Positive Erinnerungen an Kindererholungsheime, Kinderheilstätten und Kinderkurheime
Titelbild Elternratgeber: Mit Kindern an die See, 1987
Es hieß 50 Jahre lang, die Verschickungen seien „das Beste“ für die Kinder gewesen, inzwischen haben sich aber mehr als 50.000 Betroffene mit Erinnerungen an Demütigungen, Angst und Gewalt bei der Initiative Verschickungskinder in einem Gästebuch und einem Fragebogen, in anderen Foren, sozialen Medienkanälen, auf Petitionen und auf Journalisten- und Wissenschaftler-Aufrufe gemeldet und man hat darin ein System immer gleicher Gewalt erzeugender Bedingungen in diesen besonderen, oft sehr abgelegenen Pflegeeinrichtungen, mit nur wenig ausgebildetem Personal, erkannt. Das ist auch wissenschaftlich, durch Aktenfunde belegt worden. Betroffene aus den Zeiten der Verschickungen, wo jedes Jahr 350.000 Kinder in diese Heime gefahren wurden, von etwa 1950 bis 1989 und noch aus manche dieser Einrichtungen, bis in die 90er Jahre, erinnern sich schmerzhaft an einen hartherzigen, angsterregenden Umgang mit ihnen, an Demütigungen und Gewalt in diesen weit abgelegenen Einrichtungen ohne Elternbesuchsrecht. Als wir begannen, uns dem Thema der traumatischen Erinnerungen von Verschickungskindern zu nähern, waren wir erstaunt über die zahllosen, überaus detaillierten Berichte von angsterfüllten Verschickungsaufenthalten und erlebter Gewalt. Kinder, meist unter 6 Jahren, wurden zu Hunderten allein, ohne ihre Eltern, über 6 Wochen, zwischen 1946 und 1990, in weit entfernt liegende Kindererholungsheimen und -Heilstätten aller Bundesländer verbracht. Erlebnisschilderungen darüber wurden uns ungefragt zugesandt und sammeln sich seither öffentlich auf unserer Webseite in unserem Gästebuch, 2776 (am 27.5.25) und anonym in einem Fragebogen, wo es schon weit über 15.000 sind, die ihre Geschichte unserer Webseite und selbstbestimmten Forschung zur Verfügung gestellt haben. Wir zensieren nicht, wir kürzen nicht, wir schalten nur frei und sammeln. Es sind Erinnerungs-Schilderungen von Demütigungen, körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt und starken Angsterlebens. Diese Berichte sind zumeist von Menschen, die zum ersten Mal mit unserer Initiative in Kontakt kommen und erfahren, dass sie mit ihren schmerzlichen Erfahrungen nicht allein sind, sondern Teil einer sehr großen Gemeinschaft von Betroffenen. Oft ist dann der erste Impuls, das selbst Erlebte aufzuschreiben, Zeugnis abzulegen. Auch auf unserer Petition bei change.org gibt es über 49.000 Menschen, davon zahllose Betroffene, die in ihren Kommentaren von ihren eigenen negativen Erlebnissen berichten, dasselbe in zahlreichen facebookgruppen mit Tausenden von Mitgliedern.
Es ist also seit dem Beginn unserer Initiative immer deutlicher geworden, dass die Kinderverschickung System hatte und dass in ihr eine „Subkultur der Gewalt“ (Hans Walter Schmuhl (2023): Kur oder Verschickung: Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Dölling und Galitz, München, S. 249) herrschte. Alle bisherigen wissenschaftlichen Studien bestätigen, dass im Rahmen der Kinderverschickungen Gewaltbedingungen durch vielfältige institutionelle Ursachen gegeben hat.
Manchmal werden in den Berichten, die uns vorliegen, äußere Bedingungen als tröstend empfunden: Sommer und Strand, Wald und Berge, Festlichkeiten, Aufführungen oder gemeinschaftliche Aktivitäten wie Singen, Spielen und Wandern. Trotzdem gibt es auch bei solchen positiven Erinnerungen oft zusätzliche Erinnerungen an Angst- und Gewaltsituationen, die ihnen selbst passiert, oder die die betreffenden beobachtet haben. Wir wollen einen umfassenden Einblick in das Geschehen während der Verschickungen erhalten. Dafür sind auch positive Erinnerungen wichtig. Denn oft können sie zeigen, durch welche Zufälle Kinder getröstet werden konnten, und manchmal widerstandsfähiger und resilienter gegen die negativen Erfahrungen wurden, oft in der Art, dass sich ein kritisches Bewusstsein gegenüber Kindesleid entwickelte. Es reichte manchmal eine heimliche Freundin, eine mitfühlende Praktikantin. Das ändert aber nichts daran, dass die Bedingungen in bisher allen uns bekannten Verschickungsheimen, also Kinderheilstätten und Kindererholungsheimen mit 6-Wochenkuren, zu denen wir und inzwischen viele andere recherchiert haben, in ähnlicher Weise angsterzeugend und gewalterzeugend auf Kinder und Personal gewirkt haben. 50 Jahre lang war der Diskurs zu Kindererholungsaufenthalten durchgehend positiv besetzt, Heimbetreiber, Mitarbeitende dieser Institutionen feierten ihre eigenen positiven Erinnerungen. Sie tun das noch. Ehemalige Mitarbeiter kommen mit Fotoalben und zeigen lachende Kinderfotos herum, sie beschreiben, wie gut der Zusammenhalt der Mitarbeitenden untereinander war, oft erzählen sie, wieviel sie miteinander gelacht haben und wie fröhlich alles war. Wir als Betroffene ertragen solche Begegnungen und Erzählungen nur sehr schwer. Aus der gleichen Zeit, wo wir die schmerzhaftesten Erinnerungen in uns haben, erzählen sie vom Spaß, den sie untereinander und mit den Kindern hatten. Unseres Erachtens ein Zeichen für Abspaltung von traurigem Kindeserleben, dass sie damals übersehen haben und heute nicht wahrhaben wollen. Auch für das Fehlen von Empathie, für ein nachträgliches „Schönen“ dieser Zeit. Wir freuen uns über jede Mitarbeiterin, die ihre Zeit damals kritisch hinterfragt, oder die ihr damaliges Vorgehen gegen die Kinder bereut, solche Briefe erreichen uns, das bewegt uns tief. In Bädermuseen und Elternratgebern war man viele Jahrzehnte lang des Lobes voll, kritische Worte, wie etwa Eltern- oder Erzieherbeschwerden oder auch kinderärztliche Kritik wurden fünf Jahrzehnte von Heimbetreibern und Behörden nur wenig beachtet, sie wurden bagatellisiert und sogar bekämpft (Röhl, A. in Sozialgeschichte offline, 2022, Heft 31/2022, S.61-100: Kindererholungsheime als Forschungsgegenstand. Erwachsene Zeitzeugenschaft am Beispiel eines Beschwerdebriefes im Adolfinenheim auf Borkum, auchonline verfügbar)
Nun, wo sich das erste Mal, nach 50 Jahren, die Betroffenen selbst zu Wort melden, brechen oftmals lange, nur im Privaten geäußerte Erinnerungen an Beschimpfungen, Schmerzen, Scham, Angst und Gewalt auf. Die Menschen beschreiben dabei detaillierte Szenen in Ess- und Schlafräumen und wissen noch, wo ihr Bett stand und wie an einem bestimmten Tag das Licht durch die Vorhänge fiel. Sie beschreiben Gerüche, an den Schlafsaal, den Waschraum, das Essen, Farben, gestochen scharfe Filmszenen ihrer traumatischen Erlebnisse und erleben dabei erneut tiefe Gefühle von Angst und Bedrohung. Andere haben schwere Körpersymptome und Alpträume, die sich durch bestimmte Fakten auf Verschickungserfahrungen zurückführen lassen. Sie alle erleben einen ungeheuren Kräftezuwachs aus dem Gefühl, nicht mehr allein mit ihrem Leid und nicht schuld daran gewesen zu sein, sie engagieren sich in gegenseitigem Austausch, in Beratung, Vernetzung und Recherche, sie streben an, mehr über diese Einrichtungen herauszufinden. Und haben es getan, die ersten Recherchen und Forschung zu diesem Thema kamen von Betroffenen.
Niemand sollte das Leid der Verschickungskinder, was sich seit 2019 zehntausendfach öffentlich geäußert hat, kleinreden wollen, kein einziger positiver Bericht sollte denjenigen, die als Kinder in diesen Einrichtungen gelitten haben, das Leid absprechen. Alle Menschen, die das Glück hatten, solches nicht zu erleben, sollten sich solidarisch zeigen.
Seit 2019 erstmalig tausende von Menschen ihre traumatischen Erlebnisse öffentlich gemacht haben, gab es keinen Sturm der Entrüstung von ebenso vielen Menschen, die es anders erlebt hatten, stattdessen brach eine Lawine von verzweifelten, schmerzhaften und angsterregenden, oft das ganze Leben bestimmenden schlimmen Erinnerungen sich Bahn, und nur sehr selten meldeten sich Menschen mit auch positiven Erlebnissen in der Verschickung. Diese wenigen positiven Erinnerungen von Menschen an Verschickungen, stehen in keinem Verhältnis zu den vielen Tausenden, die es traumatisch empfanden. Sie dürfen nicht dazu benutzt werden, diejenigen Erlebnisse zu relativieren, die von Leid berichten. Das passiert aber dadurch, wenn in einer Austellung über das Verschickungsleid 5 negative Erinnerungen, gegen 5 positive Erinnerungen gestellt werden, was suggeriert, dass das Verhältnis sozusagen „ausgeglichen“ war. Das bedient das alte Narrativ, was uns aus den Werbebroschüren der 60er – 80er Jahre entgegenschallt. Was seither herausgefunden wurde, ist aber etwas anderes: Der Alltag in den bisher untersuchten Heimen war objektiv für Kinder, aus vielerlei Gründen, sehr oft und über zahlreiche Einrichtungen verteilt, schädlich und traumatisierend. Jede schlimmen Erinnerung daran muss ernst genommen und ihr muss nachgegangen werden. Nicht im Kind liegt der Schlüssel, dass es zu „empfindlich“ war, oder aus einem schwierigen Elternhaus kam, sondern in den speziellen Bedingungen des Heimes, in dem dieses Kind gelitten hat. Strafbücher, Unterbesetzungs- und Überbelegungszahlen, Information über die Ausbeutung der Mitarbeiter, Jugendamtsbeschwerdeakten über den Mangel an Toiletten, Fachpersonal, das schlechte Essen, den mangelnden Spielraum, NS-Reliquien zu Vorstellungen von strafender Erziehung, in historischen Fachbüchern, sowie Beschwerdebriefe, und Erinnerungen damals erwachsener Zeitzeugen, sowie Belege für illegale medizinische Handlungen und pharmazeutische Testungen, zeugen davon, und belegen, dass die schmerzhaften Erinnerungen der Verschickungskinder keine Phantomgespenster sind. Keine positive Erinnerung kann und darf das relativieren. Das Forschungsziel muss heute, oft mehr als 50 Jahre nach den Taten, sein, die Ursachen und Bedingungen dieser Gewalt in den Einrichtungen der Kinderverschickungen, objektiv aufzuklären, allen Hintergründen nachzugehen und genaueste Analyse zu betreiben.
Anja Röhl, Christiane Dienel, für den AEKV e.V., dem wissenschaftlichen Begleitverein der Initiative Verschickungskinder e.V.
Ich habe die Hoffnung, dass ich hier vielleicht Antworten oder Erfahrungsberichte finde, wie es zu dieser Zeit in dieser Einrichtung war.
Gerne kann ich hier die Bilder einstellen, vielleicht erkennt sich ja jemand.
Gruss. Nicole
Jahrzehnte ging ich davon aus, dass ich einfach Pech hatte und Wessobrunn ein Einzelfall ist. Das es aber so viele Betroffene gibt und hinter der jahrzehntelangen Kinderverschickung ein System und eine "Industrie" steckte, dass habe ich erst vor relativ kurzer Zeit mit größtem Entsetzen erfahren. Umso mehr sollte es für uns alle Auftrag und Verpflichtung sein, dafür zu sorgen, dass solches Kinderleid heute nicht mehr passiert.
Jeden Tag gab es Puddingsuppe und Kakao mit einer ekligen Hautschicht. Einmal hatte die Küchenhilfe die Suppe anbrennen lassen. Wir haben gehört wie Sie angebrüllt würde. Auch hörten wir es klatschen und daraufhin weinte Sie ganz laut. Die abgebrannte Puddingsuppe mussten wir essen. Seit dem ekle ich mich vor Pudding und Kakao.
Wenn Posttag war,mussten wir in den Speiseraum und uns wurden die Karten vorgelesen. Danach bekamen wir die Karten. Ich erinnere mich, dass bei mir immer Puppen drauf waren. Mittagschlaf war Pflicht unter Aufsicht. Wer nicht schlief wurde bestraft,in dem er von der Gruppe ausgeschlossen wurde,in der Ecke stand und keiner durfte mit demjenigen reden.
Es war täglich eine Abfolge von Handlungen, welche sich immer wiederholt haben. Viele von uns hatten Heimweh. Wenn man geweint hat und wurde erwischt,wurde man vor den anderen Kindern runter gemacht. Also weinte man Nachts leise in seinem Bett.
Die 6 Wochen schienen endlos zu sein.
normal. Für mich persönlich hat sich diese Zeit dennoch sehr eingeprägt. Ich fahre seit
dem sehr ungern alleine irgendwo hin. Meine Kinder habe ich nie alleine gelassen. Bei einer Geschäftsreise nach Wien bin ich Abends nach Hannover zurückgeflogen, weil ich meine damals 7 und 4 Jahre alten Kinder unbedingt ins Bett bringen wollte, da sie es nicht anders kannten. Insoweit war es im Nachhinein doch positiv, da auch meine Söhne ihre Kinder so erziehen.
Aber der Reihe nach: Die Gelegenheit zu diesem "Kuraufenthalt" ergab sich aufgrund großzügiger Förderung der damaligen Bundespost, da mein Vater damals Postbeamter war - "Postkinder" waren übrigens neben "Bahnkindern" die größte Gruppe, vielleicht findet sich über diese Info ein Anhaltspunkt, um welches Heim es sich gehandelt haben könnte. Ich wurde am Bahnhof in Süddeutschland an einen sehr netten Mann übergeben, später kam noch ein anderes Kind dazu und so fuhren wir mit dem Zug durch ganz Deutschland bis nach St. Peter-Ording. Dunkel erinnere ich mich, dass der Mann wohl nicht bis St. Peter-Ording bei mir war, sondern ich anderswo (Stuttgart, Hamburg?) evtl. an eine andere Gruppe übergeben wurde. Ich war damals ein schmächtiger Junge und jedes Jahr häufig krank gewesen; Grippe, einige Male Bronchitis usw., so dass mir eine Kur an der frischen Luft in Aussicht gestellt wurde. Im Heim kamen wir in einem großen Schlafraum unter, ich glaube mit über 10 anderen Kindern drin, von denen einige zwar nicht viel älter, aber doch wesentlich stärker waren als ich. Insbesondere einer von denen hatte so eine Art Capo-Funktion, die er auch körperlich gegenüber uns anderen ausübte. Ich ließ mir jedoch nichts gefallen, und so kam es, dass ich mich an diverse in Prügeleien ausartende Schikanen erinnere.
Vielleicht weil ich von zu Hause aus gewohnt war, dass "gegessen wird, was auf den Tisch kommt", ist das Essensthema für mich nicht so einschneidend gewesen und Horrorgeschichten, Erbrochenes wieder aufessen zu müssen, kamen meines Wissens nicht vor. Ich kann mich nur daran erinnern, dass es nicht besonders gut gewesen sein kann. Kulinarischer Höhepunkt des Tages war nämlich der tägliche Nachmittagskaffee, wir Kinder bekamen natürlich keinen Kaffee, aber entweder Mohrenköpfe bzw. Schaumküsse oder eine längliche Waffel mit Erdbeer- oder Vanille-Schaumfüllung. Davor fanden stundenlange Deichwanderungen statt, bei denen die Erzieherinnen sich permanent unterwegs etwas zu trinken kauften, während wir Kinder durstig blieben und ich meine in bestimmter Formation zu laufen hatten (Zweierreihen?). Der Sommer 74' war schön und seeehr heiß. Es regnete die sechs Wochen vielleicht ein oder zwei Tage, ansonsten hatten wir herrlichstes Wetter mit den zugehörigen hohen Temperaturen, so dass wir selbst an der See in St. Peter-Ording mindestens so ähnlich schwitzten wie die damaligen Fußball-Weltmeister. Direkte Mißhandlungen der Erzieherinnen sind mir nicht erinnerlich, aber die völlige Empathielosigkeit gegenüber uns alle an Heimweh schwer leidenden Kindern. Der Kontakt mit den Eltern beschränkte sich auf Briefe und Postkarten, die wir einmal pro Woche ausgehändigt bekamen. Dieses sich dadurch einstellende Gefühl des Ausgeliefertseins, der Verlassenheit und völligen Hilflosigkeit in einem zwar durch wenige aber tonangebende Capo-Kinder als drangsalierend empfundenen Umfeld, werde ich nie vergessen. Die sich aufdrängende Schlussfolgerung, im Zweifel auf sich selbst gestellt zu sein, hat, wenn ich die Kommentare hier lese, nicht nur mich wohl nachhaltig geprägt, mit allen hier in den Erfahrungsberichten gezeichneten Vorteilen (innere Stärke) und Nachteilen (Introvertiertheit, Verschlossenheit selbst den Eltern gegenüber, Rückzug in Traumwelt - oft der Bücher, fehlendes Grundvertrauen in andere Menschen, Verlustängste bis hin zum Festhalten an toxischen Beziehungen). Die Briefe, die wir erhielten, waren zwar verschlossen, die Päckchen jedoch wurden geöffnet und wir selbst durften meiner Erinnerung nach nur 1-2x in dieser Zeit Postkarten schreiben (man selbst hatte ja kein Geld, keine Postkarten, keine Briefmarken, keine Stifte), inwieweit diese zensiert wurden, weiß ich nicht, aber es war jedem in diesem Kasernenhofklima klar, dass man besser nichts "Schlechtes" über die Einrichtung schreiben sollte. Als ich einmal eine Postkarte meiner Eltern bekommen habe, der Capo aber keine, riß er mir mit einem schnellen Griff die Postkarte aus der Hand und zerriss sie, ehe ich reagieren konnte. In der darauffolgenden Prügelei unterlag ich zwar am Ende und lag unter ihm, aber ich habe es immerhin geschafft, dass er mir gegenüber danach nie wieder übergriffig wurde und sich für seine Schikanen andere aussuchen musste. Bestraft wurde er für seine Tat jedenfalls nicht, ich dafür heulte den ganzen Abend lang bis in den Schlaf und hatte später permanent Angst, dass er sich wieder an meinen Sachen vergreift. Ich wundere mich, wieso so viele auf dieser Seite berichten, ausgerechnet in diesen 6 Wochen die Windpocken bekommen zu haben. Ob das auch seelisch bedingte Ursachen hat? Immerhin kam ich so von dem Gemeinschaftsschlafraum und dem Capo-Jungen weg und hatte meine Ruhe. Während der Betreuung der Windpocken erfuhr ich dann sogar so etwas wie menschliche Wärme durch das Personal. Diese zwei Wochen waren mit die schönste Zeit in St. Peter-Ording und nach Rückkehr in einen Gemeinschaftsschlafraum war der Capo-Junge weg und es wurde erträglich.
