Positive Erinnerungen an Kindererholungsheime, Kinderheilstätten und Kinderkurheime
Titelbild Elternratgeber: Mit Kindern an die See, 1987
Es hieß 50 Jahre lang, die Verschickungen seien „das Beste“ für die Kinder gewesen, inzwischen haben sich aber mehr als 50.000 Betroffene mit Erinnerungen an Demütigungen, Angst und Gewalt bei der Initiative Verschickungskinder in einem Gästebuch und einem Fragebogen, in anderen Foren, sozialen Medienkanälen, auf Petitionen und auf Journalisten- und Wissenschaftler-Aufrufe gemeldet und man hat darin ein System immer gleicher Gewalt erzeugender Bedingungen in diesen besonderen, oft sehr abgelegenen Pflegeeinrichtungen, mit nur wenig ausgebildetem Personal, erkannt. Das ist auch wissenschaftlich, durch Aktenfunde belegt worden. Betroffene aus den Zeiten der Verschickungen, wo jedes Jahr 350.000 Kinder in diese Heime gefahren wurden, von etwa 1950 bis 1989 und noch aus manche dieser Einrichtungen, bis in die 90er Jahre, erinnern sich schmerzhaft an einen hartherzigen, angsterregenden Umgang mit ihnen, an Demütigungen und Gewalt in diesen weit abgelegenen Einrichtungen ohne Elternbesuchsrecht. Als wir begannen, uns dem Thema der traumatischen Erinnerungen von Verschickungskindern zu nähern, waren wir erstaunt über die zahllosen, überaus detaillierten Berichte von angsterfüllten Verschickungsaufenthalten und erlebter Gewalt. Kinder, meist unter 6 Jahren, wurden zu Hunderten allein, ohne ihre Eltern, über 6 Wochen, zwischen 1946 und 1990, in weit entfernt liegende Kindererholungsheimen und -Heilstätten aller Bundesländer verbracht. Erlebnisschilderungen darüber wurden uns ungefragt zugesandt und sammeln sich seither öffentlich auf unserer Webseite in unserem Gästebuch, 2776 (am 27.5.25) und anonym in einem Fragebogen, wo es schon weit über 15.000 sind, die ihre Geschichte unserer Webseite und selbstbestimmten Forschung zur Verfügung gestellt haben. Wir zensieren nicht, wir kürzen nicht, wir schalten nur frei und sammeln. Es sind Erinnerungs-Schilderungen von Demütigungen, körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt und starken Angsterlebens. Diese Berichte sind zumeist von Menschen, die zum ersten Mal mit unserer Initiative in Kontakt kommen und erfahren, dass sie mit ihren schmerzlichen Erfahrungen nicht allein sind, sondern Teil einer sehr großen Gemeinschaft von Betroffenen. Oft ist dann der erste Impuls, das selbst Erlebte aufzuschreiben, Zeugnis abzulegen. Auch auf unserer Petition bei change.org gibt es über 49.000 Menschen, davon zahllose Betroffene, die in ihren Kommentaren von ihren eigenen negativen Erlebnissen berichten, dasselbe in zahlreichen facebookgruppen mit Tausenden von Mitgliedern.
Es ist also seit dem Beginn unserer Initiative immer deutlicher geworden, dass die Kinderverschickung System hatte und dass in ihr eine „Subkultur der Gewalt“ (Hans Walter Schmuhl (2023): Kur oder Verschickung: Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Dölling und Galitz, München, S. 249) herrschte. Alle bisherigen wissenschaftlichen Studien bestätigen, dass im Rahmen der Kinderverschickungen Gewaltbedingungen durch vielfältige institutionelle Ursachen gegeben hat.
