Positive Erinnerungen an Kindererholungsheime, Kinderheilstätten und Kinderkurheime
Titelbild Elternratgeber: Mit Kindern an die See, 1987
Es hieß 50 Jahre lang, die Verschickungen seien „das Beste“ für die Kinder gewesen, inzwischen haben sich aber mehr als 50.000 Betroffene mit Erinnerungen an Demütigungen, Angst und Gewalt bei der Initiative Verschickungskinder in einem Gästebuch und einem Fragebogen, in anderen Foren, sozialen Medienkanälen, auf Petitionen und auf Journalisten- und Wissenschaftler-Aufrufe gemeldet und man hat darin ein System immer gleicher Gewalt erzeugender Bedingungen in diesen besonderen, oft sehr abgelegenen Pflegeeinrichtungen, mit nur wenig ausgebildetem Personal, erkannt. Das ist auch wissenschaftlich, durch Aktenfunde belegt worden. Betroffene aus den Zeiten der Verschickungen, wo jedes Jahr 350.000 Kinder in diese Heime gefahren wurden, von etwa 1950 bis 1989 und noch aus manche dieser Einrichtungen, bis in die 90er Jahre, erinnern sich schmerzhaft an einen hartherzigen, angsterregenden Umgang mit ihnen, an Demütigungen und Gewalt in diesen weit abgelegenen Einrichtungen ohne Elternbesuchsrecht. Als wir begannen, uns dem Thema der traumatischen Erinnerungen von Verschickungskindern zu nähern, waren wir erstaunt über die zahllosen, überaus detaillierten Berichte von angsterfüllten Verschickungsaufenthalten und erlebter Gewalt. Kinder, meist unter 6 Jahren, wurden zu Hunderten allein, ohne ihre Eltern, über 6 Wochen, zwischen 1946 und 1990, in weit entfernt liegende Kindererholungsheimen und -Heilstätten aller Bundesländer verbracht. Erlebnisschilderungen darüber wurden uns ungefragt zugesandt und sammeln sich seither öffentlich auf unserer Webseite in unserem Gästebuch, 2776 (am 27.5.25) und anonym in einem Fragebogen, wo es schon weit über 15.000 sind, die ihre Geschichte unserer Webseite und selbstbestimmten Forschung zur Verfügung gestellt haben. Wir zensieren nicht, wir kürzen nicht, wir schalten nur frei und sammeln. Es sind Erinnerungs-Schilderungen von Demütigungen, körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt und starken Angsterlebens. Diese Berichte sind zumeist von Menschen, die zum ersten Mal mit unserer Initiative in Kontakt kommen und erfahren, dass sie mit ihren schmerzlichen Erfahrungen nicht allein sind, sondern Teil einer sehr großen Gemeinschaft von Betroffenen. Oft ist dann der erste Impuls, das selbst Erlebte aufzuschreiben, Zeugnis abzulegen. Auch auf unserer Petition bei change.org gibt es über 49.000 Menschen, davon zahllose Betroffene, die in ihren Kommentaren von ihren eigenen negativen Erlebnissen berichten, dasselbe in zahlreichen facebookgruppen mit Tausenden von Mitgliedern.
Es ist also seit dem Beginn unserer Initiative immer deutlicher geworden, dass die Kinderverschickung System hatte und dass in ihr eine „Subkultur der Gewalt“ (Hans Walter Schmuhl (2023): Kur oder Verschickung: Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Dölling und Galitz, München, S. 249) herrschte. Alle bisherigen wissenschaftlichen Studien bestätigen, dass im Rahmen der Kinderverschickungen Gewaltbedingungen durch vielfältige institutionelle Ursachen gegeben hat.
Manchmal werden in den Berichten, die uns vorliegen, äußere Bedingungen als tröstend empfunden: Sommer und Strand, Wald und Berge, Festlichkeiten, Aufführungen oder gemeinschaftliche Aktivitäten wie Singen, Spielen und Wandern. Trotzdem gibt es auch bei solchen positiven Erinnerungen oft zusätzliche Erinnerungen an Angst- und Gewaltsituationen, die ihnen selbst passiert, oder die die betreffenden beobachtet haben. Wir wollen einen umfassenden Einblick in das Geschehen während der Verschickungen erhalten. Dafür sind auch positive Erinnerungen wichtig. Denn oft können sie zeigen, durch welche Zufälle Kinder getröstet werden konnten, und manchmal widerstandsfähiger und resilienter gegen die negativen Erfahrungen wurden, oft in der Art, dass sich ein kritisches Bewusstsein gegenüber Kindesleid entwickelte. Es reichte manchmal eine heimliche Freundin, eine mitfühlende Praktikantin. Das ändert aber nichts daran, dass die Bedingungen in bisher allen uns bekannten Verschickungsheimen, also Kinderheilstätten und Kindererholungsheimen mit 6-Wochenkuren, zu denen wir und inzwischen viele andere recherchiert haben, in ähnlicher Weise angsterzeugend und gewalterzeugend auf Kinder und Personal gewirkt haben. 50 Jahre lang war der Diskurs zu Kindererholungsaufenthalten durchgehend positiv besetzt, Heimbetreiber, Mitarbeitende dieser Institutionen feierten ihre eigenen positiven Erinnerungen. Sie tun das noch. Ehemalige Mitarbeiter kommen mit Fotoalben und zeigen lachende Kinderfotos herum, sie beschreiben, wie gut der Zusammenhalt der Mitarbeitenden untereinander war, oft erzählen sie, wieviel sie miteinander gelacht haben und wie fröhlich alles war. Wir als Betroffene ertragen solche Begegnungen und Erzählungen nur sehr schwer. Aus der gleichen Zeit, wo wir die schmerzhaftesten Erinnerungen in uns haben, erzählen sie vom Spaß, den sie untereinander und mit den Kindern hatten. Unseres Erachtens ein Zeichen für Abspaltung von traurigem Kindeserleben, dass sie damals übersehen haben und heute nicht wahrhaben wollen. Auch für das Fehlen von Empathie, für ein nachträgliches „Schönen“ dieser Zeit. Wir freuen uns über jede Mitarbeiterin, die ihre Zeit damals kritisch hinterfragt, oder die ihr damaliges Vorgehen gegen die Kinder bereut, solche Briefe erreichen uns, das bewegt uns tief. In Bädermuseen und Elternratgebern war man viele Jahrzehnte lang des Lobes voll, kritische Worte, wie etwa Eltern- oder Erzieherbeschwerden oder auch kinderärztliche Kritik wurden fünf Jahrzehnte von Heimbetreibern und Behörden nur wenig beachtet, sie wurden bagatellisiert und sogar bekämpft (Röhl, A. in Sozialgeschichte offline, 2022, Heft 31/2022, S.61-100: Kindererholungsheime als Forschungsgegenstand. Erwachsene Zeitzeugenschaft am Beispiel eines Beschwerdebriefes im Adolfinenheim auf Borkum, auchonline verfügbar)
Nun, wo sich das erste Mal, nach 50 Jahren, die Betroffenen selbst zu Wort melden, brechen oftmals lange, nur im Privaten geäußerte Erinnerungen an Beschimpfungen, Schmerzen, Scham, Angst und Gewalt auf. Die Menschen beschreiben dabei detaillierte Szenen in Ess- und Schlafräumen und wissen noch, wo ihr Bett stand und wie an einem bestimmten Tag das Licht durch die Vorhänge fiel. Sie beschreiben Gerüche, an den Schlafsaal, den Waschraum, das Essen, Farben, gestochen scharfe Filmszenen ihrer traumatischen Erlebnisse und erleben dabei erneut tiefe Gefühle von Angst und Bedrohung. Andere haben schwere Körpersymptome und Alpträume, die sich durch bestimmte Fakten auf Verschickungserfahrungen zurückführen lassen. Sie alle erleben einen ungeheuren Kräftezuwachs aus dem Gefühl, nicht mehr allein mit ihrem Leid und nicht schuld daran gewesen zu sein, sie engagieren sich in gegenseitigem Austausch, in Beratung, Vernetzung und Recherche, sie streben an, mehr über diese Einrichtungen herauszufinden. Und haben es getan, die ersten Recherchen und Forschung zu diesem Thema kamen von Betroffenen.
Niemand sollte das Leid der Verschickungskinder, was sich seit 2019 zehntausendfach öffentlich geäußert hat, kleinreden wollen, kein einziger positiver Bericht sollte denjenigen, die als Kinder in diesen Einrichtungen gelitten haben, das Leid absprechen. Alle Menschen, die das Glück hatten, solches nicht zu erleben, sollten sich solidarisch zeigen.
Seit 2019 erstmalig tausende von Menschen ihre traumatischen Erlebnisse öffentlich gemacht haben, gab es keinen Sturm der Entrüstung von ebenso vielen Menschen, die es anders erlebt hatten, stattdessen brach eine Lawine von verzweifelten, schmerzhaften und angsterregenden, oft das ganze Leben bestimmenden schlimmen Erinnerungen sich Bahn, und nur sehr selten meldeten sich Menschen mit auch positiven Erlebnissen in der Verschickung. Diese wenigen positiven Erinnerungen von Menschen an Verschickungen, stehen in keinem Verhältnis zu den vielen Tausenden, die es traumatisch empfanden. Sie dürfen nicht dazu benutzt werden, diejenigen Erlebnisse zu relativieren, die von Leid berichten. Das passiert aber dadurch, wenn in einer Austellung über das Verschickungsleid 5 negative Erinnerungen, gegen 5 positive Erinnerungen gestellt werden, was suggeriert, dass das Verhältnis sozusagen „ausgeglichen“ war. Das bedient das alte Narrativ, was uns aus den Werbebroschüren der 60er – 80er Jahre entgegenschallt. Was seither herausgefunden wurde, ist aber etwas anderes: Der Alltag in den bisher untersuchten Heimen war objektiv für Kinder, aus vielerlei Gründen, sehr oft und über zahlreiche Einrichtungen verteilt, schädlich und traumatisierend. Jede schlimmen Erinnerung daran muss ernst genommen und ihr muss nachgegangen werden. Nicht im Kind liegt der Schlüssel, dass es zu „empfindlich“ war, oder aus einem schwierigen Elternhaus kam, sondern in den speziellen Bedingungen des Heimes, in dem dieses Kind gelitten hat. Strafbücher, Unterbesetzungs- und Überbelegungszahlen, Information über die Ausbeutung der Mitarbeiter, Jugendamtsbeschwerdeakten über den Mangel an Toiletten, Fachpersonal, das schlechte Essen, den mangelnden Spielraum, NS-Reliquien zu Vorstellungen von strafender Erziehung, in historischen Fachbüchern, sowie Beschwerdebriefe, und Erinnerungen damals erwachsener Zeitzeugen, sowie Belege für illegale medizinische Handlungen und pharmazeutische Testungen, zeugen davon, und belegen, dass die schmerzhaften Erinnerungen der Verschickungskinder keine Phantomgespenster sind. Keine positive Erinnerung kann und darf das relativieren. Das Forschungsziel muss heute, oft mehr als 50 Jahre nach den Taten, sein, die Ursachen und Bedingungen dieser Gewalt in den Einrichtungen der Kinderverschickungen, objektiv aufzuklären, allen Hintergründen nachzugehen und genaueste Analyse zu betreiben.
Anja Röhl, Christiane Dienel, für den AEKV e.V., dem wissenschaftlichen Begleitverein der Initiative Verschickungskinder e.V.
Ich habe als Erwachsene erst die Diagnose Aspergerautismus bekommen, das heisst, ich war ziemlich wehrlos und verstand nicht so recht, was geschah. Die Welt war vorher schon bedrohlich gewedsen, im Kurheim wurde sie eine Hölle. Es dauete sehr lange, bis ich mich erholte, und ich glaube, ich wurde als Kind schon schwer depressiv.
Als ich nach Hause kam, habe ich nur geweint, doch meine Eltern haben nicht groß reagiert und auch nie Beschwerde eingelegt.
Als ich 6 Jahre später aber in ein anderes Kurheim kam , sind sie mitgefahren und haben mich hingebracht, daher glaube ich, dass sie mich doch ernst genommen haben.
Ich finde es sehr erfreulich, dass es Menschen gibt, die sich um die Aufarbeitung der missbräuchlichen Handlungen bemühen. Herzlichen Dank dafür !!!
Andrea
Es war Ende der 70er Jahre, als es hieß, das Kind muss sich mal richtig von allen familiären Strapazen (Scheidung der Eltern) erholen, allgemeine Roborierung heißt der Fachausdruck. Der Kontakt zum Heim kam über unsere Nachbarin, die beim Caritas Verband gearbeitet hat, ein anderes Mädchen aus unserem Haus durfte auch mit.
Wir waren um die 10 Jahre alt, als wir in den Zug gesetzt wurden. Im Heim angekommen kann ich mich an einen Käfig im Flur erinnern, in dem ein kleines Äffchen lebte. Es gab mehrere, kleine Schlafsääle mit alten, quietschenden Metallbetten. Beim Schlafen wurde uns befohlen, uns nicht zu bewegen, damit wir niemanden stören. Somit trauten wir uns alle nicht, fest einzuschlafen aus Angst, wir könnten das Bett zum Quietschen bringen.
Es gab eine Gruppe von Mädchen dort, eine ältere und eine jüngere Erzieherin und andere Angestellte. Die alte Erzieherin war schroff, streng und brutal, die jüngere etwas milder.
In der Gruppe waren alle Mädchen ziemlich dünn und sollten zunehmen, ich war (schon immer) etwas kompakter und sollte abnehmen. Beim Frühstück gab es für die dünnen Mädchen Brötchen mit Butter und Schokostreußeln mit Kakao, für mich Schwarzbrot mit Margarine (als hätte Margarine weniger Fett!!!) mit Marmelade und Tee.
Wenn die Eltern Naschpakete geschickt haben, wurden diese geöffnet und an alle, außer, Sie ahnen es schon, mich, verteilt.
Ab und zu ging es an den Strand zum Baden, und wenn die Zeit vorbei war, wurden die Kinder mit einem Megaphon aus dem Wasser befohlen: "Alle raus aus dem Wasser, nur Romana bleibt noch länger im Wasser, die muss abnehmen!" Danke, jetzt weiß der ganze Strand Bescheid.... . Es war mehr als nur peinlich!
Und ich kann mich noch einen Ausflug in die Dünen erinnern, eigentlich ganz lustig, doch wenn man ausserhalb der terminierten Pausenzeiten um etwas zu Trinken bat, wurde dieses barsch abgewiesen. Warte, bis alle trinken!
Mein Freundin und ich waren so unglücklich, wussten, dass wir von unseren Eltern keine Unterstützung erwarten konnten, und so haben wir den Plan geschmiedet, die Kasse zu stehlen, um uns dann Zugtickets nach Hause kaufen und abhauen zu können. Wir haben nur leider die Kasse nicht gefunden.
Mein einziger Lichtblick in dieser Zeit war die Tochter des Hausmeisters, die das Down-Syndrom hatte und einfach nur aufmerksam und liebevoll war.
Wenn es hier heißt, man möchte keine Entschuldigung, keine Entschädigung sondern nur Gewissheit, dass alles so stimmte, kann ich das teilweise gut nachvollziehen. Dennoch: Ich möchte eine Entschuldigung des Caritas Verbandes für so eine grausame Einrichtung unter dem Deckmantel der katolischen Kirche.
Klasse, dass es diesen Kongress gibt, ich hoffe auf viel Aufklärung auch seitens der Träger dieser sog. Kindererholungsheime! Ich bin dabei....
Im Jahr 1964 kam ich in die Lungenheilstätte Kutzenberg im Landkreis Lichtenfels.
Vieles habe ich im Laufe der Jahrzehnte vergessen oder verdrängt. Nachfolgendes werde ich aber nie vergessen können.
Die ersten 6 Wochen (oder war es noch länger?) durften mich weder Eltern oder Geschwister besuchen, um mir das „Eingewöhnen zu erleichtern“. Auch Briefe oder Päckchen wurden in dieser Zeit nicht ausgereicht.
Das Personal bestand aus Nonnen, deren Orden ich nicht mehr mit Bestimmtheit benennen kann.
Im Schlafsaal waren ca. 12 Kinder untergebracht. Wieviele solcher Säle es gab kann ich nicht mehr sagen.
Es gab streng geregelte Zeiten. So durfte man nach dem Zubettgehen nicht mehr aufstehen, auch nicht um zur Toilette zu gehen.
Eines Abends verspürte ich einen starken Harndrang. Da ich mich nicht einnässen wollte, habe ich Taschentücher als Windel benutzt und unter das Bett entsorgt. Dies blieb natürlich nicht unentdeckt. Zur Strafe hat man mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und ich musste nackt, für eine Stunde, im kalten Badesaal, frierend über einem Bodenablauf stehen.
Zum Mittagessen bekamen wir jeweils einen Esslöffel mit Lebertran in den Mund verabreicht. Einmal konnte ich den Geschmack nicht mehr ertragen und habe mich erbrochen. Das Erbrochene musste ich dann aufessen.
Im Speisesaal durfte auch nicht gesprochen werden. Wurde das Schweigen gebrochen, wurde mit Züchtigungen reagiert. Bestraft wurde auch, wenn nicht aufgegessen wurde.
Briefe an die Eltern wurden zensiert. Wir mussten Passagen die nicht passend erschienen, nach Diktat abändern. Unsere Eltern dachten deshalb, uns geht es super und waren beruhigt.
