Positive Erinnerungen an Kindererholungsheime, Kinderheilstätten und Kinderkurheime
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Titelbild Elternratgeber: Mit Kindern an die See, 1987
Es hieß 50 Jahre lang, die Verschickungen seien „das Beste“ für die Kinder gewesen, inzwischen haben sich aber mehr als 50.000 Betroffene mit Erinnerungen an Demütigungen, Angst und Gewalt bei der Initiative Verschickungskinder in einem Gästebuch und einem Fragebogen, in anderen Foren, sozialen Medienkanälen, auf Petitionen und auf Journalisten- und Wissenschaftler-Aufrufe gemeldet und man hat darin ein System immer gleicher Gewalt erzeugender Bedingungen in diesen besonderen, oft sehr abgelegenen Pflegeeinrichtungen, mit nur wenig ausgebildetem Personal, erkannt. Das ist auch wissenschaftlich, durch Aktenfunde belegt, analisiert worden. Positive Erinnerungen gibt es ab und zu, sie beziehen sich meist auf Strandausflüge, so es welche gegeben hat, junge Praktikantinnen, die oft sehr nett waren, das Essen kurz nach dem Krieg, als in den Großstädten gehungert wurde und es in den Kurorten direkt vom Bauern geliefert wurde. Diese positiven Erinnerungen werden meist von ab 10-12-Jährigen geäußert, bleiben aber oft vage bei konkreten Nachfragen. Dazu kommt: Kinder, die sich in einer durch Angst geprägten Athmosphäre befinden, erleben jeden kleinsten Gesang als Entspannung und jedes kleine Lächeln einer Gewaltperson als positive Erleichterung. Es gilt in dem Zusammenhang einen differenzierten Blick zu entwickeln. Man muss genau nachfragen, z.B. nach der Abwesenheit von Negativem: z.B.: Gab es die freie Möglichkeit, jederzeit auf die Toilette zu gehen, bekamen die Kinder, wenn sie das Vorgesetzte nicht essen mochten, stattdessen Stullen oder etwas anderes zu essen, ging man freundlich mit essensaversionen um? War der Tonfall liebevoll, zugewandt, anregend? Gab es kein Zwangseinfüttern? Wurden die Kinder, die geredet hatten, nicht aus ihrem Bett geholt und nachts zur Strafe auf den Flur gestellt? Gab es nachts kein Toilettenverbot? Wurden Kinder, die nachts eingenässt hatten, nicht bloßgestellt, angemeckert und bestraft? Und was genau wurde positiv erlebt? Die meisten Bedingungen, die Angst auslösten oder Gewalt erzeugten, galten den unwillkürlichen, den normalen Bedürfnissen der Kinder, wie essen, weinen, lachen, miteinander sprechen und auf Toilette gehen, diese Bedürfnisse können ältere Kinder schon besser kontrollieren als jüngere, folglich litten jüngere am allermeisten, trotzdem haben ältere Kinder auch oft Probleme bekommen, nämlich dann, wenn sie kritisch nachgefragt haben oder sensibel und einfühlsam beobachtet haben, wie mit den Kleinen umgegangen wurde.
