ZEUGNIS ABLEGEN – ERLEBNISBERICHTE SCHREIBEN

Hier haben sehr viele Menschen, seit August 2019, ÖFFENTLICH ihre Erfahrung mit der Verschickung eingetragen. Bitte geht vorsichtig mit diesen Geschichten um, denn es sind die Schicksale von Menschen, die lange überlegt haben, bevor sie sich ihre Erinnerungen von der Seele geschrieben haben. Lange haben sie gedacht, sie sind mit ihren Erinnerungen allein. Der Sinn dieser Belegsammlung ist, dass andere ohne viel Aufwand sehen können, wie viel Geschichte hier bisher zurückgehalten wurde. Wenn du deinen Teil dazu beitragen möchtest, kannst du es hier unten, in unserem Gästebuch tun, wir danken dir dafür! Eure Geschichten sind Teil unserer Selbsthilfe, denn die Erinnerungen anderer helfen uns, unsere eigenen Erlebnisse zu verarbeiten. Sie helfen außerdem, dass man uns unser Leid glaubt. Eure Geschichten dienen also der Dokumentation, als Belegsammlung. Sie sind damit Anfang und Teil eines öffentlich zugänglichen digitalen Dokumentationszentrums. Darüber hinaus können, Einzelne, die sehr viele Materialien haben, ihre Bericht öffentlich, mit allen Dokumenten, Briefen und dem Heimortbild versehen, zusammen mit der Redaktion als Beitrag erarbeiten und auf der Bundes-Webseite einstellen. Meldet euch unter: info@verschickungsheime.de, wenn ihr viele Dokumente habt und solch eine Seite hier bei uns erstellen wollt. Hier ein Beispiel

Wir schaffen nicht mehr, auf jeden von euch von uns aus zuzugehen, d.h. Ihr müsst euch Ansprechpartner auf unserer Seite suchen. ( KONTAKTE) Wenn Ihr mit anderen Betroffenen kommunizieren wollt, habt ihr weitere Möglichkeiten:

  1. Auf der Überblickskarte nachschauen, ob eurer Heim schon Ansprechpartner hat, wenn nicht, meldet euch bei Buko-orga-st@verschickungsheime.de, und werdet vielleicht selbst Ansprechpartner eures eigenen Heimes, so findet ihr am schnellsten andere aus eurem Heim.
  2. Mit der Bundeskoordination Kontakt aufnehmen, um gezielt einem anderen Betroffenen bei ZEUGNIS ABLEGEN einen Brief per Mail zu schicken, der nicht öffentlich sichtbar sein soll, unter: Buko-orga-st@verschickungsheime.de
  3. Ins Forum gehen, dort auch euren Bericht reinstellen und dort mit anderen selbst Kontakt aufnehmen

Beachtet auch diese PETITION. Wenn sie euch gefällt, leitet sie weiter, danke!

Hier ist der Platz für eure Erinnerungsberichte. Sie werden von sehr vielen sehr intensiv gelesen und wahrgenommen. Eure Erinnerungen sind wertvolle Zeitzeugnisse, sie helfen allen anderen bei der Recherche und dienen unser aller Glaubwürdigkeit. Bei der Fülle von Berichten, die wir hier bekommen, schaffen wir es nicht, euch hier zu antworten. Nehmt gern von euch aus mit uns Kontakt auf! Gern könnt ihr auch unseren Newsletter bestellen.

Für alle, die uns hier etwas aus ihrer Verschickungsgeschichte aufschreiben, fühlen wir uns verantwortlich, gleichzeitig sehen wir eure Erinnerungen als ein Geschenk an uns an, das uns verpflichtet, dafür zu kämpfen, dass das Unrecht, was uns als Kindern passiert ist, restlos aufgeklärt wird, den Hintergründen nachgegangen wird und Politik und Trägerlandschaft auch ihre Verantwortung erkennen.

