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  • Verschickungskinder multimedial

    Verschickungskinder multimedial

    Hiermit möchte ich ein aktuelles universitäres Projekt vorstellen, was an der Hochschule für Medien in Stuttgart aus dem Engagement junger Studierender heraus mit dem Hochschulprofessor Dr. Frank Thissen zusammen entwickelt worden.

    Die Hochschule der Medien ist eine staatliche Hochschule und bildet Spezialisten rund um die Medien aus. Mit rund 30 akkreditierten Bachelor- und Masterstudiengängen deckt sie alle Medienbereiche ab. Im Rahmen einer interdisziplinären Veranstaltung setzen sich im aktuellen Sommersemester 2021 Studierende der Studiengänge Informationsdesign und Informationswissenschaft mit der Thematik Verschickungskinder auseinander und entwickeln auf der Grundlage dieser Auseinandersetzung Medien, die auf die Thematik hinweisen sollen.
    Das Projekt wird von Prof. Dr. Sarah Spitzer und Prof. Dr. Frank Thissen (selbst Verschickungskind) in Kooperation und unter Beratung seitens Prof. Dr. Christiane Dienel (Nexus-Institut) und Anja Röhl (beide im Vorstand des Vereins Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung e.V.) durchgeführt. Zudem besteht ein fachlicher Austausch mit Prof. Dr. Lena Krull (Universität Münster, Historisches Seminar) und Jeanette Metz (Museumsleitung Westfälische Salzwelten), dort auch mit einem Aufarbeitungsprojekt beschäftigt

    In der Projektveranstaltung entstehen zur Zeit drei »Produkte“, die dem Verein AEKV e.V. und der „Initiative Verschickungskinder“ im Juli 2021 zur freien Nutzung, zur Öffentlichkeitsarbeit und für mögliche Ausstellungen in Heimorten zur Verfügung gestellt werden:

    1. Eine Dokumentation über ausgewählte Postkarten und Briefe von Verschickungskindern in kontrastiver Darstellung zum tatsächlichen Erleben der Betroffenen.

    2. Steckbriefe von Verschickungskindern, die in den sozialen Medien (Schwerpunkt Instagram) verbreitet werden, um auch jüngere Menschen auf die Situation von Verschickungskindern aufmerksam zu machen.

    3. Ein virtueller Raum, der ein prototypisches Verschickungsheim darstellt und in dem man sich erkundend bewegen kann. In diesen Raum sind Erfahrungsberichte Betroffener und weitere Informationen integriert.

    Die Basis für alle drei Teilprojekte ist die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik und die Durchführung von Interviews mit Betroffenen.

    Das Projekt möchte damit einen praktischen Beitrag zur Aufarbeitung der Verschickungskinderproblematik leisten und würde sich freuen, wenn die Initiative vielleicht in manchen Heimortgruppen und zusammen mit manchen Kurorten, Ideen dieses Projektes gebrauchen und benutzen könnte.

  • Danke an Dr. Dennis Maelzer, MdL NRW, familienpolitischer Sprecher der SPD,

    Danke an Dr. Dennis Maelzer, MdL NRW, familienpolitischer Sprecher der SPD,

    …der sich sehr für unser Anliegen eingesetzt hat.

    Das Gründungsteam des Vereins „Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW e.V.“ freut sich Folgendes mitteilen zu können:

    Der Ausschuss für Familie, Kinder und Jugend, und der Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW, werden gemeinsam, auf Antrag der SPD, am 07.06.2021, 13.00 – 16.00 Uhr eine Anhörung zum Thema Kinderverschickungen durchführen. Der Antrag der SPD lautet: „Trauma Verschickungskind. Verschickt um gesund zu werden – Demütigung und Gewalt gegen Kinder in Kinderheilanstalten“.
    Die Anhörung wird voraussichtlich als Live-Stream ins Internet übertragen und zudem aufgezeichnet werden. Die Aufzeichnung wird ggf. im Anschluss an die Sitzung im Internet abrufbar sein. Hochrangige Vertreter von ca. 22 Organisationen, die an Verschickungen beteiligt waren, sind eingeladen. Anja Röhl, Bundeskoordination und Detlef Lichtrauter, Landeskoordination NRW nehmen als Sachverständige der „Initiative Verschickungskinder“ teil. Auszug aus dem Antrag der SPD-Fraktion: Der Landtag stellt fest:

    • Im Zuge der Verschickung haben zahlreiche Kinder unvorstellbares Leid erfahren, das bis heute nicht aufgearbeitet worden ist.
    • Staatliche Kontrolle hat in dieser Zeit versagt und damit das Leid der Kinder ermöglicht.
    • Staat, Träger und Selbstverwaltungsorgane müssen sich ihrer historischen Verantwortung stellen und aktiv Aufklärung und Aufarbeitung vorantreiben. Ehemalige „Verschickungskinder“ müssen in ihrem berechtigten Anliegen der Aufarneitung unterstützt werden.
    • Der Landtag erkennt das Leid, das zahlreiche Verschickungskinder erfahren haben an und spricht sein Mitgefühl für erlittenes Unrecht aus.

    Der Landtag beschließt: Der Landtag fordert die Landesregierung auf

    • die Vernetzungsarbeit der Verschickungskinder zu unterstützen, dafür müssen die nötigen haushalterischen Mittel bereitgestellt werden.
    • die Schaffung niedrigschwelliger therapeutischer Hilfsangebote für Betroffene zu unterstützen.
    • den Aufbau einer Geschäftsstelle für die Interessenvertretung der Geschädigten zu unterstützen.
    • zu prüfen, wie die Aufarbeitung der Misshandlungen und Missbräuchein den Einrichtungen vorangetrieben werden kann.
    • zu prüfen, wie die öffentliche Auseinandersetzung mit der Thematik gestärkt werden kann, z.B. mit Informationstafeln an den ehemaligen Einrichtungen.
    • das staatliche Versagen bei der Aufsichtspflicht anzuerkennen und die Geschädigten bei der Aufklärung zu unterstützen.
    • wissenschaftliche Aufarbeitung und damit verbunden Recherche von Wissenschaftlern sowie von Betroffenen in den Archiven staatlicher Einrichtungen und Institutionen zu erleichtern und zu fördern.
    • einen Runden Tisch mit den beteiligten Stellen und Vertretern der Geschädigten einzuberufen und Möglichkeiten der Aufklärung und Unterstützung zu besprechen.
    • auf Ebene der Bundesländer in den Austausch einzutreten, um eine Bundesratsinitiative zur Aufarbeitung zu starten. Die Aufklärung der Misshandlungen und Missbräuche in den Einrichtungen soll vorangetrieben werden.
  • Millionen Kinder wurden verschickt – nichts ist aufgearbeitet

    Millionen Kinder wurden verschickt – nichts ist aufgearbeitet

    So titelt der Münchner Merkur am 7.4.21 zu unserem Thema. In Bayern bewegt sich was: Die SPD-Politikerin Doris Rauscher, die selbst Kind einer Mutter ist, die auch verschickt wurde, sagt, es dürfe nichts mehr verharmlost werden, sie setzt sich vehement für Unterstützung auch auf Landesebene ein und will sich nicht mehr vertrösten lassen. Eine Anlaufstelle für Heimkinder, die jetzt ausläuft, könnte zum Thema Verschickungen weitergeführt werden. Das Thema lässt sich nicht mehr wegdrücken, Millionen sind betroffen. Dies wird ausführlich in zwei Artikeln und einem Interview erläutert und beschrieben. Daneben ein ergreifender Augenzeugenbericht eines Schwesternpaares, Heide und Friedericke Henkel, die 1952 mit drei und sechs Jahren nach Mittenwald, ins Kinderheim Schmalensee verschickt wurden. Beide erlebten grausame Demütigungen, Todesangst und mussten fürchterliche Szenen mitansehen. Heide, die damals drei war, wird von der Autorin des Artikels, Katrin Woitsch, mit den Worten zitiert: „Ich war nur noch ein Bündel Angst!“ Diese Angst hat sie danach ihr Leben lang begleitet. Die Täterinnen von damals sind heute sicher längst tot, so Heide Heinrich weiter, aber wir wollen dafür etwas tun, dass sich so etwas nie mehr wiederholen darf! Deshalb braucht es Anlaufstellen und Unterstützung bei Selbsthilfe, Vernetzung und Aufarbeitung. Diese ist gesamtgesellschaftlich und individuell nötig. In Bayern waren die meisten Verschickungsheime. Unterstützung tut not! Hier für euch der überaus lesenswerte Artikel, mit freundlicher Genehmigung des Münchner Merkur (PDF).

