Porträtausstellung: Jo Wilhelms Fotos bewegen die Menschen
Foto: Detlef Sundermann
Der Hanauer Anzeiger (Offenbach-Post) hat eine Veranstaltung in Ronneberg durch den Journalisten Detlef Sundermann begleiten lassen, in der der Fotokünstler Jo Wilhelm Arts sein Fotoprojekt über Verschickungskinder in einer Ausstellung vorgestellt hat. Einlader war der Heimat- und Geschichtsverein Ronneburg. Ein Artikel legt jetzt Zeugnis ab über das große Zuhörerinteresse:
Ein betroffener älterer Mann wird in dem Artikel vorgestellt, wie er mit bewegter Stimme Folgendes erzählt:
….„So haben wir das Toilettenpapier bekommen“, sagt E. und hält zur Verdeutlichung diese Menge an Toilettenpapier in die Luft. Er und ein anderer Günter freundeten sich auf der Fahrt in das Heim an, hielten deshalb und verbotenerweise Zeitungspapier zurück, um dieses für die Notdurft zu nutzen…. Anfangs habe ich mich auf das Heim in Weilmünster gefreut, um Zeit für Urlaub und zum Spielen zu haben“, sagt er. Mit Zorn in der Stimme erzählt er vom angeordneten Mittagsschlaf in dem Saal. Bei jedem Laut sei eine der Betreuerinnen drohend erschienen. Das Erholungsheim war Jahre zuvor eine Anstalt für psychisch kranke Menschen, fand er später heraus. Dortige Patienten seien mutmaßlich im Nationalsozialismus ermordet worden, wenn nicht selbst in Weilmünster, dann in Hadamar. Erst 1963 habe der Wohlfahrtsverband die Einrichtung zu einem Kinderheim umgebaut. „Das Essen war katastrophal“, berichtet er. Fisch habe er nicht essen können, und wenn es welchen gab, musste E. „solange am Tisch sitzen bleiben, bis der Teller leer war“. Wer sich ob des Ekels erbrach – das wieder hochgewürgte landete zumeist auf dem Teller – wurde von den sogenannten Tanten gezwungen, es ebenfalls zu essen. Herumtoben und Spiele machen blieb lediglich ein Wunsch. „Wir mussten arbeiten. Man wurde dem Bettdienst zugeteilt“, sagt er. Matratzen und Bettwäsche hätten wegen der vielen Bettnässer jeden Morgen gestunken. Nachts auf die Toilette gehen, sei von der Aufsicht nicht zugelassen worden. Zu Hause habe er sich über die schlimmsten Wochen seines Lebens vor den Eltern ausgesprochen. „Stell dich nicht so o‘“. und: „Freu dich, du hast doch Urlaub gehabt“, bekam er zu hören. „Ich habe mich danach nie wieder nach Erholung gesehnt“, bemerkt E..
Der Offenbacher Fotokünstler Jo Wilhelm Arts ist auch selbst betroffen. Ihm erging es 1963 nicht besser. Er hat aus seinen sechs Wochen etwas produktives gemacht, eine Bundesweite Wanderausstellung mit Porträts und Lebensgeschichten von verschickungskindern. „Lange Zeit habe ich die Geschehnisse weit weggeschoben“, sagt er. Seine Eltern hätten seine Schilderung als Heimwehschmerz und Träume abgetan. Er und sein Werk sind immer wieder zu sehen auf unseren Bundeskongressen!