Als wir begannen, uns dem Thema der traumatischen Erinnerungen von Verschickungskindern zu nähern, waren wir erstaunt über die zahllosen, überaus detaillierten Berichte von angsterfüllten Verschickungsaufenthalten und erlebter Gewalt. Kinder, meist unter 6 Jahren, wurden zu Hunderten allein, ohne ihre Eltern, über 6 Wochen, zwischen 1946 und 1990, in weit entfernt liegende Kindererholungsheimen und -Heilstätten aller Bundesländer verbracht. Erlebnisschilderungen darüber wurden uns ungefragt zugesandt und sammeln sich seither öffentlich auf unserer Webseite in unserem Gästebuch, 2776 (am 27.5.25) und anonym in einem Fragebogen, wo es schon weit über 15.000 sind, die ihre Geschichte unserer Webseite und selbstbestimmten Forschung zur Verfügung gestellt haben. Wir zensieren nicht, wir kürzen nicht, wir schalten nur frei und sammeln. Es sind Erinnerungs-Schilderungen von Demütigungen, körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt und starken Angsterlebens. Diese Berichte sind zumeist von Menschen, die zum ersten Mal mit unserer Initiative in Kontakt kommen und erfahren, dass sie mit ihren schmerzlichen Erfahrungen nicht allein sind, sondern Teil einer sehr großen Gemeinschaft von Betroffenen. Oft ist dann der erste Impuls, das selbst Erlebte aufzuschreiben, Zeugnis zu geben. Auch auf unserer Petition bei change.org gibt es über 49.000 Menschen, davon zahllose Betroffene, die in ihren Kommentaren von ihren eigenen negativen Erlebnissen berichten, dasselbe in zahlreichen facebookgruppen mit Tausenden von Mitgliedern.
Es ist also seit dem Beginn unserer Initiative immer deutlicher geworden, dass die Kinderverschickung System hatte und dass in ihr eine „Subkultur der Gewalt“ (Hans Walter Schmuhl (2023): Kur oder Verschickung: Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Dölling und Galitz, München, S. 249) herrschte. Alle bisherigen wissenschaftlichen Studien bestätigen, dass im Rahmen der Kinderverschickungen Gewaltbedingungen durch vielfältige institutionelle Ursachen gegeben hat.
Manchmal werden in den Berichten, die uns vorliegen, äußere Bedingungen als tröstend empfunden: Sommer und Strand, Wald und Berge, Festlichkeiten, Aufführungen oder gemeinschaftliche Aktivitäten wie Singen, Spielen und Wandern. Trotzdem gibt es auch bei solchen positiven Erinnerungen oft zusätzliche Erinnerungen an Angst- und Gewaltsituationen, die ihnen selbst passiert, oder die die betreffenden beobachtet haben.
Wir wollen einen umfassenden Einblick in das Geschehen während der Verschickungen erhalten. Dafür sind auch positive Erinnerungen wichtig. Denn oft können sie zeigen, durch welche Zufälle Kinder getröstet werden konnten, und manchmal widerstandsfähiger und resilienter gegen die negativen Erfahrungen wurden, oft in der Art, dass sich ein kritisches bewusstsin gegenüber Kindesleid entwickelte. Es reichte manchmal eine heimliche Freundin, eine mitfühlende Praktikanntin. Das ändert aber nichts daran, dass die Bedingungen in bisher allen uns bekannten Verschickungsheimen, also Kinderheilstätten und Kindererholungsheimen mit 6-Wochenkuren, in ähnlicher Weise angsterzeugend und gewalterzeugend auf Kinder und Personal gewirkt haben.