Die auf dieser Seite öffentlich eingestellten Erinnerungs-Berichte wurden ausdrücklich der Webseite der „Initiative Verschickungskinder“ (www.verschickungsheime.de) als ZEUGNISSE freigeben und nur für diese Seiten autorisiert. Wer daraus ohne Quellenangabe und unsere Genehmigung zitiert, verstößt gegen das Urheberrecht. Namen dürfen, auch nach der Genehmigung, nur initialisiert genannt werden. Genehmigung unter: aekv@verschickungsheime.de erfragen

Spenden für die „Initiative Verschickungskinder“ über den wissenschaftlichen Begleitverein: Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung / AEKV e.V.:     IBAN:   DE704306 09671042049800  Postanschrift: AEKV e.V. bei Röhl, Kiehlufer 43, 12059 Berlin: aekv@verschickungsheime.de

Journalisten wenden sich für Auskünfte oder Interviews mit Betroffenen hierhin oder an: presse@verschickungsheime.de, Kontakt zu Ansprechpartnern sehr gut über die Überblickskarte oder die jeweiligen Landeskoordinator:innen


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2774 Einträge
Susan Fritzsch aus Stollberg schrieb am 07.04.2021
Ich war noch nicht ganz 3 Jahre, als meine Mutter meinem Kinderarzt nach vielen Versuchen nicht mehr klar machen konnte, dass sie mich nicht alleine zur Kur schicken möchte. Ich war sehr oft krank und auch der Arzt konnte wohl nicht mehr rechtfertigen, warum ich noch nicht bei einer Kur war. Soweit ich weiß, war das bei kränklichen Kindern einfach Gang und Gebe in der DDR. Ich kam 1983 kurz vor Weihnachten zurück nach einem 6-wöchigen Kuraufenthalt.
Ich habe, trotz meines jungen Alters damals, ein paar gruselige Erinnerungen. Tägliches Fiebermessen, bei dem wir minutenlang mit dem Quecksilber- Thermometer im Po allein liegengelassen wurden. Eines Tages sagte eine "Wächterin" ,dass bei einem Jungen, der inzwischen nicht mehr in der Gruppe war, das Thermometer im Po kaputt gegangen ist. Wir lagen während des Messens in Gitterbetten in einem großen Schlafraum. Nach meiner Erinnerung waren es viele Betten. Das Schlafen fiel mir, aus Sehnsucht nach Mama, sehr schwer. Ich weinte oft nachts. Eines nachts kam die "Nachtwächterin" und nahm mir , weil ich mich nicht beruhigte, meine Plüschgiraffe weg , legte sie so auf den großen Schrank am Kopfteil meines Bettes, dass der Kopf noch runter hing, ich sie sehen konnte. Das machte mich noch trauriger. Dann kam die Frau wieder und sperrte mich in einen Raum, von dem eine Treppe hinunter führte. Wenn ich nicht aufhören würde, zu weinen, würde der Weihnachtsmann hoch kommen und mich mitnehmen. Ich war nicht mal 3 Jahre. Ich erinnere mich auch noch an einen weiteren Saal, in dem wir ab und zu spielen durften. Ein Kaufmannsladen war dabei. Von den Erzählungen meiner Mutter erfuhr ich, dass meine Haare nach der Kur komplett verfilzt waren und in meinem Rucksack die Brotdose noch mit dem Brot von vor 6 Wochen gefüllt war, welches sie mir mitgegeben hatte.
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Christiane aus Wieck / Rügen schrieb am 06.04.2021
Ich wurde mit 5 Jahren für 4 Wochen auf die Insel Rügen geschickt. Meine damalige Kinderärztin sagte meinen Eltern, dass sie allen Eltern empfehle ihr Kind vor der Schule auf Kur zu schicken, ein Grund würde sich bei jedem Kind finden.
Bei mir wurde meine Neurodermitis und häufige Atemwegserkrankungen als Grund für die Kur genannt.
An an den Aufenthalt selbst kann ich mich kaum erinnern.

Vielen Dank für diese Seite und vor allem die separate Betrachtung West- und Ostdeutscher Kuraufenthalte.