Insgesamt war ich über 6 Monate in dieser Hölle.
Ich wünsche allen, die ähnliches erleben mussten, alles erdenklich Gute.
erst heute bin ich durch einen Artikel in unserer Zeitung auf diese Seite aufmerksam geworden. Ich kann kaum glauben, dass diese Vorfälle fast normal waren und jetzt ans Licht kommen. Als Kind traut man sich nicht, so etwas zu erzählen.
Mit etwa 5 Jahren war ich in einem Kinderheim im Schwarzwald, Königsfeld (wenn ich mich richtig erinnere. Das ist jetzt fast 60 Jahre her, aber bis heute kann ich den Geruch von gekochtem Valiiepudding nicht ertragen. Die Erlebnisse, dass Kinder verprügelt wurden, die beim Frühstück nicht schnell genug ihren Suppenteller voll von diesem schnittfesten Vanillepudding aufaßen, ebenso wie an Kinder, die ihr Erbrochenes wieder essen mussten, verfolgen mich bis heute.
Obwohl ich schon lesen und schreiben konnte, durfte ich weder die Post meiner Eltern selbst lesen und schon garnicht an sie schreiben.
Wer beim Mittagsschlaf kicherte (was bei kleinen Mädchen nun eben so ist), wurde an den Haaren oder den Ohren gezogen...
Kennt jemand diese Heim?
Meine Mutter ist kurz darauf gestorben, mein Vater auch. Ich habe immer Probleme mit Essen, kann nur kleine Portionen essen, beim Zahnarzt musste ich mich schon immer übergeben, wenn er zu tief in den Rachen kam.
Ich habe immer zuviel gearbeitet, habe aber drei fröhliche erwachsene Kinder mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und guter Ausbildung. Leider war ich trotzdem mein ganzes Leben als Alkoholiker (Pegeltrinker) unterwegs, als Pegeltrinker kann das alltägliche Leben gut funktionieren. Es merkt niemand. Jetzt bin ich seit 5 Jahren trocken, dafür sind die Depressionen gekommen, die ich vorher weggetrunken hatte.
Ich bin am liebsten alleine und nicht gerne mit Menschen zusammen.
Meine psychischen Probleme sind sicher auch durch den frühen Tod meiner Eltern hervorgerufen, aber ein Trauma war Bad Harzburg sicherlich. Ich habe ein Foto von kleinen Mädels vor dem Heim, mit "Tante Heidi" und ich bin ein kleines süßes Mädchen, das muss ich mir immer sagen. Ein kleines verletzliches Wesen. Meine Mutter hat auf die Rückseite alle Namen notiert, mit dem Zusatz: zur lieben Erinnerung an meinen Kuraufenthalt in Bad Harzburg, den 5.02.63. !!!
Den Namen des Hauses weiß ich leider nicht mehr.
Sabine Koopmann
ich war 1950 9 Jahre alt. Gerade war ein Brüderchen bei uns angekommen. Da verschickten mich meine Eltern in ein Kinderkurheim auf die Insel Spiekeroog. Das war schon schlimm, allein weil nun ein Baby in der Familie war, wurde ich weg geschickt....dachte ich. Auch dort musste das Erbrochene noch einmal gegessen werden. Was wir Kinder damals als völlig normal ansahen. Zuhause war sowas ja noch nicht passiert....also konnten wir doch das nicht als widerwärtig empfinden. Wir Kinder hielten das für normal.
Ich hatte Asthma und wenn ich stark hustete, dann wurde ich auf den Dachboden verfrachtet. Dort lag ich dann auf einem Heusack und konnte mich im Höchstfall mit einem nicht bezogenen dünnen Federbett zudecken. Im schlimmsten Fall hatte ich gar keine Zudecke.
Hat man sich mal eingenässt...aus Angst...dann wurde das Höschen als Trophäe an einem Pfeiler aufgehängt, damit das alle sehen konnten. Ein sauberes Höschen gabs nicht, dann liefen wir eben unten rum nackend durch die Gegend. Für uns Kinder war das alles völlig normal.
Ich habe dort nicht viel geweint, weil ich alles hinnahm, was geschah. Ich dachte doch immer, das alles völlig normal war. Zuhause erzählt, wurde mir später nicht geglaubt. Es konnte doch nicht sein, was nicht sein durfte.
Dieses Martyrium MUSSTE ich und auch die Anderen, 6 Wochen aushalten. Danach wurde mein Asthma immer schlimmer. Inzwischen ist aus dem Asthma COPD geworden.
Erst mit 50 habe ich das alles in einer Therapie aufarbeiten können. Auch als Erwachsene habe ich alles hingenommen, was andere als ungerecht oder unzumutbar empfanden, hielt ich für völlig normal. Auch später in meiner Ehe. Ich war eine stille Dulderin.
Ich bin nun 76 Jahre und seit über 20 Jahren frei von dem Gedanken, alles ertragen zu müssen. Ich habe in der Therapie gelernt mich zu wehren.
Du kannst dir schon mal die Schlafanzughose runterziehen. Du auch und du und alle die gesprochen hatten.Dann gab es Schläge mit einem Badelatschen auf den nackten Hintern.Dabei ist auch mal ein Latschen gerissen! Das verfolgt mich noch heute.
Liebe Grüße Heike Heine
ich bin Jahrgang 1951, aus dem Südwesten Deutschlands und mußte 1958/59 über Winter als evang.Kind wg.Tuberkulose in ein Lungensanatorium für Kinder in den kathol.Hotzenwald. Das Sanatorium in Stieg/ Oberalpfen bei Waldshut wurde geführt von Nonnen mit freien Erzieherinnen,Tanten genannt. Ich habe dort schöne Dinge erlebt und grausame, besonders die mit Pädagogik zu tun hatten. Um der Wahrheit willen hier erst die schönen Dinge.
Das Heim lag abseits vom nächsten Dorf, ein wunderschöner Wald ums Haus ( dort entstand meine Liebe zum Wald) Wir wurden von einem nahen Bauernhaus mit versch.Essen versorgt, das ich als gut u.abwechslungsreich in Erinnerung habe. Auch zum Hausmeister mit seinem Hund hatte ich eine gute, quasi ausgleichende Beziehung. Er war sehr verständnisvoll. Wir haben oft auch schöne Wanderungen im verschneiten Wald gemacht ( frische Luft) und hatten auf der offenen Veranda unsere "Liegekuren" bei denen uns Märchen vorgelesen wurden. Dieses große Märchenbuch aus einem österr.Verlag habe ich in den 90ern gesucht und dann per Zufall bei einer angeheirateten Verwandten gefunden und abgekauft. Es hat etliche unbekanntere Märchen in denen der auf zwei Seiten geschriebene Text umrahmt war mit wunderschönen Illustrationen.
Auch hatten wir dort Schulunterricht ( 2 Klassen zusammen) und als wißbegieriges Kind mußte ich so kein Schuljahr nachholen. Auch haben wir dort " freche" Lieder gelernt.
Jede Medaille hat zwei Seiten.
Nun zu den perfiden, grausamen, unchristlichen Geschichten, die geschahen, und für die ich hier NUR Zeugin sein will, keine Anklägerin mehr. Ich habe kein Traumata zurückbehalten, habe den Personen auch mittlerweile verziehen.
Ich will nur zur Glaubwürdigkeit beitragen, denn auch mir wurde von meiner geliebten Mutter zuerst nicht geglaubt. Das schreibe ich der Autoritätshörigkeit zu, zu der die Generation meiner Eltern erzogen wurden.
In kurzen Zügen die "schwarze Pädagogik" ( Buch Alice Miller Schweizer Kinderpsychologin) des von kathol.Nonnen geführten Haus:
- bei den Liegekuren auf der offenen Veranda im Winter wurden wir bis zum Hals, die Arme am Körper in eine Wolldecke eingewickelt und lagen auf wie Feldbetten aussehenden Liegen hingelegt und mussten still sein, ein Märchen wurde vorgelesen u.dann auf Kommando schlafen. Redete ein Kind mit dem Nachbarkind, wurde ihm das Kopfkissen entzogen und auf das Gesicht gelegt.
Was aber schlimmer war, war das, daß Kinder die Wasserlassen mußten gezwungen wurden in die Hose zu machen, man kann sich vorstellen was das nicht nur seel.sondern auch physisch bedeudete bei Kälte.
-jeden Montag war ein Brief an die Eltern zu schreiben, natürlich zensiert. Als Kind mit stark ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, schrieb ich natürlich über die unsäglichen Vorkommnisse und mein Heimweh u.diese Briefe wurden solange zerrissen, bis sie den Tanten gefielen.Verlogenes Blablabla.
- Besuch war wochenlang verboten, als aber meine Mutter mit ihrer Freundin, die ein Auto hatte, mich besuchen kam vor der Zeit, hat man mich im Schlafsaal eingesperrt, die Fenster verriegelt und ich weinte und schrie nach ihnen hinter den verschlossenen Fenstern. Sie liesen mich nicht zu ihnen, wenigstens konnte ich noch winken, aber meine Mutter weinte und ihre Freundin gestikulierte empört gegen die Nonne.
-Da bei Tuberkulose Appetitlosigkeit u.Gewichtsverlust einhergeht, wurde natürlich immer auf Teller leer essen geachtet.
Hat ein Kind sich geweigert wurde es gezwungen allein weiter nach der gemeinsamen Mahlzeit am Tisch vor einem vollen Teller zu sitzen bis der leer war.
- was noch schlimmer war, wenn ein Kind erbrochen hatte, mußte es das Erbrochene wieder aufessen! Immer und immer wieder bis der Teller mit Erbrochenem überlief, dann holte man die Heimleiterin um das Kind noch mehr bloßzustellen.Aber die war wenigstens so human, den Teller ausleeren zu lassen und einen mit frisch gefülltem Essen hinzustellen.
-Einmal, ich vergesse es nie, kann seitdem auch kein Tafelspitz und Rote Beete mehr essen, erbrach sich ein Kind, das mir gegenüber saß so stark, daß es auch in meinen Teller fiel. Mir wurde ein frischer Teller gereicht dem erbrechenden Kind nicht.Ich reagierte empört und wurde dafür bestraft.
-Nur einmal erlebte ich eine wirklich christl.Nächstenliebe als ich selbst, nur wg. einer verschluckten Wursthaut erbrechen mußte...
Als einziges evang. Kind mußte ich nicht mit in die Messe ( so ca. 17 Uhr) und durfte im Speisesaal alleine abendessen. Es gab Schwarzwurst und an deren Haut verschluckte ich mich und erbrach. Das junge Küchenmädchen das mich beaufsichtigen mußte, hat sofort den Teller entsorgt u.mir auch kein neues Essen mehr aufgenötigt u.bat mich nur ängstlich, diesen Vorfall nicht der Nonne zu erzählen, klar das ich das auch nicht wollte. Ich danke Gott heute für diese menschl.fürsorgliche Küchenhilfe und erbitte Segen für sie wo immer sie heute auch ist.
In den 80ern wollte ich mit einem Teil meiner Familie nochmal dort hin einen Ausflug machen. Als wir dort waren, mittlerweile wurde aus dem Haus ein Aussiedlerheim, erzählte ich die Geschichte nochmal und plötzlich sagte der Freund meiner Schwester" Waaas, du auch?" Und diesmal hörte meine Mutter die Bestätigung meiner Geschichte die ich dort erlebte und glaubte sie. Sie nahm mich in den Arm und bat um Verzeihung und weinte. Ich vergab ich ihr gern.
Später wurde ich Krankenschwester besonders im Notfallbereich, Intensiv- u.Op und habe Patienten geholfen, wenn sie von Ärzten ungerecht behandelt wurden. Weil ich wußte, wie man sich als hilfloses Opfer fühlt.
Jesus in Matth.18,6+7!
Nicht nur Erwachsene haben Rechte, auch Kinder.
Aber Er sagte auch, vergebet euren Feinden und auch das weiß ich nun, wie das sich anfühlt, befreiend, neue Kraftressourcen hervorbringend.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen Betroffenen rechtlichen Erfolg aber auch Frieden für ihre Seelen.
Doris Stober
Meine Mutter musste sich einer OP unterziehen und die Kinder sollten gut untergebracht sein.
Meine jüngste Schwester war noch zu klein und kam zu einer Tante von uns.
Wir fuhren mit vielen anderen Kindern im Zug dorthin. Ich war 10 und meine Schwester 6 Jahre alt.
Als wir da waren mussten wir duschen. Das war das einzige Mal in 6 Wochen das wir duschen durften.
Unsere persöhnlichen Sachen, wie Zahnpasta, Toilettenartikel, Süßigkeiten, Bücher ...mussten wir abgeben.
Dann kamen wir auf unsere Zimmer. Ich war in einem sehr großen Mehrbettzimmer mit meiner Schwester.
Mir wurde aufgetragen dafür zu Sorgen, dass sich meine Schwester benimmt.
Wir mussten um 18:00 oder 19:00 Uhr ins Bett und durften weder reden noch uns bewegen.
Uns wurde eine bestimmte Schlafstellung gezeigt, die wir einzunehmen hatten.Dann gingen Erzeiherinnen oder noch schlimmer der Hausmeister rum um uns zu bewachen. Besonders vor dem Hausmeister hatte ich große Angst.
Wer redete/flüsterte oder sich zuviel bewegte musste mit nackten Füßen im Nachthemd auf der zugigen Treppe, unter Aufsicht des Hausmeisters stehen.
Das war so ein älterer Mann der für mich eine sehr böse Ausstrahlung hatte. Der hatte immer so einen Rohrstock dabei. Ob er ihne benutzt hat weiß ich nicht mehr. Ich wurde nicht geschlagen. Der war bestimmt ein alter Nazi.
Zahnpasta und manchmal Seife wurden uns zugeteilt.
Meine Schwester fing dann an einzunässen und einzukoten.
Die Bettlaken und Unterhosen wurden dann immer im Speisesaal , während des Essens, hochgehalten. Dann musste ich die Mahlzeit beenden und alles auswaschen.
Die Malzeiten waren auch schrecklich. Es gab immer sehr dicke, trockene Brotscheiben. Da meine Schwester die Kannten nicht essen konnte, schob sie sie mir unterm Tisch zu. Ich habe sie dann für sie gegessen oder verschwinden lassen. Eines Tages wurden wir jedoch erwischt und meine Schwester musste solange am Tisch sitzen bleiben bis sie sie gegessen hat.
Sie saß von Morgens bis Abends dort da sie die Kanten nicht essen konnte. Ich konnte ihr nicht helfen. Sie durfte auch nicht aufstehen um zur Toilette zu gehen und nässte natürlich wieder ein. Das Ergebnis wurde dann wieder allen Kindern beim Abendessen präsentiert.
Wir hatten keinerlei Spielsachen oder sonstige Beschäftigung. Wir waren einfach draußen. Ich versteckte mich dann oft mit meiner Schwester hinter einem alten Schuppen im Garten.
Es gab ein Schwimmbad im Garten. Im Vorfeld wurde unseren Eltern das auch angepriesen. Sehnsüchtig schauten wir immer aufs Wasser. Wir durften nicht ein einziges Mal hinein. Wen wir still in unseren Betten liegen mussten gingen die Tanten dort hinein.
Es gab eine sehr nette Erzieherin. Sie war jung und hieß Roswita. Sie wurde von den anderen Tanten als Zigeunerin beschimpft und schlecht gemacht. Sie war nach etwa 3 Wochen nicht mehr da.
Dann gab es noch eine Putzfrau die mich und meine Schwester ins Herz geschlossen hatte. Es war eine ältere, etwas dicke Frau die irgendwie aus dem Osten oder Ostpreussen kam. Sie hatte einen so netten Akzent.
Sie kam jeden Morgen etwas früher zur Arbeit um mir und meiner Schwester die Haare zu flechten.
Wir hatten beide sehr lange Haare und uns wurde immer damit gedroht , das sie abgeschnitten würden wenn wir sie offen trügen.
Davor hatte ich große Angst. Zum Glück hat die liebe Tante "Gell" (so nannten wir sie, weil sie immer Gell sagte) sie uns immer geflochten. Ich konnte es nicht selber und die Erzeiherinnen haben es nicht gemacht.
Jeden zweiten Tag mussten wir ins Gradierwerk und dort den salzigen Nebel einatmen. Dabei wurden Volkslieder gesungen.Meine Schwester bekam davon ganz wunde, rissige Haut und der salzige Nebel tat ihr dann weh. Sie musste trotzdem mit
Jeden Sontag mussten wir den Eltern schreiben. Die Briefe wurden zensiert. Ich versuchte heimlich einen unzensierten Brief an unsere Eltern zu schreiben und ihn auf dem Weg zum Gradierwerk einzuwerfen.
Leider misslang es.
Nachts lag ich wach und glaubte immer wieder das Auto meines Vaters zu hören. Ich hatte die Hoffnung das er uns da raus holt. Das ich ihn durch die Kraft meiner Gedanken wissen lassen könne wie schlecht es uns geht.
Am schlimmsten war aber die Ärztin.
Einmal in der Woche mussten wir antreten zur Untersuchung. Wir standen Stundenlang nur mit Unterwäsche bekleidet auf dem Flur vor ihrem Zimmer. Wenn man bei ihr war musste man die Hose runterziehne und sie rammte einem erstmal ein Fiebertermometer hinten rein. Ich empfand das als extrem unwürdig und übergriffig.
