und furchtbar für mich. Die Trennung von meinen Eltern am Bahnhof werde ich nie vergessen. Ich wusste nicht, was man man mit mir vorhatte, dachte 6 Wochen lang, dass ich nie wieder nach Hause käme. Ich hatte nur Heimweh und Angst, weinte mich jeden Abend in den Schlaf. Auf einem Marsch machte ich in die Hose, weil ich mich nicht getraut hatte, zu sagen, dass ich zur Toilette musste. Als das entdeckt wurde, war es furchtbar. Ich musste auf dem Dachboden schlafen, habe nur noch geweint und geweint.
Den Geruch des Essens werde ich nicht vergessen, noch heute bekomme ich Beklemmungen, wenn ich Haferbrei und Pfefferminztee rieche.
Auch der Begriff "Borkum" löst immer noch Angsterinnerungen aus.
Als meine Eltern mich am Bahnhof wieder in Empfang nahmen, sagte eine Begleiterin zu meiner Mutter, so ein Kind wie mich könne man einfach nicht liebhaben. Mein Koffer war voll mit sauberer, nicht benutzter Wäsche.
Nach dieser "Kur" war ich ein angepasstes, harmoniesüchtiges Kind, immer darauf bedacht, bloß nie wieder weggeschickt zu werden. Das bereitet mir bis heute Probleme, auch beim Loslassen meiner eigenen erwachsenen Kinder, die indirekt auch an meinen traumatischen Erfahrungen leiden. - 11) AnnetteHallo alle miteinander! Auch ich wurde erst vorgestern durch Radio und Fernsehen auf die Initiative Verschickungskinder aufmerksam.
Ich war 1973 auf Borkum und habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie alle anderen hier.
Den vielfach beschriebenen Essenszwang habe ich auch erlebt. Mir wurde ein Teller Eintopf mit Speckwürfeln mehrfach vorgesetzt, weil ich den Speck vor Ekel nicht gegessen hatte.
Zwischen den Mahlzeiten durften wir spielen. Spielen lief so ab, dass Noppenbausteine auf dem Tisch ausgeschüttet wurden und man durfte sich daran bedienen und etwas bauen, im Sitzen, am Tisch, einsam, schweigend und unter strenger Aufsicht der Betreuerinnen. Reden, lachen und weinen war verboten.
In diese Zeit fiel Ostern. Die von den Eltern geschickten Süßigkeiten wurden reihum verteilt. Anderen etwas abgeben fand und finde ich eigentlich gut. Allerdings waren meine Süßigkeiten verteilt, ehe ich an die Reihe kam, was das immerwährende Heimweh sehr verstärkte, ich habe geweint und mir wurden - wie bei jeder vermeintlichen Regelmissachtung - Strafen und Aufenthaltsverlängerungen angedroht.
Unentwegt wurde uns gesagt, wir seien "ungezogene, böse" Kinder. Von den Betreuerinnen wurden nur Drohungen und Entwertungen ausgesprochen. Ich kann mich nicht erinnern, dass eine sich auf freundliche oder tröstende Weise einem Kind zugewandt hätte.
Wir mussten Kleidung des Heims tragen, so dass wir nicht einmal mehr die eigene Kleidung als etwas Vertrautes hatten.
Dass jetzt eine Auseinandersetzung mit diesem Thema erfolgt, finde ich sehr gut!
Annette - 12) Ingrid UtmannHallo,
im November 1964 war ich im Kinderheim "Sancta Maria" auf Borkum. 2 Tage habe ich gebraucht, um mich hier zu melden. Damals war ich 8 Jahre alt und die Erinnerungen erzeugen immer noch ein dumpf-trauriges Gefühl in mir.
Erst nach 46 Jahren konnte ich die Insel besuchen und stellte fest, dass das Haus noch existiert und nun für Mutter-Kind-Kuren genutzt wird.
Selbst habe ich keine körperliche Gewalt erfahren, aber der restriktiv-kaltherzige Umgang mit uns Kindern und die eingesetzten Methoden zur psychischen Unterdrückung erzeugten ein Klima der Angst. Sechs Wochen Heimweh, einmal in der Woche eine zensierte Postkarte schreiben, vorgegebene Toilettenzeiten und eingeteiltes "Klopapier", lautlose Mittagsruhe im Bett, der Zwang zum Essen, riesige Schlafsäle ......
Einige Kinder bekamen Päckchen, die sie nicht oder nur teilweise behalten durften. Das, was sie bekamen, wurde am Tisch aufgeteilt.
Ich habe nun einiges über die "Verschickungen" gelesen. Die angewandte "Pädagogik" scheint den Prinzipien der Adenauerzeit zu entsprechen....
Viele Grüße
Ingrid - 13) Claudia SohnsHallo Robert,ich habe die gleichen Erfahrungen gemach wie du.
Ich war 1978 mit meiner Schwester im gleichen Kurheim auf Borkum.
Ich war 6 u.meine Schwester 4.
Die blau-weißen Strickmützen kenne ich nur zu gut,ich war die Nummer 3.
Singend(wenn die bunten Fahnen wehen)mußten wir durch den Ort laufen.
Auch die Blecheimer vor der Türe sind mir gut in Erinnerung.
Eines nachts bekam ich Durchfall,habe es aber nicht mehr rechtzeitig auf den Eimer geschafft.Als Strafe mußte ich eine Jungenunterhose tragen.
Auch das Essen ist mir in Erinnerung.
Es gab öffter Milchreis.Wer sich nicht erbrochen hat mußte ihn aufessen.
Seid dieser Zeit kann ich weder Milchreis richen noch essen.
Ich könnte hier noch mehr erzählen aber das ganze wühlt mich sehr auf seid ich diese Seite u.den Bericht im Fernsehen gesehen habe.
Aber endlich weiß ich das ich mit diesen Erinnerungen nicht alleine bin. - 14) StephanieHallo Zusammen,
ich bin mit 6 Jahren nach Borkum geschickt worden, weil ich sehr dünn war. Das lief über die Barmer Ersatzkasse. Leider wissen auch meine Eltern nicht mehr, welches Haus es war. Ich erinnere mich an ein längliches Gebäude, nicht weit vom Strand entfernt. Meine Eltern sagten, ich ging als fröhliches Kind hin und kam völig verstört zurück. Leider erinnere ich mich nur noch an Kleinigkeiten. Das bisschen Taschengeld und Bonbons wurden mir genommen. Die kalten Hände sollten wir mit eiskaltem Wasser waschen. Irgendetwas war auch mit Gummistiefeln. Vor dem Aufenthalt trank ich gerne Milch, danach wurde mir schlecht, wenn ich sie nur roch. Ich weiß, dass irgendetwas beim Essen passiert ist. Ich weiß, dass nachts auch irgendetwas passiert ist, ich erinnere mich nur nicht mehr genau an was. Ich möchte das gerne ausarbeiten. Erinnert sich jemand an die Zeit Borkum 1975?
3 Jahre später wurde ich wieder verschickt, diesmal mit meinem kleinen Bruder (5 Jahre alt). Ich weiß, ich schrie, ich will dort nicht wieder hin. Ich schrie noch am Bahnhof. Meine Eltern sagten, im Glauben, dass es sich nur um Heimweh handelt, dass es doch diesmal nicht schlimm sei, diesmal sei ja mein Bruder dabei. Im Heim wurde ich von vielem isoliert, weil ich die einzig 9-jährige war. Wie komme ich an weitere Informationen, um die Lücken mehr aufzufüllen? - 15) Margret GröllHallo zusammen,
ich war 1965 als 8jährige 6 Wochen über Ostern im Haus Waldfriede in Bonndorf (Schwarzwald). Ich war ein blasses und dünnes Kind, so dass man meinen Eltern empfahl, mich in "Kur" zu schicken.
An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern. An das, woran ich mich erinnern kann, ist nicht positiv.
Gleich nach meiner Ankunft wurde mir mein Kuscheltier weggenommen, was für mich schmerzlich war.
Das Essen war äußert unappetitlich und wurde den Kindern regelrecht reingezwängt. Ich erinnere mich noch an ein kleines Mädchen, das in den Teller erbrach. Der Teller wurde nur teilweise gesäubert, neu gefüllt, und es wurde gezwungen, solange sitzenzubleiben, bis es aufgegessen hatte.
Zu Ostern hatte mir meine Mutter ein Päckchen mit Süssigkeiten geschickt, welches ich nur aus der Ferne gesehen hatte, es wurde unter den Kindern aufgeteilt.
Während meines Aufenthaltes erkrankte ich an einer doppelseitigen Mittelohrentzündung und kam somit auf die Krankenstation. Ich hatte keinen Appetit, und auch hier unterließ man es nicht, mich zwangszufüttern. Ich weiß noch, dass ich meine Frühstücksbrote versteckte und anschließend die Toilette herunterspülte. Zum Glück hat man es nicht bemerkt.
Die gemeinschaftliche Gewichtskontrolle blieb ebenso in meinem Gedächtnis. Das Ergebnis wurde jedesmal in die Gruppe hinausposaunt. Nach 5 Wochen hatte ich insgesamt 1 Pfund (!!!) zugenommen, und man war sichtlich enttäuscht.
Als mein Vater mich nach 6 Wochen am Köln-Deutzer Bahnhof in Empfang nahm, war er sichtlich erschrocken. Nach wie vor dünn, blass und die Haare ungepflegt.
Ich konnte mit 8 Jahren begreifen, dass man so mit Kindern nicht umgeht.
Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich nie wieder in eine derartige "Kur" geschickt werden möchte, was sie auch nicht mehr taten. Meinen Eltern habe ich jedoch später nie einen Vorwurf gemacht; sie waren ahnungslos über diese Zustände. Glücklichweise haben sich die Zeiten geändert.
Ich habe mir geschworen, meinen eigenen Kindern so etwas zu ersparen. 1993 habe ich zusammen mit meinem 5jährigen Sohn 4 Wochen eine Mutter-und-Kind-Kur auf Borkum verbracht. Diese Kur war insgesamt erfolgreich. Während dieser Zeit mußte ich oft an meine eigene Kur denken. - 16) UrsulaDas Heim auf Borkum war sicher das Adolfinenheim. Auch da konnte man ein Traumata erwerben. Strafen, weil man nicht zur vorgeschriebenen Zeit zum WC gegangen war, weil man ein Essen nicht aufgegessen hatte musste man stundenlang vor dem Teller sitzen. Weil man beim Schlafen nicht in die vorgeschriebene Richtung geschaut hatte, wurde man ohne Bettzeug auf einem Brett im Waschraum "deponiert" und so weiter ...... Schlimme Zeit.
- 17) Sofia JeltschHallo zusammen,
Meine Schwester und ich,waren in den 80ern in einer sogenannten Kur auf Borkum. Wir waren kurz zuvor mit unseren Eltern aus der DDR vertrieben worden, ich litt lange an einer Boruliose. Dort sollten wir uns erholen. Wir beide leiden heute noch unter den traumatischen Erlebnissen dort. Es ist unfassbar, wie Erwachsene Menschen, kranke und belastete Kinder absichtlich erniedrigt, verängstigt und alleine gelassen haben. Ich muss heute mit fast 40 immer noch weinen, wenn ich daran denke. Ich wünsche euch allen, alles liebe,
SOFIA - 18) B. MühlenHallo, mir war bis vor ein paar Tagen gar nicht bewusst das wir so genannt wurden. Ich war 2 mal weg, 1x Langeoog, Datum usw keine Erinnerung.
2x Borkum, Sancta Maria Kinderkurheim vom 3.6.-1.7.1980. Da war ich gerade 9 Jahre geworden.
Die Kindertransport- Karte liegt vor mir.
Auf Langeoog war ich mit meiner Schwester zusammen, auf Borkum auch mit meiner Schwester aber getrennte Gruppen.
Mein Bruder war auch 1x weg, kam verängstigt zurück und hat sich immer unter dem Tisch versteckt, nach Erzählungen meiner Mutter.
Ganz ehrlich, ich kann mich an nicht viel erinnern.
Ich weiss auch nicht ob ich die Kuren vermische.
Kaltes abduschen nackt mit Wasserschlauch, Nagelhaut schneiden, Läusekämmen, essen bis zum erbrechen. Wenn man nicht war wie gewollt wurde dies unverzüglich gezeigt und vorgeführt. - 19) AnneIch war 1982 auf Borkum im "Sancta Maria". Das Essen war regelmäßig sehr knapp bemessen und ich bin regelmäßig abends hungrig zu Bett gegangen und das, obwohl ein Ziel der Maßnahme eine Gewichtszunahme war. Zur Toilette durften wir nur nach den Mahlzeiten gehen, also 3x am Tag. Selbstverständlich wurde die Post zensiert und uns wurde gedroht für den Fall, das wir etwa Negatives über die Kur in unsere Briefe schreiben. Es waren sechs Wochen ohne Spaß und mit viel Zwang und Drohungen.
- 20) Kerstin T.Kinder-“Kurverschickung“
Meine Schwester, Jg, 1961, war mit 5 Jahren für 4 Wochen nach Borkum verschickt worden.Wegen andauernder Mandelentzündungen. Es war wohl ein Haus der Caritas, so erinnert sich meine Mutter. Sie war ein ruhiges Kind, hat nie etwas davon erzählt zu Hause. In dem Jahr darauf musste sie 2x längere Zeit alleine im Krankenhaus sein – hier hat meine Mutter mitbekommen, wie sehr sie gelitten hat unter der Trennung. Meine Eltern durften sie nicht besuchen.
Als ich, Jg. 1963, dann mit vermutlich 4 oder 5 Jahren eine heftige Masern-Erkrankung hatte, riet die Kinderärztin meinen Eltern zu einer erneuten Kinder-Kur-Verschickung. Diesmal von uns beiden.
Leider habe ich fast gar keine Erinnerungen daran, meine Kindheit ist ziemlich ausgeblendet bei mir. Auch wohin wir verschickt wurden weiß ich nicht und meine Mutter kann sich nicht erinnern. Vermutlich, so meinte sie, irgendwo nach Bayern. Vier Wochen.
