Positive Erinnerungen an Kindererholungsheime, Kinderheilstätten und Kinderkurheime
Titelbild Elternratgeber: Mit Kindern an die See, 1987
Es hieß 50 Jahre lang, die Verschickungen seien „das Beste“ für die Kinder gewesen, inzwischen haben sich aber mehr als 50.000 Betroffene mit Erinnerungen an Demütigungen, Angst und Gewalt bei der Initiative Verschickungskinder in einem Gästebuch und einem Fragebogen, in anderen Foren, sozialen Medienkanälen, auf Petitionen und auf Journalisten- und Wissenschaftler-Aufrufe gemeldet und man hat darin ein System immer gleicher Gewalt erzeugender Bedingungen in diesen besonderen, oft sehr abgelegenen Pflegeeinrichtungen, mit nur wenig ausgebildetem Personal, erkannt. Das ist auch wissenschaftlich, durch Aktenfunde belegt, analisiert worden. Positive Erinnerungen gibt es ab und zu, sie beziehen sich meist auf Strandausflüge, so es welche gegeben hat, junge Praktikantinnen, die oft sehr nett waren, das Essen kurz nach dem Krieg, als in den Großstädten gehungert wurde und es in den Kurorten direkt vom Bauern geliefert wurde. Diese positiven Erinnerungen werden meist von ab 10-12-Jährigen geäußert, bleiben aber oft vage bei konkreten Nachfragen. Dazu kommt: Kinder, die sich in einer durch Angst geprägten Athmosphäre befinden, erleben jeden kleinsten Gesang als Entspannung und jedes kleine Lächeln einer Gewaltperson als positive Erleichterung. Es gilt in dem Zusammenhang einen differenzierten Blick zu entwickeln. Man muss genau nachfragen, z.B. nach der Abwesenheit von Negativem: z.B.: Gab es die freie Möglichkeit, jederzeit auf die Toilette zu gehen, bekamen die Kinder, wenn sie das Vorgesetzte nicht essen mochten, stattdessen Stullen oder etwas anderes zu essen, ging man freundlich mit essensaversionen um? War der Tonfall liebevoll, zugewandt, anregend? Gab es kein Zwangseinfüttern? Wurden die Kinder, die geredet hatten, nicht aus ihrem Bett geholt und nachts zur Strafe auf den Flur gestellt? Gab es nachts kein Toilettenverbot? Wurden Kinder, die nachts eingenässt hatten, nicht bloßgestellt, angemeckert und bestraft? Und was genau wurde positiv erlebt? Die meisten Bedingungen, die Angst auslösten oder Gewalt erzeugten, galten den unwillkürlichen, den normalen Bedürfnissen der Kinder, wie essen, weinen, lachen, miteinander sprechen und auf Toilette gehen, diese Bedürfnisse können ältere Kinder schon besser kontrollieren als jüngere, folglich litten jüngere am allermeisten, trotzdem haben ältere Kinder auch oft Probleme bekommen, nämlich dann, wenn sie kritisch nachgefragt haben oder sensibel und einfühlsam beobachtet haben, wie mit den Kleinen umgegangen wurde.
Als wir begannen, uns dem Thema der traumatischen Erinnerungen von Verschickungskindern zu nähern, waren wir erstaunt über die zahllosen, überaus detaillierten Berichte von angsterfüllten Verschickungsaufenthalten und erlebter Gewalt. Kinder, meist unter 6 Jahren, wurden zu Hunderten allein, ohne ihre Eltern, über 6 Wochen, zwischen 1946 und 1990, in weit entfernt liegende Kindererholungsheimen und -Heilstätten aller Bundesländer verbracht. Erlebnisschilderungen darüber wurden uns ungefragt zugesandt und sammeln sich seither öffentlich auf unserer Webseite in unserem Gästebuch, 2776 (am 27.5.25) und anonym in einem Fragebogen, wo es schon weit über 15.000 sind, die ihre Geschichte unserer Webseite und selbstbestimmten Forschung zur Verfügung gestellt haben. Wir zensieren nicht, wir kürzen nicht, wir schalten nur frei und sammeln. Es sind Erinnerungs-Schilderungen von Demütigungen, körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt und starken Angsterlebens. Diese Berichte sind zumeist von Menschen, die zum ersten Mal mit unserer Initiative in Kontakt kommen und erfahren, dass sie mit ihren schmerzlichen Erfahrungen nicht allein sind, sondern Teil einer sehr großen Gemeinschaft von Betroffenen. Oft ist dann der erste Impuls, das selbst Erlebte aufzuschreiben, Zeugnis zu geben. Auch auf unserer Petition bei change.org gibt es über 49.000 Menschen, davon zahllose Betroffene, die in ihren Kommentaren von ihren eigenen negativen Erlebnissen berichten, dasselbe in zahlreichen facebookgruppen mit Tausenden von Mitgliedern.
Es ist also seit dem Beginn unserer Initiative immer deutlicher geworden, dass die Kinderverschickung System hatte und dass in ihr eine „Subkultur der Gewalt“ (Hans Walter Schmuhl (2023): Kur oder Verschickung: Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Dölling und Galitz, München, S. 249) herrschte. Alle bisherigen wissenschaftlichen Studien bestätigen, dass im Rahmen der Kinderverschickungen Gewaltbedingungen durch vielfältige institutionelle Ursachen gegeben hat.
Manchmal werden in den Berichten, die uns vorliegen, äußere Bedingungen als tröstend empfunden: Sommer und Strand, Wald und Berge, Festlichkeiten, Aufführungen oder gemeinschaftliche Aktivitäten wie Singen, Spielen und Wandern. Trotzdem gibt es auch bei solchen positiven Erinnerungen oft zusätzliche Erinnerungen an Angst- und Gewaltsituationen, die ihnen selbst passiert, oder die die betreffenden beobachtet haben.
Wir wollen einen umfassenden Einblick in das Geschehen während der Verschickungen erhalten. Dafür sind auch positive Erinnerungen wichtig. Denn oft können sie zeigen, durch welche Zufälle Kinder getröstet werden konnten, und manchmal widerstandsfähiger und resilienter gegen die negativen Erfahrungen wurden, oft in der Art, dass sich ein kritisches bewusstsin gegenüber Kindesleid entwickelte. Es reichte manchmal eine heimliche Freundin, eine mitfühlende Praktikanntin. Das ändert aber nichts daran, dass die Bedingungen in bisher allen uns bekannten Verschickungsheimen, also Kinderheilstätten und Kindererholungsheimen mit 6-Wochenkuren, in ähnlicher Weise angsterzeugend und gewalterzeugend auf Kinder und Personal gewirkt haben.
50 Jahre lang war der Diskurs zu Kindererholungsaufenthalten durchgehend positiv besetzt, Heimbetreiber, Mitarbeitende dieser Institutionen feierten ihre eigenen positiven Erinnerungen. Sie tun das noch. Ehemalige Mitarbeiter kommen mit Fotoalben und zeigen lachende Kinderfotos herum, sie beschreiben, wie gut der Zusammenhalt der Mitarbeitenden untereinander war, oft erzählen sie, wieviel sie miteinander gelacht haben und wie fröhlich alles war. Wir als Betroffene ertragen solche begegnungen und Erzählungen nur sehr schwer. Aus der gleichen Zeit, wo wir die schmerzhaftesten Erinnerungen in uns haben, erzählen sie vom Spaß, den sie untereinander und mit den Kindern hatten. Unseres Erachtens ein Zeichen für Abspaltung von traurigem Kindeserleben, dass sie damals übersehen haben und heute nicht wahrhaben wollen, für das Fehlen von Empathie, für ein nachträgliches „Schönen“ dieser Zeit. Wir freuen uns über jede Mitarbeiterin, die ihre Zeit damals kritisch hinterfragt, oder die ihr damaliges Vorgehen gegen die Kinder bereut, solche Briefe erreichen uns, das bewegt uns tief. In Bädermuseen und Elternratgebern war man viele Jahrzehnte lang des Lobes voll, kritische Worte, wie etwa Eltern- oder Erzieherbeschwerden oder auch kinderärztliche Kritik wurden fünf Jahrzehnte von Heimbetreibern und Behörden nur wenig beachtet, sie wurden bagatellisiert und sogar bekämpft (Röhl, A. in Sozialgeschichte offline, 2022, Heft 31/2022, S.61-100: Kindererholungsheime als Forschungsgegenstand. Erwachsene Zeitzeugenschaft am Beispiel eines Beschwerdebriefes im Adolfinenheim auf Borkum, auchonline verfügbar)
Nun, wo sich das erste Mal, nach 50 Jahren, die Betroffenen selbst zu Wort melden, brechen oftmals lange verdrängte Erinnerungen an Beschimpfungen, Schmerzen, Scham, Angst und Gewalt auf. Manche Menschen beschreiben dabei detaillierte Szenen in Ess- und Schlafräumen und wissen noch, wo ihr Bett stand und wie an einem bestimmten Tag das Licht durch die Vorhänge fiel. Sie beschreiben Gerüche, an den Schlafsaal, den Waschraum, das Essen, Farben, gestochen scharfe Filmszenen ihrer traumatischen Erlebnisse und erleben dabei erneut tiefe Gefühle von Angst und Bedrohung. Andere haben schwere Körpersymptome und Alpträume, die sich durch bestimmte Fakten auf Verschickungserfahrungen zurückführen lassen. Sie alle erleben einen ungeheuren Kräftezuwachs aus dem Gefühl, nicht mehr allein mit ihrem Leid und nicht schuld daran gewesen zu sein, sie engagieren sich in gegenseitigem Austausch, in Beratung, Vernetzung und recherche, sie streben dazu an, mehr über diese Einrichtungen herauszufinden.
Anja Röhl, Christiane Dienel, für den AEKV e.V., dem wissenschaftlichen Begleitverein der Initiative Verschickungskinder e.V.
mein Name ist Yvonne und ich war mit meinen zwei Brüdern 6 Wochen auf einer "Kur", was 1992 gewesen ist, in Wyk auf Föhr.Tatsächlich gab es auch noch zu diesem Zeitpunkt solche Vorkommnisse!
Vieles habe ich auch verdrängt. Ich erinnere mich, dass ich sofort von meinen Brüdern bei Ankunft getrennt wurde. Wir liefen dann durch den Keller in Zweierreihen.
Meine nächste Erinnerung liegt in den Nächten und ich höre heute noch die Kinder weinen und nach ihren Eltern rufen.
Sie haben uns alles Geld abgenommen was wir von Zuhause mitgebracht haben. Pakete erhielten wir geöffnet oder gar nicht, was ich später erst erfuhr. Einmal die Woche durften wir mit 1 DM telefonieren, was schnell vorbei war. Die Tanten passten genau auf was wir erzählten und Post mussten wir vor dem versenden vorlegen. Wen denen etwas nicht passte, wurde die Karte zerrissen, Negatives durfte da nicht geschrieben werden.
Geschwister durften sich nicht treffen, so wurde auch die Stunde Garten genauestens geplant. Im Garten stand das " heiße Draht oder heiße Hand" irgendwie so, erinnere ich mich dunkel.
Die Kleinsten hatten es am Schlimmsten, wo auch mein jüngster Bruder betroffen war. Sie mussten im Keller essen. Wir mussten zum Speisesaal an ihnen, durch den Kellergang, vorbei. Ich sehe ihn heute noch da sitzen und in mir kommt die Wut, Trauer und das Gefühl der Machtlosigkeit auf. Die Kleinen durften nicht ihre eigenen Sachen anziehen und wurden schwer gedemütigt. Ich bin froh, dass ich nicht alles weiß. Das was ich weiß, ist schon schwer zu ertragen.
Ich erinnere mich auch an die Drohungen, dass unsere Eltern viel Geld bezahlen müssen, wenn sie uns dort abholen wollen. Ich meine sie sagten 4000DM pro Kind. Natürlich kamen wir alle aus sozialschwachen Familien...
Bei jeder Mahlzeit musste ein Kind aufstehen und beten, das war Pflichtprogramm. Wie geschmacklos und makaber im Nachhinein. Genauso wie der eklige Tee, wo wir die Reste aus den fremden Bechern am nächsten Morgen serviert bekamen. Ich habe heute noch eine Abneigung gegen Blechgeschirr.
Wir waren tatsächlich nur einmal am Strand und das auch nur kurz. Meine Mutter war erstaunt wie blass wir zurück gekommen sind.
Auch an das Wiegen erinnere ich mich, es gab eine Wiegekarte, wo jede Veränderung eingetragen wurde. Einmal musste ich an der Trimmgruppe teilnehmen, ich hatte wohl 500g zuviel auf der Waage.
Naja, ich wünschte man könnte die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Es gibt noch viele Bruchstücke, aber die bekomme ich nicht sortiert hin.
Ich erinnere mich noch an den dicken ekligen Heimleiter...
Entschuldigt das konfuse Schreiben, es ging gerade mit mir durch.
LG Yvonne
Bei Ankunft wurden alle Neuankömmlinge geduscht, danach reichte das morgentliche gemeinschaftliche Waschen am Waschbecken. Uns wurde von den beiden "Tanten" - die Namen habe ich vergessen, aber seit der Sendung Report sehe ich sie jeden Abend vor dem Einschlafen wieder vor mir, eine blond, eine schwarz - mitgeteilt, dass das Personal just an jenem Tag gekündigt hätte und die "Ältesten" von nun an für die Dauer des Aufenthaltes mithelfen müssten. In meiner Erinnerung waren wir eine kleine Gruppe von höchstens 5 Kindern, das älteste 12, deren Tage ab sofort wie folgt aussahen.
Um 7h00 mussten wir aufstehen. Wir hatten keinen Wecker und die Tanten weckten uns auch nicht. Also war ich vor lauter Angst, zu verschlafen, meistens bereits viel früher wach und hörte auf die Kirchturmuhr in der Nähe. Wenn diese dann 7h00 schlug weckte ich die von uns, die noch schliefen. Dann zogen wir uns schnell und leise an und gingen runter in die Küche, um dort für alle Kinder das Frühstück zu machen. Tisch eindecken gehörte dazu. Von den Tanten war in der Zeit nichts zu sehen. Wenn wir fertig waren, ging es zurück in die Schlafsäle und wir weckten alle anderen Kinder. In meiner Erinnerung waren wir insgesamt 20 Mädchen und 22 Jungen. Den kleinen Verschickungskindern mussten wir dann beim Anziehen helfen und deren Betten machen. Abends brachten wir sie ins Bett. Ein italienischer Junge namens Raoul lag noch im Babybett.
Nach dem Frühstück, bei dem nun auch die Tanten zwecks Überwachung anwesend waren, wurde von unserer Gruppe wieder alles weggeräumt, gespült, die Essensräume ausgefegt usw. Dann mussten wir zurück in die Küche und haben Gemüse für das Mittagessen geputzt, Kartoffeln geschält und was halt so anfiel. Beim Mittagessen dann wieder die gleiche Prozedur: aufräumen, ausfegen oder wischen. Abends gab es Brote und ich glaube 2 Sorten Aufschnitt. Und zwar immer den gleichen. 6 Wochen lang. Ein Junge, den wir Mücke nannten, mochte keine Sülze. Wir haben mit ihm gegen etwas anderes getauscht, damit er keinen Ärger bekam. Ein Mädchen hat einmal sein Essen ausgebrochen. Eine der Tanten kam und löffelte ihr das Erbrochene wieder rein. Wir sind alle erstarrt!
Als einmal eine Toilette verstopft war, musste einer der Jungen mit der Hand reingreifen und sie wieder gangbar machen. Schließlich hatte das ja einer von uns verursacht.
Wenn unser Arbeitstag zu Ende ging, waren wir ganz schön geschafft. Aber dann gab es eine Belohnung für die fleißigen Arbeiter. Wir durften rauf zu den Tanten in die Wohnung und konnten nebeneinander auf dem Fußboden sitzend so lange Krimis gucken, wie wir wollten. Das Aufwachen fiel dann natürlich umso schwerer.
Es gab eine kleine Cornelia aus Wuppertal-Elberfeld, die abends oft weinte. Ich habe sie getröstet und mich ein bisschen um sie gekümmert. Ich glaube sie war erst 5.
Wir durften von zuhause Post bekommen, aber die Briefe, die wir geschrieben haben, wurden unter Aufsicht geschrieben und zensiert. Der Brief wurde so lange neu geschrieben, bis er passte.
Und dann kam der Tag, an dem wir uns überlegt hatten, dass wir so nicht mehr weitermachen wollten. Wir, die Arbeitsgruppe, machte sich eines Tages auf den Weg. Einen Plan hatten wir nicht. wir wollten nur weg. Ich hatte vorsorglich noch die kleine Cornelia im Schlepptau. Wir sind ewig gelaufen, der Wald wurde immer dichter und die Zonengrenze rückte immer näher, wie wir später erfuhren. Irgendwann, als es dunkel wurde, hat uns ,ein Ehepaar angesprochen. Wir hatten uns natürlich total verlaufen und sind brav hinter den netten Leuten zurück zum Heim getrabt. Wir wurden schweigend begrüßt und waren froh, dass wir keine Schläge bekommen haben. Ich gehe davon aus, dass den beiden Tanten "der Arsch auf Grundeis ging". Überhaupt muss ich sagen, dass keiner von uns je geschlagen wurde. Ich habe jedenfalls nichts dergleichen mitbekommen.
Zu meinem Geburtstag bekam ich ein kleines Lederportmonnaie geschenkt. Ob etwas drin war, weiß ich nicht mehr. Aber Geld hätte ich eh keines gebraucht, wir gingen ja nirgendwo hin. Einmal sind wir zum Solebad ins Kurhaus gegangen. Ansonsten wüsste ich nicht, worin die Kur noch bestanden hätte außer in viel Arbeit.
Nachdem ich zuhause war fragte mein Vater mich nach ein paar Tagen, wie es denn so im Heim war. Ich habe ihm daraufhin alles erzählt. Meinen Eltern standen die Haare zu Berge. Kollegen meines Vaters hatten wohl ebenfalls von ihren Kindern erfahren, was dort in Bad Sooden-Allendorf los war. Danach hieß es dann von der Postbetriebskrankenkasse, dass man das Heim geschlossen hätte. Gut so!
Es mag sein, dass in meiner Erinnerung die Zahl der Kinder falsch gespeichert ist, aber ich habe alles nach bestem Wissen und Gewissen so aufgeschrieben, wie ich es erinnere. Vielleicht sind wir auch gewandert, aber das ist alles weg. Was übrig ist, habe ich Euch nun mitgeteilt..
Ich bin froh und natürlich traurig zugleich, dass es so unglaublich vielen Kindern ähnlich ergangen ist. Ich habe im Nachhinein nicht den Eindruck, dass meinen beiden Tanten bewusst war, dass sie uns großes Unrecht antaten. Darüber grüble ich seit dem Bericht im Fernsehen nach. Sie wirkten irgendwie total souverän und - ja - nett manchmal. Das macht es irgendwie noch schlimmer.
Gruß an alle, die in Bad Sooden-Allendorf waren! Und Gruß an die kleine Cornelia, wherever you are....
Christa
fast 55 Jahre später...