Meine arme Schwester wurde auch krank und musste zu dem Drachen auf die Krankenstation. Ich durfet meinen Eltern nichts davon schreiben. Sie sollten sich keine Sorgen machen. Ich machte mir aber Sorgen um meine Schwester. Durfte aber nicht zu Ihr. Sie war dort völlig isoliert.
Einmal bekamen wir ein Päckchen von zu Hause. Es wurde uns mitgeteilt aber wir haben es niemals zu Gesicht bekommen oder etwas vom Inhalt gesehen.
Einmal ist ein Junge abgehauen. Er war etwas jünger als ich. Er hat mithilfe eines Freundes beim Mittagessen einen riesen Tumult verursacht und das Durcheinander genutzt um durch das offene Fenster zu entfliehen.
Als es auffiel war er schon über alle Berge.
Die Erzieher haben 3 Tage nach ihm gesucht. Dann wurde er aufgegriffen. Ich weiß nicht mehr was mit ihm passiert ist.
Ich kann mich noch erinnern das es einmal GRiesbrei gab und ich hatte mir mehr genommen als ich essen konnet.
Ich musste aber alles aufessen. Da es zuviel war erbrach ich und der Teller war wieder voll.
Ich sollte das dann wieder essen, weigerte mich aber. Ich musste dann aufstehen und ins Bett gehen( es war Mittag) durfte mich an dem Tag nicht mehr blicken lassen und bekam an diesem und am nächsten Tag nichts zu essen. Zum Glück schmuggelte meine Schwester ihre Brotkanten, die sie nicht essen konne, raus und ich hatte etwas zu essen.
Als wir wieder zu Hause waren war meine Mutter entsetzt über unseren Zustand. Wir waren verdreckt und verlaust und abgemagert. Auch unseren Erzählungen wurde Glauben geschenkt. Meine Mutter hat sich wohl bei der AWO über die Zustände in dem Heim beschwerd aber sie wurde abgewimmelt.
Wir waren zum Glück nie wieder in Verschickung.
Ich dachte ich hätte das alles vergessen. Als ich den Bericht im Radio hörte überlief es mich jedoch eiskalt und alles kam wieder hoch. Meine jüngere Schwester möchte nicht mehr an die Ereignisse erinnert werden.
Ich hoffe ich konnte Dir helfen.
Liebe Grüße
Inka
Das furchtbarste Erlebnis war an meinen Geburstag, den ich dort verbringen "durfte" fernab von Geschwisatern und Eltern. Am Tag vor dem Geburtstag wurde in der Morgenrunde Post verteilt. Ein Paket für mich!!!! Die Freude war riesengroß. Doch dann wurde das Paket zurück gerissen. Ohne Begründung. Es war wohl einen Tag zu früh??? Da kommen mir auch heute noch die Tränen. Erinnern tue ich mich an völlige Verloenheit. Da waren ja die Tanten, aber ich kann mich an keine Zuwendung, an kein Gespräch erinnern. Meine Familie erhielt Karten, die aber von den Tanten geschrieben wurden, ich konnte ja noch nicht schreiben. Eine Karte gibt es noch. " Susanne hat sich gut eingelebt...." Nein, nein!! Das Schlimmste waren die Mahlzeiten. Wenn ich etwas nicht mochte, habe ich mich erbrochen und musste dieses dann essen.
Nach der Rückkehr nach Hause ahbe ich bis zum Alter von 12 Jahren am Daumen gelutscht und bin beim Einschlafen immer an einer grauen Wand abgerutscht.
Auc kann ich bis heute nur mit größter Überwindung reisen...Am liebsten bleibe ich Zuhause. Wie gut, dass endlich alles schreiben zu können. Danke für diese Möglichkeit. Tiefste Verbundenheit allen anderen Verschickkindern. Susanne Speck
Ein zweites ungemein entwürdigendes Erlebnis war, dass man nicht auf Toilette gehen durfte, wenn man musste, sondern zu festen Zeiten. Ich habe das nicht immer ausgehalten und einmal, als ich wieder eingenässt hatte, musste ich meine Unterhose zur Wäsche bringen und o h n e weiter herumlaufen - mich so auch in eine Stuhlreihe setzen, als irgendwelche "Offiziellen" kamen, denen die Kinder in Unterwäsche mit ihren Basteleien vorgeführt wurden. Jedes mal, wenn ich mein noch existierendes Bastkörbchen sehe, muss ich daran denken, wie verkrampft ich es auf meinen Schoß gepresst habe, damit die fremden Erwachsenen meinen nackten Unterleib nicht sehen, weil ich mich so geschämt habe! Die jungen Erzieherinnen haben selbst unter der rigiden Heimleitung gelitten, wir haben sie häufiger weinen gesehen. Die Leiterin muss eine Diakonisse oder Schwester gewesen sein, denn sie war immer mit Haube und Schürze.
Ich sollte wegen chron. Bronchitis Luftveränderung erhalten. Im Heim ging es aber nur um Essen und Zunehmen. Wir mussten Unmengen an Marmeladebroten zum Frühstück essen, viele Kinder haben unter dem Esszwang erbrochen und mussten dann das Erbrochene vom Tisch aufessen. Wir durften erst aufstehen, nachdem alles gegessen war.
Die Nächte waren ebenfalls grausam. Der Gang zur Toilette war verboten. Wer ins Bett machte wurde morgens von den Tanten bloßgestellt und von allen Kindern verlacht.
Kontakt zu den Eltern oder gar Besuche waren verboten. Einmal die Woche wurden Briefe von zuhause vor allen Kindern vorgelesen. Ich erinnere mich an die Blicke der Kinder, die keine Post bekommen haben.
Ich wollte mehrfach weglaufen, ich hatte aber keine Ahnung wo ich überhaupt war und wie ich wieder nach Hause kommen konnte. Nach ca. 3 Monaten durfte ich heim. Heute weiß ich, dass ich als Kind das Gefühl hatte, von den Eltern bestraft worden zu sein. Ich konnte von den schrecklichen Erlebnissen nichts erzählen und habe die Utopie aufrecht erhalten, dass es im Ponyheim ganz toll war. (Damals waren wohl die Ponyhof-Urlaube aus Sicht der Eltern das beste was man einem Kind bieten konnte. Ich erinnere mich aber, dass wir nur für Fotos auf ein Pony gesetzt worden sind.) Diese Zeit dort hat mein ganzes Leben beeinflusst und auch einen tiefen Bruch zu meinen Eltern verursacht. Diese wollten sicherlich nur das tun, was Ärzte und Krankenkasse empfohlen hatten.
schade, dass ich erst heute durch das Radio von dieser Aktion erfahre. Ich wäre gerne nach Sylt gekommen. Meine Zwillingsschwester und ich waren 1969 für sechs Wochen in einem Heim in Lüneburg. Wir waren fünf Jahre alt. Wir sollten zu nehmen. Ich habe gedacht, unsere Eltern wollen uns nicht mehr haben. Daher war ich ziemlich überrascht, als wir wieder nach Hause durften.
Dieses Heim wurde 1970 geschlossen wegen Kindesmisshandlung. Erst danach haben meine Eltern mal gefragt, was wir erlebt haben. Wir haben gar nicht gewagt davon zu erzählen. Wir durften nachts nicht auf Toilette gehen . Wer erwischt wurde, musste auf der Holzbank im kalten Badezimmer schlafen. Ohne Decke und Kissen, nur so. Sprechen war nach dem Abendessen verboten. Wäre eine Frage der Erzieher beantwortet hat, wurde bestraft, denn er hat ja gesprochen. Er musste z.b. die halbe Nacht stehend neben seinem Bett sein. Auch einen ganzen Tag ohne Essen im Bett bleiben war eine Strafe. Ich bin für zwei Wochen auf der Krankenstation gewesen, da ich krank geworden bin. Dort durfte ich mich im Bett nicht hinlegen wenn ich meinen Mittagessen gegessen habe und fertig war. Ich musste teilweise zwei Stunden sitzen bleiben was ich gar nicht konnte. Für jede Kleinigkeit wurde man bestraft. Die Strafen waren vielfältig. Immer so, dass sie keine Spuren am Körper hinterließen. Badetag bedeutete alle Kinder gingen durch eine kalte Badewanne und wurden kalt abgeduscht. Das Essen in den großen Sälen war von sehr schlechter Qualität. Wir wurden gezwungen alles aufzuessen. Wer sich übergeben musste, wurde gezwungen das Übergebene aufzuessen.
Ich habe zwar keine Albträume davon, wie geht es aber immer noch nahe davon zu berichten.
Post kam geöffnet. antworten mussten offen abgegeben werden. bei spaziergängen wurde vor brielkästen die Strassenseite gewechselt. betreut wurden wir von schwestern.
wecken morgens 5.00 dann solebad. dann wieder ins bett.
es gab viel griesbrei abends oft heringssalat. bei jeder mahlzeit hat sich mindestens 1 kind erbrochen.
ich bin heute durch eien SPIEGEL Online Artikel auch Euch aufmerksam geworden.
Ich bin Jg. 1963 und war im Herbst 1969 noch vor meiner Einschulung für 6 Wochen auf BORKUM (ich glaube im Concordia Heim). Es war eine Zeit die ich lange ganz tief begraben hatte. Ich weis noch dass während des Aufenthaltes ein Sturm über Borkum zog und dieser mir als positiv in Erinnerung blieb.
Die Erinnerung ist durch zwei Ereignisse in den letzten Jahren wieder hochgekommen, wenn auch nur bruchstückhaft. Ich leide seit Jahren an Depressionen und im Rahmen der Therapie habe ich das erste mal wieder an diese Zeit zurückdenken müssen. Dazu kommt, dass ich letztes Jahr das erste mal seit dieser Zeit wieder auf Borkum war; und dieser Aufenthalt hatte gesundheitliche Folgen.
Auf Borkum selbst und in den Tagen vor der Reise , war ich in einer "komischen" Verfassung, es bedrückte und beschäftigte mich etwas was ich nicht so ganz einordnen konnte. Am ersten Tag auf Borkum waren wir am alten Leutchturm und sind von da aus Richtung neuer Leuchtturm und Promenade gelaufen, als mir auf einmal schwindelig wurde und ich Gänsehaut bekam, as wir vior dem "Weißen Haus" vorbeiliefen. Ich sagte zu meiner Frau "Hier war es" und brach iin Tränen aus.
Zwei Tage später ereilte mich ein Hexenschuß, den ich so noch nicht erlebt habe; körperlich wurden dafür keine Ursachen gefunden und ich war die nächsten vier Wochen wieder mit der Diagnose Depressiver Schub arbeitsunfähig (Die Depression ist erstmals 2016 festgestellt worden).
In dieser Zeit kamen auch wieder Erinnerungen hoch die sich um den Aufenthalt in ´69 drehten; z.B. das miese Essen, ich mochte keinen Reis, musste diesen aber immer essen. Auch Pfefferminztee ist seitdem ein Getränk, dass ich weder gerne trinke noch für andere zubereite. Ob ich auch zu den Kindern gehörte, die ihr Erbrochenes essen mussten weis ich heute nicht mehr, aber bis heute ist der Anblick von Erbrochenem für mich fast unerträglich.
Zudem habe ich in dieser Zeit wieder bettgenässt und und auch eingekotet: ich erinnere mich bildlich an eine Situation in der ich einem großen Treppenhaus mit einer bogenförmigen (Granit- oder dunklen Marmor-) treppe stehe und versuche auf eine Toiliette zu kommen um meine Unterhose zu wechseln, die beschmutzt war. Ich weis aber nicht mehr wie es ausgegangen ist.
Ich habe hier viele Kommentare gesehen (noch nicht gelesen) und bin irgendwie erleichtert, dass ich nicht alleine bin. Ich wünsche allen anderen Betroffenen dass es Euch gelingt dieses Traume zu verarbeiten.
Börries
Die Zugfahrt von Stuttgart nach Westerland erlebte ich als spannendes Abenteuer- wir klappten die roten Bundesbahnsitze auseinander und hatten eine 'Liegewiese', teilten unser Vesper und spielten gefühlt stundenlang MauMau. In dem kleinen Heim mit nur 20 Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren gab es ein Zweierzimmer für die Ältesten, Vierer- und Sechserzimmer mit Mittagsruhe, während der wir Märchenschallplatten hörten. Soviele Lego und Bücher, sowie Brettspiele auf einem Haufen waren mir bis dahin nicht begegnet- am liebsten mochte ich aber das zum Strand gehen, je nach Wetter mit Gummistiefeln oder im Meer baden. Auch die Ausflüge zum Wellenbad nach Westerland und ins Legoland vergesse ich nie! Das Essen war sicher nichts Besonderes, aber wir asen um die Wette: manchmal acht! Scheiben Brot abends. Und - für mich eines der Highlights: wir mussten so gut wie nie Hausis machen, nur einzelne Arbeitsblätter, die ich von meiner Schule dabei hatte! Im Großen und Ganzen hat es mir dort sehr gut gefallen - die Hunde Pit und Zottel, sowie die Katze Tiger (der Hauseltern Wentz), die oft zu den Spaziergängen angeleint mitliefen, taten ein Übriges, dass es mir gefiel. Die jungen Erzieherinnen waren unterschiedlich sympathisch, kamen mir als Kind aber nicht irgendwie bösartig vor.
Es tut mir leid für diejenigen, die so schlimme Erfahrungen machten. Ich wollte aber nichtsdestotrotz meine positiven Erinnerungen teilen und freue mich von anderen zu hören, die auch im Kindererholungsheim Möwengrund waren, ob sie wohl ähnliche Erfahrungen machten? vG Tina
Vieles aus dem HAZ-Artikel was Sabine Schwemm berichtet und auch hier in den Blogs zu lesen ist (bzw. ich noch durchlesen werde - oder auch nicht, falls es mir selbst zuviel werden sollte), war meine eigene Erfahrung, daher brauche ich sicher nicht zu wiederholen, was hier schon dutzendfach steht: Demütigung, Einschüchterung durch die "Aufseher", direktes Kontaktverbot zu Eltern bzw. Briefkontrolle, Schläge (bei anderen sogar richtige Prügel), kalte Duschen, wegsperren, Wegnahme persönlicher Sachen .... und unter den "Insassen" die entsprechenden Reaktionen, die auch zu Aggressivität untereinander, Panikattacken, Bettnässen u.ä. führten - all das, was dem ein oder anderen Therapeuten heute nach vielen Jahrzehnten (immer noch...) Patienten beschert....
Vielleicht war ich diese Art Nazi-Regiment auch aus der Grundschule, Krankenhausaufenthalten, Musikunterricht.... gewohnt, besonders erschreckt hat es mich nämlich nicht - das kam erst einige Jahre später. Die damaligen "Pädagogen" und Erzieher, alles Mittfünfziger und älter, haben somit noch unter dem kleinen schnauzbärtigen Schreihals ihre "Kenntnisse" erworben. Sie konnten es halt nicht besser. In meinem Fall bekamen sie willfährige Unterstützung einer jugendlichen pubertären Kurinsassin, die auf Seite der Betreuer freudig mitschickanierte und mitprügelte. Wahrscheinlich wurde auch sie so konditioniert: mit Pickeln, Panzerbrille und Zahnlücke musste sie in ihrer Schule sicher ähnliches ertragen - nicht als Entschuldigung zu verstehen sondern als Erklärung.
Viel schlimmer fand ich, dass zumindest ab den 1970er-Jahren das Thema Kinderfürsorge auch auf Behördenseite deutlich an Stellenwert gewonnen hat (als Scheidungskind hatte ich in der Zeit öfter mit einer Tante vom Jugendamt zu tun, die sehr um mein Wohl bemüht war, uns mit Hausbesuchen malträtierte und mit unverfänglichsten Aussagen von mir meinen Eltern gleich schlimmste Vorwürfe machte). Bei der Alkoholikerfamilie zwei Häuser weiter kam sie nie rein, deshalb machte sie vielleicht immer Rast bei uns, wo es auch Kaffee und Kekse gab...
Hier wo wirklich eklatant und systematisch mißhandelt wurde unternahm man nichts - anscheinend bis zuletzt. Bei manchen, gerade kirchlichen Trägern bin ich auch nicht verwundert (auch wenn ich heute selbst in der Diakonie arbeite und pikanterweise selbst viel mit Kleinkindern zu tun habe, allerdings in Anwesenheit ihrer Eltern, die meine Arbeit sehr schätzen). Wir werden heutzutage so dermaßen von allen Seiten überwacht, dass selbst der kleinste, nichtigste Anlass einen Rattenschwanz an Untersuchungen und Stellungnahmen nach sich zieht. Von Facebook-Shitstorm (was es vor 50 Jahren ja noch nicht gab) mal ganz abgesehen. Wie blieb sowas so lange unbemerkt?
Als uns nach drei Wochen Bootcamp unsere Eltern wieder am Bahnhof in Empfang nahmen (auch denen man im Heim sagte, sie seien hier zur Adoption freigegeben...), waren natürlich alle von den Berichten ihrer Kinder erschüttert und tönten, dass sie Anzeige erstatten werden und die Presse und den Papst und wen nicht noch alles einschalten. Ich erinnere mich an keine Befragung durch Polizei/Justiz, Journalisten, Jugendschutz (gab es sowas schon?) oder Sozialverbände/Kostenträger dieser "Kuren". Selbst wenn es vereinzelt Anzeigen gegeben haben mag, führten sie wahrscheinlich ins Leere. Nicht einmal die Krankenkassen, die diese Folter mit vierstelligen Beträgen pro Kind bezahlten, haben mal hinterfragt oder überprüft, wofür sie eigentlich Geld ausgeben. Als Privatmensch darf man sich natürlich durch die Instanzen klagen, wenn man für dringende medizinische Behandlung Kostenübernahme haben will.
