Positive Erinnerungen an Kindererholungsheime, Kinderheilstätten und Kinderkurheime

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Titelbild Elternratgeber: Mit Kindern an die See, 1987

Es hieß 50 Jahre lang, die Verschickungen seien „das Beste“ für die Kinder gewesen, inzwischen haben sich aber mehr als 50.000 Betroffene mit Erinnerungen an Demütigungen, Angst und Gewalt bei der Initiative Verschickungskinder in einem Gästebuch und einem Fragebogen, in anderen Foren, sozialen Medienkanälen, auf Petitionen und auf Journalisten- und Wissenschaftler-Aufrufe gemeldet und man hat darin ein System immer gleicher Gewalt erzeugender Bedingungen in diesen besonderen, oft sehr abgelegenen Pflegeeinrichtungen, mit nur wenig ausgebildetem Personal, erkannt. Das ist auch wissenschaftlich, durch Aktenfunde belegt worden. Betroffene aus den Zeiten der Verschickungen, wo jedes Jahr 350.000 Kinder in diese Heime gefahren wurden, von etwa 1950 bis 1989 und noch aus manche dieser Einrichtungen, bis in die 90er Jahre, erinnern sich schmerzhaft an einen hartherzigen, angsterregenden Umgang mit ihnen, an Demütigungen und Gewalt in diesen weit abgelegenen Einrichtungen ohne Elternbesuchsrecht. Als wir begannen, uns dem Thema der traumatischen Erinnerungen von Verschickungskindern zu nähern, waren wir erstaunt über die zahllosen, überaus detaillierten Berichte von angsterfüllten Verschickungsaufenthalten und erlebter Gewalt. Kinder, meist unter 6 Jahren, wurden zu Hunderten allein, ohne ihre Eltern, über 6 Wochen, zwischen 1946 und 1990, in weit entfernt liegende Kindererholungsheimen und -Heilstätten aller Bundesländer verbracht. Erlebnisschilderungen darüber wurden uns ungefragt zugesandt und sammeln sich seither öffentlich auf unserer Webseite in unserem Gästebuch, 2776 (am 27.5.25) und anonym in einem Fragebogen, wo es schon weit über 15.000 sind, die ihre Geschichte unserer Webseite und selbstbestimmten Forschung zur Verfügung gestellt haben. Wir zensieren nicht, wir kürzen nicht, wir schalten nur frei und sammeln. Es sind Erinnerungs-Schilderungen von Demütigungen, körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt und starken Angsterlebens. Diese Berichte sind zumeist von Menschen, die zum ersten Mal mit unserer Initiative in Kontakt kommen und erfahren, dass sie mit ihren schmerzlichen Erfahrungen nicht allein sind, sondern Teil einer sehr großen Gemeinschaft von Betroffenen. Oft ist dann der erste Impuls, das selbst Erlebte aufzuschreiben, Zeugnis abzulegen. Auch auf unserer Petition bei change.org gibt es über 49.000 Menschen, davon zahllose Betroffene, die in ihren Kommentaren von ihren eigenen negativen Erlebnissen berichten, dasselbe in zahlreichen facebookgruppen mit Tausenden von Mitgliedern.

Es ist also seit dem Beginn unserer Initiative immer deutlicher geworden, dass die Kinderverschickung System hatte und dass in ihr eine „Subkultur der Gewalt“ (Hans Walter Schmuhl (2023): Kur oder Verschickung: Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Dölling und Galitz, München, S. 249) herrschte. Alle bisherigen wissenschaftlichen Studien bestätigen, dass im Rahmen der Kinderverschickungen Gewaltbedingungen durch vielfältige institutionelle Ursachen gegeben hat.

Manchmal werden in den Berichten, die uns vorliegen, äußere Bedingungen als tröstend empfunden: Sommer und Strand, Wald und Berge, Festlichkeiten, Aufführungen oder gemeinschaftliche Aktivitäten wie Singen, Spielen und Wandern. Trotzdem gibt es auch bei solchen positiven Erinnerungen oft zusätzliche Erinnerungen an Angst- und Gewaltsituationen, die ihnen selbst passiert, oder die die betreffenden beobachtet haben. Wir wollen einen umfassenden Einblick in das Geschehen während der Verschickungen erhalten. Dafür sind auch positive Erinnerungen wichtig. Denn oft können sie zeigen, durch welche Zufälle Kinder getröstet werden konnten, und manchmal widerstandsfähiger und resilienter gegen die negativen Erfahrungen wurden, oft in der Art, dass sich ein kritisches Bewusstsein gegenüber Kindesleid entwickelte. Es reichte manchmal eine heimliche Freundin, eine mitfühlende Praktikantin. Das ändert aber nichts daran, dass die Bedingungen in bisher allen uns bekannten Verschickungsheimen, also Kinderheilstätten und Kindererholungsheimen mit 6-Wochenkuren, zu denen wir und inzwischen viele andere recherchiert haben, in ähnlicher Weise angsterzeugend und gewalterzeugend auf Kinder und Personal gewirkt haben. 50 Jahre lang war der Diskurs zu Kindererholungsaufenthalten durchgehend positiv besetzt, Heimbetreiber, Mitarbeitende dieser Institutionen feierten ihre eigenen positiven Erinnerungen. Sie tun das noch. Ehemalige Mitarbeiter kommen mit Fotoalben und zeigen lachende Kinderfotos herum, sie beschreiben, wie gut der Zusammenhalt der Mitarbeitenden untereinander war, oft erzählen sie, wieviel sie miteinander gelacht haben und wie fröhlich alles war. Wir als Betroffene ertragen solche Begegnungen und Erzählungen nur sehr schwer. Aus der gleichen Zeit, wo wir die schmerzhaftesten Erinnerungen in uns haben, erzählen sie vom Spaß, den sie untereinander und mit den Kindern hatten. Unseres Erachtens ein Zeichen für Abspaltung von traurigem Kindeserleben, dass sie damals übersehen haben und heute nicht wahrhaben wollen. Auch für das Fehlen von Empathie, für ein nachträgliches „Schönen“ dieser Zeit. Wir freuen uns über jede Mitarbeiterin, die ihre Zeit damals kritisch hinterfragt, oder die ihr damaliges Vorgehen gegen die Kinder bereut, solche Briefe erreichen uns, das bewegt uns tief. In Bädermuseen und Elternratgebern war man viele Jahrzehnte lang des Lobes voll, kritische Worte, wie etwa Eltern- oder Erzieherbeschwerden oder auch kinderärztliche Kritik wurden fünf Jahrzehnte von Heimbetreibern und Behörden nur wenig beachtet, sie wurden bagatellisiert und sogar bekämpft (Röhl, A. in Sozialgeschichte offline, 2022, Heft 31/2022, S.61-100Kindererholungsheime als Forschungsgegenstand. Erwachsene Zeitzeugenschaft am Beispiel eines Beschwerdebriefes im Adolfinenheim auf Borkum, auchonline verfügbar)

Nun, wo sich das erste Mal, nach 50 Jahren, die Betroffenen selbst zu Wort melden, brechen oftmals lange, nur im Privaten geäußerte Erinnerungen an Beschimpfungen, Schmerzen, Scham, Angst und Gewalt auf. Die Menschen beschreiben dabei detaillierte Szenen in Ess- und Schlafräumen und wissen noch, wo ihr Bett stand und wie an einem bestimmten Tag das Licht durch die Vorhänge fiel. Sie beschreiben Gerüche, an den Schlafsaal, den Waschraum, das Essen, Farben, gestochen scharfe Filmszenen ihrer traumatischen Erlebnisse und erleben dabei erneut tiefe Gefühle von Angst und Bedrohung. Andere haben schwere Körpersymptome und Alpträume, die sich durch bestimmte Fakten auf Verschickungserfahrungen zurückführen lassen. Sie alle erleben einen ungeheuren Kräftezuwachs aus dem Gefühl, nicht mehr allein mit ihrem Leid und nicht schuld daran gewesen zu sein, sie engagieren sich in gegenseitigem Austausch, in Beratung, Vernetzung und Recherche, sie streben an, mehr über diese Einrichtungen herauszufinden. Und haben es getan, die ersten Recherchen und Forschung zu diesem Thema kamen von Betroffenen.

Niemand sollte das Leid der Verschickungskinder, was sich seit 2019 zehntausendfach öffentlich geäußert hat, kleinreden wollen, kein einziger positiver Bericht sollte denjenigen, die als Kinder in diesen Einrichtungen gelitten haben, das Leid absprechen. Alle Menschen, die das Glück hatten, solches nicht zu erleben, sollten sich solidarisch zeigen.

Seit 2019 erstmalig tausende von Menschen ihre traumatischen Erlebnisse öffentlich gemacht haben, gab es keinen Sturm der Entrüstung von ebenso vielen Menschen, die es anders erlebt hatten, stattdessen brach eine Lawine von verzweifelten, schmerzhaften und angsterregenden, oft das ganze Leben bestimmenden schlimmen Erinnerungen sich Bahn, und nur sehr selten meldeten sich Menschen mit auch positiven Erlebnissen in der Verschickung. Diese wenigen positiven Erinnerungen von Menschen an Verschickungen, stehen in keinem Verhältnis zu den vielen Tausenden, die es traumatisch empfanden. Sie dürfen nicht dazu benutzt werden, diejenigen Erlebnisse zu relativieren, die von Leid berichten. Das passiert aber dadurch, wenn in einer Austellung über das Verschickungsleid 5 negative Erinnerungen, gegen 5 positive Erinnerungen gestellt werden, was suggeriert, dass das Verhältnis sozusagen „ausgeglichen“ war. Das bedient das alte Narrativ, was uns aus den Werbebroschüren der 60er – 80er Jahre entgegenschallt. Was seither herausgefunden wurde, ist aber etwas anderes: Der Alltag in den bisher untersuchten Heimen war objektiv für Kinder, aus vielerlei Gründen, sehr oft und über zahlreiche Einrichtungen verteilt, schädlich und traumatisierend. Jede schlimmen Erinnerung daran muss ernst genommen und ihr muss nachgegangen werden. Nicht im Kind liegt der Schlüssel, dass es zu „empfindlich“ war, oder aus einem schwierigen Elternhaus kam, sondern in den speziellen Bedingungen des Heimes, in dem dieses Kind gelitten hat. Strafbücher, Unterbesetzungs- und Überbelegungszahlen, Information über die Ausbeutung der Mitarbeiter, Jugendamtsbeschwerdeakten über den Mangel an Toiletten, Fachpersonal, das schlechte Essen, den mangelnden Spielraum, NS-Reliquien zu Vorstellungen von strafender Erziehung, in historischen Fachbüchern, sowie Beschwerdebriefe, und Erinnerungen damals erwachsener Zeitzeugen, sowie Belege für illegale medizinische Handlungen und pharmazeutische Testungen, zeugen davon, und belegen, dass die schmerzhaften Erinnerungen der Verschickungskinder keine Phantomgespenster sind. Keine positive Erinnerung kann und darf das relativieren. Das Forschungsziel muss heute, oft mehr als 50 Jahre nach den Taten, sein, die Ursachen und Bedingungen dieser Gewalt in den Einrichtungen der Kinderverschickungen, objektiv aufzuklären, allen Hintergründen nachzugehen und genaueste Analyse zu betreiben.

Anja Röhl, Christiane Dienel, für den AEKV e.V., dem wissenschaftlichen Begleitverein der Initiative Verschickungskinder e.V.

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2877 Einträge
Andreas aus Mülheim schrieb am 12.12.2020
Ich war mit meiner ein Jahr jüngeren Schwester im Heim Sonnenhalde in Emmem-Emmenbrücke Knaton Luzern in der Schweiz.
Wir wurden damals (zwischen 1972 und 1975) von der katholischen Kirche dort hin verschickt. Wir waren erst 7 und 8 Jahre alt. Sehr schüchtern und zurückgezogen. Ich bin meiner Schwester zuliebe mitgefahren, die unbedingt ihre beste DFreundin begleiten wollte. Die Kirchengemeinde hat das Angebot gemacht. Kinder, deren Eltern eine "Auszeit" brauchten, in die Schweiz zu verschicken.
Es war die Hölle. Von der kompletten Wegnahme persönlicher Gegenstände bis hin zu Mißbrauch war alles dabei.
Zunächst führen wir mit dem Bus in zwei Gruppen in die Schweiz. Bei der Ankunft mußten wir alle Koffer öffnen und den Inhalt auf dem bett auslegen. Die Betreuer gingen rum und sammelten alle persönlcihen Gegenstände ein. ALLLE. Stofftiere, Taschentücher, Süßigkeiten, BRIEFE der Eltern, Fotos, Bücher. Wirklich ALLES. Danach wurde ein Teil der persönlichen Dinge öffentlich zurückgegeben. Jedes Teil wurde kommentiert. "Wem gehört denn der häßliche Teddy? Wer grinst denn so blöd auf dem Foto? Wessen Mutter sieht denn so häßlich aus?" Dann gab es jeden Tag ein paar wenige der mitgebrachten Süßigkeiten, wobei alle Kinder das gleiche bekamen. Es wurde also alle (gerechterweise) geteilt. Uns kam es aber so vor, als wenn wir nur einen ganz geringen Teil der Süßigkeiten zurück bekamen. Persönliche Briefe wurden geöffnet und vor allen kindern vorgelesen und sich darüber amüsiert. Briefe, die die Kinder an Ihre Eltern schrieben, wurden zensiert. Schrieb man etwas über die Zustände dort, wurde der Brief zerrissen und man mußte ihn unter Aufsicht neu schreiben. Telefonieren durfte man EINMAL. Es stand jemand daneben mit dem Finger auf der Telefongabel. Sagte man etwas "falsches", wurde sofort aufgelegt. Es gab Schläge und danach wurde neu gewählt und der Betreuer entschuldigt sich für die schlechte Teklefonleitung, die wohl gerade zusammengebrochen war.
Wir Kinder mußten um 9 Uhr ins Bett und durften dieses bis 7 Uhr morgens nicht verlassen. Auch nicht für den Toilettengang. Wer ins Bett machte, mußte seine Matratze mit zum Frühstück nehmen, sich bei den anderen Kindern für seinen "Fehler" entschuldigen und stand ohne Frühstück die ganze Zeit mit der Matratze in der Ecke.
Mädchen und auch Jungs (ungefähr zwischen 6 und 12 Jahren) wurden von männlichen Betreuern am ganzen (!) Körper eingecremt, bevor sie das Nachthemd anziehen durften.
Ich persönlich wurde beim Cowboy und Indianer Spiel im Wald an einen Baum angebunden. Als alle Kinder weg waren, kam ein Betreuer, entblößte sich und mich, befriedigte sich und fasste mich dabei an.
Ich habe das alles verdrängt und meinen Eltern nichts davon erzählt. Sie merkten, dass etwas nicht stimmt (Bettnäßen beider Kinder und Zurückgezogenheit), aber sie haben nichts unternommen.
Heute erst, seit 10 Jahren, mit 45/50 Jahren verfolgen mich die Bilder. Gerne würde ich die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Leier sind die meisten wohl tot oder die Taten sind verjährt.
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Hedi aus Hilden schrieb am 10.12.2020
Ich habe lange überlegt ob ich meine Erfahrungen hier aufschreiben soll.
Das erste mal war ich 1965 , ich war 5 Jahre alt, mit meinem 4 Jahre alten Bruder für 6 Wochen in Melle zur Kur. Meiner Erinnerung nach müsste es im Herbst gewesen sein, da wir Blaubeeren gesammelt haben. Wie das Haus hieß, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an den Geruch von Schwefel. In einem Raum waren ganz viele Holzbottiche. Von den Essensraum aus sah man in einem Park. Vielleicht weiß jemand wie das Haus hieß oder war zur selben Zeit dort. Meinen kleinen Bruder durfte ich nicht sehen, ausser als ich krank war. Ich habe weiß aber nicht mehr was ich hatte. Nachts durfte man den Schlafsaal nicht verlassen, auch nicht um zur Toilette zu gehen. Ich weiß, daß ich mindestens einmal erwischt wurde, die Bestraffung musste für mich schlimm gewesen sein, weil ich danach nachts immer Angst hatte. Aber am allerschlimmsten ist für mich bis heute, daß ich wenn ich nicht aufessen konnte, vor meinem Teller sitzen bleiben musste, gleichgültig ob ich in den Teller gebrochen habe oder nicht, bis der Teller leer war. Wenn dann noch wiegen war, bekam ich auch noch die doppelte Menge, man musste ja zunehmen. Ich hasse bis heute volle Teller.

Das zweite mal war ich über Ostern 1969 mit meiner 2 Jahre jüngeren Schwester in Westerland. Auch hier weiß ich nicht wie das Haus hieß, das einzige was ich noch weiß, das Haus hatte einen Dachboden und war am Deich. Ich meine es waren gefühlt 100 Stufen bis zum Strand. Meine Schwester und ich sollten uns dort von einem traumatischen Erlebnis erholen. Im nachhinein sind wir schlimmer gestört wieder nach Hause gekommen. Wir durften nicht zusammen sein. Bei manchen Mahlzeiten sahen wir unsure, durften aber nicht zusammen sein. Ich erinnere mich an unsere grosse traurigkeit. 1mal in den Woche musste man zum Arzt und jeder wurde gewogen. An diesem Tag musste ich wieder die doppelte Menge essen und musste solange sitzen bleiben bis der Teller leer war. Notfalls halt noch nach dem wiegen. Ich habe das Essen gehasst. Alles aus Blechtöpfe und der Tee aus Blechkannen. Die Briefs nach Hause wurden diktiert und mussten in Schönschrift geschrieben werden. Ansonsten wurde man bestraft. Nachts durfte man den Schlafsaal nicht verlassen und es durfte auch nicht gesprochen werden. Die Bestrafung war, man musste egal warum, die Nacht auf dem Dachboden schlafen. Ich habe auf dem Dachboden sehr viele Nächte verbracht. Seit dieser Zeit war ich niemals mehr auf einem Dachboden und ich habe Probleme im dunkeln. Eine Tante von uns kam uns dort besuchen, dass war die einzige Gelegenheit die ich mit meiner Schwester verbringen durfte. Da wir die ganze Zeit unter Beobachtung waren, konnten wir nicht offen sprechen. Unsere Tante und auch unsere Eltern haben uns Süssigkeiten geschickt bzw. gegeben. Diese wurden von den Erziehern einkasssiert.

Das dritte mal ging es mit meinem 5 Jahre jüngeren Bruder 1971 oder 1972 über St. Martin nach Allerheiligen.
Wir wurden sofort nach Ankunft getrennt. Ich durfte meinen Bruder nach der Trennung nicht trösten, da ich das ja schon alles kannte. Es war immer so. Die Elebnisse waren sich alle so ähnlich nur die Umgebung war anders. Die Erzieherinnen hatten alle die gleiche Ausbidung, denke ich. Alles wurde kontrolliert und ich kam mir ausgeliefert vor. Gehörte man zu den beliebten Kindern hatte man vorteile. Mobbing untereinader war normal. Das Essen war schlecht bis eklig. Die Briefe nach Hause wurden kontrolliert, keiner durfte die Wahrheit schreiben.

Vielleicht kennt irgendjemand ja ein Heim oder war zur selben Zeit dort, dann wäre es schön etwas über die Erfahrung zu hören.
Was ich noch weiß, in Westerland waren viele aus dem dem Raum Düsseldorf und in Allerheiligen war ich über die Stadt Düsseldorf
Bitte warten …
Sarah schrieb am 08.12.2020
Hallo,
Ich habe mich bereits vor einem Jahr hier eingetragen, nun sind Erinnerungen dazugekommen und ich möchte meinen alten Eintrag gerne ergänzen, wenn das möglich ist.

Mit 5 Jahren,1985 kam ich für 6 Wochen in das Sanatorium Schönsicht in Oberkälberstein,ich habe noch zwei Briefe, von meiner Mutter und meiner Oma. In den Briefen werde ich ermahnt gut zu essen und zuzunehmen und nicht so ein Trotzkopf zu den Tanten zu sein. Meine Mutter wundert sich darüber, dass ich am Telefon so wenig gesagt hätte.
Zwei der Tanten werden namentlich erwähnt, es gab ein Fräulein Lehmann und eine Frau Raschke, die von meiner Mutter extra Geld erhielten für Ausflüge, die wir niemals machten.
Die Zugfahrt erinnere ich noch gut, ich wurde in ein Abteil mit anderen Kindern gesetzt, viele weinten bitterlich, auch ich. Eine Frau, sie sagte, wir sollen sie Tante nennen, sang Schlaf Kindlein Schlaf. Daraufhin bekam ich furchtbare Angst, dass meiner Mutter etwas in Pommerland zugestoßen war, und ich deshalb alleine sein mußte. Als ich die Tante fragte, wo Pommerland sei, bekam ich zur Antwort, dass ich dumm sei.
Meine Erinnerungen an das Heim sind spärlich. Es muß furchtbar gewesen sein und ich muss dort, zur Strafe, in einen dunklen Raum alleine eingesperrt gewesen sein. Bis heute habe ich schreckliche Platzangst, und meide dunkle Räume ohne Fenster.
Ich glaube auf den Postkarten die Besenkammer wiederentdeckt zu haben. Sie war an der Treppe, und immer wenn ein Kind dort eingesperrt wurde, wegen kleiner "Vergehen", klopften die anderen Kinder im vorbeigehen kurz von außen an die Türe, um dem Kind in der Besenkammer zu zeigen, dass sie an es dachten. Das gab natürlich Ärger. Erinnert sich irgendwer an die Besenkammer?
Ich erinnere mich ins Bett gemacht zu haben, und dafür schlimm bestraft und ausgeschimpft worden zu sein, dass es im Vertrag stehen, Bettnässser würden nicht aufgenommen werden. Ich wurde an den Haaren gezogen.
Ich wurde zum Essen gezwungen, ich musste so lange sitzenbleiben bis der Teller leer war. Ich weiß noch wie verzweifelt ich war. Ein größeres Mädchen half mir manchmal, und aß meinen Teller auf, sie bekam dafür meinen Nachttisch. Ich möchte mich bei diesem Mädchen bedanken, dafür, dass es mich gerettet hat, falls es hier mitliest.
Ich erinnere mich daran, dass ich oft mit Hut stundenlang Ecke stehen musste, abends im Gemeinschaftsraum, während die anderen spielten oder einen Film ansahen. Warum weiß ich nicht mehr.
Ich war nicht katholisch getauft, und ich erinnere mich, dass ich deshalb besonders ekelhaft behandelt wurde.
Ich konnte noch nicht schreiben, deshalb weiß ich nicht, wie das in diesem Kurheim mit der Post ablief, aber eine tiefe Wut über Ungerechtigkeiten bleibt als Erinnerung darüber zurück.
Ich kann mich nur an einen einzigen Ausflug erinnern. Wir mussten im Salzbergwerk eine riesige Rutsche runterrutschen und ich hatte wahnsinnige Angst davor und weigerte mich, dafür wurde ich angebrüllt, und die Rutsche runtergeschubst. Danach sollten wir Andenken für zu Hause kaufen. Ich kaufte einen kleinen Teelöffel mit dem Wappen von Berchtesgaden. Die Tante erklärte mir danach, dass nun mein Geld aufgebraucht wäre, und ich weiß noch, dass ich es ihr nicht glaubte, aber nichts tun konnte.
Als ich nach Hause kam, hatte sich meine Mutter gewundert, dass ich zugenommen hatte und dass ich sie nicht mehr aus den Augen ließ. Sie erzählte mir, dass ich sie nichteinmal alleine zur Toilette gehen ließ.

1986 kam ich für 4 Wochen in das Seehospiz.
ich besitze noch eine Postkarte meiner Oma, deshalb kann ich genau sagen wann und wo. Danach 1990 war ich nocheinmal auf Norderney, doch da habe ich keine Dokumente mehr darüber.
Im September 1986 war ich 4 Wochen im Seehospiz , Station 8 in 2982 Norderney.
Es war schrecklich dort, ich versuche meine Erinnerungen aufzuschreiben, und es werden später mehr dazu kommen.
Meine Familie besuchte mich dort, und meine Mutter holte mich dann für kleine Ausflüge manchmal ab. Sie erzählte mir, dass sie Schwierigkeiten hatte mich dort abzuholen, und dass sie runtergemacht wurde, wenn sie etwas zu spät war, beim zurückbringen.

Ich erinnere mich, dass wir zu den Schlafenszeiten nicht zur Toilette gehen durften, und nicht miteinander sprechen. Eine Tante ging den Flur auf und ab und rief dann immer : "Zimmer 12 , Ruhe!" Wenn sie etwas hörte. Ich hatte ein älteres Mädchen auf dem Zimmer, was sich irgendwie um mich kümmerte. Ich erinnere mich daran, dass ich froh war, weil sie nett war zu mir. Sie brachte mir Schuhebinden bei, und gab mir Tipps, wie ich es ertragen konnte, bei der Mittagsschlafzeit den Blasendruck auszuhalten. Sie sagte: " Wenn du ganz dolle die Beine zusammenpresst und dich nicht bewegst, und den ersten Ansturm von dem Druck der Blase überstehst, auch wenn es weh tut, dann hört es danach wieder auf, der Druck verschwindet für eine Weile, und du kannst es bis nach der Schlafenszeit durchhalten. Wenn der Druck aber ein zweites Mal wiederkommt, dann mußt du zur Toilette gehen, und hoffen, dass die Aufsichtstante dich nicht erwischt, weil du sonst keine Chance mehr hast es aufzuhalten und ins Bett machen wirst." Was eine noch viel schlimmere Strafe nach sich ziehen würde, als in der Mittagsschlafzeit beim heimlichen Gang aufs Klo erwischt zu werden.

Noch heute habe ich dieses "Training" verinnerlicht und kann lange ohne Toilette durchhalten. Ich muß mich dann immer bewußt dran erinnern, dass ich ja zur Toilette darf, wann ich möchte.

Wir bekamen zu wenig zu trinken, und hatten immer Durst. Es gab nur zum Essen diesen roten Tee, eine Tasse. Eine Tasse pro Mahlzeit. Er schmeckte schrecklich und wurde in orangen Plastikbechern serviert, die schon von den vielen Kurheimkindern ganz rauh und abgekaut waren. Wir tranken Wasser aus den Hähnen im Waschraum, wann immer wir konnten, aber die Strafen waren hart, wenn wir erwischt wurden. Außerdem war das Problem, dass ich dann zur Schlafenszeit Druck auf der Blase bekam.

Wir mussten mit dem Gesicht zur Wand schlafen. Selbst wenn ich mich im Schlaf Mal umgedreht hatte, wurde ich mit barschem Ton geweckt: "Umdrehen! " Oder "Gesicht zur Wand! "geweckt und ich musste mich wieder mit dem Gesicht zur Wand drehen.

Die Kinder, die einnässten oder sich übergeben mussten, wurden bloßgestellt, und mussten es mit ihren eigenen Sachen saubermachen.

Ich erinnere mich an lange Märsche mit Sprechverbot in 2 er Reihen ohne etwas zu trinken durch die Dünenlandschaft. Der Wind trieb uns den Regen und den Sand quer ins Gesicht, es schmerzte.

Ich erinnere mich, dass die Post nach Hause zensiert wurde. Es gab ein Schreibzimmer, in das man nur dürfte, wenn man schon schreiben konnte, sonst mußte man den Tanten einen Brief diktieren. Ich weiß noch, wie neidisch ich auf die Kinder war, die ins Schreibzimmer durften. Die Briefe von zu Hause wurden laut vor allen vorgelesen und kommentiert. Wenn wir ein Päckchen bekamen wurde der Inhalt enteignet und an alle Kinder nach dem Essen als Nachttisch verteilt. So bekam nach dem Essen dann jedes Kind ein Gummibärchen.

Da wir das ungerecht fanden, behielten wir irgendwie heimlich die Gummibärchen aus einem Päckchen, welches ich bekommen hatte, von zu Hause. Wie wir das anstellten, weiß ich nicht mehr. In der Mittagsschlafzeit schlichen wir uns in das Zimmer der Jungs, und aßen die Gummibärchen auf. Durch den plötzlichen Zuckerkick wurden wir aber übermütig und begannen auf den Betten rumzuhüpfen. Natürlich wurden wir erwischt, es gab Ohrfeigen und ich wurde in der Krankenstation isoliert, während die Anderen alle beim Essen meine restlichen Süßigkeiten bekamen.

Ich war irgendwie öfter auf dieser Krankenstation. Dort musste ich den ganzen Tag auf einer orangenen Arztliege liegen, unter einer grauen kratzigen Rot Kreuzdecke. Einmal war ein Mädchen dabei, sonst war ich dort alleine.

Ich musste zunehmen, also hatte ich immer riesen Portionen Grießbrei mit abgebrannter Milch vor mir stehen, die ich aufessen müsste. Ich saß Stunden vor diesem Teller und hatte Angst, das Essen würde mir mit Gewalt reingeschoben werden.
Das Fiebermessen war eine Qual, wir mussten auf dem Bauch liegen und die Thermometer wurden brutal und schmerzhaft in den Hintern gesteckt.

Ich erinnere mich noch frierend in langen Schlangen in Unterwäsche anzustehen, vor dem Arztzimmer, zum wiegen oder was auch immer dort gemacht wurde. Ich hatte und habe heute noch immer wahnsinnige Angst vor Ärzten.
Meine Erinnerungen an die Nordseekurheime verschwimmen miteinander. Ich war1988 oder 1989 auf Amrum im Lenzheim, da erinnere ich nicht mehr viel, nur: es gab wieder zu wenig zu trinken und lange Märsche um die ganze Insel.Die Zeit dort muss schlimm gewesen sein, ich habe noch eine sehr düstere Kinderzeichnung von mir über das Lenzheim und kaum Erinnerung.
Die nächste Erinnerung kann ich nicht klar zuordnen, ich denke, es war im Seehospiz, aber es könnte auch das Lenzheim gewesen sein. Sicher bin ich mir, dass es in einem der beiden Heime stattfand, sobald konkretere Erinnerung zurückkehrt, werde ich es zuordnen können, daran arbeite ich noch. Ein Besuch vor Ort könnte helfen.