Ein Jahr später musste ich nach St. Blasien im Schwarzwald. Das muss ein echter Horroraufenthalt gewesen sein.
Ich erinnere mich daran, dass wir regelrecht gemästet
wurden, um dicker zu werden. Es gab Mindestportionen, die gegessen werden mussten. Vorher durfte man den Speisesaal nicht verlassen.
Briefe nach Hause duften nur geschrieben werden, wenn die "Tanten" uns den Inhalt diktierten:
Zum Mittagstisch musste immer ein Kind was Tolles vortragen. Weil ich das nicht wollte, wurde ich an Armen, Haaren usw in die Mitte gezogen und gezwungen ein Lied zu singen.
Wenn wir uns nicht angemessen verhalten haben, wurden wir in eine dunkle Besenkammer gesperrt.
Es wurde Mittagsschlaf gehalten, dazu mussten wir alle schweigend zwei Stunden im Bett liegen. Mehrfach musste ich mich erbrechen, das Erbrechen wurde bestraft.
Es war ein Horroraufentahlt in St Blasien.
Danach musste ich noch einmal nach Wallgau. Meine große Schwetser fuhr mit. Dieser Aufenthalt war galube ich schön
Vorbemerkung:
Fünfzig Jahre ist es jetzt her, die 6-wöchige „Erholung“ im Kinderheim Miralago in Brissago am Lago Maggiore. Nun habe ich zum ersten Mal zusammenhängend aufgeschrieben, was ich noch weiß, und welche Folgen das für mich hatte. Es fiel mir sehr schwer und ich war unendlich traurig dabei, aber es war mir auch ein Bedürfnis. Denn jetzt kann ich besser verstehen warum ich so bin, wie ich bin. Und ich trauere um das Kind, das ich seitdem nicht mehr war, und ich trauere auch um den Menschen, der aus mir hätte werden können.
Meine schlimmste Zeit:
Nach einer schulärztliche Untersuchung in der Grundschule wurde entschieden, dass ich wegen meiner schwächlichen Konstitution in ein Erholungsheim müsse. Dabei habe ich mich selber in meinem Körper wohl gefühlt, ich war drahtig und leicht, aber nicht schwächlich. Ich war lediglich einer der Kleinsten in der Klasse; darauf war ich sogar stolz. Es war das Jahr 1968, ich war 7 Jahre alt und ging in die zweite Klasse.
Zusammen mit meinen Eltern war ich dann bei einer Beratungsstelle, wo uns von tollen Heimen vorgeschwärmt wurde und was für eine einmalige Chance das sei. Ich wollte eigentlich nicht von daheim weg, schon gar nicht alleine, aber meine Eltern wurden überredet. Um mich zu ködern wurde mir sogar die Wahl gelassen zwischen einem Heim an der Nordsee und einem Heim am Lago Maggiore. Unsicher und mulmig habe ich mich dann für das Heim in Brissago (Schweiz, Tessin) entschieden, weil die Bilder so schön waren bzw. ausgemalt wurden. In mir entstand die Vorstellung eines richtigen Sommerurlaubes.
Zur angesagten Zeit, Anfang November dieses Jahres, brachten mich meine Eltern zu einem Zug im Bahnhof der Landeshauptstadt. Sie führten mich in ein reserviertes Abteil, wo noch andere Kinder saßen. An eine Begleitperson kann ich mich nicht erinnern. Dann ließen sie mich allein mit den fremden Kindern. Diese fremden Kinder waren dann später meine einzigen gefühlten Verbündeten gegen den Feind – die Tanten des Heimes. So wurde ich weggeschickt, mit Fremden in die Fremde.
Von der Fahrt weiß ich nichts mehr und vom Verlauf der nächsten 6 Wochen kann ich nur wenig Zusammenhängendes erinnern. Im Wesentlichen einzelne Momente der Qual, der Grausamkeiten, der Verzweiflung, aber vor allem meine innere Not. Es waren wohl die längsten und schlimmsten Wochen meines Lebens; und ich musste schon viele schwere Zeiten durchstehen.
Der Heimaufenthalt dauert für mich ewig und schien nicht enden zu wollen. Ich sehnte mich nach daheim, das hielt mich am Leben, die Hoffnung irgendwann wieder heim zu kommen. Welch ein Zynismus, so eine Einrichtung „Heim“ zu nennen.
Jeden Abend schaute ich im Bette liegend durch die offene Tür auf ein Fenster im Flur, das den Blick auf eine steile, bewachsene Böschung hinter dem Haus zeigte. Ein grün, braunes Chaos, und kein bisschen Himmel. Dieses Fenster war 6 Wochen lang meine eigene Welt und meine Rettung. In diese Welt mit Moos, Steinen, Erde, Gräsern, Farnen träumte ich mich hinein und bildete Muster und Figuren (ähnlich wie bei Wolkenbildern). Gefühlt lag ich stundenlang wach und schaute auf das Fenster, bis zum Einschlafen, dabei oft meinen Penis krampfhalft zuhaltend, weil die volle Blase drückte und wir nicht aufs Klo durften, wenn wir im Bett waren. Das war bei Strafe verboten. Natürlich wurden wir auch fürs Bettnässen bestraft. Das Schlafen auf dem Flur war eine Strafe, an die ich mich erinnere. Ein Bild, das ich noch sehe ist ein Junge, der sich dabei nackt auszog und verstört auf dem Flur herum hüpfte. Am Morgen lag ich ebenfalls vor dem Aufstehen lange wach und schaute auf das Fenster, im Versuch in dieser schmerzlosen Welt zu bleiben. So trauerte ich mich abends (oft mit drückender Blase) in den Schlaf hinein und morgens wieder aus meiner Traumwelt hinaus.
Man bedenke, es war November/Dezember. Ich konnte im Fenster alles gut erkennen, sowohl die lange Zeit Abends, bis die Dämmerung mir den Blick nach draußen nahm, als auch Morgens, als die Dämmerung mir den Blick wieder freigab und ich die lange Zeit bis zum Aufstehen meine „Fensterbilder“ formte. Das bedeutet: Wir wurden ins Bett gebracht lange bevor es Nacht war und wurden herausgeholt erst lange nach Tagesanbruch. Sonnenaufgang in Brissago ist am 30.11. 18 um 7.46 Uhr, Sonnenuntergang um 16.40 Uhr. Wenn ich diese Werte als Mittel auch für 1968 zugrunde lege dann wurden wir also rund 15 Stunden ins Bett gezwungen – und das ohne aufs Klo gehen zu dürfen.
Der Rest des Tages bestand dann aus einem Morgenkreis mit Singen von „dummen“ Fahrtenliedern, dem Frühstück, dem Mittagessen, dem Abendessen und einem Abendkreis wieder mit Singen. Ab und zu bastelten wir für Advent. Erinnern kann ich mich nur dunkel an einige Ausflüge (nach meinen Briefen müssen es ca. sechs gewesen sein). Bei einem wurde ich tief beschämt, weil ich, als einer der Kleineren, auf der Wanderung nur ein kurzen Stück mitlaufen durfte und dann mit den anderen Kleinen wieder zum Bus zurückmusste, um dort lange zu warten, bis die anderen wieder zurück waren. Dabei wollte ich so gerne laufen und mich frei fühlen.
Das Mittagessen war eine Folter. Das Essen selbst war ungenießbar, aber wir mussten aufessen. Ich erinnere mich an eine Pizza, die so eklig war, dass ich erbrechen musste. Ob ich dann mein Erbrochenes aufessen musste, erinnere ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass andere dazu gezwungen wurden.
Die Heimtanten waren streng und ahndeten jeden Regelverstoß. Das einzige, was wir Kinder machen konnten, war es, uns in unserem Leid als Verbündete zu fühlen. Wehren konnten wir uns nicht – und um Hilfe rufen auch nicht. Denn die Post an die Eltern wurde streng zensiert.
Einmal in der Woche war Schreibtag. Wir durften aber nur „schöne Dinge“ schreiben. Wenn ich heute die Briefe lese, die meine Mutter aufgehoben hat, so klingen sie alle gleich nichtssagend konstruiert. Bei verdächtigen Formulierungen mussten wir den Brief neu schreiben. Alle Briefe (bis auf meinen ersten wurden von der jeweiligen Tante als Gruß getarnt abgezeichnet und die Elternbriefe wurden natürlich auch gelesen). So bekamen meine Eltern den Eindruck, als ob uns die Tanten die schönsten Ferien bereiten würden und hielten mich dann noch an folgsam zu sein und keine Schwierigkeiten zu machen. Meine versteckten „Hilferufe“ haben meine Eltern natürlich nicht verstanden. So war ich dann tief betroffen, als ich heute, also über 50 Jahre später las: „ … und vergesst mich nicht.“
Eine der wenigen Freuden in unserem tristen Leben waren die Briefe und Päckchen von daheim. Wenigstens gab es das Daheim noch und so auch die Hoffnung wieder da hin zu kommen. Die geöffneten Briefe durften wir behalten, doch die Päckchen wurden uns gleich wieder weggenommen. Und von den Schätzen und Süßigkeiten, die uns die Eltern so fürsorglich in dieser Vorweihnachtszeit zukommen ließen, bekamen wir so gut wie nichts. Alles wurde von den Tanten beschlagnahmt und dann nur wenige Brosamen an die Kinder verteilt, ohne Rücksicht darauf, wem es eigentlich gehörte. Ich erinnere mich nur an 2-3 Stückchen Schokolade, die ich insgesamt erhielt. Alles andere haben wohl die Tanten vernascht. So wurde uns auch noch das genommen, womit uns die fernen Eltern eine Freude machen wollten.
Tiefes Heimweh war unser alltägliches Brot. Das einzige, was mich am Leben hielt, war die Sehnsucht nach der Heimfahrt, irgendwann – und mein Fenster nach Hinten raus. Aber 6 Wochen waren für mich eigentlich gar nicht zu überblicken und stellten eine abstrakte Größe dar. Konkret war das tägliche Leiden. Ich war damals 7 Jahre alt, als ich mit dieser Heimsituation, ganz alleine gelassen, umgehen musste. Und aus meinen damaligen Leiden und Überlebensstrategien (vor allem der Rückzug nach Innen) sind meine heutigen Krankheiten geworden.
Endlich kam die Heimfahrt (ob eine Begleitperson dabei war, weiß ich auch hier nicht mehr), nach und nach stiegen die Heimkameraden aus, und endlich erreichten wir auch den Bahnhof, von dem ich vor so langer Zeit abgefahren war, und endlich sah ich meine Eltern wieder. Sie freuten sich natürlich, und ich auch – aber eigentlich nur äußerlich. Irgendwie waren sie für mich nicht mehr die Eltern, die ich vorher hatte.
Einiges aus meinem Leben danach:
Die Heimfahrt schien endlich die Erlösung zu sein, aber das war tatsächlich nur Schein. Jetzt im Rückblick muss ich sagen, ich war danach nicht mehr das Kind, das ich vorher war. Diese 6 Wochen haben mein Leben nachhaltig geprägt und belastet. Ich wurde zu einem zurückgezogenen Jungen, dem sozialer Kontakt schnell zuviel war. Ich ertrug es nicht mehr berührt zu werden, selbst nicht von meiner Mutter. Ich zog mich oft zurück, las viel und wurde vor allem innerlich zu einem Einzelgänger. Über die Jahre entwickelte sich eine Krankheitssymptomatik aus psychischen und körperlichen Beschwerden, die ich lange aus Scham verschwieg und verdrängte.
Heute lebe ich mit Depressionen, Zwangsstörungen und Ängsten. Ich kann kaum auswärts übernachten und brauche viel „meine Ruhe“. Körperliche Beschwerden kommen belastend dazu, vor allem im Verdauungs- und Ausscheidungsbereich. Meine Berufsbiographie ist durchzogen von vielen Zusammenbrüchen, langen Krankheitszeiten und einem ständigen Abstieg in immer schlechter bezahlten Jobs. Heute bin ich (befristet) erwerbsunfähig– auch das war ein langer, traumatischer Kampf.
Nun bin ich 58 Jahre alt, nicht mehr belastbar, erwerbsunfähig und mit vielen Krankheitsbelastungen behindert. Viele meiner Schwächen kann ich inzwischen akzeptieren. Gemessen an meinen „Behinderungen“ habe ich das Leben ganz gut gemeistert. Ich bin sogar verheiratet und habe Kinder. Aber ich hatte es nie leicht mit dem Familienleben und meine Familie hatte es nicht unbeschwert leicht mit mir, weil ich eben anders bin und andere Bewältigungsstrategien habe. Aber diese Strategien boten mir damals im Heim eine Möglichkeit des Überlebens, vor allem des seelischen Überlebens – und ich brauche sie teilweise noch heute.
Ohne dieses Leid, das mir angetan wurde, wäre mir bestimmt vieles leichter gefallen und ich hätte mein Leben vielleicht erwachsener in die Hand nehmen können – und hätte vielleicht auch anderen besser helfen können, auch solchen, die unter ihren Belastungen suizidal zusammengebrochen sind. Mein Schicksal habe ich inzwischen angenommen, weil ich auch tiefere Erfahrungen machen durfte, die ich nicht missen möchte; ohne Leiden keine Erkenntnis. Dass ich nicht so belastbar bin, wie andere und seit damals auch nie mehr richtig war, nagt aber zeitweise doch noch an mir. Und ich würde mir wünschen, nicht immer ringen zu müssen.
Erst durch die Reportage von Report Mainz konnte ich mich nun tatsächlich als Verschickungskind einordnen. Dafür bin ich dankbar. Es fiel mir schwer die Reportage anzuschauen, weil vieles bei mir wieder hochkam. Bisher habe ich gedacht, mein Heim wäre ein Einzelfall gewesen. Dieses Ausmaß an Misshandlungen hätte ich nicht erwartet. Außerdem sind die Folgen dieser wenigen 6 Wochen „Erholungsheim“ doch von kaum jemandem ernst genommen worden, angesichts der sexuellen Missbrauchsfälle und der jahrelangen grausamen Heimunterbringungen. Mich nun erstmals so ausführlich und zusammenhängend damit auseinanderzusetzen, war für mich sehr schmerzlich und traurig. Auch bei meinen bisherigen Therapien habe ich mich nicht zu tief darauf eingelassen, aus Angst, dass zu vieles hochkommt und ich überwältigt werde.
Dass ich mich nun als Verschickungskind einordnen kann, hilft mir nochmals besser zu verstehen, warum ich so bin wie ich bin. Denn diese 6 Wochen im „Erholungsheim“ haben mein Leben doch wesentlich geprägt und wohl vieles erschwert oder verhindert, worüber ich mitunter tief traurig bin. So war diese Schreibarbeit auch Trauerarbeit – und ich habe dabei einiges herausgetrauert und zu mehr Frieden gefunden.
Schuld und Wiedergutmachung:
Der Staat, die Verantwortlichen, die Mithelfer und Mitwisser haben sich schwer an den Kindern dieser Jahrzehnte versündigt, die in solche Erholungsheime verschickt wurden. Wieder gut machen lässt sich das nicht, zu viele Biographien wurden verbogen. Aber der Staat könnte Linderung schaffen, zuerst durch eine Anerkennung des Geschehenen, und dann vielleicht durch einen kulanten Umgang mit solchen Menschen bei den Ämtern und Behörden, je nach individueller Lebenslage. So hoffe ich z.B. auf eine Weiterverrentung. Die moralische Schuld muss dann anders aufgelöst werden.
Die andere Seite:
Zum Glück, oder aus Gnade gibt es auch noch die andere Seite meines Lebens, auf der ich Beistand hatte, auf der ich dem Leid einen Sinn abringen konnte, und Böses vielleicht noch wandeln kann. Diese andere Seite habe ich auch erlebt, und dann auch immer wieder Glück, Erfüllung und Frieden gefunden.
Folgendes Gedicht ist dann beim Schreiben noch entstanden:
Verschickungskind
Weggegeben
Hilflos
Heimatlos
Alleine
Entwürdigt
Gequält
Nun Gezeichnet
Und Krank
Und Anders
So bin ich nun.
Aber „Ich bin“ –
Und ich lebe und werde
Und kann dem einen Sinn geben!
Nicht nur
Gelitten
Gekreuzigt
und Gestorben –
Auch Auferstanden!
Mit einem Sammeltransport kam ich also nach Sylt, ich kann mich nicht genau erinnern in welches Heim wir kamen, Vogelkoje, Klappholttal oder Puan Klent, auf jeden Fall war es in der Nähe von Kampen. Es war ein Barackenlager, so erschien es mir jedenfalls.
Dort angekommen wurden uns erst mal Geld und Süßigkeiten abgenommen und wir kamen in einen riesigen Schlafsaal. Als ich während meines Aufenthalts mal ein Paket von zu Hause bekam wurde der Inhalt konfisziert.
Als ein einigermaßen verwöhntes Einzelkind fand ich alles von Anfang an furchtbar dort. Es gab einen strengen Tagesablauf mit Spaziergängen, schrecklichem Essen und vorgeschriebenen Schlafenszeiten. Überhaupt das Essen, in einem riesigen Saal gab es das Essen, welches durchaus als eklig bezeichnet werden konnte, es durfte nicht geredet werden und die Betreuer*innen haben ständig überwacht, dass auch ja alles aufgegessen wurde.
Ich habe einen Brief nach Hause geschrieben und die Zustände dort geschildert. Die Post mussten wir den Betreuern*innen geben, die sie für uns abgesendet haben.
Ich war einfach nur froh, als die Zeit um war und ich wieder nach Hause konnte. Viele Monate später habe ich diesen Brief bei meiner Mutter gefunden.
Alles was ich im Brief negativ dargestellt habe war durchgestrichen, ich wurde als dreiste Lügnerin beschrieben und meinen Eltern wurde geraten, bei meiner Erziehung strenger zu sein und jede Lüge hart zu bestrafen.
Dies hat mich lange nach der Verschickung am allermeisten erbost.
Ich glaube, es gab noch einen Esel dort, bin mir aber nicht sicher.
Ich weiß nur, dass ich mich von der Kur an komplett verändert habe. Vorher ein fröhliches, mutiges, aufgeschlossenes Kind, danach ängstlich, schüchtern, verschlossen, voller Verlustängste. Übergewicht blieb mir seitdem auch nicht erspart. Und der Verdacht von sexuellem Missbrauch keimte irgendwann auch in mir auf, weil ich seitdem auch ein gestörtes Verhältnis zu Körperlichkeit, Sexualität und Zärtlichkeit habe.
Naja, Bonndorf wurde im Jahr darauf geschlossen.
Vielleicht gibt es noch mehr, die sich an Bonndorf erinnern.
Renee
Herzliche Grüße, Petra
Kindersanatorium Santa Maria Oberjoch im Allgäu Januar 1965:
Im 4. Schuljahr kam eine Schulärztin in unsere Klasse, die feststellte, dass ich zu dünn sei und in eine Kur fahren solle. Dies fand ich zunächst einmal spannend und abenteuerlich, da man zu dieser Zeit ja noch nicht oft in Urlaub fahren konnte. An meinem 10.Geburtstag, den 10. Dezember 1964, gingen meine Mutter und ich zum Gesundheitsamt Köln, um die Anmeldung perfekt zu machen.