Leider habe ich diese Seite(n) erst entdeckt und bin leider auch jetzt erst auf die Tagung auf Sylt aufmerksam geworden. Ich stehe also erst am Anfang allen Lesens, des Mitleidens mit den Geschichten und auch des eigenen Aufarbeitens (ich merke, dass dieser Bericht und diese Webseite was mit mir macht - weniger aus meinen eigenen Erlebnissen, wo nur nach 40 Jahren noch Fragmente vorhanden sind - dann aber sehr konkret, vielmehr aus den Schilderungen der anderen, bis hin zu den Todesfällen von Kleinkindern), was mich - so wie die Nicht-Aufarbeitung dieser - völlig fassungslos macht, aber nicht überrascht. Das ist keinesfalls zynisch, sondern eine Folge dieses sadistischen Umgangs in vielen "Kinderkurheimen".
Allen, die hier gleiches, ähnliches oder schlimmeres erlebt haben, wünsche ich, das sie mit dem Erlebten abschließen können. Irgendwie scheint bei mir gerade ein Druckventil aufgegangen zu sein - sorry für das viele Geschwalle.... :o)
Ich bin Jahrgang 1960 und war als 5jähriger für eine "Kinderkur" in der oben genannten Einrichtung. Es war für ein kleines, unsicheres Kind wie mich eine verstörende und gewalttätige Erfahrung. Beim Lesen des Artikels kam alles wieder hoch. Und erstaunlich, wie viel Deckungsgleichheit es hier gibt.
Das Ludgeri-Stift (kirchlich-soziale Einrichtung, der reinste Hohn...) wurde von einem Hausdrachen und sadistischen, unreifen Erzieherinnen (Tanten) geführt. Das Taschengeld musste abgegeben werden, jeder Brief wurde zur Zensur der Heimleitung vorgelegt. An das Essen habe ich relativ wenig Erinnerung (nur dass es schlecht war), aber an die Kasernierung im Speiseraum unter absoluter Ruhe samt Strafen, wenn das Schweigen gebrochen wurde. Woran ich genaue Erinnerungen habe, war die willkürliche Gewalt. Ohrfeigen, barfuß Strafe stehen im dunklen Flur, Entwürdigungen. Ein Junge wurde besonders schikaniert, weil er sich wohl etwas sonderbar artikulierte und recht lebendig war. Die "Tante" sperrte ihn für eine halbe Stunde in eine engen Besenspind, in welchen sonst nur zwei Putzeimer und die Besen passten. Das unglaubliche Schreien und Weinen werde ich bis heute nicht vergessen, weil ihm gesagt wurde, dass er für immer dort eingesperrt bleiben würde. Ein anderes Mal musste er sich nackt ausziehen und an die Wand stellen, und dann befahl die nette Tante, dass JEDER von uns (Jungen und Mädchen) in einer Schlange an ihm vorbeigehen musste und ihn entweder einmal hauen oder treten sollte. Das war perfide gesteuerte, organisierte Massengewalttätigkeit mit unschuldigen Kindern...
Einmal in der Woche durften wir eine Stunde zu dritt in den kleinen Ort, um unsere Taschengeldration auszugeben. Wurde natürlich alles kontrolliert, manches musste auch wieder abgegeben werden. Da habe ich im Krämerladen einfach einen heimlich geschriebenen Brief an meine Eltern aufgegeben und damit die Zensur ausgetrickst. Und meine Mutter kam tatsächlich und hat mich vorzeitig abgeholt! Zu Hause gab es dann auch halbherzige Beschwerden und Gespräche mit dem Träger, das verlief aber schnell im Sande. Ja nicht auffallen und immer ducken, das war ihre Devise. Aber dass sie mich da herausgeholt hatte, vergaß ich nie...
Ein halbes Jahr später bin ich dann noch auf eine andere "Kinderfreizeit" geschickt worden. Wo das war, weiß ich allerdings nicht mehr. Herrische Tanten, Willkür, viel Heulen und Heimweh, fast das gleiche Spiel. Auf einmal wurde gesagt, ich hätte Besuch! Das war extrem selten, alles staunte, ich am meisten. Es war mein Vater, der nur mal kurz auf der Durchreise war und nach 10 Minuten wieder weg war. Da war das Heulen danach noch viel größer.
Meine Eltern haben sich übrigens kurz danach getrennt, als ich in die Schule kam. War schon eine tolle Kindheit, damals in den 60ern...
Insgesamt war der Umgang der Nonnen und ihrer Helferinnen mit den Kindern geprägt von Respektlosigkeit, Einforderung unbedingten Gehorsams und strengster Sanktionierung von kleinsten Regelverstössen, fanatischer Glaubenserziehung und schwarzer Pädagogik, d.h. Gefügig machen durch Angsteinfößung (Feuer, Hölle, ewige Qualen). Rückblickend kann ich sagen, dass der Umgang und die Erziehungsstrategien sicherlich - wie es auch schon in vielen Kommentaren und Beiträgen zu lesen war - ihre Wurzeln in der NS-Zeit hatten, gepaart aber auch mit masochistisch-sadistischen Tendenzen der Ordensschwestern, deren Persönlichkeiten
durch ihre Unterwerfung unter das katholische Regelwerk (Sünde, Buße, Qualen, Hingabe, absolute Autoritatshörigkeit) deformiert wurde.
Ganz besonders erschreckend war die Zeit in Mittelberg/Oy. Viele Demütigungen und Schrecken habe ich vergessen (das Gesamtbild ist aber heute noch so lebhaft wie damals), aber in mein
fotografisches Gedächtnis hat sich eingebrannt, wie mein 6-jähriger kleinere Bruder, für den ich mich als 7-jähriger doch verantwortlich fühlte - nachts wegen nicht eingehaltener Nachtruhe aus seinem Bett gerissen wurde und in den (Kohlen?)keller gesperrt wurde, wo er die ganze Nacht verbringen musste und ich seine Schreie hören konnte.
Die Essenzeiten waren fast fast jedes Mal Horrorveranstaltungen (Und hier wiederholt sich das, was viele berichten): Das Essen (Milchgrütze etc) war für uns fast ungenießbar, es wurde in uns reingestopft und fast jedes Mal musste ein Kind erbrechen. Nicht nur die Tatsache, dass dieses Kind sein Erbrochenes auslöffeln mußte, nein - und jetzt kommt eine Variante, die ich bislang in den Schilderungen noch nicht gelesen habe - das jeweilige Kinde wurde von zwei Schwestern fixiert und mußte einen Schlauch schlucken, um noch mehr zu erbrechen und anschließend noch mehr auflöffeln. Ich empfand dieses Ritual so schockierend (es war kein Einzelfall, es wiederholte sich immer wieder!), dass ich auch später mit meinen Eltern nicht darüber reden konnte. Die Essenszeiten waren ständig Angst besetzt, dass es mir auch so passieren könnte.
Ich habe aber auch bemerkt, dass diese extreme Behandlung zumeist immer wieder den gleichen Kindern widerfuhren und schon damals , mit meien 7 Jahren - meinte ich, es seien zumeist eine der vielen Waisenkinder, die überhaupt keinen familiären Rückhalt hatten und an denen die Nonnen seine sadistischen Trieben ausleben konnte.
Ich fühle mich nicht traumatisiert, wenngleich die Bilder immer wieder an der Oberfläche erscheinen. Es hat aus mir aber einen militanten Kirchengegner gemacht, der sich nicht damit abfinden will, das eine Institution, deren strukturellen Probleme so offen liegen, noch imnmer diesen großen Einfluss in unserer Gesellschaft hat und deren Lobbyismus immer noch bedeutend die Politik bestimmt.
Kinderkurheim Büsum Deichhausen DAK, Name war ?? Seeschlößchen??
Neben diversen Erlebnissen wie Bunker, Knüppelgasse und iZwangsaufenthalt in der Krankenstation wurden wir gezwungen ständig zu essen. Das übelste Bild, welches mir in Erinnerung geblieben ist, das mein gegenüber, 9 - 10 Jahre, als er das Essen verweigerte, an den Armen festgehalten wurde, die Nase zugedrückt und beim öffnen des Mundes wurde das Essen, reingestopft. Das war eine Abschreckung für uns anderen. Und natürlich mussten wir am Tisch sitzen bleiben, bis alles aufgegessen war.
Ich leide heute ich unter Adipositas, da ich keinen natürlichen Reflex mehr habe, wann ich satt bin. Eine weitere Frage hätte ich auch, ist es bekannt, das damals auch ruhig stellenden Mittel ins Essen kamen?
ich bin Jahrgang 1961. Mit 5 Jahren hatte ich einen „ Kuraufenthalt“ auf Norderney.
Eine Kur war wohl auch gerechtfertigt damals. Ich war ein kränkliches Kind und hatte u.a. Krupphusten. Die Seeluft hat mir geholfen.
An den Aufenthalt selber erinnere ich mich nicht so gerne, hatte es zum größten Teil auch verdrängt, bis ich den Artikel las.
Es gibt Erinnerungen von Erbrechen und das regelmäßig. Bloßstellen vor den Anderen. Und da waren sehr viele andere Kinder. Demütigungen. Androhung von Spritzen in den Hals, wenn ich nicht aufhöre zu erbrechen. Ich glaube es gab auch Isolation. Ich habe auch ins Bett gemacht. Die Erinnerungen sind sehr verschwommen, ich habe vieles verdrängt. Ich kann mich aber erinnern, daß ich danach als Kind sehr verängstigt war. Jetzt beim schreiben kommen Bruchstücke wieder zurück. Die Tanten waren groß und übermächtig. Mit Schürze und hochgestecktem Haar. Streng.
Ich kann mich an einen großen Speisesaal erinnern, mit Holztischen. Das Heim selbst war wohl ein sehr altes Gebäude. Es gab doppelte Fenster. Ein Fenster außen und eins innen. Sehr dicke Mauern. Ich hätte zwischen diese Fenster gepaßt.
Eine gute Erinnerung ist der Strand. Muschelsuchen und mit angespülten Quallen Fußball spielen.
Obwohl es sehr wenige und verschwommene Erinnerungen sind, macht sich jetzt beim schreiben ein schlechtes Gefühl breit. Eine innere Unruhe. Als wenn da noch mehr gewesen ist.
Ich glaube, da gibt es etwas, das ich aufarbeiten muß. Vielleicht gibt es noch Briefe. Es muß auch noch min. ein Bild geben.
Was mich aber mein Leben lang begleitet hat, ist die Drohung, eine Spritze in den Hals zu bekommen.
Danke.
Ich habe immer geglaubt, ich wäre der Einzige.
Über meine Erinnerungen ist der folgende Text entstanden:
Kindheit zu Anfang der 1950er bedeutete ein Leben in zerstörten Städten, in Not und Elend. Doch Hunger musste ich nie erleben. Hatten die Erwachsenen wenig zu essen, hielten meine Großeltern Haferflocken mit Kakao, Zucker und Milch für mich bereit. Als Kleinkind soll ich schwächlich gewirkt haben, auch wenn ich mich selbst nie so gefühlt habe. Mein ausgezehrter Gesundheitszustand war nichts Persönliches, es waren die Zeiten der Nachkriegsnot. Mehrfach schickte mich unser Hausarzt auch zur Höhensonne. Doch es reichte nicht. Deshalb verordnete er mir im Alter von sechs Jahren einen längeren Kuraufenthalt, bezahlt von der DAK, der Krankenkasse meiner Eltern.
Auf dem Hauptbahnhof bestieg ich mit Hundertfünfzig oder gar mehr weiteren Kindern einen Sonderzug, der uns, gezogen von einer Dampflokomotive, für sechs oder in ein Kinderheim nach Muggendorf in Franken verschickte, wie es damals hieß. Dort wurden wir von Schwestern des Roten Kreuzes mit gesunder Luft, viel Bewegung und reichlich Essen aufgepäppelt. Sicherlich war es von meinen Eltern gut gemeint, aber ich habe zwiespältige Erinnerungsbilder in meinem Kopf: große Schlafsäle, eine strenge und kalte Atmosphäre, viele ärztliche Untersuchungen.
Im November 2019 entdeckte ich im Internet einen Kongress zum Thema Das Elend der Verschickungskinder, zu denen ich mich rechne. Verschickungskinder, das war nach 1945 der Sammelbegriff für das Verbringen von Klein- und Schulkindern, wegen gesundheitlicher Probleme, in Kindererholungsheime und -stätten in den 50/60/70er bis in die 80/90er Jahre. Die Kleinkinder wurden allein, in Sammeltransporten, dorthin „verschickt“. Die Kinder erinnern diese Verschickungen traumatisch, verkünden die Veranstalter.
Aus der Presseankündigung zum Kongress: Nach grober erster Schätzung sind in den 50/60/70er und bis in die 80/90er Jahre hinein ca 8 Millionen Klein- und Schulkinder ab 2. Lebensjahr allein über 6-8 Wochen, oft verlängert auf viele Monate, ohne ihre Eltern „verschickt“ worden. Die Stätten waren Kinderkurheime und Kindererholungsstätten auf Nord- und ostfriesischen Inseln, in den Mittel- und Hochgebirgen. Die Kinder wurden in Sammeltransporten verschickt. Die Eltern hatten kein Besuchsrecht. Die Kinder waren der Institution und ihren Bedingungen hilflos und allein ausgeliefert. Während die Eltern sich Erholung und Gesundung ihres Kindes vorstellten, wird der Alltag in diesen Verschickungsheimen von vielen Betroffenen traumatisch erinnert. Es werden Essenszwang und gewalttätige Einfütterung bis zum Erbrechen, harte Behandlung, Erniedrigungen, Strafen, Verbote, u.w. erinnert.
Auch in dem Heim in Muggendorf, in das ich verschickt worden war, hat ein überaus strenges Regime geherrscht und ich erinnere noch, dass ich dort wenig glücklich war und kein Klima von Geborgenheit und Wärme herrschte, aber das hatte ich zuhause auch eher wenig. Ob sie mir dort auch Beruhigungsmittel und Spritzen gegeben haben? Oft mussten wir uns ausziehen und uns medizinisch untersuchen lassen. Was sie genau gemacht haben, kann ich nicht mehr sagen. Die Bilder von ärztlichen Behandlungen bleiben unscharf. Offenbar habe ich viel verdrängt, an weite Teile meiner Kindheit kann ich mich besser erinnern.
Sozialwissenschaftlich und historisch habe ich mich viel mit der in großen Bereichen unmenschlichen Behandlung von Kindern und Jugendlichen in der deutschen Heimerziehung der 1950 und 1960er beschäftigt, die zu Anfang des zweiten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert so intensiv diskutiert wurde. Die erste Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs ( Rundes Tisches für Missbrauch) ist mir persönlich bekannt. Daher ist mir schon seit langem ist bewusst, dass die pädagogischen Vorstellungen der dort Arbeitenden aus der Nazi-Ideologie über Erziehung stammten und dass viele der dort Tätigen ihre Berufsvorstellungen im Dritten Reich gewonnen hatten. Doch ich habe, bis zum Lesen der Texte dieses Kongresses von 2019, meine persönlichen Erlebnisse in Muggendorf nie in Verbindung damit gebracht. Manchmal schützen uns das Vergessen und ein blinder Fleck.
Wenn jemand ebenfalls in Muggendorf war, freue ich mich sehr auf seine oder ihre Eindrücke oder eine persönliche mail
Und alles, was hier schon beschrieben stand, kann ich bestätigen: Repressionen, Angst, Zwang zum Essen und auch das Essen des Erbrochenen, Einnässen mit Demütigungen, Zensur. Verschickt wurde ich vom Jugendamt / Gesundheitsamt Schweinfurt. Auch wenn ich erst rd. 8 Jahre alt war, ich werde diese Wochen nicht vergessen.
Wurde mittags das Essen erbrochen, so hatte man bis der Teller blank war am Katzentisch zu sitzen, das dauerte meist bis zum Nachmittagskaffee, vermutlich war mit Flüssigkeit, das Erbrochene leichter zu schlucken.
Eine soziale und eigentlich sehr freundliche Sozialeinrichtung der Bahn hatte mich als Halbwaisen dorthin geschickt. Dort wurde der Bericht meiner Mutter kommentiert, mit den Worten: es ist bekannt, dass Charlotte schlägt. An die Schläge erinnere ich mich nicht mehr. Aber ich weiss noch, dass ein eigentlich unauffälliger Knabe regelmässig Asthmaanfälle bekam, sobald er in den Dünen ankam. Vermutlich gab es da keinen Mediziner, der da Verantwortung trug.