**********"Triggerwarnung**********

Ich erinnere mich an sexuelle Gewalt von Seiten der Ärzte. Es waren mindestens 2 Täter. Sie baten mich in das Arztzimmer, sie trugen weiße Kittel. Sie sprachen über mich, einer sagte dem anderen, ich sei ja schon ganz gut "trainiert". Er sperrt die Türe ab. Danach wurde ich von ihm sexuell missbraucht.
****************************************

In St. Peter Ording, Haus Köhlbrand und wieder auf Norderney im Seehospiz war ich in den 90 ern zur Mutter Kind Kur. Die Zustände für mich hatten sich etwas gebessert.
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Baum, Sigrid schrieb am 08.12.2020
Heute Morgen hörte ich einen Beitrag über die Kinderheimverschickungen. Jemand war wohl auf Sylt, hat aber den Namen des Kinderheims, in dem er damals war nicht mehr gewußt.
Ich war auch auf Sylt im Kinderheim über die DAK 1957 oder 1956, das Haus hieß "Haus Quickborn".
Auch ich habe an meine Kinderheimverschickungen nicht sehr gute Erinnerungen, ich war in drei verschiedenen Kinderheimen und zwar in Bad Kreuznach, Bad Reichenhall und Sylt.
An das Heim in Bad Reichenhall (leider weiß ich hier nicht mehr den Namen des Hauses) habe ich die schlimmsten Erinnerungen. Ich wurde gezwungen den Teller leer zu essen, obwohl ich mich ekelte die gebratete Leber zu essen. Nachdem ich das Fleisch heruntergewürgt hatte (die Tante saß daneben und kontrollierte es) habe ich alles erbrochen. Hierfür wurde ich bestraft, indem ich den ganzen Nachmittag auf einer Pritsche liegen mußte, ohne mich zu bewegen.
Eine andere Strafe in dem Kinderheim war unter anderem, dass man im Schlafanzug nur mit einer rauen Decke umhüllt, stundenlang nachts im kalten Hausflur in einer Ecke stehen mußte. Ich war bei diesem Aufenthalt übrigens erst 5 Jahre alt. Die Geschenke, die ich zu Ostern von meinen Eltern geschickt bekommen hatte, wurde mir sofort fortgenommen. Eine schreckliche Zeit, die nachdem ich den heutigen Radiobeitrag gehört habe, wieder hoch kamen.
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Silke schrieb am 08.12.2020
Einen schönen guten Tag,
wurde gerade durch einen Bericht im WDR 5 darauf aufmerksam, dass es wohl mehr wie mich gibt.
Ich wurde aufgrund von Bronchitis nach Norderney verschickt. Heimname - leider keine Ahnung.
Wie einige andere wurde ich Mutterseelenallein zu fremden Menschen in den Zug gesetzt.
Außer wenigen Flashbacks habe ich leider (oder Gott sei Dank?) keine Erinnerungen - aber seit 50 Jahren ein beklemmendes Gefühl.
Wenig Erinnerunge:
- ich war in der Sonnenschein-Gruppe.
- da war ein großen Schlafraum mit Metallbetten
- es gab Schläge, wenn die Mittags-/Nachtruhe nicht lautlos eingehalten wurde. Es brauchte nicht lange bis alle lautlos waren.
- es waren irgend wie auch Ordensschwestern (zumindest beim Essen) anwesend.
- da war eine Art großer Erker/Wintergarten und nur da gab es Spielzeug, Malzeug, etc. Mußte man sich aber verdienen.
- leider kein Erinnerung an draußen.
Konnte leider noch nicht schreiben, was dann die Betreuerinnen für mich taten.
Bis heute lässt mich das Gefühl der übergroßen Einsamkeit und Angst nicht los. Und ich hätte auch nicht gedacht, dass das Lesen der anderen Berichte sofort wieder diese Gefühle hochholt.
Danke, dass es so eine Website gibt!
Bitte warten …
beate Schubert aus Köln schrieb am 07.12.2020
Nachtrag/Ergänzungen zum Zeugnis vom 7.12.2020

Ich habe den Text ohne erneute Fehlerkorrektur abgesandt, da er mir schon einmal zerschossen wurde.

Deshalb möchte ich hier anfügen:
Es ist gut, dass " Erinnerungskultur " seit spätestens 1990 ein wichtiges Menschenrecht ist. Allzu oft erlebt man, dass einem gesagt wird, ach was sollen die alten Geschichten noch bewirken?
Sie sind nicht nur ein Mittel der persönlichen Lebensreflektion und -biografie, sondern auch ein gesellschaftlich stark prägender Umstand besonders in den Jahren 1950-1970 gewesen. Denn sie geschahen in einem Klima des allseitig verordneten Schweigens über die brutalen Folgen des Krieges und seiner Verwüstungen an den Seelen der Menschen, nicht nur des Materiellen. Aus diesen Zeiten gingen Menschen in maßgeblichen Positionen in der frühen BRD hervor, ob in der Politik Adenauers, der Obersten Gerichte, des Bundestages, der -Regierung, der Schulen etc. Sie schwiegen zwar - denn mit diesen Menschen sollte der Neuaufbau BRD gelingen und Schuld keine behindernde Rolle spielen - aber mit ihren Prägungen und Indoktrinierungen begegneten sie in ihrer Arbeit den Menschen, vor allem den unschuldigen Kindern.
Schwarze Pädagogik war an der Tagesordnung, Drill und Gehorsam und Ordnung.
Ich empfehle den Lesern dieses Forums die verinnerlichte und reflektierte Bearbeitung der Vergangenheit und die Wachsamkeit in der Gegenwart ohne sich darauf zu beschränken sich viktimisiert zu fühlen oder lassen.
Gute Literatur für eine kreative und wirkungsvolle Erinnerungskultur in jedweder gesellschaftlichen Beziehung finden Sie bei Aleida Assmann in " Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur ". Erschienen bei CH Beck.
Nicht das Rückbeziehen auf eine Opferrolle hilft uns und der Gesellschaft weiter, sondern das Identifizieren mit allen kulturellen Verwerfungen und Verhaltensmustern.
Gruß B. Schubert
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beate Schubert aus Köln schrieb am 07.12.2020
Einfügen:
Meine erste Begegnung mit der Nordsee 1965

Im Sommer 1965 wurden meine 3,5 Jahre jüngere Schwester und ich in das Kinderheim auf Borkum, Sancta Maria verschickt. Ja, verschickt, wie es mit Paketen und Transportern sprachlich/tatsächlich ebenfalls geschieht.
Dem war eine sehr traurige Zeit vorausgegangen. Meine Mutter war mit der " Verschickung " und einer ernsten längeren Trennung von den Kindern nicht einverstanden. Sie konnte sich gegenüber dem dominanten Vater und Familienvorstand aber nicht durchsetzen, denn damals gab es noch keine Gleichberechtigung. Mutter schwieg traurig und mich belastete es sehr. Ich kann mich erinnern, dass wir viele Tage zusammensaßen und gemeinsam Namensschilder in die Kleidung, die Wäsche und die Handtücher einnähen mussten.
Die Abreise stand ebenfalls unter großer Traurigkeit unserer Mutter, als wir am Hauptbahnhof Düsseldorf in den Zug gesetzt wurden. Die Eltern blieben beide dort zurück, wer uns die Fahrt über begleitete, weiß ich nicht.
Ich kann mich nur noch an die Überfahrt mit der Fähre erinnern, denn es war der erste Kontakt zum Meer und einem Schiff. Auf Borkum kamen gleichzeitig unheimlich viele Kinder an. Sie kamen aus allen Himmelsrichtungen und wurden dort von den Nonnen des/der Heime entgegengenommen und strikt nach Gruppen eingeteilt. Bereits hier wurde ich abrupt von meiner kleinen Schwester getrennt und sah sie die gesamten 6 Wochen bis auf eine kleine Begegnung nicht mehr wieder.
Mit den in schwarzen Kutten/Tuniken gewandeten Nonnen fuhren wir mit dem Inselbähnchen zum Heim Sancta Maria. Ob wir das letzte Stück liefen, weiß ich nicht mehr.
Es war ein großer dunkelgrauer Bau , der von Nonnen geleitet wurde, mit langen dunklen Fluren und damals zeitgemäßem schlichten Mobiliar. Wir hatten als Gruppe einen Gemeinschaftssaal, in dem wir aßen. Ebenso einen riesigen großen Schlafsaal voller Eisenbetten mit karger Ausstattung: Laken und graue Sanitätsdecken.

Uns wurde vermittelt, dass wir alles offenzulegen hatten. Nichts blieb unkontrolliert. Das fing mit einem gründlichen Ausfragen nach der Familie, den sozialen Belangen, dem Beruf von Vater und Mutter an und endete bei der Kleidung und dem Gepäck. Alles wurde vor der versammelten Gruppe verlautbart.

Sebalda, die für uns zuständige Nonne, war um die 60 Jahre alt, wobei das schwer zu schätzen war, da sie total in Schwarz gehüllt war, außer der weißen Stirnblende und ein sehr runzliges, strenges Gesicht zeigte. Ihre Haut wirkte gelblich fade und sie war streng , unnahbar und ständig ernst und mit Parolen zum Verhalten unterwegs. Ihrem Alter nach war sie eine aktive Schwester in der NS-Zeit in solchen bzw. diesem Heim gewesen, denn ihre Indoktrinierung und ihr Verhalten offenbarten das. Das Heim war im Krieg zuletzt ein Lazarett für Soldaten gewesen und Heime sprossen in der Nazizeit zur Landverschickung von Kindern und deren Infiltrierung.
Schwester Sebalda war für uns Kinder ein gefährlicher Drache; man musste dauernd Angst vor ihr haben und mit Strafen rechnen. Das fing bei persönlichen Schmähungen im Speisesaal an, wenn sie mit dem >Stock durch die Reihen ging. Sie kontrollierte, ob man gerade saß, alles aufaß und wie gekleidet war. Vor allem musste man bei jeder Gelegenheit gemeinsam beten und die katholischen Riten befolgen, obwohl ich evangelisch war und viele Inhalte gar nicht kannte.
Schwester Sebalda zeigte schon zu Beginn unseres Aufenthaltes, wo der Hammer hing. Wer nicht sein Essen aufaß, wurde von ihr dazu gezwungen und zwar so lange am Tisch zu sitzen, bis der Teller leer war. Ich kann mich erinnern, dass sich ein dickliches Mädchen mit krausen schwarzen Haaren erbrechen musste und schwer beschimpft wurde. Eine Roswitha wurde vom Tisch zitiert, weil Sebalda Locher in ihrem Strickpullover gesehen und das zum öffentlichen Blamage-Thema gemacht hatte. Roswitha weinte bitterlich, als sie als unsauber und mit Mottenlöchern in ihren Kleidern beschimpft wurde.
Im Schlafsaal waren mindestens 40 Personen untergebracht und zwar so, dass man sich nicht mit dem Gesicht zueinander hinlegen durfte. Die eine Reihe schaute zur Wand, die andere zu den abgewandten Rücken und die Grundregel lautete: Schweigen, kein Mucks. Zur Toilette durfte man nicht und wurde angehalten, sein Geschäft vor dem Zubettgehen zu verrichten. Auch wurde die Nachwäsche jeden Abend gründlich inspiziert und wehe, wenn Nachzeug oder Unterwäsche schmutzig waren. So war ein Mädchen Entdeckungsopfer einer verschmutzten Unterhose. Diese wurde unter lautstarken Abwertungen über die Köpfe im Schlafsaal hochgehalten und das Mädchen als schmutzig und unsauber beschimpft. Zur Strafe durfte es nicht in sein Bett sondern musste nun lange neben dem Bett stramm stehen und schweigen. Bis, ja bis ..... das weinende Mädchen in Ohnmacht fiel und mit seinem Kopf gegen das eiserne Bettgestell fiel. Die Schwester bugsierte es schimpfend in das Bett; wir alle schwiegen vor lauter Angst unter unseren Decken.
Ins Bett durften wir sowieso nur nach gemeinsamen Passieren eines langen Waschraums für viele Mädchen gleichzeitig. Dort wurde genauestens kontrolliert ob wir uns Hals und Ohren wuschen, wie es damals hieß und ob die Zähne gründlich geputzt wurden. Anschließend musste jede die Armarturen und ihr Waschbecken peinlich genau reinigen. Gab es noch Wasserspritzer oder einzelne Haare im Becken bekam man Schimpftiraden zu hören.
Duschen oder Baden geschah nie individuell, sondern immer einmal wöchentlich in einem separatem Waschhaus. Das war eine barackenähnliche düstere Einrichtung außerhalb des Haupthauses, die ich wie einen alten Schuppen in Erinnerung habe. Darin fand sich ein großes, betonartig eingefasstes großes Steinbassin mit den Ausmaßen 10 x 10 Meter wo viele Mädchen, auch aus anderen Gruppen gleichzeitig baden mussten. Und zwar immer in Anwesenheit von mehreren Nonnen, die um das Bassin herumsaßen. Den Mädchen die Köpfe heftig einseiften und alles genau beobachteten. Man schämte sich sehr, war man doch schon in der pubertären Entwicklung seines eigenen Körpers.

Spielen, Singen, Basteln etc. - eine Leerstelle. Es kam nicht im Haupthaus, auch nicht in den Nebengebäuden vor, sondern stets draußen an frischer Luft. Jeden Tag wurden nämlich gruppenweise lange und ausgedehnte Wanderungn zum Strand unternommen und auch im Meer gebadet wenn möglich. Das war ein herrliches Gefühl und völlig neu und vor allem es geschah mit einer freundlichen und jungen Nonne, die nichts von der Verbissenheit der Sebalda hatte. Das war ein richtiges Highlight und hat viel Freude verursacht.

Schlimm fand ich als evangelisches Kind, dass man mehrmals in der Woche die Kapelle aufsuchen und sich bekreuzigen musste wie im Katholischen Glauben mit Weihwasser Usus. Mir war das total fremd und ich fand es als Verrat an meinem eigenen evang. Glauben. Es wurde aber darauf bestanden. Vor allem zu knien und sich dauernd zu bekreuzigen. An Beichtzwang kann ich mich aber nicht erinnern.

Briefe nach Hause ohne Kontrolle durch Schwester Sebalda waren völlig undenkbar. Telefon stand schon gar nicht zur Verfügung. Sowohl die Eingangs- wie die Ausgangspost mussten durch die Zensur von Sebalda und wurden ausnahmslos vor dem gesamten Auditorium der eigenen Gruppe vorgelesen. Es gab keine Privatheit.
Ein einziges Mal in den 6 Wochen konnte ich meine kleine Schwester durch einen Türspalt zu unserem Schlafsaal sehen. Sie war klein und schüchtern mit einem Stofftier auf dem Arm der für sie zuständigen jüngeren Schwester. Sie sprach nicht, erschien mir unheimlich klein ( obwohl bald 9 Jahre) und sagte keinen Mucks. Die Schwester begleitete diese Szene mit den Worten, schau, da ist Beate. Es ist alles in Ordnung.

Dieser Heimaufenthalt hätte mich für immer verstört, hätte es nicht die ausgleichenden Gruppenwanderungen in den Dünen und am Meer gegeben. Die Gischt, der Salzgehalt der Luft, die Sonne und der Wind waren so neu und faszinierend, dass dies über die Qualen der Tagesabläufe im übrigen hinweghalf.

Später, nach 20 Jahren bin ich noch einmal nach Borkum, voller Wut und Zorn, um Leute im Heim zur Rede zu stellen. Natürlich waren alle Gespenster der Vergangenheit völlig verschwunden. Keine einzige Nonne, keine Betgrotten auf dem Außengelände, keine Baracken zum Schlafen oder Waschen mehr. Sondern frisch angestrichen ein schweigendes Haupthaus ohne jegliche christliche Insignien und hermetisch abgeriegelt.