  • Statt Erholung ein tägliches Horrorleben

    Statt Erholung ein tägliches Horrorleben

    Claudia Benz schreibt in der Allgäuer Zeitung am 26.3.21 über Verschickung in Heime ins Allgäu. Dem Schicksal unserer Heimortverantwortlichen für Scheidegg, Petra Keller, die seinerzeit in der Prinzregent-Luitpold-Kinderheilstätte in Scheidegg zu leiden hatte, wird hier nachgegangen und auch viele andere kommen ausführlich in dem Artikel zu Wort (pdf), traurig und ergreifend! Ein Text, der konsequent von den Betroffenenberichten ausgeht. (Pdf mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung.)

  • Verein Aufarbeitung Kinderverschickung Baden- Württemberg e.V. ist online – Herzlichen Glückwunsch!

    Verein Aufarbeitung Kinderverschickung Baden- Württemberg e.V. ist online – Herzlichen Glückwunsch!

    Der Verein Aufarbeitung Kinderverschickung Baden-Württemberg e.V. hat jetzt eine eigene Webseite, ein eigenes Büro, ein tolles Team, unseren ganz Herzlichen Glückwunsch dazu!
    Wir wünschen dem Landesverein Bawü ganz viel Glück und Kraft auf seinem Weg, sich in Baden- Württemberg der allgemein- gesellschaftlichen Aufarbeitung und Aufklärung durch Recherche und der individuellen Aufarbeitung durch Hilfe zur Selbsthilfe voll und ganz zu widmen! Der Landes-Verein widmet sich in Baden-Württemberg der Nachforschung nach Akten von Verschickungsheimen des Bundeslandes, der Unterstützung seiner Heimortgruppen, der Förderung von Recherche, dem Auf- und Ausbau von Selbsthilfegruppen in Orts-, Regionalgruppen und der Landesgruppe, dem Aufbau eines Bawü-Archivs und der Koordinierung all dieser Tätigkeiten. Es bestehen vielfältige Beziehungen zwischen den anderen Bundesländen und überall verstreuten Heimortgruppen. Monatlich beteiligt sich jeweils ein Mitglied des Vereins zwecks bundesweitem Austausch am Aktiventreff der „Initiative Verschickungskinder“ (Jeden letzten Dienstag im Monat, 18 Uhr, per Zoom über: Buko@verschickungsheime.de)

  • Hamburger Studie zu Verschickungsheimen der Ballinstiftung

    Hamburger Studie zu Verschickungsheimen der Ballinstiftung

    In Hamburg wurde am 14.4.21 im Rahmen einer Studie: „Verschickungskuren in den Einrichtungen des Vereins für Kinder- und Jugendgenesungsfürsorge und der Rudolf-Ballin-Stiftung Hamburg 1945 – 1980. Eine Studie zu Erfahrungen ehemaliger Verschickungskinder und strukturellen Hintergründen“ die im Auftrag der Sozialbehörde und der Rudolf-Ballin-Stiftung grade beginnt, ein Betroffenen-Beirat gebildet, Vorsitzende des Beirates sind Peter Krausse von der Landeskoordination Hamburg und Petra Vierecke aus der Initiativengruppe Verschickungskinder Hamburg. Die Ballinstiftung hatte sich vor einiger Zeit für die Taten in seinen Verschickungsheimen entschuldigt.

    Der Beirat hat die Aufgabe darauf zu achten, dass die Forschung die Betroffenenperspektive ernst nimmt. Das Forschungsprojekt hier: https://www.ev-hochschule-hh.de/forschung-und-fortbildung/forschungswerkstaetten/few-erfahrungen-und-hintergruenden-der-verschickungskinder-des-vereins-fuer-kinder-und-jugendgenesungsfuersorge-und-der-rudolf-ballin-stiftung/

    Projektleitung und Kontakt: Ev. Hochschule für Diakonie und Soziale Arbeit in Hamburg. Leitung: Prof. Dr. Johannes Richter, Horner Weg 170, Telefon: 040-65591-371,

    Für alle, die von Hamburg aus in Einrichtungen der Ballinstiftung verschickt wurden. Mail-Adresse: Forschung_Kinderverschickung_eh@rauheshaus.de. und: Johannes Richter: jrichter@rauheshaus.de 