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Klaus aus Hamburg schrieb am 05.04.2021
Ich wurde im Spätherbst nach Northeim in das Haus am Sultmer Berg verschickt. Zu dem Zeitpunkt war ich vier oder fünf Jahre alt. Es gab zwei Frolleins die sich redlich Mühe gaben uns Zwergen gerecht zu werden. Ich kann mich nur an einen Ausflug in die Stadt Northeim erinnern. Das Heim lag abseits am Waldrand am Berg. Die Gruppen waren um
die 30 Kinder gross. Ich kann mich an wenig erinnern, körperlich misshandelt wurden wir nicht. Das Essen war schlecht, es gab den Zwang zum Mittagsschlaf, geschlafen wurde generell in einem grossen Schlafsaal. Das Heimweh war das Schlimmste, sechs Wochen als 4/5- jähriger war mehr als eine Ewigkeit. Retrospektivisch war das alles keine positive Erfahrung.
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Sommer Heike aus Lorsch schrieb am 04.04.2021
?
Ich wurde als Begleitung für meine 5 jähr. Schwester mitgeschickt und weil wir angebl. zu dünn waren. Wurden aber gleich nach Ankunft in verschiedene Altersgruppen getrennt. Essen war meist furchtbar. Wer den Teller nicht leer essen wollte, mußte sich im Flur auf die Treppe setzen und eine Stunde schweigen. Das war Glück!!! Oft gab es auch Schläge z. Bsp. reden beim essen, oder man mußte nachts aufs Klo. Nachtruhe war ab 19:00 Uhr und vor dem Schlafsaal saßen immer Bewacher. Meist konnte ich mich unbemerkt zur Toilette schleichen, aber wehe man wurde erwischt: Hatte nur einmal Pech und mußte die halbe Nacht barfuß im Besenschrank stehen, nicht ohne die obligatorische Trachtprügel vorher. Dabei kam mir zugute, daß die meisten "Schwestern" echt alt waren und nicht wirklich fest zuschlagen konnten. Ich denke die meisten Kinder damals kannten durchaus solche Erziehungsmethoden...Ich erinnere mich an den erzwungenen Mittagsschlaf bei tollem Wetter, wer sich auf den Rasen raus schlich zum spielen bekam auch wieder Schläge. Postkarten nach Hause wurden diktiert, oh ja es war toll! Auch dass die Päckchen einkassiert wurden, weiß ich noch, wobei ich nicht mal schlimm fand die Süßigkeiten mit anderen zu teilen. Das war o,k. Gemein war, daß einige "Tanten" sich ungeniert daraus bedienten und uns als verzogene Blagen beschimpften.
Wochenlang trugen wir die schmutzige Kleidung und einiges, was vorher neu gekauft wurde verschwand.
Gebadet wurde nur nackt und wer Angst vorm Wasser hatte war übel dran. Da ich schon etwas schwimmen konnte war ich auf der Sonnenseite und mich traf dort keine Gehässigkeit. Die haben sich immer die ängstlichsten Kinder rausgesucht! Immerhin gab es auch zwei sehr nette (junge) Betreuerinnen und so kamen wir immerhin halbwegs ungeschädigt durch die langen 6 Wochen. Jedenfalls wurde mein Widerstandsgeist geweckt und ein gewisses Mißtrauen gegen Erwachsene blieb. Widerworte traute ich mich kaum zu geben, denn dann hats geschallert. Und wir mußten vor Abreise schwören zuhause nur das beste zu erzählen, sonst würden wir geholt und dürften dann nie mehr nach Hause. Zuhause hatte ich 2 Wochen Schule verpasst und mußte nachsitzen, aber die Lehrerin glaubte meinen Erzählungen. Meine Mutter zuerst nicht, erst als mein Vater und die Großeltern mir glaubten, tat sie es auch, aber es dauerte Jahre bis meine Eltern mit anderen recherchierten und andere Kinder den Mund aufmachten. Vom Amt kam keine Unterstützung, da war man der Meinung wir seien halt freche, vorlaute Kinder.