1999 ist das gesamte Anwesen gründlich modernisiert worden und wurde zum Mutter-Kind-Kurheim. Es heißt dort vollmundig heute, es handele sich um ein traditionsreiches Haus. Ja, die Gespenster der Vergangenheit sind verschwunden und die Gemäuer schweigen.
Beate Schubert
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Johannes M. aus Bocholt schrieb am 07.12.2020
Ich war 9Jahre alt (1972)als ich verschickt wurde ,und ich war Inkontinent. Ich erinnere mich an hohe Schlafsähle mit Eisenbetten links und rechts an der Wand. Es herrschte ein herrischer Befelston dort. Ich war 9 Wochen dort und bekam nur Reis, klebrigen-stachelingen-trockenen Reis ohne alles. Wenn man ihn nicht mehr Essen konnte wurde er einem eingeflößt und wenn man ihn erbrochen hatte mußte man ihn noch mal Essen. Das Weinen von uns Kindern höre ich heute noch. Das Essen mussten wir selber holen mit einer Bollerkarre aus einer Großküche. Nach dem Essen wurde gespült dann war Mittagsruhe. Wer ins Bett gemacht hatte muste mit dem Gesicht zur Wand schlafen. Nachmittags ging es zum Moorbaden. In Zweierreihen aufstellen links und rechts Schwestern und los gings. Ich hatte in der Kur Geburstag, hatte auch ein Paket bekommen das mir aber wieder weggenommen wurde stattdessen bekam ich 2 trockene Zwieback. Ich habe gedacht meine Eltern wollen mich nicht mehr wegen der Inkontinens. Ich kam nach 9 Wochen dann doch wieder nach Hause. Total verstört, fühlte mich der Familie nicht mehr zugehörig und geholfen hatte es auch nicht. Die Angst die man damals hatte spühre ich heute noch. Jetzt im Alter von 56 Jahren habe ich immer noch Probleme mit dieser Zeit und bin auch in Behandlung . Es tut aber gut zu wissen das man nicht allein mit dem erlebten ist.
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Kurt aus Korb schrieb am 06.12.2020
Hallo,
Mein Name ist Kurt und ich bin auch in der sogenannten Kinderverschickung gewesen.
Ich war damals 7 oder 8 Jahre alt und man konnte mir "das Vater Unser durch die Backen blasen" wie man damals so scherzhaft sagte, wenn man extrem dünn war.
Ich würde seinerzeit nicht mit 6 Jahren eingeschult, sondern mit 7, weil ich einfach zu schmächtig gewesen war. (Das habe ich mittlerweile extrem gut aufgeholt.)
Ich wuchs mit vier Geschwistern auf, war der zweitälteste und durfte schon früh,wie damals wohl üblich, Verantwortung meinen kleineren Geschwistern gegenüber übernehmen.
Mein Vater hatte, aufgewachsen auf der Krim und mit 15 Jahren als Flak-Kanonierhelfer in die deutsche Wehrmacht eingezogen, sehr eigene Ansichten zu elterlicher Gewalt und Kindererziehung. Prügel waren mir sehr gut bekannt.
Meine Mutter schlug nicht häufig zu. Sie fand Liebesentzug ein probates Mittel der Erziehung.
Mit diesen Voraussetzungen wurde ich in den Sommerferien in die Kinderverschickung gesandt.
Meine Mutter brachte mich mit dem Koffer zum Bahnhof. Dort haben eine ältere und eine jüngere Frau uns in Empfang genommen und mit den anderen dreien aus meiner Heimatstadt in den Zug nach Siegen gesetzt.
Unterwegs sind noch andere Kinder und weitere Betreuerinnen eingestiegen.
In Siegen wurden wir dann verteilt auf die anderen Züge in die verschiedenen Richtungen.
Ich fuhr mit mir bis dahin unbekannten Kindern nach Laasphe, heute Bad Laasphe an der Lahn.
Dort angekommen wurden wir an die Betreuung durch das Heim übergeben. Unser Gepäck wurde in einen VW-Bully geladen, den ein junger Mann fuhr und wir mussten dann mit der "Tante" -ich weiß nicht mehr, wie sie hieß, zum Kurheim laufen. Gefühlt war das eine Ewigkeit.
Wir kamen dann irgendwann am frühen Abend dort an.
Wir bekamen noch kein Essen, da es noch nicht Essenszeit war, die Eingangsuntersuchung noch stattzufinden hatte und auch der Bezug der Zimmer noch anstand.
Ich hatte bis dahin lediglich meine beiden Stullen gegessen, denn morgens war es ja viel zu früh für ein ordentliches Frühstück und ich würde ja bald in dem Kurheim mein Mittagessen erhalten, so dachte jedenfalls meine Mutter.
Wir haben dann die Zimmer bezogen. Unsere Koffer mussten wir selbst vom Hof auf unsere Zimmer schleppen. Das war für viele eine fast unlösbare Aufgabe, aber warum hatten die auch so viel Zeugs dabei, wie wir von den uns antreibenden Betreuerinnen hörten.
Nachdem wir unsere Koffer nun endlich auf den Zimmern hatten, mussten wir uns bis auf die Unterhose ausziehen und in Reih und Glied auf dem Flur aufstellen.
Dann wurden unsere Namen und unsere Geburtstage verlesen. Dadurch wurde die Reihenfolge für diese und alle weiteren Untersuchungen festgelegt. Wir mussten uns diese Reihenfolge merken. Hatten wir unseren Platz in der Reihe vergessen, kamen wir ganz zum Schluss dran, nicht ohne den Spott aller über uns ergehen zu lassen. Es gab nicht wenige, die weinend auf dem Flur standen, weil sie sich dafür schämten. Viele machten sich auch aus Angst vor dieser Demütigung in die Hose, was zu noch viel mehr Spott und natürlich auch Strafen führte. Es gab dann an diesem Tag kein weiteres Essen und Trinken mehr, weil man ja seine Verdauung nicht unter Kontrolle hatte.
Den gesamten Flur dann nass aufzuwischen verstand sich ja von selbst, da man diesen ja auch verunreinigt hatte. Das Alter spielte für diese Maßnahme keine Rolle.
Der Tagesablauf war eigentlich immer ähnlich.
Morgens, kurz nach der Dämmerung hallten Rufe durch die Flure. Jetzt hieß es schnell aus dem Bett, denn wenn ein Betreuer in dein Zimmer kam und du lagst noch im Bett oder du steigst gerade erst aus deinem Bett - in unserem Zimmer waren drei Betten übereinander- dann hattest du schlechte Karten und würdest beim Frühsport einer besonderen Behandlung unterzogen, damit du demnächst schneller wach würdest.
Nach dem Frühsport ging es zum Waschen, anschließend zum Frühstück, es sei denn, an dem Morgen war wieder Untersuchung. Die gab es dreimal die Woche.
Nach dem Frühstück hatte man dann Küchen- oder Hausdienst und reinigte das Geschirr oder das Revier.
Danach wurden dann Brett- oder Kartenspiele als Gruppentherapie gespielt.
Mittagessen gab es dann um 11:30 Uhr, anschließend für zwei Stunden Bettruhe.
Ich kann mich daran erinnern, dass eine der "Tanten" immer zu einem älteren Jungen ins Bett ging, weil der nicht alleine schlafen konnte.
Manchmal kam die "Tante" auch nachts.
Ich fragte mal den Jungen, warum die "Tante" immer zu ihm kommen müsste. Da hatte er mir klargemacht, dass ich darüber bloß nicht reden sollte, sonst gäbe es Ärger.
Nachmittags sind wir dann bei Wind und Wetter spazieren gegangen, denn es gäbe ja kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.
Dazu mussten wir uns im Hof in Dreierreihen der Größe nach aufstellen. Die Kleinen vorne.
Und dann ging es im Gleichschritt, den wir sehr schnell von dem Mann, der sich der Oberst nannte, gelernt hatten, weil wir ja nicht dieses Spiel "Nach hinten weggetreten- Marsch, Marsch" spielen wollten.
Dann ging es mit einen schönen Lied - Oh du schöner Wehehesterwald - durch sie Landschaft rund um Laasphe.
Zurück im Heim, wurde sich erst einmal gründlich gereinigt, was vom Oberst von Fall zu Fall kontrolliert wurde und dann ging es in den Speisesaal.
Es gab Abendbrot.
Ich hatte eigentlich immer Hunger, aber abends gab es nur zwei Scheiben Brot mit Margarine und einer Scheibe Wurst.
Die Verpflegung war auch nicht immer gut.
Ich erinnere mich noch an ein Frühstück, an dem es zwei halbe Scheiben Brot gab, die sehr trocken waren und die Butter darauf roch ranzig.
Zu einem anderen Frühstück gab es Bircher Müsli, dass komisch aussah und nach Schimmel roch.
In beiden Fällen hieß es, das zu essen, oder man bekam an diesem Tag zu jeder Mahlzeit das verweigerte Essen vorgesetzt.
An einem Tag kam die Heimleiterin in unseren Aufenthaltsraum, um einen älteren Jungen zu maßregeln.
Er hatte versucht, einen Brief nach Hause zu schicken, ohne dass dieser Brief vorher "Korrektur gelesen" worden war.
Unsere Gruppe hatte deswegen für zwei Wochen Ausgangsverbot. Das hieß für uns, dass wir uns im Aufenthaltsraum still aufzuhalten hatten. Es wurden keine Spiele gespielt, man durfte nicht aufstehen sondern saß nur da und wartete, bis es das nächste Essen gab. Oder man durfte gerade noch einen Brief nach Diktat schreiben.
Kein Kind wagte es danach, einen Brief unkontrolliert zu verschicken.
Bei unseren Wanderungen bleibt mir noch ein Ereignis in Erinnerung.
Der "Oberst" ist mit uns auf einen der Berge marschiert und forderte uns auf, uns zu setzen und zu warten, bis er zurück sei.
Danach ist er mit seiner Freundin, die er dort getroffen hatte, im Wald verschwunden.
Ein kleinerer Junge hatte sich an einer Scherbe, auf die er sich gesetzt hatte, verletzt.
Die Versuche, unserem Betreuer das zu sagen, wurden aber in harschen Ton von diesem abgebrochen.
Erst, als seine Freundin gegangen war, erkannte er die Situation und bekam Panik.
Wir sind im Eilschritt zurück zum Heim.
Der "Oberst" war aber am nächsten Tag nicht mehr zu sehen.
Die Untersuchungen wurden von einem alten Arzt durchgeführt. Wir wurden gewogen und abgetastet und bekamen Kneippgüsse verordnet.
Als ich meiner Mutter unter Tränen das alles geschildert hatte, wurde sie beim zuständigen Gesundheitsamt vorstellig und hatte sich beschwert. Aber ich weiß aus einer Unterhaltung mit ihrer Schwester, die ich mitbekommen hatte, dass das alle als meine Hirngespinste abgetan wurde. Denn den einzigen Brief, den ich aus der Kur verschickt hatte, schilderte dich den ganzen Aufenthalt als sehr angenehm. Und da ich keinen weiteren Brief geschickt hatte, musste ich ja wohl keine Zeit gefunden haben, was auch für die Qualität dieser Maßnahme sprach.
Ob ich aus dem allen irgendwelche Schäden erhalten hatte, kann ich nicht beurteilen. Aber durch den Bericht bei Y-Kollektiv kam das alles wieder hoch. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen, der zur gleichen Zeit dort war und sich auch daran erinnert.
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Martina aus Soltau schrieb am 03.12.2020
Ich wurde 1977 zusammen mit meiner Schwester Heike für sechs Wochen in das Kinderkurheim Asental in Bad Salzuflen verschickt. Ich war damals sieben und meine Schwester zwölf Jahre alt. Es waren meine ersten Sommerferien und gleichzeitig die schlimmsten. Überhaupt eine der schlimmsten Erfahrungen in meinem ganzen Leben. Noch heute spüre ich den unvermittelten Schlag der damaligen Heimleitung auf meiner Wange, fühle noch immer, wie mich Ungläubigkeit und Überraschung gleichermaßen erfüllen …
Gleich zum Ferienbeginn ging es mit dem Zug von Soltau nach Bad Salzuflen. Ich habe keinerlei Erinnerung mehr an die Fahrt dorthin. Nur noch das Bild unserer Mutter, die uns vom Bahnsteig aus winkte und noch ein paar Worte durch die geöffnete Scheibe mit uns sprach. Es waren weitere Kinder im Zug. Ich kann nicht mehr sagen, ob es eine Begleitung gab, glaube es aber nicht. Lange vor dieser Reise war ich gespannt und habe mich darauf gefreut. Wir hatten neue Koffer bekommen, die einen eigenartigen Chemiegeruch ausdünsteten. Der Geruch dieser Koffer hat mich noch viele Jahre verfolgt, genauso wie der Geruch von Haferschleimsuppe und vieles mehr.
Ich erinnere mich an einen Kies- oder Schotterweg, der zu einem Anwesen führte, in dem wir für die kommenden sechs Wochen unter Ausschluss der Öffentlichkeit erniedrigt und kleingemacht werden sollten.
Gleich bei der Ankunft wurden uns sämtliche Süßigkeiten, Geld, Briefmarken Papier und Stifte abgenommen. Meine Schwester und ich wurden getrennt. Ich kam in einen Schlafsaal mit sechs, acht oder mehr(?) fremden Mädchen. Abends mussten wir sehr früh ins Bett gehen (gefühlt 20 oder 21 Uhr, es war noch lange hell draußen). Nachts durften wir nicht auf die Toilette, sondern mussten stattdessen einen Nachttopf nutzen, der mitten im Raum stand. Einmal bin ich auf meiner Schlafwandlertour direkt hineingetreten. Sobald sich nachts jemand im Zimmer bewegte, war augenblicklich eine der beiden Aufpasserinnen da und es gab Ärger. Nach dem Mittagessen mussten wir einen Mittagsschlaf halten. Es war nicht erlaubt, in dieser Zeit das Bett zu verlassen oder wenigstens zu lesen geschweige denn sich zu unterhalten. In dieser Zeit musste ebenfalls der Nachttopf benutzt werden, auch für größere Geschäfte.
Jeden Nachmittag kam eine externe Frau, die mit der gesamten Gruppe (ich schätze mindestens 50 Kinder) Wanderungen unternommen hat. Mit meinen 7 Jahren habe ich diese Wanderungen als endlose Gewaltmärsche in Erinnerung. Körperlich anstrengend und langweilig. Zu trinken oder essen gab es unterwegs nichts. Auf einer dieser Touren bin ich mit voller Wucht gegen eine Laterne gelaufen. Das trug einerseits zur Belustigung bei, zeigt aber andererseits auch, dass ich auf diesen Märschen wohl in eine Art Trance-Modus geschaltet habe, um es aushalten zu können.
Sonntags war im großen Speisesaal Briefstunde. Alle Briefe, die wir unseren Eltern geschrieben hatten, wurden von der Heimleitung, Frau Schelper, geprüft. Meine Briefe hat sie grundsätzlich zerrissen und mir dann diktiert, was ich unter Tränen zu schreiben hatte.
Zu essen gab es morgens eine schleimige Milchsuppe mit Haferflocken, die ich überhaupt nicht mochte und von der ich regelmäßig einen Würgereiz bekam. Alternativen gab es nicht. Zwischen einem miserablen Mittagessen und dem Abendbrot gab es als Zwischenmahlzeit einen Schokokuss für jedes Kind und dazu lauwarmen bis kalten Tee. Anfangs konnte man Tee nachgeschenkt bekommen. Doch nach einiger Zeit wurde auf einen halben Becher Tee pro Kind rationiert. Auf diese Weise wollte man das Problem mit den Bettnässern lösen. Insgesamt wurde sämtliches Essen streng rationiert, wenn man bedenkt, dass die meisten Kinder zum „Aufpäppeln“ dort waren. Ich erinnere mich, dass wir irgendwann aus Verzweiflung Zahnpasta gegessen haben, um einmal etwas anderes zu schmecken. Außerdem gab es mehrere Vorfälle, bei denen Essen aus der abgeschlossenen Speisekammer im Keller gestohlen wurde. Die Diebe wurden erwischt und hart bestraft.
Bei einem Läuseausbruch wurde uns im großen Waschraum im Keller eine furchtbar aggressiv riechende Substanz ins Haar gekämmt. Einem Mädchen wurden die langen blonden Haare komplett kurz geschnitten. Ich erkrankte so sehr, dass ich tagelang in meinem Bett bleiben musste. Ich hatte Fieber und fühlte mich sehr schwach. Niemand hat mich versorgt oder nach mir gesehen. Tagelang lag ich alleingelassen in diesem Bett und es ging mir sehr schlecht. Ich erinnere mich nur, dass meine Schwester hin und wieder mit einem Teller Essen zu mir kam – Haferschleimsuppe.
Die schlimmste Begebenheit habe ich eingangs schon angedeutet: Eines morgens bin ich die Treppe zum Waschraum hinuntergegangen, um mich wie üblich in die Warteschlange zu stellen. Frau Schelper hat mich angesehen und mir unvermittelt mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen. Sie sagte, ich solle mir umgehend etwas Vernünftiges anziehen. Ich weiß bis heute nicht, was genau ihr an meiner kurzärmeligen Bluse nicht gefallen hat. Sie war außer sich vor Wut und hat mir noch Beleidigungen hinterhergebrüllt während ich weinend und seltsamerweise schuldbewusst die Treppe hochlief.
Dank absoluter Kontaktsperre zu den Eltern waren all diese Erniedrigungen Tag für Tag möglich. Ohne meine Schwester Heike wäre ich vielleicht noch kränker geworden.
Die Erlebnisse in Bad Salzuflen beschäftigen mich bis heute. In all den Jahren war es mir ein großes Anliegen, dieses Kapitel aufzuarbeiten. Wahrscheinlich der Bagatellisierung meines Umfeldes geschuldet, bin ich das Thema jedoch nie ernsthaft angegangen. Die wenigsten Menschen haben meinen Schilderungen über die systematische Demoralisierung in dieser Anstalt wirklich Gewicht beigemessen. Uns wurde bei jeder Gelegenheit sehr klar gemacht, dass wir nichts wert waren, keine Lobby hatten und froh sein durften, dass sich überhaupt jemand mit uns befasste. Sich dieser Herabwürdigung als Kind zu entziehen ist unmöglich. Selbst unter Beachtung der Tatsache, dass damals andere Zeiten waren, wurde uns dort großes Unrecht angetan.
Ich freue mich, dass das Thema Verschickungskinder nun gründlich aufgearbeitet wird und so angemessene Bedeutung erhält.
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Angela Kahlberg aus Isernhagen schrieb am 01.12.2020
Mit knapp 6 Jahren ( den 6. Geburtstag feierte ich im Kinderheim Bad Sassendorf) erklärte meine Mutter mir, dass ich ins Kurheim geschickt werde, weil der Arzt fand, dass ich zu dünn sei (wenn ich Fotos von mir aus dieser Zeit sehe, bin ich darauf normal schlank, bestimmt nicht mager). Auf jeden Fall wurde ich mit einer kleinen Gruppe von Kindern zum Bahnhof in Nürnberg gebracht ( wo wir damals wohnten). Von dort ging es ohne Eltern (mit Erzieherinnen??), nach Bad Sassendorf . Ich kann mich nicht mehr an vieles erinnern. Es gab einen großen Schlafsaal, das weiß ich noch, ich durfte einen Teddy als Kuscheltier mit ins Bett nehmen. Da ich ja selbst nich t lesen und schreiben konnte, schrieb die Erzieherinnen für uns Briefe an die Eltern und lasen uns Briefe der Eltern vor. Leider liegen mir davon gar keine Briefe mehr vor. Das ist merkwürdig, weil meine Mutter eigentlich ALLEs gesammelt hat, wir fanden so viel Schriftverkehr, als wir ihren Haushalt auflösten. Nur absolut gar nichts , was mit meinen Kuraufenthalten zu tun hatte. Schade.Öfters gingen wir , mit einer Art Regenmänteln begleitet in einen Kellerraum, dort saßen wir alle auf Bänken und atmeten Soleluft ein.
Ein Angsterlebnis kann ich besonders gut erinnern: in großen ovalen Holzfässern/Badewannen sollten wir sitzen und darin baden. Die Erzieherin sagte: Steh ja nicht auf! Unbedingt sitzen bleiben! Sie drehte den Wasserhahn auf, das Wasser lief und lief, ich sass sehr aufrecht, das Wasser stieg mir bis ans Kinn, ich bekam Angst, dass es mir übers Gesicht, über die Nase steigen würde, aber es hieß ja, man darf nicht aufstehen. Ich bekam Panik. Gott sei Dank kam grade noch rechtzeitig jemand um das Wasser abzudrehen. Weitere Erinnerungen habe ich leider nicht.
Ich war aber später noch in zwei weiteren Heimen, im Alter von 7 und im Alter von 9 Jahren. Dort bekam ich ab und zu mit, dass Kinder erbrachen und das Erbrochene wieder essen mussten. Oder überhaupt musste man am Tisch sitzen, bis man aufgegessen hatte.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ich auf diesem Weg jemand finde, der dort zur gleichen Zeit war wie ich und sich an mehr erinnert. Ich habe noch einige wenige Fotos davon.
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Beate Durchholz aus Gladbeck schrieb am 29.11.2020
Meine Erinnerungen waren jahrelang immer wieder da:
Das große graue Gebäude
Der große Speisesaal mit der Holzbank und Tische an der Fensterseite, dazu Einzeltische = immer 4 Kinder
Das Frühstück: immer 2 Graubrotscheiben mit Honig
Der Junge, der durch ein Teil von außen im Hals atmete
Ich war dort weil ich angeblich zu wenig wog
Aber 2 Scheiben Graubrot schaffte ich und andere nicht.
Also warfen wir sie hinter die Holzbank. Da wir den Raum säubern mussten, war dies kein Problem.
Bis ich erwischt wurde. Ich wurde umgesetzt. Dort gab es ein Mädchen das jeden Morgen meine 2 Scheibe aß.
Ich würde diesem Mädchen heute soooo gerne DANKE sagen. Zum anderen gab es zum Nachttisch einmal Jogurt, den ich nicht mochte. Ich erbrach ihn und musste ihn (ausgekotzt) dann nochmal essen.
Bis heute kann ich den Geruch und Geschmack von Honig und Joghurt nicht ertragen. Ich esse fast keine Milchprodukte.
Wo 4 Jahren bin ich mit meinem Mann zu dem Heim gefahren. Ich war erstaunt dass es so idyllisch im Allgäu liegt. Ich konnte mich nicht an den Blick vom Haus aus erinnern. Zum anderen war es jetzt weiß gestrichen und hat einen bunten Spielplatz vorm Haus.
Ich habe mich im Sekretariat zu erkennen gegeben. Die nette Dame dort sagte mir das ich nicht die 1. Ehemalige wäre. Ich habe in den 8 Wochen so meine Mutter und Omma vermisst. Seit dem Besuch ist Geschichte meines Heimaufenthalts für mich abgeschlossenen!
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Michael Haupt aus Eitorf schrieb am 27.11.2020
Nach Angaben meiner Eltern litt ich an Untergewicht, zudem sollte mir dort mein ständiges Bettnässen ausgetrieben werden.
Was folgte, waren sechs Wochen körperliche und seelische Folter, schwarze Pädagogik und sadistische Praktiken. All das verweist auf personelle und ideologische Kontinuität, die aus der Nazi- Zeit weit in die BRD hineinragt.
Ich war neun Jahre alt, durchgehende Erinnerung ist aus meinem Gedächtnis getilgt, was bleibt, sind einzeln aufscheinende Erlebnisse von brutaler Misshandlung, Demütigung, sinnloser Grausamkeit und sexueller Gewalt. Ich war diesen gnadenlosen Ordensschwestern und ihren männlichen Gehilfen zur Befriedigung ihrer sadistischen Bedürfnisse ohne jede Möglichkeit zur Gegenwehr ausgeliefert.
Einige der Erlebnisse, die mich bis in meine Träume verfolgen waren:
- die nach Inhalt und Zubereitung ekelerregenden Mahlzeiten musste ich zusammen mit einigen anderen Delinquenten auf einem Podest einnehmen, das in der Mitte des mit Kindern vollgestopften Speisesaals aufgebaut war. In der Mitte unseres Tisches stand ein beidseitig gut lesbar beschriftetes Schild mit der Aufschrift " Bettpisser". Dort habe ich acht Wochen, dreimal täglich, gesessen ( ich wurde zu zwei Wochen Nachkur verurteilt, weil ich nicht zugenommen hatte und immer noch einnässte). Ich wurde immer wieder schwer Misshandelt, Hämatome, Platzwunden, eingerissene Ohrläppchen, medizinische Hilfe, auch bei Fieber, Entzündungen, Durchfallerkrankungen gab es nicht, für verschmutzte Unterwäsche gab wieder Prügel. Erbrochenes wurde wieder auf einen Teller gescharrt und musste aufgegessen werden. Um für Regelverstöße im Schlafsaal verdroschen zu werden, musste man die Regeln weder kennen noch sie verstehen, verängstigt und schlaflos im Bett zu liegen ,wartend auf die nächsten Schläge, ohne zu wissen wofür, war die Regel.
mindestens einmal in der Woche wurden wir in verdreckte Holzbottiche gezwungen die mit einer unglaublich stinkenden schwefligen Brühe gefüllt waren, alle hatten Angst in dem Gestank zu ersticken.
Ich schrieb einen Brief an meine Eltern, in dem ich sie anflehte mich aus dieser Hölle zu befreien. Einen Tag später wurde ich in ein winziges Zimmer, in dem nur eine Pritsche stand, einige Stunden eingesperrt. Einer der männlichen Schergen trat ein und las mir laut und mit niederträchtigen Kommentaren meinen Hilferuf an meine Eltern vor. Dann nötigte er mich zu sexuellen Handlungen (das wiederholte sich von da an einige Male). Im Anschluss diktierte er mir einen Brief an meine Eltern, in dem ich schildern musste wie gut es mir gehe und schön der Aufenthalt in dem Heim sei.
Die Demütigung war vollkommen, von da an war ich gebrochen, jeder Widerstandswille war gebrochen.
Ich erinnere mich noch an Geländespiele im Wald, bei denen wir aufgefordert wurden mit Luftgewehren auf Vögel zu schießen. Gruppen von Jungen wurden gebildet, eine sollte einen Hügel gegen eine Andere verteidigen. Die Kinder wurden angewiesen sich ohne Nachsicht zu Prügeln. Jetzt, wo ich es aufschreibe, fällt mir auf, dass immer mehr Erinnerungen hochkommen und mich immer noch belasten. Ich will es dabei belassen
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Rolf Ott aus 47506 Neukirchen-Vluyn schrieb am 26.11.2020
Hallo,
ich bin mittlerweile 62 Jahr alt und habe einen Beitrag zum Unerhörtem Leid in der NRZ vom 24.11.2020 gelesen.
Seit dem Tag geistern mir viele Erinnerungen durch den Kopf, vieles habe ich vermutlich vergessen oder verdrängt, allerdings kann ich micht auch an diverse schlimme Dinge erinnern.
Ich war dort mit meinem kleinem Bruder für 6 Wochen. Das Haus wurde damals von Nonnen geführt, die eine ziemlich rigorose und harte Führung an den Tag legten. Zu dem üblichen Heimweh mit ca. 8 Jahren war der Tagesablauf und der große Schlafsaal mit 10 - 12 Betten sehr unangenehm. Mein für mich schlimmstes Erlebnis verfolgt mich heute noch.....
Eines Mittags gab es Reis mit Hühnerfrikasse und Pilzen in einer sehr dicken Soße. Ich mochte dies überhaupt nicht, wurde aber gezwungen weiter zu essen. Nachdem ich mich mehrmals übergeben habe, musste ich bis spätabends vor meinem Teller sitzen bleiben und diesen leer essen. Ich kanne bis heute keine Pilze mehr essen........
Auch kann ich berichten, dass man mein Päckchen aus dem Elternhaus konfeziert hat und dies auf alle anderen Kinder verteilt hat. Dies ist m. M. nach eigentlich in Ordnung, allerdings für einen achtjährigen sehr schwer zu verstehen.
Auch habe ich heute noch das weinen der Kinder in Nacht in meinen Ohren....

Liebe Grüße
Rolf
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Thilo Eckoldt aus Hamburg schrieb am 26.11.2020
Ich war für ein Jahr im Kinderheim Bergwald in Lenzerheide/Graubünden. Grund. Asthma. Die miese Behandlung (Schläge, Briefzensur, nachts Toilettenverbot, Essenszwang etc.) beschränkt sich nicht auf deutsche Heime. ich hab es so oder ähnlich erlebt, wie viele andere Betroffene es schildern. Ich habe dringendes Interesse daran, andere ehem. Kurkinder zu kontaktieren, die ebenfalls im "Bergwald" waren.
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Vera aus Laake schrieb am 25.11.2020
Hallo,
Ich habe den Bericht über die Verschickungskinder gestern in Exclusiv gesehen...
Ich war sehr überrascht darüber,weil es immer runter gemacht wurde und als anstellerei abgetan wurde.
Ich war auch so ein Verschickungskind.
So 1962 oder 63...ich war in Bad Salzufflen bei den grausamen Nonnen dort.
Ich mochte mein Nachtisch nicht , war so sauer, es gab Rababermatsch...eklig! Ich musste bis am Abend am Tisch sitzen bleiben.
Andere Kinder mussten ihr Erbrochenes Essen.
Beim Haarewaschen wurde mit kaltem Wasser gewaschen. Als ich mit dem Kopf zuckte wurde er mir aufs Waschbecken geschlagen.
An eine Sache erinnere ich mich noch ganz genau. Ich musste zwischendurch mal aufs Klo, als ich über den Flur lief trat die Oberin mir heftig ins Gesäß.
Ich konnte lange nicht richtig sitzen.
Ein anderes Kind konnte ich mit ansehen wie die Oberin es an den Haaren aus dem Bett zog um schneller zur Toielett zukommenden....
Es war ein richtiges Trauma...
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Barbara aus Aachen schrieb am 25.11.2020
auf WDR 5 habe ich gerade einen Bericht über den Verein verschickungsheime.org gehört. Und klar kommen da die Erinnerungen wieder hoch.

1968 war ich 5 Jahre alt, meine Schwester war damals 6 und wog zuwenig. Deshalb sollt sie aufgepeppelt werden und damit sie nicht allein ist, wurde ich
mitgeschickt. Entgegen der üblichen Praxis waren wir beiden jedoch nur 3 Wochen dort, alle anderen Kinder 6 Wochen.

Das Essen war zwar oft ekelig, aber in meiner Erinnerung nicht verdorben o.ä.
Milchsuppe hab ich gehasst, musste sie aber jeden morgen essen. Wer nicht aufißt, darf nicht aufstehen vom Tisch. Und wer kotzt (das kam ziehmlich oft vor),
bekommt mittags keinen Nachtisch. Dieser Nachtisch war suuuuuper: Wackelpudding mit einem Schokokringel darauf. Der war bei allen sehr gegehrt. Und sonntags gab's Eis zum Nachtisch... hmmmm! Also, möglichst nicht kotzen!

Die "Fräuleins" (Betreuerinnen) und die Nonne waren sehr streng. Als liebevoll habe ich sie überhaupt nicht in Erinnerung, eher kalt und hart, manchmal auch gemein.

Vor ca. 20 Jahren bin ich nochmal dahin gefahren. Hab das Haus von Weitem erkannt, obwohl ich weder Namen noch Adresse hatte. Hab unseren Gruppenraum direkt gefunden, wußte noch, wo wir immer gesessen haben. War alles noch sehr ähnlich wie damals, aber der Raum schien mir viel heller. Die
dunkle Holzvertäfelung war, glaube ich, nicht mehr da.

Als ich auf dem Hof unten eine Betreuerin fragte, wo die Gaskammer ist, wußte sie sofort, was ich meine: Den Duschraum vor dem Schwimmbad.
Einmal in der Woche war schwimmen, baden, planschen darin angesagt und das haben wir geliebt. Um ins Schwimmbad zu kommen, mussten wir uns umziehen. Dann wurden alle Kinder in einen kleinen schmalen Raum gesperrt dicht an dicht, Tür hinter uns geschlossen. Niemand konnte raus.
Der Raum hatte Oberlichter und war mit weißen Kacheln raumhoch gefliest. Unter der Decke waren in regelmäßigen Abständen Duschköpfe montiert.
Von außen wurde dann das Wasser aufgedreht und es war eiskalt! Alle schrien und drängelten möglichst weit weg von den Duschköpfen. Es war ohrenbetäubend, alle schubsten und drängelten, eiskaltes Wasser von
oben, Geschrei und Gekreische, keine Luft kriegen...
ich hatte Todesangst.
Ich war die Jüngste in unserer Gruppe, alle anderen waren 6 und 7 Jahre alt, ich war erst 5 und damit die Kleinste und Schwächste. Panik, blanke Panik! Ich dachte, ich ertrinke. Es war die Hölle.
Jahre später habe ich Fotos von Gaskammern in KZs gesehen und sie haben erschreckende Ähnlichkeit mit diesem Raum...
"Unsere Gaskammer" gibt's nicht mehr. Als ich damals in Niendorf war, war das Schwimmbad komplett gesperrt und es wurde gerade saniert.

Meine Schwester bekam Windpocken im Heim, einige Tage später ich auch und so folgten alle Kinder nach und nach. Man musste für 2-3 Tage ganz allein im großen Schlafsaal bleiben, durfte nicht aufstehen, nichts zum Spielen o.ä. und ich hatte unendliches Heimweh. Es war grauenhaft.

Ich hab damals oft in die Hose gemacht, besonders wenn ich Angst hatte. Am 2. Tag hatte ich schon zwei Schlüpfer gewechselt und brauchte gegen Mittag
schon den dritten. Die Erzieherin sagte nein. "Wenn du in die Hose machst, musst du das halt aushalten.
Die Unterwäsche wird nur einmal in der Woche gewechselt!" Und so lief ich total wund eine ganze Woche mit der selben nassen dreckigen Unterhose herum und hab wahrscheinlich unglaublich gestunken. Als die Nonne das am Ende der Woche gesehen hat, gab's richtig Ärger. Ab da durfte ich jeden Tag zumindest einmal die Wäsche wechseln (mehr
aber auch nicht!!!) und wenn die Nonne weg war, musste ich manchmal auch mit nasser Hose rumlaufen.

Wenn abends das Licht ausgemacht wurde, kam 10 Minuten später die Nonne rein und hat jedem Kind mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet, um zu kontrollieren, ob wir auch schliefen. Wenn man die Augen ganz fest zusammengekniff, merkte sie nicht, dass man noch wach war (wie schön naiv!) Weinen war verboten, das weiß ich
noch und auch, dass auf dem Flur jemand Wache gehalten hat, damit niemand aufsteht.

Meine Mutter war selber als Kind in diesem Heim gewesen 1938. Warum sie uns dahin geschickt hat, verstehe ich bis heute nicht. Sie hat nach eigener Aussage damals pausenlos geweint und hatte Heimweh...
Und meine jünste Schwester (6 Jahre jünger als ich) war auch dort 1978, aber da war sie schon 10 Jahre alt und hat ganz wunderbare Erinnerungen daran. Dort war sie die Älteste und durft sich mit um die Kleinen kümmern. Endlich mal nicht die Kleine sein wie zuhause, sonder zu den Großen zählen, das hat sie sehr genossen...

So kommen viele Erinenrungen wieder hoch.
Ich fand es dort ganz schrecklich.
Mich hat gerettet, dass meine große Schwester dabei war. Somit waren wir wenigstens nicht alleine...

Erinnert sich jemand an die Gruppe im Eckraum 1.OG Sommer 1968 als wir alle nach und nach Windpocken bekamen???
Mit Christiane waren wir dort befreundet. Die war nett!
Hat jemand noch den Seestern, den wir am Ende geschenkt bekamen zum Abschied? Meiner könnte noch auf dem Dachboden bei meinen Eltern vergraben sein...

Viele Grüße,
Barbara
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Elmar Kukul aus Köln schrieb am 25.11.2020
Im November/Dezember 1967 war ich für 6 Wochen in Bonndorf (Schwarzwald) im Haus „Waldfriede“ des Caritasverbandes Bonn. Ich war 4 Jahre alt und wurde während dieser Zeit 5 Jahre.

Leider kann ich mich nur an sehr wenige konkrete Bilder und Ereignisse erinnern, aber dafür umso besser an viele schreckliche Gefühle, die ich dort hatte.
Aus Erzählungen meiner älteren Schwester weiß ich, das ich nach Bonndorf wieder Bettnässer war, obwohl ich vorher „trocken“ war.

Seit 40 Jahren bin ich überzeugt, das mir dieser „Aufenthalt“ dort schweren Schaden zugefügt hat. Bisher glaubte ich aber damit allein zu sein. Und habe immer wieder sehr bedauert, dass ich ohne konkrete Erinnerungen nicht herausfinden könne, was dort mit mir gemacht wurde.
Dank Anja Röhl und verschickungsheime.org hat sich das endlich geändert.

Daher wäre ich wirklich sehr, sehr dankbar, wenn jemand, der vielleicht älter war, Erinnerungen an die „Behandlung“ der Kinder zu dieser Zeit 1967 hat und diese teilen kann.
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Monika Schell aus Kamen schrieb am 25.11.2020
Eigentlich weiß man gar nicht so recht wo man anfangen soll. Da ich zu dünn war wurde ich zur Erholung geschickt.
Als wir mit vielen Kindern dort ankamen, wurden die älteren von den jüngeren getrennt. Das war das letzte Mal in den 6 Wochen das ich die kleineren gesehen habe, wir durften kein Kontakt zu anderen Gruppen haben.
Auch ich kann mich an grosse Schlafsäle erinnern. Mein Bett stand M Fensterhinten rechts.
Zum Essen gingen wir geschlossen in Reihe, vorher mussten wir alle die Toilette aufsuchen. Denn zwischendurch war es verboten. Auch Nachts nicht, man wurde zurück ins Bett geschickt, wo ich mich dann einmachte und so die Nacht darin verbringen musste.
Der Waschraum war auch gross, mit vielen kleinen Waschbecken.
Beim Essen durften wir nicht reden, mussten alles aufessen, egal wie.
Wer erbrechen hatte musste vorne an einem Tisch im stehen sein erbrochenes Essen. Ich erinne mich an ein Mädchen mit langen Zöpfen, sie stand sehr oft vorne, dieses Bild kann ich nicht vergessen, wie sie dort im weinen alles essen musste.
Es waren schlimme 6 Wochen, und es fällt schwer hier alles nieder zu schreiben.
Die Briefe die wir bekamen wurden aufgemacht, und Taschengeld was wir geschickt bekamen, wurde "in unsere" Kasse gelegt.
Geschenke zum Geburtstag wurden nicht ausgehändigt.
Was wir nach Hause zu schreiben hatten, wurde vorgegeben.
Es ist noch soviel, was es zu berichten gibt, und was hier beim Schreiben, wieder hochkommt.
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Kai Ulrich schrieb am 24.11.2020
Ich bin im Winter 1968 mit meinem älteren Bruder von Köln aus nach Niendorf ins Kinderkurheim St. Johann verschickt worden. Dies wurde auf Anraten unseres Kinderarztes über die Arbeiterwohlfahrt abgewickelt.
Ich erinnere mich noch an die endlose Zugfahrt. Und an die vielen Kinder die dort im Heim waren. Und an die grossen Schlafsäle. Von meinem Bruder wurde ich bei Ankunft getrennt. Ich hatte furchtbares Heimweh und verstand nicht das meine Eltern mich dort nicht abholen wollten obwohl ich dort soviel Angst hatte. Sie hatten doch immer wieder versprochen auf mich aufzupassen.
Ich war zu diesem Zeitpunkt 4 Jahre und 8 Monate alt.
Ich erinnere mich an einen Kinderarzt,bei dem ich wohl öfter zur Untersuchung musste. Ich erinnere mich daran nicht aufs Klo zu dürfen,und das ich es deshalb nicht schnell genug auf die Toilette geschafft hatte und meinen Darm auf dem Flur entleeren musste.
Das war schlimm.
Als ich nach 6 Wochen das erste Mal meine Eltern wiedersah habe ich sie gesiezt....Ich war traumatisiert.
Es gibt 2 Fotos aus dieser Zeit in St. Johann,die ich gerne bereit bin zu veröffentlichen.
Ich würde mich freuen mich auf diesem Wege mit Kurkindern aus St. Johann auszutauschen um diese furchtbare Zeit dort aufzuarbeiten,die mir und meinen Eltern bis heute soviel Leid zugefügt hat.
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Michael Hesse schrieb am 24.11.2020
Meine Mutter war nach der Geburt des 5. Geschwisterkindes in keiner guten seelischen und körperlichen Verfassung,
so dass man Ihr eine Kur in einem Müttergenesungswerk nahelegte.
Für 3 Jungs im Alter zwischen knapp 3 und 6 Jahren musste jedoch eine Lösung her. Ich war damals ca. 4,5 Jahre alt und kam mit meinem älteren Bruder nach Bad Sassendorf, mein kleiner Bruder wurde völlig alleine in einer anderen Einrichtung untergebracht, deren Name ich nicht kenne. Grausamer geht es nicht.
Ihn hat es am schlimmsten getroffen. Als er zurückkam konnte er nicht mehr sprechen, hatte massiv zugelegt und war völlig traumatisiert, er hatte immer Angst zu ersticken. Ich hatte mehr
Glück und war nicht alleine, hatte ich doch in dieser dunklen Zeit meinen "grossen Bruder" gehabt der mir, ohne dass er es selbst wusste, geholfen hat die schlimmste Zeit meines Lebens irgendwie zu überstehen.
Es war der blanke Horror, wir wurden wie Insassen
einer Erziehungsanstalt behandelt. Toilettengänge nur zu bestimmten Uhrzeiten, wer z.B. vor Heimweh geweint hat, wurde in einem dunklen Raum weggesperrt.
2 Stunden Mittagsschlaf, Sprechverbot während der Mahlzeiten, wer sich nicht an die Regeln hielt wurde angeschrien und vor allen gedemütigt und drangsaliert. An direkte körperliche Züchtigung kann ich mich nicht erinnern.
Ich musste einmal im Schlafraum notgedrungen mein Geschäft verrichten, weil man mich nicht auf die Toilette lassen wollte. Danach brach die Hölle los. Es war ein System der totalen Kontrolle, der Wiilkür und Unterdrückung. Ich kann mich an kein Spielzeug erinnern und nur an wenige Aufenthalte im Freien. Am schlimmsten waren die Badetage, wir standen der Reihe nach nackt an der Wand und wurden nacheinander aufgerufen wenn wir an der Reihe waren. Im Internet gibt es eine Postkarte von damals die zeigt, wie diese Foltereinrichtung aussah. Das Wasser war viel zu heiß und es reichte einem bis an die Unterlippe, ich hatte Angst zu ertrinken. Wer jedoch seine Angst zeigte wurde angeschrien. Die Grausamkeit und Kälte des Personals war unbeschreiblich. Es gab keine angstfreien Momente in den 6 Wochen. Ich frage mich heute, wieviele Kinder ähnliche Erfahrungen in dieser Einrichtung gemacht haben und wie ich, erst heute den Mut gefunden haben darüber zu berichten. Meine Eltern mochten über diese dunkle Zeit nicht sprechen und haben es verdrängt, mein kleinster Bruder kann sich vermutlich an die schlimmste Zeit seines Lebens nicht erinnern und kann ebenso wie mein älterer Bruder nicht darüber sprechen.
Ich bin heute noch dankbar, dass ich mit dem Horror nicht alleine war und habe mich im fortgeschrittenen Erwachsenenalter bei Ihm einmal bedankt.
Dass hat er nur mit einem Schweigen beantwortet. Vielleicht gibt es auch keine
Worte für dass, was unsere kleinen Seelen alles ertragen mussten.
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Ulrich Friedrich aus Rinteln schrieb am 24.11.2020
Leider kann ich mich nicht mehr wirklich an die Zeit der Verschickung erinnern. Zudem sind meine Eltern mittlerweile auch verstorben. Meiner Erinnerung nach wurde auch nie in der Familie meine Verschickung thematisiert.
Als ich heute auf WDR 5 Frau Röhl im Interview hörte, durchfuhr es mich wie ein Blitz. Schlagartig kamen böse Erinnerungen an einen Verschickungsaufenthalt im Schwarzwald an die Oberfläche. Das Schlimme ist wohl, dass die Verdrängung ganze Arbeit geleistet hat. Erinnern kann ich mich an den Namen Freudenstadt. Auch muss es wohl in sehr früher Jugend passiert sein. Meine Schulzeit, meine ich, war nicht berührt.
Erinnern kann ich Nächte voller Tränen, voller Heimweh, voller Schläge mit einem Kehrbesen, weil ich im Schlafsaal nicht leise genug war. Erinnern kann ich Händevoll ausgerissener Haare, weil ich nicht schlafen konnte. Ich kann mich auch nicht an die Dauer der Verschickung erinnern, es war nur viel zu lang.
Ein zweites Mal wurde ich nicht verschickt. Offensichtlich waren meine Eltern doch wohl sehr geschockt über meine Berichte, als ich wieder zu Hause war. Auch müssen sie wohl sehr gut mit mir umgegangen sein, so dass ich die Erlebnisse doch wohl recht gut verarbeiten konnte.
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Kirsten Babiel aus Duisburg schrieb am 24.11.2020
In der heutigen NRZ (24.11.2020) fand ich einen Artikel über Kinder, die "verschickt" wurden. Durch diesen Artikel stellte ich fest, dass ich nicht alleine solche Leiden durchleben musste.

