Ferus (4 Jahre) 1969 verschickt ins Seehospiz
Ich war vier Jahre alt, damals kurz nach Weihnachten 1969. Tagsüber verbrachte ich meistens bei meinen Großeltern in Hannover‘s Südstadt. Sie hatten eine Bäckerei und Konditorei und im selben Haus lebten sie auch. Meine Eltern haben gearbeitet, darum war ich bei Oma und Opa. Ich war sehr krank, litt an schwerstem Bronchial-Asthma, die Anfälle waren sehr schlimm und ich erinnere mich, dass ich dicke bittere Kortison Tabletten schlucken musste. Auch die halfen nicht, so dass mein Kinderarzt vorschlug mich zur Erholung an die See zu „verschicken“. Ich weiß, dass ich es richtig mit der Angst zu tun bekam als davon die Rede war. Ich wollte nicht für lange Zeit fort von meinen Eltern und Großeltern und war es vorher auch noch nie gewesen.
Meine Eltern waren ob meines Gesundheitszustandes so verzweifelt, dass sie einwilligten und sprachen mir gut zu aber ich wollte trotzdem nicht. Irgendwie ergab ich mich meinem Schicksal und ich erinnere mich sehr gut an den Tag meiner Abreise, wie mich meine Mutter weckte und wir zum Bahnhof fuhren. Die Angst wurde immer größer, selbst als meine Mutter noch mit mir im Abteil saß und mich beruhigte. Dann musste sie den Zug verlassen und los ging die Reise in ein schlimmes Martyrium, das für mich als Vierjährige niemals zu enden schien.
Als vierjähriges Kind hat man keinen Begriff für Zeit und Entfernung. Ich wusste nicht wohin mich der Weg mit dem Zug und dem Schiff führte, es kam mir nur sehr sehr weit und unendlich lang vor. Auf dem Schiff / Fähre hat ein Mann Gitarre gespielt und gesungen. Der sollte uns wohl einstimmen auf das was da noch kommt…
Natürlich kann ich mich nicht an alles erinnern, vieles ist komplett weg und manches ganz klar da. Ich wüsste sogar heute noch wie ich von meinem ersten Schlafsaal zum Ess- und Aufenthaltsraum komme.
Als ich im Seehospiz ankam, erinnere ich mich an das alte Backsteinhaus, die Verwaltung , das Haupthaus. Dann brachte man mich in meine Gruppe, einige viel ältere Mädchen mit Hautekzemen gehörten dazu.
Ich wurde sofort meiner persönlichen Kleidung entledigt und musste Hospiz-Kleidung tragen. Nur mein Stofftier durfte ich behalten. Neben meinem Bett stand ein Stuhl auf dem jeden Abend die frische Kleidung für den nächsten Tag bereit gelegt wurde.
Es gab Kinder die Abends oft durch die Gänge liefen und immer wieder „Abgänger, Abgänger“ riefen. Das ist mir immer noch so gegenwärtig, als sei es vor ein paar Wochen gewesen. Irgendwann bekam ich mit, dass diese „Abgänger“ anstatt der Hospiz-Kleidung, ihre eigene auf dem Stuhl an ihrem Bett vorgefunden hatten. Das bedeutete, dass sie am nächsten Tag nach Hause fahren durften.
Von nun an schaute ich jeden Abend gespannt auf meinen Stuhl am Bett, wurde aber für die nächsten Monate immer wieder enttäuscht.
An einem Nachmittag zur Mittagsruhe oder am frühen Abend kann es gewesen sein, hatten die älteren Mädchen in meinem Schlafsaal die Idee Toilettenpapier Rollen aus dem Badezimmer den Flur entlang auszurollen, hatten es überall verteilt. Ich saß auf meinem Bett und hatte Angst. Ich hatte eigentlich immerzu Angst, die ganze Zeit.
Dann auf einmal riss eine der „Tanten“ bzw. Ordensschwestern, die Tür auf und schrie, ich hatte sowas noch nie gehört. Ich meine, dass dieser Vorfall an einem der ersten Tage meines Aufenthaltes stattgefunden hat.