Meine fast einzige Erinnerung daran ist, dass sie meine Schwester und mich getrennt und in unterschiedliche Gruppen gesteckt hatten. Obwohl meine Eltern bei der Beantragung darauf bestanden hatten, dass wir zusammen bleiben sollen. Als ich sie auf einem Spaziergang dann mal gesehen habe, wollte ich unbedingt zu ihr, aber ich durfte nicht. Komische Bilder habe ich im Kopf, von einem großen Schlafsaal, in dem ich immer Angst hatte. Ausser „Peter“ hatte die Aufsicht. Keine Ahnung ob es den gab oder wer das war. Immer gesehen und fest vor Augen habe ich bei diesem Thema einen großen Tisch mit Einteilungen, wo die Wäsche sortiert gelagert wurde. Musste man wechseln, wurde das oberste der jeweiligen Kleidungsart vom Stapel genommen, d.h. man bekam nie seine eigene Kleidung, sondern irgendeine. Und das ich im Bett bleiben musste, wenn ich „böse“ war, während die anderen Kinder raus durften zum spielen. Mehr eigene Erinnerungen habe ich an diese Zeit nicht. Beschäftigt hat mich diese „Kur-Zeit“ jedoch schon sehr lange, denn meine Mutter erzählte irgendwann mal beiläufig, dass ich mich danach sehr verändert hatte.
Vor der Kur war ich wohl ein fröhliches und lebhaftes Kind, ein Mama-Kind zudem. Nach der Kur war ich total verängstigt und eingeschüchtert, so erzählt sie, habe mich nicht getraut, mir irgendetwas selbstständig zu nehmen (vom Tisch, oder ein Obst oder eine Süßigkeit etc.), habe immer verängstigt gefragt. Besonders betroffen war sie davon, dass ich sie nicht mehr mit Mama angeredet habe und beide Eltern mit „Sie“. Von Mama-Kind konnte keine Rede mehr sein.
Und woran sie schließlich endgültig gemerkt habe, dass in der Kur einiges „komisch“ gewesen sein muss war, dass ich noch lange Zeit danach meine Puppen ganz schrecklich verdroschen hätte. Dabei hätte ich die Puppen angeschrieen: „Wenn du jetzt nicht artig bist und weiter schreist, dann...“
Meine arme Schwester bekam nach den 4 Wochen Mumps und musste, so entschied die Einrichtung mit der Kinderärztin, noch eine Woche länger bleiben als ich. Um mich nicht anstecken zu können. Mutterseelenallein blieb sie in der Krankenstation, bis meine Eltern sie dann abholen durften.
Die Mumps habe ich dann trotzdem bekommen. Und meine Schwester hat nie etwas von der Zeit erzählt.
Die Beschwerde meiner Eltern bei der Kinderärztin…. Wer weiß schon, ob dies irgendeine Folge hatte.
Aufgearbeitet oder „geheilt“ haben unsere Eltern dies mit uns nicht. Sie waren selber noch so jung. Mit Schlägen strafen gehörte auch zu ihrem eigenen Erziehungsprogramm – da wird man schon was gemacht haben um das zu bekommen… .Verschickt haben sie uns danach jedoch nie wieder.
Geblieben sind mir davon heftige Verlassensängste bzw. Ängste, Jemanden verlieren zu können. Streitbar bin ich geblieben und bei Ungerechtigkeiten fahre ich aus der Haut. Aber lieben….mich selbst oder Andere? Ein schwieriges Thema. Und welchen Anteil dieser „kleine“ Abschnitt an meiner Depressionserkrankung hat...ich weiß es nicht.
Alles Liebe für euch, die ihr auch betroffen seid. - 21) IsaHallo, ich war auch bei den Nonnen auf Borkum und erinnere mich an ein sehr strenges Regime. Ich war noch nicht in der Schule also muss da im Sommer 1968 gewesen sein. Mädchen und Jungen waren auf unterschiedlichen Etagen und unter Strafe getrennt, sprechen im Schlafraum war verboten und ich musste sehr lange vor der Tür im Gang stehen. An Strandspaziergänge in Reih und Glied von Nonnen begleitet erinnere ich mich auch. Insgesamt keine gute Erinnerung mit viel Heimweh.
- 22) ClaudiaHallo,
ich war im Oktober 1963 auf Borkum als 5jähriges Mädchen und hatte sehr starkes Heimweh gehabt und nächtelang nur geweint - ich wurde mit meiner Bettdecke auf den Gang geschickt und musste dort die ganze Nacht stehen. Ich weiß leider nicht mehr wie dieses Kinderheim auf Borkum hieß - es war sehr grausam und ich wurde jeden Tag dort gequält und über mein Heimweh machte sich die Gruppenleiterin nur lustig. Wenn ich heute den Geruch von Maggi Suppe rieche, werde ich immer sehr traurig und fühle mich sehr einsam und verlassen. In meiner Gruppe war eine Susanne 10 J., eine Ilka, eine Ilona - mehr weiß ich nicht mehr.
Liebe Grüße Claudia - 23) Michelle JaguschHallo.... ich bin heute durch einen "Zufall" auf diese Seite gestoßen. Ich unterhalte mich mit einer Freundin wieder einmal über meine Kindheit, keine Erinnerungen etc., da wird ihr später auf dem Laptop der Bericht über "Kinderverschickungen" angezeigt. Wir also in der Recherche...und ich nun hier gelandet....
Ich bin jetzt 56 Jahre alt, und war im Alter von 4 oder 5 Jahren (1968/69) für 6 Wochen entweder auf Sylt oder Borkum, Amrum..... Ich habe eine Erinnerung. Das Haus war direkt am Meer, bei Ankunft hatte ich in die Hose gemacht und bekam ein rote Strumpfhose irgendwie "geliehen"......
Es gibt ein Foto, wo ich in einem Kleid mit einer Nonne im "Spielzimmer" wohl stehe. Und ein Foto, wo wir alle auf den Steinen am Strand (Landzunge) sitzen . Es ist wohl kalt. wir tragen Mützen.
Evtl. haben mich die Nonnen auch Michaela genannt und ich habe geweint... Weil dies steht in meinen Papieren, jedoch wurde ich schon immer Michelle genannt.... Aber bei den Geschichten, die hier so beschrieben werden, und ich habe leider keinerlei Erinnerungen außer meiner "nassen Ankunft"...., ist ja alles möglich und vieles wurde wohl hart bestraft.
Vielleicht erinnert sich jemand.
Ich werde die nächsten Tage die Fotos suchen und einstellen. Bin leider gerade in Urlaub .
Fühlt Euch alle gedrückt.... Ich weiß gerade nicht was "schöner" ist. Keine Erinnerung, oder Erinnerung. Es ist unfassbar.
Michelle - 24) BrigitteIch war Anfang der 70er Jahre in einem Erholungsheim der Deutschen Bundespost auf Borkum. Ich habe nur schemenhafte Erinnerungen an diese 6 Wochen, zwei Erinnerungen sind mir prägend geblieben: ich musste im Essensraum/Saal Milchreis mit Zimt essen, auch wenn ich ihn nicht runterbekam. Dieses Gericht gab es 6 Wochen lang abends. Desweiteren sind mir die anderen Kinder sehr agressiv begegnet, wenn keine Aufseherin anwesend war. Im Waschraum ist mir ein Zahn ausgeschlagen worden, nach meiner Erinnerung von anderen Kindern.
Es erschien mir alles wie ein Gefängnis, ein Erziehungsheim/Waisenhaus im schlechtesten Sinne. Zuhause angekommen, war meine Mutter schockiert und hat sich bei dem Sozialdienst der Post beschwert, was erfolglos blieb. - 25) Gerd Rudolf ScholzIch wurde 1951 wegen latenten Untergewichts von der Bundesbahn-Kasse für 4 Wochen an das kath. "Erholungsheim" Santa-Maria auf Borkum geschickt. Der Aufenthalt war eine reine Katastrophe. Nur Versager: Die Nonnen, die Mitarbeiterinnen (etwa 15 Jahre alt), der Arzt und jegliches Personal.
Nach 4 Wochen wurde ich von den Nonnen in Emden-Außenhafen meinen
entsetzten Eltern übergeben. Ich hatte 41 Grad Fiber und brach etwa alle 15 Minuten zusammen. Die Nonnen hatten mich auf der Überfahrt durch viele Ohrfeigen wieder zum Bewusstsein erweckt.
Ich kam dann in Brake für 10 Wochen ins Krankenhaus wegen einer akuten Lungen-und Rippenfell-Entzündung. Bis zu meinem 21 Lebensjahr
musste ich jährlich zu einem Lungenfacharzt gehen, um mich röntgen zu lassen.
Als ich 1970 in den Schuldienst eintreten wollte, wurde ich wegen der Schatten auf der Lunge zunächst nicht zugelassen.
Mehr morgen.
Vg G. S.
- 26) RalfIch erinnere mich noch genau an meine Zeit in der Kinderkur im Adolfinenheim auf Borkum 1976. Es war nach dem Tod meines Vaters das zweitschlimmste traumatisierende Erlebnis meiner Kindheit. Wie auch aus anderen Heimen berichtet wurde, mussten Kinder die das ungenießbare Essen erbrochen hatten auch hier ihr Erbrochenes wieder essen. Ich selbst habe dies zwar nicht gemusst, kann es aber aus meiner Erinnerung bestätigen. Auch dass uns das Taschengeld von den Erzieherinnen gestohlen wurde kann ich bestätigen. Ich hatte damals von den Eltern und Großeltern bestimmt um die 100 DM bekommen. Diese hatte sich meine Erzieherin Frau Wesseling schnell eingesteckt, nein wir wollen die richtige Bezeichnung nennen, gestohlen. An ein Erlebnis kann ich mich besonders gut erinnern weil es mich bis heute nicht loslässt. Ich hatte mit dem Essen gespielt und wurde von einer Erzieherin unsanft am Oberarm gepackt und auf den Flur geschleift. Ich dachte zuerst hier muss ich jetzt warten bis die anderen Kinder gegessen haben und freute mich schon heimlich den Drecksfraß nicht mehr essen zu müssen. Doch das sollte nicht alles sein. Plötzlich kam die Erzieherin (Namen weiß ich leider nicht mehr) mit einem Rohrstock zurück. Nahm meine Hand am Handgelenk und schlug mir mehrmals mit diesem Rohrstock auf die Handfläche. Zuerst war ich so erschrocken und überrasch, dass ich den Schmerz nicht sofort gespürt hab, denn von zu Hause kannte ich keine Schläge. Doch schnell war ich in der Realität angekommen und merkte den stechenden Schmerz der sich durch den ganzen Arm zog. Es waren nicht ein paar Schläge, nein aus meiner Erinnerung meine ich, dass es minutenlang so ging. Ich dachte sie hört gar nicht mehr auf und meine Hand fällt ab. Als die Erzieherin endlich aufgehörte und ich schon ganz schön verheult war, tippte sie mir mit dem Finger auf die Nase, wuschelte meine Haare und sagte; ich werde es nie vergessen: „Na junger Mann, das Lustige ist, dass zu zwei Händchen hast“. Danach nahm sie meine andere Hand die nun auch mit dem Rohrstock malträtiert wurde. „Oh ja, schrei schön laut damit alle wissen was mit Kindern passiert die mit dem Essen spielen“, sagte sie. Meine Handflächen waren danach richtig rot und geschwollen und die Striemen waren noch am nächsten Tag gut zu sehen.
- 27) WolfgangIn den 70er-Jahren war ich wegen meines Asthmas zwei mal für jeweils 6 Wochen in einem "Kindererholungsheim". Zuerst auf Borkum (im Alter von 5 oder 6 Jahren) und dann in Sankt Peter Ording (wohl mit 7 oder 8). Leider erinnere ich mich nur noch bruchstückhaft an viele schlimme Erlebnisse. In welchen Heimen ich konkret war, weiß ich leider nicht.
Schon die Zugfahrten waren furchtbar. Man wurde einfach zu wildfremden Leuten ins Abteil gesetzt, die dann gefragt wurden, ob sie ein wenig aufpassen könnten. Zu trinken gab's nichts. Nur eine Tüte Gummibären "gegen den Durst". Das in den Heimen Essen war mies, ich hatte entsetzliches Heimweh und wurde behandelt, als wäre ich ein Möbelstück. Die Betreuerinnen auf Borkum mussten wir "Tanten" nennen. Dabei hatten sie uns nur Kaltherzigkeit und Erniedrigung zu geben. Die Betreuerinnen in Sankt Peter Ording waren auch nicht besser. Ich erinnere mich nur an tiefe Traurigkeit, viel Heimweh, das Gefühl des Ausgeliefertseins und des Alleinseins. Briefe nach Hause wurden zensiert. Und mir ist es bis heute ein Rätsel, warum meine Mutter mich ein zweites Mal in Kur schickte, obwohl doch die erste Kur schon grauenhaft war und das Heim auf Borkum wegen der unhaltbaren Zustände wohl zwischenzeitlich geschlossen worden war.
Wenn ich in den Berichten der anderen von Missbrauch und Misshandlung lese, scheine ich es allerdings noch recht gut getroffen zu haben. Was mich allerdings sehr ärgert ist die Ignoranz, mit der dem Thema begegnet wird. Offenbar möchte man es nicht so genau wissen (so wie damals anscheinend auch meine Mutter). Niemand scheint ernsthaft gegen die Zustände vorgegangen zu sein. Auch heute wird versucht, abzublocken. Die Stadt Sankt Peter Ording lässt sich bspw. auf einer Webpage u.a. über die Geschichte der "Kindererholungsheime" aus und bedauert, dass sie heute nicht mehr existieren, wo doch über 44.000 Kinder Gesundheitsprophylaxe und Erholung gefunden hätten. Niemand will Verzeichnisse besitzen oder noch lebende Verantwortliche kennen. - 28) Birgit SkogHej, ich war ungefæhr 1975 als 10 jæhrige in einem kurheim auf Borkum. Meine Erinnerungen daran sind nicht die besten. Denke an dicken hafersuppe, einen grossen speissesal, mussten um 5 uhr ins Bett, rote jogginganzuege, lieder fuer die leiterin singen und vieles mehr. Ich wohne jetzt schon 30 jahre i Dænemark aber diese wagen Erinnerungen haben mich nie verlassen.
- 29) BrittaHallo zusammen.
Ich muß so 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein. Bin 1963 geboren, also 1968 oder so.
