Finstere Pädagogik

Die traumatischen Erinnerungen an Vorkommnisse der Gewalt gegen allein verschickte Kleinkinder in Kindererholungs- und Kurheimen während der 50-90er Jahre sind keine Einzelfälle, sondern sind in allen Regionen und zahllosen Kurorten vorgekommen.

Der Initiative Verschickungskinder liegen inzwischen über 1600 diesbezügliche Berichte aus allen Bundesländern mit Kinderheilstätten in Kurorten vor. In den Berichten finden sich zahllose detaillierte Beschreibungen von Gewalt, die sich auf ganz normale kindliche Bedürfnisse beziehen, wie das Bedürfnis nach Essen, Ausscheidung, Zuwendung und Beschäftigung.

Im damaligen „Standardwerk über Kinderheime und Kinderheilstätten“ von Sepp Folberth, finden sich zahllose Wildereien in der Pädagogik, zb. Empfehlungen, für „abartige Kinder“ ,

Der Autor empfiehlt ausdrücklich: Keine Verabschiedungen der Eltern von ihren Kindern zu ermöglichen, und keine Besuche, angeblich um Heimweh zu vermeiden. Er plädiert für ein striktes Besuchsverbot für Eltern, selbst bei Säuglingen, das man auf keinen Fall lockern dürfte, nicht mal im Falle einer akuten Erkrankung. Diese sollte man den Eltern erst mitteilen, wenn sie schon wieder vorüber sei. Dazu wird empfohlen, nie unter 6 Wochen zu verschicken, bei Säuglingen sogar längere Kuren, bis zu 16 Wochen, auch wird eine strikte Briefzensur gefordert und gerechtfertigt.

Desweiteren haben wir unter der Überschrift „Strafen“ die folgenden 16 verschiedenen Strafen gefunden, die der Kinderarzt Dr. med. Sepp Folberth den pädagogischen Mitarbeiter*innen der Kinderheilstätten empfiehlt

  1. „Kalt“ strafen, nicht im Affekt
  2. Strafe soll sich nach der Psyche des Kindes richten, diese treffen
  3. Entzug von Beachtung, Ansprache, Zuwendung
  4. Entzug liebgewonnener Spielsachen
  5. Isolierung
  6. Strafsitzen allein am Tisch
  7. Wasser und Brot statt Mahlzeit
  8. Entzug wohlschmeckenden Nachtischs
  9. Ausschluss von Spielen, Ausflügen, Schwimmen
  10. Eckenstehen.
  11. Verschmutzte Sachen selbst auswaschen lassen
  12. Bei Petzen beide strafen, vor der ganzen Gruppe dem Spott und der Verachtung der Gruppe aussetzen
  13. Gruppenstrafen: Kein Vorlesen (Ausflug etc.) für die ganze Gruppe
  14. Schild um den Hals mit dem Vergehen: zB: Vorsicht, ich beiße!
  15. Gerichtsverhandlung, durch Kamerad*innen aburteilen lassen
  16. Die anderen Kinder gegen eines aufhetzen, so dass der Betreffende aus allen Zimmern geworfen wird und kein Bett zum Schlafen findet, danach in einem Isolierzimmer allein schlafen lassen.

Warnungen gibt es auch. Nicht empfohlen werden von ihm folgende „Strafen“: Hungern und dursten lassen, in den Keller sperren, ins Gesicht schlagen („es gibt bessere Stellen“) Strafliegen.

Diese Warnungen halfen leider nicht, denn aus unseren Berichten wissen wir vom Vorkommen all dieser Strafen und auch denen, vor denen er warnt, es gab: Strenge Gesichter, Meckern, Anschreien, Wegnehmen von Spielzeug, Kleidung, Geld, am Tisch allein sitzen, bis aufgegessen wurde, vor die Tür stellen oder sitzen, statt schlafen, ekelerregendes Essen, Einfütterung von Erbrochenem, Ausschluss von Sachen, Büchern, schönen Unternehmungen, es mussten von 4-jährigen Kindern die aufgrund von Toilettenverboten, eingenässten und eingekoteten Sachen selbst ausgewaschen werden, es gab Gruppenlächerlichmachung, -auslieferung, Gruppenstrafen, im Fall vom Waldhaus in Salzdetfurth führte solcherart Praxis 1969 zum Totprügeln eines 3-jährigen Kindes durch einen 6-jährigen, es gab Schlafen zur Strafe im Waschraum, in der Abstellkammer, im Isolierzimmer, manche Kinder mussten einen neuen Namen annehmen, und/oder wurden nur mit einer Nummer angesprochen, es gab Kleidungsentzug, Anstaltskleidung, gab das Einsperren im Keller, es gab die Androhung im Keller im Ofen verbrannt zu werden, es gab Hunger wegen verdorbenem Essen, es gab Durst, so dass die Kinder heimlich Wasser aus der Kloschüssel tranken, es gab Spritzen, Tabletten, und schmerzhaftes Einführen der Fieberthermometer, es gab Schlagen, Prügeln, mit Hand und Holzprügeln, auf Gesicht, Körper und Po, es gab Haare scheren, kalt abspritzen, grob im Intimbereich waschen…das alles wird in den uns zugekommenen Berichten nicht einmal, sondern mehrmals und in immer anderen Variationen beschrieben.