Manchmal werden in den Berichten, die uns vorliegen, äußere Bedingungen als tröstend empfunden: Sommer und Strand, Wald und Berge, Festlichkeiten, Aufführungen oder gemeinschaftliche Aktivitäten wie Singen, Spielen und Wandern. Trotzdem gibt es auch bei solchen positiven Erinnerungen oft zusätzliche Erinnerungen an Angst- und Gewaltsituationen, die ihnen selbst passiert, oder die die betreffenden beobachtet haben. Wir wollen einen umfassenden Einblick in das Geschehen während der Verschickungen erhalten. Dafür sind auch positive Erinnerungen wichtig. Denn oft können sie zeigen, durch welche Zufälle Kinder getröstet werden konnten, und manchmal widerstandsfähiger und resilienter gegen die negativen Erfahrungen wurden, oft in der Art, dass sich ein kritisches Bewusstsein gegenüber Kindesleid entwickelte. Es reichte manchmal eine heimliche Freundin, eine mitfühlende Praktikantin. Das ändert aber nichts daran, dass die Bedingungen in bisher allen uns bekannten Verschickungsheimen, also Kinderheilstätten und Kindererholungsheimen mit 6-Wochenkuren, zu denen wir und inzwischen viele andere recherchiert haben, in ähnlicher Weise angsterzeugend und gewalterzeugend auf Kinder und Personal gewirkt haben. 50 Jahre lang war der Diskurs zu Kindererholungsaufenthalten durchgehend positiv besetzt, Heimbetreiber, Mitarbeitende dieser Institutionen feierten ihre eigenen positiven Erinnerungen. Sie tun das noch. Ehemalige Mitarbeiter kommen mit Fotoalben und zeigen lachende Kinderfotos herum, sie beschreiben, wie gut der Zusammenhalt der Mitarbeitenden untereinander war, oft erzählen sie, wieviel sie miteinander gelacht haben und wie fröhlich alles war. Wir als Betroffene ertragen solche Begegnungen und Erzählungen nur sehr schwer. Aus der gleichen Zeit, wo wir die schmerzhaftesten Erinnerungen in uns haben, erzählen sie vom Spaß, den sie untereinander und mit den Kindern hatten. Unseres Erachtens ein Zeichen für Abspaltung von traurigem Kindeserleben, dass sie damals übersehen haben und heute nicht wahrhaben wollen. Auch für das Fehlen von Empathie, für ein nachträgliches „Schönen“ dieser Zeit. Wir freuen uns über jede Mitarbeiterin, die ihre Zeit damals kritisch hinterfragt, oder die ihr damaliges Vorgehen gegen die Kinder bereut, solche Briefe erreichen uns, das bewegt uns tief. In Bädermuseen und Elternratgebern war man viele Jahrzehnte lang des Lobes voll, kritische Worte, wie etwa Eltern- oder Erzieherbeschwerden oder auch kinderärztliche Kritik wurden fünf Jahrzehnte von Heimbetreibern und Behörden nur wenig beachtet, sie wurden bagatellisiert und sogar bekämpft (Röhl, A. in Sozialgeschichte offline, 2022, Heft 31/2022, S.61-100: Kindererholungsheime als Forschungsgegenstand. Erwachsene Zeitzeugenschaft am Beispiel eines Beschwerdebriefes im Adolfinenheim auf Borkum, auchonline verfügbar)
Nun, wo sich das erste Mal, nach 50 Jahren, die Betroffenen selbst zu Wort melden, brechen oftmals lange, nur im Privaten geäußerte Erinnerungen an Beschimpfungen, Schmerzen, Scham, Angst und Gewalt auf. Die Menschen beschreiben dabei detaillierte Szenen in Ess- und Schlafräumen und wissen noch, wo ihr Bett stand und wie an einem bestimmten Tag das Licht durch die Vorhänge fiel. Sie beschreiben Gerüche, an den Schlafsaal, den Waschraum, das Essen, Farben, gestochen scharfe Filmszenen ihrer traumatischen Erlebnisse und erleben dabei erneut tiefe Gefühle von Angst und Bedrohung. Andere haben schwere Körpersymptome und Alpträume, die sich durch bestimmte Fakten auf Verschickungserfahrungen zurückführen lassen. Sie alle erleben einen ungeheuren Kräftezuwachs aus dem Gefühl, nicht mehr allein mit ihrem Leid und nicht schuld daran gewesen zu sein, sie engagieren sich in gegenseitigem Austausch, in Beratung, Vernetzung und Recherche, sie streben an, mehr über diese Einrichtungen herauszufinden. Und haben es getan, die ersten Recherchen und Forschung zu diesem Thema kamen von Betroffenen.
Niemand sollte das Leid der Verschickungskinder, was sich seit 2019 zehntausendfach öffentlich geäußert hat, kleinreden wollen, kein einziger positiver Bericht sollte denjenigen, die als Kinder in diesen Einrichtungen gelitten haben, das Leid absprechen. Alle Menschen, die das Glück hatten, solches nicht zu erleben, sollten sich solidarisch zeigen.
