Suchen Sie in den Erinnerungen anderer Verschickungskinder nach ihrem Heim

  • 1) Anja Röhl
    Liebe Petra, ich möchte mich einmal kurz einschalten: Wir dürfen nicht die Erinnerungen anderer Betroffener in Zweifel ziehen, sonst machen wir das Spiel mit, unter dem viele von uns gelitten haben, dass ihnen nicht geglaubt wurde. Nur weil etwas bei uns selbst anders oder „milder“ war, muss das nicht für andere auch so gewesen sein. Ich habe hier jetzt annähernd 1800 Berichte und 1500 mails gelesen, verdorbenes Essen ist dabei mehrfach genannt worden, dazu habe ich dieselbe Beschwerde von Jugendamtsmitarbeitern in einer Akte zu einem Kinderkurheim In Wyk auf Föhr gelesen. Das ist durchaus glaubhaft. Und Sabine Ludwig, die Autorin, gehört unserer Initiative an, du kannst sie gern fragen, was in ihrem Buch Fiktion, was Wahrheit ist. Sie hat uns auf dem letzten Kongress erzählt, Fiktion im Buch sei nur das Gute, die Rebellion, der Zusammenhalt unter den Kindern. Den hat es in Wirklichkeit nur im Ansatz gegeben, da enthält das Buch Wünsche und Sehnsüchte. Alle schlimmen Dinge, alle Verschickungsheimbedingungen, die sie beschreibt, sind absolut von ihr genauso erlebt worden. Wir sammeln mit unseren Betroffenenberichten „subjektive“ Wahrheiten, viele Tausende von subjektiven Wahrheiten ergeben eine objektive Wahrheit. Auch deine Wahrheit ist nur eine subjektive, genau wie meine, man muss ihr zuhören, man muss sie gelten lassen! Grüße, Anja
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  • 2) Wolfgang Buckow
    Liebe Freunde,


    seit meinem 6. Lebensjahr habe ich von 1953 (Wyk auf Föhr) bis 1964
    (Langeoog) an diversen Heim-Verschickungen teilgenommen (7 x +2
    Ferienfamilien in der BRD und 7 x Ferienlager der DDR bis 1961), verfüge
    also über einen reichen Erfahrungschatz.
    Während ich von meiner
    Frau oder andern Bekannten eher ablehnende Berichte hörte, kann ich die
    negativen Erfahrungen persönlich nicht bestätigen. Ich habe die
    Möglichkeiten immer gern genutzt und da in Berlin (West) die
    Verschickung über das Rathaus (Jugendamt) nur alle 2 Jahre möglich war,
    bin ich in der Zwischenzeit auch als “friedliebendes westberliner
    Arbeiterkind" in die DDR eingeladen worden. Vielleicht lag es an meinem sonnigen Gemüt, dass ich nur gute Erinnerungen zurückbehalten habe und oft beschriebener Horror bei mir nicht vorkam. Als kleinem Jungen im Kinderheim auf Föhr wendete sich das Heimweh oder die fiebrige Erkältung von Bettnachbarn noch zum Guten, denn ich durfte wegen deren Bettruhe ihre Gummistiefel für Wanderungen durch Schee und Matsch anziehen. (Nur eine Art Müsli aus geriebenen Mohrrüben mit Haferflocken (?) ist mit unangenehm in Erinnerung). Selbst DDR-Veranstaltungen mit morgendlichem Fahnenappell nahm ich mit Humor, mich interessierten vielmehr die hübchen Mädchen bei ersten sexullen Annäherungsversuchen und das überall reichliche Essen.
    Familienreisen gab es zu dieser Zeit bei uns nicht.
    Ich grüße alle recht herzlich und bin für Nachfragen gern auskunftsbereit.
  • 3) Thomas
    Thomas-- Ich habe durch die TV-sendung vor ca.einem Monat von dieser Seite erfahren und habe für mich selbst recherchiert und meine ältere Schwester hat das auch gemacht. Wir reden seit Wochen immer wieder darüber. Ich habe diese Zeit,dieses Erlebnis offensichtlich 50 Jahre verdrängt. Ich weiß jetzt zumindest, dass ich April 1970 für 6 Wochen im "Schloß am Meer" auf Wyk/Föhr war, dass ich großes Heimweh hatte, dass ich - laut meiner Schwester - danach wochenlang nicht oder kaum gesprochen habe. Ich habe ein altes Gruppenfoto gefunden und würde mich freuen zu erfahren, ob einer dieser Jungen von damals das hier liest und evtl. Kontakt sucht.
  • 4) van Kampen
    1973/1974 muss es gewesen sein, als ich aus gesundheitlichen Gründen, wegen eines Schattens auf der Lunge zur Kur In Wyk auf Föhr musste. Ich war 4 Jahre alt. Meine Erinnerungen sind ziemlich mau. Leider weiß ich weder in welchem Haus ich war, geschweige denn wie es hieß? Meine Mutter bekam damals Ein Telegramm, angeblich hatte ich so starkes Heimweh, dass ich in ein Krankenhaus eingewiesen werden musste. Meine Mutter wollte mich nach Hause holen, aber davon wurde ihr abgeraten, weil ich auf dem Heimweg hätte versterben können. Sie sah also davon ab.

    Meine Erinnerung ist, dass ich ein Einzelzimmer hatte. Ich kann mich an einen Spielmannszug, wie es zum Laternenumzug üblich ist erinnern, der auf einem Hof? Am Krankenhaus vorbeizog? Eventuell haben wir eine Kutschfahrt durch ein Waldstück unternommen (mit Nonnen). Gab es sowas? Es könnte möglich sein, dass das eine Erinnerung aus einer Verschickung war?!

    Seit Wochen versuche ich Mich zu erinnern, aber alles ist weg! Was mich sehr umtreibt, ist, dass ich körperlich erkrankt bin und dies mit meinem 4ten Lebensjahr begann, außerdem bin ich stark depressiv. Es war meiner Mutter nie möglich mich in den Kindergarten zu bringen, ich währte mich mit Händen und Füßen, haute über den Zaun ab und ging nach Hause, wir wohnten gleich nebenan. Ich glaube 1 Woche, dann meldete sie mich wieder ab.

    Schule war für mich der absolute Horror, ich fühlte mich eingesperrt! Ein sehr bedrückendes Gefühl, musste die erste Klasse wiederholen. Aber auch, weil die Lehrerin ein Mistvieh war!

    Ich weiß nicht, was mir in dem Kurheim passiert ist!

    Ich habe 2 Fotos, die würde ich gerne hier hochladen, vielleicht erkennt sich da jemand wieder, oder vielleicht an die Räumlichkeit? Ich weiß nicht, ob ich das aus Datenschutzrechtlichen Gründen darf und wenn ja, wo mache ich das?

    Kann mir jemand Tipps geben?

    Übrigens war ich ein Hamburger Kind, vermutlich über die Ballin Stiftung, bin mit meinen Recherchen aber bis jetzt gescheiter.

    Sabrina
  • 5) Sandra
    Moin moin, vor ein paar Tagen hörte ich zum ersten Mal von der Initiative von Anja Röhl in den Nachrichten im Deutschlandfunk. Plötzlich war alles präsent, 45 Jahre verdrängt. 1975 kam ich mit 5 Jahren nach Wyk auf Föhr, verschickt von der Hamburger Schulbehörde wegen häufiger Erkältungen. An die Untersuchung in der Behörde über dem EKZ Hamburger Straße erinnere ich mich noch gut. Es klang zunächst nach Abenteuer, soweit man mit 5 Jahren sich ein Verschickung vorstellen kann. Zum ersten Mal ging es weg von den Eltern, ein Bus brachte uns, mit Karten um den Hals, Richtung Dagebühl. Teddies und andere Dinge, die uns an zu Hause erinnern sollten, wurden konfisziert. Wir mussten stundenlang stramm marschieren am Strand, von Spielen keine Spurt. Zum Abendessen gab es jeweils ein Wurst- und ein Käsebrot. Ich aß schon damals eigentlich alles, nur Käse löste erbrechen aus. Also tauschte ein lieber Sitznachbar mit mir sein Wurst- gegen mein Käsebrot. Als die Aufseherin dies sah gab es eine Ohrfeige und das Käsebrot wurde mir wie bei einer Stopfgans in den Hals gedrückt. Die Methode hatte Erfolg, klar dass ich von nun an brav mein Käsebrot aß und mich später erbrach.
    Schlief man um 19:30 Uhr nicht, wurde man mal im Nachthemd, mal nackt mit einer Wolldecke aber immer Barfuß in den kalten, dunklen Flur an die Wand gestellt, wo man kerzengerade bis Mitternacht ausharren musste. Bettnässerei wurde laut verkündet und Hausarrest bestraft. Ich bekam hohes Fieber und musste auf die Krankenstation. Dort war es toll, eine einzige barmherzige Kinderschwester kümmerte sich rührend um uns. Nach ein paar Tagen wurde es besser und ich musste zurück auf die Station, wo man mich lächerlich machte, für meine "Krank-Simulation". Ich bekam wieder Fieber, musste aber stundenlang im strammen Nordseewind marschieren. Schliesslich 40 Fieber, wieder Krankenstation. An einen Arzt oder eine Ärztin kann ich mich nicht erinnern. Meine Eltern wussten davon nichts. Schliesslich wurde meine "Kur" um 6 Wochen verlängert, da ich mich einfach nicht erholen wollte. Ich bekam Päckchen von zuhause mit Süßigkeiten, die wurden natürlich konfizissiert, ein Brief an die Eltern, den ich einmal diktieren durfte, wurden "angepasst". Ich kam nach wie ich meine 10 Wochen glühend mit hohem Fieber und Geschlechtskrankeiten (sogenannten Trichomonaden) zurück nach Hamburg. Mein Vater musste eine Zuzahlung von ich meine 3000 DM leisten. Wenn es ein Wort gibt, dass die Handlungen bestmöglich beschreibt, ist es die Erniedrigung.
  • 6) Range, Peter
    Hallo, ich war als Kind in Wyk auf Föhr. Es muss etwa 1959 gewesen sein. Die Erinnerung ist etwas verblasst. Es war ein Kinderkurheim und ich war ca. 3 Monate über Weihnachten dort. Habe noch Bilder von der Weihnachtsfeier und vom Strand. Nach meiner Kenntnis hatte ich ein Lungenproblem, ( Hilusdrüsen ). Jeden Montag wurde Blut entnommen, hatte jedesmal Angst.
  • 7) Soffia Weber
    Guten Abend, war jemand von Ihnen/von Euch 1970 um Ostern in einem Kinderkurheim in Wyk auf Föhr?

    Und weiß jemand, ob das Haus Tanneck (Wyk auf Föhr) ein Kinderkurheim für Kinder von Angestellten/Arbeitern der Bundesbahn war? War dort jemand 1970 um Ostern?

    Herzliche Grüße!
  • 8) Gerald Thomsen
    Moin Gerd,
    ich war 1964 im Marienhof in Wyk auf Föhr. An einem Eingangstor waren dort Walknochen aufgestellt. Vielleicht hast du die in Erinnerung. Im Forum habe ich unter "Kinderheim in Wyk auf Föhr" meine Erlebnisse niedergeschrieben:

    https://verschickungsheime.org/forum/topic/kinderheim-wyk-auf-foehr/
    Gruß
    Gerald Thomsen
  • 9) Gerd
    Liebe Frau Röhl,
    vielen Dank für Ihre Arbeit und die Möglichkeit, sich hier neben vielen anderen mitteilen zu können.
    Ich lebe in SH und wurde im Sommer 1967 im Alter von 7 Jahren nach Wyk auf Föhr "verschickt".
    Als ich jetzt den Frnsehbericht sah, kam das große Deja Vu: Bestrafungen durch andere Kinder, im Bett fixiert, starkes Heimweh, dass durch rauhe Handlungen der Betreuerinnen unterdrückt wurde. Der Geruch von dünnem Hagebutten-Tee liegt mir noch heute in der Nase.
    Ich habe mit immer wieder gefragt, woher meine Depressionen und meine Ängste vor dem Leben stammen. Ich denke, mir wird es immer klarer.
    Den Namen der Unterkunft weiß ich nicht mehr, erinnere mich aber an tägliche Spaziergänge, bei denen wir immer an dem Museum mit den Wal-Kieferknochen vorbeikamen. Vielleicht war es das Haus der Barmer...meine Eltern waren damals schon dort Mitglied.
    Vielleicht findet sich hier jemand, der auch zu dem Zeitpunkt dort war.
    Grüße von Gerd
  • 10) Dr. Wolfgang David
    In den vergangenen Tagen sind noch weitere Erinnerungen, aber auch ein Feedback meiner 95jährigen Mutter und meiner älteren Schwester hinzugekommen.
    Beide sagten am Mittwoch übereinstimmend singemäß:
    "Du warst traumatisiert. Aber erzählt hast Du fast nichts: Nur, dass die Post gelesen und kontrolliert wurde und dass die Päckchen an die Kinder von den Frauen "leergefressen" wurden."
     
    In den verganenen drei Tagen neu bewußt gewordene Erinnenrungen:
    Vor Abreise hatte es einen Info-Abend der Barmer Ersatzkasse gegeben. Von diesem kehrte meine Mutter mit dem bereits erwähnten und noch vorhandenen BEK-Reiserucksack nach Hause zurück. Ich erinner mich noch genau daran, wie Sie mit diesem Stück durch die Wohnungstür kommt.
     
    In den Tagen vor meiner Abreise nähte meine Mutter kleine maschinengestickte Namensschilder in meine Kleidungsstücke, da diese in Wyk gewaschen wurden.
    Einige dieser Kleidungsstücke bzw. der später in anderen Kleidungsstücken wiederverwendeten Stoffetiketten sind auch noch erhalten.
     
    Vor der Abreise am 5.1.1970 gab es einen Bericht in den Fernsehnachrichten, dass wohl bundesweit überall Sonderzüge in den Tagen nach dem Jahreswechsel mit den Kindern zu den Heimen aufbrachen.
     
    Der Sonderzug fuhr abends los. Einfache Abteile mit ausziehbaren Sitzen. Spätabends die Lichter Hamburgs. Am frühen Morgen dann die Fähre von Dagebüll nach Föhr.
    Das erste Abendessen noch in sehr guter Erinnerung. Auch eine nette Erzieherin im Team, die aber nach einigen Tagen abgelöst wurde.
     
    Ein regelrechter Schock für mich war dann am ersten Abend die erstamlige Benutzung der Waschräume, wo jedes Kind einen Haken und ein kleines offenes Fach hatte, wenn ich mich recht erinnere.
     
    In den Zimmern gab es 4 oder 5 Betten, an deren Anordgnung im Raum ich mich noch exakt erinnern kann -- und auch wo mein Bett stand.
     
    Einige Kinder hatten Geburtstag während der sechs Wochen und erhielten von zuhause Pakete. Dass diese an die jeweiligen Kinder und die Gruppe immer verteilt wurden, daran kann ich mich nicht erinnern. Höchstens ein Teil kam an. Ich erinnere mich nämlich daran, dass die Pakete im Speisesaal geöffnet wurden, und der Inhalt dann zunächst von den Damen beschlagnahmt wurden. Und ich erinnere mich auch an offene Pakete, aus denen sich die Damen im Friesenzimmer bedienten. -- Aber auch daran, dass auch der Geburtstag gefeiert wurde und die Kinder der gleichen Gruppe oder die Zimmergemeinschaft etwas abbekamen.
     
    In den Räumen an den Fensterfronten des Anbaus, die den zentralen Speisesaal umgaben, spielten wir in Gruppen Brettspiele. Dabei waren Halma sowie Deutschlandreise, Weltreise und Malefiz, die ich dort kennelernte.
     
    Durch den Hinweis von Kirsten Beste (ihr Kommentar) erinnere mich ich an die Strafen während des Zwangsmittagsschlafes: Stehen in den Ecken. Und das bis zu zwei Stunden lang!
    Das war nicht wie in der Schule, wo ja der Unterricht weiterlief und deshalb die Zeit schneller verging. Denn es sollte in der Halle ja alles muckmäuschenstill und regungslos sein.
    Da werden zwei Stunden zur endlosen Qual schon allein wegen der Langeweile. Und Kinder empfinden als ungleich länger als dies Erwachsene tun.
     
    Am Ende des Aufenthaltes gab es einen Abschlußabend oder -nachmittag mit Aufführungen.
    Ich war an zwei Dingen beteiligte, erinnere mich dunkel aber nur noch an "Wer hat die Tabakspfeife meines Bruders/Vaters(?) gesehen.
     
    Rückreise im Dunkeln am ganz frühen Morgen, so daß der Zug nachmittags Kassel erreichte.
     
    Was ich heute sehr bedauere: 2011 wurde alle Anbauten, auch der Anbau mit dem Speisesaal, abgerissen und das "Schloss am Meer" bis auf die Außenmauern der Fassade entkernt.
    Würde es noch stehen, wäre ich nun hingefahren, um noch einmal im Speisesaal zu stehen und mich zu vergewissern.
    Das geht nun nicht mehr. Aber interessieren würden mich alte Innenfotos oder Grundriss- und Raumpläne.
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
  • 11) Regine Leubner, geb. Leifert
    Montag habe ich die Dokumentation über die Verschickungsheime gesehen und war wie vom Donner gerührt. Ich wurde 1957als Fünfjährige und mit acht Jahren noch einmal ins Kinderheim der Rudolf Ballin Stiftung in Wyk auf Föhr verschickt. Ich erinnere mich kaum an diese Zeiten.Nur mein Heimweh ist mir noch präsent und dass ich viel geweint hatte, obwohl wir das nicht durften. Ich musste mehr essen als ich wollte und saß so lange, bis der Teller leer war. Schlimm waren die Schokoladensuppe mit Haut oder die süßen Nudeln. Als ich mich einmal erbrach, musste ich alles noch einmal essen. Ich erinnere mich an einen großen Schlafsaal und an die Mittagsstunden, in denen wir alle zur Wand gedreht liegen mussten. Ich glaube, beim zweiten Mal war es nicht so schlimm auf Föhr.
     
    Als ich vorgestern sah, wie Sie und Ihre beiden Mitstreiter über die eigenen Erfahrungen erzählten und ich dabei Ihr Leid erkannte, wurde mir bewusst, dass ich auch sehr viel Schreckliches dort erlebte. Ich habe das vollkommen verdrängt, so gut sogar, dass ich viele Jahre später in diesem Heim als Lehrerin arbeiten konnte, ohne mich groß an meine Kinderzeit dort zu erinnern. Ich dachte ohne jegliche Emotionen: ich wurde verschickt, ich hatte Heimweh, ich war eine Heulsuse und ich nahm brav zu.
    Nein, es war schlimm und die Folgen trage ich wohl bis heute noch, ohne mir dessen bewusst gewesen zu sein. Mit diesem Film habe ich neue Impulse zur Aufarbeitung meiner Kindheit und Jugend bekommen, denn bisher waren die Verschickungen kein Thema. Ich spaltete damals wohl einen Großteil meiner Gefühle ab, um die schreckliche Zeit durchzustehen, so dass mir das Vergessen später leicht fiel.
    Niemals habe ich daran gedacht, dass es so vielen anderen Menschen ähnlich erging. Ich dachte immer, ich hätte hätte mit meinem schlechten Benehmen mein Leid selbst verschuldet. Dabei war ich nur ein kleines, wehrloses, lebendiges Mädchen!
     
  • 12) Kirsten Beste
    Hallo Wolfgang,
     
    ich war ungefähr ein Jahr später dort, so im Frühjahr / Frühsommer 1971 im Alter von 6 Jahren. Ich habe sehr wenig konkrete Erinnerungen an den Aufenthalt dort. Und bei manchen Bildern die ich im Kopf habe weiß ich nicht ob sie wahr sind oder sie mangels konkreter Erinnerungen der kindlichen Phantasie entsprungen sind.
    An den Zwangsmittagsschlaf auf den Feldbetten mit kratzigen Wolldecken in dem Anbau vom Heim
    kann ich mich noch gut erinnern. Gefühlt habe ich in den 6 Wochen meines Aufenthaltes eine ganze Wolldecke zerrupft und kleine Kugel aus den Flusen gedreht. Wer nicht ruhig war oder sich bewegt hat musste den Rest der Zeit in der Ecke stehen.
    Besonders schlechte Erinnerungen habe ich an das Essen, hier besonders Milchreis, den ich bis heute nicht mal riechen kann ohne das mir schlecht wird.
    Vielleicht hast du ja Interesse an einem Austausch!? ES gibt auch eine Facebook Gruppe für Verschickungskinder Wyk auf Föhr.
    Liebe Grüße Kirsten
  • 13) Dr. Wolfgang David
    Mir schlug das Herz gestern Abend bis zum Hals, als auf einmal in der TV-Dokumention Wyk und das BEK-Heim Schloß am Meer zum Thema wurde.
    Vom 5. Januar bis 10. Februar 1970 war ich im BEK-Heim Schloß am Meer in Wyk auf Föhr.
     