Irgendwan hat mein Vater erfahren, daß das Heim geschlossen wurde. Positiv an der Sache war, daß mir letztendlich doch geglaubt wurde und ich schneller lernte mir selbst zu vertrauen und selbstständiger wurde.? Zwei Mädchen erinnere ich noch gut Eine hieß Evi, kam aus Wien und hatte ein Glasauge. Sie war super nett und die kleine 4 jähr. Bettina aus Berlin. Die bekam oft Schläge, weil sie die halbe Nacht wimmerte und weinte und weil sie rötliche Haare hatte. Die tat mir immer sehr leid und niemand half ihr und ich traute mich auch nicht, echt schlimm.
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Gaska, Doris aus Rüsselsheim schrieb am 01.04.2021
Hallo ich war 1964 6 Wochen auf der Insel Sylt. Ich muss sagen ein Trauma hab ich nicht davon. Zwar herrschte zu dieser Zeit in den Heimen ein anderer Ton als man das vielleicht von zu Hause gewohnt war und es gab auch die schon viel erwähnte Milchsuppe in Form von Vanille und Schokoladensuppe. Ich kannte das gar nicht von zu Hause und konnte - übrigens bis heute nicht, keine Milch in irgendeiner Form zu mir nehmen. Ich wurde aber auch keineswegs dazu gezwungen diese zu essen. Und vergoren war die auch nicht. Wir hatten damals eine sehr liebe Betreuerin Namens Ute. Die sehe ich heute noch vor mir. Mir hat es damals sehr gut gefallen auf Sylt und als die 6 Wochen um waren und es nach Hause gehen sollte, war ich richtig traurig. Zu einigen "Kindern" von damals habe ich heute noch Kontakt. Also... es ging auch anders damals in den Heimen. Ich erinnere mich sehr gerne daran.
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Astrid aus Dresden schrieb am 31.03.2021
Hallo, ich bin mit 4 Jahren nach Graal Müritz zur Kur gewesen. Ich dachte immer, es ist bei mir einfach eine persönliche Erinnerung, die ich durch das ganze weitere Leben mitgenommen habe und auch das das nur in der DDR so üblich war, dass Kinder allein zur Kur geschickt wurden. Dann las ich in einer Fachzeitschrift über das Thema und war oder bin geschockt, das dies in ganz Deutschland Standard war. Ich habe nur eine kleine Erinnerung, welche sich aber offensichtlich sehr eingebrannt hat. Ich habe dort nachts eingekotet und durfte dann am nächsten Tag als Strafe einen Ausflug nicht mitmachen. Meine Eltern haben mich damals aber gemeinsam mit dem Zug dorthin gebracht und von meiner Mutter weiß ich auch, dass ich bei der Abholung nach 6 Wochen auf der Heimfahrt kein Wort mehr gesprochen habe. Und das über mehrere Stunden. Dann hatte ich im Verlauf große Verlustängste und wollte immer in der Nähe meiner Mutter sein. Außerdem erzählte sie mir, dass kein Kontakt möglich war und Eltern keine Auskunft bekamen. Einmal schickten die Schwestern eine weiße normale Postkarte auf der mit Kugelschreiber eine Sonne gemalt war und nur der Satz" Salzige Grüße von der Ostsee" Mehr nicht. Ich suche nun Menschen die vielleicht auch dort waren und vielleicht auch schon älter waren und mehr Erinnerungen vorhanden sind. Ich habe seit der Jugend immer psychische Probleme gehabt und mich würde interessieren, ob an diesem Ort auch noch andere Sachen passiert sind. Ich muss aber dazu sagen, dass ich hinterher im Kindergarten und Schule ein unauffälliges liebes Kind war und anscheinend keine Probleme hatte.
Falls sich jemand findet, der auch in den 1975-1980 in Graal Müritz war, kann sich gern melden.
Vielen Dank an Alle, die diese Seite ins Leben gerufen haben!
