Kategorie: Reaktionen ehemaliger Mitarbeiter und Betreuerinnen

Ehemalige Mitarbeiter, Praktikantinnen und Betreuerinnen, ehemalige Zeitzeugen, die unser Leid von der anderen Seite her erlebt haben, und denen schon damals die „Erziehungsprinzipien“ in diesen Heimen nicht gefallen haben, können ihre Erlebnisse und Erfahrungen während ihrer Praktikums- oder Arbeitszeit bei uns unter ERWACHSENEN-ZEUGENSCHAFT öffentlich posten oder uns vertraulich per mail zuschicken: info@verschickungsheime.de. Erwachsene Zeitzeugenschaft ist für uns sehr wertvoll!

  • Die Gewalt gegen Kinder in Verschickungsheimen war nicht zeitgemäß

    Die Gewalt gegen Kinder in Verschickungsheimen war nicht zeitgemäß

    Foto: Archiv Christoph Heidrich

    Seit Monaten gibt es in der NOZ eine Serie von Artikeln über das Verschickungsthema, hier ein besonders interessantes Beispiel aus einer Diplomarbeit der 80er Jahre:

    Christoph Heidrich, der damalige Student, schickte an Kindererholungsheime in den 80er Jahren u.a. einen Fragenkatalog. Insgesamt 13 Heime auf den ostfriesischen Inseln antworteten, eine Frage lautete: „Sind Besuche und Telefonate der Eltern mit den Kindern erlaubt?“ Eine Auswahl der Antworten fiel wie folgt aus:

    • „Besuche nein, Telefonate ja“
    • „Nein“
    • „Besuche nicht gern gesehen, Telefonate nur an den Geburtstagen der Kinder“
    • „Besuche nein, Telefonate mit den Kindern nein, mit den Erziehern ja“
    • „Nein, in Ausnahmefällen ja“
    • „Offiziell nicht, große Kinder haben zweimal in der Woche Ausgang, können dann natürlich telefonieren, wenn Eltern da sind, werden sie nicht weggeschickt“

    Kinder sollten durch den Kontakt mit den Eltern in der Kur nicht „verwirrt“ werden, d.h. wenn sie Vater oder Mutter sehen oder hören, könnte es sein, dass sie mit nach Hause wollten, so wurde es Christoph Heidrich als Grund genannt. Doch das war nicht der einzige Anlass. Er schreibt, wie die NOZ zitiert: „Ein anderer Grund ist jedoch leider die Angst, Kinder könnten die Vorfälle unwahr oder verfälscht den Eltern berichten, die nun versuchen Aufklärung zu erlangen“.

    Diplomarbeiten zu diesem Thema können interessanten Aufschluss darüber geben, dass die „Erziehungsmaßnahmen“ und Bedingungen in den Verschickungsheimen auch damals nicht „zeitgemäß“ waren, wie uns immer wieder, rechtfertigend und die Gewalt abschwächen wollend, gesagt wird. Wir versuchen an diese Arbeit heranzukommen.

    Die Artikelserie in der NOZ ist höchst interessant und wir werden uns bemühen, sie vollständig für unsere Initiative dokumentieren zu können.

  • Anja Röhl – Kinderverschickung als Forschungsgegenstand

    Anja Röhl – Kinderverschickung als Forschungsgegenstand

    Historisches Foto: H. Wessels, aus einem Hausprospekt, 20er Jahre

    Im Fachaufsatz von Anja Röhl: „Erholungsheime als Forschungsgegenstand“, wird ein sensationeller Beschwerdebrief dreier Praktikantinnen aus dem Jahre 1972, sowie der anschließend über ein Jahr erfolgte interne Briefwechsel der Heimleitung mit den Heimträgern ausgewertet. Die Autorin kann in diesem Aufsatz Vorsatz der damaligen Behörden belegen, denn die angesprochenen Missstände wurden systematisch vertuscht und unter den Teppich gekehrt. Dazu wurden die Beschwerdeführerinnen öffentlich diskreditiert und somit am beruflichen Fortkommen gehindert. Erfolgreich veröffentlicht in: Sozialgeschichte online, am 13.4.2022 –

    Die Studie „Erholungsheime als Forschungsgegenstand. Erwachsene Zeitzeug*innenschaft am Beispiel eines Beschwerdebriefes im Adolfinenheim auf Borkum

