Leitlinien

Die Gruppe „Bundeskoordination“ hat aus der Sylter Erklärung am 5.3.20 folgende übersichtliche Leitlinien für Orts- und Landesgruppen entwickelt, diese Leitlinien bitten wir, als Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit zu übernehmen:

Leitlinien der „Initiative Verschickungskinder

  1. Wir Verschickungskinder wollen einen gesellschaftlichen Diskurs über das massenhafte Leid, das uns Kindern in den Kinderkureinrichtungen widerfahren ist, führen. Voraussetzung für die Anerkennung unseres Leids ist die Aufarbeitung und sorgfältige Erforschung der Geschehnisse in den Heimen, der Anzahl der betroffenen Kinder und der gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen.
  1. Alle Betroffenen sollen erfahren können, dass ihre erinnerten Erlebnisse Realität waren, dass ihnen Unrecht widerfahren ist und dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind.
  1. Bundesregierung, Landesregierungen und die Träger der Kinderkurheime sollen sich zu ihrer Verantwortung für das Elend der Verschickungskinder bekennen und dazu aktive Schritte der Unterstützung unternehmen. Wir erwarten, dass sie ihre Archive für die Bürger*innenrecherche zur Verfügung stellen und alle Menschen, die das Schicksal der Verschickungskinder aufarbeiten wollen, bei der Nutzung der Archive und weiteren Forschung logistisch unterstützen.
  1. Wir widmen uns dem Aufbau einer selbstverwalteten Anlaufstelle für Betroffene im Bund (Berlin) und in den Ländern, in denen Betroffene schon Selbsthilfegruppen gegründet haben.

Die Anlaufstellen koordinieren die Vernetzung der Betroffenen und geben Orientierung bei persönlichem Hilfebedarf. Sie haben die Aufgabe, Orts- und Regionalgruppen zu initiieren und durch fachliche Begleitung in Recherche und Aufarbeitung zu unterstützen.

  1. Die Erforschung der Kinderkuren soll partizipativ als „citizen science“ / bürger*innenorientierte Forschung erfolgen. 

Wir, die Betroffenen, bestimmen die Zielsetzungen und Fragestellungen der Forschung. Durch unsere eigene Recherche sowie durch unsere Erlebnisberichte sind wir als Subjekte Teil der Forschung und werden nicht zu Objekten, nicht zum Forschungsgegenstand. Folgerichtig bevorzugen wir wissenschaftliche Forschung durch Menschen mit Doppelexpertise (Verschickungskind und einschlägige Forschungserfahrung). 

  1. Betroffene mit Doppelexpertise haben den Verein „Aufarbeitung und Erforschung von Kinder-Verschickungen“ gegründet, der als Basis für die Organisation einer betroffenenorientierten, partizipativen Forschung dient, sich um Forschungsgelder bemüht und von uns als Teil der Initiative Verschickungskinder begriffen wird.
  1. Bund, Länder und ehemalige Trägerinstitutionen sollen Finanzmittel zur Verfügung stellen. Aus diesen Mitteln sollen finanziert werden:
  • Selbstverwaltete Anlaufstellen zur Beratung und Vernetzung Betroffener in Bund und Ländern
  • Partizipativ ausgerichtete Forschungsprojekte, die zahlreichen Erlebnisberichte auswertet und vor Ort Gruppen von Betroffenen bei ihren eigenen Recherchen begleitet.

Die Aufsicht über die Mittelverwendung soll durch einen Beirat aus Betroffenen und Vertretungen von Bund, Ländern und Trägern erfolgen, in dem die Betroffenen die Mehrheit haben.

Wir, die ehemaligen Verschickungskinder, sind überzeugt davon, dass die Aufarbeitung der Misshandlungen und des Elends der Verschickungskinder dazu beitragen kann, auch für die Zukunft die Wachsamkeit gegenüber institutioneller Gewalt zu erhöhen und Kindern sowie andere schutzbedürftigen Personen stärker in den Blick zu nehmen.

Diese Leitlinien bilden bis zum nächsten Jahrestreffen Grundlage unserer Arbeit. Sie erweitern die Sylter Erklärung um die Landesbüros. Diese Forderungen sind in manchen Ländern, wo die Gruppen schnell wachsen, notwendig geworden. Danke für die Beachtung!

Eure Bundeskoordinatoren: Anja, Valerie, Christiane

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Rainer Eder
Rainer Eder
4 Monate zuvor

Hallo, heute ist in unserer Tagezeitung, Nassauische Neue Presse ein großer Artikel über Verschickungskinder. Selbst war ich als 8-jährige 1964 für 6 Wochen auf Sylt und habe nur gute Erinnerungen daran. Allerdings hat mein Mann Rainer sehr schlechte Erfahrungen im Schwarzwald, Schluchsee 1962 gemacht. Er hat bisher nie darüber gesprochen nur die Tatsache, dass er keine Milchprodukte isst. Dies führt er darauf zurück, dass er in der Erholung ein Glas Milch über 4 Tage austrinken musste. Mit Zwang und Prügelstrafe. Immer das gleiche Glas mit dicker Hautschicht. Seine eingeschränkten Essgewohnheiten machen mir beim Kochen immer Probleme. Nichts mit weißer Soße-… Weiterlesen »

Ilona Pourié
Ilona Pourié
4 Monate zuvor

Ich bin sehr froh, dass diese alten schrecklichen Erinnerungen endlich aufgearbeitet werden sollen. Ich war Ende der 60er Jahre im Schwarzwald in Altglashütten und habe Ähnliches erlebt wie einige Leserbrief Schreiber berichten. Erbrochenes essen, nachts nicht zur Toilette usw.
Bitte um jegliche Informationen zu diesem Thema, ich würde gerne mit daran arbeiten, alles aufzuklären und offen zu legen. Leider wird es wohl heute keine „Schuldigen“ mehr geben.
Ilona Pourié
59067 Hamm

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