Verschickungskinder legen Zeugnis ab

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Verschickungskinder legen hier ZEUGNIS ab

Hier haben sehr viele Menschen, seit August 2019, ÖFFENTLICH schmerzhafte Erfahrung mit der Verschickung in Kindererholungsheime, Kinderkurheime und Kinderheilstätten eingetragen, die in der Regel 6 Wochen Alleinunterbringung in einem weit entfernten Kurort zur Luftveränderung bedeuteten. Bitte geht vorsichtig mit diesen Geschichten um, denn es sind die Schicksale von Menschen, die lange überlegt haben, bevor sie sich ihre Erinnerungen von der Seele geschrieben haben. Lange haben sie gedacht, sie sind mit ihren Erinnerungen allein. Der Sinn dieser Belegsammlung ist, dass andere ohne viel Aufwand sehen können, wie viel Geschichte hier bisher zurückgehalten wurde. Wenn du deinen Teil dazu beitragen möchtest, kannst du es hier unten, in unserem Gästebuch tun, wir danken dir dafür! Eure Geschichten sind Teil einer Selbsthilfe von ehemaligen Verschickungskindern, die die Verschickungen in diese Kureinrichtungen schmerzhaft, angstvoll und gewalttätig erlebt haben. Die Erinnerungen anderer helfen uns, unsere eigenen Erlebnisse zu verarbeiten. Sie helfen außerdem, dass man uns unser Leid glaubt. Auch positive Erinnerungen können geschildert werden, es ist wichtig zu wissen, was den Kindern und wer ihnen mglw. geholfen hat. Auch diejenigen, die im Gebiet der „neuen Bundesländer“ (einschließlich DDR-Zeit) in die bisher 130 Kinderkurheime (Liste bisher noch unvollständig) verbracht worden sind, haben die Möglichkeit hier Zeugnis abzulegen.
Alle Geschichten dienen der Dokumentation, als Belegsammlung. Sie sind damit Anfang und Teil eines öffentlich zugänglichen digitalen Dokumentationszentrums. Darüber hinaus können Einzelne, die sehr viele Materialien haben, ihre Bericht öffentlich, mit allen Dokumenten, Briefen und dem Heimortbild versehen, zusammen mit der Redaktion als Beitrag erarbeiten und auf der Bundes-Webseite einstellen. Meldet euch unter: info@verschickungsheime.de, wenn ihr viele Dokumente habt und solch eine Seite hier bei uns erstellen wollt. Hier ein Beispiel

Diejenigen, die uns kontaktieren und Teil unseres Selbsthilfe-Netzwerks werden wollen: Wir organisieren uns in HEIMORTGRUPPEN zum Erinnerungsaustausch, und sind dann den Bundesländern zugeordnet. Gern könnt ihr mit anderne Heimortgruppen aufmachen oder in eine schon bstehende eintreten. Wir schaffen nicht mehr, auf jeden von euch proaktiv selbst zuzugehen, deshalb hier die folgenden Möglichkeiten:

  1. Auf der Überblickskarte nachschauen, ob eurer Heim schon Ansprechpartner hat, wenn nicht, meldet euch bei vorstandsmitglied-fuer-vernetzung@verschickungsheime.de, und werdet vielleicht selbst Ansprechpartner eures eigenen Heimes, so findet ihr am schnellsten andere aus eurem Heim.
  2. Mit der Bundeskoordination Kontakt aufnehmen, um gezielt einem anderen Betroffenen bei ZEUGNIS ABLEGEN einen Brief per Mail zu schicken, der nicht öffentlich sichtbar sein soll, unter: Buko-orga-st@verschickungsheime.de
  3. Ins Forum gehen, dort auch euren Bericht reinstellen und dort mit anderen selbst Kontakt aufnehmen

Beachtet auch diese PETITION. Wenn sie euch gefällt, leitet sie weiter, danke!

Gern könnt ihr auch unseren Newsletter bestellen.

Für alle, die uns hier etwas aus ihrer Verschickungsgeschichte aufschreiben, fühlen wir uns verantwortlich, gleichzeitig sehen wir eure Erinnerungen als ein Geschenk an uns an, das uns verpflichtet, dafür zu kämpfen, dass das Unrecht, was uns als Kindern passiert ist, restlos aufgeklärt wird, den Hintergründen nachgegangen wird und Politik und Trägerlandschaft auch ihre Verantwortung erkennen.