Am letzten Tag wurde die Abreise drillmäßig vorbereitet und durchgeführt. Im letzten Augenblick, wir standen schon in Reih' und Glied vor der Einrichtung, fiel mir ein, dass ich mein Stofftier, einen Hund namens Bimbas, vergessen hatte, rannte nochmal rein und holte es mir. Dafür bekam ich statt einer aufmunternden Bemerkung nur den bissigen Kommentar, "das hätte mir auch eher einfallen können".
Seit ich die vielen Berichte hier gelesen habe, denke ich, es kommt nicht von ungefähr, dass ich meine Eltern über Schulisches nie eingeweiht, Ihnen über mich nur wenig erzählt, mich in hunderte Bücher verkrochen und die von mir gesuchte Geborgenheit vorrangig bei meinen Großeltern gefunden habe. Im Zuge der Aufarbeitung meiner 24-jährigen ehelichen Beziehung mit einer von mir als solche leider nicht erkannten notorischen Narzißtin, meines transsexuellen Outings und diverser begleitender Umstände bin ich froh und dankbar, mit dieser Seite ein weiteres Kapitel meines Lebens aufarbeiten zu können. Insgesamt sind wir meist sechswöchigen Verschickungskinder in Deutschland im Vergleich zu den indianischen Umerziehungskindern in Kanada (wie auch vielen ähnlichen "Modellen" weltweit) wohl noch einigermaßen davongekommen. Nicht auszudenken, wenn sich die sechs Wochen solcher Zustände auf Monate und dann viele Jahre ausdehnen und in ihrer Intensität dann bis dahin gehen, dass vom Tod der Opfer seitens der Behörden nicht einmal Notiz genommen geschweige dies strafrechtlich verfolgt wird. Das sind dann keine schools oder Verschickungsheime mehr, sondern "Lager" mit allen Konsequenzen, die wir aus der deutschen Geschichte hinreichend kennen.
Wer also auch als Postkind in St.Peter-Ording war, Erinnerungen an die Nachmittags-Waffeln hat und/oder weiß, in welchem Heim das war, darf mich gerne kontaktieren!
6 Wochen Hölle. Von der ersten Sekunde an.
Ich war 8 Jahre alt.
Trauma pur. Gebrochenes Kind.
Das Schlimmste war, dass sie den Kontakt zu den Eltern so erfolgreich unterbrechen konnten. Ich erinnere mich an einen Brief, den ich meinen Eltern schrieb..."Wenn ihr mich liebhabt, holt mich hier raus!" Diesen Brief haben meine Eltern nie erhalten.
Sadismus war in dieser Einrichtung normal.
Ich musste zur Strafe immer wieder nachts auf einem Stuhl sitzen. Von dort konnte ich auf den Hafen und das Meer blicken durch die Scheiben des Speiseraumes. Hatte viele Fluchtfantasien. Sonntags mussten Sonntagsschuhe getragen werden. Auch wenn die nicht eingelaufen waren und schmerzlichste Blasen verursachten. Bequeme Kinder-Gummistiefel waren verpönt bei den heiligen Tanten .
Essen wurde absichtlich so gestaltet, dass es ungenießbar war ( in meinem Fall haben sie mir kalte Butterflocken auf die Suppe gelegt, obgleich meine Mutter bei der Anmeldung extra darauf hingewiesen hatte, dass das Kind keine Butter isst), ich wurde dort geschlagen von der Heimleiterin höchstpersönlich, man hat uns gedemütigt, unsere Pakete konfisziert, den Rest an Trost (Kuscheltiere) weggenommen, man hat Schamgrenzen durchbrochen ( erinnere mich an diese Heiß-Kalt-Duschgänge im Keller. Mit den Füßen im Wasser. Wir Mädchen mussten da nackt durch und die Jungs in unserem Alter durften zugucken.
Es war wie eine einzige riesige Strafe.
Liebe Grüße
Erinnern kann ich mich an den Speisesaal bzw. die Situation des gemeinsamen Essens mit vielen Kindern. Ich denke, ich hatte einen festen Platz. Das Essen fand ich nicht lecker. Morgens gab es Haferschleim. Falls es mittags Fleisch gab, so war das durch den Fleischwolf gedreht und in die Soße gemengt. Ich meine mich einmal auch am Tisch erbrochen zu haben. Ein großes Mädchen, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, lief häufig zwischen den Tischen herum und forderte die anderen, kleineren Kinder zum Essen auf mit dem Wort „Ess!“. In meiner Not fühlte ich mich damals dem Mädchen überlegen, weil es offenbar nicht wusste, dass es „Iss!“ heißt. Schon damals kam mir das Mädchen wie ferngesteuert vor. Aber sie fühlte sich offenbar gut dabei.
Gelegentlich sah ich auch eine Frau mit grauen Haaren und einem Knoten im Haar. Sie schien mir damals etwa 60 Jahre alt, wirkte auf mich streng, unnahbar und freudlos. Wahrscheinlich war sie jünger, schätze ich aus heutiger Perspektive. Sie ist die einzige Person, deren Erscheinung und deren Gesicht mir genau in Erinnerung ist. Ich vermutete damals schon, dass diese Frau dort das Sagen hatte.
Womit wir die Tage verbracht haben, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Das einzige „Erlebnis“ war eine Wanderung, die ich ziemlich normal fand, außer dass sie nach Einbruch der Dunkelheit zu Ende ging. Zwei Begleiterinnen, in meiner Erinnerung nette und freundliche junge Frauen, hatten sich, so kriegte ich das nach der Rückkehr mit, mit uns im Wald verlaufen. Die beiden bekamen richtig Ärger mit der Heimleitung und ich sah später, dass die Beiden geweint hatten.
Geschlafen wurde in einem Schlafsaal, von dessen Größe ich keine Vorstellung mehr habe. Wahrscheinlich mehr als zehn Kinder in einem Saal. Obwohl ich eigentlich schon lange darüber hinweg war, habe ich nachts mehrfach in die Hose gepinkelt. Ob ich es verbergen konnte oder wie das Personal regiert hat, weiß ich nicht mehr.
Sehr konkret ist mir allerdings die Situation, als ich dann auch noch einmal nachts den Darm gründlich in die Hose entleert hatte. In meiner Not schlich ich nachts mit meinem Paket in der Hose durch die Flure und stieß irgendwann auf die Frau mit dem Knoten. Sie bugsierte mich in einen Waschraum und hat mir tatsächlich vor der Reinigung den Hintern verhauen. Schon damals kam mir das, um es mit heute überholten Begriffen zu sagen, abartig und pervers vor.
Alles was anderen Kindern in diesem Heim angetan worden ist, ist heute verjährt, die Menschen, die das gemacht haben, mutmaßlich tot. In meiner Erinnerung gibt es auch nichts, was justiziabel gewesen wäre. Aber es war trotz der wagen Erinnerung eine richtig, richtig beschissene Zeit.
Gleich nach der Ankunft mussten wir uns vor allen ausziehen und wurden von einer Schwester gebadet. Die dünnen Kinder mussten immer doppelte Portionen essen und mussten so lange am Tisch sitzen bleiben, bis alles aufgegessen war. Ich kann mich noch an ein anderes Kind erinnern, das alles wieder ausgekotzt hat und das Erbrochene wieder aufessen musste. Am Abend durfte ein Junge der Bettnässer war nichts mehr trinken. Und ich weiß noch wie er heimlich an einen Wasserhahn ging und jede Menge trank. Bei dem Abendgesang im Freien stand er neben mir und kotzte dann einen kräftigen Wasserstrahl in die Botanik. Da bekam er natürlich richtig Ärger. Beim Mittagsschlaf musste es immer mucksmäuschenstill sein und die Schwestern haben auch immer wieder nachgeschaut und kontrolliert. Ich wurde auch einmal erwischt und konnte zwischen zwei Bestrafungen wählen, entweder eine Ohrfeige mit Anlauf oder 50 x an- und ausziehen. Ich entschied mich für die zweite Variante und musste es dann unter Aufsicht machen. Allerdings gab es auch eine pikante Situation, denn wir Jungs waren natürlich neugierig und interessierten uns schon ein wenig für das andere Geschlecht. In unserem Zimmer gab es 4 (?) Jungs und als einmal eine Schwester Anfang 20 zu uns kam, haben wir sie ausgefragt wie das mit dem küssen so ist und was ein Zungenkuss ist und wie das funktioniert. Sie war da völlig unkompliziert und hat es jedem von uns, der es wollte, in der Praxis beigebracht.
Ein Schlüsselerlebnis war für mich das Wegsperren in eine Besenkammer am Ende des Ganges.
Wer hat Ähnliches erlebt dort.
Ich würde mich gerne über die Vorfälle austauschen.
Es war und ist eigentlich immer noch ein Schock für mich, welche Dimensionen das alles hatte.
Angeblich hatte ich eine Lungenreaktion , die sich bei der Einschulungsuntersuchung zeigte, ausserdem war ich viel zu dünn. Meinen Eltern wurde deshalb ein Aufenthalt an der See vorgeschlagen, sie entschieden sich aber für einen Aufenthalt in der Nähe, wo man mich wenigstens 1 x pro Monat für zwei Stunden besuchen durfte. Die Wahl fiel auf die Lungenheilstätte in Aprath Düssel.
Der Aufenthalt war eine Katastrophe :
Post wurde geöffnet, Pakete ebenfalls , Inhalt wurde eingezogen, Süssigkeiten an alle verteilt, jeden Tag ein Bonbon, Spielsachen wurden bis auf ein Teil, ebenfalls für alle eingesammelt.
Bin mir nicht mehr sicher, ob Jungen und Mädchen getrennt waren, ich glaube aber es war so.
Kleinere Kinder bis ca 6 Jahren ,lagen in einem Schlafsaal mit ca 30 Betten.
Einmal im Bett, durfte man nicht mehr raus, ab 20 Uhr war Nachtruhe, man durfte auch nicht mehr reden. Wurde man erwischt , mussten sich alle vor die Betten stellen und man bekam mit einem langen Holzlineal was auf den nackten Po. Alle hatten auch nur das gleiche lange ,weisse Nachthemd an.
Tagesablauf : Aufstehen, Waschen, Anziehen-teils mit Hilfe Älterer, in Zweierreihen im Gang aufstellen-dann bekam man Tabletten oder Medikamentensaft ( zum Ruhigstellen ? ) anschließend ein Bonbon, Frühstücken, Liegehalle 4 Stunden im Freien, still auf dem Rücken liegen-Mittagessn, Mittagsschlaf auf dem Zimmer oder bei schönem Wetter auf dem Balkon,danach wieder 3 Stunden auf den Liegestühlen, Abendbrot,danach Spielzeit, dann ab ins Bett.
Gemeinschaftstoiletten 12 Schüsseln ohne Trennwände oder Türen
Gemeinschaftsbad – Kinder in der Schlange hintereinander, immer mehrere hintereinander in einen Zuber , 1 x pro Woche, dann gab's frische Sachen zum Anziehen. Die Spinde mit den Sachen standen vor den Zimmern, hatte man sich in der Woche schmutzig gemacht , oder eingenässt, musste man warten, bis es am Wochenende frische Sachen gab.
Zum Essen und zu den Liegezeiten gings in Zweierreihen. Es musste alles gegessen werden , vertrug man was nicht oder musste brechen, musste das Erbrochene wieder aufgegessen werden, bzw. man musste so lange am Tisch sitzen bleiben, bis der Teller leer war und wenn es Stunden dauerte.
Brach man auf den Boden, musste man den Boden selber sauber machen
Die größeren Kinder mussten bei den Kleineren helfen, waschen, anziehen Haare kämmen. Da ich Zöpfe trug, war das für die größeren Kinder zu schwierig sie zu flechten, deshalb wurden sie mir , ohne Rücksprache mit meinen Eltern kurzerhand abgeschnitten.
Ich denke 1 x pro Woche wurde man medizinisch untersucht,gewogen, öfters bekam man Spritzen in den Po oder Tabletten, worum es sich dabei handelte , weiss ich nicht ,wurde wahrscheinlich auch den Eltern nicht mitgeteilt. (Conterganversuche ? ) Ein Dr. Simon hatte die ärtztliche Leitung .
Die Eltern durften 1 x im Monat , sonntags für zwei Stunden zu Besuch kommen, das war jedesmal mit Heimweh verbunden.
Am Abholtag hat meine Mutter den Bus verpasst, der nur alle paar Stunden fuhr und ich sass von 9 Unh bis 12 Uhr auf gepacktem Koffer, mit der Angst nicht abgeholt zu werden. Vor allem auch deshalb, da meine Eltern in der Zeit meines Heimaufenthalts zum 1 x mit meinem Bruder nach Hilchenbach in Urlaub gefahren sind, ich bekam eine Postkarte mit sw Ansichten als Leparello in einem Rucksach von einem kleinen Jungen auf Wanderschaft , was mich sehr traurig machte.
Als fröhliches , an allem interessiertes Kind wurde ich verschickt und als trauriges und agressives Kind kam ich wieder nach Hause. Von da an hatte ich kein Vetrauen mehr zu den Erwachsenen. Ich hatte immer das Gefühl nirgendwo dazuzugehören, das ging soweit , dass ich dachte , ich wäre adoptiert.
Ob meine chronischen Erkrankungen - Morbus Chron u.a. auf die erhaltenen Medikamente zurückzuführen sind kann ich nicht sagen, aber möglich wäre es. Meine Psychischen Probleme hängen garantiert damit zusammen.
Meine Mutter brachte mich mit dem Zug nach Hagen. Sie fragte dort eine andere Mutter, die mit ihrer etwa zwei Jahre älteren Tochter auch dort wartete, ob sie vielleicht ein wenig auf mich aufpassen könne, während der Zugfahrt und dem Aufenthalt in Wangerooge. Leider hat sich dieses Mädchen nicht für mich interessiert und die ganzen sechs Wochen kein Wort mit mir gesprochen. So war schon die Zugfahrt von Angst und Verunsicherung geprägt. Auf der Fähre wurde es mir schlecht und ich musste mich übergeben. Hilfe gab es nicht. Im „Haus Sonnenschein“ teilte ich mir ein sehr kleines Zimmer mit zwei anderen Mädchen, die sich kannten, da sie aus einem Kinderheim kamen. Ich hatte fürchterliches Heimweh und musste die ganze Zeit heulen. Einmal in der Woche war Schreibtag und ich schrieb eine Karte an meine Eltern, dass es hier schrecklich sei. Die Karte wurde von den Aufpassern zerrissen und ich musste eine neue schreiben, aus der hervorging, wie schön doch alles hier sei. Ein Mädchen aus einem Berliner Waisenhaus, namens Elke, meinte, sie wüsste, wo der Briefkasten sei und ich sollte eine neue Karte schreiben. Leider wurde sie erwischt und was genau folgte weiß ich nicht mehr. Im Hallenbad mussten wir uns vor allen nackt ausziehen und wurden in Holzbottiche gesteckt. Danach Gesicht zur Wand und wir wurden von einem Mann mit einem Schlauch kalt abgespritzt. An Nikolaus bekam ich ein Päckchen mit einer großen Puppe aus Schokolade. Die Puppe wurde mir abgenommen und alle brachen sich ein Teil ab. Mir wurde nichts gegeben. An weitere Details kann ich mich nicht mehr erinnern. Als ich wieder zu Hause war habe ich nur geweint und geklagt. Meine Mutter ging aber nicht darauf ein. Als ich wieder in die Schule ging, las der Lehrer eine Karte von mir vor, die ich Wangerooge an meine Klasse schreiben musste. Ich schrieb“ morgens um 7 gehe ich ins Bett und abends um 7 stehe ich auf“. Von der ganzen Klasse wurde ich wegen dieser Verwechselung ausgelacht. Obwohl es viel schlimmere Erlebnisse gibt, so kann ich doch sagen, dass diese Erlebnisse meiner persönlichen Entwicklung sehr geschadet haben. Sollte jemand in dieser Zeit ebenfalls in Wangerooge gewesen sein, würde ich mich über eine Kontaktaufnahme freuen.