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Regina Gräbner aus Denzlingen schrieb am 29.03.2021
Hallo, ich heiße Regina Gräbner
und bin sehr berührt, was sich mir hier auftut. Schon einmal hatte ich kurz in der Presse etwas gelesen, ich war erschrocken und gleichzeitig wie eine innere Befreiung, dass es zum Thema gemacht wird. Es hatte meine Wunde rasch aufgerissen und ich habe es nochmal zur Seite geschoben, da so viel anderes anstand...ich war noch nicht bereit, habe mich geschützt.
Gestern schickte mir eine Freundin einen Link von einem Coach ( Roland Kopp-Wichmann ) und jetzt ist klar gewesen,...
jetzt bin ich da und schreibe und erzähle und will mit dabei sein, in dem Verein, in der Verbindung mit all den Betroffenen. Es ist wie eine neue Familie die ich finde.
Ich bin 1964 in Waldkirch geboren.
Ich wurde April/ Mai 1970 wegen Asthma nach Bad Sassendorf verschickt und
Sept./Okt 1971 nach Oberstdorf.
Da sah ich gestern auch ein Foto von dem Heim. Es hat mich total geflasht und so sehr aufgewühlt. Wie das Meer...bei uns vor der Haustüre.
Ich habe unendlich gelitten, ich hatte so unglaubliches Heimweh, habe mich verlassen gefühlt, einsam, nicht verstanden ( das Asthma, war rein psychisch...ein psychosomatischer Ausdruck, was Zuhause bei uns lief ...)
Ich habe unendlich gelitten, es war eine Ewigkeit. Und es ist für mich erschütternd, dass ich nach 1,5 Jahren !!! obwohl ich vollkommen verstört nach Hause kam und lange gebraucht habe, bis ich wieder aufgetaut war...noch einmal verschickt wurde.
Ich war total scheu, eingeschüchtert, fremd in der eigenen Familie.
Sie ist mir fremd geblieben. Ich habe nie wieder wirklich einen Zugang zu meiner Herkunftsfamilie bekommen und ich blieb die sensible, eigenartige, Regina...
Bis heute arbeite ich daran. Habe viele Therapien gemacht und immer wieder so gute Wegbegleiter gefunden. Dafür bin ich sehr dankbar.
Diese Not alleine im Bett, weinend, diese Ungeduld der Schwestern, Tanten, das Unverständnis mit einer Kinderssele umzugehen. Der Schlafraum, die Anwendungen. Das schlimme Essen. Kotze auf dem Boden wurde länger nicht weggewischt, ein paar Kinder sind darin ausgerutscht...vieles habe ich verdrängt, kann ich nur so in Puzzletielen sehen. Die Post die weggenommen wurde. Die Briefe die beeinflußt wurden oder korrigiert. Die Falschaussagen die den Eltern gemacht wurden. Eine unglaubliche Lüge. Ein Mißbrauch an Macht. Und diese unglaubliche Ohnmacht als Kind. Freundschaft wurde schnell getrennt, damit andere nicht traurig sind. Päckchen von Zuhause wurden geöffnet und an die anderen Kinder verteilt, es wurde alles weggenommen. Es gab nur den Rückzugsort in mir selbst. Und heute weiß ich, oder ahne ich, mein Engel war immer an meiner Seite. Ja, in dem Film sagt eine Frau , auch 57 Jahre,, wir sind Überlebende.
Ja, so sehe ich es auch. Ich habe es überlebt, vieles überlebt, auch Zuhause ging es heftig weiter...und heute kann ich auch so stolz auf mich sein, dass ich es überlebt habe, wie stark doch mein Wesenskern ist, und dass ich heute die bin, so wie ich bin. Nach wie vor spüre ich starke Ängste in Liebesbezeihungen, die Angst Verlassen zu werden, die Angst vor Verlust, Angst vor tiefer Nähe. Angst verletzt zu werden. Eine tiefe Bindungsstörung die ich in mir trage. Ich versuche immer liebevoller mit mir zu sein. und ich habe trotz einiger Trennungen, zwei wundervolle Söhne geboren, wo ich bedingungslose Liebe gelernt habe und seit 13 Jahren ist ein liebevoller Mann an meiner Seite. Ich spüre wie ich mich häute, die Zwiebelschälen sich lösen.