    Nach einem Besuch der Schulärztin in der Königstorschule in Kassel wurde ich als Drittklässler (8 Jahre alt) zur Erholung nach Wyk geschickt.
    Die Daten habe ich nie vergessen. Mit dem Nachtzug auf ausgezogenen Sitzen schlafend (keine Liege- oder gar Schlafwagen) von Kassel über Niebüll, Dagobüll nach Wyk. Auf dem Rücken der blaue BEK-Rucksack mit weißer Aufschrift aus Plastik. Der Rucksack existiert noch. Meine Postkarten und Briefe nach Hause schrieb ich heimlich auf der Toilette und die aus dem Schloß am Meer geschmuggelten Karten/Briefe warf ich beim Spaziergang ebenso heimlich in Briefkästen, die wir passierten.
    Die offiziell ausgehende Post wurde zensiert. Die eingehenden Päckchen kontrolliert und zum Teil vom Personal (ausschließlich Frauen, darunter auch junge "moderne" Post-1968er Mädchen von 1970 in Minikleidern) geplündert. Die Damen speisten im Friesenzimmer, die Kinder aßen oft bis zum Erbrechen Nussgrießbrei, der so dick war, dass sogar die schweren Schöpfkellen darin stehen blieben. .....
     
    Ich war damals acht Jahre alt, gehörte zu den jüngsten der "großen Jungen".
     Natürlich harte Rangkämpfe voller Gewalt, dennoch überwiegte die Solidarität der Kinder untereinander gegenüber den Frauen, unter denen es durchaus auch nette gab. Ich habe noch das Gruppenfoto in einem Fotoalbum, eingeklebt zusammen mit Ansichtskarte des BEK-Heimes Schloß am Meer.
    Vertrauen hatten wir aber nur zu dem einzigen Mann, dem Hausmeister. Ein älterer Mann, der mit uns Korbball spielte und uns beim Schneeschippen als Persönlichkeiten ernst nahm.
     
    Zwangsmittagsschlaf (wir waren nur nach der nächtlichen Anreise müde genug) auf Feldbetten in einer Turnhalle. Zwischen den Betten "Covid-Abstand" Sprechen und Flüstern verboten. Aus den Wolldecken zogen wir Fäden und machten Knoten, damit die zwei Stunden verstrichen.
    Nachts eine Wache vor den Schlafzimmern. Bei Flüstern wurde man in den Waschraum geschickt und mußte zur Strafe die Nacht separiert auf Holzbänken im Waschraum verbringen.
     
    Glücklicherweise traf es mich nur eine einziges Mal, auf der Holzbank vor dem Waschraum übernachten zu müssen. - Wir mussten es hinnehmen und haben es ertragen.
     
    Das Taschengeld wurde einbehalten. Das Gruppenfoto wurde davon bezahlt und der Keramiker, der mit Vasen und Seepferdchen aus Ton ins Schloß kam. Dort durften wir die Mitbringsel für unsere Familien kaufen. Die Seepferdchen für jeweils 1,50 DM, die Vase für 3 DM. Gutes Geschäft! Und die Preise kenne ich noch nach 50 Jahren. Seepferdchen und Vase sind noch vorhanden. So verdienten auch der lokale Töpfer und der Fotograf an den Kindern.
    Viel lieber hätten wir Kinder etwas im Andenkenladen gekauft. Das traf eher unseren Kindergeschmack.
     
    Ich fragte mich oft, ob diese 6 Wochen jemals zu Ende gehen. Die Rückreise eine Erlösung - Dagobüll und Niebüll geradezu Sehnsuchtsorte. Ich kann mich auch noch gut erinnern, wie "Leidensgenossen" in Celle aus dem Zug stiegen.
     
    Und wohl niemals in meinem Leben bin ich so auf meine lieben Eltern und meine Schwester sowie meinen Schulfreund Olaf zugestürmt wie am Nachmittag des 10. Februar 1970 auf dem Bahnsteig im HBF Kassel.
     
    Wie habe ich die sechs Wochen überstanden?
    Ich hatte das Glück, jeden Tag bei der Austeilung der Post etwas zu erhalten.
    Meine Mutter, die morgen am 12.8.2020 95 Jahre alt wird, schrieb mir jeden Tag eine Postkarte des Jugendherbergswerks (es gab damals jedes Jahr eine Kartenbox mit Tiermotiven). Und auch Großeltern, Onkel und Tanten, Vater und Schwester schrieben mir. Das gab Rückhalt. Die meisten der anderen Kinder entbehrten dieser Zuwendung. Manche erhielten niemals Post, die täglich im Speisesaal ausgeteilt wurde. Ich wurde täglich aufgerufen und konnte vom Tisch nach vorne gehen, manchmal sogar mehrmals. -- Manche Kinder erhielten niemals Post.
    Was ist wohl aus den anderen geworden? Uns verband eine Solidarität. Manche Namen und Anschriften notierte ich.
     
    Aber es gab durchaus auch gute Momente mit den Erzieherinnen. Auch die am meisten Gefürchtete hatte durchaus warmherzige Momente, wenn Sie Geschichten vorlas.
     
    Die Verbindung mit Erziehungsmethoden der NS-Zeit bzw. eine Verbindung zur SS-Karriere mancher Verantwortlicher (TV-Sendung vom 10.8.2020) greift meiner Meinung nach zu kurz. Die alles besitzt ältere Wurzeln. Man denke an Oliver Twist. Und besonders eindrücklich hat dies Michael Hanecke in seinem Spielfilm "Das weiße Band" dargestellt.
  • 14) Betti
    Hallo,
    ich war 2x in so einem Kinderheim, in Niedersachsen (?) und Wyk auf Föhr, jeweils ca. 5 Wochen, immer wenn ich ein Geschwisterchen bekam zur Schonung meiner Mutter, also 1963 und 1965 von Hamburg aus, ich bin Jahrgang 1959. Die grässlichen Geschichten kann ich bestätigen, schreckliche Pampsuppen, die man aufessen musste, sonst musste man noch Stunden davor sitzen. Rundgänge durch den Schlafsaal mit Taschenlampe, wer nicht schlief und blinzelte, musste unter einer schweren miefigen kratzigen Wolldecke auf dem Flur stehen. Und wehe, jemand hatte ins Bett gemacht. Postkarten wurden zensiert und man musste sie neu schreiben unter Aufsicht. Man durfte nur an bestimmten Zeiten 3x am Tag auf Toilette gehen (auf Föhr), die Büsche um das Haus herum stanken und wehe jemand wurde erwischt. Eine dunkle Zeit in meiner Kindheit. Gut, dass das aufgearbeitet wird, danke für das Engagement!
  • 15) Christiane Hofer
    Hallo,
    Vielleicht kann mir hier jemand helfen? Ich wurde ca 1973 im Alter von 5 Jahren nach Wyk auf Föhr verschickt und kann mich nicht mehr an sehr viel erinnern, auch nicht, welches Haus es war. Nur „Haus Möve“ kann ich noch erinnern und dass es von Nonnen geleitet wurde. Ich war die meiste Zeit todunglücklich und auf der Krankenstation untergebracht. Jahrelang hat mich ein bestimmter Geruch verfolgt, der mich immer in diese Zeit zurück versetzt hat. Das ist heute zum Glück weg. Kann mir jemand hier sagen, um welches Heim es sich gehandelt haben muss?
    Viele Grüße Christiane
  • 16) Gerd
    Hallo,
    ca. 1967 war ich (7) im Kinderheim Haus Goltermann in Nieblum auf Föhr,
    es fuhr dorthin eine 01- Dampflok mit Ölfeuerung, mein damaliges Hobby.
    Erinnerungen sind nur noch schemenhaft, morgens nackt mit Gartenschlauch eiskaltes Wasser, dadurch keine Luft mehr bekommen, straffe Führung, lange Märsche in der Sommerhitze, Heimweh, Ohrfeigen. O.K. manchmal war ich auch frech. Briefe an die Eltern durften nicht zugeklebt werden, meine sind aber komplett angekommen. Hab mich dort gelegentlich in einem Schuppen versteckt, gab Streß, und bei Abreise hab ich ein altes Buch von Louis Trenker mitgehen lassen, quasi als selbst gewählte Entschädigung...
    Wenn man schon zu Hause streng erzogen wird, z.B. zur Strafe Knien vor dem heißen Heizkörper bei abgeschlossenem Zimmer mit Zwischzenkontrollen, ob man noch kniet !!! und Angst vor dem Vater hat, ist der Unterschied zur Qualität eines Kinderheims, für einen kleinen Jungen nicht so leicht zu beurteilen. Etwaig ist es eine Art Ergänzung zur Erziehung oder deren Fortsetzung gewesen.
    Ca. 1974 wurde ich ins Kinderheim Köhlbrand (St.Peter-Ording) verschickt. Von einer gewissen "Zucht und Ordnung" o.k. kleiner Scherz,
    abgesehen, war das dort sehr schön, sogar für die Fußballweltmeisterschaft wurde extra ein Fernseher beschafft.
    Die haben sich dort wirklich viel Mühe gegeben, das muß auch erwähnt werden.
    Ob ich im Goltermann bleibende Schäden erhalten habe kann ich nicht
    beurteilen, das Leben entwickelt ein Gesamtbild aus dem einzelne Bausteine nur schwer zur Beurteilung herauslösbar sind.
    Wünsche Allen, die viel Schlimmeres erlebt haben wirklich Alles Gute
    und viel Gesundheit.
     
     
  • 17) Astrid
    Ich wurde als Kind in unterschiedlichen Kinderkurheimen gedemütigt, unangemessen bestraft und allein gelassen.
     
    Genaue Angaben über Zeitraum und Heimort kann ich nur bedingt machen, weil ich mehrfach verschickt wurde Ende der 50ger/Anfang der 60ger Jahre. Eigene Recherchen brachten mich noch nicht wirklich weiter. Ich war mehrfach auf Föhr und im Raum Lübeck. Das „Schloss am Meer“ habe ich auf Fotos anderer Verschickungskinder wieder erkannt, auf einem bin ich mit abgebildet.
    Es gab Blumenkohl, da waren schwarze Käferchen drin. „Stell dich nicht so an! Iss gefälligst!“
    Ich habe es versucht, dann musste ich spucken. Eine sogenannte „Tante“ setzte sich neben mich und passte auf, dass ich das Erbrochene wieder aß.
    Ich rutschte auf dem Po die Dünen runter. Die Kleidung wurde schmutzig.
    Danach wurde ich zum Spaziergang nicht mehr mitgenommen, lag ganz allein in einem großen Zimmer mit Gitterbetten. Ich habe eingenässt – wurde geschimpft. Man hat mir die Hände am Gitter festgebunden, weil ich die Nägel abgekaut habe und mich weinend zurückgelassen.
    Bei einem Heimaufenthalt wurde ich krank und über lange Zeit ganz allein in einem großen Raum gelassen. Wie lange das dauerte, weiß ich nicht. Meine Hände wurden „verbunden“, damit ich nicht Nägel kaue.
    Es war ein anderes Heim, ich glaube, ich war älter. Als Kleinste in der Gruppe wollte ich den Mädchen dazu gehören: Trau dich doch!
    Ich sehe den Schlafraum genau vor mir: Dort waren Holzbalken und  links neben meinem Bett war ein Loch im Boden neben dem Holzbalken. Ich konnte sehen, wie die „Betreuer/innen“ unten Karten spielten, irgendwas tranken und lachten. Ich habe einen  Papierknödel durchs Loch geschubst, mehr nicht.
    Barfuß und nur im Nachthemd wurde ich in der Nacht in den Waschraum gestellt auf diese Holzgitter vor den Steinbecken. Ob der Waschraum im Keller war oder ebenerdig, weiß ich nicht mehr. Es fühlte sich an wie nasser, kalter Keller.
    Mir wurde ein Kopfkissen über den Kopf gezogen. „Wag es nicht, dich zu rühren!“ Ich hatte furchtbare Angst, es war kalt und feucht, ich fühlte mich verlassen, es dauerte „eine Ewigkeit“.
    Mit Sicherheit haben diese Erlebnisse Spuren hinterlassen.
    Ein Danke an alle, die sich an der Aufarbeitung beteiligen.
  • 18) Klaus Bornewasser
    Nach einer längeren Erkrankung in der zweiten Jahreshälfte 1959 oder 1960 wurde ich von der Barmer Ersatzkasse, der Krankenkasse meiner Eltern, im November 1959 oder 1960 für sechs Wochen in ein Kindererholungsheim nach Wyk auf Föhr geschickt. Vor Weihnachten 1959 (1960) wurde ich nach Hause entlassen. Ich meine, ich sei damals 9 Jahre alt gewesen, dann war es 1959.

    Ich erinnere mich an einen langen Weg in Zweierreihen vom Hafen zu unserem Haus, ob es zwischendurch eine Busverbindung gab, weiß ich nicht mehr. In dem Haus wohnten wir in Mehrbettzimmern, Nacht- und Mittagsruhe mussten strikt eingehalten werden. Wer dies nicht befolgte, bekam eine Ohrfeige oder musste eine Zeit lang neben dem Bett stehen.

    Es gab täglich einen geführten Ausgang in Zweierreihen – mal zum Meer, mal in den Ort, mal rund ums Haus – wer „aus der Reihe tanzte“ wurde recht unsanft zurückgestoßen und/oder angeschrien. Mir erging es auch einmal so, verbunden mit einem Sturz beim Zurückstoßen in die Reihe. Es geschah, als ich gedankenverloren und voller Staunen den zum Eingangstor umgewandelten Kiefer eines Wals vor einem Reetdachhaus irgendwo in Wyk betrachtete. Ich wurde sehr grob in die Reihe zurückgerissen, fiel dabei sehr schmerzhaft und wurde angeherrscht, ich solle mich nicht anstellen. Danach bin ich nie mehr aus der Reihe getanzt und hatte auch keinen Spaß mehr an den Ausgängen.

    Besonders das tägliche Mittagessen war eine Tortur! Es gab Speisen zu essen, die ich in ihrer Art oder auch so schlecht gekocht von zu Hause her nicht kannte. Ich erinnere mich besonders an Labskaus, eine irgendwie klebrige, übel riechende Masse mit viel Roter Bete, anderen klein geschnitten Zutaten und klein geschnittenem Fisch (vielleicht auch Fischresten), die ich kaum essen konnte, weil sie schon fast wie Erbrochenes aussah, andere nicht gut riechende Fischgerichte und Möhreneintopf, der meistens schrecklich salzig war. So kam es mehrfach vor, dass ich mich beim Essen übergeben musste. Man bestand darauf, dass ich meinen Teller leer aß, auch mit Erbrochenem und oft weit über die Essenzeit hinaus. Man durfte erst aufstehen, wenn der Teller leer war. Das passierte täglich mehreren Kindern, auch mir immer wieder. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mindestens zwei oder dreimal so lange im Essraum sitzen bleiben musste, bis es draußen dunkel wurde.

    Wenn wir Karten nach Hause schrieben, wurde dies in unserem Beisein kontrolliert. Wer etwas von schlechtem Essen o. Ä. schrieb, bekam eine neue Karte (die beschriebene Karte wurde zerrissen) mit dem lauten Hinweis, man solle nur Schönes schreiben, damit sich unsere armen Eltern keine Sorgen machen müssten. Außerdem dürften wir ja nicht lügen, es sei schließlich alles in Ordnung!

    Der Name meiner damaligen Betreuerin war m. E. nach Ute S. (der vollständige Name ist der Initiative bekannt).

    Bis heute kann ich weder Rote Bete oder damit Zubereitetes, Labskaus noch Möhreneintopf essen, obwohl Letzterer vorher eines meiner Lieblingsessen war. Auch Fisch, normalerweise sehr gesund, ist bis heute für mich nur mit Überwindung zu essen, wenn es gar nicht anders geht.

    Ich sollte ein paar Jahre später (1963) noch einmal eine Kinderkur machen, habe mich damals aber mit Händen und Füßen dagegen gewehrt – letztendlich erfolgreich. Meine Mutter hat damals dann mit mir zusammen über die BEK eine Kneippkur gemacht.

    (Klaus Bornewasser, Jahrg. 1950)
  • 19) Ulrike Bahri
    Mein Mädchenname war Ulrike Brülls aus Aachen. Von November bis Weihnachten 1963 verbrachte ich 6 Wochen im Schloss am Meer in Wyk auf Föhr. Die Barmer Ersatzkasse bezahlte den Aufenthalt, unser Hausarzt schickte mich dorthin, weil ich zu dünn war.

    Alle eure Erinnerungen teile ich, die Zensur der Postkarten, den Grießbrei, in den man sich erbrach und dann wieder essen mußte, den Milchreis etc. Ich will nicht alles wiederholen. Mein Glück war wohl, dass ich schon 9 Jahre alt war und in der Gruppe der älteren Mädchen. Aber auch wir mussten in der Veranda Mittagsschlaf halten. Ich erinnere mich, dass wir oft im Wald Völkerball spielten und auf dem Rückweg singen mussten: Hejo holt den Wagen ein... und wenn die bunten Fahnen wehen... Lieder, die ich dort lernte und vorher nicht kannte. Eines Tages, wir bastelten, sagte uns Tante Gudrun, dass Kennedy erschossen wurde und es wohl Krieg geben würde. Mir war durch Unterhaltungen meiner Eltern der Begriff „Kubakrise“ bekannt. Ich hatte große Angst. Das vergesse ich nie.

    Ich habe noch einige Fotos von damals auf denen auch Personen aus meiner Gruppe sind. Ich stelle sie gerne zur Verfügung, vielleicht erkennt sich jemand.
  • 20) Torsten
    "Schloss am Meer", Wyk auf Föhr
    Ich, Torsten, bin Jahrgang 1967 und wurde 1975 nach Wyk auf Föhr verschickt (das Jahr habe ich in meinem Grundschulzeugnisheft ermittelt, meine Verschickung ist dort sogar vermerkt).
    Allein die Bahnfahrt war schon traurig, ich kannte natürlich niemanden. Immerhin hat ein ebenfalls verschickter Junge im Zugabteil Gitarre gespielt, das blieb der einzige Lichtblick für 6 Wochen. Alle hatten diese grünen Barmer Ersatzkassen Rucksäcke. (Ich bin natürlich nicht mehr bei der Drecks Barmer!)
    Ich war in einem Dreierzimmer mit einem Jungen aus Gelsenkirchen und einem aus Bochum, das weiß ich noch genau. Was ich nie vergessen werde: nach einer der Zwangsmittagspausen mussten alle an einer der ständig rauchenden "Tanten" vorbei, und wir wurden genötigt, einen Zug an ihrer Zigarette zu ziehen. Es war eine schlimme Zeit mit viel Heimweh und Gefängnisatmosphäre. Ich kann mich an nichts Schönes erinnern.
    Gestern habe ich hier eine Menge Kommentare gelesen, das hat mich sehr aufgewühlt, ich hatte das Kapitel irgendwie verdrängt. Und ich hätte nie geglaubt, dass das bis in die 90er Jahre ging. Meiner jetzt 12-jährigen Tochter würde ich so eine Verschickung niemals antun. Wie kam man damals auf die Idee, dass das für irgendetwas gut sein soll??? Wer ist verantwortlich? Wer hat dieses System ausgedacht mit den Strafen und seelischer Folter? Sitzen die Verantwortlichen im Knast oder schmoren die schon in der Hölle? Das "Schloss am Meer" bleibt in meiner Erinnerung wie ein Sanatorium aus einem Horrorfilm.
  • 21) Maria Krisinger
    „Gefängnis am Meer“


    So nannten wir es damals, das „Schloss am Meer“. Die Kinderkur der Barmer Ersatzkasse auf Föhr. Es hatte sogar Gitter an den Fenstern.
    Ich war neun. Daher müsste es 1991 oder '92 gewesen sein. Ich hatte chronische Bronchitis, ausgelöst durch Holzschutzmittel in unserem damaligen Haus. Außerdem hatte ich Untergewicht. Und so sollte ich sechs Wochen in eine Kur. Erst einmal freute ich mich, denn wir waren schon die beiden Jahre zuvor auf Föhr im Urlaub gewesen. Auf einem netten Bauernhof. Ich sollte dorthin wegen der guten Meeresluft.
    Aber erinnern an Ausflüge draußen, geschweige denn am Meer, kann ich mich an ungefähr drei. In den gesamten sechs Wochen. Wir waren immer drinnen.

    Unsere Betten hatten Nummern. Und diese Nummern wurden wir. Ich weiß noch, dass ich meine Nummer noch einige Jahre lang wusste. Nun, nach fast 30 Jahren ist sie zum Glück verblasst. Also, das Bett hatte meine Nummer, mein Kleiderschrank hatte diese Nummer, in meiner Kleidung stand diese Nummer, an meinem Handtuch, meinem Kulturbeutel. Ich war diese nun vergessene Nummer.
    Ich teilte mir ein Zimmer mit vier anderen Mädchen. Eines dieser Mädchen war erst sechs Jahre alt. Sie war von ihrer Schwester getrennt worden und, es ist kaum zu glauben, aber sie weinte noch viel mehr als ich. Sie hatte so schreckliches Heimweh. Noch mehr als ich. Und ich habe auch die gesamten sechs Wochen hindurch geweint.
    Es störte die Erzieherinnen, dass ich Heimweh hatte und so viel weinte. Das war gar nicht gern gesehen und ich wurde von ihnen (außer einer, die sehr nett war) immer ein bisschen aufgezogen deswegen.
    Nur manchmal, ganz selten, kam die Chefin runter. Sie war ein unglaublich dicke Frau. Sie hatte riesige Arme und Beine. Und sie war sehr einfühlsam und nett. Sie kam dann und gab uns „Heimwehpillen“. Ich glaube, es waren Smarties. Aber nur weil sie so nett mit mir sprach und mich tröstete, ging es schon viel besser.

    Damals konnte ich nicht einschlafen, ohne die Stimmen der Drei Fragezeichen. In meiner ersten Nacht in der Fremde lauschte ich Justus, Bob und Peter und ließ mich von ihnen beruhigen. Nach nur wenigen Minuten jedoch kam eine der „Wachen“ hinein und nahm mir den Walkman weg. Das sei zu gefährlich, sagte sie. Und dass ich den Walkman am Ende der Kur zurück bekäme.
    Weg waren sie, meine tröstenden Stimmen. Und da war die volle Kraft des Heimwehs, des alleine Seins und der Einsamkeit.