Dass ich nicht mit meinem richtigen Vornamen angeredet oder gerufen wurde, hat nur vorübergehend für Aerger gesorgt, ganz schnell habe ich begriffen , dass ich von nun an nur noch der Hans war.
dieser text hat mich total erschöpft
Ich war eine sogenannte „Bettnässerin“. Grund waren von Geburt an falsch angewachsene Harnleiter und ständige Blasenentzündungen, die mit reichlich Antibiotika behandelt wurden. Mit 4, 6, 8 und 11 Jahren wurde ich operiert, in den 1970er und Anfang der 1980er Jahre. Zunächst wurden die Harnleiter umoperiert, erst links dann rechts, dann festgestellt, dass die übergelassenen Stümpfe weitere Entzündungen verursachten, wieder operiert und wieder…, das alles in wochenlangen Aufenthalten in Krankenhäusern in Wilhemshaven und Trier, weit entfernt von meiner Heimat in Emden. Die Eltern durften damals nicht mit im Krankenhaus schlafen und mich nur zu den Besuchszeiten vormittags und nachmittags besuchen. Ich war einsam. Bei der ersten OP erzählte mir der Arzt, ich müsse nur einen Luftballon aufblasen, dann würde ich schlafen und nichts mehr merken und aufwachen und alles wäre gut. Nichts davon trat ein. Der „Luftballon“ blies mich auf, nicht umgekehrt. Ich fühlte mich belogen und betrogen. Später wurde mir beim Gucken der „Schwarzwaldklinik“ immer bei dem "Beatmungs-Blasebalg" im OP-Saal so übel, dass ich mich fast übergeben musste.
Mit 9 Jahren, 1982, sollte mir eine Kur in Bayern Besserung bringen. Meine Eltern kämpften dafür, dass die Krankenkasse die Kosten übernimmt. 8 Wochen wurden genehmigt, auf 10 Wochen wurde später verlängert (das war die schlimmste von allen schlechten Nachrichten, die ich je bekommen habe!). Das Heim war für Harn- und Kot-inkontinente Kinder gedacht, und stand kurz vor der Schließung. Statt 30 waren max. 3-4 Kinder zur gleichen Zeit da. Wir waren alle nicht so dicke, weil wir ja alle wegen einem sehr peinlichen Thema da waren, über das niemand sprach. Es hieß dann nur, dass man „Erfolg hatte“, wenn man einen Tag nicht eingenässt hatte. Das war nicht so schwer, denn wir bekamen so gut wie nichts zu trinken. Das Zahnputzwasser wurde mit einer rosa Farbe versetzt und uns gesagt, dass diese giftig sei, damit wir das Wasser nicht heimlich tranken, denn wir hatten immer Durst! Hatte ich trotzdem eingenässt, musste ich zur Strafe den Mittagsschlaf auf der harten Speisesaal-Bank verbringen statt im Bett.
Die Leiterin, ein Helfer und eine Betreuerin waren (aus damaliger Perspektive) 75+ und entsprechend pädagogisch-altmodisch, die Köchin burschikos-unsensibel – ich weiß noch alle Namen. Nur die Nachtschwester hatte ein freundliches Wesen und ab und zu Verständnis für mein Heimweh, das sich in Tränen ausdrückte. Das Essen war genauso fremdartig für mich wie der bayrische Dialekt, den ich – wieder „daheim“ – noch einige Zeit behielt. Die Betreuer zwangen uns, das Essen aufzuessen, sie waren stolz, dass ich endlich zunahm, meine Eltern und Großeltern ebenfalls glücklich, da ich immer ein kleines dünnes Kind war - ich jedoch nicht. Dies war vermutlich der Beginn meiner Übergewichtskarriere, die mich bis heute stark beschäftigt, genau wie die Inkontinenz. Freundlichkeit und Empathie, Trost, nette Worte bekam ich während der ganze Zeit von niemandem! Von "meiner" Welt war ich abgeschnitten. Telefonieren durfte ich nur an meinem 10. Geburtstag, ganz kurz und unter Aufsicht der Leiterin.
Die Briefe wurden zensiert. Ich grübelte immer wieder darüber nach, wie ich meinen Eltern heimlich mitteilten konnte, wie schrecklich es hier war und dass sie mich abholen müssen. Ich wollte eine kurze Nachricht in die Innenseite des Briefumschlages schreiben, damit sie wissen, dass mein ständiges „Mir geht es gut!“ nicht wahr ist, habe mich das aber nie getraut. Stattdessen habe ich rote Herzen mit Liebespfeil als geheime Botschaft gemalt und gehofft, dass sie verstehen. Ich wusste nie, ob sie meine Botschaft nicht verstanden oder mir nicht helfen wollten! Erst Jahre später erzählte ich ihnen von meinen Erfahrungen.
Ich habe drei Psychotherapien hinter mir, die letzte war eine EMDR-Trauma-Therapie. Diese hat mich in der Tat von meinem über 40jährigen OP-Trauma befreit, so daß ich danach eine nötige Operation absolvieren konnte. Wie tief die schrecklichen Erfahrungen der Kur noch in mir sitzen, merke ich nun wieder. Dass es scheinbar noch so viel mehr Kinder gab, die ähnliches Leid erfahren mussten, tut mir weh, erleichtert mich aber auf der anderen Seite, da ich somit irgendwie Teil einer Gemeinschaft und nicht allein bin.
In der Mittagstunde und in der Nacht durften wir nicht auf die Toilette, dadurch bin ich zum Bettnässer geworden. Zur Strafe musste ich dann ohne Bettdecke auf einer Holztruhe mit rundem Deckel schlafen oder ich wurde in die Toiletten gesperrt mit den Worten: "Hier hast du ja dein Klo". Dort musste ich dann auf dem kalten Boden schlafen, nur im Pyjama.
Briefe nach Hause durften nur positiv sein, ansonsten wurde man bestraft.
An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, vielleicht auch weil es zu Hause und in der Schule ähnliche " Erziehungsmassnahmen" gab.
Viele Grüße
Jürgen
Lange Zeit dachte ich, ich sei der Einzige der solche "Kuren" als extrem traumatisierend in Erinnerung hat. Nach der Lektüre eines Spiegel-Artikels darüber heute und einiger Kommentare auf der Internet-Seite hier, weiß ich es besser. Insgesamt fünf Mal wurde ich im Zeitraum von 1969 bis 1974 Jahr für Jahr zu unterschiedlichsten Jahreszeiten in ein Kinderkurheim geschickt. Die Aufenthalte variierten jeweils zwischen 6 und 9 Wochen. Die schlimmsten Erinnerungen habe ich an ein mutmaßlich konfessionell geführtes Kinderkurheim in St. Peter-Ording, an dessen Namen ich mich aber nicht erinnere.
Untergewichtig und mit der Diagnose Asthma und damit einhergehender Neurodermitis wurde ich 1969 gleich in den Sommerferien meines 1. Schuljahres wegen der "guten Seeluft" dorthin geschickt. "Damit du wieder rote Bäckchen kriegst!", hieß die Devise. Die Freude darüber, endlich mal das Meer zu sehen und über die damit verbundene, erste längere Zugfahrt meines Lebens, wich großem Entsetzen, als mir kurz vor der Abfahrt des Zuges im Bahnhof Münster erst richtig klar wurde, dass meine Eltern nicht mitfahren würden.
Die panische Angst, nun für eine gefühlte Ewigkeit von ganzen 7 Wochen in der Fremde auf mich allein gestellt zu sein, kann ich kaum in Worte fassen. Die tränenreich absolvierte Zugfahrt umgeben von zwei völlig überforderten älteren Damen von der Bahnhofsmission und vielen anderen ebenso verstörten Kindern, denen man auch eine Identifikationskarte aus blauer Pappe um den Hals gehängt hatte, werde ich mein Lebtag nicht vergessen.
Was dann vorort darauf Tag für Tag folgte, kann ich aus meiner Erinnerung heraus heute nur als Kindesmisshandlung durch Gewalt und eine widerwärtige, seelische Grausamkeit bezeichnen.
In einer Gruppe von etwa 20/30 gleichaltrigen Kindern wurde mir gleich am ersten Abend klar gemacht, was mich erwartete. Schimpfe und Schläge bei jedem Fehlverhalten. Was da waren: Unpünktlichkeit, vermeintlicher Ungehorsam durch Widerspruch, Reden beim Essen, den Teller nicht leer zu essen, das Aus-der-Reihetanzen- beim marschähnlich vollzogenen Spaziergang in Zweierreihen zum Strand, Nichteinhalten der verbindlichen Zeiten für den Toilettengang, die Augen offenzuhalten bei der erzwungenen Mittagsschlafzeit, sich trotz juckender Dermatitis zu kratzen, sich während einer durch Asthma bedingten, schweren Atemnot im Bett aufzurichten oder gar auf den Bettrand zu setzen, die Nachtwache des Schlafsaals aus dem gleichen Grund "unnötigerweise" um Hilfe und Medikamente zu bitten und vieles, vieles mehr. Die Strafen folgten als Schläge ins Gesicht oder auf den Nacken oder noch perfider, als ich etwa in der zweiten Nacht im Schlaf unfreiwillig mein Bett eingenässt hatte: durch das nackt im Dunklen für eine halbe Stunde unter einer kalten Dusche stehen zu müssen, bis das Bett neu gemacht war. Die damit einhergehenden, verbalen Aggressionen und Demütigungen muss man sich noch dazu vorstellen.
Das Personal bestand zu einem kleinen Teil aus hauptsächlich für die Verpflegung zuständigen Ordensfrauen in einem Habit, der dem heutigen der Diakonissen ähnelte und zahlreichen "zivilen" meist älteren Erzieherinnen, insbesondere verantwortlich für die Tages- und Nachtbetreuung.
Aus Erzählungen meiner Mutter zu ihren Lebzeiten weiß ich, dass sie mich nach der "Kur" am Bahnsteig im Bahnhof Münster als ein vollkommen verstummtes und blasses, kleines Häufchen Elend wieder in Empfang genommen hatte, um mich dann wochenlang wieder auf das gleiche Gewicht wie vor der Kur hochzupäppeln. Trotzdem haben meine Eltern mich, im Vertrauen auf die Aussagen eines Kinderarztes und im festen Glauben, mir damit etwas Gutes zu tun, auch in den vier Folgejahren gegen meinen erklärten Willen in ein Kinderkurheim geschickt.
Die drei weiteren Aufenthalte, in einem Rot-Kreuz-Kinderheim auf der Insel Langeoog danach, habe ich nach den Erfahrungen des ersten Mals als weitaus weniger schrecklich in Erinnerung. Die dort tätigen (wesentlich jüngeren) Erzieherinnen führten zwar auch ein strenges Regiment, jedoch ohne körperliche Züchtigung. Trotzdem habe ich diese Kuraufenthalte dort stets als Bestrafung und nicht als feriengleiche Zeit des Vergnügens empfunden und meine Eltern geradezu dafür gehasst, dass sie mich immer wieder fortschickten. Zumal ich aus keiner dieser Kuren gesünder zurück kam als zuvor. Im Gegenteil.
Erst nach meinem fünften Kuraufenthalt im Alter von nunmehr 11/12-Jahren, in einem Kinderkurheim in Bad Lippspringe, war auch für meine Eltern das Maß voll.
Das Kurheim war an eine Art allergologische und dermatologische Klinik angeschlossen. Die schweren Fälle von Kindern mit Asthma und Neurodermatitis, zu denen ich auch gehörte, wurden dort jede Nacht und auch häufig tagsüber nicht im naheliegenden Kurheim, sondern in Krankenbetten einer Klinik-Station untergebracht und betreut. Der Aufenthalt dort bestand darin, mit unterschiedlichsten Therapien und Anwendungen behandelt zu werden, die mit strikter Bettruhe und engmaschigen Kontrollen der Blutwerte und Herz-/Kreislauffunktionen durch Klinikpersonal einhergingen.
Nahezu jeden zweiten Tag wurden mir über zwei/drei Wochen sogeannte Tests gemacht und dazu subkutan oder intravenös Substanzen verabreicht sowie hinterher die Immunraktion des Körpers darauf beobachtet. Von Nesselfieberschüben, die ich nie zuvor in meinem Leben hatte, bis hin zu Erbrechen und hohem Fieber war da alles dabei. Hinzu kamen häufige UV-Licht-Therapien der erkranken Hautpartien, die für mich äußerst schmerzhaft waren und eine für mich heute noch unbegreiflich hohe Anzahl von Röntgenuntersuchungen des Thorax in nur wenigen Wochen.
Erst viele Jahre später wurde mir klar, das das Ganze mitnichten einen kurativen Sinn hatte. An uns Kindern wurden in der Klinik ganz offensichtlich empirische Untersuchungen zu allergologischen Studien mit unterschiedlichen Allergenen, Therapien und Antihistaminika vorgenommen. Wo sonst, als in einem auf Asthma, Allergien und Neurodermitis spezialisierten Kinderkurheim bekommt man soviele Vergleichsprobanden auf eine Schlag für eine solche Studie zusammen? Möglicherweise haben meine Eltern dem im Vorhinein unwissentlich sogar zugestimmt.
Sechs Wochen später kam ich mit deutlich verschlechterten Krankheitssymptomen und einem erheblichen Gewichtsverlust wieder nach Hause. Meine Eltern waren darüber entsetzt und versprachen mir danach endgültig, mich nie wieder zu einer Kur zu schicken. Meine Eltern haben sich in den Jahrzehnten danach bis zu ihrem Tod immer wieder bei mir für diese Zwangskuren entschuldigt. Dass diese traumatischen Kur-Erlebnisse bei mir selbst schwerwiegende psychische Folgen hinterlassen haben, das glaube ich ehr nicht. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass Vergleichbares bei vielen, psychisch ohnehin schon labilen Menschen, schwerwiegende Folgen hinterlassen kann und auch hat. Umso wichtiger finde ich die historische Aufarbeitung der Geschehnisse in solchen Kurheimen und auch die Unterstützung für dieses Projekt.
Vielen Dank dafür, Frau Röhl!
Ekliges Essen in Blumentöpfen verschwinden lassen, hungrigen Dicken die
Leberwurstschnitten zuwerfen, wenn keiner guckte, nachts auf abenteuerliche Weise zur Toilette robben, den Kleinen eine schöne Muschel
heimlich in die kleine Faust drücken und sich mit AlibiPutzlappen in der Hand auf zu den tagelang isolierten Kindern auf die Krankenstation schleichen.
Und die Tante böse fixieren, wenn sie einem mit den Fingerknöcheln strafend gegen die Stirn pockerte.
Die Kreativität wurde dort schon sehr gefördert......
Speziell die Kleinen waren aber einfach nur hilflos ausgeliefert.
Und die Tanten hatten ein Händchen dafür, Freundschaften untereinander
und das Beschützen Schwächerer zu unterbinden.
Eigentlich müsste man sich fragen, in welcher Gefühlskargheit diese Tanten
ihr eigenes Leben verbracht haben, Freude am Kinderquälen ist ja nun nicht
wirkliche Lebensfreude - was für eine seelische Verarmung und das auf einer
schönen Insel wie Sylt. Wir konnten ja wieder raus aus dem Gruselhaus.
Die Tanten waren in ihrer selbst geschaffenen Hölle gefangen.
Kälte Asche lange vor der Urne.
Ich war das erste Mal allein von zuhause fort. Bei der Ankunft untersuchte uns der Kurarzt, ein, so schien es mir zumindest damals, alter Mann mit stoppeligem Bart. Woher ich das weiß?:
Wir mussten uns mit nacktem Oberkörper der Reihe nach aufstellen. Mir war das zutiefst peinlich, weil ich, im Unterschied zu den anderen, in etwa gleichaltrigen, Kindern, bereits einen Busenansatz hatte. Der Arzt horchte alle mit dem Stethoskop ab. Als ich an der Reihe war, nahm er das Stethoskop aus dem Ohr und legte sein Ohr an meine Brust.
Wir durften keine Briefe nach Hause schreiben, nur Karten. Diese wurden vor dem Abschicken gelesen und vor unseren Augen zerrissen, wenn etwas Kritisches darin stand.
Das Essen war schrecklich. An der Tür standen 2 Erzieherinnen mit Kochlöffeln in der Hand und schlugen die Kinder, wenn sie den Raum verlassen wollten, bevor sie aufgegessen hatten. Überhaupt wurde viel geschlagen.
Beim Ausflug nach Westerland kauften sich die Erzieherinnen vor unseren Augen Leckereien und aßen sie. Wir hatten kein Geld und keine Erlaubnis, schauten zu.
Jeden Abend war Spindkontrolle. Andenken vom Strand etc. wurden weggeworfen, gesammelte Blaubeeren ins Klo gespült.
Am schlimmsten war, dass ich fast gestorben wäre.
Ich hatte erst wenige Wochen zuvor Schwimmen gelernt. Als wir das erste Mal ins Meer durften, war ich begeistert und übte mit Blick zum Horizont meine neu gelernten Schwimmbewegungen. Weil die kleinen Wellen immer auf mich zukamen, unterlag ich, die noch nie am Meer gewesen war, der optischen Täuschung, mich nicht von der Stelle zu bewegen. Als ich mich schließlich umdrehte, sah ich das Ufer in weiter Ferne. Erschrocken, versuchte ich mich hinzustellen, was natürlich nicht gelang, da ich schon viel zu weit draußen war. Ich tauchte unter, versuchte zu schreien und zu winken, schluckte noch mehr Wasser, bemerkte, dass niemand schaute und kam mit einer Art Hundepaddeln panisch zurück an den Strand. ich war etwas abgetrieben und als ich mich berappelt hatte, ging ich zu den anderen Kindern zurück.
Keiner hatte meine Abwesenheit bemerkt und ich sagte nichts.
Heute arbeite ich als Psychotherapeutin, unter anderem mit traumatisierten Patienten.