Es ist gut so wie es ist.
Und doch bleibt diese Erinnerung ein Horror für mich, ein tiefes Leid, absolut grausam und eine Wunde die gerade jetzt wieder wund ist und weh tut.
Doch ich bin stark und gehe meinen Weg Schritt für Schritt. Und ich will gerne dabei sein, in dieser Gemeinschaft. Weil es heilt und es berührt so sehr, verstanden zu werden, endlich einmal verstanden zu werden. Mitgefühl zu spüren, zu lesen, zu erfahren von all den unendlich vielen Verschickungskindern...von soviel Leid und Trauer.
Was so schrecklich war und auch heute immer noch ist, wenn es Menschen gibt die dies wegreden, oder schön reden usw, so wie mit Mißbrauch häufig noch umgegangen wird. " Ach du warst halt schon immer so sensibel , das bildest du dir ein , so schlimm war es doch nicht...." das empfinde ich bis heute immer noch als ein Messerstich ins Herz.
Das heißt, es gibt noch viel zu heilen.
Nicht Betroffene können es sich einfach nicht vorstellen, was das anrichten kann. In der Persönlichkeitsentwicklung, in Verhaltensmustern , Tricks und Vermeidungsstrukturen.
Ich würde mich unendlich freuen, wenn es zu liebevollen, achtsamen Begegnungen kommmt.
Das wäre eine großes Geschenk.
Von ganzem Herzen,
Regina Gräbner
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Christina Brekau aus Dortmund schrieb am 28.03.2021
Ich bin so bestürzt, aber auch dankbar, das es jetzt eine Plattform gibt, wo ich berichten kann.... ich kann Christophs Abreiseerinnerungen bestätigen, und fühle noch das Band mit dem Zettel um meinen Hals. Dort habe ich gelernt, mich selber zu hassen, mich selber, meinen Körper, und von da an in der Gewissheit zu leben, ganz allein zu sein. Die psychische Misshandlung war unfassbar, die Beschimpfungen, Entwürdigungen, die Isolation, die drakonischen Strafen. Das Heimweh... und die Frage, wie meine Mutter zulassen konnte, das ich dort hinkomme. Vor einigen Jahren habe ich ein Bild unserer Gruppe gefunden... alles Mädchen, die damals als zu fett behandelt worden sind... oh Gott, Bildhübsche kluge Kinder, die sich versucht haben, sich untereinander zu helfen und sich zu beschützen. Es gab starke Kinder, die für die schwächeren versucht haben einzustehen. ... mit schlimmsten Folgen während des Aufenthaltes. Ich erinnere einen Namen: Leonie aus Heidelberg.... All das Grauen kommt nach wie vor hoch, und es gelingt mir nicht, in eine Barockkirche zu gehen, ohne hinfortgespült zu werden von den Erinnerungen. Also, mir fehlen Barockkirchen nicht, aber mir fehlte immer die Gewissheit, dass das was da geschehen ist, nicht recht ist! Ich habe es mir immer selber angelastet. Immer habe ich gedacht, es verdient zu haben, dort bestraft zu werden. 1,5 Jahre zuvor war mein Vater neben mir verstorben... das habe ich als Kind alles in einen Topf geworfen. Und dachte, das wäre meine Strafe. Es folgten viele krumme Wege, das Scheitern einer Ehe, ein Selbstmordversuch mit Anfang 30 und lange Jahre Therapie, und Ende 40 dann noch einmal ein vollständiger Zusammenbruch. Mir geht es jetzt endlich gut, aber was bleibt ist die Wut, der Zorn über das was mir und den anderen zugestoßen ist. Ich wünsche mir, das derlei öffentlich wird, ich wünsche mir eine Entschuldigung und ich wünsche allen auch eine Entschädigung für das, was dort passiert ist und was es aus uns gemacht hat. Alle die das Lesen: es war nicht Eure Schuld!!! Es war nicht recht, es war schlimmstes Unrecht. Eure Christina
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Brigitte schrieb am 28.03.2021
Als ich gerade zwei Jahre alt war (September 1958) brachten mich meine Eltern nach Königsfeld im Schwarzwald ins Kinderheim. Mein Vater war Arzt und kannte dort eine Ärztin, die ihm dieses Heim empfahl. Eigentlich war ich zu jung für dieses Heim, aber da ich schon „sauber“ war und eben oben genannte Verbindungen bestanden, durften mich meine Eltern für sechs Wochen dorthin abgeben. Ich war körperlich nach mehreren Kinderkrankheiten (Mumps im Mai, Röteln im Juni) geschwächt und meine Eltern wollten durch die Luftveränderung mein Immunsystem stärken. Außerdem denke ich, wollte mein Vater meiner körperbehinderten Mutter eine Pause mit wenigstens einem Kind weniger gönnen.