    Duschen mussten wir immer zusammen. Wir standen in einem weiß gekachelten Raum unter ganz vielen Duschköpfen, die an der Decke hingen. Ich glaube wir standen auf einer großen Stufe, also etwas erhöht. Und das Schlimmste am Duschen war das kalte Abduschen danach. Da musste jede durch. Einzeln wurde man mit einem Schlauch eiskalt abgeduscht. Erst vorne, dann einmal umdrehen, und hinten.

    Mit den Mädchen auf meinem Zimmer habe ich mich nicht so richtig gut verstanden. Meine Freundinnen, die ich dort gefunden hatte, waren alle schon 12 Jahre alt und gemeinsam auf einem anderen Zimmer. Mit 12 durfte man schon mehr machen. Auch mal alleine in den Ort gehen. Ich habe mir eigentlich damals geschworen, nochmal mit 12 dorthin zu fahren. Nur um den Laden dann aufzumischen und es den Erzieherinnen heimzuzahlen! Aber die Abneigung war größer als die Rachelust.
    Ein Mädchen aus dem Zimmer meiner Freundinnen bot mir an, dass wir ja die Betten tauschen könnten. Sie wollte gerne der armen Sechsjährigen beistehen. Und ich wollte in das andere Zimmer. Unser Vorschlag wurde aber abgelehnt. Denn dann würden ja die Nummern nicht mehr stimmen, die wir durch unsere Betten ja nun waren.


    Am meisten erinnere ich mich an die „Wachen“. An die Bewegungseinschränkung und die Kontrolle. Obwohl wir für die gute Luft da waren, hatten wir immer zwei Stunden Mittagsruhe. Da mussten wir auf unseren Zimmern und ruhig sein. Man durfte gar nicht raus. Wenn man aufs Klo musste, wurde man von der Wache dorthin gebracht. Sie wartete dann vor der Tür und brachte einen wieder ins Zimmer. Damit man ja nicht zu Freunden ins andere Zimmer huschen konnte. Die Erzieherinnen schritten die Flure auf und ab und kontrollierten, ob wir auch im Zimmer bleiben.
    Nachts gab es auch Wachen im Flur.
    Ab 22 Uhr war Nachtruhe. Einmal habe ich noch mit meiner Bettnachbarin geredet und gelacht. Es war kurz nach zehn. Da flog die Tür auf und wir wurden in den Waschraum geschickt. Dort mussten wir die ganze Nacht auf den kalten Fliesen schlafen. Wir haben uns damals alle Handtücher auf den Boden gelegt, um es uns ein bisschen weicher zu machen.

    Einmal in der Woche durfte die Familie uns anrufen. Mein Flur war dienstags dran. Dienstags abends durfte meine Familie also anrufen. Wir hatten drei Minuten Zeit. So saßen jeden Dienstag mein Vater, meine Mutter, meine Schwester, meine beste Freundin und ihre Eltern um unser Telefon zuhause und ich im Büro des „Schloss am Meer“. Ich weinend. Jedes Mal. Ich habe sowieso die ganze Zeit nur geweint. Aber besonders am Dienstag. Nach drei Minuten klopfte es an der Tür. Zeit vorbei. Wenn man dann nicht auflegte, kam kurz danach eine Erzieherin rein und beendete das Telefonat.
    Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins ist noch heute unerträglich.

    Das Wichtigste war die Post!
    Meine beste Freundin dachte sich immer ganz kreative Sachen aus. Sie schrieb mir Rätsel und erfand Spiele, damit ich mich vom Heimweh ablenken konnte. Sie schickte mir Briefe, Playmobilfiguren und einmal sogar Hundeleckerlies, damit ich was zu Begrüßung für meinen Hund hätte, wenn ich zurück komme.

    Meine Mutter schickte mir vor allem Saft-Trinkpäckchen. Denn in der Kur gab es ausschließlich Früchtetee. Und ich hasse Früchtetee. Heute noch mehr als damals. Aber auch schon zu Beginn der „Kur“ fand ich es schrecklich eklig. Ich konnte es einfach nicht trinken.

    Die so überaus wichtige Post durfte aber immer nur zusammen mit einer Erzieherin geöffnet werden. Denn sollten Süßigkeiten drin sein, würden sie einem weggenommen und an alle verteilt. Das kann ich ja sogar noch verstehen. Falls jemand ständig Süßes kriegt und ein anderer nie, wäre das ja auch hart. Was so schlimm war, war dass man darauf warten musste, bis eine Erzieherin Zeit hatte. Da lag ein großes Päckchen, gefüllt mit Fotos, Briefen und Trinkpäckchen. Mit der Sehnsucht nach Zuhause. Und die Erzieherin hatte keine Zeit, es mit mir zu öffnen. Es war zum verzweifeln. Einmal sagte mir eine Erzieherin: „Stell dich nicht so an, da sind doch eh nur Trinkpäckchen drin.“

    Eines Tages wollte meine Großtante mich besuchen, da sie auch gerade auf Föhr im Urlaub war. Dass sie da gewesen war und an der großen Holztüre abgewiesen worden war, erfuhr ich erst Tage später durch eine Postkarte, die sie mir schrieb.

    Ich war ja auch wegen Untergewicht dort. Und deshalb musste ich immer alles aufessen. Ich habe nie viel gegessen. Und zuhause durfte ich immer aufhören, wenn ich nicht mehr konnte. Dort musste ich aber aufessen. Und jemand setzte sich neben mich, bis ich den Teller leer hatte. Es war ein schrecklicher Zwang. Wenn man satt ist und es geht einfach nichts mehr rein. Aber man darf auch nicht aufhören zu essen, bis man es geschafft hat.
    Und eine weitere „grandiose“ Maßnahme war, dass ich jeden Abend vor dem Schlafengehen noch eine Schüssel Smacks essen musste, bzw. durfte. Die sind ja lecker. Aber was für eine hirnrissige Ernährungsphilosophie ist das denn bitte?!

    Am Anfang las ich auf dem Plan der Aktivitäten, dass wir eine Kutschfahrt mit Herrn Nikkelsen (ich bin nicht ganz sicher, wie er geschrieben wird) machen werden. Ich freute mich wochenlang wahnsinnig darauf. Denn auf dem Bauernhof dieses nettes Mannes war ich die beiden Jahre zuvor schon im Urlaub gewesen. Und ich war mir sicher, dass er mich noch kennt. Ich freute mich so sehr auf einen netten Bekannten. Und war auch heimlich schon ganz stolz, weil er mich doch bestimmt wieder die Kutsche lenken lassen würde, wie schon einmal zuvor. Am Tag der Kutschfahrt wurde diese ohne Angaben von Gründen gestrichen. Also wieder ein Tag im Essraum mit den großen Fenstern von denen aus man die Drachenflieger am Strand sehen konnte.

    Ich weiß, dass meine Mutter es damals nur gut meinte und dem Arzt vertraute, dass diese Kur gut für mich sei. Aber ich kann mir bis heute nicht erklären, warum sie mich nie abgeholt hat. Sie hatte mich doch jeden Dienstag weinend am Telefon.
    Und bis heute hatte ich immer eine ganz leise Angst, dass es tatsächlich ein Gefängnis war, oder eine Besserungsanstalt, weil ich laut meiner Mutter ja immer so schrecklich wütend war und das so anstrengend war.

    Ich glaube, dass ich in dieser Zeit damit begann, mir die Mundwinkel blutig zu reiben. Das taucht auch heute immer mal wieder auf, dieses Phänomen und während dieser Phasen kann ich es nicht stoppen. Es ist ein Drang, den ich nicht lassen kann. Auch wenn mir die Mundwinkel schon weh tun und ich völlig bescheuert aussehe. Ich kann es nicht lassen. Erst wenn sie wirklich blutig sind und es zu sehr weh tut, sie zu berühren, dann höre ich auf.
    Durch die momentane Ausgangs- und Kontaktsperre wegen Corona fühle ich mich immer öfter an diese Zeit erinnert. Wieder einmal Freiheitsentzug und Kontrolle im Namen der Gesundheit. Meine Mundwinkel sind auch wieder wund. Und das ist ja besonders jetzt, da man sich nicht ins Gesicht fassen soll, wiederum mit sehr viel Angst verbunden.

    Aber ich bin froh, dass diese Zeit gerade wieder so lebendig wird und ich viel darüber nachdenke.
    Denn so kam es, dass ich online suchte nach dem „Schloss am Meer“ (diesen Namen kann ich in meinem Inneren immer nur mit größter Verachtung und Wut denken). Ich wollte wissen, ob es das Haus noch als Kurort gibt und ob ich vielleicht heute noch klagen könnte, um andere Kinder zu schützen oder um nun endlich den Laden aufzumischen, wie ich es eigentlich mit 12 machen wollte. Da stieß ich auf ein altes Foto des Hauses, was mich zu einem Artikel über „Verschickungskinder“ brachte. Ich fand noch viele weitere Artikel und auch zu dieser Seite der Vernetzung von Betroffenen.
    Ich fühle mich nur allein dadurch schon so viel besser! Ich bin nicht zu sensibel. Es ist so schlimm wie es sich angefühlt hat. Und ich bin nicht die einzige. Und „das Kind“ hat einen Namen. Und außerdem kann ich jetzt ganz sicher sein, dass es eine Kur war und kein Knast.
  • 22) Christian Katz
    Hallo zusammen, ich bin ganz neu hier und habe durch einen Artikel in der örtliche Zeitung wieder Interesse bekommen, über meinen Kuraufenthalt auf Wyk auf Föhr nachzudenken.
    Leider habe ich gar keine Erinnerung an die Zeit, da ich erst knapp zwei Jahre gewesen sein muss, als ich zur Erholung und Kräftigung nachdem ich nur knapp eine doppelseitige Lungenentzündung überlebt hatte. Das muss so um 1953 gewesen sein. Ich bin in Lübeck geboren. Aus Erzählungen meiner Mutter, die schon lange verstorben ist, kann ich mich an den Namen "Tante Elisabeth" erinnern, weil meine Mutter erzählt hat, dass es dort eine Schwester, eben besagte "Schwester Elisabeth" gegeben hat, die mich zu sich genommen hat und in deren Bett ich schlafen durfte, weil ich noch so klein war. Ich hatte wegen der Erzählung immer ein starkes Gefühl der Dankbarkeit ihr gegenüber. In dem Zeitungsartikel wird diese Frau "Tante Elisabeth" aber als ziemlich brutale und unmenschliche Person dargestellt.
    Meine Frage jetzt: War jemand in den Jahren 1953/54 in diesem Heim in Wyk auf Föhr und hat diese Tante Elisabeth gekannt und kann mir mehr über diese Person erzählen? Weiß jemand noch den Namen des Heims? Die Frage, ob sich jemand an einen kleinen, eher zarte zweijährigen Jungen namens Christian in diesem Heim erinnert, ist wahrscheinlich nicht zu beantworten.
    Aber vielleicht gibt es aj Infos aus dieser Zeit. Mir wäre es wichtig, weil ich mich immer gefragt habe, wieso ich, obwohl ich eigentlich kein sehr ängstliches Kind war, solange ich mich als kind ein meinem sozialen Umfeld meiner Familie und auf der Straße bewegt habe, aber bei der Einschulung, als meine mich begleitende Mutter den Klassenraum nach der Begrüßung durch die Grundschullehrerin die Klassenraum verlassen sollte (wie alle Eltern), ich sofort laut weinend hinter ihr her und aus der Klasse gelaufen bin.
  • 23) Monika Held
    Hallo, ich war schon in den fünfziger Jahren in Wijk auf Föhr. Ich erinnere mich an die ekelhafte Brotsuppe, die es zum Frühstück gab. Ich nahm ein paar Löffel und erbrach die Pampe sofort zurück auf den Teller. Sie wollten mich zwingen, das erbrochene aufzuessen. Als ich mich weigerte, musste ich einen ganzen Tag alleine vor dieser säuerlich stinkenden Suppe sitzen. Ich weiß, dass ich damals dachte: Und wenn ich hier sterbe - den Teller rühre ich nicht an.

    Ich erinnere mich auch an einen Nachmittag, an dem getestet wurde, wer von uns schön singen kann. Nach einer Strophe "Hänschen klein" wurde entschieden, wer beim Singspiel mitmachen durfte und wer nicht. Ich nicht. Wir mit den unschönen Stimmen wurden ins Bett geschickt und mussten bis abends anhören, wie die anderen Kinder ein Singspiel einübten. Wir haben stundenlang geweint. Jahre später ist mir diese wieder Szene eingefallen, als ich gefragt wurde, warum ich im Musikunterricht nicht mitsingen wollte. Singen kann doch jeder! Ich nicht mehr.
  • 24) Michael
    Hallo
    ich war in St.Peter-Ording 1966 und 1967 in Wyk auf Föhr. Leider kennen ich die Namen der Heime nicht mehr ; ich war damals 6 bzw. 7 Jahre alt. St.Peter war besonders furchtbar, Wyk 1967 wenig besser. Leider weiß ich nicht wer damals die Verschickung angeordnet hat , vermutlich der Berliner Kinderarzt zu dem ich damals ging....Würde mich gern mit Leuten austauschen die auch in diesen Jahren in den genannten Heimen waren.... und ich bin froh dass ich zufällig auf dieses Forum und die "Verschickung" gestoßen bin... Vieles habe ich verdrängt, durch die Schilderungen bekomme ich wieder einen "Draht" in die Vergangenheit...
  • 25) Tanja K.
    Hallo!

    Ich wurde damals im November 1988 kurz vor der Einschulung von Nürnberg aus zur Kindererholung nach Wyk auf Föhr "Schloß am Meer" geschickt. Viele Erinnerungen habe ich dazu "leider" (oder vielleicht auch zum Glück) nicht mehr. Lediglich an das große Heimweh, der Zwang zum Essen (ich war ein ziemlich dünnes Kind), die Abgabe des Inhaltes meiner Päckchen die ich erhalten habe, sind in meiner Erinnerung vorhanden. Wir hatten Lieder wie "Kookaburry sit in the old gum tree" oder "What shall we do with a drunken Sailor" gelernt. Auch mussten wir uns in den Gemeinschaftsduschen mit rosafarbenen Gummibürsten abreiben und ich bin der Meinung, dass es eine große Glastür (weiß), zum Essensaal führte. Wir mussten morgens beim ärztlichen Personal antreten zum Lebertran- und Vitamineinnahme. Auch an einem Laden in Wyk kann ich mich erinnern, wo wir eine Kleinigkeit von unseren Taschengeld in Spielsachen umsetzen durften. Ich meine dieser Laden stand bei einem großen Marktplatz dessen Bodenmuster schwarz/weiß gekachelt war.

    Fakt ist jedoch dass diese Zeit mich enorm geprägt hat. Wenn auch sicher unbewusst, denn viele Erinnerungen sind nicht vorhanden. Denke ich habe vieles verdrängt.
    Ich hatte immer Verlassenheitsängste, ging nie mit auf Schullandheimaufenthalten oder habe bei Freunden übernachtet.
    In der Jugend kamen dann Essstörungen und eine Borderline-Erkrankung dazu.
    Ich dachte meine damaligen Probleme mit meiner Psyche hätten andere Ursachen. Heute denke ich eher, dass die Ursache dessen, das Trauma Kindererholung war/ist.
    Ich habe noch sehr viele Unterlagen von meiner Kindererholungszeit, dich ich auf Facebook schon in der Gruppe hochgeladen habe.
    Ich hoffe wir werden diese Sache aufarbeiten können. Ich freue mich auf Austausch hier.