Ich freue mich über ihre Initiative.
Mit freundlichem Gruß,
Diplom-Psychologin Kerstin Thormann-Hofmann
Geprägt hat mich diese Erfahrung mein Leben lang, negativ natürlich.
Mit freundlichem Gruß Doris Tonn
Ederi
Frau Marion wege-rahmen hatte im Juli 2019 im Kommentar nachgefragt.
Mein Vater als Postangestellter wollte mir auch einen Urlaub mit anderen Kindern ermöglichen und schickte mich nach Manderscheid. Es war 1966 und ich damals 9 . Da gehörte ich fast schon zu den größeren Kindern.
Die Tochter einer Kollegin meines Vater war jünger. Meiner Erinnerung nach hatte diese furchtbares Heimweh und weinte jede Nacht, was aber strengstens verboten war.
Meine Erinnerungen, voller Schlafsaal im stickigen Dachgeschoss im Sommer , streng einzuhaltende Nachtruhe, junge Tanten, die kaum älter als die älteren Kinder waren, alte sehr strenge Frauen, die uns schimpften und quälten mit Zwang zum Leeressen der Teller.
Das ist mir besonders in Erinnerung geblieben.
Zum Frühstück, außer sonntags gab es immer Breie, Grießbrei, Milchbrei, dünner Pudding, Haferbrei.
Ich mochte keinen Brei und kann bis heute keinen Grießbrei riechen ohne dass mir leicht übel wird.
Eingesperrt wurden wir hin und wieder in eine Toilette, wegen welcher Vergehen weiß ich nicht mehr.
Schlimm für mich war, dass wir nicht an unsere Kleider kamen, meine Mutter hatte für mich nach Anweisung Wäsche und Unterwäsche für 4 Wochen eingepackt. Die koffer wurden aber versteckt und die Kleider zugeteilt. Das bedeutete aber nur einmal die Woche eine Unterhose, was für mich furchtbar eklig war, da ich doch jeden Tag frische Wäsche gewohnt war.
Pakete von zu Hause waren erlaubt, wurden aber nicht uns Kindern ausgehändigt, sondern angeblich unter allen verteilt. Selten ist aber etwas in der Gruppe angekommen.
In guter Erinnerung habe ich aber das Zusammensein mit den anderen Kindern, manchmal konnten wir uns verbünden gegen die bösen Tanten, besonders die älteren Jungs haben sich oft für uns eingesetzt.
Würde gerne weitere Erfahrungen und Erinnerungen austauschen .
Viele Grüße
Zum Frühstück gab es eine Milchsuppe, die ich nicht mochte und die ich, obwohl ich sie wieder ausspuckte, trotzdem aufessen musste. Ich erinnere mich, dass ich auch einige Male am Abend in der Dämmerung alleine im grossen Speisesaal vor meinem vollen oder halbvollem Teller saß bis ich ihn endlich leer gegessen hatte. Später habe ich mein ganzes Leben mit Gewichts- und Essproblemen gekämpft.
Ja und wenn mal ein Malheur in der Unterhose war, wurde ich abgeduscht und alle vorbeigehenden Kinder konnten mich sehen-ich habe damals ein Gefühl von tiefer Demütigung erlebt.
Die Karten, die eine Pflegerin nach meinem Diktat schrieb waren gefälscht und beschönigt, als ich später lesen konnte, war ich empört.
Jedesmal, wenn ich an diese Zeit denke bekomme ich Tränen in den Augen und habe tiefes Mitgefühl mit dem kleinen Mädchen. Ich habe nach dieser Zeit ein gebrochenes Verhältnus zu meinen Eltern gehabt und Ihnen, nur im Wissen darum, dass sie einem Trend der Zeit aufgesessen sind und wahrscheinlich das Beste für mich wollten, nach langer Zeit verziehen.
Aber ein immer wiederkehrendes Gefühl von tiefer Einsamkeit begleitet mich ein ganzes Leben.
Das 2. Mal war ich 1953 im Waldhaus in Bad Salzdetfurth. Man durfte nur zu bestimmten
Zeiten auf die Toilette, z.B. während des Mittagesschlafes nicht. Das Toilettenpapier wurde gereicht, 2 Blatt bekam jeder. Das 3. Mal war ich 1957 in Freudenstadt im Schwarzwald im Waldhaus, eine Nebenstelle des Oberlinhauses. Das Essen war auch grauenhaft. Einmal hatte ich Reste von einem Topfkratzer in den Bratkartoffeln mit Blutwurst. Besser war es dann in Menzenschwand im Schwarzwald, dort war ich als 16-jährige im Jugendkurheim der Barmer Ersatzkasse.
Viel Erfolg bei der Aufarbeitung auf Sylt.
Liebe Grüße
Helga Peter
Unsere Mutter erkannte uns nicht wieder, es brauchte Zeit, bis wir uns zu Haus wieder zurecht fanden, es war für uns eine Schlimme Zeit, ich dachte nur wir hätten gelitten. Meine Schwester & ich weigerten uns nochmals allein irgendwo hin zu fahren.
Dort war es dunkel, Kalt und ich war allein.
Heute sind Aufenthalte in Institutionen immer noch mit Panikgefühlen verbunden. Krankenhäuser, Kurheime usw lösen Aggressionen in mir aus.
Wenn ich meine Kinder verreisen lassen mußte, bekamen sie immer eine Postkarte mit. Schon frankiert mit Anschrift versehen. Wäre diese Karte jemals bei mir angekommen, wäre ich in den nächsten Stunden am Urlaubsort gewesen meine Kinder abholen.
Meine Mutter hat mir nicht geglaubt. Ich müßte mich eben mehr anpassen und das kommt davon, weil Du immer so schwierig bist. Dieses Wort tut mir noch heute weh. Und heute bin ich schwierig, wenn mir oder in meinem Umfeld Dinge passieren, die nicht gut sind
Bestimmt war ich in der Gruppe nicht die Einzige, aber ich war wohl so fokussiert auf mein Problem. An einen älteren Jungen erinnere ich mich, der versuchte mich zu trösten und mir zu helfen. Der bekam dann auch eine Strafe.
Meine Eltern haben mir jahrelang nicht geglaubt und das war fast noch schlimmer für mich. Das hat das Vertrauensverhältnis zu meinen Eltern nachhaltig gestört. Und mein Essverhalten war lange nicht normal. Ich brach auch als junge Erwachsene noch in Tränen aus, wenn mir jemand sagte, ich müsse essen.
So etwas vergisst man sein Leben lang nicht!
Leidensgenosse (ob Junge oder Mädchen erinnere ich nicht) hat sich am Tisch über dem Teller erbrochen und muss nun solange davor sitzen bleiben, bis der Teller leergeputzt ist. Wie lange die Tortur dauerte, weiß ich nicht mehr, aber es waren viele Stunden.
Unterwegs beim Runterrollen vom Sommerdeich - was eigentlich nicht gestattet war - war ich leider durch einen dicken Hundehaufen gerollt, wurde angepöbelt und musste die verkoteten Sachen zur Strafe längere Zeit anbehalten.
In der Nacht war die Toilettenbenutzung verboten. Wer sich dennoch aufmachte, wurde von einer herrischen "Schwester", die dort auf einem Stuhl permanent Wache hielt, angeschnauzt und ins Zimmer zurückgeschickt. Ich war mit dem Enkel der Heimleiterin in einem Zimmer, und dort haben wir dann in unserer großen Not in den Papierkorb gepinkelt. Am nächsten Morgen wurde das natürlich entdeckt, und mein Zimmergenosse bekam einige schallende Ohrfeigen von den Schwestern versetzt. Die Oma und Heimleiterin, die auch erschienen war, hatte "Feuer frei" erteilt, weil es ja ihr Enkel war und Sie ihr eigen Fleisch und Blut - natürlich - züchtigen durfte. Ich hatte Glück und wurde, so glaube ich, nur angeschrien. Fortan waren die Nächte die Hölle und von unglaublicher Furcht geprägt, dass man ja vielleicht auch einmal "groß" machen müsste, und was dann - in den Papierkorb scheißen?! Ich weiß nicht, wie wir das durchgehalten haben, aber seitdem habe ich entsprechende Ängste, die jetzt im Alter wieder eher verstärkt auftauchen. Wie sehr mich das getroffen hat, vermag vielleicht der Umstand illustrieren, dass ich viele, viele Jahre lang Gewaltphantasien hegte, um einst als großer, starker Mann an diesen Ort zurückzukehren, um dann den lieben Schwestern - mit Verlaub - mal so richtig die Fresse zu polieren. Leider oder zum Glück ist es nur bei dem Gedanken geblieben ...
Nach dem Abendessen wurden gemeinsam Lieder gesungen (Wir lagen vor Madagaskar, Wir lieben die Stürme, Wer will mit uns auf Kaperfahrt gehen etc. pp.). Wer nach Meinung der Schwestern irgendwie auffällig wurde, musste auf seinen Stuhl steigen und eine Strophe laut vorsingen. Also auch hier immer die Angst, ausgeguckt zu werden. Nicht- oder Leisesänger mit zittriger Stimme wurden dann zumindest angebrüllt oder lächerlich gemacht.
Beim Schwimmbadbesuch und/oder in den Waschräumen mussten wir uns nackt ausziehen - für einen Neunjährigen aus einem eher prüden Elternhaus auch ein Hammererlebnis. Wer nicht spurte, dem rissen die lieben Schwestern die Hose runter.
Während der Kur kam auch ein Arzt ins Heim, vor dem wir alle - ebenfalls nackt - antreten mussten. Ein Junge hatte offensichtlich seine Unterhose verloren und rannte auf der Suche nach seiner Büx verzweifelt durch den Saal, begleitet vom höhnischen Gelächter der Schwestern.
Bei einem Strandausflug hatte ich mich (auf der Suche nach Seeigeln und Krebsen) ein paar Meter von der Gruppe entfernt, weshalb ich angeschrien und zurück ins Heim eskortiert wurde. Ich bekam Hausarrest und musste eine Strafarbeit schreiben. Titel: "Warum ich mich nicht von der Gruppe entfernen darf".
Wir durften zwar nach Hause schreiben, aber wenn der Text in den Augen der kontrollierenden Schwestern irgendwie missliebig, also zu wenig positiv klang, wurde die Karte vor unseren Augen zerrissen und wir durften nun die "Wahrheit" nach Hause schreiben.
Beim Essen fiel auf, dass Schwestern und Heimleitung an einem großen Extratisch saßen und andere, bessere Mahlzeiten genossen als das, was wir auf den Tisch bekamen. Nun mag das kulinarische Urteilsvermögen eines Neunjährigen nicht besonders ausgeprägt gewesen sein, aber ich erinnere mich ganz genau, dass ich beim Vorbeigehen fast immer neidisch war. Auf jeden Fall hatten Heimleitung und Personal eine andere Speisekarte.
Vor der Abreise ging es kollektiv in einen Andenkenladen, wo wir für unsere Liebsten daheim ein paar Souvenirs kaufen sollten bzw. mussten, damit auch unsere Eltern nicht zuletzt ob der schönen Mitbringsel ahnen konnten, wie toll und erholsam der Kurlaub wohl gewesen sein musste. Ich hatte mein Taschengeld zusammengehalten, wollte partout nichts kaufen und war so stolz auf meine Sparsamkeit. Doch man nahm mir das Geld weg und kaufte kurzerhand einige Teile für mich, die noch heute bei mir in der Vitrine stehen - als Andenken an eine schreckliche Zeit.
Bei der Rückreiseankunft in Hamburg-Altona wunderten sich meine Eltern zwar, dass wir Kinder allein unser Gepäck über den ganzen Bahnsteig schleppen mussten, während die gut frisierten und manikürten Schwestern (was meiner Mutter, wie sie später einmal sagte, sehr "nuttig" vorgekommen war) rauchend ihrer Wege gingen. Schlimm war auch, dass meine Eltern die Erzählungen vom Heimaufenthalt einfach nicht glauben wollten oder konnten, hatten sie doch in bester Absicht und nach ärztlichem Anraten gehandelt.
Jetzt reicht's aber erst einmal ...
Stefan Wendt
Theresa
Ostern 1979 sind meine Schwestern und ich zur "Kur" in Wyk auf Föhr gewesen, die für uns schrecklichen Erinnerungen an diese sechs Wochen haben wir seitdem immer unter "wir hatten einfach Pech mit der Einrichtung" verbucht. Als wir gestern zunächst den Artikel in der SHZ und später die Beiträge auf dieser Seite gelesen haben war alles wieder so präsent.
Die Anreise nach Föhr erfolgte damals in Begleitung einer Dame vom DRK-Betreuungsdienst, im Kurheim angekommen wurden meine Schwester und ich sofort getrennt und haben uns in den sechs Wochen ein einziges Mal für einen kurzen Moment sehen dürfen (es war der 7. Geburtstag meiner Schwester und ich durfte kurz gratulieren). Am Ankunftstag wurden alle Kinder einer "Läusekur" unterzogen, zu erkennen an einer Mullwindel um den Kopf. Diesem Prozess wurden wir nicht unterzogen, wir hatten glücklicherweise ganz kurze Haare. Im Anschluss bekamen wir alle schwere Lodenmäntel, die wir während unseres gesamten Aufenthaltes tragen mussten, obwohl eigene Winterjacken vorhanden waren.
Im Schlaftrakt der "Großen" waren die Türen ausgehängt, sodass wir unter ständiger "Bewachung" waren. Auch unsere Post wurde zensiert und die Eingangspost im Vorwege geöffnet, das Geburtstagspaket meiner kleinen Schwester wurde großzügig verteilt. Obwohl meine Schwester zu diesem Zeitpunkt schon schreiben konnte, haben meine Eltern keinen handgeschriebenen Brief von ihr erhalten, sondern immer geschrieben von einer Pflegekraft. Dies machte unsere Mutter stutzig, so dass sie mehrfach telefonisch nachfragte. Ein völlig genervter Leiter der Einrichtung empfahl unserer Mutter, OT: sich mal in der Kneipe nebenan ordentlich einen hinter die Binde zu kippen, damit sie mal ihre Kinder vergessen würde.
Eine Beschwerde meiner Mutter beim Kreis daraufhin ergab jedenfalls, dass der Mitarbeiter zunächst vom Dienst in dieser Einrichtung suspendiert wurde.
In der einzuhaltenden Mittagsstunde wurde meine kleine Schwester gezwungen einzunässen, weil es ihr verboten wurde das Bett zu verlassen um auf Toilette zu gehen.
Während dieser Zeit habe ich oft darüber nachgedacht wegzulaufen, zumal sogar Verwandschaft auf Föhr lebt, aus Angst vor drastischen Strafen (bei anderen "Flüchtlingen" erlebt) und Sorge um meine kleine Schwester habe ich mich durchgebissen.
Föhr hat bis heute einen "Beigeschmack" für uns und wir sind tatsächlich bis heute noch nicht wieder dort gewesen.
Unter diesen Umständen waren die Erfahrungen in dem Heim in Bad Rappenau nicht ganz so krass für mich, wenn auch das ein oder andere in schlechter Erinnerung geblieben ist:
Kurz vor Ostern musste meine Mutter in alle meine Kleidungsstücke Namen einnähen. Sie bekam eine genaue Anleitung, was ich mitzubringen hatte und wie das zu verpacken war. Am Tag als es los ging, brachte sie mich mit meinem Koffer und einem Rucksack auf den Stuttgarter Hauptbahnhof. Dort wurde ich von einer "Tante" in Empfang genommen und mit einer Gruppe anderer Kinder nach Bad Rappenau gebracht. Als wir an unserem Zielort eintrafen wurden uns die Zimmer und Betten zugewiesen. Wir wurden angewiesen, den Rucksack auf den Nachttisch neben das Bett zu legen und in den Gemeinschaftsraum zu gehen. Als wir in die Zimmer zurückkamen, stellten wir fest, dass inzwischen die Rucksäcke geleert waren und die mitgebrachten Süßigkeiten verschwunden !! Ich war sehr traurig und habe das überhaupt nich verstanden. Man muss dazu wissen, dass 1969 der Besitz von Süßigkeiten - zumindest für mich - etwas ganz besonderes war. Nur an Ostern, Weihnachten und zu meinem Geburtstag bekam ich welche geschenkt. So hat meine Mutter mir meine Ostersüßigkeiten in ein Geschenkpäckchen gepackt und mir gesagt, das dürfe ich an Ostern öffnen. Ich habe mich sehr darauf gefreut !!
Daher war das Gefühl bestohlen worden zu sein sehr schlimm !!
Immer nach dem Mittagessen hat die Erzieherin eine große Schüssel geholt. In der war das ganze Diebesgut. Sie hat ein Teil in die Luft gehoben und uns kleine Kinder gefragt: "Wem gehört das?" Der Besitzer hat es dann bekommen. Der Grund für diese Vorgehensweise ist mit erst sehr viel später klar geworden. Es sollte vermieden werden, dass die Kinder alles auf einmal essen. Die Erzieher haben es einteilen wollen. Da ich aber gar nicht wusste, was mir meine Mutter eingepackt hat, bekam ich also nichts. Das war für mich damals sehr schlimm!