Interessant ist dabei auch, für welche „Vergehen“ diese Strafen vorgesehen waren. Der Kinderarzt Folberth benennt sie nicht, er überlässt es der Selbsteinschätzung. In unseren Berichten finden sich dazu die folgenden:

  1. Heimweh
  2. Mit anderen Kindern reden, „schwatzen“
  3. Weinen
  4. Lachen
  5. Erbrechen
  6. Ausscheidungsvorgänge nicht vorschriftsmäßig: Einnässen, bei nachmittäglichem und nächtlichem Toilettengeh – Verbot, plus Einkoten, verstecken der dreckigen Sachen aus Angst
  7. Essen nicht vorschriftsmäßig: Ekel, Erbrechen beim Essen
  8. Verschmutzen oder verlieren von Kleidung
  9. Bei Ausflug verloren gehen
  10. Sich selbst oder Sachen verstecken
  11. Gewichtsabnahme
  12. Krank werden (Krankheit wird als Teufel bezeichnet)

Die Vergehen sind ganz normale Bedürfnisse von Kleinkindern, die allein durch die Bedingungen, wie Toilettenverbote zb nicht befriedigt werden können, sowie Reaktionen auf Trennung von den Bezugspersonen. Es ist ein Skandal, dass bisher unbemerkt von der Öffentlichkeit, in einem Teilgebiet der Kinderheilkunde, nämlich der Kinderkurerholung, heute Kinderrehabilitation, eine solche finstere Pädagogik noch 1964 offen propagiert und nach unseren Berichten bis in die 90er Jahre hinein betrieben wurde.

Die Gesundheitsverbände, die Träger von Kinderreha-Einrichtungen und die Politik müssen nun endlich reagieren! Aufarbeitung und gründliche Erforschung tut not, Akten müssen zugänglich gemacht werden! Betroffene müssen angehört werden, ihr Leid muss anerkannt werden.

Es freut die Initiative, dass erste Schritte passieren: Stuttgart hat, nach Niedersachsen und Schleswig-Holstein beschlossen, politisch etwas für die Verschickungskinder zu tun, man hat Unterstützung bei der Aufarbeitung der Zustände in den Kindererholungsheimen, -heil- und -kurstätten der 50-90er Jahre zugesagt, und den Betroffenen Unterstützung versprochen.

Die „Initiative Verschickungskinder“ hat mittels eines Forschungsvereins: Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung, bereits gehandelt, so hat sie einen wissenschaftlichen Kongress ausgerichtet , eine wissenschaftliche Erhebung in einem anerkannten Forschungsinstitut begonnen und einen Forschungsantrag zur Unterstützung von Bürgerforschung und Selbsthilfe (Citizens sciences) eingereicht. Warum Bürgerforschung? Weil wir selber die Akteneinsicht bekommen wollen!

Wir wünschen uns eine Unterstützung unseres bereits eingereichten Antrags auf Bürgerforschung, zB mittels Kofinanzierung.

Bitte beachten:

Die Fußnoten sind hier noch nicht vollständig eingepflegt, passiert in den nächsten Tagen

Anja Röhl
www.verschickungsheime.de
info@verschickungsheime.de

Fachartikel von Anja Röhl, Sonderpädagogin

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Hartmann Hannelore
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Hartmann Hannelore

Ich bin Jahrgang 1949, wurde 1953 zuerst für ein halbes Jahr, dann verlängert auf 1 Jahr in die Kinderklinik Scheidegg verschickt. Ich sollte an Gewicht zulegen. Lt. meiner Eltern war ich ein fröhliches, offenes Kind, unterhielt den ganzen Zug auf der Fahrt von Würzburg nach Scheidegg. Ich erinnere mich an Ordensschwestern, die mir die Zehnägel so ausschnitten, bis sie blluteten (habe heute daher Verwachsungen). An Schickanen. Ich hatte vor jeder Mahlzeit Angst, weil jede Mahlzeit unter Druck ablief. Ich erinnere mich, daß ich an manchen Tagen mit einer Schwester ins Bad eingeschlossen wurde, die mir das Essen “eintrichtern” mußte, oft… Weiterlesen »