Ich war auf Borkum in einem Heim, wie es hieß weiß ich leider nicht. Jedenfalls wurde dieses auch irgendwann geschlossen wegen den schlimmen Zuständen.
Woran ich mich erinnere ist folgendes:
Das Taschengeld das wir mitbekommen haben wurde sofort einkassiert und am Ende diese 6 schlimmen Wochen bekamen wir einen kleinen Betrag zurück und mußten für die Eltern Geschenke kaufen. Ich habe meiner Mutter eine kleine Schmuckdose aus Muscheln kaufen müssen. Diese hat sie heute noch ????
Nachmittags sind wir mit einer Betreuerin zu Meer gegangen und sie hat mit einer Metallkanne Wasser aus der Nordsee geholt. Am folgenden Tag mußte jedes Kind das Salzwasser trinken, einen Becher voll.
Auch gab es ständig Milchreis mit Zimt, auf Plastikteller. Wir mußten die Teller sehr sauber kratzen, so dass auch das Plastik von der Tellern abrieb. Es schmeckte gräßlich. Manche mußten sich auch übergeben, am Tisch. Wir durften nichts machen und mußten tatsächlich weiter essen. Mein Gegenüber hat sich übergeben müssen, das gelang auch auf andere Teller. Das mußte natürlich auch alles aufgegessen werden.
Ansonsten weiß ich nicht viel, aber das reicht mir bis heute. Ich arbeite momentan alles auf.
LG Britta - 30) Dorothea HarrerIn meinem Elternhaus habe ich vor ein paar Jahren sämtliche Briefe gefunden, die ich (1952 geb.) an meine Eltern aus drei verschiedenen Kinderheimen geschickt habe (Borkum 1959 knapp 7-jährig, Scheidegg 1961 9-jährig, Wallgau 1964 12-jährig). Meine Erfahrungen waren sehr unterschiedlicher Art. Scheidegg war übel.
Aber ich habe nicht nur die Briefe von mir, sondern auch sämtliche Briefe gefunden, die meine Eltern an mich geschickt haben. Es sind Zeitzeugnisse.
Alle Briefe habe ich in den Computer getippt (mit Erklärungen) und würde sie gerne veröffentlichen (ca. 170 Seiten). Hat jemand eine Idee oder kennt jemand einen Verlag, der bereit wäre?
Ich habe damals schon gerne geschrieben und tue es heute auch noch. Im November ist mein zweiter Gedichtband erschienen: 'Füße im Tau'
Der erste Gedichtband: 'Wäre da nicht der Amselgesang' wurde im Selbstverlag ein paar Jahre vorher verlegt, wie auch eine wahre Zahngeschichte 'Odyssee Dental' als e-book.
Ein autobiografischer Roman wird folgen.
Auf das, was sich entwickeln und kommen wird, bin ich gespannt.
Dorothea Harrer - 31) Marion EimersHallo zusammen,
Habe mit großem Interesse jetzt von dieser Initiative erfahren.
Ich bin fast 58 Jahre alt und als Kind dreimal verschickt worden, mit 4 nach Langeoog, mit 9 nach Oberstdorf und mit 11 Jahren nach Borkum. Namen, weder von Heimen noch Betreuern, kann ich nicht benennen.
Meine schlimmsten Erinnerungen habe ich an das Heim in Oberstdorf. Dort wurden Kinder geschlagen, wegen Nichtigkeiten, und auch gezwungen, Erbrochenes zu essen.
Ich fände es gut, wenn über die Hintergründe dieser Verschickung mehr heraus gefunden würde.
Was ging in den Eltern vor, die ihre Kinder teilweise so im Stich ließen und sich über ihre Gefühle hinwegsetzten ?
Die dritte Verschickung erfolgte klar gegen meinen Willen.
Liebe Grüße an alle Betroffenen
Marion - 32) Clarissa BaillonIch war 1961 Dezember im Kinderhaus Santa Maria in Borkum ich kann auch nur bestätigen - Kinder wurden misshandelt , das Essen war ein Horror und wenn man erbrochen hat solange essen bis der Teller Lehr war egal ob mit oder ohne kotze. Nachts aufs Klo war verboten wer ins Bett pinkelte musst nachts im Dunkeln auf der Treppe den Nonen die Schuhe putzen in der Küche arbeiten - als 6 und 7 jährige Kinder. Briefe an die Eltern wurden geöffnet und weggeschmissen Nikolaus Pakete verteilten die Nonnen unter sich! Sehr viele der Kinder In meiner Zeit ? wurden krank und total gestört. Ich war lange Zeit in psychologischer Behandlung . Diese Nonnen waren bösartig und eine Schande für alles was mit Schutz und Gutem für Kindern sein sollte. Unglaublich heute zu erfahren wie oft dieses Vorgekommen ist und das keiner je zur Rechenschaft gezogen wurde. Ich habe nichts über Misshandlungen bei Santa Maria im Internet gefunden. Sind die bisher nicht entdeckt worden?.....
- 33) Carola KLOHSHallo, ich bin im Dezemder 1954 geboren und war 1960, kurz vor meinem 6sten Geburtstag, für 6 Wochen auf der Insel Borkum. Bis heute verfolgen mich diese 6 Wochen. Jahre habe ich diese Zeit verdrängt, aber statt endlich ganz zu vergessen, belasten mich die Erinnerungen an diese Zeit immer mehr. Je älter ich werde. Und wie man lesen kann, geht es wohl vielen so. Das Bild von dem Mädchen, welches bei "Frühstück" oft weinte, weil sie die graue Pampe nicht mochte, sich dann erbrach und gezwungen wurde weiter zu essen, hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Auch der Schmerz den ich aushalten musste und die Ängste sind mir noch gegenwärtig. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich dort Nr.3 war. Eine Nummer. Ich weiss leider nicht mehr wie das Heim geheisen hat. Der Name " Adolfinenheim" kommt mir bekannt vor, aber nur eine Ahnung. Meine Mutter ist fast 90zig und dement, von Ihr kann ich keine Informationen bekommen. Viele Grüsse an alle Carola
- 34) SilkeHallo Klaus, bitte wende dich an unsere Borkum-Gruppe unter "Heimort-Vernetzung".
- 35) KlausIch bin Jahrgang 1959 und wurde im März/April 1964, also mit 4 Jahren, zur Kur nach Borkum verschickt. Im Zug habe ich meiner Mutter noch gesagt, dass ich tapfer sein und nicht weinen werde.
Warum ich dahin geschickt wurde, weiß ich nicht. Meine Eltern haben es mir bis zuletzt nicht verraten. Nur Andeutungen, dass es sein musste usw.
Ich habe kaum noch Erinnerungen an diese Wochen. Ich kenne weder den Namen der Einrichtung, noch den irgend eines der Betreuer bzw. Betreuerinnen.
Ich weiß noch, dass morgens noch im Bett mein Oberkörper mit Meerwasser abgerieben wurde.
Nachts habe ich wohl regelmäßig eingenässt. Das wurde auch meinen Eltern geschrieben.
Ich kann mich noch erinnern, dass ich in einer Badewanne ins Wasser geschissen habe.
Aber eigentlich war ich zu der Zeit schon "stubenrein".
Ich kann mich an Augenblicke am Strand erinnern. Ich weiß noch, dass es verboten war, beim essen zu sprechen.
An Strafen kann ich mich nicht erinnern.
An andere Kinder kann ich mich nicht erinnern.
Meine beiden jüngeren Geschwister und meine ältere Schwester wurden nie verschickt.
Gibt es noch Möglichkeiten heraus zu finden, warum und wo ich damals war?
Grüsse
Klaus - 36) SilkeIch wurde 1973 mit 10 Jahren für sechs Wochen von Nordrheinwestfalen ins Kinderkurheim Kiebitzdelle auf Borkum verschickt. Solchen Foltermethoden, von denen viele Verschickungskinder berichten, war ich nicht ausgesetzt, und dennoch leide ich bis heute unter den Folgen des erdrückenden Systems und der persönlichen Demütigungen. Ich bekam außerdem die Behandlung einer Fünfjährigen mit, die Heimweh hatte, und wurde in deren Abwertung verwickelt.
Nach dem Kongress auf Sylt habe ich plötzlich zwei meiner Briefe aus dem Heim gefunden. Sie lösten noch einmal einen Erinnerungs-Schub aus, obwohl sie - oberflächlich gesehen – wenig mit meiner bedrückenden Erinnerung gemein haben: Ein Zauberer muss dort gewesen sein, es gab viele Tiere rund um das Haus, wir wurden auf eine Inselrundfahrt mitgenommen und gingen ins Wellenbad. Ich erinnere mich dagegen an viele Details, die den Aufenthalt für mich zu einer persönlichen Tortur machten:
Zunächst einmal ist es seltsam, dass ich überhaupt auf so eine „Kur“ geschickt wurde, denn bei Familienurlauben an der Ostsee haben wir immer mal Gruppen von Verschickungskindern mit Schildern um den Hals gesehen, die von meiner Mutter als bemitleidenswert betrachtet wurden. Als es bei mir so weit war, schien das aber ganz etwas anderes zu sein. Was genau der Grund für die Kur war, weiß ich nicht mehr, ich glaube, dass ich vorher eine Mandeloperation hatte. Ansonsten war ich nicht besonders oft krank, auch nicht unter- oder übergewichtig.
Mit meinen zehn Jahren kannte ich Jugendfahrten von Kirchen-Freizeiten und hatte vorher nie mit Heimweh zu tun. Meine Mutter hatte mir die Kur als einen tollen Urlaub in den Dünen ausgemalt, und ich hatte mich darauf gefreut. Beim Kofferpacken war ich in freudiger Erwartung. Ich weiß, dass wir für ein neues weißes Sweatshirt mit einem Mickeymouse-Aufdruck einpackten und dass ich eine eigene Dose Nivea-Creme bekam. Außerdem lernte ich extra noch, meine langen Zöpfe selbst zu flechten. Mein Vater gab mir eine alte Armbanduhr mit auf die Reise, auf der man das Datum ablesen konnte. Die wollte ich verwenden, um in einem Tageskalender für meine Mutter die Erlebnisse auf Borkum aufzuschreiben. Ich war fröhlich auf der Zugfahrt, fühlte mich groß und unabhängig und saß stolz im Abteil mit einer Gruppe gleichaltriger Jungen, die auch nach Emden zur Fähre fuhren. Ein Schild um den Hals mussten wir nicht tragen.
Mein Fall von dem Höhenflug begann bei der Ankunft im Heim, als die Anzahl der Jungen und Mädchen jeweils in der Mitte in „Große“ und „Kleine“ eingeteilt wurden. Ich lag altersmäßig auf der Mitte und kam in die Gruppe der „kleinen“ Mädchen. Diese Zuordnung hatte eine Reihe von Einschränkungen zur Folge, die mich in den nächsten Wochen immer weiter in eine Haltung von Scham, Schuld und Angst hineinbrachten:
1. Die „kleinen Mädchen“ mussten vor dem Abendessen den Schlafanzug anziehen und so zurück in den Essensraum kommen – gleich am ersten Abend schämte ich mich fürchterlich, denn die Jungen, mit denen ich vorher im Zug gesessen hatte, saßen nun am Nebentisch komplett angezogen. Hätte ich doch wenigstens einen Bademantel gehabt wie einige Andere! Aber der hatte nicht auf unserer Liste gestanden, an die meine Mutter sich genau gehalten hat. Ich fühlte mich total entblößt mit meinem Schlafanzug im Essenssaal.
2. Die „kleinen Mädchen“ durften sich ihre Wechsel-Sachen nicht selbst aus dem Schrank nehmen, der auch im Flur entsprechend erhöht war. Unsere „Tante Elisabeth“ stand einmal die Woche auf der Leiter, um uns nach ihrem Geschmack etwas für die Woche auszusuchen, und wir bettelten von unten um unsere Lieblingsstücke – ich immer wieder um mein neues weißes Sweatshirt. Ich bekam es erst in der letzten Woche.
3. Das Schlimmste aber war das Duschen, für das wir nackt aus unseren Zimmern über den Flur laufen mussten. Dort wurden wir dann von der Tante abgeduscht. Ich erinnere mich noch, wie ich beim ersten Mal mit einem anderen Mädchen im Zimmer hockte und wir uns nicht trauten, das Zimmer nackt zu verlassen. Die Tür zum Essenssaal stand offen und auf der andern Seite war der Jungenflur. Überhaupt waren wir von zu Hause nicht gewöhnt, außerhalb des Badezimmers nackt herumzulaufen. Aber es half nichts. Wir sollten uns nicht „so anstellen“ und wir mussten uns überwinden. Aus Spaß stellte Tante Elisabeth dann auch schon mal das Wasser kurz kalt und freute sich über unser Geschrei, aber das nur nebenbei.
Die Gruppenleiterinnen waren gar nicht so alte harte Frauen wie die, von denen andere Verschickungskinder berichten. Im Gegenteil, unsere „Tante Elisabeth“ war sogar noch sehr jung und fröhlich – gut möglich, sie machte diese Gruppenleitung der „kleinen Mädchen“ als Ferienjob. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn es ehemalige Verschickungskinder gäbe, die sie positiv in Erinnerung haben. Irgendwie wirkte sie ganz lässig, und ich bewunderte zum Beispiel auf unseren Strandwanderungen ihre coolen „Boots“ – habe wohl diese Bezeichnung sogar da zum ersten Mal gehört. In meinen Briefen spreche ich seltsamerweise von „Frl. Elisabeth“ oder nenne sie sogar mit Nachnamen, aber ich weiß genau, dass wir sie im Heim „Tante“ nannten. Wahrscheinlich war es mir gegenüber meinen Eltern peinlich, dass wir so „kindisch“ behandelt wurden. Ich erinnere mich jetzt auch, dass mir später die Tanten-Bezeichnung mal rausgerutscht ist und meine Mutter sich darüber wunderte.