Von da an ging es mir noch schlechter, ich wollte nur noch weg. Ich kann mich erinnern, dass ich mich oft versteckte. Am liebsten wollte ich unsichtbar sein, klein wie ein Mäuschen. Einmal versteckte ich mich unter der Treppe, dann in einer Toilettenkabine und an noch anderen Orten, die ich nicht mehr genau entsinnen kann. Natürlich haben sie mich immer gefunden und dann trat genau das ein, wovor ich solche Angst hatte. Sie schrien mich an, packten mich brutal an den Haaren, den Armen und schleiften mich in das Gemeinschaftsbad. Dort stand eine Badewanne. Sie zogen mich nackt aus und stellten mich in die Badewanne. Die anderen Kinder wurden hinzugerufen und standen um die Wanne herum. Sie wurden aufgefordert mich auszulachen und zu beschimpfen. Dann wurde ich mit eiskaltem Wasser abgespritzt. Diese Behandlung erfuhr ich einige Male, auch wenn ich mir nachts in die Hose gemacht habe, weil wir uns nicht rühren durften.
Ich freundete mich nicht mit den anderen Mädchen an, saß oft in der Spielecke und steckte Bilder, malte oder schaute aus dem Fenster. Eigentlich hatte ich auch Angst vor den anderen Kindern, die meisten waren älter als ich. Oftmals wurden sie von den Schwestern, wie oben beschrieben, dazu angestachelt mich zu verspotten.
Irgendwie befand ich mich in einem Albtraum, der niemals zu enden schien.
Es war Januar/Februar und bitterkalt. Wir mussten uns in Dreierreihen an den Händen halten und sind durch durch den Ort und an der Promenade entlang marschiert.
Ich weiß noch, dass ich manchmal dachte, wenn ich eine blonde Frau gesehen habe, dass das meine Mutter sei und ich habe nicht verstanden, warum sie nicht zu mir kam. Einmal habe ich mich so lange umgesehen, bis ich gegen einen Laternenpfahl gelaufen bin. Das war dann natürlich wieder ein Grund mich anzuschreien und zu bestrafen. Das war dann manchmal Essensentzug oder eingeschlossen werden. Oder mir wurde warme Milch mit Haut vorgesetzt, die ich trinken musste. Das war etwas, was ich niemals mochte, ich ekelte mich so sehr davor und das hatten die „Tanten“ schnell herausgefunden. Ich musste stundenlang davor sitzen, durfte nicht aufstehen, ich mir in die Hosen gemacht habe und dann ging die ganze Bestrafung von vorne los.
An das Essen kann ich mich nur noch an dieses krümelige braune Zeug erinnern. Ich nehme an, dass es Hackfleisch war oder eventuell Paniermehl? Das gab es jeden Tag.
Und ich musste in der Küche arbeiten. Abwaschen, anfürsich ist es ja in Ordnung, wenn man das als Kind lernt aber der Ton macht die Musik und ich sollte das nicht lernen sondern man hat mich dazu gezwungen. Ich musste auf einem Stuhl stehen damit ich an das Waschbecken langen konnte. Mit vier Jahren ist Abwaschen eine schwere Aufgabe.
Dann gab es die wöchentliche Gesundheitsuntersuchung. Wir wurden durch den Garten geführt und am Ende stand eine Art Hütte oder kleines Haus. Die Kinder, die in Ordnung waren bekamen eine Handvoll Gummibärchen und wenn das Ergebnis nicht gut war bekam man halt gar nichts. Ich bekam nie etwas, da meine Bronchien immer rasselten.
Irgendwann wurde ich schwer krank. Was genau ich hatte, daran erinnere ich mich nicht mehr. Aber an den Raum, in den sie mich sperrten, den sehe ich noch genau vor mir.
Dort muss ich einige Zeit verbracht haben, denn ich hatte große Angst dort allein eingesperrt zu sein. Zu der Zeit hatte ich immer kurz vorm Einschlafen merkwürdige Träume oder Erscheinungen. Ich kann das gar nicht gut beschreiben. Die Luft zersetzte sich vor meinen Augen, lauter Blasen, die sich immer schneller um mich drehten. Dann musste ich das Licht anmachen um mich zu beruhigen aber das ging nicht, warum weiß ich nicht mehr. Entweder war ich zu klein um an den Lichtschalter zu gelangen oder das Licht konnte nur von außerhalb des Raumes eingeschaltet werden.
Ich habe mich dann vor den Türschlitz auf den Boden gelegt, habe geweint und um Hilfe gerufen. Sehr gut erinnere ich mich daran mit meine Fingern immer unter dem Schlitz nach dem Licht aus dem Korridor getastet zu haben. Dann irgendwann kam die Nachtschwester, schrie mich an und packte mich wieder ins Bett. Das ging ein paar Mal so, bis sie mich am Bett festgebunden hat. Meine Panik war unvorstellbar.
Durch meine Erkrankung zog sich mein Kuraufenthalt auf fast drei Monate hin.
Ich weiß, dass ich meinen Geburtstag am 4. April dort noch verbringen durfte.