Im Januar ging es los. Die Abfahrt war abends am Hauptbahnhof. Wir Kinder sollten uns zu zweit aufstellen. Meine Partnerin war ein 5 jähriges Mädchen, das mir, so empfand ich es damals, auch von deren Eltern anvertraut wurde, damit es sich nicht so alleine fühlte. Ich wollte mich gerne um sie kümmern, aber daraus wurde leider nichts. Der Zug kam und wir wurden in verschiedene Abteile abkommandiert. Kinderwünsche spielten da keine Rolle. Ich kam in ein Abteil mit älteren Kindern, wo ich zu den jüngsten gehörte. Das kleine Mädchen kam ins Abteil der Begleiter. Unser Abteil wurde mit einem Zugseil, das mit dem Abteil der Begleiter verbunden, war verschlossen. Musste einer von uns auf die Toilette, musste man an der Tür ziehen und ein Begleiter kam und ließ uns heraus. Da kaum jemand richtig schlief, meldeten wir uns öfter und die Begleiter reagierten zunehmend genervt. Um uns gekümmert haben sie sich während der ganzen langen Fahrt kaum. So war es eine ziemlich trostlose nächtliche Reise.
Müde kamen wir schließlich im Kinderheim an. Unsere Koffer waren noch nicht eingetroffen und wir wurden erstmal ins Bett gesteckt. Vorher ging es zur Toilette. War man auf der Toilette, so standen davor andere Kinder Schlange und man hatte kaum Zeit und Ruhe. Zu den Begrüßungsprozeduren gehörte auch die Untersuchung der Haare auf Läuse. Da ich von der nächtlichen Reise ziemlich verwuschelte lange Haare hatte, wurden diese besonders misstrauisch begutachtet. Auf meinen Wunsch hin hat mir unsere Betreuerin dann in der Folgezeit morgens immer geholfen, diese zu Zöpfen zu flechten.
Meine Mädchengruppe war auf zwei Schlafräume aufgeteilt, in einem waren sieben in dem anderen ca. zwölf Betten. Der Tagesablauf war streng durchgetaktet mit Mahlzeiten, Sport, Spaziergängen und Schlafenszeiten. Für die Kinder, die in der Schule Probleme hatten, waren außerdem bestimmte Unterrichtszeiten eingeplant. Am besten gefiel mir das Singen der Fahrtenlieder aus der Mundorgel. Ich war sehr froh, wenn es in dem straff organisierten Ablauf mal eine Pause gab, in der man einfach mit den anderen spielen konnte. Oft spielten wir dann Mau-Mau.
Draußen lag wunderschöner Schnee – für ein Stadtkind wirklich etwas Besonderes - aber wir haben nie im Schnee gespielt oder Schneemänner gebaut. Wir sind in der Zeit, in der ich dort war, nie Schlitten gefahren. Wir stapften bei unseren Spaziergängen scheinbar endlos und ohne Ziel durch den Schnee und waren meist froh, wenn wir dann wieder ins Haus zurückkamen. In einer Art Keller zogen wir dann die Schneeschuhe aus und die Hausschuhe an.
Zwei Stunden am Nachmittag war für alle absolute Mittagsruhe. Die Fensterläden wurden geschlossen, so dass es dunkel im Zimmer war, man durfte nicht reden, kein Licht anmachen, nur herumliegen. Ein besonderes Highlight war es, dass wir an zwei Nachmittagen in der Woche im Bett lesen durften.
Süßigkeiten, die wir von Zuhause mitgebracht hatten oder in Paketen erhielten, wurden sofort eingesammelt und in einer Kiste verwahrt, aus der jedes Kind ab und zu etwas bekam. Dies sollte dafür sorgen, dass es gerecht zuging und niemand weniger als die anderen hatte. Da diese Verteilungsform aber einfach so verfügt wurde, hatten wir vor allem das Gefühl machtlos zu sein und beraubt zu werden.
Die Aufgabe der Erzieher schien hier insgesamt hauptsächlich darin zu bestehen, uns zu kommandieren und zu überwachen anstatt zu betreuen.
Die Mahlzeiten waren freudlose Zwangsveranstaltungen. Als Ergänzung zum Essen gab es eine Vitamintablette. Es war genau vorgeschrieben, was wir zu essen hatten. Wahlmöglichkeiten gab es nicht, getauscht werden durfte auch nicht. Es musste alles aufgegessen werden. Einmal versuchten die größeren Mädchen Teller mit Essensresten einfach aufeinanderzustapeln. Als dies entdeckt wurde, gab es ein Donnerwetter und alle mussten sitzenbleiben und die „Schuldigen“ mussten weiteressen. Nicht erinnern kann ich mich daran, dass jemand erbrochen hätte oder Erbrochenes gegessen werden musste. Aber viele saßen recht unglücklich und angeekelt vor ihren noch nicht leeren Tellern. Einmal wurde allen im Speisesaal für einige Zeit das zweite Brot gestrichen, entweder weil es unruhig war oder weil einer nicht aufgegessen hatte. Dies ärgerte besonders die größeren Jungs, die mehr Hunger hatten.
Nach einigen Tagen im Heim war es mir ziemlich egal, was ich aß. Ich aß still und mechanisch in mich hinein, was ich essen sollte und wurde dadurch vom Speisesaal der kleineren in den der größeren Kinder befördert.
Zu bestimmten Zeiten durften wir eine Karte oder einen Brief nach Hause schreiben. Es war uns bekannt, dass diese Briefe kontrolliert wurden. Dies empfand ich als Unrecht und eine große Einschränkung meiner Freiheit, schrieb aber trotzdem was ich wollte. Ich wollte dieses ungastliche Haus verlassen. Dieser Brief gelangte sogar zu meinen Eltern, die mir dann zurückschrieben, dass es eine weite Fahrt sei und sie auch keine Schneeketten hätten, um hierher mit dem Auto zu fahren. Eine der Karten, die ich damals geschrieben habe, fand ich später in den Papieren meiner Eltern.
Ich hatte mich schon fast darauf eingestellt hier als brave mechanische Kinderpuppe sechs Wochen verleben zu müssen, als ich eines Tages nach der Mittagsruhe in das Büro der Heimleiterin gerufen wurde. Ich war vollkommen erstaunt, dass in diesem Büro meine Mutter auf mich wartete, die mit dem Zug gekommen war, um mich nach Hause zu holen. In Köln hatte sie zuvor mit unserem Kinderarzt über meinen Brief gesprochen und dieser hatte ihr geraten, mich abzuholen. Damit war meine Kinderkur nach ca. 3 Wochen beendet. Bevor wir zusammen nach Köln zurückfuhren, verbrachten wir noch ein paar Tage im Schnee.
Meine Mutter erzählte mir später wie abweisend ihr das Haus erschienen sei, als sie bei schönstem Sonnenschein in der Mittagszeit dort ankam und die vielen geschlossenen Fensterläden sah. Sie stand dann zunächst vor verschlossener Tür, da auf ihr Klingeln niemand öffnete. So wartete sie bis schließlich eine der Erzieherinnen mit Skiern aus dem Haus kam, sie hereinließ und ins Zimmer der Heimleiterin führte. Dort traf sie außer der Leiterin auch ein Kind an, das die Mittagspause dort wahrscheinlich zur Strafe auf einer Bank verbringen musste. Die Heimleiterin versuchte meine Mutter zunächst zu überzeugen, mich doch dort zu lassen, da ich jetzt eine Freundin gefunden hätte. Sie gab aber dann rasch nach, als meine Mutter sich nicht abweisen ließ.
Vom Gesundheitsamt bekamen meine Eltern später einen Teil des bereits bezahlten Eigenanteils der Kurkosten zurück.
Trotz des guten Ausgangs war meine Unternehmungslust in Bezug auf Kinderfreizeiten und Klassenfahrten seitdem deutlich gedämpft und das Bevorstehen solcher Aktivitäten war von einem unterschwelligen Gefühl des Unbehagens begleitet.
Ich möchte mich hier bei meinen Eltern und den Erwachsenen bedanken, die damals meine Gefühle und Äußerungen ernst genommen haben, was zu dieser Zeit sicher nicht selbstverständlich war.
Hinzufügen möchte ich außerdem, dass es aus meiner heutigen Sicht eher das Gesamtsystem war, das auf unsere kindlichen Bedürfnisse keine Rücksicht nahm und uns erdrückte als die besondere Unfähigkeit oder Grausamkeit einzelner Erzieher. Das Verhalten der meisten entsprach wohl ganz dem damaligen „State of the Art“.
Von Schleswig-Holstein aus wurde ich mit der Bahn in einer Gruppe anderer Kinder nach Bayern verschickt. Mit sieben oder acht Jahren 1000 km „alleine“ durch das Land.
Zu den wohl schlimmsten Erfahrungen gehört das Erbrechen einiger Kinder beim Essen. Sie weinten vor lauter Heimweh, würgten und erbrachen sich. Die Konsequenz war: aufessen!
Aus genau diesem Teller mit dem Erbrochenem. Bis zum Schluss. Und alle mussten schweigend zuschauen.
Nebenbei eine kleine „Anekdote“:
Eine der „Tanten“ entpuppte sich als ganz besonders sadistisch. Ich meine mich zu erinnern, dass sie eine leitende Stellung hatte.
Auf einem Ausflug in einen Park schrie sie einige Kinder an, ein Passant hatte den „Mut“ zu rufen: „Die Nazizeit ist vorbei!“ Was wusste ich von Nazis!
Und doch erinnere ich mich noch heute so gut an diese Szene und glaube, dass die Frau tatsächlich in der NS-Zeit kein kleines Licht war.
Ich bekam, so wie einige andere Kinder auch, Windpocken. Wir wurden dann erst einmal in einem Zimmerchen ohne Fenster isoliert. Nach ein paar Tagen ging es ins Krankenhaus Berchtesgaden, in dem wir noch einmal - ich glaube, es waren drei Wochen - ausharren mussten.
Und doch gibt sich auch eine gute Erinnerung. Eine jüngere „Tante“ war wirklich emphatisch und litt - wie auch wir Kinder - sehr unter der „Machtherrschaft“ und der Brutalität der Alten.
Warum werden diese Erlebnisse erst jetzt erzählt - diese Frage findet sich häufig im Netz. Meine Meinung dazu: Damals war es nichts außergewöhnliches, dass Kinder geschlagen wurden.Eltern schlugen, Kindergärtnerinnen schlugen, Lehrer schlugen, Lehrherren schlugen usw. Jeder Erwachsene konnte Kinder kritisieren und an ihnen herumerziehen, nicht nur die Eltern.Das war leider ganz normal und es hätte schon drastisch kommen müssen, damit sich Eltern mit Lehrern, Nachbarn etc. angelegt hätten um sich schützend vor ihr Kind zu stellen. Das Motto: "Wenn du geschlagen wirst, hast du es verdient" hatte in dieser Zeit Gültigkeit. So war es auch unvorstellbar, dass Eltern ihr Kind aus der Kur frühzeitig zurück nach Hause geholt hätten. Das wäre eine totale Blamage gewesen. Oder hat dies jemand erlebt?
Schwester kann sich an nichts mehr erinnern, und hat mich vor Jahren, als ich durch schwere Depressionen an dieses "unsägliche Thema" kam, glatt für verrückt erklärt und mir jede Hilfe verweigert. Gerade deshalb suche ich dringend Jemanden, der auch in diesem Heim war, vielleicht zur gleichen Zeit. Ich wäre sehr dankbar, wenn mir jemand weiter helfen könnte. In meiner Verzweiflung habe ich vor fast 16 Jahren angefangen darüber zu schreiben, aber immer wieder habe ich damit aufgehört, weil es zu schmerzhaft war, oder weil ich glaubte, dass niemand daran Interesse hätte. Dieses plötzliche aufflammen dieses lang verschwiegenen Themas, macht mir wieder Mut weiter zu schreiben. Diese Kur war mein größter Albtraum. Vieles woran ich mich noch erinnern kann, wurde von anderen bereits erwähnt. In diesem Sinne hoffe ich hier Antworten zu finden.
Danke an alle, die sich trauen endlich darüber zu erzählen, ich dachte schon ich wäre eine Ausnahme.
ich bin erst jetzt über den Buten un Binnen-Bericht gestolpert, eigentlich mein Mann. Dieser hat mir sofort berichtet, weil wir oft über meine schrecklichen Erlebnisse gesprochen hatten. Auch ich war auf einer 6-wöchigen Kur in Wyk auf Föhr, muss 1973 gewesen sein, als ich dort 5 wurde (ich musste sogar meinen Geburtstag dort verbringen).
Die Erinnerungen sind teils verdrängt, vieles ist aber sehr present und quält mich fast tagtäglich. So musste ich nachts "stehend" im kalten Waschraum verbringen, weinend, verängstlicht, zitternd (es war kalt, eisig kalt), barfuß.... ich nässte mich ein und bei der nächsten Kontrolle, wurde ich "angeschrien, geschlagen, eingeschüchtert, bedroht".... jede Träne verursachte Ärger und Angst. Allen ging es so!
Das Essen war schrecklich. Es gab sehr viel mit "Käse" und ich mochte keinen Käse. Also wurde ich zum Essen und Aufessen gezwungen. Und es gab viel mit Käse.... Käsesuppe, Käsebrot, usw... und weil ich keinen Käse mochte, musste ich gerade erst recht Käse statt Wurst auf dem Brot essen, grauen- und ekelhaft....Erst nach 30 Jahren, schaffte ich es erstmals Käse zu essen, ohne Würgereiz. Inzwischen kann ich einige wenige Käsesorten essen, auch mit Käse überbackenes geht wieder, dennoch kommt dabei "jedesmal" alles wieder hoch!
Ich könnte hier Bände schreiben...... leider..... und das, obwohl vieles verdrängt ist.... das ist schon heftig! Leider kann ich mich nicht mehr an den Namen des Kurhauses erinnern, wahrscheinlich, weil mir dies gar nicht gesagt wurde. Denn der Grund der Kur war nicht gesundheitlich, sondern weil mein kleiner Bruder starb und meine Mutter einen Nervenzusammenbruch erlitt. Sie sollte sich erholen, während wir Kinder auf Kur sind.
Denn auch mein Bruder war dort, aber in einer anderen Gruppe, in einem anderen Haus, weil er älter war (7 J.). Er war einer der Jüngsten, unter viel älteren Kids (meist zwischen 9 und 11 Jahre, soweit ich mich noch erinnern kann. Vielleicht lief es deshalb anders ab, weil die Kinder älter waren und deshalb glaubwürdiger als wir Kleinen. Ich meine, ich war mit 4 J. die Jüngste.) Seine Erlebnisse waren anders, denn sie unternahmen sehr viel, gingen an den Strand, sammelten Muscheln, besuchten ein Museum.... Er hat diese Kur ganz anders erlebt! Das Essen war abwechslungsreich, niemand musste komplett aufessen oder gar sein Erbrochenes essen! Er kam fröhlich nach Hause, ich verstört, verängstlich und still!
Als ich berichtete, glaubte mir keiner, da mein Bruder genau das Gegenteil erlebt hatte. Das Traume wurde dadurch noch verstärkt! Noch Heute bekomme ich Gänsehaut, mir wird übel, noch Heute leide ich.... es wird wohl nie aufhören!!! Bisher habe ich nur meinen Mann davon berichtet, es ist das 1. Mal, das ich öffentlich hierüber schreibe. Dabei zittere ich und fühle mich beschis... - nach sooooo langer Zeit :o(
Nun werde ich mich hier erst einmal durchlesen. Es ist toll, dass sich endlich jemand an die Öffentlichkeit wagt und über diese Schweinereien berichtet - es darf nicht totgeschwiegen werden, auch wenn die Verantwortlichen nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können! Deshalb DANKE an alle, die dies ermöglichen und ermöglicht haben!!!
Alles begann so das Ich zu einem für mich fremden Zug an denn Bahnhof gebracht wurde. Im Zug traf ich dann auf eine grau schwarz gekleidete evangelische Kirchenschwester mit weißer Haube auf dem Kopf. Unser Zug fuhr in Richtung Scheidung zum Kindererholungsheim das im Allgäu liegt.
Mit der Zeit und mit weiteren Stopps kamen dann immer mehr Kinder zu uns in den Zug und zu uns in die Kabine. Mein Gefühl war, was passiert jetzt eigentlich mit mir und wann kann ich wieder zurück nach Hause. „Für solche Gedanken hatte die evangelische Schwester überhaupt kein Verständnis“.
Auf dem Weg nach Scheidegg gab es nur eine Scheibe belegtes Brot und wenn ich dann noch wegen Hunger nach mehr Essen verlangte gab es trotz Verlangen kein weiteres Brot, so nach dem Motto dann hungerst Du halt noch ein bisschen.
Als wir dann in Scheidegg ankamen mussten wir alle in Reih und Glied zum Kindererholungsheim „Horrorhaus" laufen. Danach wurden die Jungs und die Mädchen von einander getrennt und dabei wurden uns auch die Schlafzimmer zugeteilt, ich weiß heute noch genau wo mein Zimmer war und in welchem Bett ich mit dem Gesicht zur Wand die ganze Nacht auf einer Schulter liegen musste.
Ich lag gleich rechts von der Eingangstür und an jeder Wand lag ein anderer Junge.
Dann Kamm die Säuberung wir mussten alle in Reih und Glied in den Keller zu denn Waschräume gehen, dort wurden wir auf gut Deutsch gereinigt.
Jetzt aber ein paar schlimme Punkte die mich bis heute Traumatisieren und Tag täglich verfolgen.
Ich musste im Speisesaal oft Stundenlang mit der Horrortante zusammen am Tisch sitzen „ich weiß heute noch genau an welchem Tisch und auf welchem Stuhl ich saß" die Horrortante saß links von mir. Wenn ich mein Essen nicht mehr essen wollte oder konnte dann musste ich so lange mit der Horrortante am Tisch sitzen bis der Teller leer war.
Mit Teller leer essen meinte ich, das ich Stundenlang am Tisch sitzen musste und ich wurde dabei gezwungen alles auf zu essen auch mein eigenes Erbrochenes alles was ich ausgewürgt oder erbrochen hatte. Was auf dem Teller oder auf dem Tisch landete musste ich mit dem Löffel wieder aufessen und wenn ich im Mund nochmal erbrochen hatte wurde ich gezwungen es wieder herunter zu schlucken.
Als ich dann schon mehrere Male das Erbrochene im Mund wieder hoch gewürgt hatte hat man mir den Mund zugeklebt damit ich es schlucken musste und so ging das bis der Teller leer war.
Was ich damals nicht verstehen konnte, ist das ich Zuhause das Essen mit dem Messer und der Gabel gelernt hatte aber hier im Kindererholungsheim gab es bei Essen keine Messer.
Wir durften nur mit Löffel und Gabeln essen, was damals für mich schon ein Schlag nach hinten war.