Seit 2019 erstmalig tausende von Menschen ihre traumatischen Erlebnisse öffentlich gemacht haben, gab es keinen Sturm der Entrüstung von ebenso vielen Menschen, die es anders erlebt hatten, stattdessen brach eine Lawine von verzweifelten, schmerzhaften und angsterregenden, oft das ganze Leben bestimmenden schlimmen Erinnerungen sich Bahn, und nur sehr selten meldeten sich Menschen mit auch positiven Erlebnissen in der Verschickung. Diese wenigen positiven Erinnerungen von Menschen an Verschickungen, stehen in keinem Verhältnis zu den vielen Tausenden, die es traumatisch empfanden. Sie dürfen nicht dazu benutzt werden, diejenigen Erlebnisse zu relativieren, die von Leid berichten. Das passiert aber dadurch, wenn in einer Austellung über das Verschickungsleid 5 negative Erinnerungen, gegen 5 positive Erinnerungen gestellt werden, was suggeriert, dass das Verhältnis sozusagen „ausgeglichen“ war. Das bedient das alte Narrativ, was uns aus den Werbebroschüren der 60er – 80er Jahre entgegenschallt. Was seither herausgefunden wurde, ist aber etwas anderes: Der Alltag in den bisher untersuchten Heimen war objektiv für Kinder, aus vielerlei Gründen, sehr oft und über zahlreiche Einrichtungen verteilt, schädlich und traumatisierend. Jede schlimmen Erinnerung daran muss ernst genommen und ihr muss nachgegangen werden. Nicht im Kind liegt der Schlüssel, dass es zu „empfindlich“ war, oder aus einem schwierigen Elternhaus kam, sondern in den speziellen Bedingungen des Heimes, in dem dieses Kind gelitten hat. Strafbücher, Unterbesetzungs- und Überbelegungszahlen, Information über die Ausbeutung der Mitarbeiter, Jugendamtsbeschwerdeakten über den Mangel an Toiletten, Fachpersonal, das schlechte Essen, den mangelnden Spielraum, NS-Reliquien zu Vorstellungen von strafender Erziehung, in historischen Fachbüchern, sowie Beschwerdebriefe, und Erinnerungen damals erwachsener Zeitzeugen, sowie Belege für illegale medizinische Handlungen und pharmazeutische Testungen, zeugen davon, und belegen, dass die schmerzhaften Erinnerungen der Verschickungskinder keine Phantomgespenster sind. Keine positive Erinnerung kann und darf das relativieren. Das Forschungsziel muss heute, oft mehr als 50 Jahre nach den Taten, sein, die Ursachen und Bedingungen dieser Gewalt in den Einrichtungen der Kinderverschickungen, objektiv aufzuklären, allen Hintergründen nachzugehen und genaueste Analyse zu betreiben.
Anja Röhl, Christiane Dienel, für den AEKV e.V., dem wissenschaftlichen Begleitverein der Initiative Verschickungskinder e.V.
Kinderheilstätte Aprath – Erinnerungen eines vierjährigen Kindes:
Kurz nach meinem vierten Geburtstag, im Juni 1960, wurde ich von meinem Vater in die „Kinderheilstätte“ Aprath gebracht. Meine Mutter war schwanger, die Ehe meiner Eltern steckte in einer Krise – und ich sollte nicht im Wege stehen. Weil bei mir angeblich Tuberkulose festgestellt worden war, wurde ich in ein Lungensanatorium verschickt.
Es gab nie einen Hinweis darauf, dass ich damals an einer ansteckenden Form der Tuberkulose litt. Trotzdem wurde ich über drei Monate vollständig isoliert.
Dort begann für mich eine Zeit, die mein Leben bis heute prägt.
Nach meiner Aufnahme wurde ich von einer Schwester aus dem Haus herausgeführt und zu einem Gebäude gebracht, das wie eine Garage* aussah und auch über ein großes Tor verfügte, das wie ein Garagentor geöffnet wurde. Wir durchquerten einen kleinen Vorraum und gelangten in einen Untersuchungsraum ohne Fenster. Dort war ein Arzt, der meine Lunge abhörte. Möglicherweise erhielt ich dort auch eine Spritze – daran kann ich mich jedoch nicht mehr sicher erinnern. Ich erinnere aber panische Angst.