  • Übermächtige Tanten – Bericht im ND

    Übermächtige Tanten – Bericht im ND

    So sahen die Kinder in den Werbefilmen der Kinderverschickungsindustrie aus, die Realität war eine andere. Mit diesem Satz beginnt ein Beitrag von Mira Landwehr über unser Thema, am 14.4.21 im ND, im Zusammenhang mit dem Buch: Das Elend der Verschickungskinder. https://www.psychosozial-verlag.de/3053. Erschreckend wird empfunden, dass das Thema so lange verborgen gelieben war, erschreckend auch, dass sich hier eine solche schlimme Form schwarzer Pädagigik halten und entfalten konnte, empörend aber ist, dass die schon im vorigen Jahr angekündigte Unterstützung unserer Bemühungen um Aufarbeitung dieses Skandals von Bundesseite bisher nicht erfolgt ist. Wir werden mit der Aufarbeitung weiter fortfahren, wir werden nicht locker lassen, wir werden uns weiter organisieren und in vielen kleinen Heimgruppen unseren eigenen Recherchen so lange nachgehen, bis das Phänomen „Kinder-Verschickung“, seine Ursachen, Zusammenhänge und Folgen, allgemeingesellschaftich und individuell, restlos aufgeklärt und aufgearbeitet ist. https://www.neues-deutschland.de/artikel/1150739.verschickungskinder-uebermaechtige-tanten.html

  • Zeitzeugen aus dem Verschickungsheim:  „Haus Schöneberg“ (Wyk a.Föhr) gesucht

    Zeitzeugen aus dem Verschickungsheim: „Haus Schöneberg“ (Wyk a.Föhr) gesucht

    Ort: Wyk auf Föhr, Heim: Berliner Kinderheilstätte Schöneberg, Gmelinstraße 7-13, in Wyk auf Föhr, heute: Behindertenheim, Geschichte: Gegründet 1882, 1935 enteignet und in NSV überführt, nach 45 Träger: Bezirksamt Schöneberg von Berlin, Entsendestellen: Vertragsheim Landesversicherungsanstalten (LVA) und alle Kassen.

    Einst gab es am Nordseestrand in Wyk auf Föhr ein mehrstöckiges Haus mit einem weißen Zaun. Dahinter standen,  auf einer riesigen Glasveranda,  Kinderbetten aufgereiht. Die pralle Sonne bestrahlte die unter weißen Bettdecken liegenden Kinder. Dort machten diese Kinder Liegekuren, um gesund zu werden. „Haben die Kinder es gut!“, dachte die kleine A., als sie dort als Schulkind täglich vorbei lief, „die dürfen schlafen, während ich in die doofe Schule muss“.  Aber seltsam fand sie doch, dass die Kinder so starr dort lagen, sich gar nicht bewegten.  Das war anders, als dieselbe Frau dann viele Jahre später als Oberärztin in demselben Heim tätig war. Angestellt beim Bezirksamt Schöneberg von Berlin, inmitten eines Ärzteteams mit Chefarzt, Oberarzt, Assistenzarzt, Oberschwester und Pflegepersonal, war die einstige TBC-Kinderheilstätte, als die Erkrankungen zurückgingen, lange Jahre mit Verschickungskindern aufgefüllt und schließlich dann, in den 70er Jahren sukzessive in ein Behindertenheim umgewandelt worden.  Ohnehin zog sich, der eigentlich für sechs Wochen geplante Aufenthalt, besonders für Kinder mit Knochen-TBC, teilweise über Jahre hin. Und auch, als es längst ein Behindertenheim war, da gab es noch die Oberarzt-Stelle, den Chefarzt, das Ärzteteam. Frau Dr. K. hat das nie bedauert, denn schließlich sei sie, wie sie verschmitzt im Gespräch mit der Autorin verkündete, jahrzehntelang nur als Behinderten-Betreuerin tätig gewesen, aber immer weiter als Oberärztin bezahlt worden. Der Dienstherr war weit weg, es war das Bezirksamt Schöneberg in Berlin, genauer, das bezirkseigene Auguste-Viktoria-Krankenhaus, dem die Kinderheilstätte verwaltungstechnisch zugeordnet war. 