Ich sollte in der Kur zunehmen, das Essen war so schlecht, dass ich angenommen habe.
In meinem Zimmer war eine Bettnässerin, die Räume ließen sich nicht richtig lüften, daher stank es erbärmlich.
Für das Frühstück nahm ich immer 2 Scheiben Billigwurst mit aufs stinkende, viel zu warme Zimmer, damit ich am Morgen nicht Pflaumenmus essen musste ( ich kann das bis heute nicht essen).
Im Mittagessen waren oft undefinierbare Dinge evtl. Erbrochenes.
Aufenthalte: 1970 in Wiesensteig, Kinderkurheim Bläsiberg und 1972 in Brissago, Lago Maggiore, Kinderkurheim Miralago
Ich vermute, das war beide Male in den Sommerferien.
Meine Mama hat vor der Erholung Namensschilder in meine Kleidung genäht.
Die meisten Erinnerungen an die Heime habe ich wohl tief vergraben oder verdrängt.
Zu Wiesensteig:
Ich war das erste Mal alleine von zuhause weg. Ich hatte Heimweh, Kontakt nach Hause durfte ich nicht haben. In einer Postkarte habe ich meinen Eltern geschrieben „Ich bringe viele Briefmarken mit nach Hause. Evi und Micki in meinem Zimmer sind sehr frech zu mir. Uns geht es gut“. Wer Post von zuhause bekommen hat wurde im Speisesaal aufgerufen. Ich habe auch einmal ein Päckchen mit Süßigkeiten von Zuhause bekommen, ob das aufgeteilt wurde kann ich mich nicht erinnern.
Zum Frühstück gab es manchmal Schokopuddingsuppe und als Getränk Hagebuttentee.
Beim Essen musste ich solange vor meinem Teller sitzen bleiben bis er leer gegessen war, egal ob ich es nicht mochte oder satt war. Dies hat sich bei mir eingebrannt und ich habe mir geschworen niemals ein Kind zum Essen zu zwingen.
Wir mussten jeden Tag Mittagschlaf machen. Ich kann mich noch gut an die Liegen mit den Decken an der Turnhalle erinnern.
Im Garten war eine Schaukel und ein Drehkarussel. Vom Drehkarussel wurde ich runterkatapultiert und habe mir das Handgelenk verstaucht. Eine „Tante“ ist mit mir zum Arzt gefahren, dort habe ich eine Gipsschiene bekommen. Meine Eltern wurden nicht informiert. Als die Heimreise anstand wurde mir die Schiene abgenommen, damit ich „heil“ daheim ankomme. Es folgten 15 Jahre erhebliche Schmerzen im Gelenk, erst mit Homöopathie konnte ich das ausheilen.
Schön war jedenfalls, dass ein Nachbar uns Kinder mit seinem Traktor und Heuwagen mal mitgenommen hat.
Zu Brissago:
Die Anreise war mit dem Zug ab Stuttgart bis Locarno. Vermutlich von dort aus mit dem Bus bis Brissago.
In Brissago hatten wir junge, heute würde man sagen „coole“ Erzieherinnen. Wir sind oft in der Gruppe an das Ufer am Lago Maggiore gelaufen. Ich hatte dort einen Freund, Frank S. aus Sindelfingen. Wir haben uns noch eine Zeitlang geschrieben als wir wieder daheim waren. An die Namen der anderen Kinder kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich kann mich noch an ein Mädchen erinnern das eine Perücke trug, warum das so war weiß ich nicht mehr (sie ist auch auf meinem Gruppenbild).
Mittagschlaf machten wir auch hier, im Matratzenlager vom Pavillon.
In einer Karte an zuhause habe ich geschrieben „Jeden Montag ist Schreibtag, wir sind zu acht im Zimmer und müssen jede Woche duschen“. In den Waschsaal gingen wir in Unterhose und mit einem kleinen Handtuch, das zeigen meine Bilder.
Bei der Ankunft musste ich ein Lieblingskleidungsstück zur Seite hängen für die Heimreise. Ich habe mich für meinen nagelneuen Hosenanzug entschieden. Leider habe ich in den 6 Wochen mehr als 4 Kilo zugenommen und der Hosenanzug war zu eng.
Mein Bruder wollte mich damals besuchen (er hatte schon den Führerschein). Er hatte ein Paket mit Kleidung gebracht, das wurde mir auch gleich übergeben. Er wurde aber nicht vorgelassen zu mir. Dass ich meinen Bruder nicht sehen durfte, obwohl ich erfuhr, dass er vor der Tür stand, tat mir sehr, sehr weh. Das Argument war Heimweh.
Das Highlight war einmal abends, da wurde ein halber Raclette Käselaib im offenen Kamin vom Speisesaal erwärmt, das war sehr lecker und ich denke gerne daran.
Seit vielen Jahren leide ich unter Ängsten. Die meisten Probleme machen mir Trennungsängste, Verlustängste, Druck, Bevormundung, hilflos, ausgeliefert, alleine zu sein.
Mir wurde immer wieder empfohlen doch eine Reha zu machen, aber ich wollte nie von zuhause weg.
Durch einen emotionalen Ausnahmezustand mit einigen somatischen Beschwerden wurde ich hellhörig als im Fernseher ein Bericht über „Verschickungskinder“ kam. Vielleicht habe ich nun noch Erklärungen gefunden für Teile meiner Verhaltensweisen. Dass auch die „Erholungen“ dazu beigetragen haben.
Zum Beispiel warum ich immer für meine Kinder da sein wollte und bin! Warum ich keinen Druck, Bevormundung und Ungerechtigkeiten ertrage! Warum es mir sehr schwer fällt alleine aus meinem gesicherten Umfeld zu gehen, warum allein sein oft mit Angst verbunden ist, warum ich immer Harmonie suche.
Vielleicht findet sich jemand, der auch zu der Zeit in den beiden Heimen war, vielleicht kann ich mit deren Berichten mein Gedächtnis wecken.
Die Initiatoren dieser Seite möchte ich meinen Dank aussprechen und hoffe, dass wir Verschickungskinder gesehen werden.
An ein paar Dinge erinnere ich mich: Einmal war ich "widerspenstig" und wurde unten im Waschraum von Frau Selter geschlagen. Das war nach einer Wanderung, nach der ich einfach nicht mehr konnte. Die ging bestimmt über 20 km oder mehr.
Abends nach den Schlägen habe ich ins Bett gemacht, was ich schon lange nicht mehr getan hatte. Ich habe mich nicht getraut, etwas zu sagen und in der Pfütze weitergeschlafen, bis es irgendwann wieder trocken war.
Auch an das Gurgeln von Salzwasser erinnere ich mich. Schrecklich! Und irgendwann im Laufe des Tages gab es diesen furchtaren Brottrunk, der schmeckte wie Essigwasser. Mag ja vielleicht gesund gewesen sein für Erwachsene, aber für uns Kinder war er eine Folter. Wir haben uns alle davor geekelt. Briefe wurden kontrolliert und alle schrieben natürlich, wie toll es dort doch angeblich war. Wehe, man hätte etwas anderes geschrieben.
Frau Selter war wirklich ein furchtbarer Drachen, schon von ihrem matronenhaften Äußeren her. Ich erinnere mich noch daran, dass sie sogar einen Kinnbart hatte. Das machte sie für uns Kinder nicht sympathischer.
Während der Zeit wurde ich krank und bekam wohl Scharlach, wie man später zuhause an den Symptomen erkannte. In Brilon selbst wurde nichts dagegen getan. Ich musste weitermachen wie die anderen. Ich war erschöpft und froh, als es vorbei war. Auch meinen Eltern fiel auf, dass ich in viel schlimmerem Zustand nach Hause kam als ich abgereist war.
in diesem Punkt zum ersten Mal ernst genommen und ich habe nie gelogen in Bezug auf meine
Erinnerungen.
Und ich war nicht die Einzige.
Aber es hat mich auch erschüttert, aufgewühlt. Das Begreifen, „ich war dabei, es ist alles wahr“,
hat mich auch erst einmal sprachlos gemacht und still werden lassen. Nachdenklich, meine Gedanken
und Gefühle erst einmal ankommen lassen und überhaupt zuzulassen.
Und ich hatte plötzlich keinen Hunger mehr, nur Durst.
Die Erkenntnis, das heim- und zeitunabhängig über ganz Deutschland diese grauenhaften Taten
belegt worden sind (und hoffentlich noch weiter belegt werden), beweist: Das hatte System! Und
war nur möglich, weil alle weggeschaut habe: Familien, Ärzte, Krankenkassen, Gesundheits- und
Jugendämter, Träger, Kirchen, Lehrer, Staat… Und es bis heute weiterhin tun.
Ich war ca. ½ Jahr alt, als ich an Asthma und Neurodermitis erkrankte und mein Kinderarzt, Dr.
Götting (Paderborn), den ich als mit-leidenden, freundlichen Mann erinnere, alles versucht hat,
um mir zu helfen. Vermutlich hat er meinen Eltern zu dieser „Kur“ geraten, was damals ja offenbar
durchaus üblich war.
Aufgewachsen bin ich mit zwei Schwestern (*1966 und *1967) in einem liebevollen, fürsorglichen
Elternhaus, das katholisch geprägt war und in dem die christlichen Werte gelebt wurden. Die
Familie habe ich immer als Schutzraum empfunden gegen „Feinde“ von außen. Auch meine
Schwestern waren immer meine Verteidiger, wenn andere Kinder aufgrund meiner „kaputten“
Haut gegen mich waren. Echte Freunde / Freundinnen hatte ich aber nicht. Wir wohnten damals
außerhalb von Stadt und Dorf und Mobilität gab es nicht. Meine Mutter war zuhause und für sie
war das Mutter-Sein eine echte Berufung, die sie selbst für sich frei gewählt hatte und bis heute
lebt. Mein Vater war zwar der klassische Versorger, aber immer für uns da, liebevoll, fürsorglich
und weitblickend, fantasievoll und humorvoll. Meine Mutter war, so vermute ich heute, mit drei
Kindern, davon einem sehr kranken, trotz all ihrer Mühe oft am Ende ihrer Kräfte. Mein Vater hat
sie unterstützt, wo er konnte und immer darauf geachtet, dass sie selbst nicht zu kurz kommt.
Vor diesem Hintergrund ist wahrscheinlich auch die Entscheidung, mich in eine „Kur“ zu schicken,
damit es mir besser geht, gefällt worden.
Interessanterweise bringe ich meinen Vater überhaupt nicht mit den Erlebnissen um das Thema
Borkum in Verbindung, vermutlich, weil er bei Abfahrt und Rückkehr nicht dabei war. Was ich
erinnere, ist seine Umarmung, als ich wieder zu Hause war und das Gefühl: „Ich bin in Sicherheit!“
Meine Mutter vermutet, die „Kur“ könnte über die Barmer Ersatzkasse oder auch über die Caritas
gelaufen sein, an den Namen des Heims und ob es ein kirchlicher Träger war, erinnert sie sich
nicht.
Ich war gerade 6 Jahre alt geworden, als ich von Paderborn aus in ein Heim auf Borkum verschickt
wurde. Meine Mutter erzählt, dass sie einige Zeit vor der Abfahrt noch ein Foto hat machen lassen,
auf dem sie vermerkt hat, dass ich 6 Jahre alt war. Damit müsste es Oktober / November
1970 gewesen sein. Dazu passen auch meine Erinnerungen an Borkum: draußen kalt und grau,
es gab keine Sonne, Blumen oder grüne Bäume; drinnen immer nur spärlich beleuchtet und viele
graue Farbtöne.
Auch die Rückfahrt nach der „Kur“ passt zur diesem Zeitfenster: Meine Mutter, meine Oma und
ich sind mit dem Bahnbus gefahren, da war es schon dunkel. Meine Mutter weiß noch, dass der
letzte Bus von Paderborn in unseren Ort entweder um 16:30 oder 17:30 fuhr, damit kann es nicht
im Sommer gewesen sein. Ich erinnere mich an das Licht im Bus und die Sitze: sie waren aus
einem dunkleren roten Plastik und durchzogen mit bräunlichen Äderungen und sahen aus wie
Blut.
Zur Abfahrt hatten mich meine Mutter und meine Oma gebracht. Ich erinnere mich noch an die
Karte um den Hals und dass die Bänke im Zug aus Holz waren und der Po vom langen Sitzen
wehtat. Der Rest ist weg, ebenso die Fährfahrt und die Ankunft. Auch an das Haus habe ich keine
Erinnerung. Trotz Sichten alter Bilder und einem Besuch auf der Insel vor ein paar Jahren kam da
nichts wieder.
Die Erinnerung an den Aufenthalt auf Borkum kann ich in keine Zeitachse packen; ich kann nur
einzelne Situationen erinnern, aber nicht, was zuerst oder was zuletzt war.
Ich habe auch keine Erinnerung, dass ich je in einem riesigen Schlafsaal war, auch nicht an andere
Mädchen (außer einer) und schon gar nicht an Jungen. Daher kann ich nur die einzelnen Bruchstücke
aufschreiben, die mir aber noch absolut präsent sind:
Bruchstück 1:
Ich war allein in einem Zimmer und saß in einem Gitterbett. Gegenüber auf einem hohen Schrank
saß hoch oben mein Teddybär, den mir Pater Sonntag von der Mission Mariental in Süd-West-
Afrika (heute Namibia) extra für diese „Kur“ geschickt hatte. Der Teddy war unerreichbar für mich
und ich habe ihn danach auch nie wieder gesehen oder gar zurückbekommen. Das Bettlaken war
nass und voller Blutflecken und -streifen, weil ich mich offenbar gekratzt hatte. Jemand in weißer
Kleidung saß neben mir und zeigte mir eine Postkarte mit Teddybären darauf und hatte ein Päckchen
von meinen Eltern dabei. Was darin war, durfte ich nicht sehen und habe den Inhalt auch
nie bekommen. Nur die Karte durfte ich kurz anschauen, aber nicht anfassen oder gar behalten.
Auch sie war danach weg. Vorgelesen wurde sie nicht. Weil das Bett so schmutzig war, musste
ich es abziehen und mit der Schwester (ich vermute, es war eine wegen der weißen Kleidung) im
Waschraum waschen. Die braunen Flecken vom Blut hab ich nicht wegbekommen, deshalb
musste ich solange waschen, bis sie ganz blass waren. Der Boden war eiskalt und ich durfte keine
Schuhe tragen. Und es brannte nur ganz wenig Licht. Irgendwann waren dann viele hohe Stimmen
da, die mich ausgelacht haben, es gibt aber keine Körper oder Gesichter dazu.
Diese Prozedur musste ich immer wieder machen, weil ich oft ins Bett gemacht habe und mich
blutig gekratzt habe. Vielleicht war ich auch immer nur in diesem Einzelzimmer. An Medizin oder
Salben kann ich mich nicht erinnern, auch nicht an einen Arzt.
Bruchstück 2:
Ich erinnere mich an den Waschraum mit ganz vielen Waschbecken in einer langen Reihe mit
Spiegeln darüber, aber die waren zu hoch, ich kannte mich nie sehen. Der Raum war ganz kalt
und dunkelgrau gestrichen. Es gab kein helles Licht, nur eine einzige Leuchte unter der Decke.
Auf den Waschbecken lagen Zahnbürsten und Zahnpasta. Ganz viele Kinder hatten diese rosafarbene
Blendi-Kinderzahnpasta, die es auch heute noch unverändert gibt. Ich bin immer wieder in
diesen Waschraum geschlichen und habe diese Zahnpasta gegessen, die war lecker und
schmeckte nach Himbeeren. Ich erinnere außer mir kein einziges Kind in diesem Raum, auch kein
gemeinsames Waschen oder Zähneputzen. Auch dass ich dort hinschleichen konnte, legt die Vermutung
nahe, dass ich in einem Einzelzimmer untergebracht war, vielleicht, weil ich keinen anstecken
sollte.
Den Geruch und den Geschmack dieser Zahnpasta finde ich heute noch angenehm.
Bruchstück 3:
Ich erinnere mich an einen endlos langen, kalten und dunklen Flur, der wie alles nur spärlich
beleuchtet war. Auf beiden Seiten waren viele Türen, aber alle geschlossen. Und es war ganz still.
Am Ende des Flurs gab es kein Fenster, dafür aber eine dunkle Ecke. Die Wände waren dunkelgrau
und ganz glatt und kalt, so wie der Fußboden. In dieser Ecke musste ich immer wieder stehen,
wieso, kann ich nicht sagen. Vielleicht wegen dem verschmutzen Bett, weil es nie besser wurde
mit dem Ins-Bett-Machen und sich-blutig-kratzen. Ich war immer barfuß und hatte ein
Nachthemd an, aber keine Unterhose und keine Decke. Ich musste immer auf die Wand schauen
und durfte mich nicht umdrehen. Wie lange das jeweils gedauert hat, weiß ich nicht, es fühlte ich
an wie eine Ewigkeit. Manchmal war auch dort das Gelächter der hohen Stimmen, auch an die
Worte „kaputte Haut“ erinnere ich mich. An Schläge erinnere ich mich dagegen nicht. Aber daran,
dass ich mir in dieser Ecke immer das kleine Mädchen aus dem Märchen „Das kleine Mädchen
mit den Schwefelhölzchen“ vorgestellt habe. Es ist bis heute mein Lieblingsmärchen und wenn
ich es vorlese, wird meine Stimme immer ganz brüchig, manchmal kommen auch Tränen.