50 Jahre lang war der Diskurs zu Kindererholungsaufenthalten durchgehend positiv besetzt, Heimbetreiber, Mitarbeitende dieser Institutionen feierten ihre eigenen positiven Erinnerungen. Sie tun das noch. Ehemalige Mitarbeiter kommen mit Fotoalben und zeigen lachende Kinderfotos herum, sie beschreiben, wie gut der Zusammenhalt der Mitarbeitenden untereinander war, oft erzählen sie, wieviel sie miteinander gelacht haben und wie fröhlich alles war. Wir als Betroffene ertragen solche begegnungen und Erzählungen nur sehr schwer. Aus der gleichen Zeit, wo wir die schmerzhaftesten Erinnerungen in uns haben, erzählen sie vom Spaß, den sie untereinander und mit den Kindern hatten. Unseres Erachtens ein Zeichen für Abspaltung von traurigem Kindeserleben, dass sie damals übersehen haben und heute nicht wahrhaben wollen, für das Fehlen von Empathie, für ein nachträgliches „Schönen“ dieser Zeit. Wir freuen uns über jede Mitarbeiterin, die ihre Zeit damals kritisch hinterfragt, oder die ihr damaliges Vorgehen gegen die Kinder bereut, solche Briefe erreichen uns, das bewegt uns tief. In Bädermuseen und Elternratgebern war man viele Jahrzehnte lang des Lobes voll, kritische Worte, wie etwa Eltern- oder Erzieherbeschwerdenoder auch kinderärztliche Kritik wurden fünf Jahrzehnte von Heimbetreibern und Behörden nur wenig beachtet, sie wurden bagatellisiert und sogar bekämpft (Röhl, A. in Sozialgeschichte offline, 2022, Heft 31/2022, S.61-100: Kindererholungsheime als Forschungsgegenstand. Erwachsene Zeitzeugenschaft am Beispiel eines Beschwerdebriefes im Adolfinenheim auf Borkum, auchonline verfügbar)
Nun, wo sich das erste Mal, nach 50 Jahren, die Betroffenen selbst zu Wort melden, brechen oftmals lange verdrängte Erinnerungen an Beschimpfungen, Schmerzen, Scham, Angst und Gewalt auf. Manche Menschen beschreiben dabei detaillierte Szenen in Ess- und Schlafräumen und wissen noch, wo ihr Bett stand und wie an einem bestimmten Tag das Licht durch die Vorhänge fiel. Sie beschreiben Gerüche, an den Schlafsaal, den Waschraum, das Essen, Farben, gestochen scharfe Filmszenen ihrer traumatischen Erlebnisse und erleben dabei erneut tiefe Gefühle von Angst und Bedrohung. Andere haben schwere Körpersymptome und Alpträume, die sich durch bestimmte Fakten auf Verschickungserfahrungen zurückführen lassen. Sie alle erleben einen ungeheuren Kräftezuwachs aus dem Gefühl, nicht mehr allein mit ihrem Leid und nicht schuld daran gewesen zu sein, sie engagieren sich in gegenseitigem Austausch, in Beratung, Vernetzung und recherche, sie streben dazu an, mehr über diese Einrichtungen herauszufinden.
Anja Röhl, Christiane Dienel, für den AEKV e.V., dem wissenschaftlichen Begleitverein der Initiative Verschickungskinder e.V.
Bettina
aus Göttingen schrieb am 19.02.2024
Verschickungsheim: Kinderheim Frisia, Waldstrasse, St. Peter Ording
Zeitraum (Jahr): April-Mai 1978
Ich wurde 1978 als Zehnjährige in das Kinderheim Frisia nach St. Peter Ording geschickt. Als Privatinitiative meiner Eltern, da ich häufiger krank war und vor dem Gymnasium "fit gemacht" werden sollte. Der 6-wöchige Aufenthalt war der Anfang von tiefen Depressionen und chronischer schwerer Krankheit, die sich bis heute - 2024 - durch mein gesamtes Leben ziehen. Dabei habe ich alles glasklar vor Augen. Ich wollte dort nicht hin, habe mich noch am Tag vor der Abreise zuhause gewehrt, es half nichts. Das Elternhaus war streng, unter Anleitung meiner Großmutter mußte