Ursachen von Leid in Verschickungsheimen
Ursachen des Leids in Verschickungsheimen
(historisch seit Ende des 19. Jahrhunderts, kinderpflegerische Einrichtung in der Medizin, genannt: Kinderheim, Kindererholungsheim, Kinderheilstätte, Kinderkurheim, Kinderkurheilstätte, Kindersanatorium, Seehospiz)
Verschickungen waren als System nicht kindgerecht
Verschickungen sind auch ohne Gewalt ein nicht kindgerechtes System gewesen. Es handelt sich bei der Hauptbetroffenengruppe um zwei bis fünfjährige Kleinkinder, die allein, ohne ihre Eltern oder enge Bezugspersonen, in Sonderzügen mit 800 Kindern, viele Stunden alleine, in weit entfernte Heime, sechs Wochen – oft verlängert auf drei Monate, dies wurde besonders für jüngere (!) Kinder empfohlen – auf Alleinreise in anonymen Gruppen geschickt wurden, in oft riesige, unüberschaubare Häuser mit 50 -200 Betten, oft mit wenig Personal, ohne Telefonkontakt, bei Elternbesuchsverbot und Briefzensur. So etwas würde man heute einem Kleinkind nicht mal ein oder zwei Tage zumuten. Selbst Schulkinder zwischen 6 und 11 Jahren würde man allerhöchstens in vertrauter Gruppe mit vertrauter Lehrerin, für paar Tage ins Schullandheim verreisen lassen. Weil sich der öffentliche Diskurs die Erkenntnisse aus der weltweiten Bindungs – Forschung inzwischen zu eigen gemacht hat. Es ist also bereits das ganze System der damaligen Alleinverschickung für Kinder schädlich gewesen. Deutschland hinkte hier der angloamerikanischen Bindungsforschung hinterher, transgenerationale Weitergabe hat sicher eine Rolle gespielt, im Bereich Medizin und Pflege hatten sich offenbar extrem altertümliche Vorstellungen vom Kindesumgang gehalten, wie sie zur selben Zeit weder in der Pädagogik noch in der Psychologie propagiert wurden.
Gewalt in Verschickungsheimen
Seelische und körperliche Gewalt wird von zahllosen Betroffenen aus den Verschickungsheimen, zusätzlich zu Angst und Trauer über die Bezugspersonentrennung erinnert, und zwar so zahlreich und aus so vielen Heimen, dass es sich offenbar also nicht mehr um Einzelfälle gehandelt haben konnte, es musste also ein institutionelles Problem sein. Bisher sprechen weit über 15.000 der bisher über unsere Webseite gesammelten Daten (Fragebögen, Freitexte darin, Zuschriften, Menschen bei Zeugnis Ablegen, Betroffene bei Facebook und im Forum der „Initiative Verschickungskinder“) von in Verschickungsheimen erlittener seelischer und körperlicher Gewalt, sowie traumatischen, angstbesetzten Erlebnissen. Das ist ein so großer Datenschatz, dass man keinesfalls mehr von Einzelfällen sprechen kann. Es ist der bisher größte Datenschatz, der zu dem Thema bisher gesammelt wurde. Er ist dem AEKV e.V. von Betroffenen anvertraut worden und wird im nexus-Institut wissenschaftlich betreut und aufbewahrt.
Es handelt sich bei der Gewalt in Verschickungsheimen nicht um ein Zufallsgeschehen, sondern um ein historisches Phänomen von gesellschaftspolitischer Bedeutung, das gründlich analysiert werden muss. Diese Gewalt wurde vom Personal ausgeübt. Sie wurde durch eine Vielzahl von verschiedenen Faktoren innerhalb dieser Institutionen, die schon eh nicht kindgerecht waren, hervorgerufen und aufrecht erhalten. Dies hat sich zwischen 1950 und 1990 in Kindererholungsheimen und Kinderheilstätten auch noch da zugetragen, als die allgemeine und Kinderpädagogik, die schon deutlich weiter und humaner gestimmt war. Der Umgang mit Kindern in diesen Einrichtungfen war auch in dieser Zeit nicht mehr zeitgemäß, sie wurde auch von damals erwachsenen Zeitzeugen als unzeitgemäß bewertet.