An meinem Geburtstag war ich immer noch in diesem Raum eingeschlossen.
Eine Schwester kam herein und brachte mir ein Päckchen, dass mir meine Eltern geschickt hatten. Ich durfte es auspacken. Zum Vorschein kam ein sogenanntes „Pop Up“ Buch. Die gibt es, glaube ich heute noch. Die Seiten lassen sich aufklappen und dann sieht man eine kleine Kulisse. Es war das Märchen Rotkäppchen und ich bat die Schwester mir daraus vorzulesen. Und das tat sie! Ich lag im Bett und lauschte… bis zu dem Punkt als der Wolf die Großmutter fraß….. dann hat sie das Buch wortlos vor meinen Augen zerrissen und in den Papierkorb geworfen. Ja sie hat es regelrecht zerstört, hat darauf getreten, bis nicht mehr viel davon übrig war.
Dann ist sie gegangen und hat mich wieder eingeschlossen.
Diese Szene ist noch vor meinen Augen als wenn es gestern war. Ich habe es nie verstanden warum sie das getan hat. Jetzt ist es mir klar. Das war Kalkül, pure Boshaftigkeit. Denn natürlich hat auch sie das Märchen von Rotkäppchen gekannt, sie wusste genau, was mit der Großmutter passiert und hatte sich nicht aus Freundlichkeit auf meine Bettkante gesetzt um mir vorzulesen. Ich bin einfach nur fassungslos, jetzt erst wird mir so richtig klar was für Teufeln ich dort ausgesetzt war!
Und es ging noch weiter. Mein 5. Geburtstag muss kurz vor oder nach Ostern 1970 gewesen sein. Ich war irgendwann wieder mit den anderen Mädchen im Gemeinschaftsraum. Wir haben Frühlingsbilder gemalt und dann sehe ich noch die Schwester, wie sie etwas vom „Daumenlutschen“ erzählt. Sie sagte, dass man das nicht darf. Ich habe am rechten Daumen genuckelt. Das tat ich schon Zuhause und auch dort im Seehospiz zum Trost. Irgendwie war das auf einmal Thema. Wir mussten uns alle in eine Reihe aufstellen und unsere Hände nach vorne strecken. Ich war die letzte in der Reihe und versteckte meine Arme hinter dem Rücken. Die Schwester lief wie ein Gefängniswärter vor uns auf und ab.. um es spannend zu machen, ich weiß es nicht.
Dann kam sie zu mir und riss mir brutal den rechten Arm nach vorne und hielt ihn hoch für alle zu sehen und führte meinen Daumen vor als wenn ich ein Verbrechen begangen hatte. Dann sollten mich alle wieder auslachen.
Kurz darauf fand ich dann meine eigenen Anziehsachen auf meinem Stuhl, neben dem Bett, vor und irgendwie kann ich immer noch die Fassungslosigkeit empfinden.
So wie ich mich kenne, habe ich nicht laut “Abgänger, Abgänger” gerufen. Nur ganz leise für mich selbst.
Am nächsten Tag wurde ich in das Haupthaus gebracht, in einen großen schön eingerichteten Raum, so empfand ich das damals. Eine große Flügeltür ging auf und da wartete meine Familie.
Meine Eltern und Oma und Opa waren da und haben mich endlich nach Hause geholt.
Ich werde ein paar Fotos beifügen, die mich und meine Familie an diesem Tag zeigt.
Auf der Fähre und vor unserer Wohnung in der Baumstraße in Hannover.
Ich hab lange Zeit danach nicht gesprochen. Mein Mund war wie zugenäht und meine Seele hat unendlich Schaden genommen.
Als ich ein paar Jahre später lesen konnte, fiel mir eine Postkarte mit einem niedlichen Seehund vorne drauf, in die Hände. Da hatten die “Tanten” einen Text drauf geschrieben, der wahrlich nicht von mir in Auftrag gegeben worden war!
An meine Familie, mit schönen Grüßen, dass es toll hier ist und ich sehr glücklich bin. Der blanke Hohn. Leider kann ich die Karte nicht mehr finden, sonst hätte ich ihnen gerne eine Abfotografie gesendet.
Ich bin bis heute ein ängstlicher Mensch, lebe zurückgezogen und fühle mich am wohlsten, wenn ich in meinem Zuhause bin, meiner schützenden Hülle.
Ich leide an verschiedenen psychosomatischen Erkrankungen. Bis heute habe ich Essstörungen und wünsche mir immer noch so klein wie eine Maus zu sein, damit ich nicht auffalle, damit man mich nicht sieht.