Die Creme, die auf meiner Einpackliste gestanden hatte, wurde schon am Anfang eingesammelt. Ich kam ja überhaupt an meinen Koffer und meine persönlichen Sachen gar nicht mehr heran. Immer vor dem Schlafengehen kamen wir in einem der Zimmer zusammen; dann (oder nur nach dem wöchentlichen Abduschen?) suchte Tante Elisabeth sich in unserem Beisein die Creme aus, auf die sie Lust hatte. Das war auch immer mit einer gewissen Wertigkeitszuschreibung verbunden. Aus der ausgesuchten Cremedose tupfte sie uns allen Punkte aufs Gesicht. Weil das so lustig aussah, knotete sie bei mir dazu noch die Haare über dem Kopf zusammen, damit alle etwas zu lachen hatten, und experimentierte überhaupt ganz gerne mit meinen Haaren herum. Im ersten der beiden wiedergefundenen Briefe schreibe ich meiner Mutter, dass ich mit dem „Kämmen“ zurechtkäme und „Frl. Elisabeth“ mir einen Zopf flechten würde; das sei „auch gut“. Ich weiß aber noch genau, dass ich die Zöpfe selbst flechten wollte, wie ich es geübt hatte, und das nicht durfte. Offenbar waren wir der Tante als Spielpuppen überlassen worden.
Das jüngste Mädchen in meiner Gruppe war erst fünf Jahre alt und ich erinnere mich sogar an ihren Namen. Sie war die erste Zeit mit mir in einem (Dreibett-?)Zimmer und hat immer geweint. Deshalb nahm man ihr zur Strafe das Schmusetier ab – einen Frosch, von dem ich auch noch eine genaue Vorstellung habe. Wir anderen wurden in einer Art Gruppensitzung informiert, J. würde nur deshalb dauernd herumheulen, weil sie zuhause schrecklich verwöhnt würde; das sei widerlich, deshalb könnte sie sich hier nicht einfügen und man müsse ihr das abgewöhnen. Wir sollten uns auf keinen Fall um sie kümmern, denn sie wolle nur Aufmerksamkeit und dürfe nicht immer ihren Willen bekommen, dann höre das nie auf. Sie weinte also nächtelang in unserem Zimmer und wir trösteten sie nicht. Man hatte uns zu Mittäterinnen gemacht. „Trotz“ dieser Abhärtungskur hörte J. nicht auf zu weinen, wurde krank und dann tatsächlich abgeholt. Ich sah ihre Eltern am Eingang und fragte mich die ganze Zeit, wie ich das auch schaffen könnte, aber man durfte ja nicht „verwöhnt“ wirken.
Mir selbst wurde ziemlich schnell die geliebte Uhr (Zeichen meiner Größe und Unabhängigkeit) abgenommen, weil ich sie zweimal im Waschraum vergessen hatte. Auch hier half kein Flehen, dass ich sie doch dringend zum Tagebuchschreiben bräuchte – ich sollte lernen, dass man nichts liegenlassen darf und bekam sie erst zur Abreise nach sechs Wochen zurück.
Beim wöchentlichen Schreiben der Briefe und Postkarten nach Hause wurde uns gleich mitgeteilt, dass die Post kontrolliert würde und wir nichts Schlechtes schreiben dürften, um unsere Eltern nicht traurig zu machen. Die Umschläge mussten offengelassen werden. Immer überlegte ich, wie ich beim Spaziergang einen Hilferuf an meine Eltern in einen Briefkasten werfen könnte, aber ich hatte ja nicht einmal eine Briefmarke und schon gar kein Geld (unser gesamtes Taschengeld wurde am Anfang eingezogen). Außerdem wollte ich eigentlich auch meine Eltern nicht so enttäuschen und schrieb selbst in das Tagebuch für meine Mutter nur Belanglosigkeiten über nette Dünenspaziergänge. Bei den frühen Zubettgehzeiten und während der „Mittagsschläfe“ war ja genug Zeit zum Nachdenken, aber ich kam trotzdem nicht dahinter, warum es mir überhaupt so schlecht ging.
Wegen der Peinlichkeit mit dem Schlafanzug riskierte ich in einem Brief die wohlüberlegte Bitte, mir doch einen Bademantel zu schicken, weil mir abends kalt sei. Dieser kam aber nicht. Meine Mutter erzählte mir später, sie habe im Heim angerufen, man hatte ihr aber versichert, es sei warm genug im Essensraum, was ja auch stimmte. Mit mir sprechen durfte sie nicht. Mein zweiter wiedergefundener Brief beginnt gleich mit der erneuten Bitte um den Bademantel, jetzt schon flehentlich, fast anklagend. Überraschend, dass auch dieser Brief durch die angekündigte Zensur gegangen ist. Es geht daraus auch hervor, dass meine Mutter mich wohl auf eine Trainingsjacke verwiesen hat – diese war aber in meinen Sachen nicht mehr auffindbar.
Wirklich schlimm und traumatisch für mich wurde ein Dünenspaziergang, bei dem „Tante Elisabeth“ angeblich etwas vergessen hatte und ich es holen sollte – ein Vorwand, wie sich zeigte. Als ich zur Gruppe zurückkam, sagte sie, sie habe in der Zwischenzeit mal mit den anderen über mich gesprochen, weil ich ja gar keine Freundin gefunden hätte und mich so schlecht einfügen würde. Sie hätte die anderen mal gefragt, was sie an mir stört. Was ich denn selbst denken würde, was der Grund dafür sei. Ich wusste darauf nichts zu sagen, denn mir war gar nicht aufgefallen, dass ich „keinen Anschluss“ hatte. Die Tante meinte jedenfalls, irgendetwas sei eben „komisch“ mit mir. Und ich sollte mal darüber nachdenken. Das tat ich dann auch - die nächsten Jahre meines Lebens – vorerst aber bemühte ich mich um die anderen Mädchen, um nicht mehr weiter dem Vorwurf der Freundinnenlosigkeit ausgesetzt zu sein. Meine angebliche Seltsamkeit sollte wenigstens nach außen kaschiert werden. In meinem zweiten Brief nach Hause zähle ich lang und breit alle Namen der Mädchen auf, mit denen ich angeblich „befreundet“ sei, und wie nett alle wären.
Meine Mutter hatte sich einfach strikt an die Anweisung der BEK gehalten, keine Pakete zu schicken. Deshalb bekam ich auch zu Ostern kein Paket wie die meisten anderen Kinder. Im Essensraum zu sitzen und beim Auspacken zuzusehen, war schrecklich. Bisher hatte ich mich immer behütet gefühlt, und nun sah es so aus, als würde sich niemand um mich kümmern. Die Kinder mit Süßigkeiten mussten uns armen unversorgten Kindern etwas abgeben – als ob es bei diesem Problem um Naschereien gegangen wäre. Die Almosen machten die Scham nur noch schlimmer. Dabei hatte meine Mutter mir das mit den Paketen erklärt, ich wusste, dass ich nicht einfach vergessen worden war. Das Schlimme war die Erniedrigung vor der Gruppe. Erst nach Wochen kam endlich doch noch eine Reisetasche mit dem Bademantel an – und auch einigen versteckten Süßigkeiten, die ich nun im Zimmer teilen konnte.
Einen weiteren Einbruch für meine Kinderseele gab es, als aufflog, dass ich an meinem Bett die Tapete abgerissen hatte. Ein ganzer Haufen kleiner Fetzen wurden beim Putzen darunter gefunden. Die Tante machte bei der Strafpredigt keinen Hehl aus ihrer Vermutung, dass dies als ein weiteres Zeichen für meine angebliche Seltsamkeit oder geradezu Gestörtheit zu werten sei. Ich begann nun auch selbst daran zu glauben, obwohl ich in der Schule nie irgendwie auffällig gewesen war.
Bei einem der letzten Abendrunden in einem der Schlafräume kam es zu einer ähnlichen Ansprache wie bei dem Dünenspaziergang. Schon öfter war uns mit einem „Bericht“ an unsere Eltern gedroht worden, der über jede von uns geschrieben werden würde. Nun war die „Kur“ bald zu Ende – aber kein Grund zum Aufatmen! Ich sollte zuerst wieder selbst sagen, was Tante Elisabeth wohl in meinen Bericht schreiben würde. Immerhin konnte ich ja inzwischen Freundinnen vorweisen. Aber das Vergessen der Uhr, das Abreißen der Tapete und die Lüge wegen des Bademantels wurden dennoch als Anzeichen dafür dargestellt, dass ich mich nicht in Gruppen einfügen könnte – jedenfalls behauptete die Tante, dass sie das so schreiben würde. Wochenlang hatte ich nach meiner Rückkehr Angst vor diesem Bericht – Anpassung war auch bei uns zu Hause ein hoher Wert. Dabei haben meine Eltern diesen Bericht (angeblich) nie erhalten.
Zu guter Letzt musste ich meine Eltern auch noch um eine Nachzahlung meines Taschengelds bitten, weil ich wohl beim Andenkenkauf zu viel davon ausgegeben hatte – ohne es selbst in Händen gehalten zu haben und ohne über vorherige Ausgaben informiert worden zu sein. Dennoch wurde mir diese Fehlorganisation von den Tanten als erneutes peinliches Versagen meinerseits verkauft, und ich war auch inzwischen so weit, das sofort anzunehmen.
Obwohl ich zu Hause niemals erzählte, wie es mir tatsächlich ergangen war – weil ich ja dachte, ich sei alles selbst schuld gewesen – müssen meine Eltern mir etwas angemerkt haben. Auch meine jüngere Schwester erinnert sich an die Familien-Erzählung, dass sie wegen meiner „schlechten Erfahrung“ auf Borkum selbst nicht zur Kur geschickt worden ist. - 37) Madeleine15Ich war ca. 1965 auf Borkum im Friesenheim,( hieß es so?), irgendwas mit ' Friesen', in der Nähe der Dünen. Wer war auch dort? Ich kann nicht behaupten, dass es traumatisierend war. Ich, aus Württemberg, konnte danach kein Schwäbisch mehr 🙂
- 38) Birgitt Voce-HommelIch heiße Birgitt, bin Jahrgang 1961 und war zur 'Kur' auf Borkum, im Heim Concordia. Wann genau, kann ich nicht sagen, ich denke das ich etwa 8 Jahr war. Seit ich den Artikel im Spiegel online gelesen habe, bin ich total aufgeregt, weil ich immer dachte, das die schlechten Erinnerungen daran nur durch meine eigene Wahrnehmung zustande kamen und ich bin erschüttert, wie vielen Anderen es genauso geht. Alle diese Bericht decken sich mit meinen Erinnerungen. Das Abnehmen persönlicher Dinge bei der Ankunft, das schlafen mit den Gesicht zu Wand, die Bestrafung von Einnässen im Bett mit Isolierung des Kindes und viele andere Erniedrigungen und Strafen. Jetzt ist die Erinnerung wieder greifbar. Auch ich bin erleichtert, das ich mit meinen Erlebnissen nicht alleine bin, denn es zeigt mir, das ich kein schlechts Kind war, so wie es einem im Concordia immer eingeredet wurde. Ich wünsche dir und allen Anderen viele Kraft, diese Erlebnisse zu verarbeiten.
- 39) SabineHallo zusammen,
ich war ca. 1974 gemeinsam mit meinem Bruder für 6 Wochen auf Borkum. Ich glaube, es war das Haus Concordia.
Vieles was ich hier lese ist uns und den anderen Kindern auch geschehen. Mein schlimmstes Erlebnis: Ein mit einer Zwangsjacke ans Bett gefesseltes Kind. In einem seperaten Raum. Warum, wie lange usw., daran kann ich mich nicht erinnern. ??? - 40) ute Schroeter-BongaertsHi, ich bin die Ute, die 1958 zur Erholung nach diversen Kinderkrankheiten mit 5 Jahren allein nach Borkum in das Heim MÖWENNEST verschickt wurde. Im Winter 1958 und über meinen Geburtstag am 15.2. Dieser Aufenthalt hat mich anfangs unbewusst, später bewusst mein Leben lang traumatisiert. Dort holte ich mir die Grundlage für meine späteren Blaseninfektionen und heutige Nierenerkrankung. Mit 5 Jahren nächtelang barfuß auf dem kalten Steinfußboden auf dem Flur stehen zu müssen, weil beim "Schlaftest" angeblich festgestellt wurde, dass ich nur so tat als ob ich schliefe...….Es folgten Blasenerkältungen mit Bettnässen und anschließendem Bloßstellen mit Herumtragen und Demonstrieren der nassen Schlafanzughose.Die Zeit war geprägt von Angst, was sich in meinem späten Leben als Angst- und Panikerkrankung manifestierte.
Ich wurde gezwungen trotz Panik und Atemnot die "angemessene " zeit in einer verriegelten Sauna zu verbringen trotz Weinens. Geblieben ist mir davon mit 67 J. heute eine Panik vor jeglicher Form von geschlossenen Räumen besonders im Sommer. Ich kann Sommer nur mit Klimaanlage verbringen und gehe bei Temperaturen ab 26 Grad nicht ins Freie. Meine therapeutische Aufarbeitung ergab, dass die Wurzeln hierfür in dem Heimaufenthalt im Möwenheim liegen. Es gäbe noch eine Menge von schlechten Erinnerungen zu schildern. Für heute reicht es. - 41) Erhard WischmeyerIch war als 11-jähriger im Kinderkurheim Sankta Maria auf Borkum in der Gruppe K1b unter dem Oberkommando von Schwester Martina. In Erinnerung geblieben ist mir eine mehrstündige Nachsitzung vor einem großen Teller Milchreis, obwohl ich angekündigt hatte, kein Milchreisfan zu sein. Die Nachtruhe ab 19 Uhr war ebenfalls sehr ungewohnt für mich. Alles in allem sechs Wochen, die man nur unter dem Kapitel "Lebenserfahrung" abhaken kann.
- 42) BoerriesHallo zusammen,
ich bin heute durch eien SPIEGEL Online Artikel auch Euch aufmerksam geworden.
Ich bin Jg. 1963 und war im Herbst 1969 noch vor meiner Einschulung für 6 Wochen auf BORKUM (ich glaube im Concordia Heim). Es war eine Zeit die ich lange ganz tief begraben hatte. Ich weis noch dass während des Aufenthaltes ein Sturm über Borkum zog und dieser mir als positiv in Erinnerung blieb.