Nachts im Bett wurde alles dunkel gemacht und jeder musste auf der Schulter liegend die Wand anschauen, es durfte überhaupt nicht gesprochen oder geweint werden ansonsten kam die Horrortante rein und hat Einen angeschrienen und im schlimmsten Fall musste man mit ihr raus vor die Tür in eine dunkle Kammer wo Sie dann besser ein Auge auf dich und die Zimmer hatte.
Die Horrortante war jede Nacht im Flur vor unseren Zimmern gesessen damit sie uns wie ein Stück Dreck behandeln konnte.
An einem eiskalten Abend mussten wir alle bei Eis und viel Schnee zur Strafe am dunklen Walderand durch die dunkle Nacht marschieren bis wir nicht mehr konnten.
Ich leide heute noch so gut wie jeden Tag darunter und in mir herrscht ein Hass gegen bestimmte gesellschaftliche Dinge.
Ich bin so froh wenn diese grausamen Vergehen an uns Betroffenen endlich an die Öffentlichkeit kommt!
Woran ich mich erinnere:
Bei der Ankunft wurde das Gepäck von den "Aufseherinnen" in Schränke geräumt, an die man nicht dran kam, Anziehsachen wurden -glaube ich - einmal täglich von den Aufseherinnen herausgegeben, dazu stand man halbnackt in einem kalten Flur in einer Schlange.
Strikte Toilettenzeiten, in denen die ganze Gruppe zur Toilette ging, außerhalb dieser Zeiten durfte man nicht gehen. Machte man sich deshalb in die Hose, wurde man "vorgeführt" und zur Strafe musste man die "verpinkelten" Sachen anbehalten.
Die schlimmsten Erinnerungen habe ich an das Mittagessen, das gruppenweise an langen Tischen mit ein bis zwei Betreuerinnen eingenommen wurde, denen Nichts entging: die Portionen waren für die dünnen Kinder riesig, und alles musste aufgegessen werden. Einige Kinder würgten das Essen wieder heraus, auch in der Hoffnung, das Essen dann nicht mehr anrühren zu müssen. Das war allerdings nicht der Fall. Sie mussten tatsächlich ihr "Erbrochenes" wieder aufessen, solange, bis der Teller leer war. Das war grausam und werde ich wohl nie vergessen.
Jeden Tag musste ein Mittagsschlaf gemacht werden, es hatte absolute Ruhe zu herrschen in den Schlafzimmern bei offener Tür, im Flur saß eine Aufsichtsperson, beim kleinsten Mucks kam die Aufsicht und meckerte höllisch rum. Kein Kind aus meinem Zimmer schlief, aus dem Alter war man nun mal heraus. ich war mit sechs Jahren eine der jüngsten in dieser Gruppe und nach gefühlt einer endlos langen Zeit, war dann die Zeit für den Mittagsschlaf abgelaufen. Das einzige Positive war, dass man danach ein Brötchen mit Honig im Speisesaal bekam, das war für mich wirklich das Highlight des Tages.
Wöchentlich wurden Briefe an die Eltern geschrieben, in denen aber nur Gutes stehen durfte, das haben die Aufseherinnen gründlich kontrolliert, und die Kinder, die sich auch nur ansatzweise beschwerten, mussten ihre Briefe umschreiben. Zukleben und davor nochmals kontrollieren war dann wieder Sache der Aufseherinnen. Einfacher hatten sie es bei uns kleineren Kindern, wir sollten irgendwas erzählen und sie haben dann irgendwas, was ihnen passte, aufgeschrieben. Nur Gutes ,wie ich hinterher erfuhr.
Gegen tägliche frische Luft hatte ich überhaupt Nichts, was sich allerdings anders gestaltete, als ich dachte. Freies Rumrennen oder Muscheln sammeln am Strand, stand definitiv nicht auf dem Programm. Stattdessen ging es in Zweierreihen durch den Ort und zum Meer, das war eher ein "Marschieren", denn wir mussten im Gleichtakt laufen und immer etwas Brüllen mit "Und eins und zwei ....und vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran." Beim allerersten Mal fanden viele Kinder das noch lustig, aber danach war es einfach nur schlimm. Man konnte nicht mal stehenbleiben wo man wollte, denn das bestimmten die Aufseherinnen, man konnte durch das ewige "Gebrülle" auch nicht mit anderen Kinder quasseln oder gar Freundschaften schließen.
Mein einziger Freund war der Leuchtturm, dem ich in Gedanken meine Einsamkeit und Verzweifelung schilderte und versprach, dass ich alle Gemeinheiten dort später zuhause erzähle, damit da kein Kind mehr hin muss. Wie anfangs erwähnt, glaubte man mir nicht.
Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass ich bis zu dieser "Kur" ein in sich ruhendes, aber doch fröhliches Kind war, dass gerne zur Schule ging, die Lehrerin liebte und in den Pausen mit den anderen auf dem Schulhof tobte. Nach der Kur hatte ich erfahren, dass meine damalige Lehrerin wohl auch meiner Mutter zu dieser Kur geraten hatte, daraufhin war ich monatelang wie ausgewechselt. Ich habe im Unterricht gestört, und jeden Tag meiner Freundin ins Ohr geflüstert:"Die Frau X (Lehrerin) ist doof, bitte weitersagen." Wegen dieser Aufmüpfigkeit musste ich dann oft an den sogenannten "Katzentisch", alleine sitzen und Strafarbeiten machen. Irgendwann habe ich mich dann wieder gefangen.
Ich merke, dass mich das Aufschreiben und erinnern gerade sehr berührt, bin aber froh, dass diese schrecklichen Kindheitserlebnisse hier mal öffentlich gemacht werden und man noch einmal bestätigt wird durch die vielen anderen Berichte, dass man sich das definitiv nicht eingebildet hat. R.K.
könnte es das Kinderheim Quisisana sein?
Dort jedenfalls bin ich für ? Wochen gewesen und schreibe dazu noch einmal gesondert hier im Forum. Brauche aber noch ein wenig Zeit...
Für die Statistik ergänze ich meinen Beitrag zu Bad Sachsa:
1 Jahr später (1963) musste ich erneut zur Kur. Es sollte diesmal besser werden durch folgende Maßnahmen
1. Ich hatte ein ärztl. Attest über Milchunveräglichkeit
2. Dauer von nur 4 Wochen
3. Wahl einer Privatklinik
Das Haus war zwar freundlicher, aber die Abläufe ähnelten sich in allen Bereichen so sehr, dass ich heute Schwierigkeiten mit der Zuordnung habe. Details erspar ich mir.
Das Attest wurde ignoriert. Als ich dies beim Klinikarzt anmerkte war dies für eine 7-jährige wohl zu anmaßend . Hier hätte der Klinikarzt das Sagen.
Also auch in St.Peter Ording die gleichen Methoden. Die Klinik hieß Lorentzen (früher Haus Bergedorf)
Viele Grüße Helga
Der Kontakt sollte nun über die Email von gestern zustande kommen. Habe meine Daten zur Weitergabe freigegeben. LG.
Bad Sassendorf, auf der Insel Spiekeroog, in Brunneck (Südtirol).
In Bad Sassendorf erinnere ich mich dass es Winter war und wir mußten draußen sein an der "guten, frischen und kalten Luft". Obwohl es allen Kindern schon kalt war, durften wir nicht rein gehen. Ich hatte fürchterliches Heimweh. Die Erzieherin schrieb in meinem Namen nach Hause, ich konnte ja noch nicht schreiben, meinen Eltern wie gut es mir gehe und wie sehr es mir hier gefällt.
Auf der Insel Spiekertoog erinnere ich mich an einen Jungen aus unserem Schlafsaal, der, immer wenn er eingenäßt hatte, barfuß sich mitten ins Zimmer stellen mußte mit seinem verpinkelten Schlafanzug."Da siehst Du was Du wieder gemacht hast", war der Satz der Erzieherin. Ich hatte großes Mitgefühl, aber wer will schon einen Verpinkelten Jungen zu sich ins Bett lassen.
Sitzen bleiben bis aufgegessen war, lernte ich dort kennen. Also schluckte ich die ekelhafte Schweinefetthaut im Eintopf.
Brunneck war das schlimmste Heim für mich.
Diesmal traf es mich voll.
Eine Katze war in einem Kleiderschrank der Jungen eingeschlossen worden und hatte dort ihr Geschäft gemacht.
Da man mich am Nachmittag mit diesem Kätzen gesehen hatte, sagten die Jungs das ich sie dort eingesperrt hätte.
Man holte mich aus dem Schlafsaal, stellte mich vor der Tür zur Rede.
Ich sagte, dass ich das nicht war.
Um den Wahrheitsgehalt meiner Aussage zu hinterfragen, lies man mich barfuß, mit einer Decke über der Schulter allein im kalten Flur stehen, um darüber nochmals nachzudenken.
Nach einer Weile kam der Erzieher wieder und Ohrfeigte mich."Hast Du darüber nachgedacht?" war seine Frage. Als ich ihm sagte dass ich das nicht war, beharrte er daruf dass ich es gewesen sei, weil die Jungen das gesagt haben.
Das Ohrfeigen ging also weiter.
Ich fühlte mich so hilflos. Irgenwann sagte ich dann, ja ich sei es gewesen in der Hoffnung dass dann die Ohrfeigen aufhören.
Genau das Gegenteil war dann der Fall. "Weil du gelogen hast" , sagte mir der Erzieher und Ohrfeigte weiter.
Ewigkeiten später ließ er ab und schickte mich zurück ins Bett.
Nur nicht weinen um nicht als Schwächling vor den Anderen da zu stehen.
Zum Frühstück wurde jeder Übeltäter vom Heimleiter nach vorne zu sich gerufen.
Er hatte einen Rohrstock der hieß "Neckermann macht es möglich".
Alle Kinder waren an ihren Tischen so plaziert, das immer der Tisch der Erzieher und des Leiters zu sehen war.
So stand ich vor allen Kindern vor dem Heimleiter, der mir die Frage stellte, wieviele Schläge ich wohl für mein Vergehen verdient hätte. Aus einer Spanne von eins bis fünf Schlägen durfte ich wählen.
Ich nannte fünf, in der Hoffnung Gnade zu finden und bekam dann drei Schläge auf den Hintern vor allen Kindern, mit besagtem Rohrstock.
Nur nicht weinen.
Es war so demütigend. Zumal ich unschuldig war und mir keiner glaubt hatte.
Ich war damals 11 Jahre alt.
Es gibt Wunden, die heilen nie. Es bildet sich ein Schorf darüber, wenn jedoch die Erinnerung kommt, tut es immer noch weh.
Sie haben in Ihren Veröffentlichungen von Ihrem Bruder berichtet, dass er wie ich in der Lungenheilanstalt/ Kinderkurklinik, in der Kurfürstenstraße 26, in Bad Reichenhall, zur Kur in den 60er Jahren verschickt wurde. Vielleicht ist es Ihnen möglich mit mir Kontakt auf zunehmen und mir von den Erlebnissen Ihres Bruders zu berichten.
Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie oder Ihr Bruder sich mit mir austauschen könnte.
Ich habe eine Fotokopie von der Klinik damals in den 60ern. Ich war vor 6 Jahren vor Ort und habe vom Stadtarchiv diese Fotokopie erhalten. Auf dieses Bild hatte ich mit heftigen Panikattacken reagiert, sodass ich sehr schockiert war. Diese Reaktionen bestätigten meine Erlebnisse und seit dem arbeite ich an meinen Traumata.
siehe Bericht vom 13.09.19
Vielen herzlichen Dank
Martin M.
Geboren bin ich Ende 1949 und war mit 8 Jahren im Kinderheim der Stadt Münster auf Juist für ca. 4 Wochen. - Es war schrecklich.
Nach der langen Reise mit Bahn und Schiff am Abend der erste Schock: Zum Abendbrot gab es die eingesammelten Butterbrote der anderen Kinder auf großen Tellern. Das war es. Und eine riesige Lebertran-Tablette, die ich an diesem Tag und auch an den anderen niemals schlucken konnte, sie deshalb zerbeissen musste. Auch an diesem Abend fiel ein Fräulein einfach um, sie soll einen epileptischen Anfall gehabt haben. Vor unseren Augen bei der Essensausgabe passierte es. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich in dieser Nacht eingeschlafen bin. Am nächsten Tag dann beim Mittagessen passierte das Schrecklichste, was ich bis dahin erleben musste. Ein Kind musste das Erbrochene wieder aufessen. Ja tatsächlich, auch hier wurde es praktiziert. Von nun an versuchte ich täglich, alles über mich ergehen zu lassen, was dort passierte. Ich traute mich nicht ein einziges Mal, zu sagen, dass ich unglücklich und traurig war. Es gab auch niemanden, der mich fragte. Mittags musste in einer Art Sommergarten auf Liegen ein Mittagsschlaf abgehalten werden. Nicht einmal konnte ich einschlafen, habe mein Leid herausgeweint und hatte sehr großes Heimweh. Einmal in der Woche wurden wir in Badeanzügen gebadet in einer großen Hallte mit ein wenig Wasser. Die Schwestern fuhren mit Seifenstücken unter unsere Badeanzüge. ich habe es als sehr unangenehm in Erinnerung.
An schöne Erlebnisse auf Juist kann ich mich gar nicht erinnern. Nur an einen Strandausflug, als wir Muscheln sammeln durften.
Es war uns gestattet, Briefe an die Eltern zu schreiben. Es tat mir gut, all mein Leid zu Papier zu bringen. Dieser erste Brief wurde jedoch nicht abgeschickt, statt dessen wurde ich genötigt, den Brief noch einmal zu schreiben und zu verbessern. Danach wurde er verschickt.
Nach 4 Wochen konnte ich endlich wieder nach Hause fahren. Ich hatte tatsächlich das Ziel des Heimes erreicht und 4 Pfund zugenommen.
Ich war mehr als erstaunt als ich den Bericht vom 10.9. /Report Mainz gesehen habe.
Immer wieder dachte ich im Stillen dass man sich nicht nur um den Missbrauch in Kirche,Familie, Schulen kümmern müsste sondern auch was in dem Erholungsheimen so geschah....
Offensichtlich bin ich also nicht die einzige die diese 6 Wochen nicht vergessen hat. Ich bin zwar nicht körperlich missbraucht worden, aber die Demütigen sind mir noch gut im Gedächtnis.
Es muss 1970 gewesen sein. Ich war 6 Wochen in Obermeiselstein/Allgäu.
„Verschickt“ durch die BEK.
Als Älteste(11Jahre) musste ich zusammen mit weiteren 4 Kindern die 70 Paar Schule aller Kiinder putzen. Dieser Gestank im Schuhkeller. Und wehe die Schuhe haben nicht geglänzt....
Schlimm war allerdings dass ankommende Post oder persönliche Geschenke geöffnet wurden und die Süßigkeiten verteilt werden mussten.
Aber der Höhepunkte war dass die Briefe die wir nach Hause geschrieben hatten , zensiert wurden. Kritik durfte nicht drin stehen. Dann musste der Brief nochmal geschrieben werden.
Das Essen musste immer aufgegessen werden, egal ob verdorben oder verbrannt....
Mittagspause von 13-15 Uhr. Im Nachthemd ins Bett und absolute Ruhe!!!
Kontrolliert wurde das durch eine „Tante“, die 2 Stunden im Gang auf und ab lief. Auf die Toilette gehen-verboten.
Wer während der Mittagspause als „Störenfried“ erwischt wurde, musste die restliche Zeit auf dem Gang „strafestehen“ und nach dem Nachmittagskakao wieder zur Strafe ins Bett anstelle am “Nachmittagsprogramm“
mitzumachen.
Das ganze gipfelte dann darin das ein Mädchem einfach in eine Tüte gemacht und diese unter ihr Bett stellte.
Kinder die sich absolut nicht fügten wurden von ihren Zimmerbewohnern getrennt und mussten die verbleibende
Zeit mit im Zimmer/Wohnbereich der Leiterin schlafen....
Ich möchte betonen dass es mir in erster Linie darum geht, dass sich auch die Krankenkassen endlich mit diesem Thema beschäftigen.
Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, endlich auf Menschen zu treffen, die Ähnliches erlebt haben. Den Bericht bei Report Mainz habe ich in einer Rehaklinik nach einer Krebserkrankung gesehen und er hat mich erschüttert und gleichzeitig bestätigt in all meinen Erinnerungen und Gefühlen, die in den letzten Jahren in mir hochgekommen sind. Ich bin heute 57 und war ca. 1969 in einem Kinderkurheim in Bad Dürkheim (falls noch jemand dort war, bitte unbedingt bei mir melden) wegen starkem Asthma (damals hieß es Bronchitis) und Neurodermitis (damals hieß es Milchschorf).
Ich wurde mit 7 Jahren im Januar 1969 in einen Zug gesetzt mit anderen Kindern und einer fremden Aufsichtsperson. Da ich noch nie von Zuhause und aus meinem Dorf weg war, war das alleine schon traumatisch. Noch heute hasse ich alle Stoffe, die so ähnlich aussehen wie die Decke, eine Art Militärdecke, die man uns zum Warmhalten im Zug gegeben hatte. Der nächste Schock kam beim Abendessen am ersten Abend. Es gab Tomatensuppe, die ich als Kind vom Land damals nicht kannte, und, was schwerer wiegt, ich war so voller Schmerz und Heimweh, dass ich überhaupt nichts essen wollte und konnte. Diese Tomatensuppe wurde mir eingeflößt, Löffel für Löffel und mit per Hand aufgespreizten Wangen. Danach habe ich jahrzehntelang Tomatensuppe gehasst, ohne zu wissen warum, bis ich als junge Frau mit Mitte zwanzig bei einem wichtigen Geschäftsessen in einem französischen Restaurant als einer der ersten Gänge Tomatensuppe vor mir stehen sah. In dieser unausweichlichen Situation habe ich mich überwunden, sie zu essen, was gut war, denn heute liebe ich Tomatensuppe. Aber diese Situation beim Essen war der erste Trigger, durch den ich mich nach und nach an die Geschehnisse in der Kur erinnerte. Allein das Wort Kur war für mich jahrelang unterbewusst negativ belastet, für mich gleichbedeutend mit Schmerz, Heimweh und Strafen. Was will das mir sagen, dass ich jetzt gerade wieder in „Kur“ bzw. einer Anschlussreha nach Krebs bin und jetzt mit diesem Thema und den Erinnerungen konfrontiert werde?
An sonstige Schikanen beim Essen kann mich nicht erinnern, vielleicht wurde ich sonst nicht zum Essen gezwungen, da ich recht „kräftig“ war und auf eine Art Diät gesetzt wurde.
Jedoch gibt es weitere Erinnerungen, von denen ich schreiben möchte. Da ich noch nie von Zuhause weg war, und ich hatte ein sehr liebevolles Zuhause, hatte ich schreckliches Heimweh und weinte mich oft abends in den Schlaf. Da wir in einem großen Schlafsaal mit ich weiß nicht wie vielen Betten schliefen, musste natürlich absolute Ruhe herrschen. Nur meine mitgebrachte Puppe Liesel konnte mir ein bisschen Geborgenheit geben. Von den Nonnen, die das Haus betrieben, war keine Zuwendung oder gar Trost zu erwarten. Eines Abends oder nachts wurde ich beim Weinen „erwischt“ und musste zur Strafe draußen auf dem kalten Flur vor dem Schlafsaal stehen im Schlafanzug und einem dünnen Kunstfaserbademantel, wie sie damals üblich waren. Und es war Januar bzw. Februar und bitterkalt. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich dort stehen müsste, nur noch dass ich furchtbar gefroren habe.