ich die Namensschilder nachmittags nach der Schule in meine Kleidung nähen. Der Aufnahmetag im Haus Frisia nach 4 Stunden Autofahrt begann extrem traumatisch. Mir wurde gesagt, ich solle mit einer Kindergruppe mitgehen, zum Spaziergang. Meine Eltern würden auf mich warten. Als wir zurückkamen, sah ich unser Auto links auf dem kleinen Parkplatz vor dem Haus stehen und war beruhigt. Alles gut, sie sind da! Im Speisesaal während des Abendessens sah ich meine Eltern aus dem Haus zum Auto gehen und einsteigen. Ohne sich mit einem Wort oder einer Umarmung von mir zu verabschieden! Ich sprang vom Tisch auf, rannte zum Fenster, hämmerte dagegen, schrie und weinte, rief so laut ich konnte "Mami, Mami" - und wurde von einer der "Tanten" weggezogen und festgehalten. Ich mußte zusehen wie der silberfarbene Audi meiner Eltern vom Grundstück fuhr, auf der Hutablage noch mein Comic-Heft, dass ich mir als Besonderheit hatte aussuchen dürfen, ein Ponybuch, und eine Tüte Erdnußflips. Besondere Extras, um mir das Kinderheim schön zu machen. Alles nahmen meine Eltern wieder mit und ließen mich einfach zurück, ohne sich umzudrehen. Ich wurde in ein volles Dreierzimmer in ein Zustellbett gepackt, dem "Sportplatz". Wurde ab der ersten Minute gehänselt. Die Mädchen nahmen mir sofort meine wenigen Kleinigkeiten weg, die ich als Erinnerung an Zuhause eingepackt hatte. Ein kleiner Notizblock mit einem silbrigen Deckel. Mein Taschengeld, auf das ich ganz stolz war, weil meine Mutter mir versprochen hatte, ich könnte in St. Peter Ording allein einkaufen gehen. Ich habe meine Sachen, mein Geld nie wieder gesehen. Beschwerde zwecklos. Nachts weinte ich viel. Ein Mal kam eine der Nachtwachen am frühen Morgen und nahm mich zu sich mit ins Bett, weil ich so viel geweint und gehustet hatte - dort habe ich mich kurz geborgen gefühlt. Nach wenigen Tagen wurde ich in ein anderes Zimmer verlegt und weigerte mich morgens aufzustehen. Decke über den Kopf, das Schimpfen ließ ich an mir abprallen. Konnte nicht, ich wollte nicht, es war mir alles egal. Ich hatte das Gefühl ich gebe auf. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass ich schwer depressiv war. Alles war sehr streng geregelt: zum Mittagschlaf mußten wir uns komplett ausziehen und die Schlafanzüge an. Nach dem Wecken hatten wir 2 Minuten Zeit, um angezogen in Reih und Glied im Waschraum zu stehen. Die Klotüren im Waschraum konnte man nicht abschließen, es gab immer wieder Kinder die versucht haben sie zu öffnen, wenn ich dort saß. Verstopfung vorprogrammiert, ich versuchte also außerhalb der Waschraumzeiten aufs Klo zu gehen, mußte mich dafür immer melden und um Erlaubnis fragen. Die Körperpflege bestand nur aus Katzenwäsche (Gesicht, Hände, Zähneputzen, mehr nicht!), was mir mit 10 Jahren unangenehm war, da ich anfing leichten Körpergeruch zu entwickeln. Was mir bewußt war. Die Haut in den Achselhöhlen und am Po fing irgendwann an zu jucken. Die Kopfhaut ebenso. Jeden Sonntag gab es frische Kleidung, die Unterwäsche wurde zusätzlich am Mittwoch gewechselt. Alle 2-3 Wochen durften wir zu Dritt kurz unter die Dusche. Alle gleichzeitig unter eine Brause. Abduschen, Haare waschen, fertig. Mir war das fettige Haar sehr unangehm. Zuhause wurde es auch nur ein Mal in der Woche gewaschen, aber dann war es auch nötig. Und hier nur alle 2-3. Wir hatten mehrere Bettnässer, von ganz klein (4 Jahre) bis groß (12 Jahre). Die wurden vor der ganzen Gruppe von den Tanten