Nach der Untersuchung durfte ich wieder in den Vorraum zurück. Dort war plötzlich ein Tisch für das Abendessen gedeckt, an dem mehrere Kinder saßen. Wir aßen gemeinsam zu Abend. Ich war überglücklich, endlich mit anderen Kindern zusammen zu sein, und beteiligte mich sofort an ihren Spielereien. Ich erinnere mich, dass ein Kind sich einen Plastiktrinkbecher an den Mund drückte, sodass dieser ohne Hände haften blieb. Ich machte es nach. Dafür bekamen wir von der anwesenden Aufsichtsperson reichlich Ärger.
Nach dem Abendessen wurde ich allein in einem großen Zimmer mit weißen Möbeln untergebracht. Von dort konnte ich die anderen Kinder hören: ihr Lachen, ihr Toben, ihre Stimmen. Ich selbst durfte nicht zu ihnen. Ich war ausgeschlossen.
Etwa drei Monate lang begegnete ich anderen Menschen nur, wenn mir Essen gebracht wurde oder wenn ich zu medizinischen Untersuchungen geführt wurde. Ansonsten war ich vollkommen allein – mit mir selbst und meiner Puppe „Toni“ als einzigem Spielzeug.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in dieser Zeit jemand mit mir gesprochen hätte. Niemand spielte mit mir, niemand tröstete mich, niemand erklärte mir, warum ich dort war.
Gegenüber meinem Zimmer befand sich ein hauswirtschaftsähnlicher Raum mit einer Ober- und einer Untertür, die unabhängig voneinander geöffnet werden konnten. Meistens stand die obere Tür offen, die untere war geschlossen. Dahinter war es dunkel. Manchmal stand auch meine Zimmertür offen, sodass ich den Raum sehen konnte. Dabei hörte ich, wie Schwestern oder Pflegerinnen anderen Kindern drohten: „Wenn ihr nicht brav seid, kommt ihr in diese Kammer. Dort sind die Ratten, die fressen euch.“ Als vierjähriges Kind konnte ich nicht erkennen, dass dies nur eine Drohung sein sollte. Für mich war diese Angst real.
Ich erinnere mich außerdem nur an ein einziges Bad während der gesamten Zeit. Ich wurde in ein Badezimmer geführt, in dem ich mich nur an eine Badewanne erinnern kann. Mehr ist mir davon nicht geblieben. Rückblickend vermute ich, dass dies unmittelbar vor dem Besuch meiner Eltern geschah.
Auch an das Essen habe ich nur eine einzige konkrete Erinnerung. Ich lag oder saß im Bett, als mir ein Teller mit wässrigem Kartoffelpüree und Rührei auf das Bett gestellt wurde. Schon der Anblick ekelte mich. Ich weigerte mich zu essen, obwohl ich von einer „Tante“ dazu aufforderte wurde, aber was anschließend geschah, weiß ich nicht mehr. Ich glaube nicht, dass ich etwas davon gegessen habe.
Ich erinnere mich außerdem an einen Regentag. Ich war allein in meinem Zimmer aufgestanden und saß auf einem kleinen Stuhl an einem kleinen Tisch direkt vor dem Fenster. Ich beobachtete, wie die Regentropfen langsam an der Scheibe hinunterliefen. Dieses Bild hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Es schien genau zu meiner Traurigkeit zu passen.
Dann gingen eines Tages die Gummibänder kaputt, die Arme, Beine und Kopf meiner einzigen Puppe „Toni“ zusammenhielten. Sie fiel auseinander. Als vierjähriges Kind war ich überzeugt, ich hätte sie selbst kaputt gemacht. Obwohl das nicht stimmte, löste es in mir starke Schuldgefühle aus.
Ich erinnere mich daran, regungslos im Bett gelegen zu haben und mir vorgestellt zu haben, ich sei tot. An die grenzenlose Leere. An Schuldgefühle, die ein kleines Kind gar nicht hätte empfinden dürfen – und die ich dennoch spürte.