Mögliche Ursachen für diese Gewalt / Stand 2021, nach Anja Röhl: Das Elend der Verschickungskinder (2021):
- Biografischer Zugang: Die Ursachenforschung speziell nach der Gewalt, nimmt nach Röhl, 21,1, zunächst als Ausgangspunkt die Tanten und ärztlichen Leiter, die die Gewalt in der Zeit des Verschickungsbooms ( 1950-1980) direkt ausgeübt haben. Die in dieser Zeit dort arbeitenden Mitarbeitenden erfuhren ihre biografische und berufliche persönliche geistige und emotionale Prägung in der NS-Zeit.
- Strafende, „Schwarze Pädagogik“ von Ärzten: Die Gewalt in der Erziehung, insbesondere die in der Erholungs- und Heilfürsorge hat ihre Wurzeln schon im 18. Jahrhundert, bei Jean Jaques Rousseau, und wurde im 19. Jahrhundert durch den Orthopäden Dr. Daniel Schreber in millionenstarken Erziehungsratgebern über ganz Deutschland verbreitet. Eine Reihe von Ärzten hat seitdem, bis heute, in ärztlichen Erziehungsratgebern, eine extrem harte und strafende, „schwarze Pädagogik“ in Büchern mit Millionenauflage propagiert, und in den Kindererholungsheimen wurde dies ganz besonders gepflegt. Strafende Pädagogik wurde schon in den 20/30er Jahren in den ersten historischen Ratgebern zur Verschickung angeraten. Sie zeigt sich ungebrochen, auch zur Hochzeit der Verschickung noch 1964, im Buch des Sepp Folberth von Dr. Hans Kleinschmidt, einem Euthanasiearzt, in einem Ratgeber für Gesundheitsämter, Verschickungsheime, Ärzte und Mitarbeitenden in der Verschickung, sehr krass in einer 18-Punkte-Strafenliste, die dieser als mildernde Mahnung formuliert.
- Autoritäres, militaristisches Menschenbild: Daneben gibt es weitere Ursachenstränge für die dort vorkommende institutionelle Gewalt, diese gehen bis zur Antike zurück. Das autoritäre Menschenbild vom Kind gibt es als Religionsdoktrin, Militarismus-Doktrin, es wird in zahllosen dogmatischen Ideologien von autoritären Regimes auch heute noch propagiert. Hier wurde es mittels Transmission vom wilhelminischen über das dritte Reich bis in unsere Wirtschaftswunderzeit übernommen. Dies geschah scheinbar unbemerkt.
- Theorie der Totale Institution: Auch in anderen Institutionen und in anderen Ländern ist vielfach institutionelle Brutalität gegen Kinder vorgekommen. Inwiefern das Phänomen der deutschen Kinderverschickungen, wie es im 19. Jahrhundert begann und in der Weimarer Republik ausgebaut wurde, in den 60er Jahren eine neue Blüte erlebte, ein typisch deutsches Phänomen ist, muss noch erforscht werden. Sämtliche von Ervin Goffmann aufgestellten Kriterien sind nach Röhl, bestätigt durch Schmuhl in den Verschickungsheimen erfüllt worden, die Einrichtungen waren demnach Brutstätten von Gewalt gegen ihre Insassen.
- Finanzielle und wissenschaftsliche Interessen: Als mögliche Ursachen für die Brutalität des Kindesumgangs in den Verschickungsinstitutionen kommen viele Phänomene infrage, je intensiver man diese beforscht, desto mehr könnte man für die Zukunft ermitteln, welche Kriterien erneut zu ähnlichen Phänomen führen könnten und diese auszuschließen versuchen. Hierbei sind finanzielle Interessen ebenso zu untersuchen, wie wissenschaftliche. Nach 1965 führte das Nachlassen der Verschickung von Kindern zu einer Erhöhung des finanziellen Drucks auf die Institutionen, mit nachfolgenden schweren Einsparungen zu Lasten der Kinder (schlechteres Essen, starker Druck, was den Kurerfolg-Gewichtsaspekt betrifft, Verstärkung baulicher und personeller Mängel durch Einsparungen…)
Erste Ansätze dazu im Buch: Das Elend der Verschickungskinder, 2021, ab S.203, dort werden neun verschiedene Ursachenstränge zur Diskussion gestellt. Eine sehr gute Zusammenfassung der Geschichte auch hier, in der NRW-Studie des Marc von Miquel, sowie im Buch des Hans Walter Schmuhl (im Auftrag der DAK). Weitere Studien werden grade in Berlin, Hamburg, Kiel, Koblenz erarbeitet.