Die auf dieser Seite öffentlich eingestellten Erinnerungs-Berichte wurden ausdrücklich der Webseite der „Initiative Verschickungskinder“ (www.verschickungsheime.de) als ZEUGNISSE freigeben und nur für diese Seiten autorisiert. Wer daraus ohne Quellenangabe und Genehmigung der Initiative Verschickungskinder e.V. oder des AEKV e.V. zitiert, verstößt gegen das Urheberrecht. Namen dürfen, auch nach der Genehmigung, nur initialisiert genannt werden. Genehmigung unter: aekv@verschickungsheime.de erfragen

Spenden für die „Initiative Verschickungskinder“ über den wissenschaftlichen Begleitverein:
Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung / AEKV e.V.:    
IBAN:   DE704306 0967 1042 0498 00  
Postanschrift: AEKV e.V. bei Röhl, Kiehlufer 43, 12059 Berlin:
aekv@verschickungsheime.de

Journalisten wenden sich für Auskünfte oder Interviews mit Betroffenen hierhin oder an: presse@verschickungsheime.de, Kontakt zu Ansprechpartnern sehr gut über die Überblickskarte oder die jeweiligen Landeskoordinator:innen


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2890 Einträge
Otto S.
08.09.2019
1956 geboren und in Süddeutschland aufgewachsen wurde meinen Eltern von der AOK empfohlen, den immer sehr dünnen und kränklichen Buben in ein Erholungsheim zu schicken, da der Amtsarzt bei einer Reihenuntersuchung lapidar feststellte, "beginnendes Bronchialasthma".
Also wurden meine wenigen Kleidungsstücke mit Namensschildern versehen, in einen kleinen braunen Koffer verpackt und ich Ende August 1965 an einem warmen Samstagmorgen per Pkw durch AOK-Mitarbeiter abgeholt und nach Bad Reichenhall in die Asthma-Kinderheilstätte Kurfürstenstr. 26 verfrachtet.
Die nächsten 6 Wochen waren eine Katastrophe! Das ganze Umfeld war von militärischem Drill geprägt. Wir mussten in Reih und Glied antreten und in Zweierreihen durch die Stadt zum Solebad marschieren. Wenn dabei einer "Aus dem Tritt" kam, war dessen Prügelstrafe am Abend gewiss. Im Solebad, dem alten Kurhaus, mussten wir uns in einem per Dampfheizkörper auf über 42°C Raumtemperatur aufgeheizten Raum nackt ausziehen und wurden darauf in das Solebad gescheucht. Bei einer Wassertiefe von 1,50m war das für die meisten der blanke Horror, da diese Buben deutlich kleiner waren und noch nicht schwimmen konnten.
Ältere Buben, welche zur Aufsicht über uns abkommandiert waren, hatten dabei ihren größten Spass. Diese zogen die panisch um ihr Leben Strampelnden dann kurz vor dem Absaufen heraus und warfen die schreienden Buben wieder ins Becken zurück. So ging das 2 x die Woche über jeweils 45 Minuten. Anschließend durften wir zur Abhärtung durch ein Stufenbecken mit Süßwasser mit 8°C, dann wieder zum Abtrocknen in den Umkleideraum und zurück zur Kurfürstenstraße.
Die Schlafsäle mussten immer nach dem „Mittagsfraß“ zur Ruhe für 2 Stunden aufgesucht werden…Das Essen, Abfallfleisch aus der Freibank, Lungenhaschee, 3 x die Woche Innereinen, Kuttelsuppe, abartig stinkende Kohlsuppe, usw. Und jeden Abend Malventee aus irdenen dunkel rot-braunen Henkelbechern, in welchen der Grund nur mehr zu erahnen war, so schwarz waren die geworden. Lediglich Freitags konnte ich mich richtig sattessen, denn da gab es Milchreis mit Kompott, dieser war durchaus genießbar.
Ich kann bis heute keinen Malventee und keine roten Rüben mehr ausstehen – sobald ich diesen Geruch in die Nase bekomme, kommt mir das K…en. Wer sein Essen erbrochen hatte, dem wurde selbiges unter Zwang solange hineingestopft, bis es irgendwann drinnen blieb und wenn das den ganzen Abend gedauert hatte.
Wir schliefen in dem großen 4-stockigen Funktionsgebäude an der Kurfürstenstraße. Im ersten OG die jüngeren Buben bis etwa 7 Jahre. Die 8-10 Jährigen im zweiten OG und die älteren bis ca. 14 Jahren im dritten OG. Im EG waren Büro und medizinische Untersuchungsräume. Im UG die Lagerräume und der Schuhkeller, wo die Renitenten regelmäßig zum Stiefelschmieren verknackt wurden, sowie der mit Koks befeuerte Kessel zur Dampfversorgung der Anstalt.