Es muss so Mai/Juni 1966 gewesen sein, als ich von der Stadt Mülheim an der Ruhr ins Kinderheim Neu Astenberg bei Winterberg für 6 Wochen verschickt wurde.

Das waren meine schlimmsten 6 Wochen. Aufgrund des dort erlebten wollte ich später auch nicht mit den Schulklassen in Schullandheime fahren.

Ich war 5 Jahre alt und in diesem Alter kann man noch nicht alles perfekt alleine. Es fing schon morgens beim Frühstücken an, dass ich mir mein Brot nicht selber schmieren konnte. Zu meiner Linken vor Kopf am Tisch saß eine jüngere Frau, die mich ständig drangsalierte. ich wurde von ihr u. a. immer wieder in den Oberschenkel gekniffen, so dass mein linker Oberschenkel total blau war, als ich wieder zu Hause war.

Ich mochte noch nie Käse oder Tomaten. Ich wurde gezwungen das zu essen. Solange der Teller nicht leer gegessen war, durfte ich nicht aus dem Speisesaal. Egal, bei welchen Mahlzeiten.
Bis heute esse ich keinen Käse bzw. keine Tomaten.

Wenn wir abends ins Bett mussten, duften wir nachts nicht mehr zur Toilette. Und wehe man wurde erwischt! Dann wurde mir das Schmusetier weggenommen. So kam es, dass man auch nachts ins Bett machte. Am nächsten Tag musste man wieder ins nasse Bett.

Briefe wurden von den Erzieherinnen geschrieben, nach den Vorgaben von den Kindern. Ob das aber der Wahrheit entsprach, man weiß es nicht. Als 5jährige hat man ja noch nicht so den Überblick.

Als ich nach 6 Wochen wieder bei meinen Eltern war, war ich sowas von froh. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie den kompletten Inhalt meines Koffers weggeworfen hat, da die gesamte Bekleidung gestunken hätte und total dreckig gewesen wäre.

Dieses Kinderheim existiert heute nicht mehr. An dieser Stelle befindet sich heute ein Skihotel. Auch im Internet findet man nur noch eine einzelne Postkarte.

Meine Tochter habe ich nicht "verschickt". Gut, sie wurde 1990 geboren, aber so etwas wollte ich ihr beim besten Willen nicht zumuten.
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Esther aus Bochum schrieb am 24.11.2020
In der Lokalzeit im WDR habe ich ein Bericht von „Verschickungsheime.org“ gesehen gesehen.
Ich habe stark überlegt, ob ich hier überhaupt etwas beitragen soll, weil ich, Gott sei Dank, so etwas Grausames nicht im Kindererholungsheim erleben brauchte. Aber vielleicht kann ich dennoch anderen helfen, um fehlende Informationen zuzufügen.

Da ich stets dünn und blaß war, wurde ich 1964 im Alter von 6 Jahren nach Borkum, Friesenhof und 1972 im Alter von 14 Jahren nach Heimenkirch, Herz-Jesu-Heim, in ein Kindererholungsheim geschickt .

Zu der damaligen Zeit war es wohl üblich, Kinder in ein Erholungsheim zu schicken, besonders in den Arbeiterklassen. Die Eltern wollten sicherlich nur das Beste für ihre Kinder. Die Schandtaten kamen schließlich nicht an die Öffentlichkeit. Ämter, Institutionen schwiegen dazu. Kindern glaubte man eh wenig, sie hatten nur zu folgen ohne zu nörgeln.

Borkum: Ich fuhr ganz sicher nicht gerne und freiwillig alleine weg, aber wie gesagt, man hatte nix zu melden. Da ich erst 6 Jahre alt war, habe ich nicht so viele Erinnerungen an den Aufenthalt. Morgens gab es warme Milch mit Haut drauf oder Milchsuppe, wovon ich mich auch einige Male übergeben musste, allerdings konnte,durfte, ich noch zur Toilette rennen. Im großen Speisesaal stand eine große Plüschgiraffe.
Zwischendurch bekam ich die Windpocken und musste einige Tage in einem Krankenzimmer bleiben während die anderen am Strand Muscheln sammeln gingen, jedenfalls an einem Tag.
Mittagsschlaf war Pflicht. Mehr weiß ich nicht aus der Zeit. Natürlich hatte ich Heimweh.
Ein Gefühle von Liebe habe ich dort aber nicht gespürt.
Wir waren nach wenigen Jahren noch mal mit der Familie auf Borkum im Urlaub.


Heimenkirch: Als ich im Sommer 1973 in Heimenkirch im Herz-Jesu-Heim zur Kindererholung war, war ich schon 14 Jahre, also Teenager;). Da hat man einen besseren Überblick über die Situation und lässt sich nicht mehr veräppeln. Ich war mit zwei Mädchen, Bettina?11 und Angelika 12 Jahre in einem Zimmer. Die kleineren Kinder schliefen in größeren Schlafsälen. Die gesamte Gruppe mit Kindern, Jungen und Mädchen, von 4-14 J.kam aus Bochum. Kleidereinbauschränke waren auf dem Flur, wo wir Älteren uns unsere Sachen aussuchen konnten. Leider musste man auch die schmutzige Wäsche in Tüten dort unterbringen, die dann durch Feuchtigkeit darin Stockflecken bekamen.
Es gab einen großen Speisesaal, über die Qualität des Essens kann ich nichts mehr sagen. Wird wohl essbar gewesen sein, denn ich war immer pingelig mit Essen. Wir Großen saßen außen am Tisch, um den Kleineren die Teller weiterzureichen. Beim Abräumen der Teller warfen wir auch mal einen Blick in die Küche.
Ausflüge wurden auch unternommen, meistens in näherer Umgebung zur „drei-Groschen-Wiese“. Einmal ging es zum Pfänder/Bregenz 25 km mit allen Kindern und den drei Betreuern. Ein kleines Stück fuhren wir mit einer Kleinbahn. Es war heiß, kann nicht mehr sagen, ob wir ein Lunchpaket mitbekommen haben, jedenfalls keine Wasserflaschen. Vor großem Durst habe ich Stadtmensch aus eine Kuhtränke Wasser getrunken;). Hoch zum Pfänder ging`s mit dem Sessellift, wo ich und andere Ältere die Kleinen beaufsichtigen mussten, wobei ich selbst auf dem Lift und beim Absteigen ein weinig ängstlich war.
Ob es Mittagsschlaf für uns Älteren gab, weiß ich nicht mehr. Öfters durften wir auf einer angrenzenden Wiese, Spielplatz den Nachmittag verbringen. Wir drei Mädchen 11,12,14 J., nutzten schon mal die Gelegenheit, uns wegzuschleichen und runter zum einzigen Laden zu laufen, um uns von unseren weinigen Groschen Bonbons zu kaufen.
Wir Älteren hatten auch das Privileg, ab und zu abends im Gemeinschaftsraum Spiele zu machen.
Päckchen und Briefe von zu Hause haben wir erhalten und Briefe oder Postkartenhaben wir auch nach Hause geschickt (habe noch welche). Wie gesagt mit 14 hat man die Möglichkeit seine Post selbst in den Briefkasten zu werfen.
Zu meiner Zeit gab es dort zwei nette Betreuerinnen, Christa 20J., Elke 36J. Heimleiter war Georg Danzer ca 46J. auch nett. Dann war ein netter junger Student aus Hamburg? als Praktikant zugegen.
Oberhaupt des Heimes war ein alter gewisser Dr.D. mit militärischem Ton und Auftreten, allzuoft sahen wir ihn nicht. Er bewohnte das anliegende Haus. Wir Großen nahmen ihn nicht ernst, nannten ihn DDD (den doofen Doktor). Wenn der das Kommando in den vielen Jahren davor hatte, möchte nicht wissen, was sich da ereignete.?





Vor ca.8 Jahren habe ich mich beim Gemeindebüro in Heimenkirch erkundigt, war aus dem Heim geworden sei. Die Antwort war, dass es vor einigen Jahren abgerissen wurde und eine Eigenheimsiedlung entstanden sei.

Hier ein link von einem Artikel vom 17.04.2010 in der WAZ:

https://www.waz.de/staedte/bochum/gewalt-im-ferienheim-in-den-50er-jahren-id3476974.html#community-anchor

https://www.waz.de/staedte/bochum/ferienkinder-fahrten-mit-langer-tradition-id3477009.html#community-anchor


Ich war entsetzt, ergriffen, schockiert über die Berichte in diesem Forum und habe ein tiefes Mitgefühl für die Menschen die sowas Grausamens in ihrer Kindheit erleben mussten. Unvorstellbar, unglaublich, widerlich, grausam, menschenunwürdig...ich finde keine Worte.
Mögen Sie alle von diesem Erlebten geheilt, befreit werden mit Gottes Hilfe. Und verzeihen können, denn im Verzeihen liegt die Heilung.

Ein Herz, das nicht verzeihen kann, wird keinen Frieden finden.
Albert Schweitzer

Der, der Böses tut, ist in seiner Seele unglücklicher,
als der, der Böses erleidet.
Leo Tolstoi

Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben.
Lukas 6,37


Allen viel Kraft und Heilung
Esther R.
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ErwinFriedel aus 51491 Overath-Brombach schrieb am 24.11.2020
Ich habe als Kind ( 5 Jahre) nur gute Erfahrungen auf Borkum gemacht. Der Schlafraum war groß, ca 15 Betten. Als ich an Mittelohrentzündung erkrankte, wurde ich auf ein 3er Zimmer verlegt und trotz Heimweh sehr gut betreut. Das Essen war gewöhnungsbedürftig aber ich hatte, wie meine Eltern sagten, mich gut erholt. Die damalige Erziehung kann man mit heutigen Maßstäben nicht vergleichen.
Mein Aufenthalt ein Jahr später in Bad Orb war ähnlich positiv. Bis auf einen Zwischenfall, als mein Tischnachbar sein in den Teller erbrochenes weiter essen mußte.
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Michael Schaefer aus Merdingen schrieb am 22.11.2020
Neunkirchen war das zweite Mal, dass ich "in Erholung kam". Ich war acht, mir waren die Mandeln herausgenommen worden (Erinnerungsbild: örtliche Betäubung durch Spritze in den Rachen, dann schnapp schnapp, und etwas Blutiges kullerte in die blinkende Nierenschale…). Erst wochenlang in einem großen Krankensaal, Heimweh, kaum Besuch. Dann in die „Erholung“, diesmal nach Neunkirchen an der Saar, in das Orthopädie-Sanatorium „Haus Furpach“, betrieben von der Arbeiterwohlfahrt. Auch hier kann ich nicht von Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen berichten; ich habe ziemlich viele präzise Erinnerungen, und es gab, soweit ich weiß, keine krassen Vorfälle. Aber ich hatte eben unglaubliches Heimweh und wusste überhaupt nicht, warum ich da überhaupt hinmusste. Meine Briefe sprechen Bände: "Hier ist es schön. Jetzt dauert es nur noch eine Woche, dann komme ich wieder heim." Der Grund für die Kur war wohl ein medizinischer: dass ich eine Rückgratverkrümmung hatte und man die Heilgymnastik in so einer Kur angebracht fand. Auch dieses Heimweh hat sich mir unauslöschlich eingeprägt. Standard-Aufenthaltsdauer dort war sechs Wochen.
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Michael Schaefer aus Merdingen schrieb am 22.11.2020
Ich war zwei Mal in „Erholung“, wie das in unserer Familie genannt wurde. Einmal im Alter von dreieinhalb Jahren und einmal im Alter von acht Jahren. Das erste Mal war in der „Kinderheilstätte Schloss Friedenweiler“ im Schwarzwald, in der strenges Besuchsverbot galt. Ich hatte zuvor wegen einer schweren Lungenentzündung ein Vierteljahr im Krankenhaus verbringen müssen, wo ebenfalls für die Eltern eine Art Besuchsverbot galt (sie durften mich nur von hinter einer Trennwand sehen). Ich erinnere mich noch gut an die Zugfahrt durch den verschneiten Schwarzwald; meine Mutter begleitete mich, erklärte mir aber nicht, was geschehen würde. Dieser erste Aufenthalt dauerte fast acht Wochen, weil ich kurz vor der Entlassung noch Windpocken bekam. Laut brieflicher Aussage meiner „Tante“ war ich sehr brav – das ist mir vollkommen klar, weil ich überhaupt nicht wusste, wie mir geschieht. Die Trauer darüber ist heute, wo ich selber verheiratet bin und wir drei Kinder großgezogen haben, größer als je zuvor. So, wie es damals dann hieß (als ich wieder zuhause war), ich hätte „nahe ans Wasser gebaut“, so ist es heute wieder: Die Demütigung durch das Verlassen-, das Verratenwerden ist stärker als je. An Gewalterlebnisse erinnere ich mich nicht, aber diese ungeheure Traurigkeit hat mich ein Leben lang heimgesucht: dass man einfach von der Mutter im Stich gelassen wird, verlassen wird, weggegeben, ohne ein Wort der Erklärung, des Mitgefühls… erst als unser drittes Kind aufwuchs und ich mich in ihm spiegelte, konnte ich die Ungeheuerlichkeit solch eines Handelns plötzlich ermessen.
Erst im Zuge einer Psychotherapie entdeckte ich, dass mein Hang zu Traurigkeit, Depression und Melancholie in diesen Erlebnissen begründet lag. Wie man (sicher auch im Gefolge von Nazi-Ideologien wie „ein deutscher Junge weint nicht“ usw.) Kindern massenweise solche seelische Grausamkeit antun konnte, macht mich immer noch fassungslos.
Bemerkenswert ist dabei, dass ich das alles nur deshalb so genau weiß, weil meine Mutter viele Dokumente dazu (Bahnfahrkarten, Briefe, Postkarten, Wäschezettel, Abrechnungen, Infoblätter usw.) aufbewahrt hat. Wenn ich das heute anschaue, schaudert es mich. Ich habe zum Beispiel noch das Original-Infoblatt, das auf das strenge Besuchsverbot hinweist und es „medizinisch begründet“.
Ich finde es großartig, dass Eure Initiative sich dieses Themas annimmt und dass Menschen, die solches erlebt haben, Gehör finden. Danke.
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Rosanna Russo aus Winterthur schrieb am 22.11.2020
Verschickungsheim Lenzerheide Schweiz.
ich war im Kindergarten alter 5-6 Jahre alt als ich ins Kurheim 1970-71 kam. Ich war kränklich und bleich und kleiner und dünner als andere. Bin immer noch dünn und klein. Der Arzt hat meine Eltern empfohlen mich für 3 Monate in die Bergluft zu schicken. Zur Stärkung und für gute Luft. Meine Eltern haben sich überreden lassen und so wurde ich angemeldet. ich kann mich noch an dieses schreckliche Bild auf der Broschüre erinnern. Mit den Frauen die eine Krankenschwestentracht hatten. Ich fragte mich wieso da ich ja nicht krank war ich in ein Krankenhaus muss. Meine Eltern brachten mich mit dem Auto und dann fing der Alptraum an. 3 Monate blieb ich in diesem Martyrium. Es gab 2 Leiterinnen Tante Rosa und Tante Lilli eine war hager und dünn die andere bummeliger. Die hagere war gemein und böse machte die Kinder fertig wo sie nur konnte. Die bummelige etwas lieber aber nur wenig den Sie verteilte auch gerne Ohrfeigen. Nur die jungen Betreuerinnen waren nett. Es war verboten zu weinen vor allem wegen Heimweh das war total VERBOTEN. Man wurde ausgelacht und gedemütigt wenn man deswegen tränen hatte. Ich hatte 3 Monate einen klotz im hals. Wurde eingenässt wurde man im Flur zum Esssaal auf einem Podest gestellt damit man ausgelacht wird. Für jede Kleinigkeit wurde man angeschrien und geohrfeigt. Fertiggemacht Ausgelacht Gedemütigt, Zwangsessen Zwangsschlaf. Ich könnte 100 Dinge erzählen. Gespielt wurde wenig Bestraft viel. Es war schrecklich und ich hatte angst für immer dort zu bleiben. Nie sagten Sie uns wenn wir nachhause gehen. Es musste uns gefallen und fertig. Das essen war echt scheusslich. Wer war auch im Kurheim Lenzerheide und kann Berichten.
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Elke Hoffmann schrieb am 21.11.2020
Vor der Einschulung im April 1958 wurde ich mit 5 Jahren für 6 Wochen nach Bad Karlshafen an der Weser, aus Berlin kommend, verschickt. Aus dieser Zeit habe ich bis auf einen Umstand keine in Erinerung, Ich sehe mich für eine unendlich lange Zeit, einsam und verlassen in einem Bettchen in einem grossen Raum. Nur meinen Teddy hatte man mir gelassen. Hoch fiebernd verbrachte ich eine unbekannte, endlos erscheinende Zeit isoliert, denn ich hatte Scharlach und Windpocken zusammen bekommen. Mein gesundheitlicher Zustand muss derart schwerwiegend gewesen sein, dass Bedenken bestanden, mich am Ende der "Erholung" wieder nach Hause zut ransportieren.
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Ute Seelbach aus Lüdenscheid schrieb am 21.11.2020
Hallo
Ich bin als 5 Jähriges Mädchen mit meiner Schwester für 6 Wochen nach Niendorf an die Ostsee verschickt worden.
Meine Erinnerungn daran, ich konnte aus lauter Heimweh keinen Bissen runter bringen und da wir zum zunehmen verschickt wurden,MUSSTE ich alles Essen, als das im hohen Bogen wieder auf dem Teller landete wurde ich gezwungen es noch mal zu essen. Ich kann mich NICHT erinnern mit meiner Schwester zusammen gewesen zu sein,ausser 1 mal als wir eine Karte für unsere Eltern schreiben wollten, (sie konnte schon schreiben) sie sollte schreiben das sie uns holen sollen,dass wir ganz schrecklich Heimweh hätten,aber diese Karte kam nie an zuhause.
Scheinbar wurden wir dann getrennt.
Das einzige was ich noch weiß ist, mir wurde damals gesagt das meine Schwester krank sei und sie wäre auf der Isoliersstation.
Sie hätte wohl Windpocken gehabt,kann sich aber nicht erinnern ob es der Wahrheit entsprach. Sie kann sich nur erinnern das sie tagelang allein in einem Raum lag,ohne Kontakt zu anderen Kinder. Keine Spielsachen,keine Bücher,nix.
Woran ich mich auch noch erinnern kann,ich sahs am Strand im Sand. Die Kinder bekamen jeder eine Rosinenschnecke und als ich an der Reihe war,sagte man mir" du bekommst nix,wer Mittags sein Essen ausspuckt,der hat auch keinen Hunger.
Ich war froh das ich nicht essen MUSSTE.
Ich seh mich auch noch in einem Raum sitzen mit sehr vielen Schuhen. Es roch nach Wachs und Leder. Ich hab Schuhe geputzt,kann aber nicht mehr sagen ob es meine waren oder alle anderen auch. Es ist ziemlich viel verschwommen in meiner Erinnerung.
Ich leide seit meiner Kindheit an Angstzuständen, Schlafstörungen und seit 2007 an Depressionen und eine Posttraumatische Belastungstörung. Bin seit 3 Jahren in therapeutischer Behandlung und weiß heute das es aus dem Trauma der damaligen Kur liegt. Die damals vom hiesingen Gesundheitsamt angeortnet wurde.
Das sind ein paar Bruchstücke aus meiner Vergangenheit,vielleicht findet sich ja hier noch jemand der 1966 ( muss im Sommer gewesen sein) auch in Niendorf St. Johann an der Ostsee war.
Es grüßt freundlich
Ute Seelbach geb. Kattwinkel
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Martina Vogt aus Rheinfelden schrieb am 20.11.2020
Ich bin 1958 geboren und wurde als 5 jährige von Offenburg aus über die Post , bei der mein Vater arbeitete zusammen mit meinem Bruder, der ein Jahr älter war, nach Füssen ins Berghaus Schangau verschickt. Es war im Winter.
Gleich zu Beginn haben sie uns getrennt, ich erinnere mich an keinerlei Kontakt zu meinem Bruder während des gesamten Aufenthaltes. Eigentlich war uns zugesagt worden, dass wir zusammen bleiben. Meine Eltern wussten nichts von dieser Trennung. Ebenso nahm man mir mein Kuscheltier ab. Ich konnte meinen "Kater Mikesch" immer wieder mal oben auf dem Schrank sitzen sehen. Ich fühlte mich sehr alleine, einsam und verloren.
Wenn es "Schnippelbohnen" zum Mittagessen gab, konnte ich diese nicht essen. Ich wurde aber dazu gezwungen, ich erbrach die für mich so ekligen Bohnen in den Teller zurück und musste das Erbrochene zusammen mit dem Rest im Teller aufessen. Das war noch ekliger und ich erbrach es erneut. Ich wurde gezwungen auch dies zu essen. So saß ich oft bis es dunkel wurde vor meinem Teller, in den ich mich immer wieder erbrach. Es gab sehr oft "Schnippelbohnen", so dass ich die Prozedur von Erbrechen und wieder aufessen mehrmals durchleben musste. Da ich mich auch auf den Boden und über den Tisch erbrach, musste ich auch Tisch und Boden wischen.

Nachts schlief ich sehr unruhig und meine langen Haaren lösten sich aus dem Zopf. Aus diesem Grund wurde ich häufiger auch an den Haaren aus dem Schlafsaal geholt. Die Schwester stellte im kalten Flur 2 Stühle gegeneinander, an denen sie jeweils ein Stuhlbein entfernte, so dass jeder Stuhl nur 3 Beine hatte und sehr kippelig stand. Auf der Liegefläche, die diese beiden Stühle dann bildeten, musste ich jeweils die ganze Nacht ausharren. sobald ich mich rührte, drohte meine "Bett" zu zerbrechen und ich würde abstürzen. Ich hatte immer große Angst.

Ich erinnere mich nur an einen Aufenthalt im Freien bei dem wir in Reihen durch den Schnee und Matsch marschierten. Wir mussten sehr aufpassen, dass unsere Schuhe und Stiefel nicht schmutzig wurden. Ansonsten erinnere ich mich an keinerlei Aktivitäten oder Spiele im Freien.

Einmal mussten alle Kinder in Unterwäsche nacheinander eine gewisse Zeit vor eine Höhesonne stehen und sich bescheinen lassen. Das muss kurz vor unserer Heimreise gewesen sein.
Ich erinnere mich, wie eine Schwester uns Kindern der Reihe nach die Fingernägel schnitt. Ihr Daumen war von dem Einschnitt der engen Nagelschere ganz dunkel angelaufen. Sie muss dabei ziemliche Schmerzen gehabt haben.

Als unsere Eltern uns wieder in Empfang nahmen waren wir sehr blass und mager. Wir sahen sehr krank und mitgenommen aus.
Mein Vater hat sich daraufhin bei der Stelle beschwert, über die die Verschickung organisiert wurde und er meinte, dass das Heim daraufhin geschlossen wurde - die Konzession entzogen bekam oder keine weiteren Verschickungskinder mehr aufnehmen durfte. Leider leben meine Eltern nicht mehr und ich kann sie nicht befragen. Mit meinem Bruder kann ich über diese Zeit im Heim nicht reden. Er will davon nichts mehr wissen und will nicht daran erinnert werden. Auch für ihn war es die schlimmste Zeit seines Lebens.
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Pele001 aus Hagen schrieb am 20.11.2020
Nur zum Abschluss, ich habe spät noch kinderpflegerin gelernt ,konnte den Beruf aber nicht ausüben, da ich nicht mitansehen konnte wie manche Erzieherinnen gearbeitet haben. Ich habe trotzdem mit enormer Kraftanstrengung mein Leben geführt und drei Söhne groß gezogen . Ich bin verheiratet und mein Mann kommt mit mir klar. Leider kam die Depression wieder und diesmal nehme ich Tabletten und versuche wieder in die Bahn zu kommen. Danke das ich all das mal aufschreiben konnte. L. G. Petra
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Pele001 aus Hagen schrieb am 20.11.2020
Ich hab vergessen zu erwähnen, das ich als Jugendliche mehrmals Selbstmordversuche unternommen habe, wenn ich nicht klarkam. Das ich als eigenwilliges und schwer zu beherrschendes kind galtDas ich bei herbstlichen waldgeruch Depressionen bekomme, das ich nie in meinem Leben wieder in eine Kur fahren konnte und selbst im Urlaub Krank werde . Am schlimmsten waren die nicht eingelöstn Versprechen meiner Mutter, sie würde kommen und mich holen. Ich könnte nie wieder in eines dieser Heimen zu einem Treffen, ich kann bis heute nicht darüber sprechen und die Vorstellung dahin zu fahren, löst bei mir panikattacken aus.
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Pele001 aus Hagen schrieb am 20.11.2020
Ich bin schon als Baby das erste Mal wegen spastischer Bronchitis nach Norderney zur Kur gekommen. Meist zweimal im Jahr für 6 aber meistens für 8 Wochen. Das was da passiert ist hat mein Leben stark beeinträchtigt. Ich habe früh gelernt wie man sich da kleinmacht und anpasst ,damit mir die strafen erspart bleiben . Ich war früh trocken, denn das weinen der Kinder die in die Hose gemacht haben hörte man in den nächten. Sie wurden ins gitterbett gelegt und bekamen ab dem Mittag essen nichts mehr zu trinken. Auch ich musste einmal während des Mittagessen auf Toilette groß machen, ich meldete mich aber ich durfte nicht gehen. Ich hielt so stark ein das ich einen wahnsinnig schmerzhaften darmkrampf bekam. Mein ganzer Körper konnte sich nicht mehr bewegen und ich war Schweiß nass. Andere Kinder bemerkten das und darauf hin wurde ich von der Erzieherin immer wieder zur Toilette gebracht. Ich lag bis in der Nacht mit wahnsinnigen Schmerzen im Bett bis der Krampf sich endlich löste. Das Gesicht der Frau die mir das angetan hat, werde ich nie vergessen. Da lernte ich zu hassen. Zu Menschen habe ich nie wirklich freundschaftliche Beziehungen aufbauen können, ein Leben lang fühlte ich mich einsam, obwohl ich in zweiter Ehe verheiratet bin und drei Söhne habe. Vertrauen war und ist mir nicht möglich, anfassen und streicheln kann ich schlecht ertragen. Als Kind hatte ich schon Depressionen, als Jugendliche esstörungen, Magersucht. Um zu sein wie die anderen habe ich,als ich jung war, es eine Zeit mit Drogen versucht ( Kokain zum feiern und Gras um abzuschalten) . Ich habe aber selbst gemerkt das das alles noch schlimmer macht. Ich musste so damit fertig werden. Ich fühle mich nur wie seelisch verkrüppelt und so wird es wohl auch immer bleiben. Schön das man uns endlich anhört. Nie hat man mir geglaubt, bis auf einmal, da habe ich eine ehemalige Erzieherin aus dieser Zeit getroffen, sie sagte sie konnte nicht länger da arbeiten, es war zu grausam.
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Monika Götzinger aus Essen schrieb am 20.11.2020
Ich wurde 1947 geboren. Von 1956 bis 1958 war ich in verschiedenen Heimen. 1956 in Tilburg ( Niederlande), 1957 in Olching bei München und 1958 in Prien am Chiemsee. In Tilburg wurde ich um 18 Uhr ins Bett geschickt, wenn es mir nicht gelang mittags zu schlafen. Als ich dabei entdeckt wurde, dass ich Reisbrei an eine Nachbarin weiter gab, wurde ich in einen Raum eingesperrt und musste ihn dort mit Würgen aufessen. In Olching habe ich auf dem Speicher Stunden lang geweint, weil die Kinder meine Wäsche auf Pfähle gehängt und Wasser in mein Bett geschüttet hatten. Das haben sie wohl getan, weil ich aufgrund einer unglücklichen Kindheit menschenscheu war. Man machte dort auch einen Ausflug zu einem eiskalten reißenden Fluss, der mich bald abgetrieben hätte. Durch die Kälte hatte ich noch danach körperliche Beschwerden. In Prien am Chiemsee wurde ich von der erwachsenen Tochter des Hauses vor allen Kindern als "doofe Nuss" bezeichnet. Nun muss ich noch zu meinem persönlichen Schicksal anmerken, dass meine Mutter mich mehrere Jahre zu ihrer bösen Mutter - in einer anderen Stadt - geschickt hatte, weil sie arbeiten gehen musste. Statt sich mir in den Ferien zu widmen, kam ich in die genannten Heime. Ich fühlte mich also damit auch von ihr abgeschoben.
Ich hoffe einen kleinen Beitrag zu dem Thema "Verschickungskinder " geleistet zu haben und bin auf das Ergebnis der Aktion gespannt.
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Claudia Reichert aus Dresden schrieb am 19.11.2020
Ich war zweieinhalb Jahre alt und wurde in wegen schwerem Asthma für 8 Wochen in die Lungenheilanstalt Harzgerode geschickt. An diesen Kuraufenthalt habe ich meine frühesten Kindheitserinnerungen. Tatsächlich konnte ich vor wenigen Wochen das Kurheim besuchen. Es war lange ein lost place, heute bauen sich junge Leute dort eine Öko-Kommune auf. Ich reagierte auf einen Flurm, auf die Sauna, auf Bilder an den Wänden und die Hausarchitektur. Es war weniger ein bildliches erinnern, mehr ein Gefühl.