Heute weiß ich, dass eine derart lange Isolation schwerwiegende psychische Folgen haben kann. Internationale Gerichte und Menschenrechtsorgane berücksichtigen bei der Beurteilung von Isolationshaft insbesondere deren Dauer. Nach den sogenannten Nelson-Mandela-Regeln gilt bereits eine Einzelhaft von mehr als 15 aufeinanderfolgenden Tagen als „langanhaltende Einzelhaft“. Sie soll grundsätzlich nicht angewendet werden, weil das Risiko schwerer psychischer Schäden erheblich steigt.
Wenn bereits bei erwachsenen Gefangenen eine Isolation von mehr als 15 Tagen als menschenrechtlich hoch problematisch angesehen wird, stellt sich die Frage, welche Folgen mehr als drei Monate vollständiger Isolation für ein vierjähriges Kind haben mussten.
Während der gesamten Zeit durften mich meine Eltern und meine Tante nur ein einziges Mal besuchen. Es war zugleich das einzige Mal, dass ich mein Zimmer verlassen und mich auf dem Gelände beziehungsweise in anderen Bereichen der Klinik bewegen durfte. Mein Vater fotografierte damals sehr viel. Wenn ich diese Bilder heute sehe, erkenne ich ein Kind, das bereits deutlich verhaltensauffällig wirkt.
Als meine Eltern kamen, gestand ich ihnen unter Tränen als Erstes, dass ich meine Puppe „Toni“ kaputt gemacht hätte. Ich hatte große Angst, dafür bestraft zu werden. Tatsächlich war die Puppe jedoch von selbst auseinandergefallen. Zu meiner großen Erleichterung reagierten meine Eltern verständnisvoll und machten mir keine Vorwürfe.
Als Geschenk brachten sie mir ein kleines Plastikbettchen mit, in dem eine kleine Puppe lag. Als der Besuch zu Ende war und meine Eltern wieder gingen, geriet ich in eine so große Erregung, dass ich mich noch auf dem Flur der Klinik übergeben musste.
Ich bin überzeugt, dass dort der Grundstein für die depressive Erkrankung gelegt wurde, die mich mein Leben lang begleitet hat.
Als ich mich als Erwachsene – auf den Tag genau vierzig Jahre später – erneut ausgegrenzt und verlassen fühlte, unternahm ich einen Suizidversuch. Erst viele Jahre später erkannte ich den Zusammenhang zwischen diesem Ereignis und den frühen Erfahrungen in Aprath. Für mich war das kein Zufall.
Erst nach mehr als drei Monaten kam ich gemeinsam mit anderen Kindern in ein Zimmer. Doch nicht, weil die Isolation beendet war, sondern um mich mit Masern und Keuchhusten anzustecken und diese Krankheiten unter Aufsicht durchzumachen.
Warum?
Bis heute stelle ich mir diese Frage. Wissenschaftliche Forschungen haben inzwischen nachgewiesen, dass in der Kinderheilstätte Aprath Medikamentenversuche an Kindern durchgeführt wurden. Im Rahmen der von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Untersuchung zum missbräuchlichen Einsatz von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen konnten für Aprath umfangreiche Arzneimittelerprobungen dokumentiert werden. Dazu gehören unter anderem Testungen von Tuberkulosemedikamenten sowie Contergan (Thalidomid) bereits vor dessen Markteinführung. Die Forschenden fanden zudem keine Hinweise darauf, dass Eltern über die Versuche aufgeklärt wurden oder in sie eingewilligt hatten. Ob ich selbst davon betroffen war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, was ich erlebt habe.
An dem Tag, an dem ich endlich abgeholt werden sollte, musste ich zunächst allein in einem Spielzimmer warten. Das kleine Plastikbettchen mit der Puppe, das ich beim Besuch meiner Eltern geschenkt bekommen hatte, hatte ich dabei. Ich spielte wohl auch mit anderen Spielsachen. Als mein Vater und meine Tante schließlich kamen, um mich abzuholen, suchte ich verzweifelt nach dem Bettchen mit der kleinen Puppe. Es war verschwunden und blieb unauffindbar. Auch dieses Geschenk, das mich an den einzigen Besuch meiner Familie erinnerte, war plötzlich fort.
Als Erwachsene wurde ich Erzieherin. Mich trieb der Wunsch an, dass kein Kind jemals das erleben muss, was ich in Aprath erfahren habe: psychische Gewalt unter dem Deckmantel der Medizin.