Die Essensausgabe und der anschließende Küchentrakt hin gegen waren ostseitig davon in einem alten Garten dahinter angeordnet. Diese Gebäude aus der Zeit des 3. Reiches waren in einem desolaten Allgemeinzustand und in ihrem Inneren teilweise wie eine Baracke aufgebaut. Es hat dort permanent nach ranzigem Fett gestunken – das war grauslich. In den UG-Räumen liefen Kühlmaschinen, welche über eine betonierte Außentreppe für das Wartungspersonal zugänglich waren.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich einmal pro Woche für die abendliche Nachtwache das „Wache-Essen mit Sprudel“ (war, soweit ich noch weiß, Rührei mit Schnittlauch) bei dem stets übelgelaunten Kantinier bestellen musste.
Zweimal die Woche durften wir in Reichenhall zu einer alten Villa oberhalb der Kurfürstenstraße marschieren, bekamen dort von einer finsteren älteren Frau (Krankenschwester??) weiße Umhänge und Schutzbrillen auf, um eine Stunde lang in einem per UV-Brenner bläulich düster beleuchteten Raum Soleaerosol zu inhalieren, welches von einem Rotationszerstäuber unter der Decke versprüht wurde.
Natürlich gab es auch angenehme Seiten, wie zum Beispiel Sonntagsnachmittag Spaziergänge zum Müllnerberg, einen Omnibusausflug ins Salzbergwerk Berchtesgaden, zur Festung Hohen Salzburg und ein Mal ins Kino in Reichenhall.
An eine Sache jedoch kann ich mich noch gut entsinnen:
Ein blondgelockter Bub mit Sommersprossen aus dem Raum München war mehrmals unangenehm aufgefallen, so dass die „Tante Mechthild“, eine resolute bayrische Aufsichtsperson mit vielleicht 40 Jahren beschied, dass dieser Lausbub eine Sonderbehandlung bekommt. So haben sie den schreienden Buben zu Dritt oder Viert gepackt und mitgenommen. Anderntags ist der nur noch da gesessen und hat still vor sich hingeweint. Schwarz im Gesicht und an den Händen war er wieder aufgetaucht - den hatten sie die Nacht über ohne Licht im heißen Aschebunker unterhalb des Kokskessels im 2. UG der Anstalt eingesperrt – das Kind war schwerst traumatisiert!
Ich habe später meine Eltern oft gefragt, wie sie mir so etwas im Alter von 9 Jahren antun konnten…doch da hat es nur geheißen, das hätte der Doktor von der AOK angeordnet – das war GESETZ.
Und ein Doktor der AOK war für diese einfachen Leute anno 1965 ein Herrgott…
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Doris
07.09.2019
An ein "Kinderkurheim" in Cuxhaven Duhnen kann ich mich,wenn auch schwach,erinnern.Ich muss 14 Jahre alt gewesen sein:Sommer/Spätsommer 1974. Warum ich dort war,und wie lange...?
Besonders negative Erinnerungen habe ich an einen Aufenthalt im "Haus Sonne",im Bergischen (Oberdüssel?) gelegen. 1965-ich muss etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Es muss von Diakonissen geleitet worden sein.In meinen Erinnerungen sehe ich Frauen mit weißen Hauben,sog.Rüschenhauben (darunter das streng zurück gekämmte Haar zu einem „Dutt“ zusammen gebunden) und schwarzen langen Gewändern.Ich sehe mich nachts verängstigt in einem Zimmer mit Doppelstockbetten in einer Ecke stehen.Ich hatte „eingenässt“ und musste dort „zur Strafe“stehen.Die Diakonissen führten ein „hartes Regiment“.An die allmorgendliche Haferschleimsuppe erinnere ich mich auch noch gut... Auch ein anderer Aufenthalt ist mir bruchstückhaft in Erinnerung:Germersheim?/Schwarzwald...
So muss ich wohl,aus welchen Gründen auch immer,diese drei Mal "verschickt" worden sein.
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Annette Wirtz
07.09.2019
1960 geboren, war ich insgesamt 3 mal in "Kinderkur"
1969 in Berchtesgaden, Königssee. Ich erinnere mich an Heimweh und ein Einzelzimmer mit rotweiss karierter Bettwäsche???