Bruchstück 4:
Ich erinnere mich, dass es eine Nachtschwester gab. Aber sie sah nicht aus wie eine Schwester
oder Nonne, sie hatte keine Haube. Sie hatte dunkelgraue Haare, ein graues Kleid an und der
Stoff war etwas rau. Sie saß auf einem Stuhl bei den Toiletten. Sie sah aus wie meine Kindergärtnerin
Tante Lisbeth. Bei ihr war ich einmal (vielleicht auch öfter) in der Nacht. Dazu musste ich
eine Treppe hoch. Mit ihr verbinde ich die Worte gütig und tröstend. Erlaubt war das nicht, wir
durften nachts nicht zur Toilette gehen. Wieso ich trotzdem da war, kann ich nicht sagen, vielleicht
auch das ein Hinweis auf das Einzelzimmer. Diese Nachtschwester war jedenfalls die einzige
Person, die so etwas wie ein Gesicht hatte.
Bruchstück 5:
Von meiner Betreuerin erinnere ich nur die Rückenansicht. Sie hieß Fräulein Niederegger (ich
denke, es wird so geschrieben), den Begriff „Tante“ erinnere ich nicht.
Sie hatte lange schwarze glatte Haare bis zur Mitte des Rückens, sie waren strähnig und fettig.
Sie hatte einen extrem breiten Hintern und dicke Oberschenkel. Sie trug immer schwarz und
hatte eine schwarze Feincord-Hose mit dem braunen Wrangler-Etikett. Wenn sie lief, gab es immer
das typische Geräusch, das Cordhosen machen, wenn die Beine aneinander reiben. Dieses
Geräusch erzeugt bei mir bis heute ein ungutes Gefühl. Ich habe nie diese Cordhosen und schon
gar nicht die Marke Wrangler getragen oder tragen wollen.
Bruchstück 6:
Der Speisesaal war ein riesiger Raum in einem vergilbten beige, aber genau wie alle Räume immer
kalt. Der Tisch war ziemlich hoch, so dass ich fast mit dem Kinn an die Platte kam. Es gab
keine Blumen oder Tischdecken. Auch kein Besteck, nur einen Löffel. Der Teller immer so voll,
dass er fast überlief. Auch hier erinnere ich keine anderen Kinder oder Stimmen. Gefühlt war es
total still.
Ich erinnere mich nicht, dass das Essen farbig war, nur an graue oder grau-beige Farben. Es gab
auch keinen Geschmack. Alles war irgendwie gleich, eher pampig und sehr fettig. Ekelig war das
Fleisch: meist zäh, mit dicken Fettbrocken, sehnig und mit viel Knorpel. „Schneiden“ musste ich
das mit dem Löffel, was nie gelang. Das Brot schmeckte immer staubig, offenbar war es alt und /
oder schimmelig. Noch heute kann ich Schimmel sofort riechen und esse nur absolut mageres
Fleisch.
Ich musste immer alles aufessen und mir war immer schlecht danach, weil es einfach zu viel war.
An einmal kann ich mich erinnern, dass ich alles wieder ausgebrochen habe. Dann hat mich jemand
ohne Gesicht in den Nacken gepackt und mir alles wieder eingelöffelt, bis endlich alles leer
war. Ich hab mich mehrmals übergeben, weil das einfach so ekelig war und so hat das ziemlich
lange gedauert, bis ich fertig war.
Bis heute kann ich es nicht haben, wenn mich jemand im Nacken packt oder durch die Haare
wuselt. Und bis heute muss ich würgen, wenn im Fleisch mal eine Sehne auftaucht, die ich übersehen
habe. Auch sobald ich sehe oder höre, dass sich jemand übergibt, löst das Würgereiz bis
hin zum tatsächlichen Erbrechen aus, selbst bei geruchs- und geräuschlosen Szenen in Filmen
muss ich rausgehen oder die Augen und Ohren schließen. Ich bin ausgebildeter Ersthelfer und
habe schon viele schlimme Verletzungen gesehen, aber wenn sich da jemand übergeben hat,
kann ich nichts mehr tun.
Einmal gab es Grießbrei mit Kirschen (da war dann doch Farbe). Der Brei war wie Beton und völlig
ohne Geschmack, aber die Kirschen waren lecker. Die Kirschkerne hab ich geschluckt, vor lauter
Angst, sie auf den Teller zu legen. Und ich hatte Angst, dass sie im Bauch werden wie die Wackersteine
und ich daran sterbe. Aber das ist zum Glück nicht passiert.
Kirschen liebe ich heute noch, Grießbrei würde ich freiwillig nie wählen, ob wohl ich auch schon
leckeren gegessen habe und nicht würgen musste.
Außerdem erinnere ich mich, dass ich ständig Durst hatte. Es gab ganz wenig zu Trinken und dann
nur roten Tee mit einem üblen Nachgeschmack, der noch mehr Durst machte. Manchmal hab ich
heute noch echte Durstattacken, in denen ich dann sofort trinken muss. Das ist wie eine Art
Zwang. Roten Tee verabscheue ich heute noch.
Bruchstück 7:
An Borkum als Insel oder an das Meer habe ich so gut wie keine Erinnerungen. Ich glaube, wir
waren so gut wie nie draußen. Aber ich erinnere mich auch drinnen an keinen Raum, wo wir
gespielt hätten oder gebastelt. Auch nicht an Gruppen mit anderen Kindern. Da ist einfach nichts.
Einmal waren wir in einem Wellenbad. Die Halle war riesig und es roch eigenartig, vielleicht nach
Salz, weil auch das Wasser salzig war. Wenn ich Wasser geschluckt hatte, musste ich würgen. Die
Wellen waren riesig und ich hatte Angst, unterzugehen. Es waren noch andere Menschen im Bad,
aber die waren immer weit weg und sahen ganz winzig aus. Meine Haut hat höllisch gebrannt,
weil das Salz in die aufgekratzten Wunden kam. Zum Abtrocknen gab es Handtücher, die ganz
steif und hart waren und nicht richtig getrocknet haben. Hinterher war meine Haut ganz trocken
und ist immer wieder aufgeplatzt. Und dann war das Bett wieder blutig und die Waschprozedur
kam. Noch heute meide ich Schwimmbäder und Meerwasser.
Bruchstück 8:
Ähnliches erinnere ich auch von den Duschräumern. Duschen kannte ich nicht, wir hatten zu
Hause nur eine Badewanne. Hier erinnere ich auch andere Kinder, vermutlich Mädchen, aber alle
ohne Gesichter. Wir mussten uns zum Duschen alle nebeneinander nackt aufstellen. Das Wasser
kam aber nicht von oben, sondern aus einem Gartenschlauch. Es war ein ganz harter Strahl und
eiskalt. Es brannte auf meiner Haut und der harte Strahl tat weh. Seife gab es nicht. Einmal hab
die Arme um mich gelegt als Schutz: Da musste ich nach vorne kommen und wurde noch mal
„abgeduscht“. Und wieder mussten alle anderen mich auslachen. Wieder diese hohen Stimmen
und die Worte „kaputte Haut“.
Bruchstück 9:
Einmal waren wir in den Dünen. Ich bin mit einem Mädchen (an weitere Kinder erinnere ich mich
nicht) zusammen eine Düne hochgelaufen. Das Mädchen hatte einen roten Hut auf, ähnlich einem
Fes, nur die Quaste war eher ein schwarzer, dickerer Faden. Kurz bevor wir oben waren,
stand oben am Rand der Düne ein Mann, der sich gegen den grauen Himmel abhob und aussah
wie Zorro: mit dem Hut und einem schwarzem wehenden Umhang, der sich aufgebläht hatte.
Alles an dem Mann war schwarz, auch er hatte kein Gesicht. Er kam auf uns zu und wir sind
umgedreht und gefühlt um unser Leben gerannt. Diese Angst kann ich sogar jetzt wieder fühlen,
während ich dies schreibe.
Nach dem „Kuraufenthalt“ bin ich in die 5. Klasse auf’s Gymnasium gekommen. Ich war die einzige
aus der Grundschule, die auf das Mädchengymnasium kam, kannte dort also niemanden. Die
erste, die mir auffiel, war Anke W.. Ich bis heute zu 100 % sicher, dass sie das Mädchen mit dem
roten Hut war. Ich fragte sie, aber sie hatte es verneint. Später, ich war 17. oder 18 Jahre alt,
habe ich sie noch einmal darauf angesprochen: auch da hat sie behauptet, nie auf Borkum gewesen
zu sein. Diesmal allerdings mit einer ziemlichen Aggressivität und Wut in ihrer Stimme. Ich
habe sie danach nie wieder gefragt. Und bis heute begegne ich ihr mit einem gewissen Argwohn,
ich traue ihr irgendwie nicht.
Interessanterweise hatte ich in der Zeit in Pädagogik das Thema „vernachlässigte Kinder“. Mein
damaliger Lehrer sagte mir später einmal: „ich war sicher, Du würdest Pädagogik oder irgendetwas
Soziales studieren.“
Bruchstück 10:
Vermutlich eher zum Ende des Aufenthaltes müssen wir in der Stadt gewesen sein. Ich hatte ein
Leporello mit Bildern von Borkum mit nach Hause gebracht. Darauf war auch ein Foto vom berühmten
Wal-Knochenzaun in der Kirchenallee zu sehen. Den Zaun habe ich beim Besuch auf der
Insel wiedererkannt. Das Leporello hatte ich lange, irgendwann ist es verschwunden. Geblieben
ist nur das Bild vom Wal-Knochenzaun, alle anderen sind verschwunden oder basieren auf den
Bildern vom Besuch auf der Insel.
Besonders mögen tue ich Borkum nicht.
Als ich wieder zu Hause war, sagte meine Mutter: „Das ist nicht mehr das Kind, das wir losgeschickt
hatten! Nie wieder gebe ich ein Kind weg !“ Ich glaube, sie leidet bis heute unter dieser
Entscheidung, obwohl sie wirklich nur das Beste wollte.
Ich war trotz meiner Erkrankung den Erzählungen nach ein fröhliches, aufgewecktes und positives
Kind. Als ich zurückkam, war ich nur noch still und unauffällig, fast unterwürfig. Vieles davon
ist geblieben: ich mag auch heute noch keine Feiern oder Ereignisse, in denen ich der Mittelpunkt
bin. Immer noch habe ich diese Angst, ich könnte nicht gut genug sein, es geht etwas schief, weil
ich nicht alles bedacht habe, oder es kommen keine Leute, weil man mich doch nicht mag.
Ganz früh nach dieser „Kur“ wusste ich sicher und klar, dass ich niemals Kinder haben will.
Obwohl meine Mutter und meine ganze Familie alles getan haben, um mich wieder aufzubauen,
hat das Verhältnis zu meiner Mutter einen Knacks bekommen, der erst seit 2016 (Herzinfarkt
meines Vaters), also nach 50 Jahren, so langsam zu heilen beginnt. Was für eine Zeitspanne!
Mein Selbstvertrauen und Selbstsicherheit waren verschwunden. Statt dessen war das Gefühl,
nicht den Anforderungen zu genügen, ein permanenter Begleiter. Selbst wenn es belegbar war,
z.B. durch gute Zeugnisnoten, habe ich es nicht geglaubt.
Auch bedingt durch meine „kaputte“ Haut hatte ich jahrelang keine echten Freunde oder Freundinnen.
Ich habe lange versucht, durch lauter Unfug Freunde zu kaufen. Das konnte natürlich
nicht gelingen. Ich war der Klassenclown, aber nicht wirklich lustig. Lustig gemacht haben sich die
anderen über mich - Geschichte wiederholt sich halt. Irgendwann war ich dann nur noch still und
angepasst. Die Erfahrung zeigt: das läuft gut, ich war nicht mehr angreifbar. Die ersten Freunde
waren eine Gruppe von Jungen, da war ich fast 17 Jahre alt. Wenn etwas nicht so lief, haben sie
es mir direkt ins Gesicht gesagt und dann war es gut. Sie haben nie nachgetreten oder nachgetragen.
Bei den Mädels war das anders, denen konnte ich nie wirklich vertrauen. Das ist bis heute
so geblieben. Frauen gegenüber bin ich sehr vorsichtig und zurückhaltend. Wenn überhaupt, erfahren
sie erst nach langer Zeit etwas über mich.
Dafür begann ich, mich zu Hause anders zu verhalten: ich habe mit meinen “Heldentaten“ draußen
geprahlt, die es aber tatsächlich nie gab. Ich behauptete, die Größte zu sein, in Wahrheit war
ich ganz klein und unsichtbar. Ich wollte einfach nur Anerkennung dafür, dass es mich gab. Hatte
ich das Gefühl, sie nicht zu bekommen, wurde ich sauer, es folgen die Türen, zu argumentieren
hatte ich nie gelernt. Dieses Verhalten habe ich nur meiner Mutter gegenüber an den Tag gelegt.
Als ich einmal beim Ladendiebstahl einer Packung Kaugummi erwischt worden wird, brach für
meine Mutter eine Welt zusammen. Die Frage nach dem Warum oder nach Hintergründen
konnte sie nicht stellen und hat mir dieses Vergehen jahrelang immer wieder vorgehalten: sie
konnte mir nicht mehr vertrauen, ich hatte wieder einmal enttäuscht. Anders mein Vater: er hat
mit mir darüber gesprochen und mir das nie wieder vorgehalten. Von ihm habe ich das Verzeihen
gelernt.
Eine wichtige Folge der Borkum-Erfahrung war, dass ich ein sehr feines Gespür für Ungerechtigkeit,
benachteiligte und ausgegrenzte Kinder und Erwachsene entwickelt habe. Auch dafür bin
und werde ich bis heute oft belächelt und ausgegrenzt: dass ich immer den Schwachen in der
Klasse geholfen habe. Bei Lehrern, die keiner mochte, habe ich Kurse belegt. Und von all diesen
Menschen bin ich belohnt wurden: mit echtem Lächeln und Dankbarkeit. Das ist wahrscheinlich
das positivste, das bei dieser „Kur“ herausgekommen ist.
Heute erkenne ich sehr schnell, wohin die modernen Forderungen aus Politik und Gesellschaft
führen werden, nämlich hin zum Missachten der Rechte der Schwachen, egal ob Kinder, Behinderte
oder alte Menschen.
Um es modern auszudrücken:
Das wird ein Borkum 2.0, all diese Forderungen zum Kinderschutz im Grundgesetz inkl. Entziehung
der Erziehungshoheit der Eltern, nach dem Abstillen in die Horte und Kitas, bloß keine enge
Bindung an die Eltern, Abschaffung der Familie als Basis der Gesellschaft und als Schutzzone,
Leihmutterschaft, Abtreibungsfreigabe inkl. der Freigabe für die Forschung an Embryonen, assistierter
Suizid. Da ist der Schritt zur Euthanasie nicht weit.
All das hatten wir in den Auswirkungen in diesem System, dem wir Verschickungskinder hilflos
ausgeliefert waren.
Auch heute bekomme ich massiven Gegenwind, wenn ich das versuche klarzumachen. Dann
werde ich in die rechte braune Ecke verortet. Und dann falle ich oft in das alte Schema zurück
und werde still. Obwohl ich weiß, dass es falsch ist, bin ich dann wie gelähmt und kann nicht
dagegen angehen.
Aber trotz allem: ich komme gut zurecht in meinem Leben, habe einen wunderbaren Ehemann
und eine tolle Familie, die zusammensteht, wenn es eng wird.
Und auch einige echte Freunde mittlerweile.
Alles in allem ist es gut gelaufen, man hat es nicht geschafft, mich komplett zu brechen. Eine
kleine Genugtuung, immerhin.
Manchmal würde ich mich gerne an mehr erinnern. Vor allem interessiert mich, wieso ich mich
an keine anderen Kinder und an keine Gesichter erinnern kann. War ich vielleicht in einer Art
Einzelhaft, überwiegend isoliert und konnte ich deshalb die nächtlichen „Ausflüge“ machen?
Aber ich habe kein Vertrauen in Psychologen und Psychiater, um es aufzuklären und eigentlich
reicht der Dreck an Erinnerungen auch so.
Ich will auch kein Entschädigungsgeld, das gibt mir nichts. Wichtig ist mir, dass das Thema öffentlich
an Fahrt gewinnt und dass niemand jemals Menschen, insbesondere Kindern so etwas wieder
antun kann!
Ich habe lange gesucht um endlich diese Seite zu finden. Wie das Heim hieß weiß ich nich , es stellte sich mit einem Lied vor. Kinder wollt ihr den ponyhof sehen Faria faria ho, müsst ihr zur Barmer Ersatz Kasse gehen.., und so weiter. Bei der Barmer hatte ich mal angefragt, aber keine Auskunft bekommen. Das Heim...
Es war der Alptraum..
Ich weiß das mein Vater mich in Wuppertal zum Bahnhof brachte. Ich war sehr klein und dünn, hatte vorher lange wegen eines komplizierten Armbruchs im Krankenhaus gelegen. Ich wurde in den Zug gesetzt und als wir ankamen war mein Koffer nicht da. Man sagte mir meine Eltern wären schuld. Er kam etwas später und endlicher etwas von zuhause!
Ich wurde beschimpft, da ich keine Schuhbürste mit hatte, die aber auf der Liste stand! Jetzt sollte ich zusehen wie ich meine Schuhe jeden Tag! putzen soll! Ich wurde Abends aus dem Bett geholt, weil die Aufpasser dachten ich hätte gesprochen, hatte ich nicht, hatte schon geschlafen, ich soll doch nicht so tuen wurde mir gesagt, musst dann im Flur auf einem Stuhl sitzen und durfte nicht zur Toilette. Als ich an zu weinen fing wurde ich in den Duschraum gesperrt! Ich musste aber mal, man sagte ich könnte ja in die Badewanne machen, das habe ich dann getan. Sooo schlimm.