verhöhnt, beschimpft - und die großen Bettnässer mußten vor unser Augen unter diesen Beschimpfungen die nasse Bettwäsche in der einzigen Badewanne im Waschraum auswaschen. Grausam. Als Kollektivstrafe für das Bettnässen gab es ab dem frühen Nachmittag 14.30 Uhr für alle Kinder nichts mehr zu trinken. Der Tee zum Abendbrot wurde gestrichen. Uns wurde erzählt, dass das Leitungswasser vergiftet wäre, wir dürften das auf keinen Fall trinken!! Es wurde streng kontrolliert, ob wir nicht doch beim Zähneputzen einen Schluck nahmen. Ich hatte so furchtbaren Durst, dass ich es doch irgendwann mal heimlich getrunken habe, nach einem extra erbettelten Klogang (ich mußte nicht, ich wollte einfach nur trinken). Und nichts passierte. Keine fürchterlichen Bauchschmerzen, wie von den Tanten prophezeit... - Einmal wöchentlich mußten wir einen Brief nach Hause schreiben. Habe ich die Wahrheit erzählt, wurde ich zur Tante gerufen und beschimpft, dass ich Lügen erzählen würde. Ich mußte meinen Brief neu verfassen und dabei "schön schreiben", also alles positiv erzählen. Später fand ich einmal so einen Brief bei meinen Eltern, in dem ich versucht hatte trotzdem meine Situation zu schildern. Einige Passagen waren herausgeschnitten. Darunter stand von den Tanten geschrieben, dass ich eine blühende Phantasie hätte und mir das alles nur ausdenken würde. - Ich versuchte schließlich wegzulaufen. Wir waren in einem Waldstück, spielten irgendein Versteckspiel. Ich hatte einem Jungen, der mich gehänselt hatte, mit aller Wut die ich in mir hatte zwischen die Beine getreten und war entsprechend von der Erzieherin vor allen ausgeschimpft worden. Ich bin einfach so weit ich konnte immer weiter und weiter in den Wald hineingelaufen. Und hatte nur einen Gedanken: zum Bahnhof, irgendwie. In einen Zug, irgendwie. Nach Hause. Ich hörte alle nach mir rufen - und bin einfach weitergelaufen. Bis ich im immer tieferen Dickicht Angst bekam und mich in einem trockenen Bachbett niedergekauert habe. So wurde ich gefunden. Ab da an bekam ich einen Saft, der mich für wenige Stunden ruhigstellte. Sobald ich ihn geschluckt hatte, schien alles wieder gut, ich fühlte mich total ruhig und hatte kein Heimweh mehr. Nach einer gewissen Zeit brach alles Heimweh wieder über mich hinein. Ich nehme an es war Valium, oder ähnliches. Ich versuchte ein 2. Mal wegzulaufen, nachdem ich es schon nachts ganz leise versucht hatte (in allen Zimmern war eine Art Babyfon) und merkte, dass die Haustür abgeschlossen und der Schlüssel abgezogen war. Also bin ich tagsüber, während wir auf der Wiese hinter dem Haus spielten, einfach und ruhig um das Haus herumgegangen und auf die Straße Richtung Ort, ohne mich umzudrehen. Ich wollte nur zum Bahnhof und hatte gehofft dass mich niemand bemerkt, wenn ich ganz ruhig gehe. Doch Kinder hatten mein Fortgehen gemerkt und mich verpetzt. Ich wurde zurückgeholt, bekam den Beruhigungs-Saft und wurde gefragt, ob ich wisse warum ich in Frisia sei. Ja, weil ich häufig krank gewesen sei. Nein, lautete die Antwort. Weil ich zu sehr an meiner Mutter hängen würde. Sie hätte mich nicht mehr zuhause haben wollen, darum wäre ich nach Frisia gebracht worden! In mir zerbrach das allerletzte bischen - und ich habe keinen weiteren Versuch mehr unternommen wegzulaufen. Wenn meine Eltern mich nicht mehr haben wollen, schicken sie mich doch sofort wieder zurück ... dachte ich. Ich wurde später ins Storchennest verlegt, gemeinsam mit