Die Erinnerung ist durch zwei Ereignisse in den letzten Jahren wieder hochgekommen, wenn auch nur bruchstückhaft. Ich leide seit Jahren an Depressionen und im Rahmen der Therapie habe ich das erste mal wieder an diese Zeit zurückdenken müssen. Dazu kommt, dass ich letztes Jahr das erste mal seit dieser Zeit wieder auf Borkum war; und dieser Aufenthalt hatte gesundheitliche Folgen.
Auf Borkum selbst und in den Tagen vor der Reise , war ich in einer "komischen" Verfassung, es bedrückte und beschäftigte mich etwas was ich nicht so ganz einordnen konnte. Am ersten Tag auf Borkum waren wir am alten Leutchturm und sind von da aus Richtung neuer Leuchtturm und Promenade gelaufen, als mir auf einmal schwindelig wurde und ich Gänsehaut bekam, as wir vior dem "Weißen Haus" vorbeiliefen. Ich sagte zu meiner Frau "Hier war es" und brach iin Tränen aus.
Zwei Tage später ereilte mich ein Hexenschuß, den ich so noch nicht erlebt habe; körperlich wurden dafür keine Ursachen gefunden und ich war die nächsten vier Wochen wieder mit der Diagnose Depressiver Schub arbeitsunfähig (Die Depression ist erstmals 2016 festgestellt worden).
In dieser Zeit kamen auch wieder Erinnerungen hoch die sich um den Aufenthalt in ´69 drehten; z.B. das miese Essen, ich mochte keinen Reis, musste diesen aber immer essen. Auch Pfefferminztee ist seitdem ein Getränk, dass ich weder gerne trinke noch für andere zubereite. Ob ich auch zu den Kindern gehörte, die ihr Erbrochenes essen mussten weis ich heute nicht mehr, aber bis heute ist der Anblick von Erbrochenem für mich fast unerträglich.
Zudem habe ich in dieser Zeit wieder bettgenässt und und auch eingekotet: ich erinnere mich bildlich an eine Situation in der ich einem großen Treppenhaus mit einer bogenförmigen (Granit- oder dunklen Marmor-) treppe stehe und versuche auf eine Toiliette zu kommen um meine Unterhose zu wechseln, die beschmutzt war. Ich weis aber nicht mehr wie es ausgegangen ist.
Ich habe hier viele Kommentare gesehen (noch nicht gelesen) und bin irgendwie erleichtert, dass ich nicht alleine bin. Ich wünsche allen anderen Betroffenen dass es Euch gelingt dieses Traume zu verarbeiten.
Börries - 43) TheresaHallo, war jemand Anfang der 70er im Haus Murgtal im Schwarzwald, bzw auf Borkum im Kinderheim Sankta Maria? Ich kam im Alter von 4 und 5 Jahren in den “Genuss“ der Verschickung zur Erholung. Welch ein Hohn! Nie wieder im Leben litt ich solches Heimweh. Ich habe Eure Kommentare gelesen und vieles darin wieder erkannt. Erbrochenes essen, zur Strafe nachts allein im Speisesaal auf einer Holzbank schlafen müssen bis zum nächsten Morgen, und von allen gesehen werden. Viele viele Tränen. Ich wusste aber bis jetzt nicht, dass es so schrecklich viele Leidensgenossen gibt...
Theresa - 44) SusanneIch würde 1983, mit fünf Jahren, gemeinsam mit meinem Bruder(4 Jahre alt) nach Borkum in das Kurheim Kiebitzdelle verschickt. Es muss der Zeitraum von Mitte/Ende Januar bis Februar gewesen sein. Die Gesamtdauer war 6 Wochen. Damals hatte die BEK meine Eltern angeschrieben und Werbung für diesen Kuraufenthalt gemacht. So kam eins zum andern und wir wurden zur „Kur“ geschickt! Leider oder vielleicht auch zum Glück sind meine Erinnerungen an die Zeit gering!Erinnern kann ich mich beispielsweise daran, dass ich zur Strafe allein und längere Zeit im Speiseraum stehen musste, mein Bruder stundenlang vor seinem Teller sitzen musste bis er aufaß, das alle Süßigkeiten/Plätzchen der Kinder eingesammelt und weg geschlossen wurden! Die gesamte Kurzeit war immens belastend für mich und bei der Heimkehr bin ich einfach unter Tränen zusammengebrochen! Meinen Eltern gegenüber haben wir wohl geschwiegen und kaum etwas über die Zeit dort erzählt! Doch seit dem Zeitpunkt habe ich mit „Kur“ nur negative Gefühle in Verbindung gebracht!
Mein Gefühl sagt mir, dass dort mehr geschehen ist, als das,was ich noch aus dieser Zeit erinnere!
Auch ich bin geschockt darüber, wieviele Kinder aus dieser Zeit betroffen waren und noch heute an den Folgen leiden! - 45) Thomas M. aus EssenHallo,
ich war sehr wahrscheinlich in der 1970er Jahren unbegleitet zu einer Kur auf Borkum. Ich muss wohl zw. 6 u. 10 Jahre alt gewesen sein, dass Ziel der Kur war eine Gewichtszunahme.
Ich habe keine negativen Erinnerungen an die Kur, genau genommen gar keine Erinnerungen. Mir geht es lediglich um die Frage, ob es Menschen gibt, die in einem ähnlichen Alter u. mit gleichem Ziel auf Borkum waren und wie die Einrichtung heißt bzw. hieß.
Danke bereits jetzt für Ihre Rückmeldungen.
Grüße,
Thomas M. - 46) Brigitte Anna SchoenenIch wurde 1964 wegen Bronchitis im lLter von 5 Jahren für 6 Wochen nach Borkum geschickt, die Betreuerinnen waren Nonnen, meine Erlebnisse waren ähnlich, wie die anderen Schilderungen hier, Kontaktverbot der Eltern, regelmäßig Schläge aus nichtigem Anlass, z.B: wenn im 10 Betten Schlafsaal abends nicht Ruhe herrschte, kamen die Nonnen und es hieß: über den Schoß der Nonne legen, Hose runter und Schläge auf den nackten Hintern mit dem Holzlatschen, Esssenszwang (ich wollte kein Käsebrot essen, da wurde es mir in den Mund gestopft und Mund und Nase zugehlten, so dass ich es runterschlucken musste, um nicht zu ersticken, als ich es sofort danach erbrach, gab es wieder Schläge und zur Strafe sofort ins Bett. Käse kann ich bis heute nicht essen, vieles habei ch sicherlich auch verdrängt und vergessen.
- 47) Regina KonstantinidisAuch ich wurde - vermutlich 1970 - zu einer sechswöchigen Kur über Weihnachten nach Borkum geschickt, ins "Haus Ruhreck", weil ich zu dünn und zu blass war. Eine vierjährige Nachbarstochter ebenfalls, auf die ich aufpassen sollte. Vor Ort wurden wir sofort getrennt, Ich habe sie oft weinen hören, aber durfte nicht zu ihr. Ich habe diese Zeit als die schrecklichste meines Lebens empfunden, was aber mindestens genauso schlimm war, dass mir später weder meine Mutter noch sonst eine Vertrauensperson die schrecklichen Geschichten geglaubt hat, bis ich irgendwann selber schon dachte, ich habe mir das in meiner kindlichen Phantasie nur ausgedacht. Viele ältere Kinder, die vor mir bereits dort waren, konnten sich an nichts erinnern. Erst als ich im Jugendalter mit dem Bruder einer Freundin sprach, der vermutlich im selben Zeitraum im Haus Ruhreck war, bestätigten wir uns gegenseitig unsere Erlebnisse, das tat uns beiden nach so vielen Jahren der Verdrängung und Zweifel richtig gut.
Woran ich mich erinnere:
Bei der Ankunft wurde das Gepäck von den "Aufseherinnen" in Schränke geräumt, an die man nicht dran kam, Anziehsachen wurden -glaube ich - einmal täglich von den Aufseherinnen herausgegeben, dazu stand man halbnackt in einem kalten Flur in einer Schlange.
Strikte Toilettenzeiten, in denen die ganze Gruppe zur Toilette ging, außerhalb dieser Zeiten durfte man nicht gehen. Machte man sich deshalb in die Hose, wurde man "vorgeführt" und zur Strafe musste man die "verpinkelten" Sachen anbehalten.
Die schlimmsten Erinnerungen habe ich an das Mittagessen, das gruppenweise an langen Tischen mit ein bis zwei Betreuerinnen eingenommen wurde, denen Nichts entging: die Portionen waren für die dünnen Kinder riesig, und alles musste aufgegessen werden. Einige Kinder würgten das Essen wieder heraus, auch in der Hoffnung, das Essen dann nicht mehr anrühren zu müssen. Das war allerdings nicht der Fall. Sie mussten tatsächlich ihr "Erbrochenes" wieder aufessen, solange, bis der Teller leer war. Das war grausam und werde ich wohl nie vergessen.
Jeden Tag musste ein Mittagsschlaf gemacht werden, es hatte absolute Ruhe zu herrschen in den Schlafzimmern bei offener Tür, im Flur saß eine Aufsichtsperson, beim kleinsten Mucks kam die Aufsicht und meckerte höllisch rum. Kein Kind aus meinem Zimmer schlief, aus dem Alter war man nun mal heraus. ich war mit sechs Jahren eine der jüngsten in dieser Gruppe und nach gefühlt einer endlos langen Zeit, war dann die Zeit für den Mittagsschlaf abgelaufen. Das einzige Positive war, dass man danach ein Brötchen mit Honig im Speisesaal bekam, das war für mich wirklich das Highlight des Tages.
Wöchentlich wurden Briefe an die Eltern geschrieben, in denen aber nur Gutes stehen durfte, das haben die Aufseherinnen gründlich kontrolliert, und die Kinder, die sich auch nur ansatzweise beschwerten, mussten ihre Briefe umschreiben. Zukleben und davor nochmals kontrollieren war dann wieder Sache der Aufseherinnen. Einfacher hatten sie es bei uns kleineren Kindern, wir sollten irgendwas erzählen und sie haben dann irgendwas, was ihnen passte, aufgeschrieben. Nur Gutes ,wie ich hinterher erfuhr.
Gegen tägliche frische Luft hatte ich überhaupt Nichts, was sich allerdings anders gestaltete, als ich dachte. Freies Rumrennen oder Muscheln sammeln am Strand, stand definitiv nicht auf dem Programm. Stattdessen ging es in Zweierreihen durch den Ort und zum Meer, das war eher ein "Marschieren", denn wir mussten im Gleichtakt laufen und immer etwas Brüllen mit "Und eins und zwei ....und vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran." Beim allerersten Mal fanden viele Kinder das noch lustig, aber danach war es einfach nur schlimm. Man konnte nicht mal stehenbleiben wo man wollte, denn das bestimmten die Aufseherinnen, man konnte durch das ewige "Gebrülle" auch nicht mit anderen Kinder quasseln oder gar Freundschaften schließen.
Mein einziger Freund war der Leuchtturm, dem ich in Gedanken meine Einsamkeit und Verzweifelung schilderte und versprach, dass ich alle Gemeinheiten dort später zuhause erzähle, damit da kein Kind mehr hin muss. Wie anfangs erwähnt, glaubte man mir nicht.
Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass ich bis zu dieser "Kur" ein in sich ruhendes, aber doch fröhliches Kind war, dass gerne zur Schule ging, die Lehrerin liebte und in den Pausen mit den anderen auf dem Schulhof tobte. Nach der Kur hatte ich erfahren, dass meine damalige Lehrerin wohl auch meiner Mutter zu dieser Kur geraten hatte, daraufhin war ich monatelang wie ausgewechselt. Ich habe im Unterricht gestört, und jeden Tag meiner Freundin ins Ohr geflüstert:"Die Frau X (Lehrerin) ist doof, bitte weitersagen." Wegen dieser Aufmüpfigkeit musste ich dann oft an den sogenannten "Katzentisch", alleine sitzen und Strafarbeiten machen. Irgendwann habe ich mich dann wieder gefangen.
Ich merke, dass mich das Aufschreiben und erinnern gerade sehr berührt, bin aber froh, dass diese schrecklichen Kindheitserlebnisse hier mal öffentlich gemacht werden und man noch einmal bestätigt wird durch die vielen anderen Berichte, dass man sich das definitiv nicht eingebildet hat. R.K. - 48) KathiWar im Alter von 5 Jahren auf Borkum, als gerade
die große Flut über Hamburg kam. Daran kann ich
mich nicht mehr so genau erinnern.
Dann Norderney zum Jahreswechsel 64/65. Ich sollte dort sechs Wochen bleiben und es wurde
verlängert auf drei Monate über Weihnachten.
Alle Geschenke aus den Paketen mussten abgegeben werden. Es war eisig kalt und wir mussten zum Turnen in eine eisige Turnhalle.
Schlimm war das Heimweh, wenn man aus einem
behüteten Elternhaus kam. Alles bestand aus Schikanen und Demütigungen. Vor allem, dass man die Toiletten nicht aufsuchen konnte, wenn das Bedürfnis da war. Nächtelang musste ich auf dem Flur stehen, weil ich zur Toilette wollte. Der Grund, man hat so lange angehalten, weil man
morgens Urin abgeben musste und wer das nicht konnte, dem hat man einen Katheder reingejagt.
Demütigend war auch das tägliche Fiebermessen. Alle mussten sich mit nacktem Po aufs Bett legen, damit das schnell ging.
Habe nur am Katzentisch gesessen, weil ich keine Schmalzbrote mochte. Finde ich heute noch ekelig. Als ich nach Hause kam, habe ich am Bahnhof geweint und weiß jetzt, dass man auch vor Freude weinen kann.
Ich habe sehr genaue Erinnerungen, und das kann ein Fluch sein. - 49) WilhelmMeine Erfahrungen musste ich 1968 im "Kinderheim Tüskendör" auf Borkum machen ...
Wurde während des Aufenthalts zwölf Jahre (jung), und kann einige der im TV-Beitrag gemachten Schikanen nicht nur bestätigen, ich könnte sie auch einige mehr ergänzen ...
Ob es hier wohl "Leidensgenossen" aus besagter Zeit gibt ???
Liebe Grüße -carpe diem- - 50) Ute B.Die heutige Fernseh-Sendung "Report Mainz" hat mich plötzlich und völlig unerwartet an meine Verschickung erinnert. Einige Einzelheiten habe ich schon ab und zu mal erzählt aber erst heute ist mir so richtig bewusst geworden, wie schrecklich vieles dort Erlebte war.