Eine weitere Situation erinnere ich aus dem Waschbereich. Unsere Haare wurden täglich (?) mit einem Läusekamm gründlich und nicht gerade zimperlich durchgekämmt. Danach mussten wir uns waschen und danach nebeneinander aufstellen, nach vorne beugen und dann kontrollierte eine Schwester, ob unsere Pofalten sauber waren. Ich erinnere mich, dass ich große Angst davor hatte, aber nicht mehr daran, wie das bestraft wurde.
Die Sehnsucht nach zuhause war so groß bei mir und ich wünschte mir nichts mehr, als dass meine Eltern kommen würden und mich abholen würden. Meine Eltern hatten damals weder Telefon noch Auto, es gab also keinerlei Kommunikation mit ihnen. Ob sie mir geschrieben oder Päckchen geschickt haben, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich daran, dass der Inhalt von Päckchen an alle verteilt wurde. Eine Kusine meines Vaters, die ich relativ gut kannte, lebte in der Nähe des Heims und kam mich einmal besuchen. Ich nehme an, sie hat gemerkt, wie schlecht es mir ging, hat das aber wohl nicht meinen Eltern mitgeteilt. Ich hätte gerne meinen Eltern geschrieben, dass ich heim will, aber uns wurden die Briefe diktiert, die an die Eltern geschickt wurden. Ich erinnere mich genau, dass eine Schwester neben mir saß und genau gesagt hat, dass ich schreiben sollte, mir gehe es gut, es wäre schön dort, die Schwestern wären nett und das Essen lecker. Dann mussten noch fröhliche Blümchen aufs Papier gemalt werden.
Solche Briefe haben die Eltern dann bekommen und gedacht, dem Kind geht es gut und es wird wieder gesund dort. Doch wie kann man in einem solchen Umfeld gesund werden, mit einer solchen Unterdrückung, den Strafen, der Angst und dem Heimweh?! Ich kann mich nur an eine einzige junge Schwester erinnern, die ab und zu versucht hat, lieb zu mir zu sein und mich zu trösten, das aber heimlich tun musste und es daher nur selten vorkam. Alle anderen Schwestern habe ich als kalt, herzlos, unbarmherzig, streng und grausam in Erinnerung. Meinen Eltern mache ich keine Vorwürfe, sie konnten es nicht wissen und haben es gut gemeint und dem System vertraut. Sie wollten, dass es mir besser geht und wären sofort gekommen, um mich da raus zu holen, wenn ich ihnen die Wahrheit hätte sagen dürfen. Ich habe ihnen später als junge Frau davon erzählt und sie waren sehr betroffenen und entsetzt. Mein 91-jähriger Vater hat den Bericht bei Report Mainz auch gesehen und mich sofort darauf angesprochen, wie leid ihm das tut, dass auch ich so etwas als Kind erleben musste.
Als ich damals mit 7 Jahren nach 6 Wochen Kur zurück in die Schule kam, sollte ich dort den anderen Kindern davon erzählen, brach jedoch sofort weinend zusammen und war nicht in der Lage, darüber zu sprechen. Das konnte niemand, auch meine Lehrerin, nicht verstehen, da sie dachte, ich hätte eine schöne spannende Zeit in der Kur verbracht.
Es gibt auch einige wenige undeutliche Erinnerungen, die teilweise schön sind, z.B. Spaziergänge mit Singen vom Lied „er steht im Tor, im Tor, im Tor und ich dahinter, Frühling, Sommer, Herbst und Winter steht mein Schatz auf dem Fußballplatz“; Gänge an den Salinen entlang; samstags Ansehen von Daktari im Fernsehen; Verkleiden an Fastnacht. Dahingegen war der Schulunterricht dort eine Tortur, wir waren mit Kindern vom ersten bis zum neunten Schuljahr in einer gemeinsamen Klasse und ich als Zweitklässlerin war von den großen Kindern total eingeschüchtert und hatte Angst vor ihnen.
So blieb ich 6 Wochen an diesem grausamen Ort und leide heute noch darunter. Immer wieder kommen Erinnerungen hoch und oft habe ich ein seltsames Gefühl, als ob dort noch irgendetwas ganz Schlimmes schlummert und ich es nicht an die Oberfläche kommen lasse, da ich Angst vor dieser Erinnerung habe. Mein ganzes Leben leide ich unter Neurodermitis und Allergien, das Asthma ist in der Pubertät glücklicherweise verschwunden, aber leider haben auch meine Kinder die Neigung zu Allergien geerbt. Als bei meinem älteren Sohn Asthma auftrat, auch eine schlimme Variante, kamen meine eigenen Krankheitserlebnisse ganz unvermittelt wieder hoch und ich habe ihn bei seinen vielen Krankenhausaufenthalten im Kindesalter dort nie alleine gelassen. Mein Leben lang verspüre ich auch eine große Schwäche, wenn es um Krankheiten geht und will mir nicht zugestehen, krank zu sein. Jetzt bin ich krebskrank und frage mich natürlich, was die Ursache davon ist. Wie ich hier gelernt habe, sind die Ursachen von Krebs multifaktoriell und einer dieser Faktoren ist mit Sicherheit diese schreckliche traumatisierende Erfahrung im Kinderkurheim!
Ich möchte sehr gerne weiteren Kontakt zu dieser Initiative und sollte es jemanden geben, der auch in Bad Dürkheim war, würde ich mich sehr gerne austauschen. Leider weiß ich nicht mehr, wie das Haus hieß, welcher Orden es betrieben hat und finde auch im Internet keine Hinweise darauf.
Ganz herzlichen Dank für diese Initiative und die Möglichkeit zu erzählen.
Christa
Es tut weh zu lesen, wie schlimm es so vielen Kindern ergangen ist und kann nachfühlen, dass viele traumatisiert wieder nach Hause gekommen sind. Sechs Wochen unter diesen Umständen von zu Hause weg zu sein ist eine lange Zeit und Zeit genug, um Folgeschäden zu hinterlassen.
Meine Eltern haben mich guten Gewissens auf Anraten unseres damaligen Hausarztes zur Kur geschickt. Hätten sie gewusst, was sich da in den Heimen abgespielt hat, hätten sich mich mit Sicherheit nach Hause geholt. Aber es gab ja keine Möglichkeit, sich mit den Eltern in Verbindung zu setzen.
Meine Mutter hat mir gerade erzählt, dass ich nach der Kur nicht anders war als vorher. Deswegen gehe ich davon aus, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist. Ich weiß nur, dass ich die ganze Zeit Heimweh hatte, jeden Tag geheult habe und Milchsuppe mit Einlage und Hagebuttentee bis zum heutigen Tage verabscheue.
Ich wünsche allen Betroffenen eine gute Aufarbeitung dieser Zeit.
Sollte hier evtl. jemand wissen, wie das Heim hieß, würde ich mich freuen, den Namen zu erfahren; vielen Dank.
ich hätte nicht gedacht, daß noch jemand dort war, da Mambach so klein war / ist. Ja, auch meine Erinnerungen sind altersbedingt nur noch lückenhaft. Wissen Sie vielleicht noch, wie das Haus hieß, wie die uns betreuenden Damen hießen.
Mit besten Grüßen, G.Valle
Erinnern kann ich mich daran, dass uns bei Ankunft das von den Eltern mit gegebene Taschengeld abgenommen wurde und dass wir nur einmal in der Woche eine Karte nach Hause schreiben durften (natürlich wurde die vorher von den Nonnen gelesen). Um zuzunehmen musste man alles aufessen, was einem vorgesetzt wurde. Wer nicht mehr essen konnte oder wollte, musste das, was auf den Teller übrig war, abends kalt aufessen, sonst durfte man nicht aufstehen. Dabei mussten die dicken Kinder, die abnehmen sollten, den dünnen zusehen.
Auch wurden wir geschlagen, insbes. von den älteren Nonnen und insbes.. dann wenn sich jemand im Schlafsaal bewegte oder laut war. Auch wenn vieles lückenhaft ist, erinnere ich mich noch an eine junge Nonne, die uns immer gut behandelt hat und uns versucht hat zu trösten, wenn wir uns einsam gefühlt haben, leider war das eine Ausnahme.
Insgesamt scheint es noch ein bisschen besser gewesen zu sein als in anderen Heimen, immerhin musste ich kein Erbrochenes essen. Trotzdem waren die sechs Wochen ein einziger Alptraum, es herrschte eine beklemmende Atmosphäre und ein Klima der Einschüchterung und Angst.
Nachdem ich in den letzten Jahren immer wieder sporadisch nach Spuren solcher Verschickungen gesucht habe, bin ich froh, dass endlich darüber berichtet wird und dass das Thema Aufmerksamkeit bekommt. Interessieren würde mich, ob sich die Caritas und der Orden der Benediktinerinnen sich dem bewusst sind, was Sie bei den Betroffenen angerichtet haben. Leider kann ich mich an keinen einzigen "Leidensgenossen" mehr erinnern, es würde mich interessieren, ob auch andere ähnliche Erfahrungen in Wessobrunn gemacht haben.
Scharlachkrankheit in Nürnberg in den Zug gesetzt,um in Wyk 8Wochen bei
einer Kur zu Kräften zu kommen.Es war die schlimmste,einsamste Zeit
meines Lebens.Zwang zum Essen,Angstzustände beim Mittagsschlaf,
Postkarten nach Hause,die von den "Tanten" geschrieben wurden und
Strafen.An mehr kann ich mich leider nicht mehr erinnern...
ich habe auch den Reportbeitrag gesehen und anschließend diese
Webseite studiert und Ihren Beitrag gefunden.
Ich war 1966 im Herbst als 6-jähriger ebenfalls in der "Kinderkur" in der Auracher Wies. Ihre Erlebnisse decken sich mit den meinen. Ich erinnere mich auch noch an einen Bernhardiner-Hund, der regelmäßig mit den Keksen gefüttert wurde, die die "Tanten" den Kindern bereits während der Zugfahrt abgenommen hatten, indem sie alles Gepäck durchwühlte.
An die Milchsuppe erinnere ich mich auch und daran, dass ich sie auf einen Holztisch erbrochen habe. Ich wurde mit meinem Kopf hineingetunkt und wurde gezwungen das Erbrochene aufzuessen. Ich sollte in der Kur eigentlich zunehmen. Essen habe ich aber während des gesamten Aufenthalts als Strafe in Erinnerung.
Kleinere Kinder liefen mit offenen Schuhen herum, wenn sie sich die Schuhe nicht selbst zubinden konnten.
Außerdem sind mir lange Wanderungen in dem umliegenden Bergen in Erinnerung. Wir trugen eine Art Ledergeschirr un den Leib, an denen Karabinerhaken befestigt waren. Bei den Ausflügen wurden die Kinder in kleinen Gruppen zusammengekettet und von den Tanten an der Leine geführt. Ein Junge, der immer liebevoll gestaltete Mecki-Ansichtskarten von seinen Eltern erhalten hatte und deswegen von den Tanten besonders gemobbt wurde, hat sich bei einer Bergtour selbst ausgeklinkt und einen Abhang herunter gestürzt.
Er kam mit einer Kopfverletzung ins Krankenaus. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, Es wurde nicht mehr über ihn gesprochen.
Die Gewalt, die die Tanten auf die Kinder ausübte, wurde durch die Kinder
untereinander weiter gegeben. Ich kann mich daran erinnern, dass ältere Kinder ihren Frust an den kleineren, schwächeren vor allem nachts im Schlafsaal ausließen und sich regelrecht zu kleinen Sadisten und Tyrannen entwickelten.
So wurden kleineren Kindern wurde von den Älteren festgehalten und in den Mund gespuckt.
Außerdem gab es nächtliche Kontrollgänge der Tanten. Hatte ein Kind
ins Bett gemacht wurden alle geweckt. Wir mußten dann alle in den Waschraum
gehen und der Betreffende wurde vor aller Augen mit einem Schlauch und eiskaltem Wasser abgeduscht.
Weiterhin sind mir die Abende in Erinnerung, als uns Onkel Trixl schwarzweiß Trickfilme zeigte, manchmal mit dem Bärenmarke-Bär und dass uns manchmal abends von einer Tante Peterchens Mondfahrt vorgelesen wurde. Diese Geschichte war meine einzige positive Erinnerung an die Kur und gab mir Halt.
Jeden Freitag wurden wir in einer Dachkammer gewogen. Dass sich dort auch nur einen Gramm zugenommen habe, wage ich zu bezweifeln.
Ich hatte nach 6 Wochen das Gefühl, ich hätte ein ganzes Jahr dort verbracht,
da es neben sonnigen Tage auch einen Wintereinbruch mit Schnee gab.
Als ich nach Hause kam, war ich lange Zeit in mich zurückgezogen. Meine Eltern erkannten ich kaum wieder. Hinterfragt haben sie es allerdings nicht. Als ich viele Jahre später Details erzählte war der Kommentar: Das kann ich mir nicht vorstellen. Du übertreibst.
Ich habe das Kinderheim im Internet vergeblich gesucht. Es gibt nur ein paar alte Ansichtskarten, von denen ich selbst eine zu Hause habe. Das Gebäude gibt es vermutlich nicht mehr. Es lag direkt an einer Bahnlinie und einem Bach. Eine Google-Maps Recherche war ergebnislos.
Habe mich auch schon oft gefragt, ob es noch andere gibt, die meine Erfahrungen teilen und bin sehr froh dass es eine Initiative gibt, die sich der Sache annimmt.
Über eine Rückmeldung zum Erfahrungs-Austausch würde ich mich freuen.
Viele Grüße
Bernd Marschall
Meine Schwester durfte dann mit den 'großen' Kindern in einem anderen Speisesaal aus Porzellantellern essen und ich habe sie dann auch bei den Mahlzeiten nicht mehr gesehen.
Für mich muss die Kur völlig traumatisierend gewesen sein. Mit gerade 4 Jahren hat man kein Zeitgefühl und ich dachte, ich komme nie wieder nach Hause.
Erst über 40 Jahre später kam dann alles hoch und ich bekam Panikattacken (immer wenn ich mit meiner Schwester im Urlaub war). Das ging soweit, dass ich das Hotelzimmer nicht mehr verlassen konnte. Habe mir dann Hilfe gesucht und 7 Jahre gebraucht um die Panik endlich los zu werden. 3 Therapien (mit Traumatherapie), Psychopharmaka und vieles andere konnte mir nicht helfen. Ich hatte die Erinnerung so gut weggepackt, das ich sogar mit mehreren Hypnosesitzungen nicht heran kam. Ich konnte mich an die Zeit vor und nach der Kur erinnern, die Kur selbst war auch unter Hypnose ein schwarzes Loch. Bin sogar mit meiner Schwester nach Bad Kissingen gefahren vor eingen Jahren und hab mir das inzwischen leerstehende Haus angeschaut. Hilfe habe ich erst vor kurzem durch eine sehr gute WingWave Therapeutin bekommen. Als wir die Kur bearbeitet haben, bin ich im wahrsten Sinne des Wortes zur Salzsäure erstarrt. Mit ihrer Hilfe konnte ich aber endlich die Erlebnisse verarbeiten (wenn ich mich auch nach wie vor nicht an Einzelheiten erinnern kann). Insgesamt hat diese Kur ein tiefes tiefes Trauma hinterlassen. Meine Eltern haben uns nach der Kur (auch vor anderen Leuten) öfter gefragt, wie es in der Kur war und wir haben beide immer nur 'schön' gesagt ohne weiteren Kommentar. Wir wollten beide nicht mehr darüber sprechen.
Ich weiß bis heute nicht, ob dort außer der Trennung von den Eltern Schlimmes passiert ist. War sonst noch jemand in Bad Kissingen und kann mir Infos geben??
Als ich den Bericht bei 'Report' gesehen habe war ich schockiert. Das soviele andere das gleiche Leid ertragen mussten finde ich unfassbar. Lange konnte ich meiner Mutter nicht verzeihen, daß sie so kleine Kinder einfach für 6 Wochen weggegeben hat!!
Ich war auch in Hirsau, es muss 1976 gewesen sein, es war furchtbar... Ich habe
meinen Bericht schon hier hinterlassen.
LG Angelika
So viel Schlimmes habe ich nicht erleben müssen, aber vielleicht war ich im selben Heim untergebracht.
Mit 8 oder 9 Jahren bin ich nach Wittdün auf Amrum verschickt worden. Das war 1959/1960. Das Heim lag auch direkt am Strand.
Seit Jahren beabsichtige ich auch, dorthin zu fahren, um mich meiner Erinnerungen zu stellen. Habe es noch nicht gemacht.
Jetzt, nach dem Bericht im Fernsehen, möchte ich ein paar Worte dazu schreiben.
Ich erinnere mich an schlimme Tage, die von schmerzendem Heimweh geprägt waren - ein Gefühl von Verlassensein und tiefer Traurigkeit.
Keinerlei kindgerechte, liebevolle Zuwendung, nur Zwang und Anordnung und Regeln, was man tun mußte - und nicht tun durfte.
Immer wieder kommen mir Bilder vor Augen, die mich jedes Mal aufwühlen.
Ein Bild z.B., was immer wieder auftaucht und mir noch heute Brechreiz verursacht:
Ich sitze noch am späten Nachmittag ganz alleine in dem großen Essraum. Vor mir ein Suppenteller voll mit gekochtem Schokoladenpudding mit dieser ekligen Haut darüber.
Ich konnte noch nie - von keinem Pudding dieser Welt - diese Erbrechen erzeugende Haut, die die mit Milch gekochten Speisen überzieht, essen! Hier, mutterseelenallein, wurde ich dazu gezwungen. Ich durfte nicht aufstehen, bevor ich den Teller geleert hatte.
Ich war so abgrundtief verzweifelt in dieser Situation.
Ich weiss auch noch, dass ich nicht nachgeben, mich nicht beugen - mir auch nicht die Blöße geben wollte, auf den Tisch zu erbrechen..... Ich kann mich an meinen inneren Kampf erinnern... aber nicht mehr an den Ausgang des Vorkommnisses.
Jedenfalls mußte ich mich - nachdem man mich eine Zeitlang gut zwangsgefüttert hatte - an den "Dickentisch" setzen. Das war das Schlimmste überhaupt: eine Art Pranger. Wer da saß, bekam den Spott vieler Kinder und Betreuer ab. Man konnte sich nicht dagegen wehren und mußte es ertragen.
Ich schämte mich so sehr.
Hätten meine Eltern gewußt, was man uns antat, mein Vater hätte mich sofort abgeholt. Aber das Wenige, was wir auf die Postkarten schreiben durften - und in dem Alter konnten -, wurde uns vorgegeben. Es durfte nichts Kritisches nach außen dringen....
Es war eine ganz furchtbare Zeit. Erlebnisse, die tiefe Spuren durch mein gesamtes Leben gezogen haben.