    Lieben Gruß

    Tanja
  • 26) Anja Korte
    Ich bin 1972 in Hamburg geboren, muss so ca. 1978 verschickt worden sein, nach Wyk auf Föhr für 6 Wochen. Viel erinnere ich mich nicht. Ich sollte zum Zunehmen, weil ich stark untergewichtig war. Das Essen wurde mir reingezwängt, bis ich es erbrochen habe. Ich musste so lange das Erbrochene essen, bis der Teller leer war. Im Speiseraum gab es mehrere Tischgruppen. An jedem Ende saß eine Tante und sorgte für Ordnung. Ich erinnere große Schlafsäle mit kratzenden Decken (Bundeswehrdecken?) und dass ich durchweg gefrohren habe. Am Abend wurden Hände in Fäustlinge gewickelt, zum Teil am Bett fixiert. Ich weiß nicht, ob bei mir auch. Vieles hat man ja auch als abschreckendes Beispiel bei den anderen Kindern beobachten dürfen. Eines erinnere ich aber genau. Als wir von was auch immer wiederkamen, waren alle Schränke ausgeräumt. Davor die Tanten und nähten in unsere private Kleidung so kleine Punkte rein. Ich war sehr erbost darüber, weil es ja meine Sachen waren, aber ich wurde nur ausgelacht und sollte es so hinnehmen. Ich erinnere auch, dass Kinder zur Strafe im Flur stehen sollten, mit Decke oder Kissen. Ob ich es auch musste, weiß ich nicht. Das kalte Abduschen mit Wasserschlauch erinnere ich auch. Viele Kinder weinten und hatten Heimweh. Für mich war die gesamte Zeit beklemmend. Von der Insel und vom Strand habe ich nicht viel gesehen. Vielleicht waren wir ein oder zweimal da. Es gab ein Spielplatz am Haus. Aber irgendwie hatte keiner so richtig Lust zu spielen und fröhlich ging es auch nicht zu. Die Tanten saßen da und passten auf. Und ich war mir nie sicher, ob das, was ich da tat oder auch nicht, überhaupt richtig war, also ein gewünschtes Verhalten. Aber ganz ehrlich, zu Hause erzhählte ich es und wurde nicht ernst genommen, wurde es meiner regen Fantasie zugeschrieben.
    Ich war auch noch auf anderen Verschickungen, z.B. am Brahmsee, aber das fand ich nicht so schlimm. Es war in einem Wald mit verschiedenen Hütten und da erinnere ich mich an Lagerfeuer mit Gitarrenmusik, Nachtwanderungen und Nachmittage am und im See, Waldspaziergänge....und dann Quarantäne mit Masern, wo ich mich bis heute frage, warum die mich nicht einfach wieder nach Hause geschickt haben.
  • 27) I. Bruhn
    Ich muss so 1961, ca. 5 Jahre alt, nach Wyk auf Föhr verschickt gewesen sein, ich erinnere mich nur noch daran, dass ich krank wurde und alleine in einem große Zimmer Tag und Nacht im Bett zu liegen hatte. Ab und zu schaute eine Frau nach mir.
    Woran ich mich noch gut erinnere ist, dass ich nie gerne verreist bin, ich wurde jedes Mal richtig krank mit hohem Fieber, wenn meine Eltern einen Urlaub ankündigten, so dass sie es mir vorher nicht mehr sagten, sondern einfach mit mir los fuhren.
    Seit dem ich erwachsen bin, bin ich nur 2 x verreist, ich mag das nicht.
    Ich denke, dass ich in dem Verschickungsheim traumatisiert wurde.
  • 28) Siegfried
    Hallo, durch Zufall bin ich auf diese Seite gestoßen und konnte erfahren dass viele Kinder ihre Verschickung wie ich als Trauma empfunden haben. Ich bin Jahrgang 1943 und habe Anfang 1957 sechs Wochen in Wyk auf Föhr verbracht. Meine schlimmste Erinnerung ist die an den 90 minütigen Mitttagsschlaf unmittelbar nach dem Mittagessen, dabei war es uns strengstens verboten während dieser Zeit die Toilette aufzusuchen. Für mich war das eine Tortur.Irgendwann habe ich mein Problem brieflich meiner Mutter geschildert. Dieser Brief wurde von der Heimleitung abgefangen, hatte aber zur Folge, dass ich nun während der Mittagspause einmal die Toilette aufsuchen durfte.
    Wenn wir das Heim zum Spaziergang verließen, mußten wir 14 jährige dies in Zweierreihen und angefaßt tun. Erst wenn wir den Ortsausgang von Wyk erreicht hatten durften wir uns losslassen und uns frei bewegen.
  • 29) Jens-Uwe Nickel
    Natürlich ist das eine unhaltbare Sache, wie speziell in Wyk auf Föhr und auf Sylt Kinder „behandelt“ worden sind und muss als verwerflich eingestuft werden. Aber - es gibt auch andere Erfahrungen! Meine vier Geschwister und ich sind von 1952 bis 1958 alle zwei Jahre für jeweils sechs Wochen im Rahmen eben jener Kinderverschickung von Hildesheim aus in das alte, sehr große und fürsorglich gestaltete Fachwerkgebäude „Hildesheimer Haus“ in Buntenbock im Harz verschickt worden – das es heute noch gibt, aber als Hotel…. Wir haben jedes Mal die Zeit dort sowohl vom Ambiente her als auch, und das im Besonderen, durch zahlreiche und überaus liebevolle Betreuerinnen genießen können. Wir mussten sie nicht mit „Tante“ ansprechen, sondern jede von ihnen wurde mit ihrem Eigennamen gerufen. Auch die Verpflegung war für uns wahrlich nicht verwöhnte Nachkriegskinder ein Genuss und sie war stets reichlich bemessen! Und die Freizeitgestaltung war umfangreich und vielfältig. Kurzum: Wir haben uns dort jeden Sommer sauwohl gefühlt – und uns gut erholt, was ja Sinn der Sache war…
    Jens-Uwe Nickel, Schafstedt
  • 30) Jasmin
    Ich war vor meiner Einschulung als 5-jährige 1967/1968 von Hamburg aus nach Winsen/Luhe verschickt worden. Vorher war ich mit meiner Mutter schicke Sachen für mich einkaufen, wir hatten eine Liste, was einzukaufen war und ich bekam auch einen hübschen roten Mantel mit einem schwarzen Samtkragen. In all meine Wäsche musste meine Mutter meinen Namen einnähen, bevor alles in den Koffer kam. Das fand ich sehr aufregend.
    Ich wurde zu einem "Jasper-Reisen"-Bus gebracht und in meiner Erinnerung hatte die Reise "tagelang" gedauert (erst viele Jahre später stellte ich fest, dass Winsen quasi ein Vorort von Hamburg war).
    Ich habe weder an die Örtlichkeit noch den Namen des Heimes eine Erinnerung. Ich kam dort an, musste meinen Koffer selbst auspacken und hatte direkt den ersten Ärger, weil ich dazu wohl zu dumm war. Sagte eine Tante. Der Schrank war so eine Art Spind in einem riesigen Schlafsaal mit weißen Metallbetten. Dort wurde mir ein Bett zugeteilt. Meinen Teddy Brummi durfte ich nicht behalten. Er blieb im Koffer...
    Alle Tanten trugen weiße Kittel oder weiße Schürzen. Ich kann mich an keine Wärme oder Freundlichkeit erinnern.
    Ich hatte immer Angst. Schroffer Ton. Aufessen müssen. Schlechtes Essen. Weinende Kinder. Bestrafungen: allein im Waschraum sitzen, Erbrochenes aufessen, vollepinkelte Schlüpfer den ganzen Tag als Mütze tragen und ausgelacht werden, Hände in weißen Handschuhen ans Bett gebunden, nicht zur Toilette dürfen, bitteren roten Tee (zuhause war Malventee nie bitter !) trinken müssen, in einem Raum allein eingesperrt sein. Und so vieles schreckliches mehr.
    Ich begann ins Bett und in die Hose zu machen. Ich fing an, Fingernägel zu kauen und mir wurde so eine bittere Lösung auf die Finger gestrichen (nachdem mir auf die ausgestreckten Finger gehauen wurde) und meine Hände wurden nachts und beim Mittagsschlaf in Handschuhe gesteckt und festgebunden mit hellen Lederriemchen.
    Während der Ruhezeiten durfte nicht "geschwatzt" oder geweint werden (weinen gab immer Ärger. Auch außerhalb der Ruhezeit). Wer dagegen verstieß, musste aufstehen und im Waschraum sitzen oder im Schalfsaal an der Tür "gerade"(!) stehen.
    Im Waschraum war es immer feucht und kalt. Ich wusste nichts mit meinen 2 Waschlappen anzufangen, da ich zuhause duschte und badete und keinen benutzte. Auch mit der Erklärung, "einer für oben und einer für unten" konnte ich nichts anfangen. Ich wurde wieder als ein bisschen blöde betitelt.... Die Tante zeigte es mir dann. Das würde heute sexuelle Nötigung genannt und ich habe mich sehr geschämt. Wehgetan hat es auch!
    Im Speisesaal gab es ein Aquarium. Davor stand ich gern und "beamte" mich weg. Solange, bis mich eine Tante verscheuchte (Aquarien beruhigen mich noch immer).
    Es gab wöchentlich eine ärztliche Untersuchung und ich erinnere mich, dass ich immer sehr gefroren hatte, nur mit der Unterhose bekleidet. Ich wurde gewogen und abgehört und das Horchhorch (so nannte mein Kinderarzt in Hamburg das Stethoskop, das bei ihm immer angenehm warm war) war furchtbar kalt an meinem Körper.
    An den Arzt habe ich keine Erinnerung, nur sein bekittelter Rücken, am Schreibtisch sitzend.
    Nach 6 Wochen, glaube ich, ging es nachhause und es wurde nicht mehr darüber gesprochen. Meine neuen schlechten Angewohnheiten (Bettnässen, in die Hose machen, Fingernägel kauen, Quarkspeise und diverse Suppen verweigern) kamen indes nicht gut an...
    (In der Grundschule hatte ich viele Fehlzeiten wegen wiederholter unerklärbarer schwerer Nierenentzündungen)
    Kurz danach erkrankte ich an Keuchhusten und musste zur Rekonvaleszens in ein Heim in Wyk auf Föhr. Dieser Aufenthalt war kürzer und ich habe fast überhaupt keine Erinnerungen daran. Was mir in furchtbarster Erinnerung blieb, ist die Klimakammer oder Druckkammer, in der ich regelmäßig (täglich?) sitzen musste: ein kleines stählernes U-Boot im Keller mit einer Holzbank, Neonlicht und einer dicken Stahltür mit einem winzigen Bullauge, die mit einem Drehrad verschlossen wurde. Mit mir saßen noch 1 oder 2 Kinder auf der Bank. Wir haben uns niemals angekuckt oder miteinander gesprochen, manchmal haben wir vor Angst geweint.
    Heute bin ich psychosomatisch erkrankt, kann Gefühle und Stimmungen schwer regeln, gehe seltenstmöglich zur Toilette, habe Platzangst und soziale Phobien. Seit 2007 bin ich in Erwerbsminderungsrente und schwerbehindert. Ich suche aktuell nach einer Traumatherapeutin.
  • 31) Detlef
    Hallo, als ich heute morgen beim Bäcker meine Sonntagsbrötchen gekauft habe, fiel mein Blick auf eine Zeitung mit der Überschrift " Albtraum im Nordsee Urlaub, wie Verschickungs-Kinder " über Jahrzehnte in Heimen gequält wurden. Ich habe mit Tränen in den Augen den Bericht von Herrn Peter Krausse gelesen. Geboren 1959 wurde ich in den sechziger Jahren auch mehrfach "verschickt". Zwei für mich einschneidende Erlebnisse, es muß so ca. 1967 gewesen sein, spielten sich in einem Heim, ich glaube der Ort hieß Lemsahl, bei Hamburg ab. Zum Abendessen gab es Käse, der Geruch erzeugte bei mir Übelkeit und ich mochte nichts essen, wurde jedoch von der "Tante" und unter dem Gelächter der anderen Kinder dazu gezwungen. Irgendwann habe ich mich dann übergeben. Ich habe seitdem in meinem ganzen Leben nie wieder Käse gegessen. In der folgenden Nacht hat mir nun ein anderes Kind meinen Teddy weggenommen, welchen ich mir dann wiedergeholt habe. Ich weiß nicht ob es Abgesprochen war, jedoch ist in dem Moment die Zimmertür aufgegangen und eine der "Tanten" hat mich im Zimmer stehend vorgefunden. Ich wurde nun, nur mit einem Schlafanzug bekleidet, wieder in den großen Speisesaal geführt und musste dort die ganze Nacht im dunkeln auf einem Holzstuhl sitzend verbringen. Ich weiß noch wie bitterlich ich geweint habe und einfach nur nach Haus wollte. Postkarten welche ich geschrieben habe durften keinen Inhalt zu diesen Vorkommnissen haben.
    Auch in einem Heim auf Wyk auf Föhr, in welchem ich irgendwann in den sechziger Jahren für einige Wochen zur Verschickung war, herrschten bezüglich Post an die Eltern die selben Regeln. Es wurden zum Heim, der Leitung, der Unterbringung, dem Essen usw. nur positive Kommentare zugelassen.

    Es ist über fünfzig Jahre her, aber diese Erinnerungen sind Narben auf der Seele......

    Detlef Tamm
    Halstenbek bei Hamburg.
  • 32) Heidi S.
    Wie erleichtert bin ich, dass wir Verschickungskinder nun endlich, nach so langer Zeit gehört werden.Ich war mit 7Jahren im Sommer 1956 in einem "Kinderheim" (von der Kirche)? auf Wyk auf Föhr sechs Wochen untergebracht. Ich war damals sehr schmächtig (war eine Frühgeburt), und litt sehr häufig an schweren Lungenentzündungen. Die Seeluft und das "gute" Kurheim sollten mir helfen, meine Traumata zu verarbeiten.
    Mein geliebter Bruder starb 1953 mit 12 Jahren an Muskeldystrophie. Mein Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft und kam mit dem ersten Krankentransport des Roten Kreuzes zurück. Er starb mit 48 Jahren direkt vor Weihnachten, als ich 7 Jahre alt war.
    Im Heim herrschte ein strenges Regiment. Wir saßen an langen Tischen. Erbrach sich ein Kind, musste das Erbrochene wieder aufgegessen werden. Die Tanten machten einen eiskalten Eindruck und setzten diese Forderung immer durch. Als der Junge neben mir auch auf seinen Teller erbrach, geschah mir das ebenfalls. Es war so eklig und widerwärtig!
    Glücklicherweise erkannte die Tante mein hohes Fieber, sodass ich davon verschont blieb. Der Arzt stellte bei mir Windpocken fest, sodass ich dann isoliert in einer kleinen Holzhütte, oder einem Pavillon, mit zwei Etagenbetten und mit einem kleinen Fenster, untergebracht wurde. Ich war dort allein, bis auf das Essen, was mir gebracht wurde. Der Arzt war sehr freundklich und schaute gelegentlich alle ein-zwei Tage nach mir. Ich vertrieb mir die lange Zeit damit, dass ich wenigstens von meinem Bett aus durch das Fenster nach draußen schauen konnte. Spielsachen gab es nicht!
    Zu meinem Krankenzimmer gab es keinen Vorraum. Die Außentür war meistens geöffnet und wurde mit einem langen Haken an der Außenwand fixiert. Ich hatte viel Angst und es brauchte eine große Überwindung, abends nach draußen zu gehen, den Haken zu lösen, um die Tür dann schließen zu können. Abschließen konnte ich nicht, es gab keinen Schlüssel.
    Ich kann mich erinnern, dass wir den Text der Karten für die Eltern von einer Tafel abschreiben mussten. Jede Karte wurde von den Tanten kontrolliert. Die Briefe meiner Mutter habe ich nie bekommen!
    Obwohl mir das sonst nie mehr passierte, machte ich dort in meine Hose. Die Tante hielt mir den eingekoteten Slip dicht unter meine Nase. Alle Kinder durften zusehen. Ich war einem großen Gelächter ausgesetzt. Ich habe mich unendlich geschämt und mich gedemütigt gefühlt..
    Meiner Mutter habe ich von den Missständen erzählt, aber sie hat sich nicht darum gekümmert. Die Trauerarbeit um meinen Bruder und meinem Vater war zu schwer..
    Als Kind hatte ich schon einen tiefen Glauben und fühlte eine starke Verbindung zu Gott. Das hat mich durch alle Widrigkeiten getragen.
    Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe mich zur Krankenschwester ausbilden lassen, um notleidenden Menschen helfen zu können.
  • 33) Anonym
    Hallo,

    ich wurde Anfang der 70´ger Jahre für 6 Wochen nach Föhr geschickt.
    Bereits bei der Ankunft wurde unser Gepäck durchsucht und es wurden uns sämtliche mitgebrachten Süßigkeiten weggenommen.
    Es gab eine Art Wettbewerb zwischen verschiedenen Gruppen und man musste lernen auf einer mit Wasser gefüllten Flasche Musik zu machen. Zu den Mahlzeiten wurde man gezwungen aufzuessen, egal ob es einem geschmeckt hat oder nicht. Ich musste mich mehrmals übergeben als es Eier mit Senfsoße gab, ein Gericht das ich nicht mochte aber aufessen musste.
    Zudem gab es eine Art Arbeitsdienst, einmal mussten wir die Stundenlang über eine Fläche stampfen, auf der Rasen ausgesät worden war.
    Die Erzieherinnen waren extrem streng.Ich hatte mal Streit mit einem anderen Kind und musste dann auf das Zimmer einer erzieherin. Diese saß auf Ihrem bett und ich musste mich vor Ihr hinknien. Dann zog Sie mir mehrmals Ihre Haarbürste durch das Gesicht. Was danach kam, habe ich verdrängt, aber irgendwas ist da noch passiert.
    Die letzten beiden Wochen war ich dann so krank, das ich auf die Krankenstation musste.
  • 34) Nina
    Ich war mit 5,8 und 12 jeweils 6Wo in Wyk auf Föhr (AOK) und habe keine einzige negative Erinnerung außer, daß ich sofort wieder zurück wollte. Ich finde es schockierend, daß es so viele schlechte Erfahrungen gab.

    Mich würde es interessieren, eine Analye zu erstellen, was damals den Unterschied ausgemacht hat (Lessons learnt). Vielleicht kann man mit diesen dann ja zukünftige Probleme, auch in anderen Bereichen, vermeiden.
  • 35) Sabrina
    Ich bin Jahrgang 1980 und war wegen schwerem Asthma war zweimal 1988 und dann wieder 1994 zur "Kur" in der Reihenfolge Wyk auf Föhr, Sylt und Norderney.
    Und auch zu dieser Zeit war es noch traumatisch. Die Erlebnisse erinnere ich seit jeher als "Kinderknast" und Bestrafung und habe es auch so berichtet. Nur meinen Eltern nicht, da ich damals Angst vor deren Reaktion und erneuter Verschickung hatte. Wir haben viele Jahre nicht über die Ereignisse gesprochen. Die Trennung von meinen Eltern mit 8 Jahren über 6 Wochen, über die zuvor und danach nie gesprochen wurde, stellte viel mit meiner Kinderseele an. Hinzu kommen die dortigen Zustände, Essens-oder Diätzwang, nackt zum Wiegen aufstellen, wobei die Diät-Kinder, die zugenommen hatten (sowie die Zunehmkinder, die abgenommen haben) vor allen eine Standpauke und Strafen bekamen. Ich wusste nicht warum welche Therapien gemacht wurden und ich ewig nackt in einem entzündungshemmenden Sud sitzen musste, derweil alle an mir vorbei liefen. Nicht auf Kante einsortiert Wäsche wurde aus dem Schrank auf den Boden gefetzt. Bis heute lege ich meine Handtücher auf Kante...Auf Norderney mit 14 Jahren sollte ich mich vor einem wildfremden Arzt nackt ausziehen und mit gespreizten Beinen auf eine Bahre legen. Ich weigerte mich und rief meine Mutter an. Ich durfte nach ihrem Anruf dort die Unterhose anbehalten. Trotzdem wurde ich fast nackt Ganzkörper untersucht. Die Begründung für die "Intimuntersuchung" war, man wolle eine Pilzinfektion ausschließen. Hiernach bekam ich eine mega Standpauke von der Mutter Oberin, ich glaube sie hieß Jutta. Ab da hatte sie mich auf dem Kiecker. Zimmerkontrollen, Ausschuss bei Nachtisch, Gebäck oder Freizeitangeboten mit der Begründung der Überfüllung. Lieblosigkeit und Anbrüllen waren eh an der Tagesordnung. In Wyk auf Föhr auch noch Isolation.
    War die Unterwäsche nicht richtig beschriftet, hatte man eben Pech und sie kam nicht aus der Wäscherei zurück. Man musste nehmen was übrig blieb. Und die Sache mit den Paketen ging genau so weiter, Kontrollieren und Einbehalten. Die Gewalt unter den Kinder war mitunter auch groß aber keiner tat etwas, wir waren auf uns allein gestellt. Es herrschte das Recht des Stärkeren. Die Geschichten von Grausamkeit und Demut sind endlos. Ich dachte immer, ich sei allein und würde halt etwas übertreiben. Ich bin völlig geplättet von dieser Initiative! Seit ich 25 Jahre alt bin mache ich Therapie zuerst wegen Angstzuständen. Mittlerweile wegen handfester Traumata und dies ist eines davon. Hilflosigkeit, Gewalt, Ausgeliefert sein, Demütigung, Isolation, Bestrafung. Ich habe mich lange Zeit gefragt, was ich getan habe, dass meine Eltern mich immer wieder fort schickten...
    Danke für diese Aktion.
  • 36) Gerald
    ich habe zufällig im NDR über das Treffen der Betroffenen gehört und mich direkt an meine Zeit vor 55 Jahren im Heim Marienhof in Wyk auf Föhr erinnert.

    Die Walknochen am Eingangstor sind wohl die beste Erinnerung. Vieles habe ich verdrängt, aber einige Dinge habe ich noch im Kopf.

    Ich bin mir sehr sicher, dass ich dorthin wollte, weil mein Freund im Kindergarten dorthin musste. Also fuhren wir im Sammeltransport von Flensburg über Dagebüll nach Föhr. Ansonsten kann ich mich an keine Situation erinnern, an der mein Freund dabei war. Vielleicht wurden wir in unterschiedlichen Gruppen eingeteilt?

    Das Essen war fast immer ekelhaft. Alle Kinder mussten am Tisch sitzen bleiben und wurden gezwungen, aufzuessen. Meistens gab es Milchsuppen. Eine Situation sehe ich immer noch vor mir: Es gab Sago- Milchsuppe (sah aus wie Froschaugen-Suppe). Ein Junge nahm den vollen Teller und kippte die Suppe hinterrücks über seine Schulter auf den Boden. Das gab dann gewaltig Ärger von den Tanten...

    Jeden Tag war nach dem Essen Mittagsschlaf angesagt. Ich habe als Kind nie mittags geschlafen. Das habe ich auch dort nicht gemacht, so lag ich dann bei Redeverbot im Bett und wartete bis wir wieder aufstehen durften.

    Nachts war es noch schlimmer. Neben dem Heimweh war das Schlimmste, dass man nicht auf Toilette durfte. Normalerweise hatte ich damit auch kein Problem, aber als ich einmal doch auf Toilette musste, wurde ich auf dem Weg dorthin erwischt und wieder ins Bett gezerrt. Ergebnis war, dass ich nächsten Morgen in einem durchnässten Bett aufwachte. Allerdings war ich nicht der Einzige, vielen Kinder in dem Schlafraum erging es nicht anders.

    Ich weiß noch, dass wir manchmal spazieren gingen. An Spiele kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Ja, wir haben wohl auch Weihnachtslieder gesungen, war ja schließlich Adventszeit.

    Zu allem Überfluss bekam ich auch noch die Windpocken. Da wurde ich isoliert und lag allein in einem Raum, der aussah wie eine alte Waschküche. Im Nachhinein eigentlich merkwürdig, dass ich der Einzige Kranke war.

    Die Post wurde immer von den Tanten vorgelesen (ich konnte damals noch nicht lesen und schreiben). Die Tanten haben dann auch für mich nach Hause geschrieben. Ob das geschrieben wurde, was ich sagte, wage ich zu bezweifeln.

    Positive oder schöne Erinnerungen habe ich nicht. Und wenn ich zuhause erwähnt habe, wie schlimm es doch war, hörte ich immer, "du wolltest doch freiwillig dorthin". Auf jeden Fall war ich froh zuhause zu sein und wollte auch nie wieder an einer Kinderverschickung teilnehmen.

    An mehr kann ich mich leider nicht erinnern.
  • 37) Valerie
    Liebe Melanie, wenn du dich mit anderen aus dem Hamburger Kinderheim vernetzen möchtest. Dann melde dich doch über verschickung_hamburger_kinderheim_wyk_föhr@mail.de
  • 38) Petra
    Ich wurde im Jahr 1957 mit 5 Jahren zusammen mit meinem Bruder nach St. Peter Ording verschickt.
    Meinen Bruder habe ich in den 5 Wochen nur einmal aus weiter Ferne gesehen. Jungen und Mädchen wurden getrennt. Bei mir zäher Keuchhusten. Ich habe auch alles sehr traumatisch in Erinnerung, wenn man überhaupt von deutlicher Erinnerung sprechen kann. Auch bei mir blieb der Speisesaal in Erinnerung und mit mir weinende KInder vorallem auf der Toilette. Wahrscheinlich sonst verboten worden. Lebertran unter Zwang gehörte dazu. Ich hoffe und weiß es nicht mehr im Nachhinein, dass mir wenigstens mein Teddy geblieben ist ! An Päckchen, die man persönlich nicht bekam, kann ich mich auch noch erinnern. Schlafsaal mit angelehnten Türen und Licht im Gang, wo Schritte zu hören waren. Lange Spaziergänge am Strand im Sommer sicher nett, aber es war Winter. Uns wurde vorgelesen, an Spielsachen kann ich mich auch nicht erinnern. Mittags mussten wir schlafen und durften nicht blinzeln, obwohl die alte Nähmaschine ratterte.
    Ich bin noch mal nach Wyk auf Föhr verschickt worden, weil ich keine gute Esserin war, insofern können sich Erinnerungen mischen .Ich glaube, meine Eltern haben mir irgendwie geglaubt, aber manchmal wurde scherzhaft gefragt, oder möchtest du da wieder hin? !!!
    Ich finde es gut, dass endlich darüber gesprochen wird. Habe zufällig noch mit 2 Personen im näheren Umfeld über gemeinsame Erfahrungen gesprochen, davor dachte ich wirklich, ich wäre
    Einzelfall.
    Petra
  • 39) Melanie Pickenpack
    Hallo, meine Name ist Melanie P. mit sehr traurigen und beklemmenden Gefühlen habe ich die vielen Berichte gelesen.
    Ich bin Jahrgang 1950 und bin mit 11 oder 12 Jahren nach Wyk auf Föhr, Hamburger Kinderheim verschickt worden.
    Der Schularzt legte meinen Eltern nah, dass ich zu dünn sei und eine Luftveränderung mit gutem Essen, dass richtig für mich sei.
    6 Wochen ohne Kontakt zu den Eltern, schlafen in großen Sälen ohne liebevolle Betreuung. An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern, nur daran, dass es für die " dünnen" Kinder jeden morgen Lebertran gab, danach Müsli, was mir bis heute ein Graus ist. An fröhliche Zeiten mit Spielen und Zuwendungen durch " die Tanten", kann ich mich nicht erinnern, keinen Kontakt zu meinen Eltern war für mich schrecklich und ließ mich nicht schlafen.
    Zum Ende der 6 Wochen bekam ich Windpocken, wurde in einen großen Saal geschoben , ohne, dass sich jemand gekümmert hat, ich sollte dann weitere Zeit bleiben, daraufhin muss ich mich dagegen stark gewährt haben, so dass ich dann doch nach den 6 Wochen nach Hause kam. Wie meine Mutter mir später immer erzählte , blasser und dünner als vorher.
    Diese Erlebnisse habe ich über die viele Jahre sehr verdrängt, jetzt durch die vielen Berichte sind sie wieder sehr präsent.
    Es ist schon schlimm, was Kindern in diesen Heimen angetan worden ist .
  • 40) Margret Schröter-Mewis
    Margret ( damals Wazel )
    Ich, Jahrgang 1950 ) wurde 5 x verschickt., davon die ersten drei Male je 8 Wochen, die weiteren Aufenthalte dauerten nur je 3 Wochen.