Ich wurde mit 9 Jahren kurz vor dem Wechsel zur Realschule nach Borkum verschickt. Mein Lehrer meinte mir etwas Gutes zu tun und setzte sich sehr dafür ein, dass ich für sechs Wochen auf die Insel durfte. Es war Januar/Februar 1964 und meistens kalt und stürmisch. Geplant war, dass ich ins Haus Ruheck sollte. Dann sollte eine Klassenkameradin auch nach Borkum und wir wollten gern ins gleiche Heim. Bei mir war kein Platz mehr frei aber bei ihr im Haus Marienhof (von Nonnen geführt). Also wurde ich kurzerhand dorthin geschickt. Während des Aufenthalts auf Borkum habe ich das immer wieder bereut, denn immer wenn wir Ruheck-Kindern begegneten, waren sie sehr fröhlich, durften durcheinander laufen, Jungen und Mädchen...... während wir -nur Mädchen- artig in Zweierreihen marschieren mussten. Ich erinnere mich an Mädchen, die Läuse hatten und denen die Haare geschoren wurden, an ungenießbares Essen.... an ekligen verbrannten Grünkohl, vor dem ich stundenlang sitzen musste, bis er aufgegessen war (übergeben hab ich mich zwischendurch mehrmals auf der Toilette). Und daran, dass ich Durchfall bekam und die beschmutzte Unterhose vor Angst in der Toilette runtergespült habe, die dann verstopfte und ich sehr bald als Täterin bekannt wurde, da ja mein Name eingenäht war..... Das hab ich bisher kaum jemandem erzählt...... aber meine Klassenkameradin konnte es nach unserer Rückkehr nicht für sich behalten und ich hab mich lange dafür geschämt. Während des 2-stündigen Mittagsschlafs dürften wir nicht zur Toilette, davor saß eine der Schwestern und überwachte die Einhaltung dieser Regel. Kinder, die dann ins Bett gemacht haben, mussten auf dem Hof ihr Bettlaken mit dem verräterischen Kringel hochhalten. Briefe an die Eltern wurden zensiert und entweder zum großen Teil geschwärzt oder gar nicht versandt. Ich war in der Gruppe von Schwester Dagmar, die aber keine Nonne war und das große Glück für unsere Gruppe. Sie hat sich manchmal für uns den Regeln widersetzt, uns zum Beispiel Papier und Briefmarken besorgt, damit wir nach Hause schreiben konnten und den Spaziergang so gelegt, dass er am Briefkasten vorbei ging. Sie war der Lichtblick im Marienhof. Es fallen mir jetzt immer mehr Dinge ein..... von Missbrauch weiß ich nichts aber Prügel hat es wohl gegeben. So Schlimmes, wie es andere schildern, kann ich nicht berichten. Vielleicht ist meine Erinnerung auch selektiv und braucht noch etwas Zeit. Tatsächlich hab ich im April dieses Jahres ein paar Tage auf Borkum verbracht, um jemanden zu besuchen, der dort eine Reha machte. Ich hab mich auf die Suche gemacht und das Haus Marienhof gefunden. Ich hab es nach so langer Zeit sofort erkannt. Die Veranda, wo wir abwechselnd zeitlich begrenzt mit einer einzigen Puppe spielen durften. Es ist zum Glück kein Kinderheim mehr!
Es verwundert mich, dass das Haus mir keine Angst mehr gemacht hat und ich sogar auch schöne Erinnerungen daran habe.... Doch auch das Leid von damals spüre ich noch und bin dankbar, dass ich jetzt weiß, dass ich mit dieser Historie nicht alleine bin. - 51) Marianne Beck-AlbrachtHallo und guten Abend, auch ich gehöre zu den Verschickungskindern. Ich war 1963 im Sommer für 6 Wochen auf Borkum in einem Kinderheim. Ich war 10,5 Jahre alt. Für mich war die Zeit schlimm, aber da ich mich schon immer sehr für andere eingesetzt habe, habe ich mir meine Strafen selbst zuzuschreiben. Ich habe den anderen Kindern, die ihr Erbrochenes mehrfach wieder essen sollten einfach die Teller weggenommen und in den Mülleimer entleert, was mir dann eine Woche Strandentzug einbrachte. Weil ich eine Postkarte an meine Mama rausgeschmuggelt hatte, musste ich einen Brief voller Lügen, wie schön es doch da sei, an meine Eltern schreiben, da natürlich die Eingangspost von den „Tanten“ gelesen wurde. Es war sehr unsauber da, viele Kinder hatten Läuse und ständig wurden wir mit Entlausungsmedikamenten Stunden lang behandelt. Es gab gemischte Schlafräume, die fürchterlich nach Schweiß und Schweißfüßen stanken.
Ich würde aus Nordhessen in den Sommerferien dahin verschickt und für mich war es nicht schön, für andere in meiner Gruppe aber noch schlimmer. Ich hoffe, dass diese Missstände aufgeklärt werden. - 52) Annette Wirtz1960 geboren, war ich insgesamt 3 mal in "Kinderkur"
1969 in Berchtesgaden, Königssee. Ich erinnere mich an Heimweh und ein Einzelzimmer mit rotweiss karierter Bettwäsche???
1971 gemeinsam mit meiner 2 Jahre jüngeren Schwester im "Adolphinenheim" auf Borkum. Meine Schwester hat sichtbar noch mehr gelitten als ich.
Besonders schlimm war hier das "Klappturnen" unter Anleitung einer alten Frau.
1973 dann noch einmal mit meiner Schwester im Schwarzwald, ganz abgelegen in Allerheiligen. Hier gab es einen Pater, der uns katholisch indoktriniert hat und ich fürchtete anschließend Strafe für all die schlimmen "Sünden" einer 13 Jährigen.
Aus alles Kuren gibt es Fotos. - 53) Iris Junior aus DüsseldorfHallo ich war mit meiner Schwester 1969 auf Borkum im Adolfinenheim ...wir wurden direkt bei Ankunft getrennt und ich habe meine Schwester erst Wochen später wieder gesehen. Das Essen war entsetzlich immer Griesbrei Milchsuppe und ähnliches..habe mich erbrochen musste weiter essen...wurde dann auf eine Krankenstation gebracht und lag alleine und weinend im Bett..wie lange weiss ich nicht mehr.Alle Kinder waren immer am weinen. Vergessen hab ich und meine Schwester es nicht..lg
- 54) Daniela aus DuisburgEin Thema, das mich nicht los lässt - selbst mit fast 50 Jahren habe ich immer wieder ein komisches Gefühl in der Magengrube, wenn ich bestimmte Gerüche in der Nase habe (die ich nicht genau definieren kann).
Mit 6/7 (Herbst 1978) Jahren war ich auf Borkum im Adolfinenheim. Es war so traumatisch. Fahren sollte ich, weil ich schon immer zu dick war und schlimme Allergien hatte. Leider ist die meiste Zeit in einem schwarzen Loch, aber einzelne Dinge haben sich in meinen Kopf gebrannt.
Als wir ankamen, haben die Erzieherinnen die Kleidung sortiert und haben meinen neuen Lieblingspullover, den meine Mutter extra für die Kur gekauft hatte einfach wegsortiert, für die Rückfahrt in 6 Wochen. Dann haben sie sich über meine Kuscheldecke lustig gemacht und diese auch wegsortiert, so dass ich sie nicht hatte.
Wir mussten bei der Ankunft alle Süßigkeiten abgeben, die wir mitbekommen hatten. An den Gemeinschaftsabenden wurden die Süßigkeiten verteilt, da ich aber am Biomaristisch saß (Tisch der Fetten) - bekam ich ein Kaugummi. Dazu gab es oft Hering in Gelee (etwas, das ich heute noch nicht essen kann) und so komische Dinge wie Cornflakes mit Orangensaft. Wir mussten vor der Hauptmahlzeit in irgendeinem Büro immer einen Becher mit Glaubersalz trinken. Wir sind immer hingerannt und haben gerangelt, wer den Becher bekommt, in dem auch nur ein Milliliter weniger drin ist.
Die Toiletten haben furchtbar gerochen. Dazu immer der Durchfall von dem Glaubersalz.
Wir haben auch Ausflüge zum Strand gemacht - nachdem einer aus unserer Gruppe in die Hose gepieselt hatte (was bei Kindern ja durchaus mal vorkommen kann), bekamen wir aber ab nachmittags auf den Ausflügen nichts mehr zu trinken, sondern nur noch einen Apfel.
Wir hatten in der Gruppe einen dreijährigen Jungen, der sollte sich immer alleine anziehen, scheiterte aber an diesen schrecklichen Strumpfhosen, die wir in den 70ern alle hatten - und er durfte so lange nicht zum Frühstück, bis er sich angezogen hatte. Wir kamen vom Frühstück zurück und er saß immer noch heulend auf dem Bett.
In der Dusche habe ich die Bebe-Creme genutzt, die meine Eltern mir mitgegeben hatten. Die hat man mir aus der Hand geschlagen, weil ich nicht gefragt habe, ob ich sie nutzen darf.
Während des Aufenthalts sollten wir einen Mittagsschlaf machen. Das kannte ich von Zuhause nicht, daher habe ich nur ruhig im Bett gelegen und den Schlaf vorgetäuscht. Irgendwann kam eine Erzieherin ins Zimmer, hat festgestellt, dass ich nicht schlafe und hat mir eine Ohrfeige gegeben. Ich bin Zuhause nie geschlagen worden und war echt verstört.
Die Karten nach Hause wurden von den Erzieherinnen geschrieben, ich habe noch welche gefunden - ausschließlich positiv, ich kann mich an nichts davon erinnern.
Krank bin ich dort auch geworden und habe übel viel gebrochen, kann mich daran aber auch nicht erinnern, nur, dass mich mal eine Erzieherin ausgeschimpft hat, weil ich wohl im Halbschlaf ins Bett gebrochen habe und das einfach umgedreht habe (das vollgebrochene Ende ans Fußende gedreht.
Es war eine schreckliche Zeit. - 55) ErichIch war mit 5 Jahren für 6 Wochen auf Borkum. Habe nicht mehr oft daran gedacht, bis mein eigener Sohn 5 Jahre alt war und ich erkannt habe, wie zerbrechlich Kinder in dem Alter sind. Seit dem beschäftigt mich mein Aufenthalt dort und was er wohl aus mir gemacht hat. Ich kann mich nicht mehr an viel erinnern. Das Heim hatte einen langen weisen Flachbau mit Schlafräumen zu einer Seite hin und Duschen über den Flur zur anderen. Der Essraum war größer und vermutlich in einem separaten Gebäude. Wenn ich mir Fotos im Internet anschaue kommen da mehrere Häuser in Frage, ohne dass ich es mit Bestimmtheit sagen kann. Ich würde am ehesten auf Haus Concordia tippen. Friesenhof wäre auch möglich. Oder Haus Tüskendör. Ich kann mich an Spaziergänge am Strand und an Bunkern vorbei erinnern. "What shall we do with the drunken Sailor..." wurde uns beigebracht, wobei ich Jahre später das Lied nur an der Melodie erkannt hatte, englisch konnte ich ja damals noch nicht. Beim Spaziergang kamen wir an ein altes großes Haus, in dessen Ecke ein Kiosk war, wo wir Lakritze gekauft (bekommen?) haben. Das muss am Ende der Spaziergänge gewesen sein, denn ich erinnere mich, mich darauf gefreut zu haben. Liederabende, bei denen "Ein Loch ist im Eimer, oh Henry, oh Henry..." gesungen wurde, gab es. Höhensonnen-Behandlungen, bei der ich diese schwarze Schwimmbrille aufgesetzt bekam. Zu Essen und Trinken weiss ich nichts mehr. Aber die Nächte... Ich kann mich erinnern aus dem Bett gezerrt und kalt geduscht worden zu sein. An unendliche Verzweiflung und Traurigkeit. Nach dem Aufenthalt hatte ich alle meine Spielsachen kaputt gemacht und mein Stofftier misshandelt. Das hat mich selbst an mir gestört, das weiss ich noch. Vor allem messe ich genau daran, wie sehr mich die 6 Wochen belastet und geprägt haben. Ich war schwierig danach. Ein vertrauensvolles Verhältnis zu meinen Eltern konnte ich nie mehr aufbauen.
- 56) Claudia Genings aus KölnEs war die Hölle - habe nur geweint und sehr starkes Heimweh gehabt. Die Erzieherin hat mich auf 6 Wochen lang auf Flüssigkeitsentzug gesetzt, obwohl ich eigentlich wegen einer Nierenbeckenentzündung nicht eingeschult worden bin und ich ganz viel hätte trinken müssen. Die Gruppenleiterin hat alle Kinder auf mich angesetzt aufzupassen, daß ich nichts trinken soll - habe mich nachts auf die Toilette geschlichen und das Trinken nachgeholt - oft haben mich die Mädchen beim Zähneputzen / Gurgeln verpetzt, nur um bei der Gruppenleiterin zu "punkten" und diese gab mir dann grundlos vor allen anderen Kindern (die dann mich auslachten) eine schallende Ohrfeige. Dann hat die Gruppenleiterin mich fast jede Nacht mit samt meiner Bettdecke auf den langen kalten Korridor gestellt und ich mußt die ganze Nacht dort stehen und habe geweint. Meine Mutter hat mir ein Paket mit Süßigkeiten geschickt und man hat es mir direkt abgenommmen. Ich weis nicht mehr wie dieses Kurheim hieß - habe es nur noch als großes weißes Haus in Errinnerung und ein weißer langer Zaun - weiß vielleicht jemand wie das hieß?
Liebe Grüße
Claudia - 57) ErwinFriedel aus 51491 Overath-BrombachIch habe als Kind ( 5 Jahre) nur gute Erfahrungen auf Borkum gemacht. Der Schlafraum war groß, ca 15 Betten. Als ich an Mittelohrentzündung erkrankte, wurde ich auf ein 3er Zimmer verlegt und trotz Heimweh sehr gut betreut. Das Essen war gewöhnungsbedürftig aber ich hatte, wie meine Eltern sagten, mich gut erholt. Die damalige Erziehung kann man mit heutigen Maßstäben nicht vergleichen.