zwei gleichaltrigen Mädchen. Die anderen Betten blieben leer. Das war nach 3 Wochen. Ab da an habe ich mich etwas eingelebt, da ich zum ersten Mal Freundinnen dort hatte. Bekam ich ein Päckchen von Zuhause, eine sehr große Besonderheit für mich, als 4. Kind in einer sparsamen Familie, habe ich es nicht erhalten. Sondern es wurde vor meinen Augen aufgeteilt, an alle Kinder. Selbst ein Riegel Mars mußte geteilt werden. Als ich mich beschwerte, dass es doch mein eigenes Päckchen von meiner Mami sei, wurde ich streng zurechtgewiesen. Ich müsse lernen zu teilen! (was ich wie gesagt zuhause mit 3 Geschwistern sowieso immer getan hatte) Aß ich bei den Mahlzeiten nicht auf, weil ich z. B. keinen Fisch essen konnte (sofortiges Würgen) oder einfach das Gericht nicht mochte (Obstsuppe, jeden Morgen! abgewechselt von Vanille-oder Schokoladensuppe mit Haut, eklig) mußte ich solange alleine im Speisesaal sitzen bleiben, bis ich aufgegessen hatte. Und wenn es Stunden dauerte. Ein Mal habe ich bis zur nächsten Mahlzeit sitzen müssen. Fischfrikadellen führten dazu, dass ich mich übergeben habe. Was neue Strenge nach sich zog.... Ich könnte immer weiter schreiben. Meine seelische Erkrankung begann im Haus Frisia, dort wurde mir meine Seele gebrochen. In unmittelbar zeitlicher Folge wurde ich schwerst darmkrank, Colitis ulcerosa, therapieresistent. Eine Autoimmunerkrankung, die stark psychosomatischen Einflüssen unterliegt. Typisches Thema dabei ist Verlust, Trennungserfahrung, Trauer. Stimmt. Erst viele Jahre später habe ich erfahren, dass meine Cousins ebenfalls einige Jahre davor auch im Kinderheim Frisia waren - und es genauso schrecklich, genauso traumatisch fanden. Aber als Zwillinge waren sie zumindest nicht alleine. Mit dem Aufenthalt im Kinderheim Frisia endete meine Kindheit - und mein Leben als chronisch Kranke begann. Meine Eltern wollten nie wissen, was sie mir damit angetan haben. Sie haben mir meine Erzählungen nie geglaubt.
Das ist der Titel eines 45-minütigen TV-Beitrags, der im SWR in der Sendung betrifft gelaufen ist und einen guten Überblick über das Thema gibt. Die Sendung ist die Zusammenfassung von einem Jahr Öffentlichkeitsarbeit der Initiative Verschickungskinder. Zuerst gab es, nach unseren ersten Veröffentlichungen nur Beiträge von wenigen Minuten, dann sendete Report Mainz zweimal jeweils einen…
In der letzten Zeit mehren sich die Berichte über illegale Medikamentenversuche in Heimen und medizinischen Einrichtungen auch bei Verschickungskindern.
2 Kommentare
Liebe Evelyn, ich verstehe dich, aber wir, die wir in der Öffentlichkeit stehen, müssen belegen, dass es die vielen Betroffenen gibt. Dafür gibt es ja das Portal: ZEUGNIS ABLEGEN, da kann man ja sehen, dass es um viele Menschen geht, die dieselbe Erfahrung gemacht haben. Dafür gibt es unsere Fragebögen. Wir versuchen viel und kämpfen mit Argumenten. Und ein Denkmal ist ein Denkanstoß für viele Unbeteiligte und besser als in den Museen weiterhin nur Positives zu den Verschickungen zu lesen. Grüße, Anja
Ich bin sehr entrüstet darüber dass es Menschen gibt die diese vielen Tatsachenberichte betroffener Kinder/ Menschen überhaupt anzweifeln oder versuchen ins lächerliche zu ziehen indem sie gegenteiliges behaupten oder diese Verbrechen abzumildern. Ich benutze absichtlich den Begriff ,,Verbrechen „, denn nichts anderes sind diese Taten und Missbräuche an Kindern bzw. in
diesem Fall sogar schutzbefohlener Minderjähriger!!!