Ich erinnere mich bildhaft an Situationen, Menschen, Gefühle.

- Ich stehe gefühlt stundenlang vor dem Indianer-Schrank und schaue mir die kleinen Figuren hinter der Glasscheibe an. Ein anderes Kind packt mich und stößt mich zu Boden, drückt mich in eine Ecke. Ob dies regelmäßig passiert ist oder nur einmal, weiß ich nicht. Ich war kleiner als die meisten Kinder und hatte Angst.

- Ich erinnere mich an hohe Fenster und hohe Türen und an das weiße Gitter vor meinem Bett, an die Schwester mit orangenen Haaren, die mir eine dicke orangene Strumpfhose brachte, wenn ich in die Hosen gemacht habe.

- Ich sehe mich noch in der Sauna stehen und von innen an die Tür klopfen. "Es ist heiß, ich will hier raus". Ich hatte Angst, große Angst. Als ich in diesem Jahr wieder in dieser Sauna stand (bei einer Hausführung) erinnerte ich mich an die Antwort von den Betreuerinnen vor Ort: "Zehn Minuten!" Es war schrecklich und ich wusste nichts mit dieser Sauna anzufangen. Dampfbäder kannte ich, auch die wurden gemacht. Als meine Eltern mit nach vier Wochen einmal besuchen durften, waren meine Hände und Unterarme wegen einer versehentlichen Verbrühung verbunden. Erst mit Ende Zwanzig habe ich mich nocheinmal in eine Sauna getraut, nach langer Überredung meiner Freundinnen.

Sollte noch jemand in Harzgerode gewesen sein, würde ich mich sehr über ein Kommentar oder die Kontaktaufnahme freuen.
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Carmen Panizzi aus Green Valley, Arizona schrieb am 16.11.2020
Ich war im Fruehjahr 1971 als 10-jaehrige im Haus Sonnenhang in Oberstdorf, Allgaeu, zur "Kur." Es war eine absolute traumatische Erfahrung und fuer viele Jahre habe ich sie als "normal" angesehen und mich gefragt, ob ich diese traumatische Erfahrung zu ueberspielt hatte. Aber innerlich habe ich schon immer gespuert, dass es keine "normale" Erfahrung war und hoffte, dass sie vielen Kindern erspart geblieben war. Wie ich nun anhand dieser Website sehe, ist dies leider nicht so gewesen und meine Erfahrungen war auch kein Einzelfall.
Ich kann mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, aber was ich nie habe vergessen koennen war die Angast "nicht genug an Gewicht zuzunehmen, um nach Hause zurueckkehren zu koennen." Diese Furcht wurde uns tagtaeglich bewusst gemacht. Ich habe oftmals vor Furcht soviel gegessen, dass ich mich nachts uebergeben musste und dann versucht habe das Bettzeug zu reinigen und Angst hatte, dass man dies entdeckt. Auch hatten ich so oft Durst und es gab nur Milch, was mich schon immer angekelte. Obwohl ich Geld hatte, um ein anderes Getraenk zu kaufen, wurden uns das nicht gestattet.
Andere Kinder wurden geschlagen oder beschaemt.
Mein einziger Lichtblick war eine junge Amerikanerin, die damals als Praktikantin arbeitete. Sie war unheimlich lieb und hat sich mir angenommen. Das habe ich nie vergessen.
Ueber Jahre hinaus habe ich mit niemandem darueber gesprochen, mich aber so oft gefragt, wie es in einem Land wie Deutschland moeglich war solche Heime ueberhaupt anzubieten.
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Matthias aus Leipzig schrieb am 15.11.2020
1.
Ein so jungen Kind sollte einfach nicht 6 Wochen von den Eltern getrennt sein und dann noch zu Leuten kommen, die sich nicht ernsthaft für Kinder interessieren und sich das leben mit deren militärischen Drill so einfach wie möglich machen wollen.
Ein prägendes Erlebnis:
Ich war da, weil ich Asthma hatte und die salzige Meerluft helfen sollte. Eine Nachts hatte ich einen Astmaanfall, da kam die genervte Nachtaufsichtnach ca. einer halben Stunde und nahm mich wortlos in den "Schwitzkasten" und schleifte mich , nur die Zehenspitzen hatten Fußbodenkontakt,
über den Flur in ein Zimmer dort bekam ich ein Asthmaspray wortlos in den Mund gestopft. Ich hatte panische Angst, da ich weder wusste wer das war, noch was passierte. ich hatte vorher noch nie ein Asthmaspray bekommen und hatte panische Angst, dass ich ersticke. Danach wurde ich auf gleiche Weise zurück geschleift und mit den Worten "So und jetzt ist aber Ruhe" aufs Bett geworfen und wieder allein gelassen.
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Claudia Genings aus Köln schrieb am 15.11.2020
Es war die Hölle - habe nur geweint und sehr starkes Heimweh gehabt. Die Erzieherin hat mich auf 6 Wochen lang auf Flüssigkeitsentzug gesetzt, obwohl ich eigentlich wegen einer Nierenbeckenentzündung nicht eingeschult worden bin und ich ganz viel hätte trinken müssen. Die Gruppenleiterin hat alle Kinder auf mich angesetzt aufzupassen, daß ich nichts trinken soll - habe mich nachts auf die Toilette geschlichen und das Trinken nachgeholt - oft haben mich die Mädchen beim Zähneputzen / Gurgeln verpetzt, nur um bei der Gruppenleiterin zu "punkten" und diese gab mir dann grundlos vor allen anderen Kindern (die dann mich auslachten) eine schallende Ohrfeige. Dann hat die Gruppenleiterin mich fast jede Nacht mit samt meiner Bettdecke auf den langen kalten Korridor gestellt und ich mußt die ganze Nacht dort stehen und habe geweint. Meine Mutter hat mir ein Paket mit Süßigkeiten geschickt und man hat es mir direkt abgenommmen. Ich weis nicht mehr wie dieses Kurheim hieß - habe es nur noch als großes weißes Haus in Errinnerung und ein weißer langer Zaun - weiß vielleicht jemand wie das hieß?
Liebe Grüße
Claudia
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Uschi aus Schwalmtal schrieb am 15.11.2020
Im Januar 1962 wurde ich als 3. Kind geboren. 

Im Mai 1965 verstarb mein Vater nach einem Autounfall. Um meine Mutter zu entlasten wurde ich damals "verschickt".

Es waren schlimme Wochen, aus denen ich einzelne Bilder und Gerüche bis heute im Kopf habe.

Ich musste in einem Gitterbett schlafen, was mir zuhause fremd war und es gab abends regelmäßig Prügel mit den Worten "Kinder die heulen schlafen schneller ein".

Griff diese Maßnahme nicht musste ich entweder alleine im großen Manschaftsbad auf der kalten Holzbank liegen, ohne Decke und Kissen, oder die ganze Nacht schweigend mit anderen Kindern ganz leise rechts die Treppen rauf- und links die Treppen hinuntergehen. Schlafen durfte man nach dieser Prozedur erst wieder in der nächsten Nacht.

Im Speisesaal durfte nicht gesprochen werden. Es musste alles aufgegessen werden, notfalls unter Zwang. Man durfte nicht aufstehen bevor der Teller leer war.
Eingesperrt in einen kleinen Raum wurde ich wenn ich nicht brav war, bis heute bekomme ich Panik wenn z.B. eine Türe in einer öff. Toilette klemmt.
Obwohl ich erst 3 1/2 Jahre alt war, habe ich die Bilder und Gerüche noch im Kopf.

Als ich nach, ich glaube 6 Wochen, wieder zuhause ankam und meine Mutter mich abholte, war sie völlig entsetzt. Ich war total verwahrlost, meine schönen hüftlangen Haare waren so verfilzt das sie abgeschnitten werden mussten und ich war sehr dick geworden.
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Gerlinde aus Verl schrieb am 15.11.2020
Ich war Nummer 55
Angst war das stets vorherrschende Grundgefühl
Ich wurde als 8-Jährige im Oktober 1967 für 6 Wochen in die "Kur" geschickt, auf Empfehlung des Arztes, da ich ständig unter Nebenhöhlenentzündungen litt. Auch hatte ich kurz vorher eine durch Mumps ausgelöste Gehirnhautentzündung hinter mir. Ich vermute, der Arzt wollte meine Mutter entlasten, ich war das 2. von 4 Kindern wir waren alle im Abstand von nicht einmal 2 Jahren zur Welt gekommen. Wie ich aus alten Fotoalben nun entnehmen kann, war mein Vater zur gleichen Zeit wie ich zur Kur und da dachten meine Eltern wohl, es wäre ganz gut, wenn wenigstens ein Kind weniger zuhause zu versorgen ist. Meine jüngste Schwester war damals 4 Jahre alt.
Ich freute mich auf das Meer, denn die Kur sollte auf Amrum sein und ich war schon häufiger mit den Eltern im Urlaub an der See gewesen. Auch waren wir Kinder zu viel Selbständigkeit erzogen worden und kannten Übernachtungen ohne Eltern bei Freunden oder in der Verwandtschaft. Heimweh hatte ich dabei nie. Übernachtungen woanders empfand ich immer als spannendes Abenteuer. Dieses versprach auch ein Abenteuer zu werden. Zur Vorbereitung auf die Reise half ich meiner Mutter beim Kennzeichnen meiner Kleidung und der persönlichen Gegenstände. Heute besitze ich tatsächlich noch Kleiderbügel und das Schuhputzzeug aus der Zeit. Ich war Nummer 55.
Leider weiß ich nicht mehr den Namen des Heims. Ich dachte immer, es hieße „Haus Nebel" aber ich finde bei Internetrecherchen kein solches Haus. Ich habe noch zwei Fotos, einmal im Speisesaal und ein Gruppenfoto draußen. Es könnte die "Kindererholungsstätte Lenzheim" in Wittduen sein.
Schon der erste Tag war ein Schock, dem viele gefühlte unendliche Tage mit fürchterlichem Heimweh folgten.
Ich wurde in einem Zimmer mit 3 weiteren Mädchen untergebracht, die Jüngste war 4 Jahre alt. Wir sollten unsere Betten beziehen. Damals gab es noch keine Spannbettlaken, also kämpften wir mit, für uns, riesigen Bettlaken und dem Bettzeug. Als ich sah, dass die Kleinen das Bett nicht beziehen konnten, half ich ihnen. Alle Betten waren bezogen, so gut, wie es eben kleine Kinder vermochten, als die „Tante" reinkommt. Sie kontrolliert, sieht ein paar Falten auf den Laken und - ich kann es bis heute nicht fassen - reißt alle Laken von den Betten und auch das ganze Bettzeug wieder runter. Es sei nicht ordentlich und wir hätten alles wieder neu zu machen. Schon an diesem ersten Abend weinte ich mich mit Heimweh in den Schlaf. Ich verstand nicht, wie ein Erwachsener so etwas machen konnte.
Weitere Drangsalierungen folgten:
- Zum Frühstück gab es ein Stück Schwarzbrot, Pfefferminztee und unsäglich ekelhafte Milchsuppe mit entweder dicken salzigen Mehlklumpen oder Sago, das so glibberig wie Froscheier in der Suppe schwamm. Schon lange mochte ich keine warme Milch mehr. Also aß ich nur das Stück Schwarzbrot, zeigte auf und bat höflich um ein zweites Brot. Oh nein, wie konnte ich nur. Ich solle die „gute“ Milchsuppe essen. Doch mir kam jedes Mal, wenn ich nur den Löffel zum Mund führte, der Würgereiz. Nach einiger Zeit, alle Kinder waren schon aufgestanden und fertig mit dem Frühstück, saß ich alleine im Speisesaal vor meiner inzwischen erkalteten Milchsuppe. Da kommt die „Tante", setzt sich neben mich, fasst mir in den Nacken, hält meinen Kopf fest und stopft mir in Sekundenschnelle das unsägliche Essen in den Mund, so dass mir nichts anderes übrig bleibt, als zu schlucken. Nachdem der Teller leer war, überkam mich so ein Ekel, dass ich mich umdrehte und mich übergab. Ich bekam einen Lappen musste das Erbrochene aufwischen. Als ich vom Boden wieder hochkam und auf den Tisch blickte, stand erneut ein Teller mit der ekelhaften Pampe vor mir. Das ging so lange, bis ich das Essen bei mir behalten habe. Ab da entwickelte ich für morgens folgende Strategie: Luft anhalten, die Pampe so schnell es geht in mich hineinzwingen und danach ganz lange an dem Schwarzbrot kauen, damit der Geschmack neutralisiert wurde. Noch heute bekomme ich einen Würgereiz, wenn ich an warme Milch denke.
- Vor Heimweh krank, schrieb ich meiner Mutter, sie möge mir meine Babypuppe, die ich innig liebte und immer meine Trösterin war, zu schicken. Die „Tante“ kommt in das Zimmer, sagt: „Hier ist ein Päckchen für dich“, dann reißt sie es auf. Erblickt die Puppe, lacht höhnisch, reißt die Puppe an einem Bein aus dem Päckchen und schmeißt sie mit voller Kraft und verachtendem Blick auf mein Bett. Meine geliebte Puppe… Ich war doch noch ein kleines Mädchen! Ich verstand die Welt nicht mehr. Die mitgeschickten Süßigkeiten wurden von der „Tante“ konfisziert.
- Nach dem Mittagessen gab es immer eine 2-stündige Mittagsruhe, in der wir regungslos in unseren Betten liegen mussten, denn jede Bewegung wurde von den „Tanten“, die draußen im Treppenhaus auf einem Stuhl saßen und Wache hielten, registriert und sanktioniert. Jetzt war es aber so, dass ich meistens nach dem Mittagessen auf die Toilette musste. Selbständig wie ich war und auch selbstverständlich, wie ich fand, stand ich auf und ging zur Toilette. Die wachhabende „Tante“ war gerade in einem anderen Zimmer zur Kontrolle. Auf dem Rückweg von der Toilette in mein Zimmer, fing sie mich jedoch ab und fragte, was ich außerhalb des Bettes gemacht habe. Wahrheitsgemäß antwortete ich ihr. Daraufhin schlug sie mich und verbot mir, jemals wieder in der Mittagspause auf die Toilette zu gehen. Die Folgen waren Dauerverstopfung und ständige Bauchschmerzen während der 6 Wochen.

Überhaupt, nach Hause schreiben ging zwar, allerdings wurden unsere Briefe und Postkarten zensiert. Während der ganzen 6 Wochen überlegte ich krampfhaft, wie ich meiner Mutter mitteilen könnte, dass sie mich abholen soll, überlegte Organisationspläne, wer in der Zeit auf meine Geschwister aufpassen kann und welcher Bus wohl bis an die Küste fährt und mit welchem Schiff meine Mutter mich abholen kommt. Aber ich wusste, eine Nachricht per Brief konnte ich ihr nicht schicken. Denn folgendes Grausame ereignete sich:
Eines Tages kam der Heimleiter, vor dem alle am meisten Angst hatten, in den Speisesaal. Er ging zu einem Mädchen, das ein Jahr älter als ich war und befahl ihr, aufzustehen. Nun stand sie vor ihm, er hatte einen Brief in der Hand und las vor allen im Saal laut vor: „Liebe Eltern, hier ist es ganz schlimm, bitte holt mich ab… Mir geht es schlecht..." Nachdem er den Brief zu Ende gelesen hatte, fragte er sie ob sie das geschrieben habe. Sie bejahte, daraufhin nahm er den Brief und schlug ihr damit mehrmals rechts und links ins Gesicht, dabei schrie er sie schrecklich an, wie sie nur solche Lügen verbreiten könne. Sie musste sich dann hinsetzen und vor allen Kindern einen von ihm diktierten Brief an ihre Eltern schreiben. Natürlich hat kein Kind mehr wahrheitsgemäß an seine Eltern geschrieben.

Mehr Erinnerungen:
- stundenlange Gewaltmärsche durch Heidelandschaften
- die älteren Mädchen mussten den "Tanten" abends die Haare auf Lockenwickler drehen
- Morgengymnastik vor dem Frühstück, wobei die weniger sportlichen Kinder von der „Tante“ gehänselt und ausgelacht wurden
- Die Jungen wurden mehr geschlagen als die Mädchen
- Schuhe putzen und dabei auch die von den „Tanten“ und die schrecklichen schwarzen Reitstiefel von dem Heimleiter, der übrigens immer so rumlief, mit aufgeplusterter Reiterhose und diesen schwarzen Stiefeln
- Verzweifeltes Heimweh
- Fluchtpläne entwickeln, z.B. wie kann ich auf einem der Spaziergänge eine unzensierte Postkarte nach Hause auf den Weg bringen, damit man mich aus dieser Hölle abholt. Entweder einem Spaziergänger, der uns entgegenkommt, unbemerkt zustecken oder - wie bekomme ich sie unbemerkt in einen Briefkasten
- Möglichst nicht auffallen, dann haben mich die „Tanten“ nicht im Blick, ständig wachsam sein, keine Fehler machen, permanentes Angstgefühl

Und die ganze Zeit dieses schreckliche Heimweh und ein Gefühl des Ausgeliefertseins

Meine Eltern erzählten, als die Kinder mit dem Bus zuhause wieder ankamen, seien alle Kinder ihren Eltern weinend in die Arme gefallen. Mein erster Satz zu meiner Mutter war: „Schick bloß Uschi (meine kleine Schwester) niemals dorthin.“ Meine Mutter erzählt auch, dass ich immer wieder gesagt habe, dass ich weglaufen wollte, mich aber das große Wasser (Meer) gehindert habe zu entkommen.
Nach dem Aufenthalt verschlechterten sich meine Schulleistungen. Ich hatte immer schwere Alpträume, bis heute träume ich von Flucht und Angstzuständen.
Lange hatte ich in meiner kindlichen Fantasie die Rache-Vorstellung, als Erwachsene dorthin zu reisen und die „Tanten“ und den Heimleiter zu erschießen. (krass, dass man mit 8 Jahren so etwas denken kann)

Mein Vater hat einmal erzählt, er hätte sich mit anderen Eltern zusammengetan und sie seien gegen das Heim und die Leitung rechtlich vorgegangen. Deshalb hätte das Haus schließen müssen. Da er leider verstorben ist, weiß ich nicht, ob er die Geschichte nur für mich als Trost erzählt hat oder ob es wirklich geschehen ist. Meine Mutter kann sich daran nicht erinnern. Sie weiß nur, dass sie und mein Vater es absolut bereut haben, eines ihrer Kinder dorthin geschickt zu haben.

Jetzt, mit 61 Jahren, im Rahmen einer Psychotherapie und einer langen psychischen Erkrankung, muss ich mich den Erinnerungen und damit verbundenen schmerzlichen Gefühlen stellen. Mir wurde erst im Rahmen der Therapie bewußt, dass ich traumatisiert wurde. Mir wird nun klarer warum ich auf bestimmte Verhaltensweisen von Menschen in manchen Situationen so und nicht anders reagiere, zum Beispiel wenn ich vor Angst erstarre, unsicher werde und sofort in Tränen ausbreche oder nur noch die Flucht ergreifen will.
Es ist gut, dass das Thema der sogenannten "Kindererholungskuren" mehr Aufmerksamtkeit und Aufarbeitung bekommt.
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Oliver aus Düsseldorf schrieb am 15.11.2020
Wir, d.h. ich, fünf Jahre alt mit anderen Kindern, die ich nicht kannte, waren im Winter ca. 1968 zur "Kinderkur" im Klein Walsertal. Ich habe ebenfalls erlebt wie Bettnässer zur Strafe in der nächsten Nacht getrennt von den anderen auf einer harten Holzpritsche schlafen mussten. Dies kam immer wieder vor. Die Betreuerinnen waren äußerst kalt und ruppig zu uns. Kinder wurden z.B. mit kaltem Wasser geduscht, so dass bei vielen Kindern der Kreislauf wegsackte und diese wie auch ich umkippten. Wer beim Essen kleckerte, wurde bestraft, selbst wenn jemand das Essen nicht vertragen hatte, was auch öfters vorkam. Bei mir war es auch so. Als ich also beim Essen wie viele andere Kinder brechen musste, habe ich daher in den Suppenteller erbrochen. Das hat mich aber nicht geschützt. Die Betreuerinnen haben diesen Teller mit Erbrochenem tatsächlich aufgehoben und mir am nächsten Tag im Saal wieder vorgesetzt. Ich musste das essen, etwas anderes gab nicht. Um nicht noch hungrig den Tag verbringen zu müssen, habe ich ein paar Löffel von dem um das Erbrochene herum gegessen. Den Teller mit dem Rest habe ich dann in einem unbeobachteten Moment direkt in die Küche gebracht, ihn gezeigt und dort gesagt, dass ich das nicht mehr essen könne. Etwas anderes habe ich dann aber auch dort nicht mehr bekommen.
Mein Vater hat mich nach der Rückreise vom Bahnhof abgeholt und meine nach seiner Hand greifende Hand zurückgeweisen.
Zu Hause angekommen habe ich aus Angst vor weiterer Bestrafung durch meinen schlagenden Vater nichs davon erzählt.
Erst sehr viel später habe ich mich einmal meiner Mutter anvertraut, die entsetzt war, und damit endlich zuordnen konnte, warum ich und die vielen anderen Kinder in der "Kur" abgenommen hatten anstatt - wie erwartet - zugenommen hatten.
Das Erlebnis in der Kur und das damals vielfach verbreitete Eltern-Kind-Verhältnis ging bei mir mit einem großen Vertrauensverlust in die Umwelt einher. Ich habe mich als Kind lange mit der Frage beschäftigt, warum meine Eltern mich weggeschickt hatten, ohne eine Antwort darauf erhalten zu können.
Ich bin sehr froh und dankbar, das diese dunklen Zeiten der sehr jungen Gesellschaftsgeschichte in Deutschland endlich ans Tageslicht und zur Aufarbeitung kommen.
Danke an die Initiatoren!
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Susanne Brinkmann aus Hiddenhausen schrieb am 14.11.2020
Leider bin auch ich eines dieser Verschickungskinder, die noch heute schlimme Erinnerungen mit sich herumtragen. Erinnerungen, die selbst nach 50 Jahren immer noch präsent sind und die ich hier schildern möchte.
Unsere familiäre Situation war damals folgende: 1969 ließen sich meine Eltern scheiden, meine damals gerade 23-jährige Mutter zog mit mir und meinen beiden Brüdern (wir waren 2, 3 und 5 Jahre alt) in das Haus ihrer Eltern, also meiner Großeltern. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, was ich jedoch nach allen Äußerungen über ihn nie als besonderen Verlust empfunden habe. Er hatte meine Mutter misshandelt und betrogen. Umso unbegreiflicher war es, dass sie von ebendiesem Mann im Jahre 1971 noch ein weiteres Kind bekam. Trotz der Unterstützung meiner Großeltern war meine Mutter in so mancherlei Hinsicht mit uns vier Kindern überfordert, und so war es wohl für sie eine willkommene Möglichkeit, uns jeweils in den Sommerferien in verschiedenen Erholungsheimen unterzubringen. Alljährlich schleppte sie uns zum Bielefelder Gesundheitsamt, wo nach entsprechender Untersuchung unsere angebliche Unterernährung festgestellt wurde. Hiervon konnte in Wahrheit gar keine Rede sein: Essen gab es bei uns immer regelmäßig, meine Oma kochte täglich gut und mehr als reichlich, und selbst Süßkram gab es in Hülle und Fülle. Wir Kinder waren eben von Haus aus sehr schlank, ebenso wie unsere Mutter und unser Erzeuger, und dies hat sich bis heute nicht geändert.


Nun trat ich also 1971 im Alter von vier (!) Jahren zusammen mit meinem damals fünfjährigen Bruder meine erste Reise an: Wir wurden mit einer Begleiterin und weiteren gleichaltrigen Kindern in den Zug gesetzt – das Ziel war ein Kinderkurheim in Bad Sassendorf. Ich erinnere mich, dass ein Großteil der Kinder, ich eingeschlossen, sehr weinten und überhaupt nicht begriffen, was mit uns geschah. Vermutlich aus der situativen Hilflosigkeit heraus versprachen uns unsere Mutter und unsere Großeltern, wenn uns das Heim nicht gefallen sollte, könnten wir sofort wieder nach Hause fahren. An diesen Gedanken klammerten wir uns fest.

In dem Kinderkurheim angekommen, mussten wir uns in einem dunklen Flur jeweils zu zweit in einer Reihe aufstellen. Mit meinem weinenden Bruder an der Hand nutzte ich gleich die Gelegenheit, die anwesende „Tante“ mit dem Versprechen unserer Mutter zu konfrontieren, also jetzt wieder nach Hause fahren zu wollen. Die Frau antwortete in einem sehr rüden Ton, dies sei erst wieder in einigen Wochen möglich, da habe unsere Mutter wohl nicht die Wahrheit gesagt. Für uns beide brach komplett die Welt zusammen, wir hatten ja keine Ahnung, wie lange „einige Wochen“ dauern würden. Auch die Lüge unserer Mutter und unserer Großeltern mussten wir erst mal verarbeiten.
Merkwürdigerweise, aber in Anbetracht der Ereignisse wohl verständlich, habe ich in Bezug auf die folgenden sechs Wochen in diesem Heim ausschließlich negative Erinnerungen. Ein paar dieser Ereignisse haben sich derartig in mein Gehirn eingebrannt, als wären sie erst wenige Jahre her:


Nach jeder kleinen „Unartigkeit“ musste man sich in die nächstbeste Ecke stellen, immer mit dem Gesicht zur Wand. Da es jede Menge zum Teil unsinnige Regeln gab und sich die Schmerzgrenze der Erzieherinnen auf einem sehr niedrigen Niveau befand, habe auch ich häufig gefühlte Stunden in irgendwelchen Ecken verbracht, wo ich über meine Unartigkeit nachdenken sollte. Nach einer gewissen Zeit und einer Entschuldigung für das begangene Vergehen durfte man wieder aus der Ecke herauskommen. Weil ich aber oft nicht wusste, wofür ich mich entschuldigen sollte, konnte solch ein Ecken-Aufenthalt sehr lang werden.


Meine linke Tischnachbarin im Speisesaal erbrach sich oft. Ich erinnere mich nicht an den Grund, vermutlich war sie einfach eine schlechte Esserin. An die Qualität des Essens habe ich kaum Erinnerungen, ich weiß nur, dass es oft pampige Breie gab. Das Mädchen musste aber, wie wir alle, immer die gesamte Portion auf ihrem Teller aufessen. Sie erbrach sich also, entweder direkt auf ihrem Teller oder unter dem Tisch, denn aufstehen durften wir nicht. Nun gab es für sie zwei Möglichkeiten: War das Erbrochene auf dem Teller gelandet, musste sie dieses aufessen. Immer wieder, auch bei mehrfachem Erbrechen, bis der Teller leer war. Hatte sie sich für die Variante unter dem Tisch entschieden, wurden ihr Eimer und Lappen hingeknallt, womit sie das Erbrochene zu entfernen hatte. Das Ganze immer unter lautem Gezeter und Geschimpfe, das ich wohl nie vergessen werde. Da die Tischordnung während der gesamten 6 Wochen nicht geändert wurde, bekam ich dieses schreckliche Schauspiel fast täglich vorgesetzt.