Wir wurde morgens nackt hintereinander aufgestellt, mit unseren Handtüchern und mussten zum Waschen und Zähneputzen, ohne Ton!!! Zu Essen gab es fast jeden Tag Quarksuppe..,ich kann bis heute keinen Quark essen! Manche mussten sich übergeben und wurden bestraft! Wir haben immer geflüstert...Komm iss es , sie werden sonst böse.. in die Ecke stellen war an der Tagesordnung! Da ich dort Geburtstag hatte, bekam ich ein Päckchen, das ich aber nicht selber auspacken durfte. Alles wurde reglementiert. Die Süßigkeiten meiner Eltern musste ich teilen und nur wenige behalten, es war auch ein Brief dabei, er wurde vorgelesen, ich habe ihn nie bekommen. Allerdings durfte ich an diesem Tag telefonieren. Ich hatte vor alles zu erzählen, aber eine Frau stand die ganze Zeit neben mir und sagte. Du willst doch nicht das deine Mama traurig ist... ich habe gesagt das alles gut ist. Einige Tage vor der Abfahrt nach Hause bekam ein Kind die Röteln. Wir durften nur nach Hause wenn wir fieberfrei waren. Also habe ich das Thermometer immer nur ein bisschen in den Mund genommen, weil es mir schon schlecht ging ich aber keinem Tag länger dableiben wollt! Es hat funktioniert! Auf dem Nachhauseweg im Zug in der Nacht, bekam ich die Röteln. Aber ich war aus dem Heim!
Fotos waren gestellt für die Eltern und wir wurdrn unter die Höhensonne gebracht.. in einen Kreis gestellt und mit Brille auf!
Ich kann mich an einem Zauberer erinnern, ein schöner Moment.
Ich hatte nicht zugenommen, hatte die Röteln und fünf entzündete Fingernägel!
Habe meine Familie nicht erkannt und kam mir verlassen vor!
Ich muss immer noch daran denken.
Ariane
Als ich zu Hause meinen Eltern von den Zuständen erzählte, beschwerte sich mein Vater bei dem Träger. Ihm wurde gesagt, ich sei verlogen und egozentrisch und damit sind niemals Konsequenzen gezogen worden.
Als ich letztes Jahr eine Reha machen musste, kamen plötzlich Erinnerungen an diese Kur und noch einen Krankenhausaufenthalt mit zwei Jahren in mir hoch. Ich hatte rasendes Herzklopfen, Schwindel und sehr hohen Blutdruck an den ersten zwei Tagen. Ich bin mir inzwischen sicher , nach einem Gespräch mit der Psychologin, dass das mit diesen traumatischen Erfahrungen damals zu tun hat.
mein Bruder und ich wurden 1986, im Alter von 5 Jahren, ins Kinderkurheim Pausa geschickt. Wir waren zu dieser Zeit keine guten Esser und
unsere Mama war in dem Glauben, dass es uns in den 4 Wochen Kur gut gehen würde.
Mit einem Ikarusbus wurden wir in Gera abgeholt und in das Kinderkurheim gefahren.
Alle Kinder mussten in 2 Gruppen in den 2 Schlafräumen warten, während die Namen geprüft wurden.
Dann wurde jedes Kind aufgerufen, musste zuerst mitgebrachte Getränke in ein Waschbecken schütten und dann durfte es sich max. ein Kuscheltier aussuchen,
während das restliche mitgebrachte Spielzeug im Koffer bleiben musste.
Die „Erzieherinnen“ waren sehr unfreundlich. Danach wurde die Gruppe rumgeführt, in den Waschraum, Hof, Essensraum und Spielzimmer.
Als Abendbrot gab es trockenes Brot, mit winzigen Mengen an Butter, fetter Wurst und einem Eierbecher! voll Gurkensalat.
Dann durften wir noch spielen, wobei das vorhandene Spielzeug schon defekt war. Zum Waschen ging es in den Waschraum, wobei wir uns
vor dem Waschen am Waschbecken mit einer Bürste kräftig „striegeln“ mussten, zur Durchblutung.
Schlafen erfolgte unter Aufsicht, wobei die Kinder, die Keine Ruhe halten wollten angebrüllt wurden, eng mit Bettzeug eingewickelt, oder zur Strafe in der
Tür stehen mussten. Tagsüber gab es kurze Wanderungen, Spielen und Beschäftigungstherapie. Kinder, die Heimweh hatten, wurden nicht getröstet.
Eines Tage wurde ein Schaf vor den Augen der Kinder geschlachtet – dies gab es zum Mittag. Meinem Bruder und mir wurde es schlecht, aber die
Erzieherinnen haben uns das Fleisch mit der Gabel reingezwungen. Heimlich haben wir es ausgespuckt und in den Taschen der Schürze versteckt.
Nachts hat sich ein Junge eingekackt – dieser musste so dann lange zur Strafe in der Tür stehen.
Nach der Halbzeit wurde ein Brief von zuhause vorgelesen und für jedes Kind ein „vom Personal“ verfasser Brief an die Eltern geschickt.
Alles in allem war es eine schlimme Zeit in der Kur, die mir deutlich bis heute in Erinnerung geblieben ist.
Ich bin in der DDR aufgewachsen und wurde 1986 im Alter von 9Jahren in das Kinderkurheim Dahmshöhe, im Ort Altthymen geschickt. In meinem SV Ausweis ist ein Vermerk darüber. Meine Mutter hat die Postkarte aufgehoben die ich von dort geschrieben habe.
Der Hauptsatz lautete,, ich bin die Bett Nummer 18,,
Das sagt schon was aus.
Leider habe ich große Erinnerungslücken...
Wenn ich die ganzen anderen Berichte lese, dann bin ich schockiert und mir wird übel. Ich fürchte ich habe schlimmes erlebt und stark verdrängt...
Es gibt so viele Probleme in meinem Leben und so viel was ich mir nicht erklären kann, wahrscheinlich hängt es mit dieser Kur zusammen.
Meine Mutter sagte mir ich war zum zunehmen dort und als ich zurück gekommen bin habe ich sie abgewiesen, nicht mehr gesprochen und war wesensverändert.
Wer von euch war auch in Dahmshöhe und kann mir weiterhelfen was da vll. Passiert sein könnte?
Wie jeder von uns befinde ich mich in einem Bereich der Aufarbeitung und Heilung....
Vll. Hilft es ja wieder einfach glücklich werden..
Danke
Bonndorf im Schwarzwald: Dort war ich im Winter zu Beginn oder vor meiner Einschulung. Die Tanten waren Schwestern, welche ein strenges Regiment führten: Toilettengänge in Mittagspausen waren nicht gestattet, so daß die jüngeren Kinder (wozu ich auch gehörte) oft einnässten und Sanktionen folgten. Alle Bilder sind in meiner Erinnerung fetzenhaft und durchweg schwarzweiß. Ich habe nur eine einzige positive Erinnerung an den Aufenthalt (auch dieses Erinnerungsbild ist schwarzweiß): Es hatte geschneit und wir durften im Wald spazierengehen, natürlich in 2er-Reihen geordnet. Meine Eltern haben uns nach 6 Wochen in Tränen aufgelöst am Bahnhof in Empfang genommen und mussten uns versprechen, daß wir dort niemals wieder hinmüssen.
St.Peter-Ording: auch im Winter, das weiß ich nur, weil ich Geburtstag (im Januar) hatte und mein Süßigkeiten-Paket nicht behalten durfte. Ich erinnere mich sonst nur, daß wir Unterricht und viel Langeweile in Nebelkammern hatten, aufgrund des Winterwetters nicht viel draußen waren, und wenn, dann oft auf dem Ponderosa-Spielplatz (paradiesischer Ort).
Bayrisch Gmain: im Sommer, trotz all der langweiligen Anwendungen war es schön, (wir haben Skat in der Nebelkammer gespielt), wir waren sehr viel draußen, es wurde gebastelt, gespielt, getanzt, gesungen, alle waren nett.
Winterberg: im Sommer, ich war schon 14 und die Älteste. Die betreuenden Schwestern waren suuuperlieb und hatten trotzdem alles im Griff - oder gerade deswegen?. Ich sollte zunehmen, weil ich spindeldürr war. Bei den Mahlzeiten stand immer eine Schwester neben mir und hat mir noch einen Schlag Müsli oder Kartoffeln aufgetan, was ich Aufessen sollte - zwar ohne Zwang, aber solange, bis der Arzt zufrieden war. Die Freizeitaktivitäten waren eher für Jüngere - inclusive Biene Maja gucken. Wir waren sehr oft Wandern im Wald - herrlich.
Nur ein paar einzelne Ereignisse sind mir tatsächlich bis heute in Erinnerung geblieben:
Ein rot-weißer VW Scheiben-Bulli brachte mich vom Bahnhof zum Kinderheim. Es herrschte ein strenges Regiment der "Tanten". Ich hatte mindestens einmal wegen irgendwas "Stubenarrest", musste also stundenlang ganz allein im abgedunkelten Schlafraum im oder auf dem Bett bleiben während die anderen Kinder draußen in der Sonne waren. Ich habe dabei wohl auch geweint.
Als ich dort wieder das Einnässen anfing musste ich einmal einen halben Tag im nassen Bett liegen bleiben. Es wurde auch so getan, als wäre ich der einzige und so wurde ich vor den anderen Kindern bloßgestellt. Dann gab es eine Gummiunterlage.
Mittags gab‘s oft Milchreis mit Zimt und Zucker, das mochte ich gar nicht, wegen dem Zimt, aber es musste immer alles aufgegessen werden. (Wahrscheinlich kommt es daher, dass ich Zimt-Geruch und Geschmack nicht ertrage.)
Einmal hat ein etwas älteres Kind an unserem Tisch (ich glaube er hieß Ansgar) den Brei wieder auf seinen Teller erbrochen. Als er sofort ängstlich das Zeug zu löffeln begann haben wir eine Tante gerufen und die hat ihm den Teller weggenommen.
Ab und zu wurde Post von Zuhause verteilt. Meine Eltern hatten mir einmal eine große Tüte Bonbons geschickt. Es wurde dann am Abend von der Tante mit großer Geste an jedes Kind in unserem Schlafraum aus der Tüte heraus genau 1 Bonbon verteilt. Und zwei Tage später sahen wir den Sohn der Chefin mit der fast leeren Tüte draußen vor dem Haus herumsitzen.
Wenn wir zum Spielen draußen waren (auf einer Wiese am Haus oder im angrenzenden Wald) bestimmten die Größeren immer über die Kleinen wie mich und wir kamen auch nie an den Ball.
Ich war wohl froh, als nach 6 langen Wochen endlich der rot-weiße VW-Bulli wieder kam und ich einsteigen konnte. Der Rentner, der mich im Zug begleitete übergab meinen Eltern dann am heimischen Hbf aus seiner braunen Leder-Aktentasche eine Tüte mit meiner letzten eingepissten Unterhose.
Ein paar Jahre später hat mir meine Mutter mal erzählt dass sie sich erschrocken hatte, als sie mich damals wieder in Empfang nahm: Die Haare waren gewachsen, ich hatte Schatten unter den Augen und war noch dünner als vorher.
Übrigens: Im Internet lassen sich bei Alt-Ansichtskartenhändlern heute noch original Nachhause-Karten der Kinder aus dem Heim finden.
- Detmold-Berlebeck (ca. 1964, 6 Jahre alt)
- Cuxhaven-Dunen (ca. 1965, 7 Jahre alt)
- Vogelkoje Sylt (1969, 11 Jahre alt)
- Wenningstedt Sylt (1970, 12 Jahre alt)
Ansonsten erinnere ich mich an die quälend langen Mittagsschlafzeiten. Ich sehe noch eine dünne grüne Raupe vor mir, die im Hof in Dunen am Feldbett vorbeiraupte. Einmal habe aus Wut ich fast ein Kind mit mit einem Eisenhocker getötet, woraufhin man erwog, mich vorzeitig nach Hause zu schicken. Ich fand mich im Recht, denn der andere war frech geworden. Verhaltensauffälligkeiten wurden bloß als Disziplinlosigkeit wahrgenommen, nicht als Problem. 1969 durften wir nicht die Mondlandung gucken. Das hatte uns empört. Ebenfalls 1969 brannte bei der Rückkehr des Sonderzuges aus Sylt mit 1000 V-Kindern der Altonaer Bahnhof. Die Autoritäten haben trotzdem die Einfahrt des Zuges in den brennenden Bahnhof erlaubt, weil sie nicht wussten, wie sie die Sache hätten sonst abwickeln sollen, denn immerhin warteten ja vor Ort ebenso viele Eltern auf ihre Kinder, die sie seit Wochen nicht gesehen hatten. Ich erinnere mich, dass meine Mutter halb in Panik war. 1970 war dann schon voll die antiautoritäre (=darwinistische) Erziehung durchgeschlagen und auf Sylt interessierten wir uns nur noch die Nackten, die wir von unseren Verstecken in den Dünen aus beobachten konnten. Heißen Dünensand finde ich nach wie vor erregend und Sylt ist immer noch einer meiner Lieblingsorte. Alleine schon der Geruch der Dünen und die Seeluft. Herrlich.
Man musste Briefe an die Eltern schreiben einmal in der Woche. Wenn da etwas drinstand, das den Betreuerinnen, die die Briefe kontrollierten, nicht gefallen hat, musste man den Brief vollständig neu schreiben. Alles, was man erlebt hatte, musste im Brief beschönigt beschrieben werden. Keinesfalls durfte man schreiben, dass man Heimweh hatte.
Im Nachhinein beurteile ich die jungen Betreuerinnen als pädagogisch unausgebildet und mit der Menge der Kinder überfordert. Manche gaben sich Mühe mit den Kindern etwas zu unternehmen, anderen waren die zu betreuenden Kinder eher lästig. An meine Gruppenleiterin habe ich keine negativen Erinnerungen. Erfahrungen sexuellen Übergriffes habe ich nicht gemacht. Eher wurde ich psychisch unter Druck gesetzt, z.B. den Teller leer essen auch wenn ich keinen Hunger hatte. Den Zustand der Unterbringung im Seeschlösschen war meiner Erinnerung nach primitiv, sehr spartanisch, provisorisch, für Jugendliche und Kinder ungeeignet. Das ganze Haus machte auf mich einen eher baufälligen Charakter.
Als ich nach langer Bahnfahrt zurück kam, war ich froh, dass ich nach sechs Wochen wieder im Kreise meiner Familie sein konnte. Andererseits habe ich im Nachgang den Eindruck, meine Eltern hatten sich nicht so wirklich interessiert wie es mir im Heim ergangen ist. Ich weiß, dass meine Eltern mir in den Ferien mal etwas "bieten" wollten. Sie selbst hatten nicht die finanziellen Möglichkeiten mit der ganzen Familie in Urlaub zu fahren. Sie waren mit der großen Familie und beruflich stark gefordert.
Ich brauchte eine Zeit, um mich zuhause wieder in die üblichen Abläufe einzugewöhnen und den Anschluss in der Schule zu finden, die schon mehrere Wochen vor meiner Rückkehr begonnen hatte. Ich war dankbar, dass meine Mutter mir mehrmals ein Päckchen ins Heim geschickt hatte mit Essenssachen und Erinnerungsstücken ans Zuhause und ein paar Zeilen auf einer Postkarte. Telefon hatten wir damals noch nicht.Das belegen auch zwei Fotos, die ich noch besitze.
Der Heimaufenthalt im Sommer 1968 hatte eigentlich keinen weiteren Einfluss auf mein Leben. Die Gemeinschaft mit den Jungs in meiner Gruppe im Heim fand ich sehr gut. Wir hatten viel Spaß miteinander. Das hat mir gefallen. Auch hatte und habe ich gute Gefühle, wenn ich an den Ferienort zurückkomme, in dem das Ferienheim war. Aber ich wollte nie wieder in ein Heim dieser Art. Die Unfreiheit und Bevormundung, die ich dort erlebte war ich weder von Zuhause gewohnt noch von meiner weitverzweigten Familie, bei der ich als Kind und Jugendlicher meine sonstigen Ferienaufenthalte erlebte. Dies und das immense Heimweh wollte in nicht noch einmal erleben.
Ich kann mich an viele entwürdigende Situationen erinnern.
Eingehende und ausgehende Briefe wurden zensiert. Telefonate waren nicht möglich bzw kann ich mich nicht erinnern. Kinder, die nicht zugenommen haben, mussten aufessen. Ich erinnere mich an ein dünnes rothaariges Mädchen, neben der eine Erzieherin saß, als alle schon fertig waren mit Essen. Sie erbrach und musste trotzdem aufessen.
Nachmittags gab es in der Hitze fertigen Tee aus großen Gebinden, in dem manchmal Ameisen schwammen. Anderes gab es dann nicht.
Die Kinder von der Vulkan Werft kamen etwas später als die Conti Kinder an. Es wurde uns erzählt, es käme auch ein Bettnässer. Das Kind war natürlich von Anfang an stigmatisiert. Es war erst 6 Jahre alt!
Die Schlafsäle mit bei mir 11 Betten führten alle auf einen zentralen Flur, in dem die Aufseherin saß. Wer sich muckte, musste sich mit bloßen Füßen auf den Flur in die Ecke stellen mit dem Gesicht zur Wand.
Mittags mussten wir ins Bett. Es durfte nicht gelesen werden. Ich war 10 Jahre alt!
Ich habe aus Kummer abgenommen und bin krank geworden. Die entwüdigendste Situation für mich war, dass ich zum Fieber messen zur Leiterin in ihr Zimmer musste. Ich musste mich bäuchlings auf eine Liege mitten im Zimmer legen und mir wurde im Po Fieber gemessrn. Ständig gingen Leute rein und raus.
Wenn ich gekonnt hätte,wäre ich zum Bahnhof gegangen und nach Hause gefahren. Aber das Geld war uns abgenommen worden.