    In ihrem Aufsatz beleuchtet Anja Röhl eingehend den Ende 1972 von drei Praktikantinnen eines Erholungsheims auf Borkum (Adolfinenheim) verfassten Beschwerdebrief und die vielfältigen Reaktionen der Verantwortlichen darauf. Es entspinnt sich, wie sich im archivierten Briefwechsel zeigt, ein entlarvender Umgang der Verantwortlichen mit den aufgezeigten schweren Kindesmisshandlungen. Eine festgefügte Einheit aus Heimleitung, lokaler Verwaltung und Regionalpolitik befasst sich in empörender Weise mit den Beschwerden der Praktikanntinnen. Statt die Miss-Stände ernst zu nehmen, beherrscht die Verantwortlichen nur die Angst vor Aufdeckung und einer kritischen Öffentlichkeit. Es geht ihnen, wie Röhl belegen kann, um ihre Bau-Kredite, um die sie fürchten, um die Umgehung der Heimaufsicht, vor deren Auflagen sie zittern, aber niemals um das Wohl der ihnen anvertrauten Kinder. Es kommt soweit, dass den Beschwerdeführerinnen rechtliche Konsequenzen angedroht werden. Es gelingt der Autorin Anja Röhl durch ihre Recherche zu belegen, dass es im Falle des Adolfinenheims mitnichten so war, dass die einzigen Probleme im Personalmangel und in schlechter Bausubstanz bestanden haben. Das Primäraktenstudium hat außerdem viele wertvolle weiterführende Aspekte zum Thema Kinderverschickungen ergeben. So wird deutlich, warum die Kinder-Erholungsheime unbedingt als „Kinderheilstätten“ anerkannt werden wollten. Der Fachartikel von Anja Röhl hat die noch junge Wissenschaft der Kinderverschickungen wieder ein gutes Stück vorangebracht. Anja Röhl knüpft dabei an Ergebnisse dreier Fachtagungen (2019, 2020, 2021) sowie einer Dokumentation der Diakonie Niedersachsen aus dem Jahr 2021 an, die sich dem Thema der Misshandlung von „Verschickungskindern“ widmeten.

    Weitere Fachaufsätze in Sozialgeschichte online zum Thema Kinderverschickung:

    Sylvia Wagner, Ein unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte: Arzneimittelstudien an Heimkindern, in: Sozial.Geschichte Online, 19 (2016), S. 61–114, [duepublico.uni- duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf].

    Sylvia Wagner / Burkhard Wiebel, „Verschickungskinder“ – Einsatz sedierender Arzneimittel und Arzneimittelprüfungen. Ein Forschungsansatz, in: Sozial.Geschichte Online, 28 (2020), S. 11–42, [https://duepublico2.uni-due.de/receive/duepublico_mods_00073594].

    Siehe auch die Rezension: Marita Schölzel-Klamp / Thomas Köhler-Saretzki, Das blinde Auge des Staates. Die Heimkampagne von 1969 und die Forderungen der ehemaligen Heimkinder (Hüttner, Bernd), 5 (2011), 223– 225, [duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-26860/13_Rezensionen.pdf].

  • Verzeihung einer Praktikantin

    Verzeihung einer Praktikantin

    vor Kurzem erhielten wir folgenden, sehr bewegenden Brief:


    Guten Tag,

    seit das Thema „Verschickungskinder“ ins öffentliche Interesse gerücktist – und das ist gut so – kommen bei mir Erinnerungen hoch.

    Nicht als Opfer – eher Täterin.

    Im Rahmen meiner Erzieherinnen Ausbildung habe ich im Sommer 1973 oder 1974 ein 6-wö. Praktikum in einem Heim in Pelzerhaken bei Neustadt/Ostsee gemacht.

    Da ich damals bereits eine abgeschlossene Ausbildung als Kinderpflegerin hatte und 20 J. alt war, wurde ich auch zu Nachtdiensten eingeteilt. Als Vorgabe hatte ich von den Hauptamtlichen Erzieherinnen, die Kinder nachts nicht zur Toilette gehen zu lassen. Die Folge war, das der/die ins Bett gemacht haben.

    Ich habe mit Strenge reagiert.

    An Situationen beim Mittagessen, wenn es so bei manchem Kind nicht „runter rutschen“ wollte, saß ich auch lange bei ihnen bis der Teller leer war.