Ich bin selbst betroffen und ich habe nun schon mein ganzes Leben mit den Folgen zu kämpfen. Ich bin seitdem einfach noch kränker geworden.
Ich kann gar nicht nach Borkum fahren und mir Denkmäler begucken. Ich müsste mich übergeben wenn ich an den Ort zurückkehren müsste an dem die Weichen meines Lebens so verderblich gestellt worden sind.
Hier wurden systematisch Kinderseelen zerstört mit negativen Auswirkungen
für den Rest des gesamten Lebens.
Was ??? frage ich jeden Einzelnen…was soll das wieder gut machen???
Ich bewundere diejenigen die ihre Geschichte und die Geschehnisse
in die Öffentlichkeit getragen haben und ans Tageslicht gebracht haben…
Ich habe das Trauma mein ganzes Leben bis Heute nicht überwinden oder aufarbeiten können, trotz Therapien.
Und…ich verachte diese Menschen die daher kommen und meinen sie könnten diese fürchterlichen Tatsachen, Verbrechen und Leid, einfach verharmlosen oder anzweifeln.
Weiterhin bin ich der Meinung dass dieses ganze Land und dessen Regierung für diese Schande geradezustehen hat.
Nicht wir die Betroffenen müssen um Anerkennung betteln!!!
Liebe Evelyn, ich verstehe dich, aber wir, die wir in der Öffentlichkeit stehen, müssen belegen, dass es die vielen Betroffenen gibt. Dafür gibt es ja das Portal: ZEUGNIS ABLEGEN, da kann man ja sehen, dass es um viele Menschen geht, die dieselbe Erfahrung gemacht haben. Dafür gibt es unsere Fragebögen. Wir versuchen viel und kämpfen mit Argumenten. Und ein Denkmal ist ein Denkanstoß für viele Unbeteiligte und besser als in den Museen weiterhin nur Positives zu den Verschickungen zu lesen. Grüße, Anja
Ich bin sehr entrüstet darüber dass es Menschen gibt die diese vielen Tatsachenberichte betroffener Kinder/ Menschen überhaupt anzweifeln oder versuchen ins lächerliche zu ziehen indem sie gegenteiliges behaupten oder diese Verbrechen abzumildern. Ich benutze absichtlich den Begriff ,,Verbrechen „, denn nichts anderes sind diese Taten und Missbräuche an Kindern bzw. in
diesem Fall sogar schutzbefohlener Minderjähriger!!!
Ich bin selbst betroffen und ich habe nun schon mein ganzes Leben mit den Folgen zu kämpfen. Ich bin seitdem einfach noch kränker geworden.
Ich kann gar nicht nach Borkum fahren und mir Denkmäler begucken. Ich müsste mich übergeben wenn ich an den Ort zurückkehren müsste an dem die Weichen meines Lebens so verderblich gestellt worden sind.
Hier wurden systematisch Kinderseelen zerstört mit negativen Auswirkungen
für den Rest des gesamten Lebens.
Was ??? frage ich jeden Einzelnen…was soll das wieder gut machen???
Ich bewundere diejenigen die ihre Geschichte und die Geschehnisse
in die Öffentlichkeit getragen haben und ans Tageslicht gebracht haben…
Ich habe das Trauma mein ganzes Leben bis Heute nicht überwinden oder aufarbeiten können, trotz Therapien.
Und…ich verachte diese Menschen die daher kommen und meinen sie könnten diese fürchterlichen Tatsachen, Verbrechen und Leid, einfach verharmlosen oder anzweifeln.
Weiterhin bin ich der Meinung dass dieses ganze Land und dessen Regierung für diese Schande geradezustehen hat.
Nicht wir die Betroffenen müssen um Anerkennung betteln!!!