    Die Verschickungen wurden, von der Fürsorge gesteuert u. wohl auch veranlasst.
    Soweit ich mich erinnere, fanden die ärztlichen Voruntersuchungen u. “ der Papierkram “ in Hamburg, im Besenbinder-Hof statt. ( oder Kurio-Haus ? ).
    Bei mir war der Grund, dass ich zu dünn und wohl auch häufig erkältet war.

    Beim ersten Aufenthalt war ich zwischen 3 u. 5 Jahre beim zweiten 5 oder 6 Jahre jung.

    Das erste Heim befand sich in ( Hmb. ? ) Volksdorf, das zweite in Winsen ( Luhe ? )
    Ich habe auch – mehrfach - miterlebt, dass Kinder sich über ihrem Essen erbrochen haben und es dennoch ALLES aufessen mussten. Bettnässer-Bestrafungen u. s. w. .

    Im Heim Winsen, inmitten vieler schlafender Kinder, wachte ich eines nachts, bedingt durch Licht
    und Stimmengewirr, auf.
    Am Fußende meines Bettes standen ca. sechs Personen
    ( Frauen und Männer – glaube ich – ),
    meine Bettdecke hatte man entfernt. Mir war kalt, und ich war sehr erschrocken.
    Ich lag nur noch mit meinem kurzen Nachthemd ( ohne Slip ) in meinem Gipsbett, welches ich, wegen einer Verkrümmung der Wirbelsäule damals benötigte.
    Aus den Worten der Erwachsenen verstand ich, dass die Heimleiterin ( Schwester Eva ) den Leuten, an meinem Bett, das Gipsbett zeigen und wohl erklären wollte.
    ( Es handelte sich um eine mit Stoff bezogene Gipsschale und Festschnall-Gurten )

    Ich war zu dem Zeitpunkt 6 Jahre, aber die ganze Situation überforderte mich total.
    Mir wurde gesagt, ich solle die Augen wieder zumachen und weiterschlafen.
    Wer könnte das wohl, in so einem Moment ?

    Was die ein-/ausgehende Post betrifft :
    Ich war noch zu jung um selber schreiben und lesen zu können..

    1962, mit knapp 12 Jahren, ( von Anfang April bis Ende Mai ) war ich in Wyk auf Föhr, im Hamburger Kinderheim, so hieß es damals. Direkt an der Strandpromenade, nicht sehr weit vom damaligen Ortskern.

    Der Zutritt – zum Strand - blieb uns allerdings, in der gesamten Zeit, verwehrt.
    Wir sahen diesen, bei unseren täglichen, bei Wind und Wetter stattfindenden, stundenlangen,
    Spaziergängen, nur aus der Ferne, obwohl der doch zum Greifen nahe war.

    Mittwochs ging es – bei “ schönem Wetter “ - ab ins Heidewäldchen. ( eingezäunt )
    Dort gab es Sand, der immer feucht bis nass u. kalt war, Kiefern und jede Menge tote Kaninchen, “ frisch und auch schon skelettiert “.
    Uns wurde vorher gesagt, dass wir damit nicht in Berührung kommen dürften, da die alle an einer Seuche gestorben waren.
    Wir hatten, den ganzen Tag, tatsächlich so etwas wie Freizeit.
    Jede machte was sie wollte. Miteinander reden, in die Luft starren und den Sand mit den Händen oder Schuhen etwas bewegen.
    Was “ die Tanten “ in der Zeit unternahmen, weiß ich überhaupt nicht.

    In diesem Heim ging es auch recht strenge zu, allerdings nicht so schlimm wie in den vorherigen.

    Wir mussten uns, jeden Morgen – in einem großen Waschraum – mit Reihen-Becken
    ( für Körper- / und Zahnpflege ) in Richtung einer Eckdusche – alle nackend – hintereinander aufstellen, um einzeln, eine längere Zeit, mit einem Schlauch, von oben bis unten, mit sehr kaltem Wasser, abgespritzt zu werden.
    Ich schaffte es – in acht Wochen – zwei oder drei Male dieser Quälerei zu entgehen.

    Drei Mädchen mussten allerdings noch mehr ertragen. Sie wurden, jeden Morgen, mit frischem
    Nordseewasser, aus Eimern, übergossen.
    Dieses wurde immer kurz vorher von einigen Erzieherinnen / Tanten, direkt beim Strand geholt.

    Es war April und Mai ! Jeder kann sich vorstellen, wie eisig dieses Wasser gewesen sein muss.
    ( Gerda F., aus Finkenwerder und die beiden anderen Mädchen, taten mir sehr leid.)

    Die sonst üblichen “ Verordnungen “ waren, wie wohl in allen anderen Heimen auch :
    Jedes Essen aufessen, tägliches Müsli – am Abend vorher schon zusammengematscht –
    Walfisch-Fleisch, extrem süss-sauer, eingelegter Kürbis, viele Speisen mit Grieß und Sago,
    Milchsuppen u. v. m.

    Aus Mitleid halfen viele von uns größeren Mädchen ( 10 – 13 Jahre ) , den drei “ Diät-Kandidatinnen “ , beim Betreten des langen Speisesaales, im Vorbeigehen, einen vollen Löffel ihrer riesigen Quarkspeise zu verschlingen. Es durfte keiner merken.

    Am Tisch - bei unseren Mahlzeiten - versuchten wir uns auch immer ähnlich, gegenseitig zu unterstützen. Gelang allerdings nicht sehr oft.

    Süßigkeiten wurden am Ankunftstag eingesammelt und wer Glück hatte, so wie ich, bekam zum
    Geburtstag etwas davon. Traurig für die eigentlichen Besitzer !
    Päckchen ( außer mit Papiertaschentücher ) wurden beschlagnahmt, Post, ein- / und ausgehend, wurde kontrolliert.

    Zwei Tages-Ausflüge fanden statt.
    1 x Hallig-Hooge ( Schlechtwetter ) :
    Lange Spaziergänge, mit Blick auf viele tot in Zäunen hängenden, aufgeblähten Schafen.
    ( Noch von der großen Sturmflut aus Februar )

    1 x Amrum ( Wetter gemischt ) :
    Da die größeren Mädchen, also auch ich, in der Nacht vorher “ laut “ gewesen waren, mussten wir, im Eilschritt, vom ersten Strand, bis hin zur Fähre, einen “ Straf-Marsch “ absolvieren..
    Die letzten – paar Hundert Meter – mussten wir sogar noch laufen, sonst wäre das Schiff weg gewesen.
    Die kleineren Kinder durften, glücklicherweise, die ganze Zeit am Strand oder in den Dünen
    verbringen.
    Wir " Grossen " schimpften noch bis zum ins Bett gehen, aber es wurde bestritten, dass es sich um eine Bestrafung handelte.


    Mit Verschickungen hat NIEMAND - uns Kindern - etwas Gutes getan, obwohl ich ja vielleicht dabei noch “ ganz gut weggekommen “ bin ? ! ?

    Viele Speisen kann ich heute noch nicht riechen geschweige denn essen und auch sonst
    verfolgt und prägte mich, das Erlebte, bis zum heutigen Tag.

    Eine Freundin sagte mir, nach mehreren gemeinsamen Übernachtungen, sie hätte noch niemals einen, während des Schlafens, so stark zuckenden Menschen, erlebt.

    Vielleicht kann ich, mit meinem schriftlichen Beitrag, etwas zur Aufklärung beitragen.
    Ich hoffe es sehr.
  • 41) Dr. Bettina Jansen-Schulz
    Ich heiße Bettina Jansen-Schulz. damals Bettina Schröder.
    Weil ich 1957 ein dünnes Mädchen (geb. 1950) war und sehr oft im ersten Schuljahr krank war, wurde auch ich für 6 Wochen „verschickt“ nach Wyk auf Föhr ins Haus Sonnenschein - zu einer kalten Jahreszeit Herbst oder Frühjahr.
    Zum Essen:
    Ich kann mich erinnern, dass es morgens immer Haferschleimsuppe gab, nur Sonntags gab es Schokoladensuppe, die schmeckte gut. In meiner Erinnerung gab es sehr oft Linsensuppe, die offenbar den meisten Kindern nicht schmeckte, weshalb wir in einen „Streik“ traten. Wir verabredeten uns, so lange beim Essen zu würgen, bis wir uns übergeben mussten. Das haben wir offenbar öfter gemacht. An Strafen kann ich mich nicht erinnern - wahrscheinlich bekamen wir hinterher nichts mehr zu essen.
    Zum Spielen:
    Ich kann mich an keine Spielsituation drinnen oder draußen erinnern. Offenbar mussten wir aber bei Wind und Wetter an den Strand, was ich immer als unangenehm empfunden habe (danach hasste ich lange das Meer).
    Zur Post
    Unsere Post, die wir nach Hause geschrieben haben, wurde immer kontrolliert, ältere Kinder schrieben für die jüngeren, da stand immer drin, dass es mir gefällt, dass ich gutes Essen bekomme und dass es mir gut ging. Meine Mutter zu Hause wurde damit beruhigt. An Post von zu Hause kann ich mich nicht erinnern.
    Schlafenszeiten:
    Wir schliefen in großen Sälen. Dort hatte in meiner Erinnerung immer eine Erzieherin mit roten Locken die Aufsicht, die mich oft ausschimpfte, wenn ich mich im Bett am Körper kratzte. Ich floh dann immer unter das Bett, wo sie mich jedesmal wieder hervorzog - ich sah in ihr in meiner kindlichen Phantasie eine Hexe.
    Krankheit
    Nach drei Wochen erkrankte ich an Angina, hatte hohes Fieber. Meine Mutter wurde darüber nicht informiert (sonst hätte sie mich sofort abgeholt), sie erhielt weiterhin die o.g. Post. Wie ich versorgt wurde, weiß ich nicht mehr. Als es mir wieder etwas besser ging, hat sich die Heimleitung um mich gekümmert, mit mir nur kurze Spaziergänge am Strand gemacht. Diese Situation habe ich eher als angenehm im Gedächtnis.
    Beschwerden
    Ich wurde erst nach dem regulären Ende der Verschickungszeit von 6 Wochen nach Hause geschickt, meine Mutter bekam ein noch dünneres blasses Kind zurück, als sie es losgeschickt hatte. Sie beschwerte sich bei der Organisation (Rotes Kreuz??), das hatte aber keine weiteren Auswirkungen auf das Heim.
  • 42) Gabriele L.-Andresen
    Hallo, ich heiße Gabi Andresen, bin Jahrgang 1958 und kam im Januar/ Februar 1964 (also mit 5 1/2 Jahren) nach Wyk auf Föhr in das Kinderheim "Marienhof" in die Gruppe XI. Warum ich das so genau weiß? Ich besitze noch eine Postkarte, die meine Mutter mir dorthin schrieb. Der Grund für die Verschickung war, dass ich zu wenig aß, Kindergärtnerin und Arzt empfahlen diese Kur. Wir fuhren per Bahn ab Flensburg (man hatte uns Karten um den Hals gehängt, auf denen unsere Personalien vermerkt waren). In Niebüll hieß es umsteigen, einige von uns gingen kurzzeitig verloren. Dann ging's aufs Schiff. Im Heim Marienhof angekommen, mussten wir in einem langen Flur warten. Man sprach von einer Aufenthaltsdauer von 6 Wochen. Da ich mir darunter nichts vorstellen konnte, dachte ich mir einen Zeitraum von 6 Tagen, und das wäre dann ja nicht so schlimm. Einige Kinder weinten. Ich erinnere mich an eine Toilette im Flur (war es die einzige?), einen Waschraum (ein anderes Kind hatte mir gleich zu Beginn meinen Waschlappen wegggenommen), einen Tagesraum mit großen Fenstern, vor denen manchmal die Gardinen vorgezogen waren. Eine Treppe führte in den Keller. Hier standen unsere Winterschuhe, vielleicht war dort auch die Garderobe. 3-mal am Tag hieß es anziehen und an der Nordsee spazieren gehen. (Einmal war dort ein Wal angespült worden).
    Im Tagesraum wurde gegessen, häufig gab es Suppe (Schokoladensuppe). Mehrmals wurden wir gewogen. Nachmittags wurde manchmal etwas vorgelesen. Im 1. Stock lagen die Schlafsäle.
    In meinem Schlafsaal befanden sich ca. 15 Betten. Es wurde täglich Mittagsschlaf gehalten.
    Während dieser Zeit und natürlich auch nachts musste man ganz still sein und durfte sich kaum bewegen. Die Strafe: lauten Kindern wurde ein Pflaster auf den Mund geklebt, unruhige Kinder wurden mit Bändern ans Bett gefesselt. Ob auch geschlagen wurde, weiß ich nicht. Die "Tante", die mich betreute hieß "Tante Ingke". Sie berichtete den Eltern schriftlich über das Verhalten und den Entwicklungsstand der Kinder. Meine Mutter war insofern der Meinung, dass es mir dort gut gefiele. Ich erhielt im Heim 2 Postkarten meiner Mutter, die vor der ganzen Gruppe laut vorgelesen wurden. Nur eine Karte erhielt ich bei der Abreise ausgehändigt. In Flensburg angekommen, mussten wir Kinder noch sehr lange im Wartesaal des Bahnhofes warten, weil die Eltern nicht über unsere Ankunftszeit informiert worden waren. Zuhause berichtete ich meiner Mutter über die Zustände im Heim, was zunächst ungläubig aufgenommen wurde. Als jedoch mein Koffer mit der teilweise stark verschmutzten Unterwäsche eintraf, waren meine Eltern doch etwas skeptisch geworden. Übrigens wurde bei der ärztlichen Nachuntersuchung festgestellt, dass ich weder zu- noch abgenommen hatte. - Die Tatsache, dass ich mich noch so genau an diesen Heimaufenthalt erinnere, zeigt doch, wie stark die Eindrücke waren, die die Kinder in dieser Zeit verarbeiten mussten.
  • 43) kerstin
    Ich war 1973 Timmendorfer Strand mit 5 J. und 1974 auf Wyk auf Föhr. Ich habe nur schreckliche Erinnerungen: Bestrafungen, Heimweh, Angst, Verzweiflung und Verlorensein. Die Postkarten, die die Tante schrieb, habe ich alle noch. Sie schreibt immer, wie vergnügt und munter ich sei. Alles gelogen! Dabei war ich auch dort krank. Meine Eltern haben mich fast nicht wiedererkannt, so elend sah ich nach meiner Rückkehr aus.
    Geprägt hat mich diese Erfahrung mein Leben lang, negativ natürlich.
  • 44) Doris Tonn
    Hallo Frau Röhl, auch ich war auf Föhr im Berliner Kinderheim 1957 und habe sehr ähnliches erlebt. Fast 5 Monate war ich dort und viele Nächte habe ich nur mit einem Handtuch versehen im kalten Duschraum auf der Erde verbracht, meistens kamen noch 4-5 andere Mädchen dazu, so daß man nicht ganz allein war. Pakete habe ich bekommen, aber alles wurde an die anderen Kinder verteilt, man selbst bekam nur ein kleines Stückchen Süßigkeit. Gespräche wurde unterbunden grundsätzlich im Schulunterricht, beim Essen und in der Schlafenszeit. Gesehen habe ich oft, das Erbrochenes dem Kind wieder eingeflößt wurde - mehrmals. Besuch der Eltern wurde verboten, Karten nachhause wurden kontrolliert. Ich bin froh, das mir Ihr Bericht bestätigt, das mich meine Erinnerungen nicht betrügen und ich nicht alleine bin, so wie ich es damals war - allein!
    Mit freundlichem Gruß Doris Tonn
  • 45) Deetjen, sylvia
    Konnte nicht glauben, das es so vielen so erging ! Mein Name ist Sylvia geb.1953 , bin mit meiner Schwester Birgit 1961/62 Im Alter von 10 / 9 Jahren gen Wyk - Föhr verschickt worden weil wir so dünn waren. Wir stiegen mit einem Schild um den Hals am Bremer Hauptbahnhof in den Zug, indem wir erwartet wurden. An die Zugfahrt erinner ich mich nicht. Von der Insel haben wir nicht viel mitbekommen, die meiste Zeit waren wir im & am Heim. Wie das Heim hieß weiß ich nicht mehr aber ich erinner mich an Kälte in den Schlafsälen wie auch an emotionale Kälte, schlechtes Essen, weinende Mädchen in der Nacht & beim Mittagessen, Strafen, Essen bis der Teller leer war - auch wenn alle Kinder schon den Speisesaal verlassen hatten, Demütigungen vor allen Kindern bei Unpässlichkeiten weil man nicht zur Toilette durfte, Zensierte Briefe! Roter Tee ohne Ende. Wir bekamen 1 x 1 Paket von zu Haus, durften aber nicht alles behalten. Meine Schwester weinte viel vor Heimweh, sie war 2 Jahr jünger als ich. Ich dagegen bekam Ausschlag ( Herpes ) fast über die gesamte rechte Gesichtshälfte ! Es gibt zwei Fotos am Strand, an dem wir selten waren. Eines mit einer Erzieherin ( 35/40 Jahre alt ) beide Fotos stammen von Foto Herzog Wyk- Föhr.
    Unsere Mutter erkannte uns nicht wieder, es brauchte Zeit, bis wir uns zu Haus wieder zurecht fanden, es war für uns eine Schlimme Zeit, ich dachte nur wir hätten gelitten. Meine Schwester & ich weigerten uns nochmals allein irgendwo hin zu fahren.
  • 46) Silke
    Hallo, meine Name ist Silke und ich kam1970, mit 5 Jahren, zur Verschickung nach Wyk auf Föhr . Ich litt unter Neurodermitis und sollte dort vor meiner Einschulung von dieser Hauterkrankung geheilt werden. Ich kann mich an die Zugfahrt von Hamburg aus erinnern und das in meinem Abteil ein Mädchen saß, das sehr weinte und ich sollte sie trösten, obwohl es mir schrecklich ging. Ich kann mich an ein riesiges Bad erinnern mit vielen Waschbecken, bitterkalt, an den Schlafsaal mit der Aufpasserin davor, an den Speisesaal. Eines abends -wenn wir im Bett lagen, durfte nicht mehr gesprochen werden- wollte ich heimlich meiner Bettnachbarin etwas zuflüstern. Ich wurde von der Aufpasserin erwischt, sie zog mich aus dem Bett und ich musste irgendwo in einer Abstellkammer mit Stockbetten und alten Matrazen alleine die Nacht verbringen. Ich hatte schreckliche Angst. Zum Frühstück wurde ich dann abgeholt. Die Strafe war damit nicht zu Ende. Mittags gab es Eis zum Nachtisch, die Erzieherin stellte sich zu meinem Tisch und sagte “Silke war gestern unartig, sie bekommt kein Eis” und aß mein Eis vor aller Augen auf. Ich musste mehrmals die Woche abends in eine Badewanne. Dort wurde ich vergessen, das Wasser wurde kalt, eine Aufpasserin kam in das Bad, sah mich nicht, machte alle Fenster auf und löschte das Licht. Ich traute mich nicht, auf mich aufmerksam zu machen. Gefühlt saß ich dort 2 Stunden, bis man mich vermisste. Das Essen war schrecklich und man durfte erst aufstehen, wenn man aufgegessen hat. Ein Päckchen, welches mir geschickt wurde mit Süßigkeiten, durfte ich einmal ansehen, dann wurde alles verteilt und ich bekam ein Stück Schokolade. Diese schrecklichen 6 Wochen sind seit 50 Jahren tief in meinem Herzen und ich habe nur diese Erinnerungen abgespeichert. Ich habe keine Erinnerung daran, wie die Freizeit gestaltet wurde. Ich bin ein positiver und fröhlicher Mensch, aber wenn die Erinnerung an die Verschickung hochkommt, dann bekomme ich schon feuchte Augen. Ich habe nur das Gefühl von unglaublicher Angst in Erinnerung.
  • 47) Barbara
    Ich bin 1957 von Hamburg aus in ein Kinderheim in Wyk auf Föhr verschickt worden, über mehrere Wochen. Ich konnte nicht so viel essen, hab aber eine 2. Teller voll bekommen und musste sitzenbleiben, bis der Teller leer war. Wenn ich mich dabei übergeben habe, musste ich das Erbrochene auch aufessen. Einmal gab es eine Lebensmittelvergiftung. Ich weiss den Zusammenhang nicht nehr, aber ich musste in ein anderes Bett und zwar einer Bettnässerin. Ich wurde auch von anderen Kindern gequält, aber ich bekam keine Hilfe. Es gab immer wieder ähnliche Situationen, die Erinnerungen kommen langsam wieder hoch. Die Briefe an die Eltern mussten wir ohne Umschlag abgeben.
  • 48) Ute Schlling
    Ich bin 1945 in Hamburg geboren und war in der ersten Klasse viel zu dünn. Wann ich genau im Hamburger Kinderheim in Wyk auf Föhr war, kann ich nicht genau sagen Nur das ich schon schreiben konnte. Nur, das diese Karten sind nie zu Haus angekommen sind und so wußte meine Mutter nichts von meinem Kummer. Jede Woche hat sie mir ein Päckchen geschickt mit einem Buch. In der Serie war Sonja die Heldin. Nur die Naschsachen aus dem Päckchen bekam ich nie, die wurden an alle verteilt, die nie etwas bekamen. Tränen haben nicht geholfen. Und das Essen, ich esse heute noch keinen Fisch. Die Suppe roch fürchterlich und an meinem Tisch übergab sich ein Mädchen. Sie musste ihre Suppe aufessen MIT dem Erbrochenen. Dann passierte mir dasselbe, Nur das ich ganz schnell den Teller, mit Allem darin, auf die Erde geschmissen habe. Das brachte mir eine Nacht ein, wo ich nicht im Schlafsaal schlafen durfte, Wo ?
    Dort war es dunkel, Kalt und ich war allein.
    Heute sind Aufenthalte in Institutionen immer noch mit Panikgefühlen verbunden. Krankenhäuser, Kurheime usw lösen Aggressionen in mir aus.
    Wenn ich meine Kinder verreisen lassen mußte, bekamen sie immer eine Postkarte mit. Schon frankiert mit Anschrift versehen. Wäre diese Karte jemals bei mir angekommen, wäre ich in den nächsten Stunden am Urlaubsort gewesen meine Kinder abholen.
    Meine Mutter hat mir nicht geglaubt. Ich müßte mich eben mehr anpassen und das kommt davon, weil Du immer so schwierig bist. Dieses Wort tut mir noch heute weh. Und heute bin ich schwierig, wenn mir oder in meinem Umfeld Dinge passieren, die nicht gut sind
  • 49) F.G.
    Moin,
    Ostern 1979 sind meine Schwestern und ich zur "Kur" in Wyk auf Föhr gewesen, die für uns schrecklichen Erinnerungen an diese sechs Wochen haben wir seitdem immer unter "wir hatten einfach Pech mit der Einrichtung" verbucht. Als wir gestern zunächst den Artikel in der SHZ und später die Beiträge auf dieser Seite gelesen haben war alles wieder so präsent.
    Die Anreise nach Föhr erfolgte damals in Begleitung einer Dame vom DRK-Betreuungsdienst, im Kurheim angekommen wurden meine Schwester und ich sofort getrennt und haben uns in den sechs Wochen ein einziges Mal für einen kurzen Moment sehen dürfen (es war der 7. Geburtstag meiner Schwester und ich durfte kurz gratulieren). Am Ankunftstag wurden alle Kinder einer "Läusekur" unterzogen, zu erkennen an einer Mullwindel um den Kopf. Diesem Prozess wurden wir nicht unterzogen, wir hatten glücklicherweise ganz kurze Haare. Im Anschluss bekamen wir alle schwere Lodenmäntel, die wir während unseres gesamten Aufenthaltes tragen mussten, obwohl eigene Winterjacken vorhanden waren.
    Im Schlaftrakt der "Großen" waren die Türen ausgehängt, sodass wir unter ständiger "Bewachung" waren. Auch unsere Post wurde zensiert und die Eingangspost im Vorwege geöffnet, das Geburtstagspaket meiner kleinen Schwester wurde großzügig verteilt. Obwohl meine Schwester zu diesem Zeitpunkt schon schreiben konnte, haben meine Eltern keinen handgeschriebenen Brief von ihr erhalten, sondern immer geschrieben von einer Pflegekraft. Dies machte unsere Mutter stutzig, so dass sie mehrfach telefonisch nachfragte. Ein völlig genervter Leiter der Einrichtung empfahl unserer Mutter, OT: sich mal in der Kneipe nebenan ordentlich einen hinter die Binde zu kippen, damit sie mal ihre Kinder vergessen würde.
    Eine Beschwerde meiner Mutter beim Kreis daraufhin ergab jedenfalls, dass der Mitarbeiter zunächst vom Dienst in dieser Einrichtung suspendiert wurde.
    In der einzuhaltenden Mittagsstunde wurde meine kleine Schwester gezwungen einzunässen, weil es ihr verboten wurde das Bett zu verlassen um auf Toilette zu gehen.
    Während dieser Zeit habe ich oft darüber nachgedacht wegzulaufen, zumal sogar Verwandschaft auf Föhr lebt, aus Angst vor drastischen Strafen (bei anderen "Flüchtlingen" erlebt) und Sorge um meine kleine Schwester habe ich mich durchgebissen.