Nun zu einer vollkommen sinnfreien, folgenschweren und für mich am wenigsten nachvollziehbaren Regel: Nach dem Abendessen durften wir nur noch in dem kurzen Zeitraum bis zum Schlafengehen die Toiletten aufsuchen. Sobald wir in den Betten lagen, waren diese für uns Kinder Tabu. Die Flure wurden gut bewacht, und wenn wir in unserer Not trotzdem losschlichen, wurden wir fast immer erwischt. Obligatorische Strafe: In einer Flur-Ecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand, barfuß und im Schlafanzug oder Nachthemd. Es war kalt, Urin und andere Extremente liefen uns die Beine herunter. Alle vier Ecken waren immer „belegt“. Bevor wir gefühlte Stunden später wieder ins Bett durften, mussten wir unseren „Dreck wegmachen“. Um dieses unwürdige Prozedere zu umgehen, kamen besonders findige Kinder bald auf die Idee, unter den Betten von jeweils anderen Kindern, die gerade in den Flur-Ecken standen oder bereits schliefen, ihre Geschäfte zu verrichten. Morgens nach dem Wecken musste dann jeder von uns auf allen vieren unter seinem eigenen Bett die Hinterlassenschaften eines anderen Kindes beseitigen. Der Gestank in unserem Schlafsaal war unerträglich. Ich selbst gehörte zu den „Eckenstehern“, und diese häufigen nächtlichen Episoden sorgten bei mir für eine dicke fiebrige Erkältung. Ich musste in der Krankenstation behandelt werden und hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen meinem Bruder gegenüber, den ich nun allein lassen musste. Wie lange, weiß ich nicht mehr. Nach diesem „gelungenen“ Kuraufenthalt kam ich als regelmäße Bettnässerin wieder nach Hause. Meine Mutter zeterte und verstand die Welt nicht mehr, und ich schämte mich in Grund und Boden.


Dies sind so ziemlich meine frühesten Kindheits-Erinnerungen, was mich noch heute sehr traurig macht. Meinem Bruder geht es ähnlich, wir haben oft darüber geredet und tun es manchmal noch heute. Ich glaube, für ihn war das alles noch viel schlimmer. Er war sehr schüchtern und introvertiert, ich eigentlich das Gegenteil – aufgeschlossen und verspielt. Obwohl er der Ältere war, habe ich damals auf ihn „aufgepasst“. Nach unserer Heimreise erzählten uns unsere Mutter und die Großeltern, sie hätten sich bei ihrem einzigen Besuch nicht zu erkennen geben dürfen, sich also am Heimgelände hinter Büschen versteckt und uns beobachtet. Ich hätte mit anderen Kindern gespielt, wäre aber zwischendurch immer wieder zu einer Bank gelaufen, auf der mein Bruder traurig und untätig herumgesessen habe. Ich hätte mich dann neben ihn gesetzt, ihn umarmt und sei dann wieder kurze Zeit spielen gegangen, um dann wieder nach meinem traurigen Bruder zu schauen.


Dies alles ist ja jetzt viele Jahr her, heute einigermaßen gedanklich sortiert und verarbeitet, aber eben nicht vergessen. Damals waren wir jedoch traumatisiert, was meine Mutter aber nicht davon abhalten konnte, uns weiterhin alljährlich in weitere Kurheime oder später in Ferienlager zu verschicken. Glücklicherweise ist es mir in den Folgejahren nie wieder so ergangen wie in Bad Sassendorf. Im Gegenteil: In allen darauffolgenden Heimen und Lagern habe ich mich sehr wohl gefühlt. Aus diesen Erfahrungen heraus nehme ich an, dass in den 70er Jahren nicht mehr in allen Kinderkurheimen das autoritäre Zepter geschwungen wurde. Umso schlimmer für diejenigen Kinder, die das Pech hatten, in einem dieser entsetzlichen Häuser gelandet zu sein, um dort ihre Ferien zu verbringen, auf die sich doch eigentlich jedes Kind sehr freut.


Dass dieses Thema endlich hier und in den Medien zur Sprache kommt und Betroffenen die Möglichkeit zur Aufarbeitung sowie zum Erfahrungsaustausch gegeben wird, ist sicher eine gute Sache. Mir selbst hat es jedenfalls gutgetan, meine Erlebnisse hier einmal zu schildern.
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Dana aus Märkisch Oderland schrieb am 14.11.2020
Ich war 6 Jahre alt und sollte kurz vor der Schule noch zur Kur, weil ich so klein und dünn war.
Ich musste stundenlang sitzen, wenn ich die Graupensuppe nicht gegessen habe. Die Graupen piekten immer in meinem Hals. Kann mich an zweimal erinnern... Esse bis heute keine Graupensuppe!!!
Desweiteren wurden auch hier Kinder beim Schlafen angebrüllt und geschlagen. Einmal habe ich Geräusche gemacht und das Kind neben mir wurde dafür bestraft. Das tut mir noch heute sehr leid!
Es war ein riesiger Schlafsaal unter dem Dach einer alten Villa.
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Stefanie aus Bad Fallingbostel schrieb am 13.11.2020
Im Rahmen der Caritas wurden meine Schwester und ich im Jahr 1970 nach Dannenberg in ein Erholungsheim geschickt.
Meine Eltern taten dies mit guter Intention, sie wussten nicht, dass wir dort schlimmes erleben würden - Telefonieren oder Briefe schreiben wurde uns ja dort untersagt.
Von Strafen, die einer Isolationshaft glichen, nachts nicht zur Toilette dürfen, Essen bis zum Erbrechen war alles dabei. Ich kann hier gar nicht alles aufzählen.
Als unsere Eltern uns abholten, sagte meine Schwester, sie war vier Jahre alt, kein einziges Wort. Erst als wir außer Sichtweite des Donnersbergs waren, platzte alles aus mir heraus - Mein Vater war außer sich. Er wollte sofort umdrehen, um die Verantwortlichen zur Rede zu stellen. Ich bat ihn weiterzufahren, da wir auf keinen Fall mehr dorthin zurückkehren wollten.
Meiner Schwester ging es nach diesem Aufenthalt nicht gut, sie kaute an ihren Fingernägeln und versteckte sich, sobald unsere Mutter ein lautes Wort einlegte.

Es war ein unvergessliches Erlebnis - im negativen Sinne.
Es würde mich freuen, wenn sich noch andere Betroffene melden würden, die auch an diesem Ort waren. Und sie gibt es mit Sicherheit, wir waren nicht allein....
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Kristine schrieb am 12.11.2020
Ich bin insgesamt drei mal verschickt worden. Das erste Mal mit etwa ein bis anderthalb Jahren. Ich konnte schon laufen und sprechen. Das Heim war irgend wo im Schwarzwald. Meine Mutter erzaehlte mir im Erwachsenenalter, dass ich mit schweren psychischen Schaeden zurueck kam. Unter anderem hatte ich mich geweigert, zu sprechen. Meine Mutter hatte mich erst in einem Heim abgegeben, aus dem ich abgehauen bin. Nachdem mich ein Suchtrupp fand, suchte sie ein anderes Heim fuer mich. Dieses Heim war wohl privat und nahm nur ein paar Kinder zur gleichen Zeit. Der Schaden lag warscheinlich in der Trennung vom Eltenhaus ueber einen langen Zeitraum. Mir ist ueberliefert worden, dass ich nach Ende des Aufenthalts zurueck zu "Tante Hilde" wollte, die ich fuer meine Mutter hielt.
Das zweite Mal war ich mit etwa 3 oder 4 Jahren in Obersdorf im Allgau (sorry, meine Tastatur hat keine Umlaute). Ich kann mich nur daran erinnern, dass jeden Mittag auf einer Terrasse geschlafen wurde und wir die meiste Zeit mit Wandern verbrachten.
An das dritte Mal kann ich mich besser erinnern. Ich muss etwa 6 Jahre alt gewesen sein. Diesmal kam meine juengere Schwester mit. Wir waren im Kinderheim Johnen in Bonndorf im Schwarzwald. Das Heim wurde von einem Ehepaar geleitet, dass einen Dackel namens Moritz hatte. Die Betreuerinnen waren junge Frauen. Bei der Ankunft wurden meine Schwester und ich getrennt.
Alle Kinder wurden zum Essen gezwungen. Es gab oft Milchsuppe oder Brotsuppe als Vorspeise. Abends gab es belegte Brote und Fruechtetee. Ein mal pro Woche kam ein Arzt, der alle Kinder wog. Wer nicht zugenommen hatte, bekam eine Medizin verschrieben, die taeglich zu einer Mahlzeit eingenommen werden musste. Zum Essen wurde man gezwungen. Ein Maedchen musste sich uebergeben und wurde zur Strafe mindestens 1 Tag lang eingesperrt.
Mittagsschlaf wurde exzessiv gehalten. Ich glaube, es waren 2 Stunden, es koennte aber auch 1 Std. gewesen sein. Eine Betreuerin, die von den Kindern Leuchtturm genannt wurde, passte auf, dass niemand den Schlafsaal verliess, auch nicht, um aufs Klo zu gehen. Ein kleines Kind hat regelmaessig eingenaesst und eingekotet.
Die meiste Zeit haben wir mit Wandern verbracht. Ich erinnere mich, dass die Jungen im Wald eine Huette aus Tannenzweigen bauten. Diese Huette war eines Tages beschaedigt und man munkelte, dass die Kinder vom benachbarten Kinderheim Luginsland dahinter steckten.
Wenn es regnete, wurden wir drin beschaeftigt. Uns wurden bei der Gelegenheit Briefe nach Hause diktiert oder Geschriebenes zensiert.
Eine Freundin, die in der Nachbarschaft lebte, war zu einer anderen Zeit auch im Kinderheim Johnen. Wir koennen uns beide an ein Kind namens Martina Schleifer erinnen. Sie war wohl oefters dort und hatte einen besseren Stand bei den Betreuerinnen.
Pakete von zuhause wurden geoeffnet und der Inhalt an alle Kinder verteilt.
Ich kann mich auch erinnern, dass wir und oefters in Reih und Glied aufstellen mussten, wenn es nach draussen ging. Das koennte aber auch der Sicherheit gedient haben, und um einen besseren Ueberblick ueber die Gruppe zu haben. Ich kann mich an zwei eher nette Betraueerinnen erinnern, die sich ab und zu mit mir unterhielten. Die eine fragte mich, ob ich einen Fuss mit 4 oder 5 Zehen interessanter finde. Als ich darauf keine Antwort wusste, teilte sie mir mit, dass der anderen ein Zeh fehlte.
Soweit ich weiss, wurden die Heimaufenthalte von der DAK finanziert oder bezuschusst.
Ein Freund aus der Nachbarschaft, der an Neurodermitis litt, wurde mindestens ein mal an die Nordsee verschickt. An seinen Erfahrungsbericht, oder ob wir ueberhaupt darueber gesprochen haben, kann ich mich nicht erinnern.
Eine andere Freundin aus dem Ruhrgebiet wurde an die Nordsee verschickt. Sie war zu der Zeit wahrscheinlich aelter und hat wohl eher gute Erfahrungen gemacht.
Ich kann mich nicht erinnern, koerperlich mishandelt worden zu sein, bis auf das erzwungene Essen und die Medizin zum dick werden. Die Misshandlung war wohl eher psychischer Natur und in der langen (6 woechigen ?) Trennung vom Elternhaus begruendet.
Ich habe bis heute ein gestoertes Verhaeltnis zum Essen in dem Sinn, dass ich mich nur schlecht beherrschen kann. Ich habe es aber immer geschafft, durch staendige Diaeten ein halbwegs normales Gewicht zu halten.
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Dagmar Dechant aus Nürnberg schrieb am 12.11.2020
Habe gerade den Bericht von Y-Kollektiv darüber gesehen. Ich war wohl auch irgendwo von Fürth aus in so einem Heim. An Jungs kann ich mich gar nicht erinnern, waren wahrscheinlich nur Mädchen. Das Heim war ländlich gelegen mit ner Wiese herum. Erst war ich in einem 4er Zimmer. Dort hat es mir gefallen, ich war glaube ich die Jüngste. Denke ich war so 7 oder 8. Dann musste ich in ein 2er Zimmer ziehen weil da ein Mädchen Heimweh oder was auch immer hatte. Die war einiges älter als ich . Wahrscheinlich wurde ich ausgesucht weil ich ruhig und schüchtern war. Ab der Zeit hat es mir nicht mehr so gut gefallen. Ich kann mich nur noch an so einen ekeligen Hagebuttentee erinnern. Seit der Zeit kann ich so was nicht mehr trinken. Mehr weiß ich nicht und meine Eltern sind schon verstorben. Ich bin 1965 geboren
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Cordula Tägder aus Pritzwalk schrieb am 12.11.2020
Hallo
Ich bin heute durch Zufall auf den Begriff " Verschickungskinder " gestoßen und meine verborgenen Erinnerungen sind aufeinmal da.
Ich kann es garnicht glauben das es sooo vielen Menschen ebenso erging.
Ich wurde zur Kur geschickt weil wir fünf Kinder waren und kaum die Möglichkeit hatten gemeinsam Urlaub zu machen
Vor etwa 10 Jahren war ich noch einmal da um es mir mal anzuschauen und hatte dort ein ganz komisches Gefühl und wollte einfach nur weg aber mir fiel sofort der Name von der " Bösen" Erzieherin ein
Frau Schwaabe
Und heute kommen auch die Schandtaten von dieser Frau zum vorscheinen
Eiskalt duschen
Aufessen bis zum erbrechen
Anschreien bei Heimweh
Bloßstellen vor allen Kindern
Beim Mittagsschlaf sich nicht bewegen
Usw
Zum Glück hatte ich mir nach der zweiten Woche den Fuß aufgeschnitten und musste ( durtfe) für die nächsten zwei Wochen ins Krankenhaus welches sich meiner Erinnerung auch auf dem Gelände befand
Dort war es sehr schön die Krankenschwestern waren so lieb
Naja den Rest habe ich dann irgendwie überstanden
Ich habe noch ein Gruppenbild von dieser Zeit und da ist ein Mädchen mit drauf das so mutig war und sich von allen vier Mädels den Käse den keiner mochte aufs Brot legte und zur Toilette gelaufen war
Nur die " Böse" ist hinterher und das arme Mädchen musste dann das Brot vor uns allen essen
Einfach nur schlimm
Vielleicht meldet sich ja jemand der auch zu dieser Zeit da war
Mit lieben Grüßen Cordula
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Bea aus Berlin schrieb am 11.11.2020
Per Zufall bin ich auf diese Seite gestoßen. Eigentlich habe ich überhaupt keine Erinnerungen mehr an das Kindererholungsheim, außer dass ich „gedrillt“ nach Hause kam. Meine Mutter sagte immer, sobald sie nur sagte es ginge nach draußen, stand ich innerhalb von Sekunden fix und fertig angezogen in der Tür. Ich vermute ich habe all die schrecklichen Erfahrungen schlichtweg verdrängt. Ich war immer ein sehr sensibles Kind und habe mir schon immer einen Selbstschutz aufgebaut.
Jetzt nach etlichen Jahren und vielen anderen Herausforderungen ( u.a. über 15 Jahre Versorgung/Pflege beider Elternteile) habe ich gesundheitliche Einschränkungen, hatte einen Burnout, krampfe nachts etc. . Viele Leute in meinem Umfeld sagen mir immer , ich sollte doch zur Kur fahren. Doch sobald ich mit diesen Äußerungen konfrontiert werde, sträuben sich mir - auch schon früher - die Nackenhaare. Ich vermute stark, dass sich tief im Unterbewusstsein diese Aversion aufgebaut hat ( genauso habe ich Ängste vor Krankenhäusern - ich habe mit 5 Jahren meinen Blinddarm entfernt bekommen und kann mich auch hier nur noch vage erinnern, dass meine Eltern nur durch einen Scheibe an der Tür gucken durften und ich mächtig Heimweh hatte).
Auf jeden Fall versuche ich nun schon seit geraumer Zeit eine Art von Vergangenheitsbewältigung und suche nach Antworten, was mich bewogen hat zu „vergessen“.
Vielleicht finde ich hier noch mehr Infos zum Kurheim Quisisana, um einen Teil meiner Kindheit und meiner Ängste zu verstehen.

Euch/Ihnen allen wünsche ich alles Liebe
Gruß Bea
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Cathérine Glimm aus Neu Darchau schrieb am 10.11.2020
Nur der Vollständigkeit halber melde ich mich zu Wort. Denn ich habe nichts anderes erlebt als ihr alle. Ich war zur Verschickung auf Amrum. In Wittdün Haus Sonnenschein (so meine starke Vermutung). Ich habe ein genaues Bild von Haus und Umgebung vor mir. Ich kann mich sogar genau erinnern, welchen von meiner Mutter selbstgestrickten Pullover, welche Hose und welchen neuen Anorak ich anhatte. Aber mein Alter weiß ich nicht mehr genau. Zwischen 8 und 10 in jedem Fall. 1962/ 64. Jahre später habe ich Freunden von der Behandlung dort erzählt, glauben konnte es keiner so recht. Auch ich war zu dünn und sollte gemästet werden. Durch 2 Teller Milchsuppe mit Graupen morgens, Nachschlag beim Mittagessen und durch eine merkwürdige Maßnahme am Vormittag. Wir dünnen Kinder wurden bäuchlings ins warme Wannenbad gelegt und mussten dort eine Zeit verbringen (ich habe die Prozedur als stundenlang im Gefühl, war aber bestimmt nicht so lange). Und ich kann mich an einen kleiner schmächtigen Jungen erinnern, der alles schreckliche abbekommen hat. Das Erbrochene essen, im Speisesaal sitzen bleiben bis der Teller leer ist und sich Drohungen anhören musste. Obwohl ich im Unglück noch ein wenig Glück hatte, so hat sich mir dieser Junge ins Gedächtnis gebrannt. Heute würde man "Opfer" sagen. Auch ich habe ein Päckchen von zu hause bekommen. Zuckerschlangen mit Fingerringen
draufgesteckt. Das Kind der Erzieherin (oder vllt. war es auch die Heimleiterin, in jedem Fall beste "BDM Manier") aber hatte die Finger voller Ringe. Wir bekamen keine. Immerhin wurde die Süßigkeit an uns verteilt. An lange Schlangen vor dem Klo egal wie nötig man musste und an Kinder in Unterhosen vor der Arzt Tür kann ich mich erinnern und an Kinder in Unterhosen die um die Höhensonne liefen. Und an eine Woche, in der es nur rote Beete gab. Alle mochten die nicht, alle haben gespuckt. Ich habe erst wieder im Erwachsenenalter rote Beete essen  können, so lange war das nicht möglich. Ich kann mich an das Gefühl erinnern, dass einem ewig schlecht war und man immer zu viel im Bauch hatte. Kein Wunder, musste man doch diese Mengen essen. Hat übrigens nichts gebracht. Die paar Pfunde waren schnell wieder weg. Ich bin nicht so sehr gequält worden, musste nicht immer 2 Teller verhasste Milchsuppe essen und wurde auch mal gelobt, wenn ich mehr als sonst gesessen habe. Und ich kann mich an diese wunderschöne Landschaft erinnern, wir waren ja viel draußen. Aber letztendlich war das eine unvorstellbare Zeit. Und Amrum wird bis zu meinem Lebensende mit den 6 Wochen Verschickung zusammengehören. Keiner, der das nicht selbst erlebt hat kann es sich vorstellen.
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Beate schrieb am 09.11.2020
6 Wochen war ich hier. Für mich waren es zu viele Kinder, ich war 8. Aber es gab kleine Gruppen und unsere Tante war nett und jung. Das Schlimmste war, das ich mich nicht von meinen Eltern verabschieden durfte. Sie wurden einfach weg geschickt, während ich nur meine Tasche weg bringen sollte. Schlimm war auch, mit an zu sehen, wie der 2 jährige Peer mittags beim Windelwechseln verhauen wurde, weil er nicht trocken wurde. Seine Mutter wollte ihn angeblich nicht, weil er Asthma hatte -so wie ich. Im Speisesaal musste ein Mädchen ihr Erbrochenes aufessen.
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Manuela Lächele aus Wegberg schrieb am 08.11.2020
Ich war dort 6 Wochen. Ich habe das Kinderheim nicht ein einziges Mal verlassen dürfen, an den Tagen, an denen die Kinder meiner Altersgruppe raus durften, musste ich in die Schule. Pakete und Briefe meiner Eltern bekam ich nicht ausgehändigt, mir wurde immer wieder erzählt, dass meine Eltern mich belogen hätten und ich nun eben im Kinderheim gelandet sei. Ich wurde regelrecht bis zum Erbrechen gemästet und sass so manche Nacht mit meiner bekotzten Bettwäsche nackt in einer Badewanne mit eiskaltem Wasser (und es war Winter). Als 6 jährige konnte ich meine langen, lockigen Haare nicht selber kämmen, so wurden sie mir "gekämmt", ganze Büschel habe ich dabei verloren und mich fortan nicht mehr in der "ich kann mir selbst die Haare nicht kämmen"-Schlange angestellt. (Später zu Hause mussten meine Haare ganz kurz geschnitten werden, um die eitrigen Wunden der Kopfhaut versorgen zu können).
Ich weiß nicht, ob die Betreuer dort wussten, dass meine Eltern mir die Geburt meines Bruders Mitte Dezember 1965 bewusst verschwiegen hatten, weil bei den 3 vorangegangenen Fehlgeburten hatte ich mich immer so sehr auf ein Geschwisterkind gefreut und war jedesmal Wochenlang tottraurig, wenn meine Mutter ohne ein Baby nach Hause kam. 1965 entschieden sich meine Eltern, mir die Schwangerschaft quasi zu verheimlichen, damit ich nicht wieder so traurig wäre. Dieses Mal überlebte mein Bruder, kaum war er eingezogen, musste ich auf diese Insel. Alle Versprechen wurden vermeintlich gebrochen. Ich habe bei meiner Rückkehr lange nicht gesprochen und ich hasste meinen Bruder. Vielleicht war es nur ein Zufall, lange konnte ich nicht glauben, dass die Betreuer das wussten und es bewusst einsetzten. Aber nach den Erzählungen hier, bin ich nicht mehr sicher. "Natürlich" wurden fast täglich Ohrfeigen verteilt, mit nassen Tüchern geschlagen, man wurde angebrüllt, musste stundenlang ruhig auf einem Holzstuhl beinahe nackt sitzen ... oh Mann ... ich hab so viel davon verdrängt ...
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Cristina Ahnert aus 21272 Sahrendorf schrieb am 07.11.2020
Als ich 5 Jahre alt war, wurde ich von Schleswig-Holstein in den Taunus verschickt um dicker zu werden. Ich verbrachte dort 6 Wochen und meinen sechsten Geburtstag, der eher so etwas wie ein Todestag war. Als ich heimkehrte, hatte sich mein Leben grundlegend verändert. Nach 49 Jahren kann ich endlich "NEIN" sagen. Mein Buch ist am 02.11.2020 erschienen. Ich lasse das Leben, das ich mir nicht aussuchen konnte los und möchte damit allen Hoffnung machen, die den Glauben daran, dass das wirklich geht, verloren haben. Diesen Schritt gehen zu können, war ein langer Prozess. Ich möchte all denjenigen danken, die hier ihr Zeugnis abgelegt haben. Sie haben mir geholfen, dorthin zu schauen, wo es wirklich weh tat. Licht ins Dunkel, das Dunkle ans Licht.
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Frank Dittrich aus Neumünster schrieb am 07.11.2020
Hallo ?an alle die das lesen oder vielleicht auch so etwas erfahren haben wie ich. Meine Kur fand im Kinderkurheim Mühle Weiden statt. Ich war zu dünn und sollte an Gewicht zunehmen. Leider habe ich keine guten Erinnerungen an diesen Aufenthalt. Es war wie ein Gefängnis wo es kein entkommen gab.Weit weg von zu Hause ohne Mama und Papa. Die Betreuer waren meist aus meinen Kinder Augen betrachtet teils Monster.Das Essen war das schlimmste. Man sollte ja zunehmen.Logisch.Man aß an Tafeln wie ein großes Viereck aufgebaut. Das Essen wurde hingeschmissen und man wurde aufgefordert zu essen. Es wird alles gegessen sagte die Betreuerin !! Wieso ist das nicht alles aufgegessen!!Du sollst essen sagte ich!Noch heute wenn ich das hier schreibe kommen mit dir Tränen. Es gab kein Entkommen.Die Tage vergingen nicht .Ich hatte nicht aufgegessen. Ich hatte" Einzelhaft" .Ein Zimmer mit Bettchen. .Nachts stellte ich mich auf mein Bettchen und schaute aus dem Fenster den Lichtern der Autos hinterher.Jeden Abend.Alle anderen Kinder schliefen zusammen in einen Saal. Wir hatten da auch Fashing .Davon gibt es Bilder wo mein gezwungenes Lächeln festgebrannt ist. Ich bin nicht dicker geworden ,hatte Flöhe in den Haaren und war froh als ich nach Hause kam. Bis heute habe ich nicht darüber gesprochen nur hier und jetzt schreibe ich es einfach auf. Es war das schlimmste was ich je erleben musste. Die Hölle und ich würde niemals dahin zurück gehen ,nicht mal jetzt .Danke fürs Lesen.

LG Frank Dittrich
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Friederike schrieb am 06.11.2020
Nun habe ich alle Seiten durchgescrollt und nur zwei sehr indifferente Beiträge über "mein" Kurheim gefunden.
Nach allem, was ich gelesen habe und was mich erschüttert hat, komme ich zu der Erkenntnis, dass ich es wohl "gut" getroffen hatte...

Mit sechs Jahren war ich dort, in Ühlingen in einem wohl eher kleinen privaten "Kindersanatorium", "feierte" meinen siebten Geburtstag im Schwarzwald ( - selbstverständlich wurden die Katzenzungen aus dem Päckchen an alle Kinder verteilt) und kam durchängstigt wieder nach Haus.

In erster Linie hatte ich Angst vor den vielen anderen Kindern, die sich oftmals deutlich besser durchsetzen konnten als ich. Die mich teilweise schlugen ohne ersichtlichen Grund. Zum Beispiel, wenn ich abends bereits im Bett lag - von hinten auf den Hinterkopf.

Angst vor allem Fremden: Fremden Feier-Sitten (Fasching mit dem senfgefüllten Berliner), fremde Speisen (Milchnudeln), die für mich als Norddeutsche so fremde Sprache im Schwarzwald.
Angst, etwas falsch zu machen, die Regeln aus Unkenntnis nicht zu befolgen.

Eingeengt durch feste Abläufe (Liegekuren, Haltungsturnen, Fußgymnastik, ärztliche Untersuchungen, Mittagsruhen, reglementierte Ausflüge) und ohne den mütterlichen oder väterlichen Schutz.

Ganz ohne Zeitgefühl. Für immer?!
Die Hoffnung verloren.

Wie gern wäre ich bei den "Großen" mit in der Schulklasse gewesen, das hätte Abwechslung und Struktur gegeben...keine Ahnung, warum man mich nicht beschulte, obwohl ich doch schon eine stolze und leistungsfreudige Erstklässlerin war.

Mir hat das Trauma des sechs Wochen lang "Allein-gelassen-Werdens" ausgereicht. Wie ginge es mir heute, wenn ich auch all die anderen Sachen erlebt hätte?
Ihr alle habt mein größtes Mitgefühl!

Meine Mutter habe ich nach sechs Wochen - sie holte mich ab - nicht mehr erkannt. Ich war sieben.