    Beim Schreiben dieser Zeilen empfinde ich viel Scham (auch ich habe nie mit jemanden darüber gesprochen) und Schuld. Ich bekenne mich zu meinem Vergehen, trage die Verantwortung und bitte um Verzeihung.

    Mit freundlichen Grüßen

    Gisela O.

  • ERWACHSENEN-ZEUGENSCHAFT

    ERWACHSENEN-ZEUGENSCHAFT

    An Mitarbeiterinnen und Eltern ehemaliger Verschickungsheime:

    An dieser Stelle veröffentlichen wir Berichte der damals erwachsen gewesenen ZEUGEN, ihre Erlebnisse und Erinnerungen sind solche von damals Beobachtenden, die erwachsen waren und deren Erinnerungen nicht durch eigene traumatische Erlebnisse bestimmt wird. Mitarbeiter damaliger der Verschickungsheime sind Kinderpflegerinnen, Kindergärtnerinnen, Köchinnen und Hausmeister, aber auch die Erinnerungen von Eltern tragen wir an dieser Stelle zusammen. Damalige Mitarbeitende schreiben ihre Beobachtungen hier in die Kommentarfunktion ein. Bitte diese Kommentarfunktion nur für Menschen, die in den 50 – 80/90er Jahre erwachsen waren und Zeugen von Kinderbehandlung in Verschickungsheimen gewesen sind. Weitere Berichte von Erwachsener Zeitzeugenschaft Download.

    Meldet euch mit Berichten als erwachsene Zeitzeugen: aekv@verschickungsheime.de

    Alle anderen Betroffenen, die als Kinder in dieser Heimen gewesen sind, schreiben bitte auf dieser Webseite bei ZEUGNIS ABLEGEN

  • Beschwerden unter den Teppich

    Beschwerden unter den Teppich

    Erwachsene Zeitzeugen sind für uns wertvoll. Ihren Erinnerungen wird eher geglaubt. Hans Jürgen Brennecke hat 1970 in einem Verschickungsheim als junger Pädagogikstudent gejobbt, dabei hat er sich schon am ersten Tag von seiner Chefin anhören müssen, dass man die Kinder schlagen dürfte und sogar sollte, damit man sich Respekt verschaffe. Als er weitere schwarze Pädagogik-Methoden aufdeckte und sogar mittun sollte, weigerte er sich. Daraus ist eine Protestaktion (Foto aus einem Bericht darüber im damaligen STERN) geworden, in deren Verlauf er gekündigt wurde und beschloss, ein Erzieher zu werden, der es besser machen wollte. Die damals mit ihm zusammen gegen brutale Erziehungsmethoden protestiert hatten, wurden eingeschüchtert, gekündigt, unglaubwürdig gemacht, die Probleme wurden als Einzelfälle verharmlost, klein geredet und unter den Teppich gekehrt. Erst im Laufe der Protestaktion fiel ihm ein, dass auch er als kleiner Junge, in demselben Heim einstmals einen traumatischen Verschickungsaufenthalt hatte. Er stellt uns hier (PDF) seine Zusammenfassung der Ereignisse zur Verfügung.

  • 16-jährige Zeitzeugin aus Bad Sachsa

    16-jährige Zeitzeugin aus Bad Sachsa

    Hier ein Interview mit einer Zeitzeugin, die 1970 als Praktikantin in Bad Sachsa im Haus Bergfrieden war. Sie ist dort rausgeworfen worden, weil sie sich beschwert hat. Sie kennt Namen und Zusammenhänge. Sie bestätigt unsere Erinnerungen. Sie bestätigt, dass es damals schon eine sehr rückschrittliche Behandlung von Kindern war und keineswegs die zeitgemäß übliche. Sie sagt, ihr sei gedroht worden, als sie sich beschwert hätte, auch ihre Eltern haben ihr nicht geglaubt, sie war 16 Jahre alt und hat sich mit den vor ihren Augen gequälten Kindern verbündet. Sie kann alle unsere Bilder bestätigen. Hier die MP3-Audio-Datei

    [teaserZeugnissSuche linktext=“Für dieses Heim wurden unter Zeugnis ablegen ###ERGEBNISS### Einträge gefunden“ suche=“Bad Sachsa“ linktextforum=“Auch im Forum gibt es schon ein paar Kinder aus dem Heim (Login)“ ]