    Föhr hat bis heute einen "Beigeschmack" für uns und wir sind tatsächlich bis heute noch nicht wieder dort gewesen.
  • 50) Sabine Preger
    Liebe Iniatorin!!!!
    Gestern Abend wurde durch einen NDR-Fernsehbeitrag am frühen Abend auf Euch aufmerksam!!!!!
    Bin "begeistert", dass dieser Missbrauch so vieler Kinder nun Gehör findet!!!
    Ich möchte unbedingt ergänzen, dass ich außerdem , zumindest in einem (meinem zweiten ) Hamburger Kindertagesheim ( der damaligen Vereinigung städtischer Kindertagesheime), welches ich vom 3./4. Lebensjahr bis zum Ende der 4. Klasse besuchen musste, unter der erlebten Praxis bei den Mahlzeiten sehr gelitten habe!!!!!!

    Heute bin ich (Jahrgang 1957) 62 Jahre alt und aufgrund eines Burnout als Grundschullehrerin seit über10 Jahren frühpensioniert.

    Meine 1.Verschickung war 1960 über meinen dritten Geburtstag in ein Heim nach Lüneburg.
    Bis zur Einschulung 1964 würde ich mehrfach verschickt nach
    Wittdün/Insel Amrum und Wyk auf Föhr.
    Im Jahr 1966 musste ich dann noch in den Schwarzwald nach Schlägen bei St. Blasien....

    Ich habe erstaunlich genaue und klare Erinnerungen an diese Zeiten!

    Meine Schlagwörter dazu sind:
    HEIMWEH

    QUÄLEREIEN beim Essen

    ZENSIERTE POST (würde gelesen, bzw. bevor ich selbst schreiben konnte meine Worte "gefälscht")

    EKEL vor dem randvollen Nachttopf in der Schlafstube...als ich verbotenerweise deshalb die Toilette aufsuchte und brav spülte, kam die Nachtaufsicht gab mir eine Ohrfeige, zog mich am Ohr zu dem Pisspott und zwang mich ihn in der Toilette zu leeren - als 4-5 Jährige

    OHNMACHT , HILFLOSIG- und EINSAMKEIT als Grundgefühl

    Mit freundlichen Grüßen und Dank für das Engagement

    Sabine Preger aus Büchen
  • 51) Edwin Schäfer
    Ich war als Kind 2 x in Erholung. Erst in Marwang/Bayern, ca. 1960. Das war schon horrormäßig was die Nonnen dort veranstaltet haben. Beim Baden Seife in die Augen gerieben und bei ansteckendem Hausausschlag mit Armmanschetten gefesselt, damit man sich nicht kratzen kann. Fingernägel sind giftig hieß es. Vorführung bei einem Arzt: Fehlanzeige. Schlechtes Essen und immer nur Kümmelbrot. Ekelhaft!
    Dann 1963 6 Wochen in Wyk auf Föhr. Das war ganz anders. Keine böse Nonnen, nette Betreuerinnen, viel Unternehmungen und viel Spaß. Daran denke ich gerne zurück!
  • 52) Dr. Barbara Kaufmann
    Ich bin zufällig bei Internetrecherchen zu einem anderen Thema auf diese Seite gekommen.Dreimal Kinderverschickung ( oder einmal davon Landschulheim, meine Mutter kann und oder will sich nicht wirklich erinnern,sie ist 85 Jahre alt und im Pflegeheim), mit 5 Jahren 6 Wochen Wyk auf Föhr und mit 8 Jahren 6 Wochen Ratzenried.
    Ich frage mich heute, inwieweit diese Aufenthalte meine Persönlichkeit mitgeprägt / beeinflusst haben. Seit ich per Zufall auf diese Seite kam, beschäftigt mich diese Frage und die Suche nach Erinnerungen sehr intensiv!
    Ich war mit 5 noch ein Nuckelkind und wurde laut Aussage meiner Mutter "mitgegeben", damit das Kind einer Freundin da nicht so allein ist. Dieses Mädchen habe ich in diesen 6 Wochen so gut wie gar nicht gesehen oder gesprochen. Ich habe mich nicht getraut, an der Bettwäsche zu nuckeln, wie daheim und habe verzweifelt auf Papiertaschentüchern genuckelt, so gut es ging, die ich bekam, weil ich Schnupfen vorgetäuscht hatte. ich kann mich erinnern, dass die Tanten eines Abends bei allen Kindern die Bauchnäbel (?????) kontrolliert hatten auf Sauberkeit und ich hatte große Angst, ihren Erwartungen nicht zu entsprechen und habe an dem Bauchnabeln gerieben und gerieben und als die Tante meinen kontrollierte, hat sie sich gefragt, warum der so rot ist, hat aber dann wieder schnell das Interesse verloren.
    Ich war mir bei der Froschaugensuppe nicht sicher, ob das wirklich Froschaugen waren...
    Mit 8 Jahren war ich bei den katholischen Nonnen in Ratzenried für 6 Wochen, im August 1970, es gibt noch zwei Gruppenbilder aus der Zeit mit Schwester Lioba und der Hauswirtschafterin Marianne. Das Schlimmste dort war der Schlafsaal mit 40 Kindern, ich bin mir nicht sicher, ob der mit Jungen und Mädchen belegt war, bis 11 Jahre, ab 12 waren die Kinder im Stock darüber untergebracht. Man durfte sich nachts nicht im Bett bewegen und wer das doch tat, wurde im Dachboden mit den leeren Koffern eingesperrt. Es herrschte Essenszwang und wir mussten kalt duschen. Wir durften unsere Kleidung nicht selbst aussuchen und es gab keine Süssigkeiten, außer wenn ein Kind ein Päckchen bekam, wurde 50% des Inhalts an die anderen verteilt.
    Auf dem Rückweg bekam ich ein Oberteil eines Hosenanzugs als Kleidung und die Bitte nach der Hose wurde mir verwehrt. Ich saß 12 Stunden im Zug von Ratzenried nach Hamburg ohne Jacke und Hose. Die Post wurde zensiert und meine Mutter erwartete ein rotbackiges Moppelchen am Bahnhof und es stieg ein blasses, mageres, durchgefrorenes Kind mit Augenringen aus. Meine Mutter sagt noch heute, sie hätte mich fast nicht erkannt und ich konnte nicht mehr aufhören zu schluchzen. Ich hatte keine einfache Kindheit mit einer alleinerziehenden Mutter in den 60iger Jahren, aber das war die allerschlimmste Zeit.
  • 53) fraukec.d@gmail.com
    1959 Wyk auf Föhr Die Hölle.Milchsuppe trotz Allergie.Schlafen im Jungszimmer.Eingesperrt.Sitzen Bit Mittag mit Milchsuppe.Nur noch kotzen.
  • 54) Frida
    Hallo Anja. Bin gerade auf dein Post aufmerksam geworden.
    İch finde es unglaublich.
    İch bin aus berlin und wurde 1980 in ein Kinderkurheim verschickt, ich war 6 Jahre und ich denke, es war auf der İnsel Wyk auf Föhr. İch war habe null Erinnerung an diese Zeit. Meine Mutter war allein erziehend und schon lange verstorben, so dass ich sie nicht mehr fragen kann.
    İch habe mich immer gefragt, warum ich mich an diese Zeit nicht erinnern kann.
    So Schade, dass ich nicht zur Konferenz kommen kann.
    Aber die ganzen Kommentare zeigen mir, dass meine Verdrängungsmechanismen schon richtig waren. Wer weiß, was ich da erlebt habe.

    War jemand 1978 auf der İnsel Wyk auf Föhr?

    Danke für die wertvolle Arbeit.
    ??
    Frida
  • 55) Verena
    Ich bin mir noch immer nicht sicher, wohin ich verschickt worden war, Sylt oder Föhr, aber das mit dem Theater löst bei mir was aus. Ich wurde damals alleine in einen abgedunkelten Raum geführt, und größere Kinder saßen wie auf einer Tribüne. Keine Ahnung was das sollte aber ich fing laut an zu weinen, und alle lachten laut. Auch der Name Haus Sonnenschein macht mir komische Gefühle. Meine Eltern können sich an nichts erinnern.
  • 56) St. F.
    Hallo Frau Röhl
    Im November/Dezember 1966 wurde ich zur Verschickung nach Wyk auf Föhr geschickt. In meiner Erinnerung war es nur schrecklich. Es herrschte im Umgang mit uns Kindern ein furchtbarer Kommandoton. Ich war mit 8 Mädchen in einem Schlafraum. Am Abend musste absolute Ruhe herrschen, wenn nicht, hat uns die Erzieherin, die im angrenzenden Zimmer untergebracht war, durch ein, in der Wand angebrachtes Fenster angeschrien, wir sollten sofort ruhig sein. Den Namen der Erzieherin habe ich nie vergessen, sie hieß Fräulein Wolf. Trug Klapperlatschen mit Holzabsatz, und wenn sie en Flur hörbar herunterkam, bekam ich schon Angst vor ihr.
    Am Morgen ging es in den riesigen Waschraum, dort musste man sich nackend ausziehen und wurde dann mit kaltem Wasser aus einem Schlauch abgespült. Auch bei den Mahlzeiten herrschte rauher Umgangston. Das Essen musste aufgegessen werden, wenn nicht gab es Tischdienst und man durfte nicht mit nach draußen. Schwarzbrot mit Marmelade konnte ich jahrelang nicht essen.
    Ich war 1966 im Frühjahr gerade erst eingeschult worden und konnte noch nicht selbstständig schreiben. Durch die Erzieherinnen wurde ein Text an die Tafel geschrieben den wir abschreiben mussten...... Liebe Mama lieber Papa mir geht es gut... Ich wollte das nicht schreiben aber es blieb mir keine Wahl, ich wollte schreiben "holt mich bitte hier schnell ab, ich möchte nach Hause. Ich hatte schreckliches Heimweh. Und da das Alles noch nicht genug war bekam ich Mumps wurde in Quarantäne gesteckt, isoliert von allen anderen Kindern. Gesprochen hat keiner und wenn dann nur um mich anzumeckern ich solle mit meinem Erbrochenem nicht noch einmal die Toilette verstopfen. Zusätzlich bekam ich dann auch noch irgendwelche schrecklichen, schmerzhaften Spritzen. Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt, sodass mich 4 Personen festhalten mussten.
    6 elend lange Wochen war ich auf Wyk auf Föhr. Erst viele Jahre später habe ich mit meiner Mutter über die Zustände dort gesprochen. Und ich weiß noch, dass ich mir schon als Kind geschworen hatte, dass wenn ich je Kinder haben sollte, diese niemals verschickt werden sollten.
    Ich selbst bin als Erwachsene nie zur Kur etc. gefahren, es war
    mir ein Greuel die Vorstellung, das Heimweh und von zu Hause fort zu müssen.
    Im Bekanntenkreis und unter Kollegen habe ich Etliche die auch dort waren und von ähnlichen Zuständen berichteten, von nächtelang Einsperren in Schrankbetten nach Einnässen etc.
    Lange Zeit habe ich gedacht, dass nur ich das Alles so schrecklich empfunden habe. Jetzt habe ich aber all die furchtbaren Erlebnisberichte gelesen und bin entsetzt über das Ausmaß der Mißhandlungen und das sich das Ganze durch die gesamte BRD zog. Es hat mich depremiert.
    Ich finde es großartig von Ihnen, dass Sie diese schrecklichen Zustände öffentlich gemacht haben, und uns als Leidtragende die Möglichkeit geben es uns von der Seele zu schreiben.
  • 57) Marlene
    Ich war 1954/55, als Sechs- oder Siebenjährige 6 Wochen im Kinderheim Hapag auf Föhr. Ich kann mich nur noch schemenhaft an die Zeit erinnern. Seit dieser Zeit, ich bin jetzt 72, kann ich den Geruch von Milchsuppe nicht ertragen. Immer noch wird mir übel davon. Ich habe jeden Abend darum gebetet, krank zu werden, denn dann kam ich ins Krankenzimmer und musste keine Milchsuppe o. ä. essen. Meine ältere Schwester erzählte mir jetzt, dass ich völlig verstört nach Hause gekommen sei und danach wochenlang kaum gesprochen habe. Ich sei sehr, sehr traurig gewesen. Ich habe wahrscheinlich alles verdrängt. Leide jedoch seitdem an immer wiederkehrenden Depressionen und Ängsten.
  • 58) Michaela Sangkuhl
    guten abend frau Röhl,

    meine schwester und mich wuerde ich nicht als verschickungskinder bezeichnen, wir wurden jedoch 1975 von dem kinderarzt unserer familie ueber die DAK zur kur nach Wyk/Föhr in das haus Irmgard Remé geschickt. meine schwester war knapp 7, ich selbst 9 jahre alt.

    der abschied von der mutter, die uns nach Föhr brachte, war furchtbar. der trennungsschmerz war kaum auszuhalten.

    ich wurde vor der gesamten gruppe gedemuetigt, da vor allen verkuendet wurde, ich solle abnehmen. deshalb bekam ich anstatt der weißen mit butter beschmierten brötchen, schwarzbrot mit butter und marmelade. ansonsten keine andere kost. am ende der kur wurde dann nochmals vor allen verkuendet, dass ich weder ab- noch zugenommen haette.

    meine tante wollte uns besuchen, stand am zaun, durfte nicht rein.

    ich erinnere mich an Katrin aus niedersachsen, und Michaela aus berlin. wir mussten mittagsschlaf halten. die aelteren auch draußen im garten.

    meine schwester mochte keine rosinenbroetchen, die es jeden nachmittag gab, bekam jedoch auch keine alternative, obwohl sie zunehmen sollte.

    paeckchen der eltern wurden teilweise zensiert, vorsortiert.

    anrufe waren moeglich, aber im beisein einer angestellten.

    joghurt war schimmlig und musste gehessen werden.

    ich schrieb nachhause und bat meine eltern uns abzuholen. ich begang den fehler zu fragen, ob die post vor dem versand gelesen wird. mein brief wurde also gelesen und ich geruegt. ich sollte dann einen neuen brief schreiben.

    frau Remé warf mit der buerste nach kindern, die nicht still sitzen konnten waehrend sie bestimmten kindern, die sich teilweise davor fuerchteten, weil sie alt und furchteinfloeßend war, die haare buerstete. dieses tat sie, weil sie und nicht die kinder dieses mochten.

    ein geschwisterpaar versuchte zu tuermen. schafften es meines wissens sogar bis zur faehre. ich glaube, das war auch in den medien / rundfunk vllt fernsehen. aber dennoch passierte nichts, uns wurde erzaehlt die beiden seien boese und duerften nicht zurueckkommen. wir beneideten die beiden.

    wir wurden eiskalt abgeduscht.

    ich erinnere mich aber auch an massagen. und an eine freundliche aufsichtsperson, die glaube ich versucht hat uns zu schuetzen bzw uns getroestet und aufgemuntert hat.

    dieses sind nur fragmente und ich habe auch gute erinnerungssplitter. dennoch trage ich mein heimweh mach wie vor in mir. meinem kind haette ich nie im leben so etwas zugemutet. allerdings war es wohl in den 70ern so. mein bruder musste allein im krankenhaus bleiben mit fuenf. mein mann war nach erzaehlungen als baby wochenlang allein im krankenhaus ohne mutter.
  • 59) Janette Martens
    Über einen Zeitungsartikel bin ich auf diese Seite gestoßen. Ich war tief schockiert beim Lesen des Berichtes.
    Endlich jemand, der mir glaubt. Tatsächlich war mir nicht bewusst, dass auch andere Kinder so traumatisiert sind.
    1971 wurde ich als Zweijährige mit meiner 2,5 Jahre älteren Schwester in das Haus "Sonnenschein" nach Wyk auf Föhr geschickt, da meine Mutter sehr dünn war und sich allein erholen sollte. Mein Vater arbeitete im Schichtdienst und so landeten wir im "besten" Heim-laut meiner Mutter.
    Ich wurde immer wieder von meiner Schwester getrennt, was mir sehr schwer fiel und ich oft deswegen geweint habe. Ich erinnere mich, dass ich eine bestimmte Suppe (Erbsensuppe?)nicht essen mochte und da hat man mich kurzerhand isoliert. In dem großen Speisesaal gab es eine Art Theaterbühne mit Vorhang. Man hat mich also allein mit Tisch und Stuhl hinter zu gezogenem Vorhang gesetzt und gesagt, ich dürfte erst wieder raus kommen, wenn ich aufgegessen habe .Aufsicht war keine in der Nähe. Irgendwann habe ich dann den Teller genommen und die eklige Pampe hinter das Puppenhaus gekippt. Hat bis zu unserer Abreise keiner gemerkt. Das hört sich vielleicht lustig an, aber ich war zwei Jahre alt und habe bis heute von diesen Methoden eine Klatsche.
    Meist glaubt mir keiner richtig, da ich ja noch so klein war, aber es ist mir bis heute präsent. Die Pflegerinnen haben wir nach den Sesamstrassenfiguren benennen dürfen, z.B. Bibo, Ernie etc. Vielleicht erinnert sich jemand.
    Zum Strand sind wir immer in Zweier Reihen an der Hand gelaufen, ich durfte so gut wie nie an der Hand meiner Schwester gehen, an der ich ja nun sehr hing. Man hat mich konsequent von ihr fern gehalten. Auch im Schlafraum durfte ich nicht bei ihr sein. Das hat mich echt traumatisiert und ich habe so gelitten. Für meine Schwester war es alles nicht so schlimm.
    Am Ende unseres Aufenthaltes hat meine Schwester eine richtig hübsche Schmuckdose aus Perlen von der Heimleitung geschenkt bekommen. Ich als unartiges Kind bekam natürlich nichts. War mir auch egal, wollte ich nur noch weg. Meine Großeltern haben mich abgeholt und meine Oma hat mir erzählt, dass ich während der Autofahrt einschlief und wenn ich aufwachte, hoch schreckte und fragte: Seid ihr noch alle da?
    Liebe Frau Röhl, ich danke Ihnen sehr.
  • 60) Cornelia Maier
    Nur durch Zufall sah ich vor einigen Wochen den Report aus Mainz.
    Mir ist gar nicht bewusst gewesen, dass es eine Vereinigung / Initiative Verschickungskinder gibt.
    Über den TV Bericht war ich entsetzt, über die Berichte die ich später im Internet verfolgte noch viel mehr.
    Danke Frau Anja Röhl, dass Sie sich dem Thema angenommen haben.
    Ich kann hier nur einen kleinen Beitrag zu meiner Verschickung niederschreiben. Leider habe ich nicht mehr die Möglichkeit meine Eltern zu fragen, wie es denn nun wirklich in einigen Punkten ablief bzw wie es überhaupt zur Kinderverschickung gekommen ist. Meine Eltern sind verstorben, Dokumente liegen nicht vor.
    Hier mein Bericht aus meiner Erinnerung heraus; meine Erinnerungen habe ich aber auch immer wieder im Laufe meines Lebens auch mit meinen Eltern und mit meiner Großmutter erzählt. Antworten gab es keine, weil sie sie nicht kannten oder weil meine Eltern glaubten alles richtig gemacht zum haben. Ich werfe meinen Eltern und meiner Großmutter nichts vor. Mein Bruder, Jahrgang 1962, wurde zweimal verschickt und hat nichts berichtet (vor seiner Einschulung). Der Fall meines Bruders liegt auch anders, er ist als Baby „falsch in einem Hamburger Krankenhaus“ behandelt worden und daraus her rührt eine Schwerbehinderung (geistig). Vielleicht hat er deshalb nichts mitbekommen oder er ist anders behandelt worden oder er weiß es einfach nicht.
    Ich habe versucht das Thema, nach dem TV Bericht, noch einmal mit ihm anzugehen. Ohne Erfolg.