Zitat Werbeschrift:
"Aufnahme finden Kinder vom Säuglingsalter (!) bis zu 14 Jahren, Knaben nicht über 13 Jahre"


Täglicher Pensionssatz: 17,00 DM plus 10% Bedienung
Ärztliche Überwachung: 49,00 DM / Woche pauschal
Aufnahme- und Schlussuntersuchung: je 20,00 DM
Wäsche: 10,50 DM / Woche (Kleinkinder evtl. mehr)
Heizungszuschlag: 0,50 - 1,00 DM / Tag
Versicherungen: 1,50 DM einmalig
Beschulung: 45,00 DM / Monat

Kurz nach dem "Kuraufenthalt" bekam ich ein schwere Bronchitis.
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Bettina Brendel-Sonnenrein aus Bad Sachsa schrieb am 05.11.2020
Ich war 1976 zum Abnehmen für 6 Wochen zur Kur in Bad Sachsa (Harz). Im Sommer wurde ich 15 Jahre alt, meine 10-jährige Cousine war zeitgleich dort. Weil ich die Älteste war, traute man sich nicht mehr, mich zu drangsalieren, habe aber viel miterlebt. Es handelte sich um das "Kinderkrankenhaus im Borntal" in Bad Sachsa. Es bestand aus mehreren Holzhäusern in einer bergigen Wald- und Wiesenlandschaft. Wir waren zunächst in 10-Bett Schlafsälen untergebracht. Ich bekam später das Privileg eines Zweierzimmers. Kinder waren zum Abnehmen, Zunehmen und zur Erholung zusammengewürfelt. Jeder musste täglich seinen Stuhlgang den Diakonissen vorzeigen. Es wurde Strichliste geführt. Konnte ein Kind mal nicht, bekam es ein widerliches, schwarzes Granulat (ich glaube Faulbaumrinde o.ä.) verabreicht. Nicht wenige Kinder übergaben sich am Tisch danach und wurden von den alten Diakonissen gezwungen, ihr Erbrochenes aufzuessen. Allen Anderen wurde beim Zusehen auch ganz schlecht. Für die Kinder, die abnehmen sollten, gab es 600-700 Kalorien am Tag, bestehend aus 1 Apfel, 1 trockenen Scheibe Schwarzbrot und 1 kleinen Becher Magerjoghurt. Jeden Tag das Gleiche zum Frühstück und Abendbrot. Wir hatten ständig Hunger. Nach jeder Mahlzeit mussten wir uns das karge Mahl gleich wieder abtrainierenund eine halbe Stunde joggen im Gelände. Tagsüber hockten wir auf einem Rasenplatz mit Bänken , von Erzieherinnen beaufsichtigt und langweilten uns. Nur selten gingen wir spazieren und kamen aus dem Gelände heraus. Eines Tages kam ein neues Kind. Die Diakonissen erzählten uns, sie sei aus Berlin und unehelich. Diese Mädchen hatte stressbedingten, kreisrunden Haarausfall. Ich erlebte, dass die Diakonissen sie besonders gerne quälten. Sie musste stundenlang auf der Toilette ausharren, weil sie keinen Stuhlgang hatte. Sie sollte solange dort sitzenbleiben, bis es klappte. Das Kind weinte fürchterlich. Wenn wir nicht parierten, drohte man uns damit, es unseren Eltern zu sagen. Dann müssten diese die angeblich anfallenden Kosten von 200-250 DM selbst bezahlen, hieß es. Als ich noch im großen Schlafsaaluntergebracht war, hatten wir eines Abends einen organisierten Apfel reihum von Bett zu Bett geworfen, jede biss einmal ab. Plötzlich fiel der Apfel zu Boden. Die Tür ging auf, der Lichtstrahl vom Flur fiel direkt auf den Apfel und die Nachtschwester (70 Jahre, Diakonisse) tobte. Sie brüllte:"Wer war das?" Keiner antwortete. Meine Cousine hatte schlecht geworfen und vor lauter Stress musste sie dringend auf die Toilette. Die Diakoniise folgte ihr, baute sich vor der offenen Klotür auf und schrie sie die ganze Zeit an. Das war ein grausames Verhör. Meine Cousine weinte fürchterlich, sagte aber nichts. Solche Erlebnisse bleiben im Gedächtnis. Ich litt damals außerdem an Waschzwang. Da ich den dort gar nicht ausleben konnte, weil wir uns abends alle an einem Dutzend Waschbecken komplett einseifen mussten,in eine Reihe stellen und dann nacheinander in einer Wanne von zwei Diakonissen abgebraust wurden, erkämpfte ich mir das Recht, mich nach allen anderen allein zu duschen, um diesem entwürdigendem Ritual zu entkommen. Äußerst unangenehm waren die gemeinsamen Mahlzeiten, es waren auch geistig behinderte Kinder dabei. Volle Unterhosen, Schlüpfer ohne Gummiband, die ständig um die Füße fielen. Andere Kinder saßen mit ihren Süßigkeiten aus Fresspaketen abends neben uns vor dem Fernseher. Die waren zum Zunehmen dort und uns anderen knurrte der Magen bei Wasser und Brot! Das ganze war eine große Gelddruck-Maschine auf Kosten der Kinder, in der Diakonissen in Fortführung ihres Nazizeit-Gebahrens aus Kinderheimen (wie sie erzählten) ihre sadistische Ader und ihre antiquierten Moralvorstellungen an schutzlosen Kindern auslebten. Natürlich gab es auch ein Ärztehaus, dort wurden viele medizinische Untersuchungen gemacht, aufwendige Tests und psychologische Begutachtungen. Das Ganze unter der Leitung eines Chefarztes, der uns aber nie in der Unterbringung in den Holzhäusern aufsuchte. Ganz besonders schlimm war das ständige, nächtliche Wecken gegen 3 Uhr. Nacheinander mussten wir unseren Urin auf 3 Nachttöpfe verteilen, damit der Mittelstrahl-Urin ständig untersucht werden konnte. Nachtschwester Gertrud sei dank..., die ja schon ein ganzes Kinderheim vor den Russen evakuiert hatte und angeblich ihre Brust gegen das Maschinengewehr eines Soldaten gelehnt hatte, um ihre Furchtlosigkeit zu demonstrieren....Ich weiß, dass diese Klinik Kinder aus ganz Deutschland aufnahm und später noch öfter als vorbildlich in Sachen "Adipositas-Kuren" in den Medien auftrat.
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Birgit Heller-Meyer aus Schweiz schrieb am 05.11.2020
Es war Mai 1979. Ich war 10.5 Jahre alt. das Kurhaus hiess "Dr. Selter" in Brilon. Ich war dort 6 quälende Wochen lang. Ich fühlte mich weggesperrt, allein gelassen, hilflos, machtlos und hatte nur einen Wunsch: nach Hause.
Meine Mutter sagte mir, dass ich zur Kur dürfte, weil ich so zart und dünn bin. Also zur Erholung. Ich hatte damals gar keine Ahnung, warum ich Erholung brauchte und dafür auch noch von zuhause wegmusste. Es ging mir nirgends besser als bei meiner Mami.
Wer den Aufenthalt empfohlen oder organisiert hatte, weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass unser Krankenversicherer die Barmer Ersatzkasse war.
Wir mussten ein Glas Essig Wasser vor dem Mittagessen trinken. Das sollte den Appetit fördern. Das Mittagessen wurde erst aufgetischt, wenn alle Kinder ihr Glas leergetrunken hatten.
Alle Kinder standen in der Reihe und mussten vor dem Schlafengehen einen Esslöffel Honig essen. Die Betreuerin hat den Löffel in den Mund eingeführt.
Sonntagabend kam die "grosse Tante Selter" und las den Kindern in einem grossen Raum Märchen vor. Ich erinnere mich, dass es einerseits schön war, aber auch mit Angst verbunden … Ich komme aber nicht drauf, was das Beängstigende war.
Alle Kinder wurden in einem grossen, kalten Duschraum gebracht. Der ganze nackte Körper wurde mit einer harten Bürste abgeschrubbt und danach kalt abgeduscht. Es war grausam. Es tat so weh. Und alles war so erniedrigend. Man war hilflos und wehrlos ausgeliefert.
Es wurden lange Spaziergänge durch den Wald gemacht. Ich fand das ganz toll. Aber die Spaziergänge waren für mich einfach zu lang, sodass ich dachte, ich würde bald zusammenbrechen. Aber jammern durfte man gar nicht.
Ich war krank, musste tagelang von morgens bis abends allein im Zimmer sein. Es wurde mir nur zu essen und zu trinken hingestellt. Es gab Märchen Kassetten zum Hören. Ich erinnere mich an "Aristocats". Ich hatte Halsschmerzen und Fieber und weinte den ganzen Tag vor lauter Heimweh. Fragte ich abends nach, ob ich am nächsten Tag wieder runter zu den anderen dürfte, sagte die Betreuerin, dass ich wieder runter darf, wenn das Fieber am Abend weniger ist. (Was natürlich Quatsch war, da Fieber am Abend immer steigt)
Als ich wieder gesund war, lag noch eine Woche vor mir. Das war die Hölle, da ich jeden Tag bitterlich wegen Heimweh weinte. Niemand spendete Trost.
Mir fehlten meine Eltern grausam. Ich war ein sehr, sehr zartes Kind, das ganz viel Liebe und Zuwendung brauchte, was ich auch zuhause bekam. In dem Kurhaus war ich plötzlich von 100 auf 0 gesetzt worden.
Ein Junge und ich wurden dabei erwischt, wie wir uns ein Küsschen gaben. Das hatte schlimme Konsequenzen. Aber ich weiss nicht mehr, was genau geschah. Es ist einfach nur die Erinnerung da, dass es Konsequenzen hatte und ich mich schlimm geschämt hatte. Daraufhin trauten der Junge und ich uns nicht einmal mehr miteinander zu reden.
Es herrschte immer ein sachlicher und strenger Tonfall. Keine Empathie wurde uns entgegengebracht. Kein liebes, beruhigendes Wort.
Wir durften Karten schreiben. Ich wollte unbedingt schreiben, wie doll Heimweh ich hatte, wie traurig ich war, wie krank ich war, dass das Essen schlecht war und ich Essig-Wasser trinken musste. Die Betreuerinnen liessen das aber nicht zu und zerrissen die Karten, bis ich eine Karte schrieb, wo nur Positives draufstand. Ich fühlte mich gefangen, ohne Chance darauf, dass irgendwer mein Leid erkennen würde und mich dort wegholen würde. Einmal schaffte ich es, auf einer Karte das zu schreiben, was ich wirklich fühlte. Und diese wurde nicht zerrissen. Ich hatte Hoffnung und wartete ewig darauf, dass meine Eltern mich retten würden. Aber die Karte kam zuhause nie an.
Meine Mutter hatte mir ein Taschengeld mitgegeben. Darauf war ich unglaublich stolz. Das Taschengeld wurde allen Kindern am ersten Tag weggenommen und wir sahen es erst kurz vor der Abreise wieder. Das Taschengeld durften wir für den Kauf von irgendwelchen Strohkörbchen oder anderen Krimskrams ausgeben, die wir den Eltern als Souvenir mitbringen sollten. Die Gegenstände wurden im Kurhaus bei einem "Basar" verkauft. Das wurde als grosses Event dargestellt. Die Sachen waren sehr teuer. Also haben sie daran gut verdient.
Einmal standen meine Eltern abends, es war schon dunkel, vor der Türe. Das ganz geschah ganz heimlich, wie sie mir sagten. Ich durfte sie einmal kurz drücken und flehte sie an, mich mitzunehmen. aber sie sagten, ich müsse ein grosses Mädchen sein und es dauere ja nicht mehr lang.
Ich weiss ganz, ganz vieles nicht mehr von den 6 Wochen. Ich weiss keinen einzigen Namen einer Betreuerin, sehe vor dem Inneren Auge keine Gesichter. Die einzigen Räume, an den ich mich vage erinnern kann, ist der Schlafraum unter dem Dach, der Duschraum, ein Teil des Raumes, wo wir vorgelesen bekamen. Das finde ich komisch. denn ich weiss sooo viel aus all den Jahren vorher.
Ich kann mich an drei Kinder erinnern. Ein blonder Junge und ein braunhaariges Mädchen in etwa meinem Alter, namens Frank und Iris. Ein kleiner Junge, vielleicht 4 Jahre, namens Nils.
Ich habe erst gestern Abend entdeckt, dass die Erinnerungen an meinen Kuraufenthalt in Brilon im Zusammenhang mit Verschickungskindern stehen. Ich wusste bis gestern Abend nichts davon. Seit Stunden befasse ich mich nun mit diesem Thema. Es kommt sehr viel in mir hoch.
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Petra H. aus Menden schrieb am 04.11.2020
Vor meiner Einschulung kam ich, knapp 6 Jahrealt, nach Bad Sassendorf. In meiner Heimatstadt wurde mir eine Frau vorgestellt, die mich begleiten und für mich verantwortlich sein sollte - nach Ankunft in Bad Sassendorf habe ich sie nie wieder gesehen!
Ich erinnere mich an ekliges Essen, an viele Kinder, die erbrochen haben und dann gezwungen wurden, das wieder zu essen. Zu trinken bekamen wir wenig, Kuscheltiere und später auch das Foto meiner Familie wurde mir weg genommen, es machte mir angeblich Heimweh.
Wenn man nachts im Bett weinte, kam die Nachtwache und kniff schmerzhaft ins Gesicht oder den Oberarm.
Nachts durften wir nicht zur Toilette, einmal konnte ich es nicht mehr aushalten und schlich mich hin, als ich die Schritte der "Aufsicht" hörte, bekam ich eine unglaubliche Angst, zog die Füße hoch und hoffte, dass sie mich nicht entdeckt, glaubte, dass sie mein Herzklopfen hören könnte - es ist zum Glück gut gegangen!
Dann wurden wir in so Holzbadewannen gesteckt, das war gruselig, wir waren alleine in diesem Raum (6-8 Kinder) und durften weder reden noch lachen....
Ostern bekam ich ein Paket, der Inhalt wurde unter allen Kindern aufgeteilt, das fand ich aber ok.
Eine junge Betreuerin las uns abends vom Flur aus Bücher vor, das habe ich geliebt und mir sooo gewünscht, sie nähme mich einfach mit nach Hause, ich hatte das Gefühl, von meiner Familie verlassen worden zu sein und war sehr, sehr einsam.
Ein Junge, Markus, war schon 7 Jahre alt, ging in die 1. Klasse und ich konnte einfach nicht glauben, dass er mir nicht helfen konnte, einen Brief an meine Mutter zu schreiben: damals traf ich die Entscheidung, sofort lesen und schreiben lernen zu wollen, um mich unabhängig zu machen und wurde irgendwie "hart", hatte das Gefühl, mich nur auf mich selbst verlassen zu können...
Ich wurde kurz vor Abreise krank, meinen Eltern sagte man nichts davon, sie haben regelmäßig angerufen und immer die Auskunft bekommen, es ginge mir gut - ich hatte sehr hohes Fieber....
Eine der Betreuerinnen hatte ein Feuermal im Gesicht-die ganze Kindheit über habe ich Angst vor Frauen mit einem ähnlichen Mal im Gesicht gehabt.
Wieder zu Hause hat sich meine Mutter beschwert, meinen Aussagen wurde nicht geglaubt!
Ich habe noch heute Albträume von dieser furchtbaren Zeit!
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Alfred Walter aus Erkrath schrieb am 04.11.2020
Hallo,
ich bin als Kind zwei mal zu einer "Kur" wegen Asthma verschickt worden. Das erste mal war ich in Bad Reichenhall, im Alter von ca. 4 Jahren, daran habe ich noch einige Erinnerungen.
Mit 7 Jahren wurde ich dann ein zweites Mal in Kur geschickt. Bis zum heutigen Tag wusste ich nur, das ich in Kur war, habe überhaupt keine Erinnerung an die Verschickung, rein gar nichts.
Heute hat meine Mutter mir eine alte Postkarte gezeigt, die am mich adressiert war, daher ist mir nun Ort und Zeitpunkt bekannt, Erinnerungen kommen jedoch nicht wieder!
Da ich überhaupt keine Erinnerung an diese Klinik und den Ereignissen Vorort habe, frage ich mich schon seit einiger Zeit, was da wohl vorgefallen ist.

Würde mich freuen, wenn sich jemand meldet der ungefähr zur gleichen Zeit Vorort war, eventuell kommen im Gespräch Erinnerungen wieder hoch.
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Marita aus Berlin schrieb am 04.11.2020
Ich war zweimal "verschickt" und hatte großes Glück, weil ich Brotränder mochte und mir das Essen, Spielen, Wandern und Schlafen mit vielen Kindern gefallen hat. Allerdings erinnere ich mich an Kinder mit Heimweh oder Bettnässer, denen erging es sehr schlecht. Eine Vorliebe, Graubrot mit Pflaumenmus, habe ich bis heute.

Mein Bruder hatte nicht so viel Glück, ihm wurde von anderen Kindern übel mitgespielt und die Erzieher haben ihm einen Zahn ausgeschlagen, als er sich hinter einer Tür vor den anderen Kindern versteckt hat. Danach sind wir nicht mehr verschickt worden.
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Dagmar aus Hopsten schrieb am 03.11.2020
Hallo,
Da ich als Kind untergewichtig war wurde meinen Eltern vom Arzt angeraten mich zur Kur zu schicken. Ein weiteres Kind (Jörg) aus meinem Kindergarten sollte ebenfalls nach Bad Karlshafen kommen. Wir wurden zusammen in den Zug gesetzt und von einer Betreuerin begleitet. Ich dachte es würde für mich ein riesiges Abenteuer werden. Jörg und ich wurden nach der Ankunft natürlich sofort getrennt da Jungen und Mädchen natürlich nicht zusammen bleiben durften.
Dann begann der blanke Horror. Ich kann mich leider nur noch bruchstückmässig erinnern aber ich weiß noch das wir gezwungen wurden immer alles komplett auf zu essen.
Viele Kinder hatten damit richtig Probleme und mussten dann sogar teilweise ihr Erbrochenes essen. Andere mussten stundenlang mit dem Gesicht zur Wand stehen.
Ich habe einmal Nachts vor Heimweh etwas lauter geweint und wurde dann zur Strafe die Nacht über in den Waschraum gesperrt der aber leider kein WC hatte. Ich machte mir in die Hose und wurde am nächsten Morgen vor den Augen aller Kinder sauber gemacht. Diese Demütigung habe ich niemals vergessen.
Es gab eine nette Nachtschwester..... Wenn die Dienst hatte konnte ich entspannt schlafen. Das Mädel im Nachbarbett hat sich nachts immer die Lippen blutig gebissen. Die nette Schwester versprach ihr eine Puppe wenn sie es sein ließe. Ich weiß noch das ich so eifersüchtig auf das Mädel war das ich selbst versuchte mir die Lippen blutig zu beißen (hat aber zum Glück nicht funktioniert)
Weiterhin kann ich mich an die Wanderungen erinnern. In Formation wie beim Militär..........
Die Schwestern schrieben für mich Postkarten..... in denen natürlich nicht das stand was ich meinen Eltern sagen wollte!
Als ich am Zug von meinen Eltern abgeholt wurde hatte ich das Sprechen
eingestellt. Ich weiß noch wie ich meinen Vater dafür gehasst habe das er darüber
gelacht hat und das niedlich fand das ich
scheinbar vor Heimweh das Sprechen
eingestellt hatte.
Danach habe ich das alles jahrzehntelang verdrängt bis ich zufällig im Internet auf dieses Thema gestoßen bin.
Im Moment bin ich eigentlich nur froh das das was ich erlebt habe endlich mal geglaubt wird!
Ich wurde immer als Kind mit einer blühenden Phantasie abgetan und habe später selber schon gedacht ich hätte das alles nur geträumt.
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Eike Claudia schrieb am 02.11.2020
Im Alter von 8 Jahren wurde ich im Sommer 1972 für 6 Wochen nach Braunlage ins Kinderkurheim Haus Liselotte verschickt. Ich war sehr dünn und sollte wohl "aufgepäppelt"werden.
Ich erinnere mich noch daran,dass meine Eltern mich zum Zug nach Rendsburg gebracht haben, dort bekam ich eine Karte um den Hals wo alle Daten von mir bzw mein Reiseziel draufstanden.Eine Zugbegleiterin hat während der Fahrt nach mir geschaut.
Im Heim wurde ich dann in ein Jungen-Zimmer gesteckt, da mein Vorname Eike sowohl männlich als auch weiblich verwendet wird.Zudem hatte ich einen Kurzhaarschnitt.Da ich sehr schüchtern war,traute ich mich nicht,dass Mißverständnis aufzuklären.Wie sich die Sache aufgeklärt hat, weiß ich nicht mehr.
Ich erinnere mich noch an einen Vanillepudding mit Zwieback,den wir Abend essen mussten. Nachts habe ich dann die Toilette vollgespuckt.
Wir durften die Fußball-WM 1972 sogar im Fernsehen verfolgen. Gewandert wurde ebenfalls und nach "Katzengold"gesucht.
Leider wurde ich während meines Aufenthalts von einem älteren Jungen mißbraucht. Es wurde nicht bemerkt und ich hatte es verdrängt. Wir durften nicht telefonieren, damit das Heimweh nicht noch größer wird. Eine der "Tanten" kam nach einiger Zeit zu mir,da meine Mutter angerufen und gefragt hatte, warum ich noch keine Karte geschrieben hätte. Danach musste ich regelmäßig Karten/Briefe schreiben.
Ich kam nach den Sommerferien mit 2-wöchiger Verspätung in die 3.Klasse. Das war schlimm,neue Mitschüler und Lehrer.Ich habe übrigens nicht zugenommen in den 6 Wochen.
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E Gerwin aus Kiel schrieb am 02.11.2020
Meine Mutter berichtet dass Sie als 9 o. 10 jährige verschickt wurde mit dem zug von Kiel aus allein in den Schwarzwald in ein Zeltlager namens Stöckl oder Stöckellager. Vom Zug wurde sie von einem "Pfadfinderjungen" abgeholt. Im Lager angekommen wurde sie mit einer Art Soldatengeschirr ausgestattet. Danach hat sie erst wieder Erinnerungen vom letzten Tag . Keine Freundschaften keine Erlebnisse keine Betreuer sie erinnert sich an nichts was man in dem Alter eigentlich wissen müsste.Sie erinnert sich aber dass sie kaum laufen konnte und geschleppt werden musste . Und im Zug "geübt" hat wieder zu laufen. Abgeholt vom zug wurde sie direkt vom Jugendamt also müsste man ja eigentlich irgendwas darüber festgehalten haben. Sie ist bis geute vorsichtig Medikamenten gegenüber und ist der Meinung dass dies zusammenhängen könnte.
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Doris Wieler schrieb am 02.11.2020
Vom 06.Juni bis 04.Juli 1966 verbrachte ich - noch nicht einmal vierjährig - meine "Ferien" in Norddorf auf Amrum. Meine Eltern machten parallel auch auf Amrum Urlaub. Ohne mich. Das war damals nicht unüblich. Heute ist das nicht mehr vorstellbar. Sie dachten, daß sie mir damit etwas Gutes tun, daß ich dann unter Kindern bin, mit denen ich spielen kann. Ich erinnere mich an schlimmstes Heimweh, daran, daß ich Angst hatte, daß meine Eltern mich nicht mehr abholen.
Eine Begebenheit hat sich bei mir eingebrannt:
ich lag in einem Gitterbett. An einem Morgen hatte ich ins Bett gesch... Da kam die "Erzieherin" mit allen Kindern. Alle stellten sich um mein Bett und die Erzieherin zeigte auf mich: "schaut, die macht immer noch ins Bett!". Es war grausam. Ich schämte mich fürchterlich.
Ansonsten erinnere ich mich nur noch an Milchsuppe mit Rosinen, die ich gar nicht schlecht fand. Und an ein großes Mädchen, was mit mir das Zimmer teilte und sich ein bißchen meiner annahm.
Auf den wenigen Fotos, die in meinem Album kleben, sehe ich unglücklich aus.
Interessant zu lesen ist der Hausprospekt, den ich auch noch habe. Der klingt nicht unsympathisch. In derzeitigen Pandemiezeiten sehr spannend die Bemerkung, daß man die Kleinkinder mindestens 14 Tage vor der Anreise aus dem Kindergarten nehmen soll, wegen möglicher Infektionsgefahr.
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Uwe aus Eschwege schrieb am 01.11.2020
Als 5-Jähriger aß ich schlecht. Ich hatte immer das Gefühl, ich würde ersticken, wenn ich etwas Festes schlucken sollte. Meine Mutter verzweifelte fast; sie schlug mich einerseits manchmal, wenn ich so ein „Theater“ machte, andererseits versuchte sie sogar, mir mit einem Mixer das Essen zu zerkleinern. Selbst weiße Bohnensuppe kriegte ich unzerkleinert nicht herunter. Natürlich verlor ich auch an Gewicht. Außerdem war ich einmal im Monat krank mit Fieber und Mandelentzündung.

Auf Anraten des Hausarztes wurde eine Kur in einem Kinderheim in Bad Karlshafen beantragt, die ich im Sommer 1965 antrat. Mein Cousin, der ein Jahr älter war als ich und eigentlich keinerlei Beschwerden hatte, wurde mir mitgegeben, damit ich dort nicht so allein war. Ich nahm auch einen Stoffhund und zwei meiner Lieblings-Cowboyfiguren mit.
Unsere Eltern durften uns nicht direkt dort hinbringen. Es war auch verboten, uns während der 6 Wochen zu besuchen.
Ich und mein Cousin wurden am Heimat-Bahnhof an eine Betreuerin übergeben, welche mit uns im Zug nach Karlshafen fuhr und uns dort im Foyer an irgendwelche Frauen übergab.
Die Begrüßung war unpersönlich und kalt, als wären wir eine Ware.
Man stellte dann sofort fest, dass wir zwei verschiedene Jahrgänge waren, was zur Folge hatte, dass eine der Frauen mit meinem Cousin sofort eine Etage höher ging, wo er in seine Jahrgangsgruppe kam.
Ich wurde in meine Jahrgangsgruppe gebracht, nachdem man mir mein Spielzeug abgenommen und gesagt hatte, dass dies weggeschlossen würde und ich es erst am Abreisetag wiederbekäme.

Meinen Cousin sah ich während der ganzen Zeit von 6 Wochen nur ein einziges Mal wieder, als mir nämlich seine Gruppe im Gänsemarsch meiner Gruppe in gleicher Formation auf dem Heimgelände entgegenkam. Er sah mich kaum an oder bemerkte mich nicht; als ich ihn rief und er herübersah, bekam ich von der „Gruppenführerin“ einen „Anschiß“, dass ich Ruhe zu halten hätte.
Erst am Entlassungstag sah ich ihn wieder.
Diese Formation war im übrigen die Regel beim Fortbewegen im Gruppenrahmen.

Das Personal – ich erinnere mich bis auf einen Mann nur an weibliches – war mit Schwester und Vornamen anzusprechen.
Die Chefin war eine ältere, grauhaarige Frau, „Schwester Marianne“. Die war ein Teufel, immer unfreundlich und laut. Sie hatte ihre Freude daran, uns zu schikanieren.

Es gab kaum etwas zu trinken; wir hatten sieben Tage die Woche von morgens bis abends Durst. Wer zum Frühstück seine Milch, seinen Kakao oder Tee nicht trinken wollte, wurde beschimpft und musste bis zum Abendbrot auf die nächste Gelegenheit zum Trinken warten. Deshalb an Wasserhähne zu gehen, war verboten und wurde bestraft. War das Personal – insbesondere die Marianne - der Meinung, man hätte sich während des Tages oder bei den Mahlzeiten nicht benommen, erhielt man weder Essen noch Trinken, sondern wurde für die Dauer der Mittagspause mit dem Gesicht zur Wand in eine Ecke des Speisesaals gestellt.
Ich musste des Öfteren durstig den Tag beginnen, weil ich die Haut, die sich auf der Milch oder dem Kakao bildete, eklig fand und ich es nicht fertigbrachte, das zu trinken.
Obwohl schon anfangs mehrfach deutlich erkennbar war, dass ich einen Ekel davor hatte, wurde mir immer wieder Kakao oder Milch mit Haut hingestellt.

Ein-, manchmal auch zweimal mal die Woche erschienen zur Schlafenszeit auf den Stuben, auf denen wir zu mehreren (ca. 6-8?) lagen, zwei jüngere Schwestern mit einem 10-liter-Eimer voller Tee. Wir konnten dann „antreten“ und man füllte uns dann daraus unsere Zahnputzbecher und wir konnten so lange trinken, bis er leer war. Das war das Paradies. Dann war Bettruhe angeordnet. Bis zum Wecken hatte niemand das Bett zu verlassen. Auf den Fluren schoben Schwestern Wache. Wurde jemand erwischt, der auf die Toilette wollte oder gar im Waschraum Wasser trinken, setzte es an Ort und Stelle Prügel. Das Geschrei hörte man bis auf die Stube. Besonders „schön“ war es dann, wenn es jemand von er eigenen Stube erwischt hatte. Der „Verbrecher“ wurde dann heulend und mit entsprechenden Ermahnungen, Ruhe zu geben und aufzuhören mit Heulen, ins Zimmer gebracht, wo er sich sofort wieder hinlegen musste. Natürlich hörte der nicht auf zu heulen, sondern unterhielt alle anderen noch eine Weile mit seinem Geschluchze. Ich hatte dermaßen Angst vor dieser Behandlung, dass ich 5 Wochen lang den nächtlichen Durst aushielt und mir jeden Toilettengang nach der befohlenen Nachtruhe verkniff. Gott sei Dank machte ich auch dabei nicht in die Hose, denn dann wären wieder Prügel fällig gewesen, was bei anderen auch vorkam. Aber mancher hatte auch Glück und wurde nicht beim heimlichen Wassertrinken erwischt.

Eine Woche lang hatte ich überhaupt nichts auszustehen, im Gegenteil. Ich wurde – wie so oft damals – krank und bekam Fieber und eine Mandelentzündung. Daraufhin wurde ich in die Krankenabteilung des Kinderheims eingewiesen. Dort kümmerte sich eine ältere Schwester sehr liebevoll um mich. Ich hatte das Gefühl, sie sei nur für mich da, so oft war sie bei mir und so oft ich Durst oder Hunger hatte, bekam ich es sofort.

Bei der Einnahme des Mittagessens saßen wir mit einer ganzen Gruppe rings um einen eckigen Tisch im Speisesaal, genau wie andere Gruppen dort auch. Einmal gab es Suppe mit Stücken einer großen Kochwurst darin, wo noch Schale dran war. Diese brachte ich wieder nicht herunter. Die Schwestern setzten mir vergeblich zu, diese Wurststücke zu essen. Ich versuchte zu erklären, dass ich die mit der Schale nicht essen kann, weil ich dann wieder das Erstickungsgefühl bekomme, aber das hat insbesondere die Marianne überhaupt nicht interessiert. Nachdem alles Drohen und Schimpfen nichts brachte, durfte ich mich in die Ecke stellen wie schon beschrieben. Ein anderes Mal wollte ein Leidens- und Tischgenosse von mir –ich weiß heute noch seinen Namen: Max – seine Tomatensuppe nicht essen. Diesem wurde dann der Kopf bzw. mit dem Gesicht in die Tomatensuppe getaucht. Für mich war das ein schrecklicher Anblick, wie ihm die blutähnliche Flüssigkeit über das ganze Gesicht lief und er heulte wie ein Schlosshund.

Auf Wünsche wurde keine Rücksicht genommen. So gingen wir z. B. mit vielen Kindern in die Stadt zu einem Kiosk, wo es eine Menge an Souvenirs zu kaufen gab und wo wir auch etwas kaufen durften oder sogar kaufen sollten. Meine Eltern hatten mir ein kleines hellblaues Portemonnaie mitgegeben, das sie aber schon der Begleiterin am Bahnhof aushändigten. Ich selbst wusste gar nicht, wie viel Geld darin war. Ich kann mich auch nicht erinnern, es danach – bis auf diesen Kioskbesuch – noch einmal gesehen zu haben. Eine Schwester hatte es bei diesem Ausflug in Verwahrung. Nachdem wir uns die Souvenirs angesehen hatten, entschied ich mich für zwei kleine Ziegenbockfiguren, einer schwarz, einer weiß, welche – wenn man sie nahe genug aneinanderkommen ließ - (mittels Magneten) mit den Köpfen zusammenstießen. Das faszinierte mich und ich fand es lustig. Als ich das der Schwester, welche mein Geld aufbewahrte, sagte, kaufte sie mir – ein kleines Hexenhäuschen aus Kunststoff, wo man durch ein Sichtfenster Bilder von Bad Karlshafen betrachten konnte und mittels Druck auf den Schornstein immer ein neues Bild aufrufen konnte. Das Ding interessierte mich nun überhaupt nicht und ich war enttäuscht, aber meine Bitte auf Umtausch wurde ignoriert.