Eine weitere Erinnerung ist die Strafe, die ich bekam, ohne zu wissen wofür. Unter der Dusche haben wir Kinder rumgealbert und die Erzieherin hat mich ermahnt damit aufzuhören. Hab ich wohl nicht gemacht, und zur Strafe hat sie mich von der Gutenachtgeschichte ausgeschlossen. Ich sollte gleich ins Bett verschwinden. Hab ich auch nicht gemacht. Heimlich habe ich mich an den äußersten Rand der Bank gesetzt, wo die anderen Kinder alle saßen und vorgelesen bekamen. Leider hat die Erzieherin mich da entdeckt und mich barsch in mein Bett geschickt. Ich wusste nicht, warum ich so bestraft wurde und bin völlig geknickt ins Bett gegangen, habe mir die Decke über den Kopf gezogen und mich in den Schlaf geweint.
Im Allgemeinen war alles sehr reglementiert und wir Kinder hatten gar keine Freiheiten. Nach jedem Mittagessen wurde geschlafen. Dafür gab eis einen Mittagschlafsaal. Dieser Saal war angefüllt mit sehr kleinen Holzpritschen. Auf jeder Pritsche ein dünnes Kopfkissen und eine dünne Decke (in meiner Erinnerung blau weiß kariert). in der Mitte des Saales war ein Podest mit einem Tisch und einem Stuhl. Auf diesem Stuhl saß die Aufsicht und sorgte für Ruhe. Wir Kinder mussten uns auf die Pritschen legen. Ich als 8-Jährige passte da gerade noch so drauf. Jedoch durften wir uns nicht unter die Decke legen, sondern oben drauf. Wir mussten auf der Seite liegen, mit dem Gesicht zur Aufsicht hin. Still liegen, die Augen schließen und sich nicht mehr bewegen. Unter diesen Umständen war das nicht sehr erholsam. Warum wir die Decken nicht benutzen durften? Vielleicht war das Aufräumen dann zu aufwendig?
Beim Essen wurde sehr genau darauf geachtet, dass die Dicken nicht viel bekamen und die Dünnen ja bloß nichts stehen lassen. Eines Tages gab es ein undefinierbares Gericht. Auf meinem Teller lag eine Scheibe Brot, eingeweicht in irgendeiner Soße und noch irgendetwas daneben. Das konnte ich beim besten Willen nicht essen. Aber ich war eine Dünne und musste !!
Bis heute habe ich noch das Bild im Kopf: Ich sitze ganz allein in einem leeren Speisesaal. Alle Kinder sind schon draußen. Vor mir der Teller mit dem unberührten Essen. Es war still, ich kam mir verloren vor. Ich kann mich jedoch nicht mehr daran erinnern, wie diese Situation aufgelöst wurde.
Von Zeit zu Zeit waren wir gezwungen Postkarten nach Hause zu schicken. Auf diesen sollten wir unsere schönen Erlebnisse schildern. Es durfte nichts negatives geschrieben werden. Alle Karten wurden von den Erzieherinnen gelesen und nur dann abgeschickt, wenn sie durch die Zensur kamen. So kam es, dass ich nur 2 Sätze geschrieben habe. "Es ist schön hier. Das Essen ist gut"
Mein Bruder hat mir später einmal gesagt, dass er sich über diese kurze Information etwas gewundert hat, wo ich doch 6 Wochen weg war.
Ansonsten habe ich noch ein paar kleine Erinnerungen an - Abduschen mit eiskaltem Wasser (Kneipp), Gymnastik, Spiele draußen und drinnen, Spaziergänge, Aufenthalt im Dampfraum ...
In diesem weiß gekachelten Raum (wie in einem Swimmbad) saßen wir auf einer weiß gekachelten Bank rings herum an der Wand. In der Mitte an der Decke war ein Gerät, aus dem salziger Dampf strömte. Damit wir Kinder den fest einatmen, mussten wir singen. Dafür bekamen wir jeder ein grünes Liederbüchlein und wir haben feste gesungen und geatmet. Das ist keine schlechte Erinnerung - wie hätte ich auch sonst die 6 Wochen irgendwie rum gebracht. Viele Kinder hatten deutlich Probleme mit Heimweh und haben viel geweint. Ich war da eher abgehärtet auf Grund meiner Erziehung zu Hause, aber schön war die Zeit in Bad Rappenau nicht wirklich. Auch nicht erholsam. Am Ende also wurden alle Sachen wieder in den Koffer gepackt. Es hat wohl nicht alles reingepasst. Jedenfalls musste ich auf der Heimfahrt die dicksten Sachen anziehen. Es war inzwischen aber schon warm geworden und ich kam im Wintermantel und viel zu warmer Kleidung am Stuttgarter Hauptbahnhof an. Noch heute habe ich das Entsetzen im Gesicht meiner Mutter in Erinnerung. Mit hochrotem Kopf und verschwitzt lief ich ihr entgegen und wir gingen nach Hause. Sogar meine strenge Mutter war entsetzt. Ich hatte abgenommen und war alles andere als erholt. Sie hat im Nachhinein an der Sinnhaftigkeit dieser Verschickung sehr gezweifelt. Das hat mich tatsächlich ein wenig getröstet.
Am nächsten Morgen ging es dann wieder in die Schule. Meine Klassenlehrerin bat mich, ihr die Hausaufgaben zu zeigen, die ich nicht hatte, denn ich war ja 6 Wochen nicht da. Trotzdem bekam ich eine Rüge und eine gesalzene Strafarbeit. Es ging also grad so weiter ... 1969 lässt grüßen !!
Gestern Abend wurde durch einen NDR-Fernsehbeitrag am frühen Abend auf Euch aufmerksam!!!!!
Bin "begeistert", dass dieser Missbrauch so vieler Kinder nun Gehör findet!!!
Ich möchte unbedingt ergänzen, dass ich außerdem , zumindest in einem (meinem zweiten ) Hamburger Kindertagesheim ( der damaligen Vereinigung städtischer Kindertagesheime), welches ich vom 3./4. Lebensjahr bis zum Ende der 4. Klasse besuchen musste, unter der erlebten Praxis bei den Mahlzeiten sehr gelitten habe!!!!!!
Heute bin ich (Jahrgang 1957) 62 Jahre alt und aufgrund eines Burnout als Grundschullehrerin seit über10 Jahren frühpensioniert.
Meine 1.Verschickung war 1960 über meinen dritten Geburtstag in ein Heim nach Lüneburg.
Bis zur Einschulung 1964 würde ich mehrfach verschickt nach
Wittdün/Insel Amrum und Wyk auf Föhr.
Im Jahr 1966 musste ich dann noch in den Schwarzwald nach Schlägen bei St. Blasien....
Ich habe erstaunlich genaue und klare Erinnerungen an diese Zeiten!
Meine Schlagwörter dazu sind:
HEIMWEH
QUÄLEREIEN beim Essen
ZENSIERTE POST (würde gelesen, bzw. bevor ich selbst schreiben konnte meine Worte "gefälscht")
EKEL vor dem randvollen Nachttopf in der Schlafstube...als ich verbotenerweise deshalb die Toilette aufsuchte und brav spülte, kam die Nachtaufsicht gab mir eine Ohrfeige, zog mich am Ohr zu dem Pisspott und zwang mich ihn in der Toilette zu leeren - als 4-5 Jährige
OHNMACHT , HILFLOSIG- und EINSAMKEIT als Grundgefühl
Mit freundlichen Grüßen und Dank für das Engagement
Sabine Preger aus Büchen
Regelmäßig wurden Kinder dort mit dem Teppichklopfer geschlagen. Die Gründe für die Schläge weiß ich nicht. Prügel bekam ich, weil ich eine Tafel Schokolade, welche meine Eltern mir zum Geburtstag geschickt hatten, versteckte. Ich sollte alle Geschenk mit den anderen Kindern teilen. Allerdings habe ich später herausgefunden, dass die anderen Kinder meine Süßigkeiten auch nicht bekommen haben. Wahrscheinlich haben die "Tanten" mein Geburtstagsgeschenk aufgegessen. Bei der ärztlichen Kontrolle, die regelmäßig stattfand, musste ich sagen, dass die blauen Flecken durch einen Sturz von der Treppe kamen.
Ich erinnere mich auch daran, dass alle Kinder regelmäßig gewogen wurden. Die Kinder, die nicht zugenommen hatten, bekamen zusätzlich zum Essen eine weitere Ration.
Nach ein paar Wochen hatte eine der "Tanten" dann doch noch Erbarmen und nahm mich nach dem Mittagessen mit in die Küche, da ich wieder den Grießbrei und ein Marmeladebrot nicht geschafft hatte und auch vom Mittagessen war noch einiges im Teller. "Tante Gerda" fragte mich, was ich denn so richtig gerne esen würde anstelle Grießbrei und Marmeladebrot und ich wünschte mir ein Senfbrot (Butterbrot mit Senf bestrichen), was ich dann bekam und ganz aufessen konnte. Aber den anderen "Tanten" durfte ich nichts davon erzählen.
Ein anderes Kind hatte einmal einen Teil der Malzeit mit nach draußen genommen und im Schnee versteckt, weil es auch nicht alles aufessen konnte. Als einmal die Sonne länger scheinte, taute der Schnee und das entsorgte Essen wurde sichtbar. Da gab es eine lange Strafpredigt der Heimleiterin und uns allen wurde klargemacht, dass wir sehr schlechte Kinder seien, wenn wir Essen wegwerfen, während in Afrika alle Kinder Hunger leiden müssen.
Wir mussten regelmäßig schöne Briefe nach Hause schreiben. Allen Kindern wurde gesagt, was sie zu schreiben haben. Für die Kinder, welche noch nicht schreiben konnten, schrieben die "Tanten" die Briefe. So bekamen meine Eltern ausschließlich Briefe von mir, in denen stand, wie gut es mir doch ging und dass ich schon ein paar Kilo zugenommen habe.
Nach 6 Wochen durfte ich wieder heim. Meine Eltern und meine Geschwister holten mich in Stuttgart am Bahnhof ab. Meine Familie war mir fremd, nur den Vater erkannte ich sofort.
Zu Hause stellten meine Eltern fest, dass ich weniger wog als da, bevor ich fortgeschickt wurde.
Wir durften in den Schlafräumen nicht miteinander sprechen. Wer das trotzdem tat, musste mit nackten Füßen auf den Steinfliesen im Flur vor der Tür still stehen.
Vor dem Essen mussten wir lange Zeit still sitzen, auf das Essen warten, sprechen war verboten. In den Suppen waren oft versehentlich Eierschalenreste. Wir mussten sie mitlaufenden. Vorher durften wir nicht vom Tisch aufstehen.
Wir bekamen Anwendungen: Massagen und Solebäder. Im Bad habe ich beobachtet, wie ein kleiner Junge von einer Betreuerin zur Strafe mit dem Kopf in einem Holzzuber mit Solewasser untergetaucht und so gehalten wurde. Von „unserer „ Betreuerin wurden wir schnell weitergescheucht. Keiner von uns Kindern hat ihm geholfen. Wir waren eingeschüchtert.
Ein Mal pro Woche mussten wir nach Hause schreiben.
Die Briefe mussten offen bei den Schwestern abgegeben werden. Uns wurde angedroht, dass unsere Eltern die Kur bezahlen müssten, wenn wir ihnen etwas Schlimmes schreiben würden.
Meine Eltern haben mir nicht geglaubt als ich zuhause von dem Erlebten erzählen wollte.
Heute habe ich die Reportage über das Treffen der Heimverschickungskinder auf Sylt gesehen. Es ist irgendwie tröstlich, dass ich ich mit meinen Erinnerungen nicht alleine dastehe.
Ich empfand diese Nähe als wohltuend, weiss aber nicht mehr, ob sie was mit mir anstellte, ich wage nicht weiterzudenken. Ich weiß nur noch, das ich später zu Hause grosse Stotterprobleme hatte, die sich erst in der Grundschulzeit wieder verflüchtigten. Auch jahrelange Jaktation ( Kopfwackeln vor dem Einschlafen) hatte ich seit dieser Zeit. Heute ist es ein durchaus freundliches und auch positiv bewertetes Landschulheim. Damals im Sommer 1970 kam es mir vor wie ein Kinderstraflager, der Horror und das erste und einzige mal in meinem Leben erfuhr ich Heimweh. Später erfuhr ich noch, das mir Post von meiner Familie nie zugestellt wurde. In den 80er Jahren bin ich dort noch einmal vorbeigefahren, habe kurz gestoppt und sofort überfiel mich eine eisige Kälte, so dass ich schnell weiterfuhr.
Ich wurde 1978 ins Hochwald- Kindersanatorium (heute Edelsteinklinik) geschickt um meine "Lungenprobleme" in den Griff zu bekommen. Ich war 4 Jahre alt. Mit vielen anderen Kindern wurde ich mit einem Sammeltransport zu dem Sanatorium gefahren.Ein Schild mit meinem Namen und dem Zielort war alles was ich im Zug dabei haben durfte.
Ich bin sicher, dass Schwester Dora, Klasse 1, nett war. Jedenfalls glaub ich das wenn ich Ihre Postkarten lese, die Sie meinen Eltern geschickt hat. Erinnerungen hab ich nur als Gerüche gespeichert. Bis heute kann ich eine bestimmte Tomatensoße nicht riechen...Sie hat mich als umgänglich und ruhig beschrieben. Ich glaube, Sie konnte nicht unterscheiden was "umgänglich" und " total verschüchtert" war, oder wollte Sie meinen Eltern kein "Kummer" machen. Das schlimmste war einfach das unsägliche Heimweh. Selbst meinen 5. Geburtstag musste ich dort feiern. Als ich nach 6 Wochen wieder zu Hause ankam, war alles anders. Wie soll ein 5 jähriges Kind sich den Eltern gegenüber artikulieren. Wie Ihnen sagen wie fürchterlich, beängstigend und grausam eine 6 wöchige Trennung ist? Im Grunde mache ich meinen Eltern keinen Vorwurf, sie wollten wahrscheinlich nur "mein Bestes". Das ich ein Traumata erlitten habe und es bis heute nur schwer verarbeiten kann, schreibe ich der Kinderärztin und der LVA zu, die diese Kur für "unbedingt notwendig" erachtet haben.
Meines Erachtens liegt ihr der springende Punkt. Jedenfalls für mich.
Dieser Kuraufenthalt zieht sich durch mein ganzes bisheriges Leben.
Dann 1963 6 Wochen in Wyk auf Föhr. Das war ganz anders. Keine böse Nonnen, nette Betreuerinnen, viel Unternehmungen und viel Spaß. Daran denke ich gerne zurück!
Wenn ich bisher in seltenen Fällen jemand von diesen Sachen berichtet habe, hieß es immer "stell Dich nicht sn, das waren doch bloß 6 Wochen". Nur sind 6 Wochen für eine Kinderseele eine Ewigkeit..
Ich denke, es hilft zu wisen, dass man nicht fantasiert hat (O-Ton meiner Mutter), dasses wahr ist und dass man nicht Schuld ist.
Liebe Grüße Conny
Stundenlang musste ich vor Griesbrei sitzen, obwohl mir alleine der Geruch schon immer Brechreiz verursachte. Als ich ihn dann gegessen habe, musste ich brechen und die "Schwester" zwang mich, das Erbrochene zu essen. Haferschleimsuppe ging auch gar nicht, deshalb wurde mir in einem anderen Heim, die Nase zugehalten und das Zeuge in den Mund gezwungen. Als ich das Zeug dann im Flur erbrach, musste ich das selbst wegwischen, Postkarten nach Hause wurden zensiert, Päckchen geöffnet, Süssigkeiten für die armen Kinder in Afrika konfisziert (katholisches Heim). Meine Großeltern, die mich besuchen wollten, wurden weggeschickt, weil wir angeblich eine Wanderung machten, ich habe sie aus dem Speisesaal gesehen, wie sie weggingen.
Stundenlang mussten wir zur Strafe still auf Stühlen sitzen, wer sprach wurde ins Bett der Krankenstation gesteckt.
An eine "Wanderung " kann ich mich erinnern. Ich war circa 6 Jahre alt, meine Freundin war durch eine Kinderlähmung gehbehindert. Wir mussten einen Steilhang im Wald hochklettern, um Tannenzapfen zu sammeln. Zusammen mit 6 oder 7 Kindern rutschten wir ab und konnten uns nur an Bäumen festhalten, meine behinderte Freundin schrie laut und bekam dafür Schläge. Abends mussten wir dann ohne Essen zur Strafe ins Bett.
Als ich im ersten Kinderheim vor Heimweh lsut heulte, wurde mir mein geliebter Teddy weggenommen, ich habe ihn nie mehr gesehen.
Bis auf den Aufenthalt in einem "guten" Heim kam ich jedes Mal schwer traumatisiert nach Hause. Noch Wochen danach habe ich kein Wort gesprochen, mich an meine Oma geklammert, wenn sie das Haus verlassen wollte.
Ich denke, dass ich viele Erlebnisse aus diesen Heimen verdrängt habe und mir nur die schlimmsten im Gedächtnis blieben.
Das einzige Heim, das ich in guter Erinnerung habe, war der Schafhof bei Lenzkirch.
Ich frage mich heute, inwieweit diese Aufenthalte meine Persönlichkeit mitgeprägt / beeinflusst haben. Seit ich per Zufall auf diese Seite kam, beschäftigt mich diese Frage und die Suche nach Erinnerungen sehr intensiv!