Drei Jahre später musste ich wieder da hin. Von den abartigen Szenen im Speisesaal bei den "dicken Kindern", dem Zwang sinnlos Milchreis in mich reinstopfen zu lassen von Erwachsenen, die demütigende Art mich fast täglich (nackt) zu wiegen und die Zurechtweisungen und Drohungen danach, wenn das Gewicht nicht nach oben ging, will ich gar nicht mehr berichten.
Heute weiß ich, woher meine Furcht vor dem Dunkel kommt - es gab nicht nur eine sondern mehrere reale Bedrohungen, die mein Leben begleitet haben! Heute jedoch bin ich eine freie erwachsene selbstbestimmte Person und wüsste, was ich tun könnte. Damals war ausgeliefert und niemand hat mir geglaubt!
Diese Initiative kommt aus meiner Sicht nicht früh, aber immer noch rechtzeitig!
Freundliche Grüße
Petra Beller
Hier mein Bericht:
Ich wurde auf Empfehlung unseres Hausarztes, bei dem wiederum explizit meine Mutter diesbezüglich nachgefragt hatte, in Kinderkur geschickt. Ich war damals sehr infektanfällig (Bronchitis) und angeblich zu dünn. Den Namen des Kurheimes habe ich vergessen. Vor einigen Jahren jedoch bei einem Besuch in Bad Dürrheim das historische Gebäude wiedererkannt. Es beherbergt heute ein Wellnesshotel(!).
Das Regiment in dem Heim führten Nonnen oder Diakonissen. Unter dieser Führung hatten auch die weltlichen Bediensteten, die „Tanten“ zu leiden.
Einmal habe ich mich beim Essen übergeben, da mich der Geruch, der Geschmack und die Konsistenz des Essens regelrecht anekelten. Ein Teil der „K….“ landete auf dem Teller. Ich wurde gezwungen meinen Teller leer zu essen. Anfangs weigerte ich mich, woraufhin ich mich in eine dunkle Ecke des inzwischen leeren riesigen Speisesaals setzen musste und diesen Saal erst verlassen durfte, als mein Teller leer gegessen war.
Wir schliefen in riesigen Schlafsälen und mussten Mittagsruhe halten. Damals war ich sehr lebhaft, habe nicht geschlafen und mich mit meinen Bettnachbarinnen unterhalten, dadurch war die Mittagsruhe gestört. Eine Schwester hat mich, an Armen und Beinen ans Gitterbett gefesselt und total – auch das Gesicht – zugedeckt. Ich schlief tatsächlich ein, erwachte plötzlich schweißgebadet, bekam keine Luft, konnte wegen der Fesselung die Bettdecke nicht beiseiteschieben und hatte buchstäblich Todesangst, da ich glaubte ersticken zu müssen. Eine weltliche „Tante“ – während meines Aufenthaltes öfters mein rettender Engel – befreite mich, regte sich furchtbar auf und stellte die Schwester zu Rede. Was dazu führte, dass sie von der Schwester heruntergeputzt wurde und eine Rüge erhielt, warum sie sich in Erziehungsmaßnahmen einmische. So bekam ich es jedenfalls mit.
In Erinnerung habe ich auch noch, dass ich eines Tages zur Schwester Oberin ins Büro zitiert und zur Rede gestellt wurde. An mich war ein Päckchen mit Süßigkeiten von meinen Eltern eingetroffen. Mir wurde vorgehalten, dass das Essen im Heim sehr gut und ausreichend sei, was ich – unter Druck – bestätigen musste. Schließlich wurde mit erlaubt, mir ein kleines Stück von den Süßigkeiten aus dem Päckchen auszusuchen. Ich nahm mir ein Waffelröllchen mit Schokoladenende. Das weiß ich noch heute, so hat sich die Szene bei mir eingebrannt. Ich durfte dann das Büro der Schwester Oberin verlassen, mit dem Hinweis, dass ich das Päckchen mit Inhalt am Tage meiner Heimreise mitnehmen darf. Müßig hier zu erwähnen, dass ich die Süßigkeiten nie wieder sah.
Während meines 6-wöchigen Aufenthalts in dem Kurheim kam es zu einem heftigen Ausbruch von Windpocken; ich bekam sie auch. Auf der Krankenstation wurde ich von weltlichen Tanten sehr gut umsorgt und genoss die Zeit einem 4-Bettzimmer.
Ich habe versucht, mich in den 6 Wochen meines Aufenthaltes immer mehr anzupassen, zu essen, mittags zu schlafen (jedenfalls so zu tun) und mich auf die Zugfahrt nach Hause zu freuen.
Es gäbe noch mehr zu erzählen, durch die Berichte im Internet fällt mir ständig wieder etwas ein.
Aber auch Positives gibt es zu berichten! Bei den weltlichen Tanten gab es sehr menschliche empathische Frauen, die zum Teil auch noch sehr jung waren, aber auch sehr unter dem strengen Regiment der Schwestern zu leiden hatten.
Von meinen Erlebnissen konnte ich damals niemanden erzählen. Bei späteren Erwähnungen wurde diese Erzählungen von meinen unmittelbaren Verwanden und Bekannten als Phantasien abgetan. Unmittelbar nach meiner „Kur“ fragte mich niemand danach.
Diese Anstalt hatte die Ausstrahlung und das Interieur der Schrecken der NAZI Zeit. Geleitet wurde das Heim von Nonnen.
Auch dort die Folterei, tagsüber stundenlanges fixieren im Bett, mit dicken Lagen Wolldecken obendrauf, bis zum Kinn. Ich lag da, konnte schwer atmen, wegen der Fixierung, und habe unter den schweren Decken so geschwitzt, dass ich glaubte wahnsinnig zu werden.
Es war immer so eine Prozedur, da haben zwei Schwestern schon eine Weile gebraucht, bis sie mich, samt Decken, stramm festgezurrt hatten. Ich konnte mich nicht mehr rühren.
Abspritzen im Keller, mit kaltem Wasser aus dickem Schlauch, was weh getan hat, gab es auch.
Stundenlanges Einsperren in einem kleinen weißen, hohen Raum, ohne Fenster, mit kleinem Dreibeinhocker. An der Decke hing diese typische Lampe, weiße Glaskugel an einer Metallstange. Die Tür hatte ein kleines Oberlicht. Das Bild hat sich eingebrannt.
Mein Lieblingskuscheltier wurde mir gleich am Anfang weggenommen und habe es nicht mehr zurückbekommen. Das war das einzig Liebe was ich dabei hatte.
Stunden alleine im Speisesaal verbringen, das in den Teller Erbrochene essen. Eine Nonne hat mich von hinten festgehalten, eine zweite hat mir den Kiefer aufgedrückt und die dritte hat mir den Löffel in den Mund gedrückt. Es kam auch ein Trichter aus der Küche zum Einsatz. Am Ende hat der Kopf und der Hals wehgetan.
Die einzige "Attraktion" im Heim ( so wurde es angekündigt) war das Töten eines Schweins auf bestialische Art und Weise. Mehrere Männer, mit Messern und Mistgabeln, haben das Tier erst, unter Geschrei, Gelächter und Gejohle, gequält. es hat fürchterlich geschrien, und dann wurde es erstochen. Wir mussten uns das anschauen.
Ein Ausflug nach Passau, mit Bootsfahrt auf der Donau und Besuch des Doms gab es.. Da hing ein Bild, mit dem Kopf des geköpften Paulus auf einem goldenen Tablett.
Spaziergänge in Wald und Wiesen.
Es wurde mal was gebastelt, als Geschenk für die Eltern. Ansonsten war das alles sehr trostlos.
Zwei Postkarten wurden in der Zeit von den Nonnen geschrieben. "Liebe Mutti,.mir geht es gut.... usw."
Meine Mutter ahnte, das da was nicht stimmt, ich habe sie nämlich nie Mutti genannt. Sie konnte aber nichts unternehmen. Es gab sonst keinen Kontakt nach Hause.
In dieser Zeit bin ich wie durch einen Alptraum getaumelt, war gar nicht mehr richtig bei mir.
Ich bin krank von dort zurückgekommen und habe noch weniger gewogen.
Auch mein Leben war danach ein anderes.
Ich konnte auch nicht darüber sprechen, jahrzehntelang.
Es gab vor einigen Jahren eine Sendung in Bayern2 Radio, zum Thema Kindesmisshandlung. Dort hat jemand, die gleichen Erlebnisse aus dieser Anstalt geschildert. Er war 3 Mondate dort und ist beinahe ums Leben gekommen. Er kann es auch dokumentieren. Auf Bildern ist er zu sehen, wie ein KZ-Häftling abgemagert, Haut und Knochen, und dieses verzweifelte, ausgemergelte Gesicht mit den großen Augen.
Ich habe ihn kontaktiert, er wollte klagen. Auch sein Leben war zerstört. Leider habe ich keine Daten mehr von ihm. Es hatte mich so aufgewühlt, das ich es auch wieder vergessen wollte. Da habe ich die Daten gelöscht.
Vergessen kann ich das wohl nie.
Wenn ich jetzt all die Berichte lese, wie grausam und traurig das ist. Es ist jetzt für mich klar geworden, dass es die Fortsetzung der Systematik der kranken NAZI-Folterer war. Unfassbar, das so viele Kinder so etwas erleiden mußten.
Liebe Frau Röhl, vielen Dank. Ihre Initiative hilft auch mir, da es Ihr Engagement und Ihre Website überhaupt erst ermöglichen zu verstehen in welchem Ausmaß Leid und Gewalt ausgeübt wurde, und das ich als Betroffener damit nicht alleine bin.
Mit freundlichem Gruß
Anonym
Das Schlimmste war am Strand: alle Kinder liefen in einer geordneten Gruppe am Strand entlang - ich durfte nicht in der Sicherheit der Gruppe mitgehen, sondern musste mindestens 20 Meter hinter her gehen, weil ich ja an den Nägeln gekaut habe. Das ist eine besondere Pein, weil für das Kind der neblige Strand, das bedrohliche Rauschen des Wassers und die fast nicht mehr sichtbare Gruppe einen Horror erzeugen. Weihnachtsgeschenke durften zwar ausgepackt, aber nicht behalten werden. Der Teddy, der in meinem Paket war, den hätte ich dringend als Seelentröster gebraucht. Die 3 Monate waren die schlimmste Zeit. 5 Jahre alt, allein, und den Nonnen ausgeliefert. Meine Mutter hat erzählt, ich sei schlimmer krank wieder gekommen, als ich es vor der "Kur" gewesen bin - und das Nägel kauen bin ich viele Jahre lang nicht los geworden.
Auch ich war als 6-jährige im März 1962 zur Kur - 7 Wochen ohne Elternkontakt in Bad Sachsa in denen mir das Urvertrauen abhanden kam. Mir wurde Erbrochenes eigelöffelt, ich stand stundenlang im Winter barfuß auf dem Steinfussboden im kalten Treppenhaus, erlebte einen pädophilen Übergriff und bekam Prügel...Ich habe auch den Verdacht auf Medikamentengabe zur Ruhestellung, da die Verteilung und Einnahme abendlicher Betthupferl "Bonbons" genau überwacht wurde und die vorgegebene Einnahme mir ungewöhnlich vorkam (kauen und schlucken)
Untergebracht war ich in einer geräumten Speisekammer im Keller- ohne Tapeten Bodenbelag und ohne Heizung.
Es herrschte Raumnot, weil unerwartet Hamburger Kinder untergebracht werden müssten, die durch die Sturmflut vom 16.2.1962 obdachlos geworden waren und ihre Eltern verloren hatten. Der Umgang mit diesen traumatisierten Kindern brach mir trotz des eigenen Leids schon damals das Herz. Diese Kinder waren gesund aber den Tanten zu wild, zu laut, zu frech und unerzogen. Entsprechend die diszplinarischen Massnahmen.
FAZIT
bestimmte Gerüche und Speisen erzeugen noch heute Würgereiz
An der Wiedererlangung des Urvertrauens arbeite ich jahrzehntelang.
Viele Grüße- macht was draus!
Man brachte mich nachts in einen Kellerraum, kettete mich an der Wand fest oder sperrte mich in eine Kiste oder legte mich mit einem Tuch abgedeckt auf einen kalten Tisch usw. Dann folgte schwerer sexueller Missbrauch. Mal war es ein Täter, mal bis zu drei Täter in einer Nacht. Dann wurde ich geschlagen oder getreten, an die Wand geschleudert, übel beschimpft oder mit dem Kopf auf den Boden geschlagen bis ich bewusstlos war.
Damit ich keinen Ärger machte, wurde mir jedes mal ein Betäubungsmittel gespritzt, das sehr brannte. Anschließend legte man mich wieder regungslos in mein Bett.
Ich wünschte mir als 4- Jähriger den Tod.
Ich hatte diese 42 Tage komplett dissoziiert!
Seit diesem Aufenthalt leide ich unter dieser Todesangst, mit Panikattacken, Angststörungen,
schweren komplexen PTBS, Phobien, und einigen somatischen Beschwerden.
Ich suche weiter Opfer als Zeitzeugen oder zum Austauschen.
Das lag hinter einer Düne nahe am Meer, aber in der ganzen Zeit durften wir nur zweimal ans Wasser.
Die Erzieherinnen waren äußerst streng und hart.
Im Zimmer durften wir am Abend nicht sprechen. Wer erwischt wurde, musste eine gewisse Zeit draußen an einer Treppe stehen. Ein Mädchen musste die ganze Nacht auf den Treppenstufen zubringen.
Im Zimmer stand ein Töpfchen, auf das alle Kinder im Dunklen zu benutzen hatten, die in der Nacht zur Toilette mussten. Ein Mädchen hat groß in die Hose gemacht und hat sich aus Angst ein großes viereckiges Loch in die Schlafanzughose geschnitten.
Tagsüber durften nur die Kinder in die Toilettenkabinen gehen, die groß mussten. Alle anderen mussten auf Töpfchen gehen, die vor den Toiletten aufgestellt waren. Das war mir immer ausgesprochen peinlich.
Den Mädchen mit langen Zöpfen wurden diese abgeschnitten, weil die Haare dann leichter zu kämmen waren.
Einmal in der Woche mussten wir uns nackt ausziehen und auf einen Holztisch im Duschraum setzen. Dann wurden immer vier Kinder gleichzeitig unter vier riesige Duschen gestellt und gewaschen, die einen so festen Strahl hatten, dass ich darunter kaum noch Luft bekam.
Einmal in der Woche wurden wir in einem Raum gewogen. Die Kinder, die zugenommen hatten, wurden gelobt und beklatscht, die Kinder, die wie ich abgenommen hatten, mussten sich zur Strafe eine Zeit in eine kleine Metallwanne mit kaltem Wasser setzen. Diese Wannen waren entlang der Wände aufgestellt.
Das Essen schmeckte überhaupt nicht. Oft gab es eine Suppe mit dicken, ekligen Mehlklumpen darin.
Ein Junge, der sich in den Teller übergeben hatte, musste im Speisesaal alleine sitzenbleiben, bis er die Suppe mit dem Erbrochenen ausgelöffelt hätte.
Viele Kinder fanden im Salat Schnecken und wollten ihn dann nicht essen.
Meine Mutter schickte mir aus der Schweiz ein Päckchen mit Schokolade, von der weder ich noch die anderen Kinder etwas bekamen.
Da ich noch nicht schreiben konnte, bat ich ein älteres Mädchen, für mich nach Hause zu schreiben. Diese Karte wurde abgefangen und kam nie an. Stattdessen bekamen meine Eltern zwei Karten, auf denen stand, wie gut es mir ginge und wie schön ich es fände.
Ich habe erst nach Jahren meinen Eltern von dem allen erzählt. Wahrscheinlich habe ich mich zu sehr geschämt. Mein Vater war entsetzt und meinte, warum ich das nicht eher erzählt hätte, dann hätte man doch etwas machen können.
Ich würde so gerne einmal mit einer noch lebenden Erzieherin sprechen und sie fragen, was in ihr vorging bei diesen Behandlungen und wie sie das aus heutiger Sicht sieht und empfindet.
Ich bin Jahrgang 63, wurde noch vor der Einschulung allein für 6 Wochen nach Pelzerhaken "verschickt". Den Namen der "Anstalt" weiß ich nicht mehr. Es war für mich ein Horrortrip. Meinen Eltern wurde gesagt, daß sie während der Zeit keinen Kontakt zu mir aufnehmen sollten, nicht schreiben oder anrufen. Ab und an bekamen meine Eltern eine Postkarte vom Heim, auf der ihnen seitens der "Aufseher" versichert wurde, daß es mir gut ginge. Meine Mutter hatte mir vorher eingebleut, daß ich auf diesen Karten immer ein Männchen malen solle, wenn es mir gut ginge, Ich konnte ja weder lesen noch schreiben. Ich habe immer gemalt, obwohl es ein Martyrium war. Was hätte ich anderes machen sollen!?
Ich erinnere mich nur bruchstückhaft.
Ich fühlte mich allein und verlassen, hatte schreckliche Angst. Während der Anreise hatte ich immer meine Puppe im Arm, die mir dann von anderen Kindern im Bus zum Heim weggenommen wurde. Ich habe geweint, weil sie mein einziger Halt war. Irgendwer hat sie mir schlußendlich wiedergegeben.
Ich war wohl ein schlechter Esser. Jedenfalls war ich immer eine der Letzten im Speisesaal. Trotz mehrmaligem Erbrechen mußte ich so lange sitzen bleiben, bis ich meinen Teller geleert hatte, egal ob mir das Essen schmeckte oder nicht.
Nachts mußte ich mich übergeben. Ich habe mein Bett und meine Puppe vollgebrochen. Die "Tante" kam und sagte, daß ich bis zum Morgen mit dem Säubern warten müsse. Ich habe die ganze Nacht in meinem Erbrochenen gelegen.
Ich "durfte" auch öfter in der Ecke stehen, wenn ich nicht dem Bild eines braven Kindes entsprach.
Als ich endlich wieder nach Hause kam, habe ich meine Mutter gefragt, ob ich auf die Toilette gehen dürfe. Meine Mutter war entsetzt.
Das sind die Dinge, an die ich mich ganz klar erinnere. Es ist schon so lange her und ich habe sicherlich vieles verdrängt. Aber diese sechs Wochen gehören zu den schlimmsten meines Lebens.
MfG
Claudia Holzinger
meine Erlebnisse habe ich ja schon beschrieben...
Ich würde mich über Kontakte freuen, die ebenso wie ich im Frühjahr 1971 im Schloss am Meer, Wyk auf Föhr waren. Träger der Einrichtung war die BEK.
Und das Essen - furchtbar. Ich weiß zum einen nicht mehr, warum ich allein an einem Tisch saß, während die anderen Kinder an großen Gemeinschaftstischen saßen. Vielleicht weil ich so schlecht gegessen habe. Ich mochte so Vieles nicht, v.a. keinen Salat, der mit einer ganz ekligen Sauce u. Rosinen serviert wurde. Auch ich sehe mich noch ewig dort am Tisch sitzen, weil ich nicht essen wollte. Einmal gingen die anderen Kinder in den Wald, es war ein sehr schöner Tag. Ich mußte jedoch im Haus bleiben u. weiß noch, wie ich in den Anderen traurig aus dem Fenster hinterhergesehen habe. Irgendwann wurde die Flüssigkeitsmenge eingeschränkt. Den Tee als einziges Getränk, an das ich mich erinnern kann, mochte ich gern, und ich hatte Durst, aber dennoch durfte ich ab einer bestimmten Uhrzeit nichts mehr trinken.