Mein Aufenthalt ein Jahr später in Bad Orb war ähnlich positiv. Bis auf einen Zwischenfall, als mein Tischnachbar sein in den Teller erbrochenes weiter essen mußte. - 58) Esther aus BochumIn der Lokalzeit im WDR habe ich ein Bericht von „Verschickungsheime.org“ gesehen gesehen.
Ich habe stark überlegt, ob ich hier überhaupt etwas beitragen soll, weil ich, Gott sei Dank, so etwas Grausames nicht im Kindererholungsheim erleben brauchte. Aber vielleicht kann ich dennoch anderen helfen, um fehlende Informationen zuzufügen.
Da ich stets dünn und blaß war, wurde ich 1964 im Alter von 6 Jahren nach Borkum, Friesenhof und 1972 im Alter von 14 Jahren nach Heimenkirch, Herz-Jesu-Heim, in ein Kindererholungsheim geschickt .
Zu der damaligen Zeit war es wohl üblich, Kinder in ein Erholungsheim zu schicken, besonders in den Arbeiterklassen. Die Eltern wollten sicherlich nur das Beste für ihre Kinder. Die Schandtaten kamen schließlich nicht an die Öffentlichkeit. Ämter, Institutionen schwiegen dazu. Kindern glaubte man eh wenig, sie hatten nur zu folgen ohne zu nörgeln.
Borkum: Ich fuhr ganz sicher nicht gerne und freiwillig alleine weg, aber wie gesagt, man hatte nix zu melden. Da ich erst 6 Jahre alt war, habe ich nicht so viele Erinnerungen an den Aufenthalt. Morgens gab es warme Milch mit Haut drauf oder Milchsuppe, wovon ich mich auch einige Male übergeben musste, allerdings konnte,durfte, ich noch zur Toilette rennen. Im großen Speisesaal stand eine große Plüschgiraffe.
Zwischendurch bekam ich die Windpocken und musste einige Tage in einem Krankenzimmer bleiben während die anderen am Strand Muscheln sammeln gingen, jedenfalls an einem Tag.
Mittagsschlaf war Pflicht. Mehr weiß ich nicht aus der Zeit. Natürlich hatte ich Heimweh.
Ein Gefühle von Liebe habe ich dort aber nicht gespürt.
Wir waren nach wenigen Jahren noch mal mit der Familie auf Borkum im Urlaub.
Heimenkirch: Als ich im Sommer 1973 in Heimenkirch im Herz-Jesu-Heim zur Kindererholung war, war ich schon 14 Jahre, also Teenager;). Da hat man einen besseren Überblick über die Situation und lässt sich nicht mehr veräppeln. Ich war mit zwei Mädchen, Bettina?11 und Angelika 12 Jahre in einem Zimmer. Die kleineren Kinder schliefen in größeren Schlafsälen. Die gesamte Gruppe mit Kindern, Jungen und Mädchen, von 4-14 J.kam aus Bochum. Kleidereinbauschränke waren auf dem Flur, wo wir Älteren uns unsere Sachen aussuchen konnten. Leider musste man auch die schmutzige Wäsche in Tüten dort unterbringen, die dann durch Feuchtigkeit darin Stockflecken bekamen.
Es gab einen großen Speisesaal, über die Qualität des Essens kann ich nichts mehr sagen. Wird wohl essbar gewesen sein, denn ich war immer pingelig mit Essen. Wir Großen saßen außen am Tisch, um den Kleineren die Teller weiterzureichen. Beim Abräumen der Teller warfen wir auch mal einen Blick in die Küche.
Ausflüge wurden auch unternommen, meistens in näherer Umgebung zur „drei-Groschen-Wiese“. Einmal ging es zum Pfänder/Bregenz 25 km mit allen Kindern und den drei Betreuern. Ein kleines Stück fuhren wir mit einer Kleinbahn. Es war heiß, kann nicht mehr sagen, ob wir ein Lunchpaket mitbekommen haben, jedenfalls keine Wasserflaschen. Vor großem Durst habe ich Stadtmensch aus eine Kuhtränke Wasser getrunken;). Hoch zum Pfänder ging`s mit dem Sessellift, wo ich und andere Ältere die Kleinen beaufsichtigen mussten, wobei ich selbst auf dem Lift und beim Absteigen ein weinig ängstlich war.
Ob es Mittagsschlaf für uns Älteren gab, weiß ich nicht mehr. Öfters durften wir auf einer angrenzenden Wiese, Spielplatz den Nachmittag verbringen. Wir drei Mädchen 11,12,14 J., nutzten schon mal die Gelegenheit, uns wegzuschleichen und runter zum einzigen Laden zu laufen, um uns von unseren weinigen Groschen Bonbons zu kaufen.
Wir Älteren hatten auch das Privileg, ab und zu abends im Gemeinschaftsraum Spiele zu machen.
Päckchen und Briefe von zu Hause haben wir erhalten und Briefe oder Postkartenhaben wir auch nach Hause geschickt (habe noch welche). Wie gesagt mit 14 hat man die Möglichkeit seine Post selbst in den Briefkasten zu werfen.
Zu meiner Zeit gab es dort zwei nette Betreuerinnen, Christa 20J., Elke 36J. Heimleiter war Georg Danzer ca 46J. auch nett. Dann war ein netter junger Student aus Hamburg? als Praktikant zugegen.
Oberhaupt des Heimes war ein alter gewisser Dr.D. mit militärischem Ton und Auftreten, allzuoft sahen wir ihn nicht. Er bewohnte das anliegende Haus. Wir Großen nahmen ihn nicht ernst, nannten ihn DDD (den doofen Doktor). Wenn der das Kommando in den vielen Jahren davor hatte, möchte nicht wissen, was sich da ereignete.?
Vor ca.8 Jahren habe ich mich beim Gemeindebüro in Heimenkirch erkundigt, war aus dem Heim geworden sei. Die Antwort war, dass es vor einigen Jahren abgerissen wurde und eine Eigenheimsiedlung entstanden sei.
Hier ein link von einem Artikel vom 17.04.2010 in der WAZ:
https://www.waz.de/staedte/bochum/gewalt-im-ferienheim-in-den-50er-jahren-id3476974.html#community-anchor
https://www.waz.de/staedte/bochum/ferienkinder-fahrten-mit-langer-tradition-id3477009.html#community-anchor
Ich war entsetzt, ergriffen, schockiert über die Berichte in diesem Forum und habe ein tiefes Mitgefühl für die Menschen die sowas Grausamens in ihrer Kindheit erleben mussten. Unvorstellbar, unglaublich, widerlich, grausam, menschenunwürdig...ich finde keine Worte.
Mögen Sie alle von diesem Erlebten geheilt, befreit werden mit Gottes Hilfe. Und verzeihen können, denn im Verzeihen liegt die Heilung.
Ein Herz, das nicht verzeihen kann, wird keinen Frieden finden.
Albert Schweitzer
Der, der Böses tut, ist in seiner Seele unglücklicher,
als der, der Böses erleidet.
Leo Tolstoi
Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben.
Lukas 6,37
Allen viel Kraft und Heilung
Esther R. - 59) beate Schubert aus KölnEinfügen:
Meine erste Begegnung mit der Nordsee 1965
Im Sommer 1965 wurden meine 3,5 Jahre jüngere Schwester und ich in das Kinderheim auf Borkum, Sancta Maria verschickt. Ja, verschickt, wie es mit Paketen und Transportern sprachlich/tatsächlich ebenfalls geschieht.
Dem war eine sehr traurige Zeit vorausgegangen. Meine Mutter war mit der " Verschickung " und einer ernsten längeren Trennung von den Kindern nicht einverstanden. Sie konnte sich gegenüber dem dominanten Vater und Familienvorstand aber nicht durchsetzen, denn damals gab es noch keine Gleichberechtigung. Mutter schwieg traurig und mich belastete es sehr. Ich kann mich erinnern, dass wir viele Tage zusammensaßen und gemeinsam Namensschilder in die Kleidung, die Wäsche und die Handtücher einnähen mussten.
Die Abreise stand ebenfalls unter großer Traurigkeit unserer Mutter, als wir am Hauptbahnhof Düsseldorf in den Zug gesetzt wurden. Die Eltern blieben beide dort zurück, wer uns die Fahrt über begleitete, weiß ich nicht.
Ich kann mich nur noch an die Überfahrt mit der Fähre erinnern, denn es war der erste Kontakt zum Meer und einem Schiff. Auf Borkum kamen gleichzeitig unheimlich viele Kinder an. Sie kamen aus allen Himmelsrichtungen und wurden dort von den Nonnen des/der Heime entgegengenommen und strikt nach Gruppen eingeteilt. Bereits hier wurde ich abrupt von meiner kleinen Schwester getrennt und sah sie die gesamten 6 Wochen bis auf eine kleine Begegnung nicht mehr wieder.
Mit den in schwarzen Kutten/Tuniken gewandeten Nonnen fuhren wir mit dem Inselbähnchen zum Heim Sancta Maria. Ob wir das letzte Stück liefen, weiß ich nicht mehr.
Es war ein großer dunkelgrauer Bau , der von Nonnen geleitet wurde, mit langen dunklen Fluren und damals zeitgemäßem schlichten Mobiliar. Wir hatten als Gruppe einen Gemeinschaftssaal, in dem wir aßen. Ebenso einen riesigen großen Schlafsaal voller Eisenbetten mit karger Ausstattung: Laken und graue Sanitätsdecken.
Uns wurde vermittelt, dass wir alles offenzulegen hatten. Nichts blieb unkontrolliert. Das fing mit einem gründlichen Ausfragen nach der Familie, den sozialen Belangen, dem Beruf von Vater und Mutter an und endete bei der Kleidung und dem Gepäck. Alles wurde vor der versammelten Gruppe verlautbart.
Sebalda, die für uns zuständige Nonne, war um die 60 Jahre alt, wobei das schwer zu schätzen war, da sie total in Schwarz gehüllt war, außer der weißen Stirnblende und ein sehr runzliges, strenges Gesicht zeigte. Ihre Haut wirkte gelblich fade und sie war streng , unnahbar und ständig ernst und mit Parolen zum Verhalten unterwegs. Ihrem Alter nach war sie eine aktive Schwester in der NS-Zeit in solchen bzw. diesem Heim gewesen, denn ihre Indoktrinierung und ihr Verhalten offenbarten das. Das Heim war im Krieg zuletzt ein Lazarett für Soldaten gewesen und Heime sprossen in der Nazizeit zur Landverschickung von Kindern und deren Infiltrierung.
Schwester Sebalda war für uns Kinder ein gefährlicher Drache; man musste dauernd Angst vor ihr haben und mit Strafen rechnen. Das fing bei persönlichen Schmähungen im Speisesaal an, wenn sie mit dem >Stock durch die Reihen ging. Sie kontrollierte, ob man gerade saß, alles aufaß und wie gekleidet war. Vor allem musste man bei jeder Gelegenheit gemeinsam beten und die katholischen Riten befolgen, obwohl ich evangelisch war und viele Inhalte gar nicht kannte.
Schwester Sebalda zeigte schon zu Beginn unseres Aufenthaltes, wo der Hammer hing. Wer nicht sein Essen aufaß, wurde von ihr dazu gezwungen und zwar so lange am Tisch zu sitzen, bis der Teller leer war. Ich kann mich erinnern, dass sich ein dickliches Mädchen mit krausen schwarzen Haaren erbrechen musste und schwer beschimpft wurde. Eine Roswitha wurde vom Tisch zitiert, weil Sebalda Locher in ihrem Strickpullover gesehen und das zum öffentlichen Blamage-Thema gemacht hatte. Roswitha weinte bitterlich, als sie als unsauber und mit Mottenlöchern in ihren Kleidern beschimpft wurde.
Im Schlafsaal waren mindestens 40 Personen untergebracht und zwar so, dass man sich nicht mit dem Gesicht zueinander hinlegen durfte. Die eine Reihe schaute zur Wand, die andere zu den abgewandten Rücken und die Grundregel lautete: Schweigen, kein Mucks. Zur Toilette durfte man nicht und wurde angehalten, sein Geschäft vor dem Zubettgehen zu verrichten. Auch wurde die Nachwäsche jeden Abend gründlich inspiziert und wehe, wenn Nachzeug oder Unterwäsche schmutzig waren. So war ein Mädchen Entdeckungsopfer einer verschmutzten Unterhose. Diese wurde unter lautstarken Abwertungen über die Köpfe im Schlafsaal hochgehalten und das Mädchen als schmutzig und unsauber beschimpft. Zur Strafe durfte es nicht in sein Bett sondern musste nun lange neben dem Bett stramm stehen und schweigen. Bis, ja bis ..... das weinende Mädchen in Ohnmacht fiel und mit seinem Kopf gegen das eiserne Bettgestell fiel. Die Schwester bugsierte es schimpfend in das Bett; wir alle schwiegen vor lauter Angst unter unseren Decken.
Ins Bett durften wir sowieso nur nach gemeinsamen Passieren eines langen Waschraums für viele Mädchen gleichzeitig. Dort wurde genauestens kontrolliert ob wir uns Hals und Ohren wuschen, wie es damals hieß und ob die Zähne gründlich geputzt wurden. Anschließend musste jede die Armarturen und ihr Waschbecken peinlich genau reinigen. Gab es noch Wasserspritzer oder einzelne Haare im Becken bekam man Schimpftiraden zu hören.
Duschen oder Baden geschah nie individuell, sondern immer einmal wöchentlich in einem separatem Waschhaus. Das war eine barackenähnliche düstere Einrichtung außerhalb des Haupthauses, die ich wie einen alten Schuppen in Erinnerung habe. Darin fand sich ein großes, betonartig eingefasstes großes Steinbassin mit den Ausmaßen 10 x 10 Meter wo viele Mädchen, auch aus anderen Gruppen gleichzeitig baden mussten. Und zwar immer in Anwesenheit von mehreren Nonnen, die um das Bassin herumsaßen. Den Mädchen die Köpfe heftig einseiften und alles genau beobachteten. Man schämte sich sehr, war man doch schon in der pubertären Entwicklung seines eigenen Körpers.