Ich war traumatisiert und habe mich jahrelang nicht gemuckt zuhause. Ich wollte nie wieder weggeschickt werden! Letztlich habe ich diese Erlebnisse mit 50 Jahren in einer Therapie aufgearbeitet.
Wie konnten diese "Kuren" nur den Familien empfohlen werden und warum ließen die Eltern sich darauf ein??? Ich kann sie leider nicht mehr fragen.
Ich wurde dort 4 Jahre alt und bekam von meiner Mutter ein Päckchen mit Süßigkeiten. Dieses wurde mir weggenommen und die Schokolinsen und Schokotaler unter allen Kindern verteilt bis sie alle waren. Ich bekam genauso viel wie alle anderen. Die Begründung war, es solle gerecht sein, kein Kind solle mehr haben. Ich empfand es als ungerecht, denn ich hatte Geburtstag
und wollte lange etwas davon haben was meine Mutter geschickt hatte. Dabei hätte ich durchaus von mir aus etwas abgegeben.
Meine Mutter erzählte später, als ich erwachsen war, ich sei von der Verschickung völlig verstört zurückgekommen.
Lieben Gruß
Karin
Es ging mir im besagten Heim, welches unter der Leitung eines ehemaligen SS-Offiziers stand, sehr schlecht. Ich habe das Essen nicht vertragen, so dass ich mich regelmäßig im Bett nachts übergeben musste. Andere Kinder misshandelten mich und keiner der anwesenden Erzieher schritt dagegen ein. Ich wurde im Heim geschlagen und gedemütigt. Es gab auch Übergriffe auf mich. Viele Dinge, welche passiert sind, sind in meinem Unterbewusstsein tief eingebrannt worden. Es fehlen mitunter Erinnerungen, die mein kindliches Gehirn weg blendete zum Schutz, Dafür sind diese starken Gefühle immer in mir, dass etwas schlimmes passiert war.
Meine Eltern bekamen immer positive Briefe gesendet, so dass ich keine Chance hatte, mit ihnen in Kontakt zu treten oder Hilfe zu holen. Ihnen wurde untersagt mich zu besuchen (Heinweh etc.). Statt die Kinderkur sofort abzubrechen lies man mich die vollen 5 Wochen dort "absitzen". Ich hatte oft das Gefühl dies nicht zu überleben, bzw. meine Eltern jemals wieder zu sehen. Ich rannte auf die Dünen und schrie um Hilfe. Mein Stofftier wurde daraufhin zerfetzt,
Laut Aussagen meiner Eltern bekamen diese nach 5 Wochen ein zutiefst traumatisiertes Kind zurück, abgemagert und kränklich und unendlich traurig. Lediglich der "Husten" schien gebessert, was man als Erfolg sah.
Ich habe mein Leben lang unter den Folgen der "Kinderkur" zu leiden gehabt. Ich war stets ängstlich, hatte depressive Neigungen, Angst vor dem Alleingelassen werden, Angst vor Menschen, die mich spontan anfassten.
Nach 46 Jahren habe ich endlich eine Therapie begonnen. Ein Besuch des Kinderheimes Seeschloss im Juni 2021 mit anderen Verschickungskindern war unglaublich schmerzhaft, bis hin zu einem richtigen Zusanmenbruch.
Es wird natürlich vieles von den Verantwortlichen bzw. den Nachfahren der Heimleitung dementiert. Ich hoffe, dass sich hier noch mehr Kinder melden aus dem Seeschloss, damit ich nicht mehr alleine dastehe,
Ich bin Mitglied der Ortsgruppe Verschickungskinder St. Peter-Ording.
Wir bekamen ein braunes Kärtchen mit Namen, Wohnort und Ziel um den Hals gehangen, dann ging es mit dem Zug gen Norden.
Ich erinnere mich an einen großen Jungen-Schlafsaal. Neben der Tür wurde abends ein Plattenspieler gestellt und ein Hörspiel abgespielt. Danach war Ruhe im Saal.
Briefe wurden bei den Schwestern abgegeben.
Ankommende Päckchen wurden zensiert und Schokolade kam in die Kiste für die Allgemeinheit.
Wir sind mal auf einen Baum geklettert. Zur Strafe mussten wir in der Küche Kartoffeln schälen.
Morgens ging es immer erst in die Kapelle.
Am Strand war ein Holzsteg. Da haben wir Gänge drunter her gegraben.
Wir sind viel gewandert und durften nicht vom Weg abweichen.
An das kleine, mit Ostseewasser gefüllte, kalte Schwimmbad kann ich mich erinnern. Zu dieser konnte ich noch nicht schwimmen. Ich erinnere mich auch, dort viel Salzwasser geschluckt zu haben.
Und irgendwas war mit dem Essen...
Es gab Kakao und Milch aus großen Kannen.
Es war ein langer Zeitraum und unter strenger Führung. Ich durfte anschließend in meiner 4. Schulklasse berichten. Wenn man die Räumlichkeiten betreten könnte, kämen sicherlich einige Erinnerungen wieder. Wie bereits bemerkt, aktuell sind sie sehr lückenhaft.
Mit besten Grüßen
U. Klappert
Endgültige Ruhe gab es nie. Einfach schrecklich. Das schlimmste seinerzeit war das man ja auch 6 Wochen nicht in die Schule gegangen ist. Musste daher das 5 Schuljahr 2 mal durchlaufen. Ich hatte in den 6 Wochen keinerlei Kontakt zu meinen Eltern. Wir hatten allerdings weder ein Auto geschweige den ein Telefon.Ich würde mich gerne mal mit Personen unterhalten die auch zu der Zeit im gleichem Heim waren.
Liebe Grüße
Andreas
ich bin auch Bj 1964 und war über Ostern 1968 in Bad Reichenhall und bin auf der Suche nach weiteren Informationen. Meine Eltern sind vor 30 Jahren gestorben und ich habe nur eine verschwommene Erinnerung an die Zeit. Ich habe gelesen, daß Du ein Gruppenbild von damals besitzt. Ich möchte Dich darum bitten, es einmal sehen zu dürfen, ob ich darauf abgebildet bin.
Liebe Grüße
Stephan
Wenn die Eltern anriefen, stand immer eine Erzieherin mit am Telefon, die darauf achtete, dass man nur positive Dinge sagte und nicht etwa, dass man gerne nachhause möchte.
Ich hatte jahrelang Alpträume nach dem Aufenthalt dort. Im Traum saß ich mit anderen Kindern in einem kleinen Dachzimmer. Alle Kinder wurden abgeholt, nur für mich kam Niemand. Glücklicherweise hörten diese Träume irgendwann auf, da war ich aber schon Teenager. Ich habe allerdings auch vielen Freunden und Bekannten von den Erlebnissen im Kinderheim erzählt, das half mir wahrscheinlich, diese Erlebnisse zu verarbeiten.
Um das Bettnässen zu "bekämpfen" bekamen wir fast nichts zu trinken, nur morgens und abends eine Tasse Pfefferminztee (den kann ich bis heute nicht riechen oder trinken). Vor lauter Durst habe ich mal mit einem anderen Mädchen morgens im Waschraum aus dem Wasserhahn getrunken. Wir wurden erwischt, vor versammelte Mannschaft im Speisesaal gedemütigt und bekamen zur Strafe an diesem Tag nichts zu trinken. Noch Jahrzehnte später habe ich aus dem Nichts heraus und völlig grundlos einen trockenen Mund bekommen und ein unerträgliches Durstgefühl.
Der große Dusch Raum war im Keller. Einmal in der Woche wurde geduscht, dazu mussten wir uns mit dem Gesicht zur Wand stellen, während hinter uns kochend heißes Wasser aufgedreht wurde, bis der ganze Raum so mit Wasserdampf gefüllt war, dass wir keine Luft mehr bekamen. Viele Kinder haben geweint und Panik bekommen. Erst dann wurde die Wassertemperatur reguliert und wir konnten duschen. Ich habe panische Angst vor dem Dusch-Tag gehabt.
Die Erzieherinnen habe ich als sehr streng und gefühlskalt in Erinnerung.
Besuche von den Eltern waren nicht erlaubt. Briefe an Zuhause wurden kontrolliert.
Wir mussten abends um 19 Uhr ins Bett. Zwei Stunden später wurden wir wieder geweckt und auf Toilette geschickt. Hatte ein Kind dann trotzdem bis zum nächsten Morgen eingenässt, wurde das im Speisesaal allen erzählt und man bekam dann zum Frühstück nur eine halbe Tasse Tee.
Am Tag vor meiner Heimfahrt war mein Bett bei dem "Weck-Termin" nass. Es wurde nicht frisch bezogen, weil ich ja am nächsten Tag abreiste. Ich musste in dem nassen Bett schlafen.
Als meine Eltern mich am Bahnhof abholten, waren sie erschrocken, wie blass und verhärmt ich ausgesehen habe.
Das ist das erste Mal, dass ich diese Geschichte erzähle. Und obwohl es nun schon 46 Jahre her ist und es "nur" 6 Wochen waren, kommen mir beim aufschreiben die Tränen.
Ich würde mich freuen, wenn ich hier Kontakt zu Leidensgenossen-innen bekäme, die zur selben Zeit dort waren.
C. Kieferdorf.
In den 6 Wochen mussten wir taeglich Mittagsschlaf halten, am 2 Tag nach der Ankunft das werde ich nie vergessen wie ich im Bett lag und aufeinmal die Tante mich aus dem Bett riss und wie wahnsinnig auf mich einschlug obwohl ich gar nichts gemacht hatte. Meine Schwester die im gleichen Raum schlief mit den anderen Kindern sagt heute noch wie schrecklich es war wie die Tante damals auf mich einschlug und sie war so hilflos das sie mir nicht helfen konnte. Ich kann mich gut erinnern , ich war damals so geschockt habe im Bett gelegen und gezittert die Wochen danach lag ich im Bett war wie versteinert konnte nicht schlafen aus Angst das jeden moment die Tante wieder rein kommt und mich schlägt. Die anderen Kinder hatte mitleid und fragten mich immer ob es sehr weh getan hatte.
Beim essen hatte die Tante auch immer ein Auge auf mich. Ein Tag mochte ich die schleimige Graupensuppe nicht und war am würgen, meine Schwester ging dann zur Tante und meinte das ich den Teller nicht leer essen kann daraufhin kam sie dann und schrie mich an ich muss die Suppe essen sonst.....Also versuchte ich es aus Angst , brachte es wieder hoch und da hat sich mich gezwungen mein erbrochenes zu essen. Ich habe immer noch ein Foto von der Tante und werde nie vergessen wie grausam sie mich behandelt hat. Es war schrecklich fuer uns Kinder wir durften nicht zusammen sprechen. Ich hatte damals meinen 9ten Geburtstag im Heim und meine Eltern haben mir damals ein Geschenk geschickt , das Paket war offen und drinnen war nur ein Waschbeutel und ich war enttäuscht das kein Spielzeug drin war, meine Mutter sagte dann als wir wieder zu Hause waren das sie mir Spielzeug und Schokolade mitgeschickt hatte.
Was ich bis heute nicht verstehen kann das wir damals Vitamine schlucken mussten wo wir doch so jung waren. Am vorletzten Tag hatten wir eine kleine Abschiedsfeier und die Tante sagte dann zu mir das es ihr leid tut wie schlecht sie zu mir war und sie es nicht mehr wieder tun würde. Ich glaube sie hatte Angst bekommen das ich es meinen Eltern erzähle. Auf jedenfalls kann ich sagen die Fotos und Erinnerungen die ich habe sind sehr traurig und grausam so was hätte nie passieren dürfen.
die bleibendste erinnerung ist die angst, dass ich meine eltern nie wieder sehen würde - sie erzählten uns von der großen flut, dem deichbruch in hamburg. wir erfuhren davon - und es machte die unsicherheit der ganzen situation nur noch größer. was sollte aus mir werden,, wenn es meine familie nicht mehr gab???
allein unter lauter fremden - krank und schwach, hilflos ausgeliefert.
der wildfang in mir zerbrach dort ziemlich, war absolut unerwünscht.
ich war dort krank - und hinterher, endlich wieder zuhause war ich auch wieder krank - die zeit meiner masern- und windpockenerkrankung.
es wird mich sicherlich noch weiter beschäftigen - gerade fühlt es sich an, als wären die erinnerungen hinter einer wand verborgen.
alles gute uns allen - möge so etwas nicht wieder passieren.
renate
ich habe über die Medien die aktuellen Berichte über die Kinder Verschickungen verfolgt. Durch Erzählungen meiner Mutter die auch mindestens zwei Mal Ende der 50er Jahre bzw. Anfang der 60er Jahre verschickt wurde hatte ich auch persönlich einen Hintergrund hierzu.
Jedoch fühle ich mich auch selber persönlich betroffen obwohl ich aus einer anderen Generation komme.
Meine Eltern, streng katholisch, schickten mich mit 10 Jahren auf ein Mädchen Internat in der Nähe von Bonn welches bis heute von der in der Kritik stehenden Piusbruderschaft von Nonnen geleitet wird. Ich musste dort ohne jeden Besuch meiner Eltern ein halbes Jahr dort bleiben bis ich zum Glück aufgrund meiner dann schlechter werdenden schulischen Leistungen wieder zurück nach Hause ziehen durfte. Das Gefühl als kleines Kind diesem Ort ganz alleine total ausgeliefert gewesen zu sein ist für mich bis heute immer noch schmerzhaft.
Viele Berichte von Betroffenen aus den damaligen Kinder Verschickungen erinnern mich sehr an das halbe Jahr was ich damals in diesem Internat verbringen musste.
Es gab dort eine sehr strenge Führung die schon fast an eine Kaserne oder ein strenges Klosterleben erinnert. Der Tagesablauf war geprägt durch häufiges angeleitetes Beten und vorgeschriebenen Gottesdienstbesuche. Briefe nach Hause wurden nur unter Aufsicht geschrieben. Die Freizeit war auf eine Stunde pro Tag beschränkt. Wenn man in den Augen der Erzieherinnen ungehorsam war oder nicht die gewünschten Schulischen Leistungen brachte wurde man auf ihre Weise bestraft. Einmal wurde ich von einer Erzieherin in ihr privates Schlafzimmer eingesperrt und nicht mehr heraus gelassen. Wie es dann weiterging habe ich verdrängt... Das erschreckende an der Geschichte ist, dass dieses private Internat bis auf den heutigen Tag staatlich zugelassen ist und weiter arbeiten darf.
Im Infobrief der Einrichtung, der mir auch noch vorliegt, steht ausdrücklich, dass Besuch durch die Eltern während des gesamten Aufenthaltes unerwünscht sei. Unter solchen Bedingungen wurde Übergriffigkeit fast schon gefördert.
Erinnern kann ich mich hauptsächlich an die traumatischen Teile der Aufenthalte in Scheidegg: ich wurde gezwungen Erbrochenes zu essen, das Fieberthermometer wurde mir gewaltsam in den Körper gerammt, die tägliche Blutzuckerkontrolle war eine Qual, da beim "Stechen" sehr grob vorgegangen wurde. Außerdem wurden wir bei jeder Gelegenheit von den Schwestern erniedrigt, gequält und eingeschüchtert. Ich weiß noch, dass ich oft schlaflos im Bett lag und mir völlig verloren vorgekommen bin. Auch, das Kruzifix im Schlafsaal sehe ich noch vor mir, dass in manchen Nächten mein Trostspender war. Vieles liegt aber im Dunklen, vermutlich weil es für eine Kinderseele einfach zu viel war.
Sehr groß war meine Angst vorab, als ich zum zweiten und zum dritten Mal verschickt wurde, und ich glaube, dass ich irgendwann abgeschaltet und mich dissoziiert habe.
Über St. Peter Ording kann ich nichts Schlechtes berichten, außer dass es aufgrund der Vorerfahrungen die Traumatisierung wohl verfestigt hat.
Mit den Auswirkungen dieser "Kur"-Aufenthalte habe ich heute noch zu kämpfen: chronische Schlaflosigkeit, rezidivierende schwere Depressionen, eine PTBS, die zwar diagnostiziert ist, zu der ich aber bisher keinen Zugang finde. Dazu kommen alte Bekannte wie Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühle.
Als ich die Reportage in SWR 2 gehört habe, sind mir die Tränen gekommen, denn vieles was dort geschildert wurde kam mir so bekannt vor. Dass so viele Menschen
davon betroffen sind, war mir nicht bewusst, ich hatte mich immer für einen Einzelfall gehalten.
Vorher, so sagte man mir, war ich ein fröhliches Kind, hinterher galt ich als schwierig, aufsässig und aggressiv. Es wundert mich heute immer noch, dass damals niemand einen Zusammenhang sehen wollte.
Wenn ich daran denke, dass es für Seniorenpflegeheime die Heimaufsicht als Kontrollinstanz gibt, frage ich mich, warum uns Kinder damals niemand geschützt hat oder schützen wollte.
1959 wurde ich für als Neunjähriger von April bis Mai 6 Wochen zur Erholung in den Schwarzwald verschickt (Haus Rosenlund in Dobel bei Bad Herrenalb).
Warum? Ich war spindeldürr, zappelig, von ständigen, teils heftigen Bauchschmerzen geplagt, überängstlich und wollte einfach nicht zunehmen. Also beschlossen der Kinderarzt und meine Eltern, mich auf Kosten der Krankenkasse zum Zunehmen zu verschicken.
Ich hatte als Jüngster von 3 Brüdern ein behütetes Zuhause und war niemals alleine.
Die Verschickung alleine mit dem Zug von der Ostsee in den Schwarzwald war schon eine echte „Herausforderung“.
Jedoch fand ich mich schnell in der Gruppe zurecht und hatte wohl, wenn ich heute die Briefe lese, die ich nach Hause schickte, durchaus Spaß im Kinderheim.