1971 gemeinsam mit meiner 2 Jahre jüngeren Schwester im "Adolphinenheim" auf Borkum. Meine Schwester hat sichtbar noch mehr gelitten als ich.
Besonders schlimm war hier das "Klappturnen" unter Anleitung einer alten Frau.
1973 dann noch einmal mit meiner Schwester im Schwarzwald, ganz abgelegen in Allerheiligen. Hier gab es einen Pater, der uns katholisch indoktriniert hat und ich fürchtete anschließend Strafe für all die schlimmen "Sünden" einer 13 Jährigen.
Aus alles Kuren gibt es Fotos.
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Marianne Kossack
06.09.2019
Ich war zweimal zur Kur, angeblich wegen Untergewicht.
Mit ca. 7 Jahren auf Juist und mit ca.9 Jahren mit meinem Bruder auf Norderney. Ich mußte nach jeder Mahlzeit eine viertel Stunde im Bett liegen, damit ich zu nahm. Meinen Bruder durfte ich auf Norderney nicht sprechen, nur im Schwimmbad konnten wir uns sehen. Das Essen war schrecklich, jeden abend Hering in Gelee und Tee. Ich habe nach den Mahlzeiten meistens alles ausgebrochen. Zu Ostern bekam ich ein Päckchen, das ich mit allen Mädels teilen mußte. Die Zimmertür unseres Schlafsaals blieb nachts auf und wir hatten eine Nachtwache.Die Post wurde diktiert.Ich hatte mir daraufhin geschworen, das meine Kinder nie zur Kur kommen sollten. Auf Grund ihrer Allergien bin ich mit ihnen jahrelang auf eine Nordseeinsel gefahren. Minen Eltern habe ich nichts erzählt, sie hatten es Ja nur gut mit uns gemeint. Ich bin Jahrgang 1950 und habe schon oft im kleinen Kreis davon erzählt. Ich glaube das man mir diese Schilderungen nicht unbedingt geglaubt hat und finde es richtig , das auch darüber jetzt öffentlich gesprochen wird. Ich kann ganz schlecht alleine sein und habe Verlustängste, was auf Grund dieser Erlebnisse sicher entstandenist.
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Norbert
02.09.2019
Mit knapp sieben Jahren wurde ich Anfang 72 für sechs Wochen ins Kinderkurheim Quisisana nach St.Peter Ording geschickt. Meine zehnjährige Schwester war mit von der Partie, was mir unter anderem als Vorteil gegen eventuelles Heimweh „verkauft“ wurde.
Gesehen haben wir uns dann in all den Wochen genau 2x und auch das nur im Vorbeigehen, da wir in streng voneinander getrennten Gruppen waren. Diese zwei Male fanden in Form eines schnellen Zuraunens statt – wer jetzt Bilder von Filmen über Gefängnisausbrecher im Kopf hat liegt nicht falsch, denn so fühlte ich mich.
Leider kann ich die meisten negativen Schilderungen anderer Verschickter wie lieb- bis herzlose Behandlung, fiese Strafen für Lächerlichkeiten wie z.B. Nichtschlafen undsoweiter bestätigen.
Beispiele: 1. Beim Wachliegen und quatschen mit dem Bettnachbarn erwischt zu werden, führte zu einer kalten und unbequemen Nacht barfuß im Schlafanzug auf einem Lattenrost in der Waschküche. Die unfreundliche Behandlung durch die Tagschicht nach dieser schlimmen Nacht war da nur noch das Sahnehäubchen auf dem schlechten Kuchen.
2. Das Zensieren der Post, die wir in die Heimat schickten, war Standard; zusätzlich zur Zensur gab es noch öffentliche Häme durch die Aufseherin, wenn man (als Erstklässler) noch nicht alle Buchstaben beherrschte. Ich spreche von Aufseherinnen; offizieller Jargon war „Tanten“, was aber aufgrund des Grundtons der dort herrschte ein Witz war (wie die wenigen männlichen Aufseher genannt wurden, weiß ich nicht mehr).
3. Wer im Speisesaal keinen Nachschlag nahm, wurde öffentlich geschmäht und musste sich während alle Anderen eilfertig ihre zweite Portion in sich reindrückten neben die Ausgabeklappe stellen und singen. Ich vergesse nie den elenden Anblick eines kleinen Mädchens, welches weinend dort stand und versuchte zu singen, weil man sie dazu zwang.
In diesen endlos scheinenden Wochen lernte ich zu schweigen, das Geforderte zu tun und niemandem vertrauen zu können, um nicht wieder wegen Irgendetwas bloßgestellt und bestraft zu werden.