Spielen, Singen, Basteln etc. - eine Leerstelle. Es kam nicht im Haupthaus, auch nicht in den Nebengebäuden vor, sondern stets draußen an frischer Luft. Jeden Tag wurden nämlich gruppenweise lange und ausgedehnte Wanderungn zum Strand unternommen und auch im Meer gebadet wenn möglich. Das war ein herrliches Gefühl und völlig neu und vor allem es geschah mit einer freundlichen und jungen Nonne, die nichts von der Verbissenheit der Sebalda hatte. Das war ein richtiges Highlight und hat viel Freude verursacht.
Schlimm fand ich als evangelisches Kind, dass man mehrmals in der Woche die Kapelle aufsuchen und sich bekreuzigen musste wie im Katholischen Glauben mit Weihwasser Usus. Mir war das total fremd und ich fand es als Verrat an meinem eigenen evang. Glauben. Es wurde aber darauf bestanden. Vor allem zu knien und sich dauernd zu bekreuzigen. An Beichtzwang kann ich mich aber nicht erinnern.
Briefe nach Hause ohne Kontrolle durch Schwester Sebalda waren völlig undenkbar. Telefon stand schon gar nicht zur Verfügung. Sowohl die Eingangs- wie die Ausgangspost mussten durch die Zensur von Sebalda und wurden ausnahmslos vor dem gesamten Auditorium der eigenen Gruppe vorgelesen. Es gab keine Privatheit.
Ein einziges Mal in den 6 Wochen konnte ich meine kleine Schwester durch einen Türspalt zu unserem Schlafsaal sehen. Sie war klein und schüchtern mit einem Stofftier auf dem Arm der für sie zuständigen jüngeren Schwester. Sie sprach nicht, erschien mir unheimlich klein ( obwohl bald 9 Jahre) und sagte keinen Mucks. Die Schwester begleitete diese Szene mit den Worten, schau, da ist Beate. Es ist alles in Ordnung.
Dieser Heimaufenthalt hätte mich für immer verstört, hätte es nicht die ausgleichenden Gruppenwanderungen in den Dünen und am Meer gegeben. Die Gischt, der Salzgehalt der Luft, die Sonne und der Wind waren so neu und faszinierend, dass dies über die Qualen der Tagesabläufe im übrigen hinweghalf.
Später, nach 20 Jahren bin ich noch einmal nach Borkum, voller Wut und Zorn, um Leute im Heim zur Rede zu stellen. Natürlich waren alle Gespenster der Vergangenheit völlig verschwunden. Keine einzige Nonne, keine Betgrotten auf dem Außengelände, keine Baracken zum Schlafen oder Waschen mehr. Sondern frisch angestrichen ein schweigendes Haupthaus ohne jegliche christliche Insignien und hermetisch abgeriegelt.
1999 ist das gesamte Anwesen gründlich modernisiert worden und wurde zum Mutter-Kind-Kurheim. Es heißt dort vollmundig heute, es handele sich um ein traditionsreiches Haus. Ja, die Gespenster der Vergangenheit sind verschwunden und die Gemäuer schweigen.
Beate Schubert - 60) beate Schubert aus KölnNachtrag/Ergänzungen zum Zeugnis vom 7.12.2020
Ich habe den Text ohne erneute Fehlerkorrektur abgesandt, da er mir schon einmal zerschossen wurde.
Deshalb möchte ich hier anfügen:
Es ist gut, dass " Erinnerungskultur " seit spätestens 1990 ein wichtiges Menschenrecht ist. Allzu oft erlebt man, dass einem gesagt wird, ach was sollen die alten Geschichten noch bewirken?
Sie sind nicht nur ein Mittel der persönlichen Lebensreflektion und -biografie, sondern auch ein gesellschaftlich stark prägender Umstand besonders in den Jahren 1950-1970 gewesen. Denn sie geschahen in einem Klima des allseitig verordneten Schweigens über die brutalen Folgen des Krieges und seiner Verwüstungen an den Seelen der Menschen, nicht nur des Materiellen. Aus diesen Zeiten gingen Menschen in maßgeblichen Positionen in der frühen BRD hervor, ob in der Politik Adenauers, der Obersten Gerichte, des Bundestages, der -Regierung, der Schulen etc. Sie schwiegen zwar - denn mit diesen Menschen sollte der Neuaufbau BRD gelingen und Schuld keine behindernde Rolle spielen - aber mit ihren Prägungen und Indoktrinierungen begegneten sie in ihrer Arbeit den Menschen, vor allem den unschuldigen Kindern.
Schwarze Pädagogik war an der Tagesordnung, Drill und Gehorsam und Ordnung.
Ich empfehle den Lesern dieses Forums die verinnerlichte und reflektierte Bearbeitung der Vergangenheit und die Wachsamkeit in der Gegenwart ohne sich darauf zu beschränken sich viktimisiert zu fühlen oder lassen.
Gute Literatur für eine kreative und wirkungsvolle Erinnerungskultur in jedweder gesellschaftlichen Beziehung finden Sie bei Aleida Assmann in " Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur ". Erschienen bei CH Beck.
Nicht das Rückbeziehen auf eine Opferrolle hilft uns und der Gesellschaft weiter, sondern das Identifizieren mit allen kulturellen Verwerfungen und Verhaltensmustern.
Gruß B. Schubert - 61) Evelyne Klein aus WiesbadenIch bin ein Opfer der Heimerziehung. War in Waiblingen im ev.Säuglings.und und Kinderheim (Devizestr.)untergebracht. Mit ca.3 Monaten kam ich in diese Diakonissen Anstalt. Dort lernte mich eine Frau kennen, die damals eine Ausbildung zur Säuglings.und Kinderkrankenschwester absolvierte. Diese Schwester wurde ,als ich mit 10 Jahren getauft wurde,meine Patentante. In unregelmäßigen Abständen nahm mich diese Schwester zu sich nach hause in ihre Famillie. Dort erfuhr ich , das diese Schwester auch Einsätze hatte auf Norderney, möglicherweise auch Borkum oder so? Viel persönliches hatte diese Schwester von sich nie berichtet,als ich um die Schicksale der Verschickungskinder hörte, fiel mir dieser Umstand von dieser Schwester wieder ein. Bereits vor 30 Jahren hatte ich mich von dieser Frau abgewendet, da sie mir mein ganzes Leben ,neben den schrecklichen Erfahrungen während meiner Heimerziehung , zusätzlich zur Hölle machte. Da ich noch mitten in meiner Aufarbeitung meiner Heimerziehung stecke, gehört besagter Umstand um diese Schwester und ihre Einsätze in Erholungsheime im Norden dazu. Geschilderte Erfahrungen und Erlebnisse im Umgang von und mit Verschickungskindern durch Verschickungskinder decken sich mit den Erfahrungen im Umgang mit meiner Person durch diese Schwester ,bei der ich in unregelmäßigen Abständen in Fremdunterbringung war. Vielleicht kann man sich an die Schwester Gertrud Häffner erinnern, sie war ein Tyrann , unausstehlich, stammte aus Baden Württemberg, wohnte als ich noch Säugling war in Gerabronn (Hohenlohe) Kreis Schwäbisch Hall,hatte bis zu ihrer Pensionierung im Kinderhospital Olgäle in Stuttgart gearbeitet, eine Einrichtung der Diakonie. Bedanken möchte ich mich bei den Verschickungskindern und ihrem Mut, an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Das Nachkriegsdeutschland wurde für viele Kinder und Jugendliche, zum Alptraum.Das muss beim Namen genannt werden, und es muss verhindert werden, das dies nie in Vergessenheit gerät. In diesem Sinne. Evelyne Klein
- 62) Maria aus ErftstadtIch war mit sieben Jahren in Haus Ruhreck auf Borkum.
Zum ersten Mal war ich alleine von zuhause weg! Verschickt von der Stadt Essen - um an Gewicht zuzunehmen, wie viele von euch. Es wurden die schrecklichsten sechs Wochen meines Lebens, auch das verbindet viele von uns. Kaum hatten wir das Haus betreten, wurden uns alle persönlichen Dinge abgenommen. Ich hatte Heimweh, ich war unsicher, ich war unendlich traurig. Meine Familie lebte von wenig Geld, lange hatte meine Mutter gespart, um mir ein paar Süßigkeiten mitgeben zu können. Das war sehr besonders. Es waren mehr als nur Süßigkeiten, es war ein warmes Gefühl in dieser Fremde. Die eine Tafel Schokolade, Gummibärchen, auch meine Puppe....alles wurde abgenommen, verschwand auf Nimmerwiedersehen, später sah man manchmal die ein- oder andere "Tante", die es sich mit der Schokolade gut gehen ließ, während wir die Milchsuppe in uns reinwürgten. Aber das war später....Am ersten Abend war das der Auftakt in die sechs Wochen und die Botschaft "So läuft das hier".
Viele von uns wurden nie mit ihrem Vornamen angesprochen, sondern nach Auffälligkeiten benannt. Bei mir war es meine Frisur. Ich wurde gleich am ersten Abend im Speisesaal nach vorne zitiert: "Zopfliesel, komm' nach vorne". Ich begriff nicht sofort, dass sie mich meinten. "Geht's auch schneller!" Ich stolperte vorwärts, die anderen Kinder lachten.
Mein Brustbeutel wurde mir rüde vom Hals über den Kopf gezerrt, ich hatte ihn unter meinem Pullover versteckt. Wie konnten sie ihn gesehen haben? Ein Foto meiner Mutter war darin aufbewahrt, sonst nichts, mein Anker nach Hause. Ich fühlte mich so einsam, so gedemütigt.
Die Mahlzeiten waren geprägt von Ekel, Angst, Spannung...Erbrochenes essen zu müssen, war normal. Gerne auch noch einmal tief eingetunkt in Bratkartoffel und Essiggurken, mit dem restlichen Essen verrührt. Ich erinnere stundenlange Schweige-"Strafgänge", so wurden sie offiziell genannt. Manchmal war ich dafür "verantwortlich", weil ich bei den "Tanten" Hilfe vor den Misshandlungen durch andere Kinder gesucht hatte: Quälereien mit Sicherheitsnadeln während des stundenlangen Mittagschlafs oder nachts..... Der Schlaf war reglementiert, Sprechverbot, die Hände über der Decke, nicht bewegen. Eine kalte, gefühllose Atmosphäre. Boshafte, erniedrigende "medizinische" Untersuchungen, wenn jemandem übel war. Thermometer in den Po, eine/r nach der/m anderen standen wir ohne Unterwäsche Schlange. Alles Simulanten, das war doch klar. Unsere kindlichen Bedürfnisse und die Sehnsucht nach Aufgehoben-Sein und Verständnis interessierten nicht, wir störten - das war die Botschaft an uns, von der ersten Minute an. Wir hatten uns unterzuordnen, uns zu fügen, waren keine Individuen, wir waren eine Masse, die es zu disziplinieren galt, ohne Recht auf Persönlichkeit. An dem ein- oder anderen Abend sangen wir zusammen im Speisesaal...."Der mächtigste König im Luftrevier" - im Ersten Weltkrieg eine Art inoffizielle Hymne der deutschen U-Bootfahrer (Wikipedia) und in der NS-Zeit gerne in textlicher Abwandlung gesungen. Oder "Wildgänse rauschen durch die Nacht", Symbol für die "Wandervogel-Soldaten", gerne in der Hitlerjugend, Wehrmacht oder Waffen-SS gesungen und bis in die 70er Jahre auch im Schulunterricht, bei der Fremdenlegion und Bundeswehr...... Aber beim Singen hatte ich wenigstens das Gefühl, nicht allein zu sein. Denn das waren wir sonst: allein in unserer Not auf dieser Insel, verlassen von der Welt, einsam.
Die sechs Wochen schienen nie enden zu wollen, ich weinte heimlich jeden Abend. Heimlich, weil ich verlacht, gedemütigt worden wäre, wenn es die "Tanten" entdeckt hätten. Mein wichtigstes Ziel wurde, nicht aufzufallen, unsichtbar zu sein, durchzuhalten. Ich erinnere mich nicht an freundschaftliche Kontakte unter den Kindern. Sie waren nicht erwünscht. Auch jeglicher Kontakt nach außen wurde unterbunden. Kontrolle und Erniedrigung, emotionale Kälte und Strafen, das war unser Alltag. Ein Leben in Angst, etwas falsch zu machen und dafür büßen zu müssen. Das werde ich nie vergessen. Es hat mich nachhaltig geprägt. Ich kann mir nicht vorstellen, diese Insel jemals wieder zu betreten und war sehr froh, dass der diesjährige Kongress unserer Verschickungsheim-Initiative virtuell stattfand und nicht auf Borkum.
Was ich durch den Aufenthalt gelernt habe: Autoritäten abzulehnen, ihnen zu misstrauen, nicht aufzufallen, niemandem zu vertrauen, auch meinen Eltern nicht, die mich ja nicht geschützt hatten... Meine Gefühle behielt ich seitdem lieber für mich...Aber ich lernte auch: "NIEMALS AUFGEBEN!" Nicht die Täter:innen siegen lassen. Niemals!
Heute bin ich ein fröhlicher und glücklicher Mensch. Der Weg dorthin war anstrengend. - 63) Dr. Jürgen Baumgart aus MünsterWegen Unterernährung war ich ich 3 Mal für jeweils 6 Wochen auf der „ Milchsuppeninsel“.
Meine ekelhafteste Erinnerung ist die an die
„Tanten“,
Vor allem Tante Gesche, die mich gezwungen hat, erbrochenen Kochfisch erneut zu essen.
Ein Pfleger hat mich dabei festgehalten.
Die Mittagsruhe war die reinste Schikane.
Der Schlafsaal mit 10 Kindern hatte einen Nachttopf. Den musste ich, der Jüngste randvoll
gepinkelt ausleeren.
Da ging jedes Mal was daneben. Ich musste danach den Flur mit einer Zahnbürste schrubben.
Die endlosen Wanderungen ohne Trinken waren eine Plage.
Da half auch die Prämierung der „ Mastopfer“
Am Ende der Kur nicht. MancheKinder haben 10 Teller Milchsuppe am Abend essen müssen, um das Mastziel zu erreichen.
Ich habe nach 1962 diese Insel bewusst nicht mehr aufgesucht, obwohl ich als Hobbysegler
Eine Affinität zu Wasser habe.
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