Über viele Jahrzehnte blieb ich mit meiner Geschichte allein. Weder meine Eltern noch meine späteren Therapeutinnen und Therapeuten wollten sich wirklich auf meine Erinnerungen einlassen.
Erst im Sommer 2023 änderte sich das. Durch die Initiative von Anja Röhl begegnete ich erstmals Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Zum ersten Mal musste ich meine Geschichte nicht mehr allein tragen.
Wenn es mir heute schlecht geht und ich mich einsam fühle, wiederholt sich etwas von dem, was damals in Aprath begann. Ich ziehe mich zurück, isoliere mich selbst und verliere oft jede Kraft, meinen Alltag zu gestalten. Dann sitze ich einfach nur da und vegetiere vor mich hin. Erst viel später habe ich verstanden, dass dieses Verhalten die Fortsetzung dessen ist, was ich als vierjähriges Kind lernen musste: Alleinsein. Aushalten. Warten.
Aprath liegt mehr als sechs Jahrzehnte zurück. Doch für einen Teil von mir ist diese Zeit nie zu Ende gegangen.
Anmerkungen und Quellen
* Die Historikerin Carmen Behrend dokumentierte, dass in einer Garage der Kinderheilstätte Aprath Tierversuche an Ratten durchgeführt wurden (Forschungsbericht vom 22.01.2024). Ob meine Untersuchung in dieser Garage mit diesen Forschungen in Zusammenhang stand, lässt sich heute nicht belegen.
Weiterführende wissenschaftliche Quelle:
Heiner Fangerau, Silke Fehlemann, Sylvia Wagner u. a.: Missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen seit der Gründung des Landes bis in die 1980er Jahre. Abschlussbericht des von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen beauftragten Forschungsprojekts, Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS), 2024. Darin werden für die Kinderheilstätte Aprath umfangreiche Medikamentenerprobungen dokumentiert, insbesondere in Kapitel 7.4 „Medikamentenerprobungen in der Kinderheilstätte Aprath“.

Liebe Evelyn, ich verstehe dich, aber wir, die wir in der Öffentlichkeit stehen, müssen belegen, dass es die vielen Betroffenen gibt. Dafür gibt es ja das Portal: ZEUGNIS ABLEGEN, da kann man ja sehen, dass es um viele Menschen geht, die dieselbe Erfahrung gemacht haben. Dafür gibt es unsere Fragebögen. Wir versuchen viel und kämpfen mit Argumenten. Und ein Denkmal ist ein Denkanstoß für viele Unbeteiligte und besser als in den Museen weiterhin nur Positives zu den Verschickungen zu lesen. Grüße, Anja
Ich bin sehr entrüstet darüber dass es Menschen gibt die diese vielen Tatsachenberichte betroffener Kinder/ Menschen überhaupt anzweifeln oder versuchen ins lächerliche zu ziehen indem sie gegenteiliges behaupten oder diese Verbrechen abzumildern. Ich benutze absichtlich den Begriff ,,Verbrechen „, denn nichts anderes sind diese Taten und Missbräuche an Kindern bzw. in
diesem Fall sogar schutzbefohlener Minderjähriger!!!
Ich bin selbst betroffen und ich habe nun schon mein ganzes Leben mit den Folgen zu kämpfen. Ich bin seitdem einfach noch kränker geworden.
Ich kann gar nicht nach Borkum fahren und mir Denkmäler begucken. Ich müsste mich übergeben wenn ich an den Ort zurückkehren müsste an dem die Weichen meines Lebens so verderblich gestellt worden sind.
Hier wurden systematisch Kinderseelen zerstört mit negativen Auswirkungen
für den Rest des gesamten Lebens.
Was ??? frage ich jeden Einzelnen…was soll das wieder gut machen???
Ich bewundere diejenigen die ihre Geschichte und die Geschehnisse
in die Öffentlichkeit getragen haben und ans Tageslicht gebracht haben…
Ich habe das Trauma mein ganzes Leben bis Heute nicht überwinden oder aufarbeiten können, trotz Therapien.
Und…ich verachte diese Menschen die daher kommen und meinen sie könnten diese fürchterlichen Tatsachen, Verbrechen und Leid, einfach verharmlosen oder anzweifeln.
Weiterhin bin ich der Meinung dass dieses ganze Land und dessen Regierung für diese Schande geradezustehen hat.
Nicht wir die Betroffenen müssen um Anerkennung betteln!!!