An meinem 6. Geburtstag - ich wußte nicht, daß ich Geburtstag hatte - wurde ich plötzlich auf den Korridor geschickt, ohne zu wissen, was ich getan hatte. Das klärte sich zum Glück auf; die Damen hatten einen jämmerlichen Geburtstagsaufbau vorbereitet. Meine Mutter hatte mir ein Päckchen mit Süßigkeiten geschickt. Daraus wurde eine Tüte Gummibärchen an alle Kinder verteilt. Mehr habe ich vom Inhalt nicht mehr gesehen.
Die Turnstunde mußte ich in verschmutzter Wäsche (noch von nachts) mitmachen. An die Demütigung kann ich mich noch gut erinnern. Und dann saß ich plötzlich wieder im Zug auf der Rückfahrt. Keiner hatte es vorher gesagt. Zurückgekommen bin ich NOCH dünner, zusätzlich traumatisiert (neben dem, was im Elternhaus ablief) und mit einigen neuen Ängsten u. "Macken".
Ich wüßte gern, ob das Haus noch existiert u. die sehr jungen Damen von damals noch leben.
G. Valle
Essen
Ich kann mich sogar (immerhin?) noch an ein Sweatshirt erinnern, welches ich damals trug - es war rot mit dem Aufdruck "San Francisco University" (wahrscheinlich von C&A, kein originales). Und daran, wie ich mich damit abmühte, es unter dem Wasserhahn im Waschraum sauber zu bekommen.
Dafür kann ich mich nicht im geringsten an die anderen Kinder erinnern, die zur gleichen Zeit wie ich in diesem "Heim" Insassen waren, noch wie mein Verhältnis zu denen oder umgekehrt war. Wohl kann ich mich aber daran entsinnen, daß die "Dünnen" in meinen Augen besser behandelt wurden, zumindest bei den Gelegenheiten, bei denen ein Kontakt unausweichlich war.
Eines Tages hatte die Heimleiterin Geburtstag, eine in meiner Erinnerung ältere und freundliche Frau. Wir mußten auf Geheiß der "Betreuerin" in einer Reihe an ihr vorbeidefilieren und einen Geburtstagswunsch aufsagen.
Ich weiß noch, wie gerne ich ihr in diesem Moment vor allen Anwesenden gesagt hätte, was für ein ********* unsere "Betreuerin" ist und wie gerne ich sofort wieder nach Hause möchte - aber ich war bereits perfekt gedrillt und wußte, welche Konsequenzen mich in diesem Fall erwarten würden.
Apropos Sternchen: wie gern würde ich geradeheraus schreiben, was ich denke und fühle, Schimpfworte hin oder her.
MfG
K Hollensteiner
Ich kam in das katholisch geführte Kindersanatorium St.Luitgard. Von Anfang an herrschte dort ein strenger, militärischer Befehlston - jedes KInd wurde nicht beim Namen genannt, sondern bekam eine Nummer, die auf allen persönlichen Sachen vermerkt war. Ich war die Nummer 65.
Wir schliefen in einem riesigen Schlafsaal, für den eine sog. "Tante" zuständig war: Tante Rosemarie hatte nach eigenem Bekunden schon im Faschismus die sog. Kinderlandverschickungen mitorganisiert, das qualifizierte sie wohl zu dieser Tätigkeit. Manchmal nahm sie mich gegen Ältere etwas in Schutz - vermutlich weil ich damals blond und blauäugig war.
Soweit ich mich noch erinnern kann, drehte sich der ganze Tagesablauf um Essen und um Disziplin. Alles musste zu Ende gegessen werden, vorher durfte ich nicht aufstehen, was dazu führte, dass ich ganze Nachmittage und Abende allein im riesigen Speisesaal verbringen musste. Gelegentlich wurde es den Ordensschwestern zuviel, und sie prügelten mit einem Bambusstock auf meine Hände (diese Bestrafung war in den sechzigern durchaus üblich, vor allem in Schulen). Freizeitaktivitäten gab es kaum, bestanden lediglich aus Spaziergängen.
Die Nächte waren mit am schlimmsten, da wir nicht auf die Toilette gehen durften. Wer einnäßte, wurde mit Stockschlägen bestraft und bekam eine Gummihose. Die Schwestern nannten sie "Hosenpisser". Vor lauter Angst blieb ich oft die ganze Nacht wach, weinte und lutschte an meiner Bettdecke (einen Teddybär durfte ich nicht mitnehmen). Als mein Lutschen an der Decke entdeckt wurde, bekam ich nachts "Daumex", ein stinkendes Mittel auf die Finger geschmiert - dann konnte ich noch schlechter schlafen...
Wenn Post von meinen Eltern kam, bekam ich diese nur, wenn ich alles aufgegessen hatte - und auch dann nicht immer. Wollte ich schreiben, so erledigte das "Tante Rosemarie". Ich habe noch zwei von diesen Karten, auf denen allen Ernstes geschrieben steht "Ich bin gut angekommen - mir geht es gut". Meinen Eltern sollte wohl vorgetäuscht werden, das ich dort wirklich gut aufgehoben war. Nach sechs Wochen hatte ich immer noch nicht zugenommen, sodass ich noch einmal zwei Wochen Verlängerung bekam - das war das Schlimmste von allem - bestraft zu werden für Verbrechen, die andere an mir begangen haben.
Als ich endlich wieder im Zug auf der Rückfahrt saß. traf ich zufällig dort eine entfernt verwandte Füsorgerin, die sehr schnell erkannte, was mit mir los war und mich bis nach Rheine begleitete. Erst in dem Augenblick spürte ich, das dieser Alptraum wirklich vorbei war.
Es ist sicherlich kein Zufall,dass ich heute Sozialarbeiter*innen ausbilde. Das fachliche Niveau, die Kenntnisse über kindliche Entwicklungen und ein Minimum an Verständnis und Zuwendung fehlten in Bad Rippoldsau völlig. Und selbst heute finden wir in ähnlichen Einrichtungen immer noch völlig inkompetente Beschäftigte. Ich kann als Lehrender meinen Teil dazu beitragen, dass sich das ändert und unnötiges Leiden verhindert wird.
Im Schwarzwald bin ich nie wieder gewesen - Bad Rippoldsau scheint sich der unrühmlichen Geschichte des Kindersanatoriums überhaupt nicht bewusst zu sein, nimmt man den medialen Umgang damit als Kriterium.
Heute fahre ich viel und gerne mit der Bahn - aber wenn ich mal wieder in Rheine auf dem Bahnsteig stehe, sehe ich immer noch den kleinen Thomas, der allein mit dem riesigen Zug in sein Unglück fahren muss...
Als Erstes mussten wir alle unsere Butterbrote abgeben (die uns unsere Mütter zuhause ja noch mit Liebe geschmiert hatten) und auf einen großen Haufen legen. Dann wurden alle völlig neu verteilt und ich bekam ein Brot, das mir nicht schmeckte. Mittags mussten alle "schlafen" und sich in eine Richtung jeweils dem Rücken des Nachbarn zugewandt legen und durften nicht reden...Auch bei mir war es so, dass Erbrochenes aufgegessen werden musste - auch wenn es mich nicht selbst betroffen hat. Ich hatte keine Ahnung wo ich bin und wie lange ich noch bleiben würde - wieder zuhause war ich nach Aussage meiner Mutter tagelang völlig verstört...
Ich habe mich auch schon gefragt ob ich mal wieder dahin fahren sollte...aber ich glaube, ich habe damit abgeschlossen. Ihnen wünsche ich das auch von Herzen!
Lese ich nur wenige der hier veröffentlichten Berichte, muss ich paradoxerweise sogar noch zum Schluss kommen, dass ich vergleichsweise Glück hatte - Erbrochenes musste ich nicht essen, an "Dunkelhaft" oder "Gewaltmärsche" kann ich mich auch nicht erinnern.
1953 geboren, fuhr ich 1962 mit meinem 4 Jahre jüngeren Bruder aus dem Rheinland nach Röt im Schwarzwald - bei unseren dauernden Erkältungen sollte uns die "Luftveränderung" gut tun.
Ich erinnere mich nicht, dass es anderen Kindern schlecht ging - aber (so schließe ich aus den hier versammelten Berichten) es muss ja so gewesen sein. "Dem System" muss es gelungen sein, Solidarität unter den Kindern so erfolgreich zu verhindern, dass ich tatsächlich bis vorgestern, bis zur Ausstrahlung des Berichts im Fernsehen, immer geglaubt habe, an den 6 schlimmen Wochen wäre ich selbst "schuld" gewesen, weil ich so entsetzliches Heimweh hatte (in meinem Denken: weil ich einen Charakter-Makel hatte/habe)
Die Demütigungen, die ich real erlebt habe - für mich schlimm genug, wenn auch nicht vergleichbar mit manchem, was ich hier gelesen habe - waren, dass ich die mir schon immer verhasste Milch trinken und so lange im Raum sitzen musste, bis es mir gelang, sie herunterzuwürgen (Kann man verdrängt haben, ob man sich erbrochen hat???). Für mich das Schlimmste war folgendes: meinen Heimweh-Brief an meine Eltern ("Bitte holt mich hier ab! Ich halt es nicht mehr aus!") lasen die "Tanten" (ich weiß nicht mehr, ob wir Briefe noch offen der "Zensur" vorlegen mussten, aber ich hatte immerhin den Mut, es dennoch zu versuchen und meinen Eltern offen zu schildern, wie schlecht es mir ging). Dann, immer noch unfassbar: ich musste diesen - natürlich nicht abgeschickten - Brief im Gemeinschaftsraum vor den versammelten Kindern laut vorlesen. Und wieder funktionierte das "System": ich wurde schallend ausgelacht, beschämt! Erst seit vorgestern wächst in mir die Überzeugung, dass dort unter den Lachenden viele gleichzeitig Leidende gewesen sein müssen, die sich dem "Holt mich hier ab!" eigentlich lieber angeschlossen hätten als mich auszulachen, mit einzustimmen in (von den "Tanten" orchestrierten?) Chor. Ist es zu weit hergeholt, hier an das MILGRAM-Experiment zu verweisen...?
Danke an Anja Roehl für die Veröffentlichung - ich trage "gerne" dazu bei, die Vielfalt der Erfahrungsberichte zu erweitern, vor allem: mich zu solidarisieren mit denen, die es noch viel schlimmer erwischt hat als mich, weil der Zufall sie in viel schrecklichere Häuser mit offensichtlich viel grausameren "Tanten" verschlagen hat als mich. (Was ich selbst erlebt habe, reicht mir schon fürs Leben...)
Leider hatten meine Eltern kein Verständnis, und ich wurde nach meiner Rückkehr als "Schwächling" betitelt, der mit seinen 9 Jahren viel mehr Heimweh gehabt habe als sein jüngerer Bruder. Schwarze Pädagogik halt...
die große Flut über Hamburg kam. Daran kann ich
mich nicht mehr so genau erinnern.
Dann Norderney zum Jahreswechsel 64/65. Ich sollte dort sechs Wochen bleiben und es wurde
verlängert auf drei Monate über Weihnachten.
Alle Geschenke aus den Paketen mussten abgegeben werden. Es war eisig kalt und wir mussten zum Turnen in eine eisige Turnhalle.
Schlimm war das Heimweh, wenn man aus einem
behüteten Elternhaus kam. Alles bestand aus Schikanen und Demütigungen. Vor allem, dass man die Toiletten nicht aufsuchen konnte, wenn das Bedürfnis da war. Nächtelang musste ich auf dem Flur stehen, weil ich zur Toilette wollte. Der Grund, man hat so lange angehalten, weil man
morgens Urin abgeben musste und wer das nicht konnte, dem hat man einen Katheder reingejagt.
Demütigend war auch das tägliche Fiebermessen. Alle mussten sich mit nacktem Po aufs Bett legen, damit das schnell ging.
Habe nur am Katzentisch gesessen, weil ich keine Schmalzbrote mochte. Finde ich heute noch ekelig. Als ich nach Hause kam, habe ich am Bahnhof geweint und weiß jetzt, dass man auch vor Freude weinen kann.
Ich habe sehr genaue Erinnerungen, und das kann ein Fluch sein.
ich habe die meisten Erinnerungen an dort tief begraben oder verdrängt. Ich war im Herbst dort, es lag viel Laub herum, wir waren viel draußen, offenbar auch, um Farbe und rosa Bäckchen zu bekommen. Ich erinnere mich an eine Blindschleiche, die wir dort gesehen haben. Keine Ahnung, warum ich mich nicht an viel mehr erinnere.
Es böte sich die Bildung einer Betroffenengruppe an, um das einmal aufzuarbeiten. Es gibt sicherlich noch mehr Betroffene aus Bremen.
da kamen alle schrecklichen Erinnerungen wieder hoch. Ich war April/Mai 1968 für 6 1/2 Wochen in der Kinderheilanstalt Bad Sassendorf . Schon der Name ist Programm.
Es war eine reine Mastanstalt. Es gab einfach alles zu essen, was ich nie mochte (hauptsächlich Sachen mit Milch, wie Pudding mit Haut, Grießbrei, Haferflocken u.s.w.). Dies alles konnte ich kaum herunterbekommen, es wurde aber aufgepasst, dass man mindestens 2 mal nachnahm, und wehe nicht!!!
Abends musste man um 07:00 Uhr schlafen gehen, vorher durften wir noch eine halbe Stunde lesen, die Bücher wurden wahllos auf die Betten verteilt. Ich war schon 14 1/2 Jahre alt und bekam ein Bilderbuch hingeschmissen.
Nachts wurde einem mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet um zu sehen, ob man auch schlief.
Auf die Toilette durften wir auch nur zu bestimmten Zeiten und gruppenweise gehen.
Ich hatte Monatsbinden in meinem Nachtschrank, als die Schwester bei einer Inspektion diese entdeckte wurde ich wie eine Verbrecherin behandelt und die Binden weggenommen...
Mehrmals die Woche mussten wir Solebäder nehmen, einige Male, wenn wir in den Wannen lagen, gingen plötzlich wildfremde Männer durch den Raum (wohlgemerkt, ich war fast 15 und schon voll entwickelt).
Die Briefe, die wir nach Hause schreiben durften, wurden durchgelesen. Ein Mädchen hatte geschrieben, dass Sie es nicht aushält und dass Ihre Eltern sie wieder abholen sollten. Sie wurde während der Mittagsruhe aus dem Bett gezerrt und musste weinend den Brief neu schreiben.
Ein Mädchen hatte plötzlich kreisrunden Haarausfall bekommen, ein sicheres Zeichen für höchste psychische Not!
Wir mussten eine ganze Woche lang die selbe Kleidung (auch Unterwäsche!) tragen, das war sehr, sehr unangenehm.
Die Haare waschen durften wir uns in den ganzen 6 1/2 Wochen nur 2 mal, einmal nach 4 Wochen, dann wieder kurz bevor es nach Hause ging, wahrscheinlich, damit die Eltern nichts merken.
Meine Eltern hatten übrigens zu Ostern ein Paket mit Süßigkeiten geschickt, welches ich nie zu Gesicht bekommen habe. Als wir dann am letzten Tag auf unsere Abreise warteten, lagen plötzlich die ganzen Tische im Speiseraum voll mit Schokohasen und Eiern, von denen wir uns dann nehmen konnten, soviel wir wollten.
Ich könnte noch stundenlang weiterberichten, will es aber jetzt dabei belassen. Auf jeden Fall finde ich es gut, dass all diese Sachen jetzt mal aufgearbeitet werden. Man hat ja damals gedacht, dass ist normal und es glaubt einem sowieso niemand.
Nachtragen möchte ich noch, dass es eine Person gab, die mir den Aufenthalt etwas angenehmer gemacht hat, dass war Schwester Annegret. Ohne sie hätte es sicher nicht ausgehalten.
immer wieder versuche ich den Menschen in meiner Umgebung zu erklären, dass ich nicht zu einer Kur möchte, um mich mal zu "erholen".
Nur das Warum kürze ich immer ab, indem ich nur sagen : ich war Anfang der 70 iger für 6 Wochen in Wyk auf Föhr zur Kinderkur und das habe ich in sehr schlechter Erinnerung.
Uns wurde verboten während des Mittagschlafes oder auch während der Nachtruhe aufzustehen. Das beinhaltete auch den Toilettengang.
Das hatte zur Folge, dass wir uns eingenässt haben und z.B. die ganze Nacht in unserem eigenen Urin gelegen haben. Mit Taschentüchern haben wir dann versucht, die nassen Matratzen trocken zu reiben.
Einmal konnte ich mich auf Toilette schleichen und wurde auch prompt von dem Heimleiter erwischt. Der zerrte mich regelrecht aus der Toilette in mein Bett zurück.
Dort entdeckte er natürlich die Bescherung und brüllte mich an, was ich da für eine Schweinerei veranstaltet hätte, so dass auch der letzte wusste, welches Mißgeschick mir passiert war.
Bis heute leide ich unter einer extrem " schwachen Blase" und ich werde belächelt, dass ich jedes Getränk verweigere, wenn es in der Nähe keine Toilette gibt.
An eine nette Betreuerin kann ich mich erinnern. Sie spielte Gitarre, hatte dunkle Locken und hat uns immer was zum Schlafen vorgesungen. Wenn sie Nachtwache hatte, durften wir wenigstens auf Toilette gehen. Ich liebe sie bis heute dafür.
Meine Süßigkeiten aus den Päckchen habe ich dann wieder entdeckt, als die Geburtstagskinder sie auf Ihren Tellern liegen hatten und wir uns reihum was nehmen durften.
Meinen Eltern habe ich jeden Tag eine Karte geschrieben, dass sie mich ganz schnell abholen sollen. Diese wurden zerrissen und unter Tränen wurde mir ein Text diktiert, mit der Begründung, dass ich meine Eltern sonst ganz traurig mache. Ich kam mir ganz schlecht vor. Ich sollte meine Eltern anlügen, obwohl lügen doch was schlechtes war. Ich durfte meinen Eltern nichts sagen, auch nicht, wenn ich wieder zu Hause bin, denn dann mache ich sie ja traurig. Ich war also die Schlechte, so oder so.
Eigentlich kam ich nach Wyk, weil ich immer so dünn war, aber ich hatte es geschafft, noch dünner nach Hause zu kommen.
Ich bin so glücklich, dass es diesen Bericht im Fernsehen gab. Endlich kann ich zum ersten Mal darüber berichten und ich kann es nicht fassen, wie viel " wir" eigentlich sind.
Meine Eltern haben mir leider nie richtig geglaubt und immer gedacht, dass ich mir das alles nur ausgedacht habe, damit ich nicht nochmal verschickt werde. Das war eben die Zeit, als es auch noch die Götter in weiß gab und die Lehrer immer Recht hatten.