    Ich bin geboren 1964. Aus meiner Erinnerung hieß es, wir sollten in das Hamburger Kinderheim nach Wyk auf Föhr verschickt werden, weil wir zu oft an Mandelentzündung erkrankt waren. Es wurde durch unsere Kinderärztin verordnet. Wir sind nicht als Geschwisterpaar gefahren.
    In welchem Jahr ich verschickt wurde kann ich nicht sagen, auf jeden Fall vor der Einschulung. Vielleicht war ich 4 Jahre alt. Es ging los vom Bahnhof Hamburg-Altona nach Wyk auf Föhr. Ich habe keine Erinnerung wer die reisenden Kinder begleitet hat.
    Ich litt sehr unter Heimweh und habe viel geweint. Ich musste wegen des Weinens oft im Waschraum übernachten. Daran ist meine Erinnerung so groß- nur mit Bademantel auf dem Boden oder auf einer Holzbank. Der Waschraum wurde abgeschlossen.
    Ich erinnere mich an den Schlafsaal; an dessen Eingangstür ein kleinerer Raum war mit einer kleinen Tischlampe. In diesem Raum saß immer eine Frau (Tante) und die hielt „Wache“. Wenn ich weinte holte diese Frau mich aus dem Bett und ich musste in den Waschraum.

    Ich wurde krank und kam auf die Krankenstation (hohes Fieber). Von da aus wurde ich zurück nach Hamburg geschickt.

    Die ersten Worte in Hamburg-Altona von meinem Vater und meiner Großmutter waren: Oh Gott, was hat das Kind für eine dicke Mütze auf, hattest du die die ganze Zeit auf. Das Kind sieht schlechter aus, als zu dem Zeitpunkt als es losfuhr.
    Ich habe keine Erinnerung ob mich jemand auf der Rückfahrt begleitet hat. Mein Vater und meine Großmutter hatten mir einen Spielzeug-Hund mitgebracht zum Bahnhof der so an einer Schnur laufen konnte und auch bellen konnte (mit Batterie). Erst dann soll ein Lächeln meinerseits gekommen sein.
    Ich erinnere mich noch daran, dass wir Kinder in Wyk immer Muscheln gesammelt haben. Ich hatte einen wunderschönen Beutel von meiner Mutter genäht bekommen. Auf den war ich sehr stolz.

    Im Laufe meines Lebens habe ich immer mal wieder von dieser Waschraum - Geschichte berichtet und sah immer diesen kleinen Raum an der Schlafsaal - Eingangstür vor mir.
    Ich war erstarrt, als ich solche Bilder im TV vom Wyker Kinderheim sah.

    Ich bedaure sehr, dass so viele Kinder so so schlimme Erfahrungen gemacht haben.Meine Erfahrung ist dagegen sehr klein und nicht von großem Belang/Interesse.
    Ich habe mit meinen Kindern und meinem Ehemann darüber gesprochen und bin zu dem Entschluss gekommen, hier meinen kleinen Beitrag zu leisten. Ich bin erschüttert, dass mich dieses Thema nach über 50 Jahren einholt.

    Eines noch: Erst seit ca 2009 bin ich das erste Mal wieder nach Föhr gereist. Bei jedem Spaziergang am Kinderheim vorbei, stockt mein Atem. Ich habe auch mal in die Fenster des Kinderheimes geschaut, es war kein gutes Gefühl.

    Die Insel Föhr, mit seinen lieben Insulanern, ist zu einem meiner Lieblingsreiseziele geworden. Ich glaube für mich hat sich ein „Kreis“ ums Thema Verschickung geschlossen.

    Ich wünsche allen betroffenen Kindern von damals (8 Mio!!!!) nur das Beste.
    Ich werde diese Berichte hier weiter verfolgen.
  • 61) Günter
    Tief betroffen habe ich die Berichteder Verschickungskinder gelesen.
    Auch mich hatte man in den 50er Jahren ‚verschickt‘ in ein Heim auf Föhr. Kostenträger war die DAK. Mein damaliges Alter kann ich nicht mit Gewissheit sagen.
    Die beschriebenen Erlebnisse – die bei mir bis auf bis auf einige gravierende Vorkommnisse fast verschüttet waren – wurden für mich plötzlich wieder ganz präsent.
    Diese 6 Wochen waren traumatisch für mich. Wir Kinder wurden Tag für Tag so erniedrigt, dass es fast ein Wunder ist, wie es die Kinder von damals verkraftet haben.
    Gut erinnern kann ich mich noch daran, wie ich mehrmals meinen Teller nicht aufessen konnte (ich weiß nicht mehr den Grund, warum). Ich weiß noch, wie ich in den Teller erbrochen habe und wie ich gezwungen wurde, so lange sitzen zu bleiben, bis ich alles (auch das Erbrochene) aufgegessen hatte. Auf Toilette gehen war währenddessen verboen
    Täglich wurden Kinder vorgeführt, die ins Bett/ in die Hose gemacht hatten. Alle Kinder wurden aufgefordert, diese Kinder auszulachen.
    Redeverbot, Lachverbot, auch Weinen war verboten, Toilettenbesuch nur zu bestimmten Zeiten – das alles war genau so, wie beschrieben.
    Ich habe auch noch Erinnerungen, wie sehr ich immer gefroren hatte. Wir durften oft trotz kühler Witterung oftmals nicht mit Schuhen Spaziergänge machen, sondern nur barfuß.

    Ich frage mich nur, warum so viele Tausende Kinder das ertragen mussten. Als ich meinen Eltern davon erzählte, sie wollten/konnten es nicht glauben.
    Es war wohl die Zeit, in der eine ‚lockere Hand‘ bei den ‚Tanten‘ normal und gesellschaftlich akzeptiert war.
    Das setzte sich für mich übrigens auch in der Schule fort.
    Meine Erfahrung: es gab z.B. in der Heinrich-von Bibra-Schule in Fulda nicht einen Lehrer, der nicht geschlagen oder anders körperlich Gewalt ausgeübt hätte.
    Gottseidank ist so ein pädagogisches Personal heute wohl ausgestorben. Das wäre meine Hoffnung.
  • 62) Hendrik D.
    Ich war ebenfalls in den Anfängen von 1990er dort und kann die Geschichten in Wyk auf Föhr bestätigen.
    -Eigene Klamotten durfte ich nicht getragen werden
    -Misshandelungen auch am eigen Leib
    -Das nächtliche Weinenm wie ich selbst auch
    -Die Androhung, dass meine Mutter eine große Summe Zahlen muss, wenn ich nach Hause will
    -Die Trennung sowie den Verbot meine Geschwister zu besuchen
    -Militante Tonart
    -Der Zwang alles auf zu essen
    -Waren kaum draußen gewesen

    Da ich bis heute von den traumatischen Erlebnissen geprägt bin, habe ich stets versucht mithilfe von Therapeuten mein Leben in den Griff zu bekommen, jedoch vergebens. Als ich ca. 25 Jahre war, ging ich zu einem Psychotherapeut Dr. med Herrn Ralf Cüppers in Flensburg. Er erzählte mir, dass er diese Kur mit organisiert hat und meine Erzählungen aus der Zeit in Wyk auf Föhr gelogen sei. Aus diesem bin ich nie wieder bei ihm gewesen.
  • 63) Yvonne aus Flensburg
    Hallo zusammen,
    mein Name ist Yvonne und ich war mit meinen zwei Brüdern 6 Wochen auf einer "Kur", was 1992 gewesen ist, in Wyk auf Föhr.Tatsächlich gab es auch noch zu diesem Zeitpunkt solche Vorkommnisse!
    Vieles habe ich auch verdrängt. Ich erinnere mich, dass ich sofort von meinen Brüdern bei Ankunft getrennt wurde. Wir liefen dann durch den Keller in Zweierreihen.
    Meine nächste Erinnerung liegt in den Nächten und ich höre heute noch die Kinder weinen und nach ihren Eltern rufen.
    Sie haben uns alles Geld abgenommen was wir von Zuhause mitgebracht haben. Pakete erhielten wir geöffnet oder gar nicht, was ich später erst erfuhr. Einmal die Woche durften wir mit 1 DM telefonieren, was schnell vorbei war. Die Tanten passten genau auf was wir erzählten und Post mussten wir vor dem versenden vorlegen. Wen denen etwas nicht passte, wurde die Karte zerrissen, Negatives durfte da nicht geschrieben werden.
    Geschwister durften sich nicht treffen, so wurde auch die Stunde Garten genauestens geplant. Im Garten stand das " heiße Draht oder heiße Hand" irgendwie so, erinnere ich mich dunkel.
    Die Kleinsten hatten es am Schlimmsten, wo auch mein jüngster Bruder betroffen war. Sie mussten im Keller essen. Wir mussten zum Speisesaal an ihnen, durch den Kellergang, vorbei. Ich sehe ihn heute noch da sitzen und in mir kommt die Wut, Trauer und das Gefühl der Machtlosigkeit auf. Die Kleinen durften nicht ihre eigenen Sachen anziehen und wurden schwer gedemütigt. Ich bin froh, dass ich nicht alles weiß. Das was ich weiß, ist schon schwer zu ertragen.
    Ich erinnere mich auch an die Drohungen, dass unsere Eltern viel Geld bezahlen müssen, wenn sie uns dort abholen wollen. Ich meine sie sagten 4000DM pro Kind. Natürlich kamen wir alle aus sozialschwachen Familien...
    Bei jeder Mahlzeit musste ein Kind aufstehen und beten, das war Pflichtprogramm. Wie geschmacklos und makaber im Nachhinein. Genauso wie der eklige Tee, wo wir die Reste aus den fremden Bechern am nächsten Morgen serviert bekamen. Ich habe heute noch eine Abneigung gegen Blechgeschirr.
    Wir waren tatsächlich nur einmal am Strand und das auch nur kurz. Meine Mutter war erstaunt wie blass wir zurück gekommen sind.
    Auch an das Wiegen erinnere ich mich, es gab eine Wiegekarte, wo jede Veränderung eingetragen wurde. Einmal musste ich an der Trimmgruppe teilnehmen, ich hatte wohl 500g zuviel auf der Waage.
    Naja, ich wünschte man könnte die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Es gibt noch viele Bruchstücke, aber die bekomme ich nicht sortiert hin.
    Ich erinnere mich noch an den dicken ekligen Heimleiter...
    Entschuldigt das konfuse Schreiben, es ging gerade mit mir durch.
    LG Yvonne
  • 64) Rolf Robertson
    Als ehemaliger Mitarbeiter im Hamburger Kinderheim in Wyk auf Föhr kann ich mich nicht erinnern das damalige Kollegen von mir, in derartige Entgleisungen verwickelt waren.
  • 65) Rosi
    Hallo,

    ich bin erst jetzt über den Buten un Binnen-Bericht gestolpert, eigentlich mein Mann. Dieser hat mir sofort berichtet, weil wir oft über meine schrecklichen Erlebnisse gesprochen hatten. Auch ich war auf einer 6-wöchigen Kur in Wyk auf Föhr, muss 1973 gewesen sein, als ich dort 5 wurde (ich musste sogar meinen Geburtstag dort verbringen).

    Die Erinnerungen sind teils verdrängt, vieles ist aber sehr present und quält mich fast tagtäglich. So musste ich nachts "stehend" im kalten Waschraum verbringen, weinend, verängstlicht, zitternd (es war kalt, eisig kalt), barfuß.... ich nässte mich ein und bei der nächsten Kontrolle, wurde ich "angeschrien, geschlagen, eingeschüchtert, bedroht".... jede Träne verursachte Ärger und Angst. Allen ging es so!

    Das Essen war schrecklich. Es gab sehr viel mit "Käse" und ich mochte keinen Käse. Also wurde ich zum Essen und Aufessen gezwungen. Und es gab viel mit Käse.... Käsesuppe, Käsebrot, usw... und weil ich keinen Käse mochte, musste ich gerade erst recht Käse statt Wurst auf dem Brot essen, grauen- und ekelhaft....Erst nach 30 Jahren, schaffte ich es erstmals Käse zu essen, ohne Würgereiz. Inzwischen kann ich einige wenige Käsesorten essen, auch mit Käse überbackenes geht wieder, dennoch kommt dabei "jedesmal" alles wieder hoch!

    Ich könnte hier Bände schreiben...... leider..... und das, obwohl vieles verdrängt ist.... das ist schon heftig! Leider kann ich mich nicht mehr an den Namen des Kurhauses erinnern, wahrscheinlich, weil mir dies gar nicht gesagt wurde. Denn der Grund der Kur war nicht gesundheitlich, sondern weil mein kleiner Bruder starb und meine Mutter einen Nervenzusammenbruch erlitt. Sie sollte sich erholen, während wir Kinder auf Kur sind.

    Denn auch mein Bruder war dort, aber in einer anderen Gruppe, in einem anderen Haus, weil er älter war (7 J.). Er war einer der Jüngsten, unter viel älteren Kids (meist zwischen 9 und 11 Jahre, soweit ich mich noch erinnern kann. Vielleicht lief es deshalb anders ab, weil die Kinder älter waren und deshalb glaubwürdiger als wir Kleinen. Ich meine, ich war mit 4 J. die Jüngste.) Seine Erlebnisse waren anders, denn sie unternahmen sehr viel, gingen an den Strand, sammelten Muscheln, besuchten ein Museum.... Er hat diese Kur ganz anders erlebt! Das Essen war abwechslungsreich, niemand musste komplett aufessen oder gar sein Erbrochenes essen! Er kam fröhlich nach Hause, ich verstört, verängstlich und still!

    Als ich berichtete, glaubte mir keiner, da mein Bruder genau das Gegenteil erlebt hatte. Das Traume wurde dadurch noch verstärkt! Noch Heute bekomme ich Gänsehaut, mir wird übel, noch Heute leide ich.... es wird wohl nie aufhören!!! Bisher habe ich nur meinen Mann davon berichtet, es ist das 1. Mal, das ich öffentlich hierüber schreibe. Dabei zittere ich und fühle mich beschis... - nach sooooo langer Zeit :o(

    Nun werde ich mich hier erst einmal durchlesen. Es ist toll, dass sich endlich jemand an die Öffentlichkeit wagt und über diese Schweinereien berichtet - es darf nicht totgeschwiegen werden, auch wenn die Verantwortlichen nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können! Deshalb DANKE an alle, die dies ermöglichen und ermöglicht haben!!!
  • 66) Beller Petra
    Hallo an die Welt da draußen, ich bin Jahrgang 1970 und "durfte" ebenfalls mit 6 und mit 9 Jahren in diesem Kinderheim "Wyk auf Föhr", mit jeweils einem Bruder von mir (Jahrgang 1967 und Jahrgang 1972) für 6 Wochen in den Genuss dieser "Anstalt" kommen. Die größte Furcht, die auch heute noch in meinen Erinnerungen sitzt, kam immer wenn es Schlafenszeit war. Die unnatürliche Stille im großen Schlafsaal, das Gefühl nicht mehr atmen zu können, weil die Erzieherinnen ihren Rundgang machten und das Unterdrücken der Tränen vor Heimweh und Kummer. Mein schlimmstes Erlebnis: Eines Nachts, ich hatte mich wirklich zusammen genommen und mich bewegungslos gestellt, war gerade am Einschlafen, ist ein Kind aufgeschreckt und hat geschrien. Der Schrei wurde "erstickt" und ich selbst bin davon aufgewacht, hatte nur "gefragt": Was ist los? Was ist? Und schon wurde ich von der Erzieherin an den Haaren aus dem Bett gerissen, übelst beschimpft und musste ins "Aufpasszimmer" auf den Boden sitzen. Das hast du davon, wenn du dich nicht an die Regeln hälst. Du bleibst jetzt hier, bist du aufhörst die anderen Kinder zu stören. Sie hat mir dann eine Decke über den Kopf geworfen und mir gesagt, dass ich mich nicht bewegen darf. Wenn ich mich bewege, wird sie den "Stock" holen. Ich musste mittlerweile auf die Toilette und traute mich nicht etwas zu sagen. Die ganze Nacht saß ich regungslos auf dem Boden, bis in den frühen Morgenstunden der "Wachwechsel" kam und mich aufgefordert hat, ins Zimmer zurück zu gehen. Ich hörte noch, wie sie sich gegenseitig stritten. Ich habe es dann nach meinem Aufenthalt meinen Eltern erklärt, die haben es der damaligen Ärztin gesagt und die hatten bei der Heimleitung angefragt und man hat mir dann begreiflich gemacht, dass ich das wohl nur geträumt hätte und das überhaupt nicht sein kann.

    Drei Jahre später musste ich wieder da hin. Von den abartigen Szenen im Speisesaal bei den "dicken Kindern", dem Zwang sinnlos Milchreis in mich reinstopfen zu lassen von Erwachsenen, die demütigende Art mich fast täglich (nackt) zu wiegen und die Zurechtweisungen und Drohungen danach, wenn das Gewicht nicht nach oben ging, will ich gar nicht mehr berichten.

    Heute weiß ich, woher meine Furcht vor dem Dunkel kommt - es gab nicht nur eine sondern mehrere reale Bedrohungen, die mein Leben begleitet haben! Heute jedoch bin ich eine freie erwachsene selbstbestimmte Person und wüsste, was ich tun könnte. Damals war ausgeliefert und niemand hat mir geglaubt!

    Diese Initiative kommt aus meiner Sicht nicht früh, aber immer noch rechtzeitig!

