Demütigungen und Gewalt in Kindererholungsheimen und -heilstätten waren keine Einzelfälle

Die „Initiative Verschickungskinder“ hat inzwischen ihre Aktivitäten zur Aufarbeitung und Erforschung der Kinderkurverschickung in den 50er bis 70er Jahren aufgenommen. So wurden ein Forschungsverein gegründet und mit der wissenschaftlichen Erhebung durch ein anerkanntes Forschungsinstitut begonnen. Es wurden ein wissenschaftlicher Kongress ausgerichtet, und ein Forschungsantrag zur Unterstützung von Bürgerforschung und Selbsthilfe (Citizens sciences) eingereicht.

Aufgrund der anfänglichen Recherchen und Berichte von über 1600 Betroffen kann bereits jetzt bestätigt werden, dass die geschilderten traumatischen Vorkommnisse in den Kindererholungs- und Kurheimen während der 50-90er Jahre keine Einzelfälle waren. Flächendeckend wurden aus zahlreichen Kurorten verschiedenste Vorfälle von körperlicher und psychischer Gewaltanwendung detailliert geschildert.
Grundlage der damalige Erziehungspraxis bilden u.a. die im damaligen Standardwerk von Dr.med. Sepp Folberth „Kinderheime Kinderheilstätten“ abgedruckten und von Prof. H. Kleinschmidt (NS-Arzt), Cghefarzt der Kinderheilstätte Bad Dürrheim, in einem Grundsatzartikel “Über die Durchführung von Kindererholungs- und Heilkuren” empfohlenen Ratschläge an das Betreuungspersonal. Zum Umgang mit bestimmten Vorkommnissen und Verhaltensweisen der Kinder, wie z.B. mit der „Heimwehkrankheit“ und „Straftaten“ der Kinder werden dort fragwürdige “Tipps” gegeben. Kindliche Verhaltensweisen wie z.B. das Sprechen während der Mahlzeiten oder nächtlicher Toilettengang, wurden mit Verboten belegt, deren Verstoß als „Straftat“ geahndet wurde. Allein durch die Begrifflichkeit wurden Verstöße gegen den Verhaltenskodex in den Kurheimen ungerechtfertigterweise kriminalisiert und schienen die Rechtfertigung für eine Bestrafung zu sein. Ein von H. Kleinschmidt auf S. 72ff (in Folberth, Sepp, 1964) aufgestellter Strafenkatalog empfiehlt körperliche und psychische Misshandlungen und Demütigungen, die traumatisch und prägend für die Identitätsentwicklung sind.

Diese Empfehlungen decken sich mit den Erfahrungsberichten ehemaliger Verschickungskinder. Die Gesundheitsverbände, die Träger von Kinderreha-Einrichtungen und die Politik sind gefordert, die Aufarbeitung, Erforschung und Anerkennung des Leids der Betroffenen durch Herausgabe der Akten zu unterstützen und zu begleiten.
Erste Erfolge wurden bereits erzielt: Die Länder Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben eine Unterstützung bei der Aufarbeitung der Zustände in den Kindererholungsheimen, -heil- und -kurstätten der 50-90er Jahre zugesagt und den Betroffenen Unterstützung versprochen. Die Sozialministerien Bawü, SH und NI sprachen sich im Februar 2020 dafür aus, das Thema in die nächste Bundesministerkonferenz einzubringen, bundesweite Lösungen müssen gefunden werden.

Die bundesweite „AG Kinder- und Jugendpolitik“, bestehend aus den zuständigen Abteilungen der Sozialministerien aller Bundesländer wollte das Thema mit dem Ziel einer länderübergreifenden Zusammenarbeit in ihrer Sitzung am 13.02.2020 erörtern. Durch die Corona-Krise ist die jetzt verschoben worden.

Für weitere Informationen und Rückfragen wenden Sie sich bitte an Anja Röhl / 0176-24324947
Initiative Verschickungskinder / www.verschickungsheime.de info@verschickungsheime.de

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Melanie
Melanie
4 Monate zuvor

Hallo liebe Anja, gibt es eine Möglichkeit dieses damalige “Standardwerk” von Sepp Folberth irgendwie zugänglich zu machen oder zumindest die zitierten Auszüge der Pressemitteilung? Online ist es leider nicht zu finden bzw zu beziehen.

Liebe Grüße und Danke für dein unermütliches Engagement

Melanie

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