Ich war mit 5 noch ein Nuckelkind und wurde laut Aussage meiner Mutter "mitgegeben", damit das Kind einer Freundin da nicht so allein ist. Dieses Mädchen habe ich in diesen 6 Wochen so gut wie gar nicht gesehen oder gesprochen. Ich habe mich nicht getraut, an der Bettwäsche zu nuckeln, wie daheim und habe verzweifelt auf Papiertaschentüchern genuckelt, so gut es ging, die ich bekam, weil ich Schnupfen vorgetäuscht hatte. ich kann mich erinnern, dass die Tanten eines Abends bei allen Kindern die Bauchnäbel (?????) kontrolliert hatten auf Sauberkeit und ich hatte große Angst, ihren Erwartungen nicht zu entsprechen und habe an dem Bauchnabeln gerieben und gerieben und als die Tante meinen kontrollierte, hat sie sich gefragt, warum der so rot ist, hat aber dann wieder schnell das Interesse verloren.
Ich war mir bei der Froschaugensuppe nicht sicher, ob das wirklich Froschaugen waren...
Mit 8 Jahren war ich bei den katholischen Nonnen in Ratzenried für 6 Wochen, im August 1970, es gibt noch zwei Gruppenbilder aus der Zeit mit Schwester Lioba und der Hauswirtschafterin Marianne. Das Schlimmste dort war der Schlafsaal mit 40 Kindern, ich bin mir nicht sicher, ob der mit Jungen und Mädchen belegt war, bis 11 Jahre, ab 12 waren die Kinder im Stock darüber untergebracht. Man durfte sich nachts nicht im Bett bewegen und wer das doch tat, wurde im Dachboden mit den leeren Koffern eingesperrt. Es herrschte Essenszwang und wir mussten kalt duschen. Wir durften unsere Kleidung nicht selbst aussuchen und es gab keine Süssigkeiten, außer wenn ein Kind ein Päckchen bekam, wurde 50% des Inhalts an die anderen verteilt.
Auf dem Rückweg bekam ich ein Oberteil eines Hosenanzugs als Kleidung und die Bitte nach der Hose wurde mir verwehrt. Ich saß 12 Stunden im Zug von Ratzenried nach Hamburg ohne Jacke und Hose. Die Post wurde zensiert und meine Mutter erwartete ein rotbackiges Moppelchen am Bahnhof und es stieg ein blasses, mageres, durchgefrorenes Kind mit Augenringen aus. Meine Mutter sagt noch heute, sie hätte mich fast nicht erkannt und ich konnte nicht mehr aufhören zu schluchzen. Ich hatte keine einfache Kindheit mit einer alleinerziehenden Mutter in den 60iger Jahren, aber das war die allerschlimmste Zeit.
nun habe ich mich auch entschlossen, hier meine Geschichte zu erzählen. Ich weiss leider nicht mehr sehr viel, da ich wohl einiges verdrängt habe.
Im Sommer 1966 (ich war 6 Jahre alt) bin ich alleine in ein Heim nach Bad Dürrheim gefahren. Leider weiss ich nicht mehr ganz genau wie das Heim hiess, meine Mutter hat alle Unterlagen wohl weggeschmissen. Nach Bildern zu urteilen, war es wohl das damalige DRK Heim. Ich war anscheinend zu dünn.
Ich wurde in einen Zug gesetzt und erinnere mich daran, dass der Zug durch unheimlich viele Tunnel fuhr. Am Heim angekommen empfing mich eine "Tante" mit fürchterlich vorstehenden Zähnen, die in meine Augen wie eine Hexe ausgesehen hat. Wir mussten sehr viel essen und wenn ich den Teller nicht geschafft hatte, dann bekam ich noch einen zweiten dazu. Wir mussten alle bis zum Hals in einer Badewanne mit Salzwasser liegen und durften uns nicht bewegen! Meine Oma hatte mir damals ein Paket geschickt. Meine Mutter wurde von einer Tante Minna angeschrieben, mit der Bitte, meine Oma solle dies doch bitte unterlassen.
Meine Mutter erzählte mir später, dass ich nach der Rückkehr sehr verstört gewesen war, habe viel gebetet, wollte nachts nicht schlafen und habe immer nachgefragt, ob sie böse auf mich sei. Ich wollte danach nicht eingeschult werden, da ich dachte sie schickt mich wieder weg. In ihrem Tagebuch hatte meine Mutter geschrieben: "Wer weiss, was sie dort mit ihr gemacht haben"
Ich habe noch ein Foto, wo ich mit 5 weiteren Mädchen draussen vor einem Taubenschlag oder ähnliches sitze. Ein Mädchen, es hiess Simone und war 8 Jahre alt, hat sich sehr um mich gekümmert. Mehr weiss ich leider nicht mehr.
Diese Zeit hat mein Leben geprägt. Mein Selbstbewusstsein hat darunter wohl stark gelitten.
So, dass war es erstmal von mir. Ich bin froh, dass ich es jetzt einfach mal so erzählen konnte.
Alles Liebe
Susanne
Ich bin nur zufällig auf den Bericht gestoßen und wahrscheinlich eine der Jüngsten "Opfer".
Leider habe ich auch noch keine Zweitmeinung zu meiner " tollen" ,unvergesslichen Kureinrichtung gefunden. Seit Jahren verfolgt es mich. Und eigentlich bin ich auch auf der Suche nach meinen Zimmergenossen ( ein Junge und ein Mädchen), um herauszufinden, ob ich mich nicht täusche und es Tatsache alles so stattgefunden hat und ob sie genauso darüber denken und fühlen ,wie ich.
Es war März/ April 1990 Wendezeit.
DDR Regime noch in voller Blüte.
Ein Schularzt hatte mich kurz vor Einschulung dahin geschickt- in meinen ganz persönlichen Alptraum für 6 Wochen.
Zum Zunehmen- ich sah wohl danach schlimmer aus, als wie ich hingefahren bin. Es war für mich schrecklich. Ich saß am ersten Tag vor meiner Gräupchensuppe und hatte nur geweint.
Niemand hat mich getröstet- nur strenge Blicke.
Dies hat sich auch durchgezogen- das Strenge.
Ich weiß noch, dass wir das letzte Zimmer Treppe raufkommend links hatten. Neben uns war ein 4 Bettzimmer mit 4 frechen Jungen.
Sie haben mein Lieblingskuscheltier kaputt gemacht.
Darüber war ich sehr traurig- auch da kein Trost.
Nun zur Einrichtung:
Wir mussten stundenlang ewig durch den Wald spazieren gehen, Wassertreten im dunklen Keller mit Smaragdgrünen Fliesen, man musste vor seiner Leberwurst Schnitte sitzen bleiben, bis man sie aufgegessen hatte. Kleine 5/6 Jährige kinder hatten einen Nachttopf unterm Bett, den jedes Kind abwechselnd morgens entleeren musste.
Nachts lauschten wir an der Tür und hörten das Nachtpersonal Schuhe putzen.
Von Liebe und Trösten keine Spur.
Und dann kam das Schlimmste- Windpocken.
Bis ich überhaupt untersucht wurde, dauerte Stunden, anschließend wurde ich ins Zimmer isoliert ohne Spielzeug, Bücher, etc....man hat ewig niemand gesehen. Ich wollte nur nach Hause. Mir ging es sehr schlecht.
Später habe ich erfahren, dass meine Eltern telefonisch darüber informiert wurden und alles gut dargestellt wurde. Trotzdem sind sie gekommen und wollten mich besuchen- vielleicht hätten sie mich mitgenommen. Doch nein, sie wurden an der Tür abgewimmelt " zum Wohle des Kindes ". Ich musste Tatsache da bleiben und habe noch nicht einmal meine Eltern gesehen. Wie kann man nur so grausam sein?
Leider sind es nur wenige Erinnerungen, doch leider kann ich nichts Positives berichten.
Meine Eltern haben mir berichtet, als sie mich abholten, habe ich kein Wort mehr mit ihnen gesprochen. Wie tief muss diese Kinderseele verletzt gewesen sein und geschädigt? So sehr, dass es mich nach 30 Jahren immer wieder einholt und nicht in Vergessenheit gerät.
Diese sogenannten "Erzieherinnen" sollten sich in Grund und Boden schämen.
Ich würde es Ihnen so gerne selbst sagen und fragen, warum sie sich so verhielten....
Ich selbst war 1976 als 6jähriger für 6 Wochen zur "Kur" in Berchtesgaden. Seit der Reportage sind viele Erinnerungen und Bilder, die verdrängt, vergessen und zum Teil auch verarbeitet waren, wieder "hochgekommen". Es war mir schon bewusst, dass das Erlebte in den Bereich Kindesmisshandlung fällt. Jedoch habe ich es bisher als einen von wenigen Einzelfällen angesehen. Das die menschenunwürdige Behandlung von Kindern bundesweit solche Ausmaße hatte, war mir bisher nicht klar.
1976 kam die Frage auf, ob ich mit 6 oder 7 Jahren eingeschult werde - ich bin ein paar Tage nach dem Stichtag geboren und somit ein "Grenzfall". Nach erfolgter Schuleingangsuntersuchung kam statt der erwarteten Einschulung im Sommer die Empfehlung von Krankenkasse (Barmer Ersatzkasse) und Arzt, für 6 Wochen zur Kur nach Berchtesgaden zu reisen. Ich hatte in der Zeit oft Bronchitis, häufige Hautausschläge (Neurodermitis) und war auch noch ein "schlechter Esser".
An die Fahrt kann ich mich nicht mehr erinnern; nur an einen grünen Rucksack, den ich von der Barmer bekommen habe. Dieser diente vielleicht als Erkennungszeichen, dass ich zu der Verschickung gehöre. Von den Süßigkeiten, die mir meine Eltern und meine älteren Geschwister eingepackt haben, habe ich nach meiner Ankunft nie wieder etwas gesehen.
Die Bilder vom Inneren das Gebäudes sind in der letzten Zeit wieder vermehrt in meinem Kopf aufgetaucht: viel dunkles Holz, die Medikamentenausgabe vor der Treppe nach oben, der Schlafraum und die Stelle wo mein Bett stand und der riesige Speisesaal mit angrenzendem Gemeinschaftsraum.
Der Speisesaal und der damit verbundene Esszwang sind mir noch sehr präsent: wenn ich mich recht erinnere, war es jeden Dienstag. Da gab es als Vorspeise eine eklige Suppe und danach Pfannkuchen. Die Pfannkuchen haben natürlich nur die bekommen, die die Suppe aufgegessen haben. Einmal habe ich es geschafft, die Suppe runter zu würgen und fand die Pfannkuchen echt lecker - hat sich aber nicht wiederholt. Ein anderes Mal saß ich alleine im Speisesaal vor meiner Suppen, während nebenan im Gemeinschaftsraum eine Veranstaltung stattfand.
Toilettengänge waren wohl auch nicht jederzeit möglich. Als ich wieder zuhause war, habe ich ein Gedicht aufgesagt, von dem ich noch das Ende kenne: „... und bist du endlich an der Tür, dann fehlt auch noch das Klopapier." Ich kann mich an Situationen erinnern, wo ich eingenässt habe und in eine Ecke musste, bis alles getrocknet war. Erst dann durfte ich wieder zurück zu den anderen Kindern (ohne frische Kleidung).
Dass andere Kinder im Speisesaal etwas aufsagen oder vorlesen mussten, habe ich noch im Gedächtnis. Worum es da ging weiß ich nicht mehr, aber das ungute Gefühl spüre ich immer noch.
Ein Highlight war es, wenn wir auf dem Pony "Frieda" reiten durften. Aber auch da war der Sadismus der Betreuer latent vorhanden: Das Pony wurde immer um einem Baum mit einem tiefhängenden Ast geführt. An der Stelle wo der Ast war mussten wir immer den Kopf einziehen. Ein Junge hat das mal vergessen und während er behandelt wurde hieß es von den Betreuern, dass er blöder wäre als das Pony - das hat nämlich an der Stelle immer den Kopf gesenkt. Ansonsten wurde der Kontakt mit dem Tier genutzt um Fotos an die Familie zu schicken, die eine schöne heile Welt vorspielen.
Wenn ich die anderen Berichte lese, weiß ich, dass ich "glimpflich" davongekommen bin. Doch bin ich froh und dankbar für diese Plattform und darüber, dass dieses dunkle Thema nun mehr und mehr öffentlich wird.
Schon auf der Hinfahrt mit dem Bus war ich Demütigungen ausgesetzt: Der Bus musste anhalten, weil ich mich übergeben musste. Die Betreuerin wusch mein Gesicht mit Cola ab; es klebte fürchterlich und die Betreuerin lachte, weil ich "wie ein Neger aussehe". Dann war ich dem Gespött der Kinder ausgesetzt.
Ich hatte Zöpfe und konnte meine Haare noch nicht selber kämmen. Die Betreuerin bürstete so brutal mein Haar, dass mir ein Büschel Haare ausgerissen wurde. Sie konnte darüber nur lachen und animierte auch die anderen Kinder dazu. Das brutale Bürsten wiederholte sich täglich.
Gegessen werden musste alles, ob man es mochte oder nicht, man sollte ja zunehmen.
Die Karten, die meinen Eltern schrieb, enthielten immer die gleichen Text: "Noch soundsoviel Tage und ich bin wieder zu Hause."
Meiner Erinnerung nach hat man sich wenig um uns gekümmert, wir waren tagsüber meistens uns selbst überlassen. Als kleines, schüchternes Kind habe ich das als sehr schlimm empfunden.
Als mich meine Mutter nach diesem Ferienaufenthalt (4 Wochen) am Bahnhof abholte, erkannte sie mich nicht wieder und lief an mir vorbei. Sie erzählte mir später, dass ich so verwahrlost ausgesehen habe, auch die Stelle mit den herausgerissenen Haaren hat sie wahrgenommen. Sie ist dann mit zur Bahnhofstoilette gegangen um mein Gesicht zu waschen. Sie schämte sich, so mit mir nach Hause zu fahren. Heute beschäftigt mich besonders, dass meine Mutter mich damals nicht bedauert, sondern sich für mich geschämt hat.
So war das, aber ich hatte 1 kg zugenommen.
Da sich meine Eltern nicht beim Diakonischen Werk beschwerten, dachte ich, dass ich als Kind die Behandlung so ertragen musste.
Ich hatte alles verdrängt, bis jetzt, nachdem ich den Artikel über Verschickungskinder in der Zeitung (Ostfriesische Zeitung) las.
İch finde es unglaublich.
İch bin aus berlin und wurde 1980 in ein Kinderkurheim verschickt, ich war 6 Jahre und ich denke, es war auf der İnsel Wyk auf Föhr. İch war habe null Erinnerung an diese Zeit. Meine Mutter war allein erziehend und schon lange verstorben, so dass ich sie nicht mehr fragen kann.
İch habe mich immer gefragt, warum ich mich an diese Zeit nicht erinnern kann.
So Schade, dass ich nicht zur Konferenz kommen kann.
Aber die ganzen Kommentare zeigen mir, dass meine Verdrängungsmechanismen schon richtig waren. Wer weiß, was ich da erlebt habe.
War jemand 1978 auf der İnsel Wyk auf Föhr?
Danke für die wertvolle Arbeit.
??
Frida

Liebe Evelyn, ich verstehe dich, aber wir, die wir in der Öffentlichkeit stehen, müssen belegen, dass es die vielen Betroffenen gibt. Dafür gibt es ja das Portal: ZEUGNIS ABLEGEN, da kann man ja sehen, dass es um viele Menschen geht, die dieselbe Erfahrung gemacht haben. Dafür gibt es unsere Fragebögen. Wir versuchen viel und kämpfen mit Argumenten. Und ein Denkmal ist ein Denkanstoß für viele Unbeteiligte und besser als in den Museen weiterhin nur Positives zu den Verschickungen zu lesen. Grüße, Anja
Ich bin sehr entrüstet darüber dass es Menschen gibt die diese vielen Tatsachenberichte betroffener Kinder/ Menschen überhaupt anzweifeln oder versuchen ins lächerliche zu ziehen indem sie gegenteiliges behaupten oder diese Verbrechen abzumildern. Ich benutze absichtlich den Begriff ,,Verbrechen „, denn nichts anderes sind diese Taten und Missbräuche an Kindern bzw. in
diesem Fall sogar schutzbefohlener Minderjähriger!!!
Ich bin selbst betroffen und ich habe nun schon mein ganzes Leben mit den Folgen zu kämpfen. Ich bin seitdem einfach noch kränker geworden.
Ich kann gar nicht nach Borkum fahren und mir Denkmäler begucken. Ich müsste mich übergeben wenn ich an den Ort zurückkehren müsste an dem die Weichen meines Lebens so verderblich gestellt worden sind.
Hier wurden systematisch Kinderseelen zerstört mit negativen Auswirkungen
für den Rest des gesamten Lebens.
Was ??? frage ich jeden Einzelnen…was soll das wieder gut machen???
Ich bewundere diejenigen die ihre Geschichte und die Geschehnisse
in die Öffentlichkeit getragen haben und ans Tageslicht gebracht haben…
Ich habe das Trauma mein ganzes Leben bis Heute nicht überwinden oder aufarbeiten können, trotz Therapien.
Und…ich verachte diese Menschen die daher kommen und meinen sie könnten diese fürchterlichen Tatsachen, Verbrechen und Leid, einfach verharmlosen oder anzweifeln.
Weiterhin bin ich der Meinung dass dieses ganze Land und dessen Regierung für diese Schande geradezustehen hat.
Nicht wir die Betroffenen müssen um Anerkennung betteln!!!