Der Verband katholische Jugendfürsorge – wichtiger Träger in der Kinderverschickung

Der Verband katholische Jugendfürsorge war während der Hauptzeit der Kinderverschickungen ein bedeutender Träger von Kindererholungsheimen in ganz Deutschland. In zahllosen dieser Heime ist Unrecht, Härte und Gewalt gegen Kinder angewandt worden. Dieses auch mit Vorsatz, denn es herrschte ein striktes Elternbesuchsverbot und eine strenge Briefzensur. Kindern wurde gedroht, nichts von dem, was sie erlebt hatten, ihren Eltern zu erzählen und Beschwerden von Eltern oder Praktikantinnen wurden mit Gegenvorwürfen geahndet. Kindern, die früher abgeholt werden wollten, wurde gedroht, dass ihre Eltern bestraft würden, wenn sie ihre Kinder früher holen müssten, Kinder, die es wagten nach Hause zu schreiben, dass es ihnen schlecht ging, sie zu wenig zu trinken bekamen, das Essen nicht schmeckte, die Tanten zu streng, sie selbst krank waren oder traurig, denen wurden die Briefe vor ihren Augen zerrissen. Angeblich, um das Heimweh zu bekämpfen. Aus demselben Grund durften die Eltern ihre Kinder nicht an den Bahnhöfen verabschieden, dies war den Eltern ausdrücklich verboten, die Begleiterinnen wurden angewiesen, den Eltern die Kinder, wenn sie weinten, wegzunehmen. Dies wurde von Heimleitern und Protagonisten der Kinderverschickung im Standardwerk für alle Gesundheitsämter, Ärzte und Heimbetreiber (Sepp Folberth, 1964, S…) empfohlen. Auch damals, in den 50er bis 80er Jahren, wurden solche Methoden von der zeitgenössischen Pädagogik an den Fachschulen für Sozialpädagogik schon abgelehnt. Bettnässen, provoziert durch herrschende nachmittägliche und nächtliche Toilettenverbote, wurde versucht mit drakonischen Strafen, Medikamenten und schmerzhaften Spritzen zu bekämpfen, die die Kinder zur Abschreckung im Ess-Saal vor aller Augen in den nackten Po eingestochen bekamen. Oft erinnern die betroffenen Kinder, die in ihren Alpträumen diese Bilder seit 50 Jahren nicht mehr aus den Köpfen bekommen, Nonnen als Tanten in den Heimen. Viele Verschickungskinder haben zu ihren Heimen recherchiert und herausgefunden, dass etliche davon sich in Trägerschaft der katholischen Jugendfürsorge befanden. So auch Reneé Morloc, eine auf internationalen Bühnen gefeierte Opernsängerin. Sie erinnert Schlimmes aus der Klinik Hochried, in Murnau am Staffelsee, wie sie in etlichen Interviews zu Protokoll gab. Mit Ihr sind etwa 30 weitere Betroffene in einer Heimortgruppe der „Initiative Verschickungskinder e.V.“ organisiert, die sich für die Aufarbeitung und Anerkennung ihrer Leiden einsetzen.

Das Haus ist auch heute noch eine Kinder-Reha-Einrichtung, auf der dortigen Webseite gibt es gar keinen Geschichtsrückblick. Damals wurden die Kinder von „Tanten“ mit Peitschen begrüßt, die sie zur Warnung auf den Boden knallten, und es wurden allen Kindern die Kuscheltiere weggenommen und die Haare geschoren. Reneé Morloc wurde, weil sie Durst litt und aus der Kloschüssel Wasser trank, jeden Nachmittag in einem Besenschrank eingesperrt, dazu wurde sie täglich verprügelt. Bis heute will aber der Leiter des damaligen Hauses, auch heute noch in Trägerschaft der KJF, nichts von ihren Erinnerungen hören und sehen. Ein Erinnerungs-Besuch in ihrem Heim wird ihr und anderen Betroffenen seit Jahren verweigert. Journalisten verweigert er ebenso den Zutritt, und ähnlich reagieren auch andere Häuser in Trägerschaft der KJF.

Die katholische Jugendfürsorge (KJF) hat sich bisher zu diesem Thema nicht öffentlich geäußert und auch an keinem Aufarbeitungsprozess beteiligt. Man erfährt nichts von den Qualen, die Kinder in Kindererholungsheimen der katholischen Jugendfürsorge erlitten haben, im Geschichtsrückblick der KJF-Webseite. Dafür ist dort viel von „Not lindern“ die Rede, und davon, dass die katholische Jugendfürsorge immer habe helfen wollen. Nicht mit einem Wort wird über etwaige Missstände, Härte und wenig kindgerechte Bedingungen in den Einrichtungen der Kinderverschickung gesprochen. Keine einzige der zahllosen erschütternden Berichte von Betroffenen findet Eingang und Gehör auf die heutige Webseite des damaligen Trägers. Die institutionell bedingten gewaltfördernden Bedingungen in den abgeschlossenen Einrichtungen werden weder erwähnt noch problematisiert. Die gewaltfördernden Lebens-Bedingungen der Nonnen, die diese erlittene Gewalt oft in brutalsten Formen an die Kinder weitergaben, werden nicht in Frage gestellt, keine Selbstkritik, kein kritischer Zeitrückblick, nichts, kein Wort, stattdessen wird das seit 50 Jahren übliche Narrativ vom aufopferungsvollen sozialen Auftrag wiedergekäut und das soziale Engagement des Verbandes ganz groß herausgestellt.

Wir können diesen hehren Worten nicht glauben, wenn gleichzeitig durch Verschweigen so getan wird, als hätte es, weder in der Heimerziehung, noch in der Kinderverschickung jemals auch nur den Anflug von Gewalt gegen Kinder gegeben. Schreibt an die KJF, beschwert euch, verschafft euch Gehör! Verlangt, dass ihr in einem kritischen Geschichtsrückblick entsprechendes Gehör findet!

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