    Es gibt ein Buch: Der weiße Zaun, (Christa Hengsbach, 2014) da wird über ein Kind aus dieser Zeit berichtet. Aus seinen ursprünglich geplanten sechs Wochen werden acht Jahre. Er verbrachte seine ganze frühe und späte Jugendzeit bis zum Erwachsenenalter in diesem Heim. Er lag im Gipsbett, er kämpfte sein Heimweh nieder, er vergaß seine Eltern und freundete sich mit Bettnachbarn und Betreuerinnen an, die Insel wurde sein Zuhause. 

    Andere erlebten es anders: eine damals sechsjährige Augenzeugin., die 1962 Jahre von Berlin ins Haus Schöneberg verschickt wurde, kam nach den 6 Wochen auch nicht mehr zurück. Die Eltern wunderten sich. Von Monat zu Monat verschob sich die Rückreise. Acht Monate blieb sie in dem Heim. Der Vater insistierte. Das Mädchen kam zurück. Schlimmes hat sie dort erlebt. Die Tanten, wie man die Betreuerinnen nannte, seien der Graus gewesen. Nach einer langen Fahrt durch Dunkel, die sie voller Heimweh durchwacht hatte,  wurde sie brutal in einem großen Baderaum abgeschrubbt. Bis es weh tat. Danach mussten alle sofort ins Bett. Die Tanten waren streng. Es wurde damit gedroht, sie in eine dunkle Kammer einzusperren. Sie hatte so  viel Angst vor den strengen Tanten, dass sie dachte, ihr Leben sei zu Ende. Im Ess-Saal weinten alle Kinder, viele übergaben sich, alle wurden zum Essen ekliger klumpiger Milchsuppen gezwungen. Jeden Tag mussten sie Mittagsschlaf auf dem langen, grauen Balkon machen, sie erinnert sich an stundenlanges Stillliegen auf  Pritschen mit grauen Decken, dazu die Drohungen der Tanten: „Augen zu, Mund zu, still!“. Sie hatte dort keine Freundin, hat sich von aller Welt verlassen gefühlt. Irgendwann war sie willenlos. Die erste Zeit hatte sie Bauchschmerzen, aber niemand hat sich dafür interessiert. Einmal hat ihre Mutter sie dort besucht, sie war in einer Pension in der Nähe des Kinderheims untergebracht. Das Mädchen hat sich an sie geklammert, doch die Mutter musste wieder fahren. Das war ein Alptraum. Sie wurde regelmäßig geröntgt, es wurde ihr Blut abgenommen. Dabei hat sie geschrien, aber keiner hat sie getröstet.  Sie musste viele Medikamente einnehmen, davon hat sie eine leichte Schwerhörigkeit zurückbehalten. Einmal ist sie von der Betonkante der Strandpromenade heruntergestürzt, es tat sehr weh, keiner kam zu ihr. Als sie nach Hause zurückkam war sie eine andere. 

    Auch eine andere Zeitzeugin fand sich auf Wyk, eine Frau B. (Name geändert), sie war mit dabei, als mehrere Mitarbeiter*innen des Hauses Schöenberg Anfang der 80er Jahre aufstanden und sich gegen die rüden Methoden wandten, wie dort mit Kindern umgegangen wurde. Danach soll es einen Prozess wegen Kindesmisshandlung gegeben haben, darüber soll im Inselboten berichtet worden sein. Seltsamerweise fand sich im Inselarchiv dazu nichts. Rätsel um Rätsel um das fern von Berlin liegende Heim, wohin Jahr um Jahr Berliner Kinder verschickt worden sind. 

    Nun soll das Rätsel um das Haus Schöneberg endlich gelüftet werden. Was hatte es auf sich mit der Einrichtung im fernen Wyk? Um was für eine Summe geht es da, die dem Bürgermeister angeboten wurde, damit er den Mund hält? Was ist mit der Oberärztin, die Jahrzehntelang keine ärztliche Tätigkeit ausgeübt hat, aber volle Bezüge erhielt? Wieso wurden Kinder gefesselt nach dorthin verbracht, so dass sich sogar schon Touristen beschwerten und was hat es einstmals für einen Prozess um Misshandlungen gegeben? 