    Freundliche Grüße
    Petra Beller
  • 67) Kirsten B.
    Hallo,
    meine Erlebnisse habe ich ja schon beschrieben...
    Ich würde mich über Kontakte freuen, die ebenso wie ich im Frühjahr 1971 im Schloss am Meer, Wyk auf Föhr waren. Träger der Einrichtung war die BEK.
  • 68) Sabine Theidig
    Hallo,
    immer wieder versuche ich den Menschen in meiner Umgebung zu erklären, dass ich nicht zu einer Kur möchte, um mich mal zu "erholen".
    Nur das Warum kürze ich immer ab, indem ich nur sagen : ich war Anfang der 70 iger für 6 Wochen in Wyk auf Föhr zur Kinderkur und das habe ich in sehr schlechter Erinnerung.
    Uns wurde verboten während des Mittagschlafes oder auch während der Nachtruhe aufzustehen. Das beinhaltete auch den Toilettengang.
    Das hatte zur Folge, dass wir uns eingenässt haben und z.B. die ganze Nacht in unserem eigenen Urin gelegen haben. Mit Taschentüchern haben wir dann versucht, die nassen Matratzen trocken zu reiben.
    Einmal konnte ich mich auf Toilette schleichen und wurde auch prompt von dem Heimleiter erwischt. Der zerrte mich regelrecht aus der Toilette in mein Bett zurück.
    Dort entdeckte er natürlich die Bescherung und brüllte mich an, was ich da für eine Schweinerei veranstaltet hätte, so dass auch der letzte wusste, welches Mißgeschick mir passiert war.
    Bis heute leide ich unter einer extrem " schwachen Blase" und ich werde belächelt, dass ich jedes Getränk verweigere, wenn es in der Nähe keine Toilette gibt.
    An eine nette Betreuerin kann ich mich erinnern. Sie spielte Gitarre, hatte dunkle Locken und hat uns immer was zum Schlafen vorgesungen. Wenn sie Nachtwache hatte, durften wir wenigstens auf Toilette gehen. Ich liebe sie bis heute dafür.
    Meine Süßigkeiten aus den Päckchen habe ich dann wieder entdeckt, als die Geburtstagskinder sie auf Ihren Tellern liegen hatten und wir uns reihum was nehmen durften.
    Meinen Eltern habe ich jeden Tag eine Karte geschrieben, dass sie mich ganz schnell abholen sollen. Diese wurden zerrissen und unter Tränen wurde mir ein Text diktiert, mit der Begründung, dass ich meine Eltern sonst ganz traurig mache. Ich kam mir ganz schlecht vor. Ich sollte meine Eltern anlügen, obwohl lügen doch was schlechtes war. Ich durfte meinen Eltern nichts sagen, auch nicht, wenn ich wieder zu Hause bin, denn dann mache ich sie ja traurig. Ich war also die Schlechte, so oder so.
    Eigentlich kam ich nach Wyk, weil ich immer so dünn war, aber ich hatte es geschafft, noch dünner nach Hause zu kommen.
    Ich bin so glücklich, dass es diesen Bericht im Fernsehen gab. Endlich kann ich zum ersten Mal darüber berichten und ich kann es nicht fassen, wie viel " wir" eigentlich sind.
    Meine Eltern haben mir leider nie richtig geglaubt und immer gedacht, dass ich mir das alles nur ausgedacht habe, damit ich nicht nochmal verschickt werde. Das war eben die Zeit, als es auch noch die Götter in weiß gab und die Lehrer immer Recht hatten.
    Nochmals vielen Dank für dieses Initiative an die Öffentlichkeit zu gehen

    Eure Sabine ( 54 Jahre )
  • 69) Manni
    Mein Name ist Manfred aus Düsseldorf

    Hallo, alle Betroffenen,
    Ich war in den Sommerferien im Alter von 10 Jahren (3. Klasse) 1963 für 6 Wochen im Kinderheim in Wyk auf Föhr.
    Meine Eltern hatte mich dort hin verschicken lassen, weil ich in ihren Augen ein schlechter Esser war. Ich sehr schlank.
    Seit einiger zeit verfolge ich die Geschehnisse im Internet und habe mit Erschütterung gestern abend (10.09.2019) den 'Report aus Mainz' gesehen.
    Meine einizige Erinnerungen sind, dass ein Kind Manschetten über die Ellenbogen bekam, dass es sich nicht kratzen konnte, es hatte Windpocken.

    Mittags, nach dem Essen, mussten wir mucks mäuschen still, für ca. 2 Std. auf Liegen auf der großen Terrasse ausharren, damit das Essen ansetzen konnte..

    Ich hatte nur unbändiges Heimweh und hatte meinen Eltern eine (Post/Ansichts) Karte geschickt (schicken wollen), mit der Bitte, mich ab zuholen. Natürlich ist diese Karte niiiiie angekommen. Später wusste ich dann warum. Möglicherweise wollte 'die' meine Eltern nicht beunruhigen.

    Eine allgemeine Strenge herrschte schon.

    Mit ca. 6 Jahren, vor der Einschulung, war in einem ähnlichen Kinderheim in Freudenstadt im Schwarzwald.
    Hier ging es sehr streng zu:
    Ich musste Abend's mal auf die Toilette, durfte ich aber nicht, so machte ich mein großes Geschäft in die Schlafanzughose und musste damit über die Gänge laufen.
    Weil ich ja immer noch ein schlechter Esser war, mussten die Teller immer leer gemacht werden, so auch der Teller mit Milchsuppe, die ich zum ..... nicht mochte. Zu allem Überfluss, machte ein älteres Kind den Dreck unter seinen Fingernägeln in meine Suppe. Als das 'gepetzt' habe, musste ich die Suppe trotz dem auf essen.
    Es gab keine Gnade und kein Entrinnen.
    Gruß Manni
  • 70) Peter Becker
    Peter Becker
    11.9.2019

    ich war erschüttert über den Bericht von Frau Röhl.
    Ich war ca.1958 und 1960 verschickt im Kinderheim
    Wyk/föhr. Ich habe noch sehr stark in Erinnerung, daß ich versuchte nur nicht aufzufallen, da kleinste
    erfehlungen bestraft wurden. In Erinnerung ist mir immer noch, daß ein artiges Kind am Abend einen
    Apfel auf seinem Bett vorfand. Ich war also nicht artig,
    weil ich erst nach Wochen einen Apfel bekam und ständig ein schlectes Gewissen hatte. Beim Essen
    musste man gerade sitzen.. Das würde von einer
    Frau überwacht, die bei krummer Haltung mit Ihrer Faust in den Rücken schlug. Auch erinnere
    ich mich an den Heimleiter ,der Vorträge hielt,
    die ich später als Verherrlichung der NS-Zeit
    betrachtet habe. Die Unterdrückung in dieser
    Zeit haben sicher eine Auswirkung auf mein
    Selbstwertgefühl gehabt.
    Vielleicht.melden sich einige Zuschauer, die
    in meiner Zeit auf Föhr waren. Eine Wiedergabe
    meiner vielen Erinnerungen würde diesen Rahmen
    sprengen
  • 71) Angelika Gelbke
    Hallo guten Tag,
    Soeben habe ich im „Report“ die Reportage über die Verschickungsheime gesehen. Ich war erschüttert und hatte gleichzeitig ein Dejavue!!!
    Auch ich war in Kindertagen verschickt in einem Kinderheim in Wyk auf Föhr. Ich weis nicht mehr in welchem Jahr es war; ich kann mich nur noch erinnern, dass ich immer schreckliches Heimweh hatte und nachts viel weinte.
    Einmal habe ich eine Postkarte nach Hause geschickt, in der ich schrieb, dass es hier sehr „widisch“ sei .... es mir aber gefalle und ich genug zu Essen bekäme. Diese Karte haben meine Eltern sehr lange aufbewahrt; leider gibt es die Karte heute nicht mehr.

    Was ich schrieb war gelogen denn auch ich musste, weil ich beim Schwatzen erwischt wurde, mit einem großen Pflaster auf dem Mund stundenlang in einer Ecke stehen, ich glaube mich zu erinnern, dass dies mehrmals der Fall war.
    Das schlimmste aber war, dass ich mein Essen immer aufessen musste - auch das Erbrochene - bis mein Teller leer war. Ich erinnere mich noch genau:wir saßen alle an einem großen langen Tisch .... es gab eine Suppe aus Kakao oder ähnliches, es schmeckte mir überhaupt nicht und ich wollte nicht aufessen; da ich meinem Teller leer essen sollte, erbrach ich und musste nun auch mein Erbrochenes essen, bis mein Teller aufgegessen war!!! Ich durfte nicht vorher aufstehen und habe dann später ganz alleine am Tisch gesessen. Ich habe aber nie am Tisch geweint!!!!
    Es war schrecklich !!!
    Das sind meine Erinnerungen an Wyk auf Föhr, das erzähle ich noch heute, wenn über Wyk auf Föhr gesprochen wird. Aber so richtig glaubt niemand was ich erzähle.
    Nun habe ich Reportage im TV gesehen und weis, dass es auch Anderen genauso erging.
  • 72) Manni
    Hallo, alle Betroffenen,
    Ich war in den Sommerferien im Alter von 10 Jahren (3. Klasse) 1963 für 6 Wochen im Kinderheim in Wyk auf Föhr.
    Meine Eltern hatte mich dort hin verschicken lassen, weil ich in ihren Augen ein schlechter Esser war. Ich sehr schlank.
    Seit einiger zeit verfolge ich die Geschehnisse im Internet und habe mit Erschütterung gestern abend (10.09.2019) den 'Report aus Mainz' gesehen.
    Meine einizige Erinnerungen sind, dass ein Kind Manschetten über die Ellenbogen bekam, dass es sich nicht kratzen konnte, es hatte Windpocken.

    Mittags, nach dem Essen, mussten wir mucks mäuschen still, für ca. 2 Std. auf Liegen auf der großen Terrasse ausharren, damit das Essen ansetzen konnte..

    Ich hatte nur unbändiges Heimweh und hatte meinen Eltern eine (Post/Ansichts) Karte geschickt (schicken wollen), mit der Bitte, mich ab zuholen. Natürlich ist diese Karte niiiiie angekommen. Später wusste ich dann warum. Möglicherweise wollte 'die' meine Eltern nicht beunruhigen.

    Eine allgemeine Strenge herrschte schon.

    Mit ca. 6 Jahren, vor der Einschulung, war in einem ähnlichen Kinderheim in Freudenstadt im Schwarzwald.
    Hier ging es sehr streng zu:
    Ich musste Abend's mal auf die Toilette, durfte ich aber nicht, so machte ich mein großes Geschäft in die Schlafanzughose und musste damit über die Gänge laufen.
    Weil ich ja immer noch ein schlechter Esser war, mussten die Teller immer leer gemacht werden, so auch der Teller mit Milchsuppe, die ich zum ..... nicht mochte. Zu allem Überfluss, machte ein älteres Kind den Dreck unter seinen Fingernägeln in meine Suppe. Als das 'gepetzt' habe, musste ich die Suppe trotz dem auf essen.
    Es gab keine Gnade und kein Entrinnen.
    Gruß Manni
  • 73) Angelika Gelbke
    Hallo guten Tag Frau Röhl,
    Gestern habe ich im „Report“ die Reportage über die Verschickungsheime gesehen. Ich war erschüttert und hatte gleichzeitig ein Dejavue!!!
    Auch ich war in Kindertagen verschickt in einem Kinderheim in Wyk auf Föhr. Ich weis nicht mehr in welchem Jahr es war; ich kann mich nur noch erinnern, dass ich immer schreckliches Heimweh hatte und nachts viel weinte.
    Einmal habe ich eine Postkarte nach Hause geschickt, in der ich schrieb, dass es hier sehr „widisch“ sei .... es mir aber gefalle und ich genug zu Essen bekäme. Diese Karte haben meine Eltern sehr lange aufbewahrt; leider gibt es die Karte heute nicht mehr.

    Was ich schrieb war gelogen denn auch ich musste, weil ich beim Schwatzen erwischt wurde, mit einem großen Pflaster auf dem Mund stundenlang in einer Ecke stehen, ich glaube mich zu erinnern, dass dies mehrmals der Fall war.
    Das schlimmste aber war, dass ich mein Essen immer aufessen musste - auch das Erbrochene - bis mein Teller leer war. Ich erinnere mich noch genau:wir saßen alle an einem großen langen Tisch .... es gab eine Suppe aus Kakao oder ähnliches, es schmeckte mir überhaupt nicht und ich wollte nicht aufessen; da ich meinem Teller leer essen sollte, erbrach ich und musste nun auch mein Erbrochenes essen, bis mein Teller aufgegessen war!!! Ich durfte nicht vorher aufstehen und habe dann später ganz alleine am Tisch gesessen. Ich habe aber nie am Tisch geweint!!!!
    Es war schrecklich !!!
    Das sind meine Erinnerungen an Wyk auf Föhr, das erzähle ich noch heute, wenn über Wyk auf Föhr gesprochen wird. Aber so richtig glaubt niemand was ich erzähle.
    Nun habe ich Reportage im TV gesehen und weis, dass es auch Anderen genauso erging.
  • 74) Angelika Gelbke
    Hallo guten Tag,
    Soeben habe ich im „Report“ die Reportage über die Verschickungsheime gesehen. Ich war erschüttert und hatte gleichzeitig ein Dejavue!!!
    Auch ich war in Kindertagen verschickt in einem Kinderheim in Wyk auf Föhr. Ich weis nicht mehr in welchem Jahr es war; ich kann mich nur noch erinnern, dass ich immer schreckliches Heimweh hatte und nachts viel weinte.
    Einmal habe ich eine Postkarte nach Hause geschickt, in der ich schrieb, dass es hier sehr „widisch“ sei .... es mir aber gefalle und ich genug zu Essen bekäme. Diese Karte haben meine Eltern sehr lange aufbewahrt; leider gibt es die Karte heute nicht mehr.

    Was ich schrieb war gelogen denn auch ich musste, weil ich beim Schwatzen erwischt wurde, mit einem großen Pflaster auf dem Mund stundenlang in einer Ecke stehen, ich glaube mich zu erinnern, dass dies mehrmals der Fall war.
    Das schlimmste aber war, dass ich mein Essen immer aufessen musste - auch das Erbrochene - bis mein Teller leer war. Ich erinnere mich noch genau:wir saßen alle an einem großen langen Tisch .... es gab eine Suppe aus Kakao oder ähnliches, es schmeckte mir überhaupt nicht und ich wollte nicht aufessen; da ich meinem Teller leer essen sollte, erbrach ich und musste nun auch mein Erbrochenes essen, bis mein Teller aufgegessen war!!! Ich durfte nicht vorher aufstehen und habe dann später ganz alleine am Tisch gesessen. Ich habe aber nie am Tisch geweint!!!!
    Es war schrecklich !!!
    Das sind meine Erinnerungen an Wyk auf Föhr, das erzähle ich noch heute, wenn über Wyk auf Föhr gesprochen wird. Aber so richtig glaubt niemand was ich erzähle.
    Nun habe ich Reportage im TV gesehen und weis, dass es auch Anderen genauso erging
  • 75) Andrea Bösch
    Habe gerade einen Bericht über die Kinderheime gesehen und bin entsetzt. Mit 4 Jahren wurde ich 1968 nach Wyk auf Föhr geschickt. Zwei Jahre später mit meiner Schwester nach Scheidegg im Allgäu. Ich habe schon länger vermutet, dass dort schreckliche Dinge passiert sind, weil ich immer unter starken Ängsten gelitten habe und mich an nichts erinnern kann, ausser dass ich plötzlich alleine auf einer Fähre war und beim zweiten Mal zwei Wochen in Quarantäne lag alleine in einem kahlen Zimmer.
    Im Moment bin ich noch total geschockt. Das erklärt vieles.
  • 76) Mechthild Pohlhausen
    Hier wird immer über die großen Kinderheime berichtet, aber mein Aufenthalt in einem privaten Kinderheim in Wyk auf Föhr war grausam, wenn auch vielleicht nicht ganz so schlimm wie in den großen Heimen. Gerne gebe ich auf Anfrage Details Und Namen zu der Einrichtung raus. Anfang September 1976 fuhren meine Eltern mich nach Wyk auf Föhr. Ich hatte im Mai des Jahres eine schwere Lungenentzündung hinter mich gebracht und ich sollte die gute Nordseeluft genießen, um wieder kräftiger zu werden. Meine Eltern hatten ein kleines privates Kinderheim ausgesucht. Von der Fähre brachten meine Eltern mich hin, wir durften uns kaum verabschieden und dann bekam ich mein Zimmer, zusammen mit 3 anderen Kindern. Ich hatte die nächsten Wochen keinerlei Kontakt zu meinen Eltern, weil das "schädlich" wäre. Wenn ich weinte, weil ich Heimweh hatte, wurde das lächerlich gemacht und gesagt, dass meine Eltern auch mal Ruhe von mir bräuchten. Es war wie im Knast. Meine Armbanduhr wurde mir weggenommen, ich wusste nie, wie spät es war. Sie erzählten uns, dass wir um 22 Uhr schlafen gehen würden, aber durch Zufall fand ich raus, dass das schon um 20 Uhr war. Jeden Tag Frühstück, Mittag, Abendessen, immer das Gleiche, große Portionen, die man aufessen musste, obwohl der Magen zugeschnürt war. Es gab Drohungen und Bloßstellungen, wenn man sich weigerte. Der Höhepunkt: Schokoladenbrei mit ekelig aufgeweichtem Zwieback zum Abendessen, ich übergab mich auf meinen Teller. Ich wurde angebrüllt, dass ich das essen sollte, aber ich stieß "aus Versehen" den Teller runter. Ich sollte das dann sauber machen, was ich auch tat, rannte dann aber, trotz Verbot, auf die Toilette, um mich erneut zu übergeben. Ich glaube, dass das der Grund war, dass ich später eine Essstörung entwickelte. Dass mein 10.er Geburtstag traurig war, trotz Ausflug in ein Café, in dem ein sprechender Vogel in einem Käfig saß, versteht sich von selbst. Wir gingen zwar jeden Tag an den Strand, aber mussten da Stunden mit buddeln verbringen, kein Programm. Bevor ich endlich abgeholt wurde, schmierten die "Tanten" mir Tönungscreme ins Gesicht, damit ich gesünder aussehen würde.
    Als meine Eltern mich abholten, war ich total apathisch, aber froh, nach Hause zu kommen.
  • 77) Ilse-Marie aus Neuss
    Ich bin erst kürzlich durch einen Zeitungsartikel auf das Schicksal der Verschickungskinder gestoßen und sofort waren alle Bilder und Gefühle wieder präsent.
    1959 im Januar/Februar, ich war sechs Jahre alt (im ersten Schuljahr) ging es von Köln aus nach Wyk auf Föhr. Meine Eltern waren BEK-versichert, ich erinnere aber nicht das BEK-Haus "Schloss am Meer", sondern einen Backsteinbau. Ich war wegen häufiger Atemwegsinfekte für die "Kur" vorgesehen.
    Schon die Reise war von einem unfreundlichen Befehlston geprägt und als wir ankamen, wurde mir zuallererst mein geliebtes Kuscheltier weggenommen und erst nach sechs Wochen wieder ausgehändigt. Ich fühlte mich total allein und ausgeliefert, war ich doch noch nie von Mama und Papa getrennt gewesen.
    Das Essen war eine Katastrophe. Jeden, aber wirklich jeden Morgen gab es angebranntenHaferschleim, sechs Wochen lang !Diesen Geruch habe ich noch heute in der Nase. Abends, und zwar jeden Abend, gab es Grießbrei, auch der oft angebrannt. An ein schmackhaftes Mittagessen kann ich mich nicht erinnern. Jedenfalls habe ich eines Abends in meiner Verzweiflung den Grießbrei in den Teller erbrochen. Es wurde eine neue Kelle Brei dazugeklatscht und ich musste alles unter Heulen und Würgen aufessen, saß noch da, während die anderen Kinder längst zu Bett geschickt worden waren.
    Schläge waren das Erziehungsmittel schlechthin: Sprach man während der Mittagsruhe - Schläge, benutzte man nachts die Toilette - Schläge (wegen der lauten Wasserspülung), machte man sein Pippi in den Nachttopf, der kurioserweise unter jedem Bett stand, - Schläge. Es hieß immer nur "umdrehen" und dann gab es auf den Po.
    Postkarten wurden diktiert. Ich konnte ja noch nicht viel schreiben, aber "Hilfe" hätte ich wohl hingekriegt. Leider war das nicht möglich. Päckchen wurden zunächst konfisziert. Bonbons und Schokolade kamen in eine Schüssel und wurden an alle Kinder verteilt, so dass ich von einer Tüte vielleicht einen einzigen Bonbon bekommen habe. Die wirklich guten Stücke aber, wie z. B. Orangen, damals noch recht teuer, behielten die Tanten für sich und verzehrten sie auf unseren Märschen durch die nasskalte Witterung.
    Die Spaziergänge waren nur Drill, marschieren in Zweierreihen, bis die Schuhe durchweicht waren. Hatte man das Pech und fiel mit seinem damals üblichen Trainingsanzug aus dicker Baumwolle (innen angeraut) in den Schneematsch, musste man mit den nassen, vollgesogenen Klamotten weiter mitlaufen. Dies hatte zur Folge, dass einige Kinder so krank wurden, dass acht von ihnen nicht auf den Rücktransport konnten. Auch ich kam mit Lungenentzündung zurück. Meine Mutter (Krankenschwester) war entsetzt und beschwerte sich bei der BEK, wo das Ganze aber im Sande verlaufen ist.
    Ich besitze drei Postkarten, die uns für die Eltern mitgegeben wurden. Auf einer sind die vier "Erzieherinnen" gut gelaunt im Karnevalskostüm, auf einer bin ich mit anderen Kindern verkleidet (wir mussten immer lächeln oder lachen für den Fotografen), auf einer bin ich am Strand im Wintermäntelchen allein, ebenfalls zum Lächeln gezwungen. Und ich erinnere mich an eine "Erzieherin" namens Muschketat oder so ähnlich, die durch besondere Verstellungskunst und Falschheit auffiel, aber eine der Gemeinsten war und gerne schlug.
    Ich habe mich nie mehr wieder in meinem späteren Leben so verlassen, hilflos und ausgeliefert gefühlt wie in diesem Heim.
    Nachdem meine Lungenentzündung kuriert war, bin ich mit meiner Mutter nach Sylt gefahren, wo sich Lunge und Bronchien schnell und dauerhaft erholten.
    Meta-Informationen:
    • Verschickungsheim: (nicht sicher) Haus für BEKversicherte Kinder in Wyk auf Föhr
    • Zeitraum-Jahr: 1959
    • Meine-Empfindung: es war schrecklich dort
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