Weiter erinnere ich mich noch an einen Ausflug, bei dem wir mit ca 20 – 25 Kindern durch Wald und Flur marschierten. Dabei stolperte der schon erwähnte kleine Max auf einem geschotterten Feldweg und schlug sich beide Knie auf, so dass es blutete und er erbärmlich anfing zu weinen. Sofort war eine Schwester da und forderte ihn auf, aufzustehen und weiterzumarschieren. Er blieb hocken, brüllte vor sich hin und jammerte, dass er so nicht weitergehen könne. Ohne sich überhaupt um die Verletzung groß zu kümmern, wurde ihm gesagt, dass alle anderen jetzt weitergehen und er es sich aussuchen könne, ob er mitkommt oder liegenbleibt. Das wurde dann auch so durchgeführt und die Kolonne setzte sich wieder in Bewegung. Ich verstand die Angst vom Max recht gut, denn wir wussten ja überhaupt nicht, wo wir waren und wie wir zurückfinden sollten, wenn man den Anschluss verliert. Trotzdem blieb ich reichlich hilflos bei ihm stehen, während die anderen sich langsam entfernten. Ich war hin und hergerissen zwischen meinem Freund, den ich nicht im Stich lassen wollte und der sein Geheul noch steigerte, als er sah, dass die anderen tatsächlich weitergehen und meiner Angst, auch den Anschluss zu verlieren und nicht mehr zurückzufinden. Als die Gruppe schon recht weit weg war, ließ ich Max Max sein und rannte hinterher. Ich drehte mich aber noch ein paarmal um. Dann sah ich plötzlich, dass auch er angerannt kam, heulend, humpelnd und mit blutigen Knien. Er hielt dann durch, bis wir wieder in der Anstalt waren.
Nach 6 Wochen sollte es dann (endlich) wieder nach Hause gehen. Als ich kurz vor der Abreise eine Schwester an mein Spielzeug erinnerte, das ich wiederhaben wollte, wurde mir gesagt, davon wisse man nichts. Man machte sich noch nicht mal die Mühe, nachzusehen.
Wir wurden wieder in Begleitung mit dem Zug nach Hause gefahren, wo wir am Bahnhof von unseren Eltern in Empfang genommen wurden. Ich erinnere mich da an keine Einzelheiten mehr; nur an das, was mir meine Eltern mehrfach in den folgenden Jahren, wenn mal das Thema darauf kam, erzählten:
Ich sei abgemagert gewesen und hätte noch mehr an Gewicht verloren, obwohl ich schon vor Beginn untergewichtig war. Zudem hätte ich die Krätze gehabt. Meine Mutter soll bei meinem Anblick geheult haben. Mein Vater fühlte sich an ausgemergelte Kriegsheimkehrer erinnert.

Mein Cousin (bereits 1994 durch Suizid nach psychischer Krankheit verstorben) erzählte nach der Kur seinen Eltern, er habe auch sein Erbrochenes essen müssen.
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Bernhard aus Nürnberg schrieb am 01.11.2020
Hallo,
Ich wurde in der 2. Klasse Grundschule für 6 Wochen auf "Erhohlung" geschickt. Der Schularzt hatte gemeint, Ich wäre untergewichtig.
Meine Mutter war geschieden und musste arbeiten. Sie hatte einen neuen Partner und war vermutlich froh, mich loszuwerden. Wir schliefen in 8 Bett Zimmern und ich war der Jüngste mit knapp 8 Jahren. Es war wie im Gefängnis. Man durfte nachts nicht das Zimmer verlassen. Besuch war verboten. Man musste vorfrankierte Kuverts mit Heimatadresse mitbringen. 1xwöchentlich musste man einen vorgeschriebenen Text von der Tafel abschreiben, der dann nach Hause verschickt wurde. Post von daheim wurde geöffnet und zensiert. Täglich wurde einer von jeder Stube zum Putzdienst verdonnert, meine Mitbewohner zwangen mich, das zu machen weil ich der Jüngste war und schlugen mich täglich. Man glaubte mir nicht und es wurde immer schlimmer. Sie zwangen mich, den ekelhaften Frass, den man uns dort vorsetzte, zu essen. Wer sich weigerte, wurde von 2 Pflegern festgehalten und mit zugehaltener Nase zwangs gefüttert. Als ich mich danach übergab, kam ich in Einzelhaft. Wurde eingesperrt in ein Zimmer mit vergitterten Fenstern und ich durfte nur zum Essen raus. Meinen 8. Geburtstag musste ich dort allein "feiern".
Es war eine einzige Qual und nachdem es mir schlecht ging, wurde eine Ausnahme gemacht und meine Mutter durfte mich 1x besuchen. Sie kam mit ihrem neuen Partner und die beiden erzählten mir, wie schön es doch hier wäre. Ich wäre ja schon ein großer Junge und soll durchhalten.
Nach für mich ewigen 6 Wochen kam ich heim und hatte 1 Kilo abgenommen. Bis heute denke ich mit Schrecken zurück.
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Karina Schmidt aus Konstanz schrieb am 31.10.2020
Hallo alle zusammen ,
Ich war 1975 oder 1976 ,also 5 oder 6 Jahre alt ,in Königsfeld im Kindersanatorium Luisenruhe , auch bekannt als Kinderheim Luisental .
Ich wurde wegen einer Lungenentzündung und Untergewicht dort hingeschickt .
Ich kann mich an die Umstände dort noch gut erinnern .
Es war Menschenunwürdig !!!
Ich musste Erbrochenes essen , barfüssig nachts hinter der Tür stehen, auf dem kalten Boden . Man durfte sich im Bett nicht drehen u.s.w.
Ich komme aus einem sehr schwierigen Elternhaus .
Also von einer Hölle in die andere .
Ich habe noch Bilder von Ausflügen , also wo auch die Kinder drauf sind , die in der Zeit mit mir dort wahren .
Auch eine Postkarte die mir meine Geschwister geschickt haben.

Ich versuche schon seit 2008 etwas mehr über die Zeit dort heraus zu finden .
Ich weis das es heute ein Hotel ist und von außen noch so aussieht wie früher .

Vielen vielen Dank
Dank an alle
Vor allem an Frau Röhl
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Sabine aus Mittelberg/Oy schrieb am 30.10.2020
Ich war 6 Wochen lang in Mittelberg/Oy im Kindererholungsheim. Wir durften kein Besuch bekommen und wurden immer zum Aufessen gezwungen. Wir mussten so lange am Tisch sitzen bleiben, bis wir aufgegessen hatten. Ich konnte jahrelang keinen Kaiserschmarrn essen oder nur riechen, weil es mich daran erinnert hat. Nachts saßen die Nonnen auf dem Flur vor unseren Zimmern und haben uns nicht auf die Toilette gelassen. Meine liebe Mitbewohnerin und ich haben ins Waschbecken gemacht, weil Bettnässen streng bestraft wurde. Wir hatten großes Heimweh und haben viel geweint. Als ich zuhause war, habe ich es verdrängt und gedacht, es war nur ein Traum. Aber es gibt Fotos. Meine Zimmergenossin hatte eine Narbe in Spinnenform auf der Stirn.
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Volker P Andelfinger aus Annweiler am Trifels schrieb am 30.10.2020
Ich war zwei Mal in einem Verschickungsheim, weil ich chronische Bronchitis hatte. Meine Eltern wollten mir etwas Gutes tun, der Kirche hat man damals ohne viel Nachdenken vertraut. An den Aufenthalt im Kloster Gethsemani am Donnersberg habe ich kaum Erinnerungen, es gibt nur ein Foto. Wochenlang die Eltern nicht zu sehen war schlimm, ansonsten wusste ich nur von einem Turm auf dem Berg. Neulich bin ich mit dem Motorrad zum Donnersberg raufgefahren, habe nach dem Heim gesucht. Erst als ich die Straße wieder runtergefahren bin hatte ich so ein Bauchgefühl, das Kloster könnt es sein. Ich traf dort eine alte Nonne, die mir freundlich erklärte, dass das hier das Heim gewesen sei, aber die alten Gebäude seien größtenteils ersetzt oder abgerissen.
Schlimm war es in St. Peter Ording. Mit dem Zug ohne Eltern so weit weg, alles unbekannt, keiner verstand mein Pfälzisch, Hochdeutsch war nicht meine Sprache, der seltsame Tee am Bahnhof in Hamburg. Im Heim war ich schließlich die meiste Zeit krank, schlimmer als zu Hause. Das Essen war gruselig. Wenn ich Hunger hatte, nahm ich schon mal einen Happen von der Himbeer-Zahncreme. Und man brachte mich zum Arzt wegen der Bronchitis. Da bekam ich eine Spritze und anschließend konnte ich nicht mehr laufen, wurde von den anderen Kindern separiert, musste Wochen länger bleiben. Meine Eltern waren schockiert, als sie mich dann zu Hause am Bahnhof in Landau abholten, mein Zustand war elend. Es hieß hinterher, ich hätte versehentlich eine Spritze für Erwachsene bekommen. Vor ein paar Jahren bin ich im Urlaub mit der Familie nach St. Peter Ording gefahren. Das Heim habe ich ohne lange Suche sofort gefunden, so sehr hatte sich das dem kleinen Kind eingebrannt. Was war das für eine Spritze, was haben die da gemacht? Ich weiß noch nicht, wie ich weiter damit umgehen soll.
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Sabine schrieb am 30.10.2020
Ich war 1982 im Sommer 6 Wochen in Glücksburg. Ich wurde zum Bahnhof gebracht und musste wahnsinnig lange im Zug fahren mit fremden Kindern und einer Betreuerin vom DRK. Im Kinderheim gab es viele Strafen, u. a. Essenszwang, Kirchenzwang, Stehen, Schlafentzug, Schläge. Als sich ein Mädchen gewehrt hat und der Erzieherin das Gesicht zerkratzte, wurde es schlagartig entfernt und wir anderen haben es nicht mehr gesehen.

Ich war gerade 7 Jahre alt geworden, hatte ganz schrecklich Heimweh und wurde regelmäßig geschlagen. Sie haben versucht, mir zu viert Blumenkohlsuppe einzuflößen. 3 hielten mich fest, eine stopfte mehrere Löffel voll in meinen Mund. Ich habe alle vollgekotzt. Dann haben sie mich wenigstens mit dem Essen in Ruhe gelassen.

Ich musste in einem Gitterbett schlafen. Mit 7 Jahren! Das war so hoch, dass man nur mit Anstrengungen raus klettern konnte. Die Erzieherinnen kamen aber immer kontrollieren, ob alle drin sind.

Es gab einen Ausflug zum Strand. Dort waren Quallen im Wasser. Ich ekelte mich. Die anderen Kinder bewarfen mich mit Quallen und die Erzieherinnen machten nichts dagegen.

Es gab Post von den Eltern und man konnte zurück schreiben, wenn man genug Taschengeld für die Briefmarken hatte.

Ich habe keine einzige GUTE Erinnerung daran.

Das Heim befand sich in Sandwig, einem Stadtteil von Glücksburg. Es wurde noch in den 80er Jahren abgerissen, wie mir die Stadtverwaltung Glücksburg mitgeteilt hat.

Ich bin heute noch extrem, was Essen betrifft und ich kann nicht alleine sein.
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Angelika Wirtz aus Oberhausen schrieb am 29.10.2020
Im Sommer 1964 war ich für 6 Wochen im Haus Wunderland, Nähe Freudenstadt im Schwarzwald. Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob ich Angst hatte alleine dort hin zu fahren.
Bis auf negative Erfahrungen bzgl. des Essens (Ich möchte zu dem Zeitpunkt vieles nicht) musste es dann aber doch essen, habe ich selbst keine Gewalt erfahren. Aber andere Kinder, z.B. diejenigen, die aus Angst angefangen hatten, wieder ins Bett zumachen, müssten ihr Frühstück auf der sogenannten,,Pisserbank" einnehmen. Mussten sich hinstellen und wurden ausgelacht. Das fand ich sehr schlimm. Nachts durften wir nicht zur Toilette und ich war jeden Morgen froh, dass es mir nicht passiert ist. Da ich aber immer sehr lange gebraucht habe, bis ich mit dem Essen fertig war, auch was nicht schmeckte, musste aufgegessen werden, bekamen alle Mädchen aus meinem Zimmer oft kein Betthupferl. Ich war öfter die letzte im Speisesaal und wenn ich dann ins Zimmer kam, bekam ich öfter von meinen Zimmergenossinnen eine Backpfeife. Dann habe ich geweint. Auch in diesem Heim gab es freundliche und strenge ,,Tanten". Ich habe meinen 8.Geburtstag dort gefeiert, eine ,,Tante"hatte am gleichen Tag Geburtstag. Sie war immer lieb zu mir. Ich würde dem Heim die Note 3 geben.
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Ingrid aus Tübingen schrieb am 29.10.2020
Ich wurde von meiner Mutter in den Zug gesetzt. Sie war der Meinung, dass ich zu dünn war. Die Ärztin empfahl aufgrund meiner Allergien Kinderheim Friedrichs an der Nordsee.
Wir bekamen oft seltsame Milchsuppe zu essen. Das Essen ist mir als fürchterlich in Erinnerung. Ich wurde gezwungen versalzenen Kartoffelbrei zu essen. Mir war danach schlecht, so dass ich mich erbrach. Wir wurden gezwungen zu essen, der Teller musste leer sein. Zu trinken gab es kaum etwas, wahrscheinlich, weil viele Kinder in die Stahlbetten nässten. Die meisten weinten vor lauter Heimweh abends in die Kissen. Ich erinnere mich an den ständigen Durst den ich hatte.
Auch wurde ich bestohlen: Taschengeld, dass ich von zu Hause mitbekam, Kleider, Gummistiefel. Es wurde einer nach dem anderen krank: Fieber. Auch ich würde lieblos ins Bett gesteckt und den ganzen Tag kümmerte sich niemand um mich. Auch wurden wir regelmäßig gewogen und es wurde geschimpft, wenn man nicht zugenommen hatte. Sechs lange, ewig lange Wochen war ich dort. Es war schrecklich. Eine Kinderaufseherin hieß Frauke.
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Felicitas Winter aus Köln schrieb am 29.10.2020
Ich wurde mit 5 Jahren zusammen mit meinem 1 Jahr jüngeren Bruder ins C,aritas-Waisenhaus am Kaltenberg in Wesel gebracht, wo wir ca. 6 Wochen verbringen mussten. Das Haus wurde von Ordensschwestern geführt. Wir durften uns nicht von unserer Mutter verabschieden und niemand hat ein persönliches Gespräch mit uns geführt. Man teilte uns nur den Tagesablauf und die Regeln mit, dann hielten wir etwa 6 Wochen fast die Luft an vor Angst, ob unsere Mutter jemals wiederkommen würde. Erst einen Tag vorher sagte man uns, dass unsere Mutter morgen kommen würde.
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Renate aus Warstein schrieb am 29.10.2020
Ich bin als Siebenjährige 6 Wochen ganz allein in einem sogenannten Erholungsheim auf Amrum gewesen.
Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich damit nicht allein bin, offenbar wurden viele in den 1960er und 1970er Jahren verschickt.
Ich wurde Zeuge von Kindesmisshandlungen durch die sogenannten Erzieherinnen, wir haben sie Hexen getauft.
Immer gab es die verhasste Milchsuppe vor dem Mittagessen, die wollten aus uns Stopfgänse machen. Wer sein Mittagessen nicht geschafft hat, wurde so lange am Tisch gelassen, bis man alles, irgendwie musste es ja gehen, aufgegessen hatte. Unterdessen waren alle anderen schon draußen. Einmal habe ich gesehen, wie ein Kind die Blaubeeren-Suppe nicht essen wollte. Da hat eine Erzieherin den kleinen Jungen auf den Schoß gesetzt und ihn gefüttert. Der Junge erbrach sich, das wurde trotzdem reingeschaufelt! Es war schlimm, das mit anzusehen. Wir waren durch solche Methoden gezwungen, auf jeden Fall alles aufzuessen, was serviert wurde.
Es gab nur eine Erzieherin, die freundlich war, an dieser hingen die Kleinen wie die Trauben. Unfassbar, dass sogar Vierjährige dort waren! Ich habe ihnen in der Mittagspause, weil ich nicht schlafen musste, Kinderbücher vorgelesen, das war der Saal der Vierjährigen, die Masern hatten. Überhaupt brachen dort verschiedene Krankheiten aus, zum Beispiel bin ich mit Windpocken nach Hause gekommen. Auch mit Alpträumen und Problemen beim Einschlafen. Diese Probleme habe ich bis heute.
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Jürgen R. schrieb am 29.10.2020
Ich habe vor ein paar Monaten in unsere Tageszeitung einen Bericht über Verschickungskinder gelesen und war wie vorm Kopf geschlagen, habe keine Luft mehr bekommen und musste den Frühstücksraum verlassen. Ich war ca. 9 Jahre alt, als ich für 6 Wochen nach Langeoog musste. Ich leide heute noch unter den Folgen der Bestrafungen für Kleinigkeiten (Papierflugzeuge aus dem Fenster fliegen lassen), was ich nie verstanden habe. Ich musste die ganze Nacht im Speiseraum in einer Ecke stehen, konnte nicht zur Toilette gehen, da der Aufgang zum ersten Stock mit einem Holzgitter verschlossen war. Ich habe versucht es so lange zu unterdrücken, bis ich vor Schmerzen es nicht mehr ausgehalten habe und es laufen ließ, auch dafür wurde ich am anderen Morgen wieder bestraft indem ich nicht mit zum Strand durfte und unten in der Küche helfen musste. Das Essen musste aufgegessen werden, selbst wenn man schon am Würgen war. Lange Spaziermärsche, selbst wenn man wegen Blasen an den Füßen nicht mehr laufen konnte. Dann wurden die Häutchen an den Fingernägeln immer unter starken Schmerzen hochgeschoben (der Halbmond musste immer zu sehen sein) keine Ahnung warum. Ich leide heute noch unter den Erlebnisse, konnte es damals auch niemanden erzählen, selbst meine Eltern nicht. Wache heute noch nachts auf, voller Panik, dass ich in der Dunkelheit die Toilette nicht finde und es dann nicht rechtzeitig schaffe. Ich bin froh dass ich nicht alleine mit dem Erlebnis bin und konnte jetzt mit meiner Frau darüber sprechen, warum ich öfter mich merkwürdig in gewisser Situationen verhalte. Wir waren im Sommer für einen Tag auf Langeoog, habe sehr mit mir gerungen es zu machen, habe das Heim sogar wieder gefunden es wurde zu einem Mutter/Kind Haus umgebaut. Ich stand davor und konnte die Tränen nicht zurückhalten und habe es heraus geschrien, es kamen noch viel mehr an Erinnerung hoch. Ich war froh, dass meine Frau dabei war, mich getröstet hat und mich darin bestärkt hat, dorthin zu fahren um mit der Vergangenheit abzuschließen. Ich versuche es zumindest.
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Sonja Meis aus Brühl schrieb am 29.10.2020
Ich bin mit 8 Jahren in den Schwarzwald verschickt worden, den Namen der Einrichtung weiß ich nicht, es war nahe am Feldberg. Ich war noch nie von meiner Familie weg und dann direkt 6 Wochen, ich war angeblich zu schmächtig. Mit dem Bummelzug dauerte die Fahrt 12 Stunden, die Tante, die uns begleitete war die einzige nette Person, die mir in den 6 Wochen begegnet ist. Bei Ankunft im Heim gab es nur ne Tasse ekligen Tee und nichts zu essen (ich hatte soo einen Hunger weil ich ja den ganzen Tag nichts vernünftiges gegessen hatte). Der Schlafsaal war riesig, sicher auf jeder Seite 5 oder 6 Betten, ich hatte das 2. auf der linken Seite. In der Nacht suchte ich ein Tempo und bin direkt angemeckert worden, das doch zu lassen. Gott sei Dank war es die erste Nacht, in den anderen Nächten musste der , der nicht schlief eine Stunde mit nackten Füßen auf dem Flur stehen. Die Schritte der Nachtwache habe ich heute noch im Kopf, die ging die ganze Nacht auf und ab. Das Mittagessen war furchtbar für mich, ich kannte und mochte auch viele Sachen nicht, die es da gab, wir mussten aber immer alles essen was auf dem Teller war. Tagsüber sind wir eigentlich nur gelaufen, ich erinnere mich an stundenlange Wanderungen, teilweise durch Schnee. 1x in der Woche gab es eine Mark Taschengeld, die wir dann direkt in Süßigkeiten umgesetzt haben. Wenn man nicht alles direkt aufgegessen hat, lief man immer Gefahr dass jemand anderes sich einfach aus dem Schrank, wo die Sachen "eingeschlossen" waren was nahm. Pakete von Zuhause wurden aufgeteilt. Briefe wurden kontrolliert, man durfte nichts negatives oder irgendwas von Heimweh schreiben. Ich habe sehr viele Briefe und Karten geschrieben, aber dass ich mal einen Brief von Zuhause bekommen hätte, daran erinnere ich mich nicht. Ich hatte immer sehr Angst vor den Untersuchungen, weil uns niemand im Vorfeld sagte, was da passiert. Ein Mädchen verschwand irgendwann auf die Krankenstation, wir haben nie wieder was von ihr gehört. Das war die schrecklichste Zeit meines Lebens, und ich hab mir damals schon geschworen, wenn ich mal Kinder habe tue ich ihnen so etwas nicht an. Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einer Freundin und wir kamen zu dem Schluss, dass wir wohl in der selben Einrichtung gewesen sein mussten. Das einzig gute an der ganzen Sache war, dass die Sommerferien begannen, 2 Tage nachdem ich wieder zu hause war.
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Weber schrieb am 28.10.2020
Wurde mit 3 Jahren dorthin geschickt.
Bei Ankunft musste alles Essen was als Proviant mitgegeben wurde abgegeben werden.
Es gab einheitliche Kleidung für alle Kinder dort.
Einmal während der Nacht eingenässt und Bescheid gegeben deswegen-Folge war, dass ich ohne Unterhose auf dem kalten Flur stehen musste in meiner Erinnerung ziemlich lange. Irgendwann wurde mir eine Bettdecke hingeschmissen dort und ich durfte mich setzen. Musste trotzdem die ganze Nacht auf dem kalten Flur verbringen.
Spaziergänge fanden ausschließlich in der für mich sehr bergigen Umgebung statt. Vll. daher meine Höhenangst heute.
Irgendein Fest gab es auch im Garten.
Kaltes Abduschen gehörte zur Kur.
Postkarten wurden von den Erzieherinnen geschrieben.
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Emma G. schrieb am 28.10.2020
Zum ersten Mal erfahre ich heute, das ich damit gar nicht alleine bin. Und tatsächlich kostet es meinen Fingern gerade Überwindung, etwas zu tippen.
Meine Erinnerungen geben mir aber nichts klares her. Nur die Gefühle toben. Das macht es zusätzlich schwer, das jemand einem glaubt.
Das Einzige was ich klar weiß:
Ich wurde mit ca 9 Jahren in ein Kinderheim auf Westerland Sylt verschickt. Für eine Ewigkeit von sechs Wochen. Begründung: ich war zu klein und dünn. Die Kindergruppen hatten Namen von Farben. Ich war in der braunen Gruppe. Die Ältesten Gold, Silber und Bronze.
Am Abend von der Abfahrt (ich hatte große Angst) ging es mir so schlecht, dass sogar ein Notarzt kam. Weder Arzt, noch meine Eltern ließen von der Entscheidung ab und so musste ich fahren.
Ich weiß, es ging /erging mir dort nicht gut, habe nur Fragmente der Erinnerung und die Sicherheit meiner panischen Gefühle an diese Zeit. Bin ich ein Opfer? Gehöre ich zu euch? Ich weiß es nicht.
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Ralf Grunenberg aus Esslingen schrieb am 28.10.2020
Verschickungsjahr 1977
Ort: Amrum
Name der Einrichtung: keine Erinnerung
Dauer: 6 Wochen

Hallo, ich habe diese Seite und die Aktion dahinter erst kürzlich entdeckt und möchte dies mit meinem kleinen Beitrag unterstützen.

Ich war im Jahr 1977 auf Amrum, keine 7 Jahre alt. An die Zeit habe ich nur bruchstückhafte Erinnerungen - überwiegend negativer Art. Ohne dies jetzt romanartig runterzuschreiben, hier folgende Erinnerungen...

Es gab Essenszwang: wer nicht aufgegessen hat, musste sitzen bleiben, bis der Teller leer war. In Reih und Glied ging es wieder aufs Zimmer und wer nicht ordentlich in der Reihe stand, dem wurde der Kopf gegen die Wand geschlagen - dies durfte ich erfahren. Es gab eine "Betreuerin", die da besonders "intensiv" unterwegs war.
Zum Duschen wurden Mädchen und Jungs gemeinsam in den Waschraum gesteckt, mussten sich dort freimachen und duschen/waschen. Alles ziemlich ruppig und lieblos. Keine Ausnahmen.
Ich erinnere mich aber auch an eine sehr nette Heimleiterin, bei der ich mir alle paar Tage eine Glasampulle mit Vitaminen (so hieß es zumindest) abgeholt habe, die ich direkt bei ihr trinken musste.

Eine andere eher positive Erinnerung war das "Comiczimmer", in dem man sich mit Comics eindecken konnte. Bücher gab es dort wohl auch.

Weitere Erinnerungen habe ich nicht, würde mich aber über andere Leute freuen, die in der Zeit auch dort waren und sich austauschen möchten.

Liebe Grüße
Ralf
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Loki schrieb am 28.10.2020
Ich war wahrscheinlich im Haus Felicitas in Bad Wiessee am Tegernsee, in den Jahren 1963 oder 1964. Ich war damals erst 2 oder 3 Jahre alt, daher habe ich wenige Erinnerungen. Haus Felicitas war damals angeblich das einzige Kindererholungsheim in Bad Wiessee, dass so junge Kinder genommen hat. Ich habe nur so Blitzlichter im Kopf, was meine Erlebnisse betrifft. Einmal haben wir an kleinen Tischen und kleinen Stühlen Mandarinenstücke gegessen, die auf Tellern zu Kreisen gelegt waren.
Ich erinnere mich auch, mit kleinen Holzfiguren gespielt zu haben, kleine Holztierchen, Bauernhoftiere. Zum Mittagsschlaf mussten wir auf Holzklappliegen auf den typischen Balkonen/Galerien liegen, die die Häuser dort heute immer noch haben. Soweit ich mich richtig erinnere, war das Bettzeug blaukariert. Den Rest habe ich vergessen oder verdrängt. Meine Mutter sagt heute, ich wäre dort etwa vier Wochen gewesen. Sie hätte mich vorzeitig abgeholt. Ich hätte an dem Tag in die Hose gemacht, es hätte aber niemanden dort interessiert, ich wäre mit nassen Klamotten herumgelaufen. Der damalige Besitzer des Hauses war laut Gemeinde ein Professor, der in der Nazi-Zeit bei der SA war. Ob er sich tatsächlich selbst um das Heim gekümmert hat, weiß ich nicht.
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2 Kommentare

  1. Liebe Evelyn, ich verstehe dich, aber wir, die wir in der Öffentlichkeit stehen, müssen belegen, dass es die vielen Betroffenen gibt. Dafür gibt es ja das Portal: ZEUGNIS ABLEGEN, da kann man ja sehen, dass es um viele Menschen geht, die dieselbe Erfahrung gemacht haben. Dafür gibt es unsere Fragebögen. Wir versuchen viel und kämpfen mit Argumenten. Und ein Denkmal ist ein Denkanstoß für viele Unbeteiligte und besser als in den Museen weiterhin nur Positives zu den Verschickungen zu lesen. Grüße, Anja

  2. Ich bin sehr entrüstet darüber dass es Menschen gibt die diese vielen Tatsachenberichte betroffener Kinder/ Menschen überhaupt anzweifeln oder versuchen ins lächerliche zu ziehen indem sie gegenteiliges behaupten oder diese Verbrechen abzumildern. Ich benutze absichtlich den Begriff ,,Verbrechen „, denn nichts anderes sind diese Taten und Missbräuche an Kindern bzw. in
    diesem Fall sogar schutzbefohlener Minderjähriger!!!
    Ich bin selbst betroffen und ich habe nun schon mein ganzes Leben mit den Folgen zu kämpfen. Ich bin seitdem einfach noch kränker geworden.
    Ich kann gar nicht nach Borkum fahren und mir Denkmäler begucken. Ich müsste mich übergeben wenn ich an den Ort zurückkehren müsste an dem die Weichen meines Lebens so verderblich gestellt worden sind.
    Hier wurden systematisch Kinderseelen zerstört mit negativen Auswirkungen
    für den Rest des gesamten Lebens.
    Was ??? frage ich jeden Einzelnen…was soll das wieder gut machen???
    Ich bewundere diejenigen die ihre Geschichte und die Geschehnisse
    in die Öffentlichkeit getragen haben und ans Tageslicht gebracht haben…
    Ich habe das Trauma mein ganzes Leben bis Heute nicht überwinden oder aufarbeiten können, trotz Therapien.
    Und…ich verachte diese Menschen die daher kommen und meinen sie könnten diese fürchterlichen Tatsachen, Verbrechen und Leid, einfach verharmlosen oder anzweifeln.
    Weiterhin bin ich der Meinung dass dieses ganze Land und dessen Regierung für diese Schande geradezustehen hat.
    Nicht wir die Betroffenen müssen um Anerkennung betteln!!!

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