    Der jetzige Stadtrat für Jugend, Umwelt, Gesundheit, Schule und Sport von Tempelhof-Schöneberg, Herr Oliver Schworck, SPD, will es aufklären. Nachforschungen im Stadtarchiv unterstützend begleiten. Er selbst war auch einmal in solch einem Verschickungsheim. Da hat man ihn grausam zum Essen gezwungen. Die ganze Atmosphäre war kalt, streng und angstbesetzt.  Heute möchte er sich als Stadtrat von Tempelhof-Schöneberg konkret dafür einsetzen, dass das Rätsel um das Haus Schöneberg gelöst wird. Was war es für ein Heim, das aus dem Budget des Bezirks Schöneberg so viele Jahrzehnte bezahlt worden war? Wo, wie er von der Initiative Verschickungskinder aus einem Dokument erfuhr, Kinder und Jugendliche aus Berlin „gefesselt verbracht“ worden sind, worüber sich „wiederholt Touristen beschwert“ hätten.   Welche kaltherzigen Menschen arbeiteten dort mit Kindern, w ? Was hatte sie so kalt werden lassen?  Er verspricht, sich dahinter zu klemmen, die Zustände dort mit aufdecken zu helfen.  Der Vergangenheit muss hinterher geforscht werden, sonst kann man nichts für die Zukunft lernen. So etwas darf nie wieder geschehen. 

    Außer der Suche nach Akten, suchen wir Zeitzeug*innen. Welche Menschen sind noch in den 50er bis 70er Jahren, als sie Kinder waren, von Berlin aus ins Haus Schöneberg transportiert worden und möchten über ihre Erfahrungen sprechen? Meldet euch beim Stadtrat Oliver Schworck oder der Berliner Gruppe der Initiative Verschickungskinder: berlin@verschickungsheime.de

    Das Haus Schöneberg wurde von allen Berliner Bezirken belegt und es gab auch diverse andere Heime im ganzen Bundesgebiet, in die Berliner Kinder verschickt wurden.  Die Berliner Gruppe der Initiative Verschickungskinder (berlin@verschickungsheime.de) freut sich über Kontaktaufnahme von allen Betroffenen und Zeitzeug*innen. Wir haben In Berlin eine Selbsthilfegruppe und einen Aktiventreff. Ankündigung unter TERMINE auf der Seite: www.verschickungsheime.de

  • Das Kindererholungsheim Schmalensee / Mittenwald

    Das Kindererholungsheim Schmalensee / Mittenwald

    Eines von zahllosen bayrischen Verschickungsheimen ist das Haus Schmalensee in Mittenwald, dies wurde lange Zeit betrieben von Agnes Häußler, später weitergeführt von ihrem Sohn Edgar Häußler. Aus diesem Heim liegen uns erschütternde Berichte mehrerer Augenzeugen vor, sowohl aus der Epoche der Agnes Häußler, als auch aus der Epoche von Edgar Häußler. Eine Heimortgruppe dieses Heimes existiert bei uns unter HEIMORTKOORDINATION, Agnes Häußler besaß drei Schäferhunde, diese bekamen von der Köchin besseres Essen vorgesetzt als die Kinder. Diese Hunde liefen oft frei auf dem Gelände herum und haben mehrmals Kinder gebissen. Ein Augenzeuge erinnert sich daran, dass er am ersten Tag seiner Begegnung mit der Heimleiterin Agnes Häußler als 4-jähriges Kind nur deshalb eine heftige Ohrfeige verpasst bekommen hat, weil er wagte: „Ich will…“ zu sagen. Bei Überbelegung und Tellermangel wurden die Hundenäpfe auch mal an die Kinder ausgeteilt.

    NS-Geschichte

    Das Haus hat eine NS-Geschichte: ​Das Gebäude war Teil des ehemaligen Areals der NS-RAD (Reichsarbeitsdienst/nach 1945 Flüchtlingslager) durch eine Anbau-Erweiterung von 4 Zimmern und Waschraum wurde es 1958 zu einem Kinderheim (Bauherrin: Agnes Häussler) umgebaut, der Architekt war Alfred Karl Matuella (Quelle: Archiv für Baukunst, Uni Innsbruck, Internethomepage, leicht findbar). ​​Agnes Häussler war von 1960-1976 Heimleitrein, nach Aussage einer anderen Augenzeugin soll sie in der NS-Zeit Ärztin gewesen sein, geboren ist sie 1912, mit dem Geburtsnamen Koll, gestorben ist sie 1976, seit 1945 gibt sie als Beruf an: Säuglingspflegerin. Laut Recherchen der Historikerin Gabriele Bergner (Berlin-Teltow), die für die Heimortgruppe Schmalensee in der „Initiative Verschickungskinder“ recherchiert hat, hatte sie folgende NS-Funktionen: ​1933 war sie in der NS-Frauenschaft, 1940 in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (dort Bereiche wie NS-Kinderverschickung seit 1940, arische Kindergartenbetreuung, arische Mutterkindbetreuung.