Überblickend würde ich sagen, die Kinder“kur“ war mehr wie ein Straflager, nur dass ich leider nicht wusste, wofür ich verurteilt worden war.
Ich dachte lange Zeit, ich wäre mit meinen Empfindungen der Einzige un/oder ich sei als Kind vielleicht empfindlicher als Andere gewesen.
Heute weiß ich, dass das Unsinn ist und stattdessen bestimmte lebenslange Empfindlichkeiten damit zu tun haben, was man mit uns damals angestellt hat.
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Erika Mirbach
01.09.2019
ich heisse Erika M., bin 63 Jahre alt und wurde vor kurzem schmerzhaft mit den Erfahrungen meiner Verschickungsaufenthalte konfrontiert, als ich auf meiner Wanderung durch den Westerwald im christlichen Erholungsheim in Rehe übernachtete. Als betroffene spüre ich an der Atmosphäre, ja auch im Speiseraum die Finsternis, die Beklemmung vergangener Zeiten. Dieses haus war tatsächlich eine Erholungsheim für Kinder gewesen. Ähnlich war es mir in einem ehemaligen Schullandheim auf Neuwerk gegangen.
Ich wurde zweimal im Alter von 5 und 7 Jahren nach Bondorf /Schwarzwald verschickt. Ich war "zu dünn" und sollte in der guten Schwarzwald Luft vor allem zunehmen. Ich fand mich ohne jegliche Vorbereitung plötzlich am Bahnhof mit einem Schild um den Hals, allein gelassen begleitet von meinem Vater in Gesellschaft meiner Schwester und später meines Bruders; meine Schwester beherzt und tüchtig wie immer, mein Bruder verstört wie ich selbst. An die Zugfahrt und die Ankunft erinnere ich mich nicht. Wohl aber an das strenge Regiment der "Tanten". Der Alltag im Erholungsheim war hart, Befehlston, Anherrschen, Gewalt gegen Widerspenstige Kinder und ihre Gefühle. Es fiel mir schwer, die Ordnung zu erkennen, an die ich mich anzupassen hatte, ich dachte wohl, dass etwas mit mir falsch war, ein Gefühl das ich zu Hause allerdings auch hatte. Ich wußte, ich soll zunehmen, ich soll brav sein, ich soll nicht weinen, ich soll bloss nichts falsch machen. Es gab strenge Regeln beim Essen, es musste aufgegessen werden, wehe wenn nicht! Ich musste sitzen bleiben bis ich aufgegessen hatte. ich habe stundenlang vor meinem kalten Essen gesessen und meinen Ekel niedergerungen. Ich lernte, mir so viel wie möglich auf einmal in den Munds stopfen, um aufstehen zu dürfen. Heute gehe ich davon aus dass ich ohnehin Essstörungen hatte. Mein Bruder schrie und weinte sehr viel, sie fragten mich zwar wieso er so schrie, liessen mich aber nicht zu ihm, diese Hilflosigkeit, ihn nicht trösten zu dürfen, das Gefühl, es sei falsch ihn trösten zu wollen, schliesslich schreit ein Junge nicht so....Schlimm die wöchentliche Duschen mit so vielen anderen Kindern zusammen, Schuld und Scham wegen der Nacktheit, der rüde Umgang, das ruppige Schneiden der Fingernägel, möglichst kurz, damit das nicht so oft wiederholt werden musste. Es schmerzte die ganze Zeit. Furchtbar der erzwungene Mittagsschlaf mit den Kontrollgängen der Tanten, Immer Gewaltandrohung, wenn wir beim nichtschlauen "erwischt" wurden. Wir seie die schlimmste Gruppe die jemals in die Heim war, wurde uns gesagt. Zur Strafe (für was auch immer) wurden Schweigemärsche durch Bondorf veranstaltet. Wir durften zwar Briefe nach Hause schreiben, diese mussten aber den Tanten vorlegt werden. Auch hatte ich ja keine Sehnsucht nach zu Hause, sie hatten mich ja weggeschickt, ich war dort eh zu viel, meine Mutter überlastet, also sollte ich wenigsten dicker wiederkommen als ich gefahren war.
Als ich selbst Mutter wurde, war ich mit Gewaltphantasien gegenüber meinem kleinen Sohn konfrontiert, die mich sehr erschreckten und derentwillen ich therapeutische Hilfe gesucht habe. Quälend auch die Vorstellung, dass ich ihn wegschicken muss, dass es für ihn besser sein würde, wenn er nicht bei mir wäre, sich nicht so an mich binden würde. Große Probleme mit Orientierung und Vertrauen im Verlauf meines Lebens. Es ist der erste Schritt, den eigenen Schmerz anzuerkennen und zu bewältigen, es gilt ebenso, die Auswirkungen auf das Beziehungsverhalten als Erwachsene betrachten und die Verantwortung zu übernehmen für das, was wir vor unserem Erfahrungshintergrund für unsere Kinder verursachen.