Allerdings war es sicher nicht so wunderbar, wie in meinen Briefen und dem Statusbericht der Betreuerin beschrieben.
Als meine Eltern mich nach der Ankunft in der Heimat fragten, ob ich mich gut erholt habe, obwohl ich noch immer klapperdürr war, sagte ich nur: „Mutti, ich bin gar nicht mehr innervös“. Großes Gelächter! Sie fragte mich dann auch, was denn die kahle Stelle auf meinem Kopf zu bedeuten habe. Eine plausible Antwort gab ich ihr nicht, aber damit war das Thema „Erholung“ in der Familie erledigt.
Tatsächlich habe ich dermaßen unter der strengen Herrschaft der Betreuerinnen gelitten, dass ich anfing, mir die Haare auszudrehen und auszureißen. Schmerz empfand ich wohl nicht.
Und dann erinnere ich mich, dass ich bei der zweistündigen Mittagsruhe nicht auf Befehl schlafen wollte und konnte, zu laut war und deshalb auf der harten Holzbank in der Küche ohne Decke und Kissen stundenlang mucksmäuschenstill unter Aufsicht „schlafen“ musste.
Am schlimmsten aber war, dass irgendeine Kleinigkeit vermisst wurde, ich weiß nicht mehr, was es war, und dass ich in Verdacht geriet. Es wurde schlimmster Druck ausgeübt, dass ich doch zugeben solle, gestohlen zu haben. Das konnte ich natürlich nicht und wurde daraufhin vor den anderen Kindern immer wieder als Dieb hingestellt. Da habe ich gelitten.
Sogar auf der Fahrt zum Bahnhof hieß es noch „Nun gib doch endlich zu, dass du es gestohlen hast!“ Reiner Psychoterror!
War ich froh, als ich wieder zu Hause war, überhaupt nicht „erholt“, sondern traumatisiert.
Aber ich hatte ja meine Zwillingsfreunde Hanni und Christian wieder zum Fußballspielen und bald war die Welt wieder heil für den schmächtigen Armin.
Doch die Erinnerung bleibt.
Aufgezeichnet von Armin Kleinschmidt, geb. 16.3.1950
Ich wurde für 6 Wochen ins Heim nach Brilon geschickt. Die schlimmste Erinnerung beim ersten Aufenthalt war, dass ich und andere Protestanten morgens in der katholischen Kirche permanent knien mussten!
Beim 2. Aufenthalt erinnere ich mich daran, dass ein kleines Kind mehrfach gezwungen wurde das erbrochene Essen wieder aufzuessen!
Als 10jähriger war ich 6 Wochen auf Borkum. Nach wenigen Tagen erkrankte ich an einer Infektion und war mehr als 3 Wochen im Krankenzimmer im Bett!
Mit 12 kam ich ins Heim nach Rottach-Egern, geleitet von einer älteren Nonne. Zwischen 13 und 15 Uhr war Mittagsruhe. Wir mussten still im abgedunkelten Raum in unseren Betten liegen. Wenn das Bett beim umdrehen knarrte, musste der Täter für die restliche Mittagsruhe in der Ecke stehen oder knien! Oft waren Bekannte der Mitarbeiterinnen am Mittag da und aßen auch. So reichte immer wieder das Essen nicht, um alle Kinder satt zu bekommen!
Dies alles berichtete ich meinen Eltern!
Mit 14 sollte ich dann nochmals nach Rottach-Egern. Zuvor wurde ich zu einem vertraulichen Gespräch zum Chef meines Vaters gebeten! Er bat mich Augen und Ohren offen zu halten und ihm nach meiner Rückkehr zu berichten. Dies alles vertraulich und ich sollte im Heim kein Wort dazu sagen! Irgendetwas musste durchgesickert sein, denn im Heim waren sie netter zu mir als 2 Jahre zuvor! Trotzdem gab es wieder viele negative Erlebnisse in den 6 Wochen. Im Prinzip hatte sich für die anderen Kinder nichts positiv verändert!
Nach meiner Rückkehr wurde ich im Beisein meines Vaters und in Anwesenheit zweier anderer Personen über meine Erlebnisse befragt. Wie ich erfuhr, gab es das gleiche Prozedere mit dem Sohn eines Kollegen meines Vaters, der vor mir in der Verschickung war.
Fazit: Das Heim in Rottach-Egern wurde im Hebst 1963 vom Landschaftsverband Rheinland, als zuständiger Träger, geschlossen!
In den späteren Jahren, als viele der Erlebnisse, auch beruflich bedingt, mir wieder in den Sinn kamen, war dies für mich eine besondere Genugtuung!
Als junger Mann war ich mit meiner Frau nochmals in der Region des Tegernsees. Aus dem Kinderheim war ein Hotel geworden!?
Anfang der 60er Jahre wurde ich auf dringendes Anraten meines Kinderarztes zweimal zu sog. Kinderkuren verschickt, da mein Vater starker Asthmatiker war und mir dieses Schicksal unbedingt erspart bleiben sollte. Gut gedacht, aber leider nicht auch gut gemacht! Denn anders als bei heutigen Eltern-Kindkuren, bin ich damals als 3,5 und nochmals als 5-Jähriger, im wahrsten Sinne des Wortes, mutterseelen-alleine ver- bzw. weggeschickt worden. Dabei dürfte ich, als Kind diesen Alters, die jeweiligen sechs Wochen sicherlich als unübersehbaren Zeitraum, eher als endgültige und finale Trennung von meiner Familie und sämtlichem Liebgewonnen empfunden haben.
Seit jeher war ich ein durchaus quirlliges und lebensfrohes Kind und habe mir dies glücklicherweise auch während dieser Leidenszeit nicht ´nehmen lassen´! Dies allerdings mit fatalen Folgen, die meinen Lebensweg bis zum heutigen Tage grundlegend - oder sollte ich zutreffender formulieren - ´grund-nehmend´ beeinflusst und belastet haben!
So erwartete uns damals, nach der radikalen Trennung von unseren Familien vermeindlich allein gelassen, in den Kinderheimen ein rigoroses, ja gnadenloses Regime der sog. `lieben Fräuleins´. Überwiegend Damen mittleren Alters mit fragwürdigstem Hang zu unverantwortlichen, ja menschenverachtenden `Erziehungs´-Methoden.
Da ich mir meine Lebendigkeit trotz allem nicht `aberziehen` lassen wollte, kam es, wie es kommen musste: So war in dem Heim u.a. nach dem Zubettgehen absolute Bettruhe angeordnet! Als in unserem Schlafsaal dennoch einmal leises Getuschel festgestellt wurde, bin prompt ich als `Rädelsführer`ausgemacht worden, was für mich fatale Konsequenzen nach sich ziehen sollte: So wurde ich in der Nacht rigoros aus meinem Bettchen gerissen, durfte fluchtartig nur mein Kopfkissen mitnehmen und musste der `lieben Tante´ barfüßig auf einen kalten, stockdunklen Dachspeicher folgen, innerhalb dessen ich, in einen beengten Holzverschlag gesperrt, auf einer kargen Pritsche mucksmäuschenstill die Nacht verbringen musste.
Mein einziger Halt in dieser ´finsteren Hölle` war mein kleiner Löwe, den ich - streng verbotener Weise - dennoch in meinem Kopfkissen mitgeschmuggelt und an den ich mich in meiner Verzweiflung geklammert habe, so winzig klein dieser auch war. Nur wenige Zentimeter groß, war Leon für mich dennoch der Größte, mein einziger Begleiter durch diese grausame und nicht enden wollende Nacht in meinem hölzernen Verlies.
Nach Rückkehr aus der zweiten Verschickungskur habe ich jahrelang wieder eingenässt und schleichend einen Sprechfehler entwickelt, der mich - mal mehr, mal weniger - bis zum heutigen Tage durch mein gesamtes Leben begleitet.
Glücklicherweise haben meine Eltern schon damals therapeutischen Rat bei einer Familienberatung gesucht, so dass ich die Aufarbeitung meiner traumatischen Erlebnisse dieser `Erholungskuren´aufnehmen konnte. Negativste Prägungen, wie z.B. eine grds. Skepsis hinsichtlich meines Vertrauens in die `Verlässigkeit und eines Gehörtwerdens` von handelnden Personen, kann ich dennoch bis zum heutigen Tage bei mir in Tendenzen immer wieder feststellen.
Aufgrund der erfolgten Aufarbeitung meines Kindheitstraumas liegt mein primäres Augenmerk heute, anders als bei vielen anderen der Verschickungskinder-Initiative ( `www.verschickungsheime.de´ ), nicht mehr auf Selbstreflektion und Aufklärung von Verantwortlichkeiten und der menschenverachtenden Strukturen, sondern vielmehr darauf, Kindern und anderen Schutzbedürftigen eine Stimme zu geben! Darauf, mehr Achtsamkeit auf deren ganz individuellen Erlebniswelten zu lenken, da meines Erachtens nach wie vor Schutzbefohlenen, die ihren Bedürfnissen nicht den entsprechend Aus- bzw. Nachdruck verleihen können, auch heute noch viel zu wenig ´Einfühlung´-svermögen und Achtsamkeit entgegen gebracht wird. Sei es am Anfang des Lebenszylus als Kinder, oder auch an dessen Ende, als hochbetagte Senioren.
Sicherlich geprägt durch meine eigenen Erlebnisse und bestätigt auch während meiner späteren Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie, habe ich mich schon immer vehement für die Bedürfnisse von Kindern eingesetzt, am stärksten natürlich in Bezug auf meine eigene Tochter. Dies übrigens meist belächelt und sogar gegen den Widerstand ihrer eigenen Mutter, denn ´...Kinder kriegen doch noch gar nicht so viel mit`. M.E. eine fatale Fehleinschätzung, und das noch Anfang der 90er.
Obwohl sich mittlerweile Vieles bereits zum Positiven hin ´ent-wickelt´ hat, werden allerdings weiterhin - teils zwar in subtilerer Form - Bedürfnisse von Kindern oft eher nachrangig behandelt, sondern primär das Empfinden, die Einschätzung und die eigene Zielsetzung der Erwachsenen in den Vordergrund gestellt.
Beispielhaft sei hier etwa die lapidar erscheinende Aufforderung angeführt, `...als Kind lieb zu sein und der Oma ein Küsschen zu geben´. Oder auch `....stell Dich nicht so an, andere Kinder üben auch jeden Tag Klavierspielen, gehen zum Tennisclub, lernen Einradfahren`.
Oder, wie gesagt, am anderen Ende des Lebenszyklus, `...na komm, der Opa versteht das sowieso nicht mehr`. Oft vordergründig gar gut gemeint; aber auch gut ge- bzw. bedacht?
Das für mein Empfinden einzig Richtige z.B. an der `Opa`-Aussage ist das `Verstehen`. Denn ´verstehen´ können ganz junge, oder auch hochbetagte Menschen vieles kognitiv wohl tatsächlich noch nicht, bzw. nicht mehr; erleben, empfinden und sehr wohl wahrnehmen allerdings sicherlich Vieles mehr, als uns in unserer oftmals unbedachten, vllt. sogar anmaßenden Sichtweise bewusst sein dürfte.
Zum Wohle v.a. der Kinder wäre es äußerst wünschenswert, wenn sich das Handeln von uns Erwachsenen primär an deren ganz individuellen Bedürfnissen und Erlebniswelten ausrichten würde, und nicht an unseren eigenen Sichtweisen, Einschätzungen und Interessen. Sei es bei der Begleitung während der Findung eines Hobbies, bis hin z.B. auch im Zusammenhang mit Scheidungen, wobei gerade auch in diesen, für Kinder äußerst belastenden Zeiten, viel zu oft Kinder teilweise auch als Werkzeuge der eigenen Empfindlichkeiten der Erwachsenen `missbraucht´, und viel zu wenig deren berechtigte, kindgerechten Bedürfnisse als maßgeblich berücksichtigt werden. Denn nicht nur damals bei den `lieben Tanten´, sondern oftmals auch noch in den heutigen, fraglos aufgeklärteren Zeiten, scheinen Überlegenheit, Manipulation und Macht - ob bewusst, oder unbewusst - weiterhin nicht unwesentliche Triebfedern menschlichen Handelns zu sein. Dies nach wie vor mit teils fatalen Prägungen und Auswirkungen auf so manchem Lebensweg.
Wie heißt es in einem Lied von H.Grönemeyer: ´Kinder an die Macht´. Soweit braucht man/frau ja nicht unbedingt zu gehen, aber ein Mehr an Achtsamkeit, an Verständnis und Einbeziehung, im kindgerechten und bestgemeinten Sinne, wäre meines Erachtens ´Not-wendig´, auch - und immer noch - in unserer fraglos positiv weiterentwickelten Zeit!
Ganz im Sinne der durchaus tiefgründigen Botschaft des Hollywood-Blockbuster Avatar: `Ich sehe Dich! Ich sehe Deine wahre Natur, wer Du wirklich bist`.
Jetzt bin ich bald 74 Jahre und habe das alles nicht vergessen. Schöne Grüße Elfriede
ich war etwa im Frühjahr 1970 auf der Insel Amrum im Sanatorium Dr.Ide auf Amrum. Da war ich 8 Jahre. Ich erinnere mich, das ich während der Zeit Geburtstag hatte. Es war entsetzlich. Das Heimweh, Post von den Eltern war nicht erlaubt. Eines Nachts wurde ich aus dem Bett geholt. Nachdem ich im Dunkeln Ohrfeigen bekam wurde ich mit Bettzeug in den Flur in eine Ecke gestellt und habe dort die Nacht verbringen müssen. Beim Essen musste aufgegessen werden, wenn nicht wurden wir mit dem Gesicht in den Teller gedrückt..! Auf diesem Weg möchte ich Schluss mit der Heimlichkeit machen und mir die Scham nehmen, die ich noch immer habe...! Viele Grüße, Michael
Hallo alle zusammen.
Ich war im Spätherbst 1965 auf der Insel Anrum, Heimleiterin Frau Zillas, Gruppenleiterin Frau
Handschuh, um 7 Uhr 45 war wecken, die Türen der
Schlafsääle wurden geöffnet, und es erklang Musik
eines Mädchenchores, Live oder Band das weiß ic nicht.
Nach dem Wecken mußte ich immer dringend aufs Klo
Pippi machen. Ich durfte immer nur um 8 Uhr, wenn das Gedudel zu Ende war, Dies hielt ich nicht aus und machte öfter ins Bett. Ich bekam Windel an und wurde im Speisesaal vorgeführt und mußte mich in die Ecke stellen. Da ich mich für schlau hielt, krabbelte ich am nächsten Tag unters Bett und verrichtete da meine Notdurft. Mein einziger Halt war in dieser Zeit, es war ein Nachbarsjunge von meiner Heimaf dabei, der 3 -4 Jahre alter war. Ich bin am 03.01.1961 geboren und konnte nach der Kur perfekt Hochdeutsch sprechen.
Es war eine schlimme Zeit als Kleinkind und ich wünsche Niemanden ein solches Erlebnis.
Ich bin auf der Suche nach einem Teil meiner Vergangenheit. 1971 hat man mich, mit 4 Jahren, für 6 Wochen zur Kur geschickt. Ich war in Pelzerhaken. Ich kann mich erinnern, dass mich mein Bruder zum Bahnhof brachte. Dort wurde ich von einer Nonne empfangen, die mich später im Zug anschrie und schüttelte, weil ich weinte....dann erlischt meine Erinnerung komplett.
Meine zahlreichen Psycho Therapien führen mich immer wieder zu der Kur zurück. Vielleicht ist es Zufall und dort war gar nichts. Vielleicht aber auch nicht.
War zufällig jemand auch dort und hat Erinnerungen wie man dort mit Kindern umgegangen ist?
Ich danke euch
auch ich bin ein „gebranntes „ Kind! Mit damals 10 Jahre alt ist mir leider auch nur schreckliches in Erinnerung
6 Wochen Horror in sg. Kurklinik!
Ich habe die teils schlimmen Erlebnisse bis heute nicht
vergessen.
Die Lektüre von Anja Röhls Buch „Das Elend der Verschickungskinder“ hat mich sehr schockiert. Dies lag nicht so sehr in der Kenntnisnahme dessen, was sich in den diversen Heimen abgespielt hat. Das kannte ich großenteils bereits aus eigenem Erleben, denn ich war selbst ein Verschickungskind. Und mir war immer auch sehr präsent, wie die Zustände damals waren. Allerdings war ich bis jetzt der Meinung, ich hätte sozusagen die Arschkarte gezogen und sei unglücklicherweise mit den anderen Kindern in unserem Heim besonders rigiden „Tanten“ in die Hände gefallen, während alle anderen verschickten Kinder fröhlich am Meer geplanscht hätten. Aber nein, diesem mehrwöchigen Martyrium waren unzählige Kinder republikweit und über Jahrzehnte ausgesetzt. Diese Erkenntnis hat den eigentlichen Schock ausgelöst.
Wie sehr sich die Geschichten gleichen, möchte ich gerne auch an meiner verdeutlichen. Ich war im August und September 1960 im Alter von neun Jahren zu einem sechswöchigen Kuraufenthalt in Bad Orb. „Ich war noch niemals in Bad Orb“ kann ich also nicht singen, aber mir ging es wie vielen anderen Verschickungskindern: Sie haben die Schlangengrube fortan gemieden. Es blieb auch bei mir bei dem einen Mal.
Auch bei uns in Bad Orb: Anfahrt mit dem Zug aus ganz Deutschland, nach der Ankunft im Heim Einteilung in Gruppen. In dem Haus, in welchem ich untergebracht war, gab es einen Flur mit etlichen Gruppenräumen für Jungen. In meiner Gruppe waren fünfzehn Jungen im Alter von 7 bis 13 Jahren. Ich erinnere mich noch an einige Namen, allerdings wurden wir von den „Tanten“ in Schwesterntracht mit der Nummer unseres Bettes angesprochen. Ich war die Nummer 9. Die Betten standen u-förmig mit dem Kopfende zur Wand, und in der Mitte stand ein großer Tisch, an dem man in der Freizeit spielen, lesen oder schreiben konnte.