Nochmals vielen Dank für dieses Initiative an die Öffentlichkeit zu gehen
Eure Sabine ( 54 Jahre )
Gleicher Jahrgang, gleicher Ort des Schreckens, gleiche Heimat.. Ich war 4 oder 5 Jahre alt sein, als ich auf Anraten eines Arztes verschickt wurde. Es muss Winter gewesen sein. Ich sehe noch viele Treppenstufen vor mir, über die wir Kinder unser Gepäck zerren mussten. Die wenige Post nach Hause haben ältere Kinder oder die Tante geschrieben, der Inhalt war immer zensiert. Vor meiner Oma hatte ich ein Päckchen mit Malsachen und süssigkeiten bekommen. Daraus habe ich einen Malstift behalten dürfen, alles andere bekamen andere Kinder - darüber war ich sehr traurig, weil mein Heimweh so gross war. Es gab rüde Masernimpfungen ohne ein Fünkchen Mitgefühl, nur Strenge und Drill. Das Essen war furchtbar und war oft übersüsst und musste, egal wie, gegessen werden. Nur für den Heimweg gab es reichlich belegte Stullen, die ich nicht angerührt habe. Meine Mutter hat sich grosse Vorwürfe gemacht, dass sie mich geschickt hat. Schuheputzen für alle war eine beliebte Strafe. Einmal hat man vergessen, das Fieberthermometer aus meinem Rektum zu entfernen. Ich lang die halbe Nacht wach und habe es schliesslich selbst entfernt. Am morgen lang es entwei am boden, die quecksilberkügelchen verteilt. Es gab schlimme Schelte. Ich kann mich nur an harte Regeln und Massregelungen erinnern. Eine schlimme Zeit, ganz unverständlich für so kleine Menschen.
Anja, ich danke Dir, dass Du dieses dunkle Kapitel öffentlich machst. 8 Millionen Kinder - nicht vorstellbar
endlich. So lange schon habe ich nach Spuren gesucht, Spuren einer Zeit, über die ich 50 Jahre lang nie reden konnte, denn zu den schrecklichen Wochen kam das Unverständnis der Eltern. Ich war in den 60er Jahren in der Nähe von Freudenstadt (irgendwas mit "roth"?) und schrieb Lügen nach Hause, (nachdem ich für den ersten
kleinen Brief ein Donnerwetter vonder 'Tante" bekommen hatte), duschte nackt und eiskalt in der Gruppe und schämte mich, bekam Kleidung zugeteilt, und wenn die "Tante' nicht gleich was fand, dann hatte ich das Nachthemd an und schämte mich. Nachts nicht zur Toilette, sonst stundenlang in der dunklen Ecke stehen. Da hatte ich Angst und fror. Taschengeld war nie da. Einmal habe ich irgendwas zerrissen (einen Bettbezug?), aus Versehen, ich war ein ängstliches Kind, und dann log ich. Es folgte die Inquisition. Das ganze Heim defilierte an mir vorbei, auch die Jungen, und in meiner Erinnerung habe ich mich unfassbar vor allen geschämt. Freunde fand ich dort keine. Aufessen war selbstredend nötig, sonst gab es Strafe. Vorher kein Aufstehen vom Tisch. Wanderlieder, lange Spaziergänge, tolle Spiele im Wald habe ich aber auch in Erinnerung. Ihr habt das ja alle schon so beredt erzählt. Danke für die Arbeit daran. Wir alle müssen anfangen zu verstehen, dass auch wir womöglich ungewolltes Erbe von Nazi-Pädagogik in uns tragen. Auch das ist eine wichtige Facette des aktuellen "Kriegsenkel" Themas. Ich würde sehr gern auf dem Laufenden gehalten werden.
Meine Mutter hat vor der Reise in alle unsere Kleidung Etiketten mit unseren Initialen eingenäht und die Koffer vorausgeschickt. Sie sind auch angekommen, es wird gesagt, was für hübsche Sachen da in den Koffern sind. Aber wir bekommen sie nicht, wir tragen Heimkleidung. Das ordnen die Heimleiter „Onkel Vati“ und „Tante Mutti“ an. Es sind komische Kleider. Ich mag sie nicht. Wir machen bei großer Hitze lange Wanderungen in Schuhen, die nicht passen. Einmal in der Woche gibt es frische Kleidung. Auch die Unterhose wird nur alle paar Tage gewechselt. Wir bekommen die Sachen zugeteilt. Meine Unterhosen sehen schlimm aus. Ich bin 5 Jahre alt. Manchmal schaffe ich es nicht ganz rechtzeitig auf die Toilette. Die Toiletten sind in einem Raum, nur durch kleine, kurze Wände voneinander getrennt, es gibt keine Türen. Ich schäme mich und verstecke die Unterhosen hinter dem Vorhang im Zimmer.
Weil ich, statt Mittagsschlaf zu machen, also absolute Ruhe zu halten, immer nur mit meiner Schwester quatsche, muss ich in einem anderen Zimmer schlafen. In dem Zimmer sind nur Jungs. Sie sind alle älter als ich, überhaupt sind alle Kinder mindestens 8 Jahre alt, ich bin mit Abstand das jüngste Kind. Ich starre die Decke an, wenn die Jungs abends im Schlafanzug auf ihren Betten herumspringen. Wenn sie hochspringen, ziehen sie ihre Schlafanzughose herunter, wenn sie landen wieder hoch. Rauf, runter, rauf, runter. Ich verkrieche mich unter der Bettdecke und halte mir die Ohren zu. Ich drücke mit den Fingern auf meine geschlossenen Augen bis ich bunte Muster sehe und ihr schiefes Grinsen verschwindet. Das Ausziehen ist für mich eine Tortur. Ich behalte auch unter meinem Schlafanzug meine verschmutzte Unterhose an und ekel mich.
Ich höre die Mittagshitze und ich rieche sie als ich in der Mitte des Zimmers stehe. Onkel Vati winkt mich zu sich heran. Er steht auf und kommt hinter seinem Schreibtisch vor, als ich den Raum betrete, und lobt mein niedliches Kleidchen. Er ist riesenhaft.
Meine geliebte Schwester, für mich plötzlich unerreichbar, schreibt (unfreiwillig) nichtssagende Briefe nach Hause.
Wieder zu Hause, daran habe ich zwischendurch nicht mehr geglaubt, erzähle ich nichts von den Gefühlen des Ausgeliefertseins und Verlassenseins, der wahnsinnigen Angst, der Einsamkeit, der Hilflosigkeit und der Scham. Man macht seinen Eltern keinen Kummer, so bin ich erzogen worden wie so viele andere auch.
Ich wurde im Februar März 1965 für sechs Wochen zur Kur in das katholische Kinderkurheim Sankt Antonius in Niendorf verschickt, weil ich zu dünn und ein schlechter Esser war, ich war damals 10 Jahre alt.
Es war einfach nur grausam und mir wird immer noch übel, wenn ich heute daran denke. Ich habe zwar keine Schläge und auch kein Essen von Erbrochenem erlebt, aber sehr wohl jede Menge psychische Misshandlungen, Demütigungen und Drohungen.
Es fing damit an, dass ich in den ersten 14 Tagen nicht wusste, wo meine Sachen waren, niemand hat mir das gesagt oder gezeigt, ich trug 14 tagelang denselben Schlüpfer, dieselben Socken. Wir duschten in den 6 Wochen genau zweimal...einmal nach drei Wochen und einmal zum Ende nach sechs Wochen. Die Duschen befanden sich in einem kalten Keller, unsere Sachen waren bereits eingepackt, wir hatten nur noch einen Schlüpfer an und wir schliefen unter den abgezogenen Betten, unter den kalten Inlets. Ich habe die ganze Nacht gefroren. Als ich nach Haus kam, erkrankte ich wenig später an einer schweren Grippe mit extrem hohem Fieber, der Arzt kam damals zu uns nach Hause...noch Jahre später hat mir ein Arzt gesagt, dass man diese schwere Erkrankung noch am EKG sehen kann... es ging mir nach der Kur schlechter als vorher und noch dünner war ich auch...
Das Essen war extrem schlecht, es wurde in großen Metallbehältern angeliefert und nur ausgewählte Kinder durften es an der Tür in Empfang nehmen, bei den anderen hatten sie Angst, dass die weglaufen. Montags gab es einen Eintopf, der dunkelgrau aussah und beim Essen zog sich das so, als wäre ein Kaugummi da drin, ich denke, es waren Nudeln...jedenfalls war alles reingemischt, was in der Woche übrig geblieben war. Und mit dem Essen war immer die Drohung verbunden...wenn du nicht genug isst, wenn du nicht zunimmst bzw dicker wirst, dann musst du länger bleiben...
Ich hatte furchtbares Heimweh, aber das durfte man nicht in Briefen schreiben. Alle Briefe wurden gelesen und kontrolliert, man durfte keinen Brief heimlich in den Kasten stecken...das ging auch gar nicht, weil wir in der ganzen Zeit höchstens zwei oder dreimal draußen waren, wir saßen die ganze Zeit in einem Dachzimmer und mussten spielen. Die Tanten sagten uns immer wieder, es sei zu kalt draußen, wir hätten eben Pech, im Sommer sei man die ganze Zeit am Strand.
Und wehe man musste noch einmal auf die Toilette, wenn man schon im Bett war, sie liefen Patrouille und brüllten einen an, das man gefälligst vorher gehen sollte.
Zweimal in der Zeit gab es eine ärztliche Untersuchung, dabei hatte man nur einen Schlüpfer an, ansonsten war man nackt,und man stand in einer langen Schlange, und bei manchen Kindern zog der Arzt den Schlüpfer herunter oder guckte in den Schlüpfer und ich habe nur gehofft, hoffentlich macht er das nicht bei mir..Es gab noch viele grausaame Details, aber jetzt wo ich das aufschreibe, merke ich wieder, es reicht...Ich bin Jahre später beruflich in Niendorf gewesen, habe die Straße, das Heim gesucht und musste den Ort ganz schnell wieder verlassen, weil die körperlichen Symptome unerträglich waren.
Dieser Kuraufenthalt hat mich mein lebenlang begleitet, noch heute...54 Jahre später, träume ich manchmal davon...in Farbe... und wache dann schweißgebadet wieder auf...
Und ich leide schon sehr lange an einer generalisierten Angststörung...ich denke, ein stückweit "verdanke" ich das auch dieser Kur, das hat mich als Kind geprägt.
Ich würde gerne an dem Kongreß auf Sylt teilnehmen. Ist das möglich?
Und ich freue mich, dass es nun eine Initiative gibt, die das aufarbeitet...bis heute dachte ich...das war eben so...das war wohl normal...
Renate Reuschenberg
War 6 Wochen dort! Wie im Bericht in Report kann ich mich auch daran erinnern, dass ein Junge so lange am Mittagstisch sitzen musste, bis er Alles aufgegessen hatte! Da er sich so vor dem Essen ekelte, erbrach er und er musste das Erbrochene vor allen Kindern aufessen! Man muss dazu sagen, dass es einmal in der Woche ein Essen gab, was anscheinend aus den Resten der Woche durcheinander, gekocht wurde und das sah wirklich nicht appetitlich aus! Die Post an die Eltern wurde zensiert und wurde falls jemand die Zustände in dem Heim geschildert hat, vor uns aller Augen zerrissen!
Ich musste einmal, zur Strafe, im Sommer einen ganzen Tag im Bett unter einer Steppdecke liegen, ohne Essen und Trinken!
Leider kann ich mich nicht mehr an den Namen unserer Betreuerin erinnern!
Dann kann ich mich erinnern, dass ich zur Strafe, einmal meine Hose runterziehen musste und alle Kinder mich auf den Hintern schlagen durften! Anschließend musste ich ohne Strümpfe in Turnschuhen am Strand spazieren, so dass ich richtige Löcher in den Fersen hatte! Nachts habe ich anschließend Pläne gemacht, wie ich abhauen könnte, aber wie sollte man als zehnjähriger Junge der total eingeschüchtert war, diese Pläne in die Realität umsetzen!
Ich kann mich ebenso erinnern, dass wir einmal einen jungen Mann, als Vertretung hatten, der sehr nett war. Als unser Drachen aber wieder da war, gab es ein riesen Donnerwetter gegenüber dem jungen Kollegen, da er gewagte hatte, dass wir duschen durften! Im Nachhinein kam es mir sehr merkwürdig vor, dass während wir nackt duschten, sie gleichzeitig im selben Raum in einer Badewanne saß! Also war es ihr Privileg uns duschen zu lassen!
Leider werden die Verantwortlichen dieses Heimes wohl nicht mehr leben so dass man sie zur Rechenschaft ziehen könnte! Das Heim war glaube ich in der Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt!
Ich werde demnächst 61 Jahre alt, aber diese Vorgänge in dem Heim, werde ich wohl nie vergessen!
1963 "Kurheim" in Oberstdorf mit 5 Jahren für 6 Wochen kurz vor Weihnachten; Drohungen, Erbrochenes wieder aufzuessen (ich hatte Glück, dass eine "liebe" junge Tante die Androhung der Ordensschwester abwenden konnte und mich sogar auf den Arm nahmm, was die einzige menschliche Wärme in der ganzen Zeit war); Drohungen, das Weinen zu unterlassen; Lächerlich machen vor allen Kindern wegen Einnässen der Bettwäsche, eine Auswirkung der Tatsache, dass ich aus einem sowieso schon belasteten und gewalttätigen Elternhaus kam.
Die Süßigkeiten aus dem Päckchen von zu Hause wollte ich mit anderen Kindern teilen, was untersagt wurde.
Schön, Frau Röhl, dass Sie das Thema aufgreifen.
Beim 1. Aufenthalt bekam ich nach ein paar Tagen heftige Bauchschmerzen, was nur mit "Stell dich nicht so an!" quittiert wurde. Es wurde immer schlimmer, und schließlich bin ich auf der Straße zusammengebrochen. Eine fremde Person, also noch nicht mal jemand vom Heim, brachte mich ins Krankenhaus, wo eine akute Blasenentzündung diagnostiziert und ich stationär aufgenommen wurde. Das war an einem Freitag - meine Eltern wurden von der Heimleitung erst am Montag darüber informiert.
Die nächsten 2 Aufenthalte waren in Baiersbronn und noch heute bekomme ich beim Wort "Schwarzwald" eine Gänsehaut. Meine Eltern dachten, sie täten mir einen Gefallen. Ich als Einzelnkind mit vielen anderen Kindern, das fände ich doch bestimmt toll! Ich habe jede einzelne Minute gehasst. Kontrolle der ein- und abgehenden Post, ungenießbares, verkochtes Essen, zu trinken gab es nur zu den Mahlzeiten, trotz Hochsommer. Demütigungen, Bloßstellen von Kindern, all das gehörte zum Alltag . Auch dort endete ein Aufenthalt im Krankenhaus, und darüber war ich fast glücklich, da es mich von den cholerischen "Tanten" befreite. Ich möchte gar nicht wissen, wieviel Geld die Heime von den Verbänden, Kirchen, Eltern bekommen haben!
1963 "Kurheim" in Oberstdorf mit 5 Jahren für 6 Wochen kurz vor Weihnachten; Drohungen, Erbrochenes wieder aufzuessen (ich hatte Glück, dass eine "liebe" junge Tante die Androhung der Ordensschwester abwenden konnte und mich sogar auf den Arm nahmm, was die einzige menschliche Wärme in der ganzen Zeit war); Drohungen, das Weinen zu unterlassen; Lächerlich machen vor allen Kindern wegen Einnässen der Bettwäsche, eine Auswirkung der Tatsache, dass ich aus einem sowieso schon belasteten und gewalttätigen Elternhaus kam.
Die Süßigkeiten aus dem Päckchen von zu Hause wollte ich mit anderen Kindern teilen, was untersagt wurde.
Schön, Frau Röhl, dass Sie das Thema aufgreifen.
Ich musste in einem anderen Saal schlafen als meine Schwester
. Morgens zum wecken mussten wir uns alle auf den Bauch legen und dann wurde uns ein Fieberthermometer in den Anus gesteckt,und das nicht vorsichtig.
Ich kann mich auch an zwillingsmäschen erinnern,die schreckliches Heimweh hatten und denen das Weinen verboten wurde. Außerdem ein blondes Mädchen,welches gebrochenes Essen so lange immer wieder essen musste,bis es drin blieb.
Päckchen,die von Zuhause verschickt wurden,haben wir nie bekommen.
Diese Erlebnisse haben mich sosehr geprägt,das ich auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle zur Krankenschwester 1971 einen Platz in Köln außer Acht gelassen habe,weil auf dem Flyer eine Krankenschwester abgebildet war,die schreckliche Ähnlichkeit mit einer Schwester aus dem Kuraufenthalt hatte. Es ist jetzt 58 Jahre her,aber ich könnte die Frau immer noch beschreiben.

Liebe Evelyn, ich verstehe dich, aber wir, die wir in der Öffentlichkeit stehen, müssen belegen, dass es die vielen Betroffenen gibt. Dafür gibt es ja das Portal: ZEUGNIS ABLEGEN, da kann man ja sehen, dass es um viele Menschen geht, die dieselbe Erfahrung gemacht haben. Dafür gibt es unsere Fragebögen. Wir versuchen viel und kämpfen mit Argumenten. Und ein Denkmal ist ein Denkanstoß für viele Unbeteiligte und besser als in den Museen weiterhin nur Positives zu den Verschickungen zu lesen. Grüße, Anja
Ich bin sehr entrüstet darüber dass es Menschen gibt die diese vielen Tatsachenberichte betroffener Kinder/ Menschen überhaupt anzweifeln oder versuchen ins lächerliche zu ziehen indem sie gegenteiliges behaupten oder diese Verbrechen abzumildern. Ich benutze absichtlich den Begriff ,,Verbrechen „, denn nichts anderes sind diese Taten und Missbräuche an Kindern bzw. in
diesem Fall sogar schutzbefohlener Minderjähriger!!!
Ich bin selbst betroffen und ich habe nun schon mein ganzes Leben mit den Folgen zu kämpfen. Ich bin seitdem einfach noch kränker geworden.
Ich kann gar nicht nach Borkum fahren und mir Denkmäler begucken. Ich müsste mich übergeben wenn ich an den Ort zurückkehren müsste an dem die Weichen meines Lebens so verderblich gestellt worden sind.
Hier wurden systematisch Kinderseelen zerstört mit negativen Auswirkungen
für den Rest des gesamten Lebens.
Was ??? frage ich jeden Einzelnen…was soll das wieder gut machen???
Ich bewundere diejenigen die ihre Geschichte und die Geschehnisse
in die Öffentlichkeit getragen haben und ans Tageslicht gebracht haben…
Ich habe das Trauma mein ganzes Leben bis Heute nicht überwinden oder aufarbeiten können, trotz Therapien.
Und…ich verachte diese Menschen die daher kommen und meinen sie könnten diese fürchterlichen Tatsachen, Verbrechen und Leid, einfach verharmlosen oder anzweifeln.
Weiterhin bin ich der Meinung dass dieses ganze Land und dessen Regierung für diese Schande geradezustehen hat.
Nicht wir die Betroffenen müssen um Anerkennung betteln!!!