    TV-Sendung in Bayrischem Rundfunk

    In der kürzlich in der Abendschau im Bayrischen Rundfunk ausgestrahlten Dokumentation erinnert sich die Augenzeugin Tanja, unsere Heimortverantwortliche, eines traumatisierenden Aufenthalts. Sie hat noch Jahrzehnte nach dem Aufenthalt Herzrasen, als sie aus dem Auto steigt. Im Kinderkurheim Haus Schmalensee sollte sie zunehmen, sechs Wochen lang. Im Filmbericht kommen Tanja viele Erinnerungen: Es gab das Verbot auf die Toilette zu gehen, so passierte ihr es. Zur Strafe für das „Bettnässen“ sei sie eiskalt mit einem sehr harten Gartenschlauch abgeduscht worden. Sie erzählt: „Wir mussten uns nackt ausziehen. Man hat uns sehr weh getan, man durfte sich auch nicht wegdrehen, die haben überall hin gespritzt. Ein anderes Mädel und ich, wir lagen zusammengekrümmt auf dem Boden. Die Tanten haben dann alle Kinder gerufen und die mussten dann auf uns einschlagen.“

    Die SPD in BAYERN fordert Studie zur Aufarbeitung

    Die SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag fordert von der Bayerischen Staatsregierung, dass die Geschichte der Kinderkurheime in Bayern, aus dessen Bundesland uns schlimme Erinnerungsberichte auf unserer Internetseite (www.Verschickungsheime.de) vorliegen, in einer Studie systematisch aufgearbeitet werden soll. Die sozial- und familienpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Doris Rauscher will dadurch herausfinden, wie viele Verschickungskinder damals schlechte Erfahrungen gemacht haben und welche Hilfen die Betroffenen brauchen. Das Bayerische Sozialministerium verweist auf Pläne der Jugend- und Familienministerkonferenz für eine bundesweite Lösung. Viele Unterlagen sind angeblich vernichtet, aber in bayerischen Archiven existieren laut TZV-Bericht Abendschau BR, noch Akten zu Kinderkurheimen: Über Ermittlungsverfahren gegen Heimpersonal, sowie über die Verurteilung einer Heimleitung wegen „Misshandlung Schutzbefohlener“.

    Die Zeitzeugen der „Initiative Verschickungskinder“ wünschen sich nicht nur in diesem TV-Beitrag eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Kinderkurheime unter Zugrundelegung der Augenzeugenberichte der Betroffenen. Es muss für alle aufgearbeitet werden. Ohne restlose Aufklärung werden sich die Fehler aus der Vergangenheit bis in die Zukunft hinein halten.

    (Zeugen-Zitate aus eigenen Recherchen und aus der Sendung)

    Anja Röhl

    [teaserZeugnissSuche linktext=“Für dieses Heim wurden unter Zeugnis ablegen ###ERGEBNISS### Einträge gefunden“ suche=“Schmalensee“ linktextforum=“Auch im Forum gibt es schon ein paar Kinder aus dem Heim (Login)“ ]

  • Das Elend der Verschickungskinder aus Sicht eines Experten

    Das Elend der Verschickungskinder aus Sicht eines Experten

    Prof. Dr. Peter Ulrich Wendt, Hochschullehrer an der Universität Magdeburg-Stendal für Soziale Arbeit hat ein erstes gründliches Fachurteil gefällt. Das Elend der Verschickungskinder gehört beachtet und aufgearbeitet und es gehört als ein wichtiges Forschungsgebiet in den Bereich der Sozialen Arbeit, die den Bereich der Gesundheitspädagogik bisher zu wenig in den Blick genommen hat. Damit haben wir erreicht, dass wir neben der Presse und der Politik auch zunehmend die Fachwelt von der Bedeutung unseres Anliegens überzeugen.