Mehrere Begleitumstände der „Kur“ sind mir noch in unangenehmer Erinnerung, aber zwei Dinge waren besonders schlimm.
1. Unsere Intimsphäre wurde gröblichst verletzt, und zwar ständig.
2. Wir wurden häufig geschlagen bzw. verdroschen.
Und die „Tanten“ wussten auch beides geschickt zu kombinieren: Schläge gab es meist mit dem Hausschuh auf den nackten Hintern. Abends wurden wir – 15 Jungs, wie gesagt – gezwungen, uns nackt vor den Waschbecken stehend zu waschen. Und es war auch immer eine „Tante“ zugegen, die das überwacht hat. Unser Ältester, Christian aus Berlin, kam mit einem Tag Verspätung und hat einen Versuch gemacht, die Hosenbeine seiner Schlafanzugshose nur nach oben zu schlagen, er wurde aber gezwungen, diese auszuziehen. Ich habe mich selbst sehr geschämt, fand aber die Zumutung für ihn noch einmal größer. Er hatte bereits Schamhaare, und die hauptsächlich für uns zuständige „Tante“ Beate war gerade mal 19 Jahre alt, wenn ich mich recht erinnere.
Überhaupt: Entblößen war Programm, nicht nur beim abendlichen Waschen. Dreimal wöchentlich war Badekur, das hieß, wir wurden für 20 Minuten in eine lauwarme, unangenehm riechende, pissgelbe Brühe gesetzt. Wir wurden auch mehrfach (unbekleidet) in der Woche gewogen. Und schließlich wurde zweimal (oder dreimal?) täglich bei völlig gesunden Kindern Fieber gemessen. Dies geschah rektal. Ein Novum für mich. Zu Hause haben wir Fieber immer unter dem Arm gemessen.
Wann wurden wir geschlagen? Bei Regelverletzungen aller Art, und die Regeln waren strikt. Von 13 bis 15 Uhr war Mittagsruhe, ab 20 Uhr Nachtruhe. Beides wurde streng kontrolliert. Die Türen der Gruppenräume blieben geöffnet und eine „Tante“ patroullierte auf und ab, um sicherzustellen, dass absolute Ruhe herrschte. Wurde jemand beim Reden erwischt oder war erkennbar, dass er nicht schlief, konnte dies bedeuten, dass man in der beschriebenen Weise bestraft wurde. Also, auf den Bauch drehen, Hose runter…
Mir ist das tatsächlich mehrfach passiert, denn Ich war ein unruhiger Geist, aber definitiv nicht boshaft. Einmal wurde ich auch nachts allein auf den Flur gesetzt als Strafe. Wie lange ich dort saß, weiß ich nicht mehr. Irgendwann sah mich eine für die Nachtstunden zuständige „Tante“ in der Dunkelheit sitzen, erschrak und schickte mich wieder ins Bett. Ich war allerdings nicht nur unruhig, sondern wohl auch ein bisschen verträumt, denn mein Spitzname unter den Jungs meines Zimmers war „Schlafhaub“‘, und einmal fing ich eine kräftige Ohrfeige von Tante Beate, weil sie mir offenbar angesehen hatte, dass ich ihren Ausführungen nicht mit der gebotenen Aufmerksamkeit gefolgt war. Auch an diesen Schlag erinnere ich mich noch lebhaft.
Die schlimmste Erfahrung im Zusammenhang mit Prügelstrafen war aber die folgende: Ein Junge in unserem Zimmer, offenbar ein noch unruhigerer Geist als ich, war „Tante“ Beate wohl besonders unangenehm aufgefallen. Sie entschied daher, dass der betreffende Junge „Gruppendresche“ erhalten würde. Jeder durfte mal zuschlagen, natürlich auf den nackten Hintern. Sehr bildhaft steht mir vor Augen, dass mein Stubenkamerad Frieder der Aufforderung, da mitzutun, nicht Folge leistete, sondern nur den Kopf schüttelte. Ich selbst habe mich dem Gruppenzwang unterworfen und dem armen Kerl auch mit dem Hausschuh eine verpasst. Ich hätte es besser wissen können. Im Kindergottesdienst wurde durchaus vermittelt, dass man seinen Nächsten lieben und ihn nicht piesacken soll. Aber obwohl ich das Empfinden hatte, dass Frieder mit seinem Verhalten eigentlich richtig lag und ich auch selbst nur zu gut wusste, wie sich Schläge mit dem Hausschuh auf den nackten Hintern anfühlen, bin ich dennoch mit dem Strom geschwommen. Das war der unangenehmste Moment der sechswöchigen „Kur“.
Er ist mir im Lauf meines Lebens immer wieder sehr plastisch vor Augen getreten. Einmal war das während meines Studiums, als ich zum ersten Mal den Film über das Milgram-Experiment („Abraham“) sah, in welchem sich in einer Versuchsreihe ein Proband weigert, mit der Bestrafung fortzufahren, die übrigen sich aber daran kein Beispiel nehmen. Äußerst unangenehm war das für mich, hier mein eigenes Verhalten von damals gespiegelt zu bekommen.
Vor etwa zehn Jahren hatte ich die Idee, nach Frieder zu suchen, zumal er neben seinem eher ungewöhnlichen Vornamen auch einen ungewöhnlichen Nachnamen hatte. Nach wenigen Momenten legte mir meine Frau eine Telefonnummer hin, und nach einer weiteren kurzen Frist meldete sich eine Frauenstimme am anderen Ende. Ich sagte, ich wisse nicht, ob ich richtig sei, aber die von mir gesuchte Person müsse etwa 58 Jahre alt sein. „Ja, da sind Sie richtig. Ich gebe Ihnen mal meinen Mann“, antwortete die Dame am anderen Ende der Leitung. Es entwickelte sich dann ein sehr nettes Gespräch mit Frieder. Ihm waren die sechs Wochen in Bad Orb auch noch präsent, er hatte sie aber nicht so negativ in Erinnerung wie ich. Auch an die besagte Episode erinnerte er sich nicht. „Tante“ Beate habe ihm sogar mal, vermutlich wegen eines Sonnenbrands, die Schultern eingecremt. Wir haben dann vereinbart, wir sollten versuchen, auch andere Jungs aus unserer Gruppe ausfindig zu machen. Leider ist es dann dabei geblieben. Vielleicht mache ich jetzt einen Versuch.
Der malträtierte Junge hat übrigens einige Tage später noch einen „Nachschlag“ bekommen. Als wir Briefe an die Eltern schrieben, hat er berichtet, er sei verhauen worden und sein Hintern sei jetzt grün und blau. Das ging natürlich nicht durch „Tante“ Beates Zensur, wie andernorts war es bei uns streng verboten, etwas Negatives nach Hause schreiben. Sie hat den Brief vor seinen Augen zerrissen, und er durfte von vorne anfangen. Auch diesmal brach er in Tränen aus, denn er war mit seinen sieben Jahren erneut für eine Weile schreibend an den Tisch gefesselt.
Gab es auch Positives? Der Tagesablauf war ganz stark reglementiert. Mittagsschlaf, Bettruhe, Fieber messen, Wannenbäder, Gewichtskontrolle, Andachten, Spaziergänge in Zweierreihen und der Zwang, bei den Mahlzeiten den Teller leer zu essen, waren schon sehr unangenehm. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass sich ein Kind bei Tisch übergeben hätte und dann gezwungen worden wäre, das Erbrochene aufzuessen, wie es in zahlreichen Berichten zu lesen ist. Grießbrei, Zucker und Zimt waren definitiv keine Gegner für mich. Dennoch: Es ist mir bisweilen schwergefallen, den Teller zu leeren, obwohl es auch zu Hause üblich war, zu essen, was der Herr Jesus bescheret hatte. Unangenehm in Erinnerung ist mir das Sauerkraut, damals eigentlich mein Lieblingsgemüse, was aber mit Kümmel kontaminiert war und damit für mich ungenießbar. Auch Nudeln mit Kompott fand ich sehr gewöhnungsbedürftig. Mein Wunsch, beides getrennt essen zu dürfen, wurde rundweg abgelehnt. Die beiden genannten Mahlzeiten bei mir zu behalten, stellte dann nach meiner Erinnerung schon eine Herausforderung dar. Überhaupt fällt mir jetzt nach der Lektüre der „Verschickungskinder“ auf, dass der Herr Jesus auch in Bad Orb vermehrt zucker- und weißmehlhaltige Speisen bescheret hat, damit dort ebenfalls die Rendite stimmte.
Daran, dass Toilettengänge stark reglementiert gewesen seien, kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß noch, dass bei einigen Jungs meiner Gruppe Gummimatten auf die Matratze gelegt worden sind, aber das geschah relativ diskret und ohne die Betreffenden bloßzustellen. Nur einmal war es für mich sehr unangenehm. Nach dem Mittagsschlaf musste ich dringend auf die Toilette. Das wurde mir nicht gestattet. Denn erst musste ja – wie immer völlig sinnfrei - Fieber gemessen werden. Das Thermometer war dann sichtbar verschmutzt mit Kot, wofür ich mich sehr geschämt habe.
Welche Freizeitaktivitäten gab es? Wir sind zweimal täglich spazieren gegangen. Das konnte eine langweilige Runde im Kurpark sein, aber manchmal gab es auch längere Ausflüge. Bisweilen haben wir Rindenstücke gesammelt, aus denen wir Schiffchen gebastelt haben. Und mindestens zweimal haben wir Pilze gesucht, die dann von der Küche verarbeitet wurden. Was ich in diesem Zusammenhang über Röhrenpilze gelernt habe, hilft mir heute noch bei der Pilzsuche. Immerhin.
Noch ein Wort zur Gesangskultur, begleitet von einer „Tante“ auf dem Akkordeon. Wir Jungs haben gerne einen damals aktuellen Schlager gesungen: „Charlie Brown, der ist ein Clown!“ Er gehörte allerdings nicht zum offiziellen Repertoire. Stattdessen gab es den üblichen Singsang, oft recht martialischen Inhalts („Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“, „Die einen wünschten ihn zu braten, die andern ihn, ihn, ihn als Frikassee, ohe ohe!“, „Das linke Auge fehlte, das rechte war poliert, aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert!“).
Tante Beate hat mir einmal für einen Brief an meinen Vater zu seinem Geburtstag etwas basteln helfen, allerdings nicht ohne mich dann den Satz schreiben zu lassen: Das hat Tante Beate gebastelt! Das gute Stück existiert noch in einem Briefkonvolut unserer Familie. Tante Beate hat uns auch mal ein Foto ihres Freundes gezeigt. Es war dies ein gutaussehender junger Mann mit Namen Freddy. Eines Abends hat sie uns informiert, dass sie Freddy heimlich zu treffen wünsche und wir, wenn wir gefragt würden, sagen sollten, wir wüssten nicht, wo sie sei. Ich erinnere mich noch, wie sie ihr an unseren Gruppenraum angrenzendes Zimmer verließ, „lieblich schleichend“, wie Thomas Mann formuliert hätte. Ihren Hintern hatte sie in eine hautenge Jeans verpackt. Später dachte ich in Erinnerung dieser Szene, dass „Tante“ Beate für den feuchtfröhlichen Abend mit Freddy vielleicht mit den nackten Buben vorher ein wenig vorgeglüht hat. Aber das ist Spekulation.
Die Obertante, eine dicke Mamsell mit lautem Organ und großem Vorbau, ist „Tante“ Beate aber dann, wie wir mitbekommen haben, auf die „Schliche“ gekommen, weshalb sie am folgenden Tag ein wenig sediert gewirkt hat.
Der Kuraufenthalt fand seinen Abschluss in einer Theateraufführung für alle Anwesenden durch ältere Jungen. Es wurde der „Doktor Allwissend“ gegeben nach den Brüdern Grimm. Das war definitiv nicht schlecht gemacht, auch die Botschaft des Märchens ist ja in Ordnung. Die Jungs hatten zudem viel Text gelernt. Allerdings waren die allermeisten Jungs dem Märchenalter bereits entwachsen, so dass wir das damals doch als ein etwas kindisches Spektakel empfanden. Zur Lektüre in unserer Gruppe gehörten Fußballgeschichten und Astrid Lindgren, wie ich mich noch erinnere, Märchen waren passé. Wahrscheinlich endete unser Kuraufenthalt auch deshalb so, damit wir am nächsten Tag zu Hause was Nettes zu erzählen hatten.
Nach meiner Rückkehr habe ich aber wenig erzählt. Aus heutiger Sicht erscheint das unbegreiflich. Man muss sich aber klarmachen, dass in dieser Zeit in vielen Elternhäusern und den meisten Erziehungseinrichtungen noch geschlagen wurde und ein strenges Regiment herrschte. Sowohl in der Grundschule als auch in den ersten Jahren auf der weiterführenden Schule gab es körperliche Züchtigungen. Ich habe das so weit als normal empfunden. Aber an das Gefühl der wiedergewonnenen Freiheit nach sechs Wochen „Kur“ erinnere ich mich noch ganz deutlich.
Nachdem mein Opa an Tbc verstorben war wurde bei mir, im Rahmen einer Reihenuntersuchung, ein Schatten auf der Lunge festgestellt. Ich wurde also zu einem 6-wöchigen Aufenthalt nach Berchtesgaden geschickt (was den Namen der Einrichtung betrifft bin ich mir nicht ganz sicher wie der korrekte Name war). Aus den vorgehsehenen 6 Wochen wurden am Ende 10 Monate!! Meine Eltern bekamen in regelmäßigen Abständen kurze Notizen mit dem Wortlaut "Ihrer Tochter geht es gut aber aus gesundheitlichen Gründen ist eine Verlängerung des Aufenthaltes erforderlich.." manchmal hieß es auch "Ihrem Sohn..."
Kann mich auch dran erinnern dass, falls man das Essen mal nicht drinnen behalten hatte (mehr Fett- als Fleischbrocken im Bohneneintopf), der Tisch abgewischt wurde und man musste das Essen fortsetzen. Honig (gab es fast jeden Morgen, so verklumpt und zuckrig) kann ich bis heute nach all den Jahren weder essen noch riechen.
Was viel schlimmer war, ist, dass ich 10 Monate lang weder Mutter noch Vater (und meinen kleineren Bruder) zu Gesicht bekommen habe. Meine Mutter hat mir regelmäßig Päckchen geschickt, aber alles was an Lebensmitteln geschickt wurde, wurde unter den anderen Kindern mit aufgeteilt. Ich durfte das Paket auspacken und dann wurde es mir weggenommen und mir wurde die Hand geführt beim Schreiben der Dankeskarte. Als ich nach 10 Monaten nach Hause entlassen wurde, habe ich bei der Abholung meine Mutter nicht mehr erkannt (man hatte mir erzählt eine Tante würde mich abholen), im Zug habe ich ununterbrochen die eingetrichterten Lieder gesungen und zuhause habe ich meinem Vater ins Ohr geflüstert "Darf ich bitte mal aufs Klo gehen"..
Ich bin extrem harmoniesüchtig und versuche es jedem Recht zu machen und auf keinen Fall irgendwo anzuecken und weiß dass diese 10 Monate mich fürs Leben geprägt haben!

Liebe Evelyn, ich verstehe dich, aber wir, die wir in der Öffentlichkeit stehen, müssen belegen, dass es die vielen Betroffenen gibt. Dafür gibt es ja das Portal: ZEUGNIS ABLEGEN, da kann man ja sehen, dass es um viele Menschen geht, die dieselbe Erfahrung gemacht haben. Dafür gibt es unsere Fragebögen. Wir versuchen viel und kämpfen mit Argumenten. Und ein Denkmal ist ein Denkanstoß für viele Unbeteiligte und besser als in den Museen weiterhin nur Positives zu den Verschickungen zu lesen. Grüße, Anja
Ich bin sehr entrüstet darüber dass es Menschen gibt die diese vielen Tatsachenberichte betroffener Kinder/ Menschen überhaupt anzweifeln oder versuchen ins lächerliche zu ziehen indem sie gegenteiliges behaupten oder diese Verbrechen abzumildern. Ich benutze absichtlich den Begriff ,,Verbrechen „, denn nichts anderes sind diese Taten und Missbräuche an Kindern bzw. in
diesem Fall sogar schutzbefohlener Minderjähriger!!!
Ich bin selbst betroffen und ich habe nun schon mein ganzes Leben mit den Folgen zu kämpfen. Ich bin seitdem einfach noch kränker geworden.
Ich kann gar nicht nach Borkum fahren und mir Denkmäler begucken. Ich müsste mich übergeben wenn ich an den Ort zurückkehren müsste an dem die Weichen meines Lebens so verderblich gestellt worden sind.
Hier wurden systematisch Kinderseelen zerstört mit negativen Auswirkungen
für den Rest des gesamten Lebens.
Was ??? frage ich jeden Einzelnen…was soll das wieder gut machen???
Ich bewundere diejenigen die ihre Geschichte und die Geschehnisse
in die Öffentlichkeit getragen haben und ans Tageslicht gebracht haben…
Ich habe das Trauma mein ganzes Leben bis Heute nicht überwinden oder aufarbeiten können, trotz Therapien.
Und…ich verachte diese Menschen die daher kommen und meinen sie könnten diese fürchterlichen Tatsachen, Verbrechen und Leid, einfach verharmlosen oder anzweifeln.
Weiterhin bin ich der Meinung dass dieses ganze Land und dessen Regierung für diese Schande geradezustehen hat.
Nicht wir die Betroffenen müssen um Anerkennung betteln!!!