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Sabine Gajski
23.08.2019
Ich heiße Sabine.G
bin 52 Jahre alt ,und bin sehr froh endlich eine Seite gefunden zu haben. Es quält mich schon lange mit den wissen ein versickungskind zu sein ! Meine Erinnerung sind auch lückenhaft ,aber mit vier Jahren ging es das erstmal von zuhause weg ohne Kontakt mit zuhause für 3-4 Wochen wo das war weiß ich nicht mehr aber ich besitze noch Fotos davon . ich leide heute noch unter Verlust Ängste.Und so ging ein Jahrzehnt los stäntige Aufenthalte in So genannte Kurheime oft 2mal im Jahr wegen Gewichtszunahme 6Wochen ohne Mutter und Erzeuger viel musste ich erleben Essen zwang Schlafentzug .ich kann das alles gar nicht alles aufschreiben .Viellleicht finden sich ja Menschen die das Kurheim Am Meer : in Cuxhafen Duhnen kennen ,so in den Zeitraum 1974 bis 1982:
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Gertrud Adrian
19.08.2019
Im April 1950 wurde ich eingeschult und 1951/1952 kam ich ins Sylter Kinderheim (Westerland). Schon die Hinreise war für mich ein Horror ohne Betreuung. Ich wurde irgendwo in einen Zug gesetzt und an der Endstation Westerland wieder rausgeholt. An das Heim hatte ich immer die Erinnerung, dass es ein wunderschöner Klinkerbau mit Türmchen jeweils rechts und links. Meine Erinnerung an die Heimleitung: Tante Inge und Onkel Fritz ist bis heute negativ. Ich hatte schreckliches Heimweh und war oft am weinen. Zur Strafe wurde ich deshalb oben auf dem Dachboden eingesperrt. Ob diese "Strafe" nun wegen meiner Heulerei war oder aber auch weil ich die "Milchsuppe mit Nudeln" verweigerte, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Ich weiß auch nicht mehr ob ich Schläge bekommen habe, aber irgendwas muss mir ja Angst eingeflößt haben, dass ich dieses eingesperrt sein bis heute nicht vergessen habe und Panik bekomme in engen Räumen. Ein weiteres gruseliges Erlebnis war das Südwäldchen. Dort habe ich mich während einer Schnitzeljagd verlaufen und konnte die anderen Kinder nicht wieder finden. Zu Ostern gab es für die anderen Post und Geschenke...ich bekam nichts. Es war den Eltern eigentlich untersagt Kontakt mit den Kindern aufzunehmen...aber an dieses Verbot haben sich scheinbar nur meine Elten gehalten. Die anderen Kinder saßen auf ihren Betten, packten ihre Geschenke aus und waren glücklich...und ich heulte. Also wieder auf den Dachboden!!! Jahrelang hatte ich keine Bedürfnis gehabt die Insel Sylt je wieder zu sehen. Irgendwann beschloss ich mein Sylt-Trauma zu bewältigen und fuhr 2004 das erste Mal auf die Insel. Die Enttäuschung war groß...wo war das Kinderheim? Niemand konnte mir genaueres darüber sagen. Erst im Sylter Stadtarchiv habe ich dann Fotos von dem Heim gefunden, aber keiner konnte mir niemand sagen, wo es gestanden hatte. Ich wusste nur, dass es oberhalb der Promenade (Luftlinie hinter der Konzertmuschel) war. Erst letztes Jahr 2018 hat mir jemand in etwa Auskunft über die Lage des Hauses geben können. Dieses Jahr im März 2019 bin ich nochmals ins Stadtarchiv gegangen und zufällig einen älteren Einheimischen getroffen, der mir genaueres sagen konnte. Nun bin ich beruhigt und muss nicht mehr weiter suchen. Das Sylt Trauma ist bewältigt und ich bin seit 2004 jedes Jahr auf der Insel. Schade, dass es die wunderbaren Gebäude nicht mehr gibt...sie sind dem riesigen Hotelklotz oberhalb der Promenade zum Opfer gefallen.
Ich würde gerne wissen, ob es noch weitere Personen auf diesem Forum gibt, die auch in diesem Kinderheim waren. Bitte melden! Danke und Tschüss...
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TiBi
18.08.2019
Ich möchte hier an die Kommentare von http://www.anjaroehl.de/verschickungsheime/
anschließen:

Hallo zusammen, ich (m, 54) hatte im Juli 1971 das zweifelhafte 'Vergnügen', im Rahmen einer 'Erholungskur' vor der Einschulung 6 Wochen im Kinderheim St. Antonius in Ratzenried/Kreis Argenbühl gewesen zu sein.
https://oldthing.de/Ratzenried-Kinderheim-St-Antonius-Kat-Argenbuehl-0023655755
https://oldthing.de/AK-Ratzenried-Kinderheim-StAntonius-mit-Teich-0015909608
Meine Erinnerungen an den Aufenthalt dort sind sehr lückenhaft und rudimentär, aber Angst und Schrecken angesichts der 'Erziehungsmethoden', die dort vorherrschten, habe ich nur sehr schlecht verkraftet. Die schrecklichen Erinnerungen wabern quasi im Untergrund vor sich hin und sind für mich nicht wirklich greifbar, aber dennoch emotional stets präsent wie eine Art Lähmung.
Ich habe die vielen Kommentare hier gelesen und kann generell sagen, daß ich mich an die sadistischen Quälereien wie Essenszwang, Ruhezwang nach dem Essen, nicht-Pinkeln-dürfen und/oder nur unter Kontrolle pinkeln dürfen (Nonne als Wachposten vor der Tür) und drakonische Strafen bei 'abweichendem' Verhalten erinnern kann, natürlich auch an die große Einsamkeit und Ohnmacht angesichts der Hilflosigkeit gegenüber all diesen Zumutungen. Trotzdem habe ich stets das Gefühl, daß da noch mehr gewesen ist, das ganz tief verschüttet irgendwo im Unterbewußtsein schlummert, vielleicht weil die Erinnerung daran zu traumatisch ist.
Ich würde an dem Punkt gerne weiterkommen und erfahren wollen, was dort wirklich geschah. Gibt es jemanden unter euch, der auch dort untergebracht war, evtl. auch länger? Ihr könnt mich gerne unter der u.g. Mailadresse kontaktieren.
Vielen Dank für eure Rückmeldung! Viele Grüsse, TiBi
KontaktMail: TiBi.1964@posteo.de

P.S. Bei eBay kann man unter 'Sammeln und Seltenes - Ansichtskarten' einige alte Bilder von den bekloppten Heimen sehen, das hilft u.U. bei der Erinnerung. Ich habe vom Kinderheim Ratzenried selbst eine alte Postkarte, die ich damals an meine Eltern nachhause schickte, die kann ich Interessierten gerne einscannen und zusenden.
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