Träger von Verschickungsheimen

Wir haben seit 2019 dafür gekämpft und es immer wieder gefordert, dass ehemalige Träger von Kindererholungsheimen und Kurheilstätten die Geschichte der Gewalt in diesen Einrichtungen gründlich aufarbeiten. bis 2014, als das erste Buch zum Thema erschien (Schwarze Häuser, von Sabine Ludwig) gab es keinerlei öffentlichen Diskurs über negative Erfahrungen in diesen Erholungsaufenthalten, es war, als sei diese Epoche und das mit ihr verbundene Kindesleid ganz und gar in der Geschichte verschwunden. Es existierten ausnahmslos positive Berichte von wunderbaren Urlauben zur Gesundung von Kindern aus großstädtischen Ballungsgebieten, die von aufopferungsvollem Personal freundlich betreut wurden.

50 Jahre lang war es so. Erst im Jahre 2019 sammelten sich Betroffene auf einem Kongress, die das erste Mal ihr Schweigen brachen und seither reißt der Strom der Stimmen, die Leid dort erfahren haben, nicht mehr ab. Auf unser Drängen haben nun Trägereinrichtungen begonnen, bei Wissenschaftlern ihrer Wahl Studien in Auftrag zu geben, die das Leid der ehemals verschickten Kinder aufarbeiten sollen.

Seither sind verschiedene Studien entstanden, die wir auf unserer Webseite kontinuierlich dokumentieren. Aufgearbeitet wurde dabei zunächst die Praxis der Verschickungen, wie sie sich aus Akten der Heimbetreibenden ergab, selbst da fanden sich Hinweise auf Gewalt: Strafbücher, illegale Medikamentengaben, Propagierung von Briefzensur und Besuchsverboten, viele Hinweise auf totale Institutionen, Unfälle, Todesfälle durch Verprügeln, Einzwingen von Nahrung, Abweisung von Beschwerden u.w. In einem zweiten Schritt nahmen die Studien dann auch Jugendamtsbeschwerden und exemplarische Betroffeneninterviews in ihren Blick. Diese verstärkten den Eindruck, dass sich bei dem Verschickungswesen um ein System gehandelt hat, in dem durch besondere Bedingungen, sehr große Häuser, zu viele Kinder, Überforderung des Personals, Anweisungen ärztlicher Autoritäten, wirtschaftliche Forderungen, u.ä. ein bestimmtes, immer sehr ähnliches kinderfeindliches Klima bestand, dem die kleinen Kinder ohne Kontrolle der Eltern oft sehr lange Zeit (Mindestdauer 6 Wochen, oft wurde über Monate verlängert) ausgesetzt waren.

Die Träger von Verschickungsheimen waren zu ca. 43 % Privatpersonen, die heute meist längst verstorben sind, denen nachzuforschen sich trotzdem noch lohnt, da man über die Strukturen dieser Medizin-Industrie etwas lernen kann. Die restlichen Träger bestanden aus kirchlichen und Wohltätigkeitsorganisationen, manchmal auch Betriebs- und Kranken-Versicherungsorganisationen.

Viele Betroffene wünschen sich, über die TRÄGER in die Akte des eigenen Heimes Einblick zu erhalten.  Persönliche Heimakten, in denen unsere Namen stehen, existieren in unseren Fällen leider aber meist nicht, es gab aber sogenannte „Anmeldeformulare“.  Diese Anmeldeformulare sind zT noch erhalten, und liegen manchmal in den Landesarchiven des Landes, in dem die Heime lagen. Sie können den Aufenthalt nachweisen und enthalten auf der Rückseite manchmal aufschlussreiche Bewertungen des Kurauftenhalts.

Träger haben damals von den Heimen profitiert, diese nicht genügend kontrolliert und eventuelle Beschwerden oft harsch und grob abgewimmelt. Vielfach gab es, wenn Gewalt oder Unzulänglichkeiten bekannt wurden, nur die eine Sorge, dass es ja nicht bekannt wird.

Heute wünschen wir uns von den Trägern, dass diese nicht nur eigene Studien in Auftrag geben, sondern sich wirklich für unser Leid interessieren, sich für ihre historischen Versäumnisse interessieren und bei uns entschuldigen, die Gedenksteine setzen und die Betroffenen ernst nimmt, dass sie die überall angestrebte eigenständige Recherche der Betroffenen versteht und unterstützt. Dieses muss nicht nur ideell, sondern auch finanziell geschehen.

Betroffene können sich über uns versuchen sachkundig zu machen, in welcher Trägerschaft ihr Heim lag. (Dazu bei uns die Heimliste anfordern: Erstinfo@verschickungsheime.de)