Als wir im Kinderheim ankamen waren die meisten Kinder auf einem Ausflug. Man hatte gerade zwei oder drei Kinder hiergelassen, damit ich mich „eingewöhnen“ kann. Vertrauensvoll ging ich sofort in den Sandkasten um mit diesen Kindern zu spielen. Da wurde meinen Eltern nahe gelegt ohne Verabschiedung zu fahren damit es kein Theater gibt. Als ich irgendwann meine Eltern vermisste und lauthals schrie, sagte eine Erzieherin zu mir: „Wenn du brav bist, kommt die Mama wieder!“ (diesen Satz habe ich in der Therapie noch einmal gehört) Wenn man den Briefen des Kinderheims glauben darf, gab ich mein Bestes. „Brigitte singt und lacht den ganzen Tag“ wurde dort verlautet.
Als meine Eltern ich abholen kamen, erkannte ich sie nicht wieder und ich nannte meine Mutter Tante, wie eben alle Frauen dort.
Ich habe dieses Bindungsabbruchtrauma inzwischen mit Therapien bearbeitet. Es hat mich mein ganzes Leben lang begleitet, dieses Gefühl „ich gehöre nicht wirklich dazu“. Meine Schwestern verstärkten dieses Gefühl noch indem sie, wenn sie mich ärgern wollten behauptet hatten, mich hätte man vor die Türe gelegt und ich sei gar nicht ihre richtige Schwester.
Als mein Mann mich verließ als gerade unser drittes Kind geboren war rutschte ich in die erste Depression gerade dreißig Jahre alt. Ca. zwanzig Jahre später 2007 dann der „burn out“ mit allem was dazu gehört (Psychopharmaka, Klinikaufenthalt mit Unterscheiben eines Lebensvertrags, Verlängerung und anschließender Frühberentung nach einer Retraumatisierung durch den Amtsarzt).

Ich habe Therapie gemacht, kenne meine Frühwarnzeichen und bin meinen ganz eigenen spirituellen, sehr selbstverantwortlichen Weg gegangen. Ich weiß heute, dass meine Eltern es damals einfach nicht besser gewusst haben und die Erzieherinnen auch noch nicht das Wissen von heute hatten. Diese Gedanken helfen mir ihnen zu verzeihen und Frieden mit der Situation zu machen. Was mich allerdings immer noch beschäftigt, ist wie ich dieses Trauma an meine Söhne weitergegeben habe. Was macht es mit einem Kind, das unter Tränen gestillt wird? Was macht es mit Kindern, wenn sie eine Mutter haben, die zwei Stunden lang weint um sich dann eine Stunde lang bemüht ihre Bedürfnisse zu befriedigen, wo sich gerade der Vater aus der Familie verabschiedet hat. Ich konnte auch nur so eine gute Mutter sein wie ich es geschafft habe. Das habe ich mir immer noch nicht ganz verziehen und nicht wegen der Angst, wenn ich nicht gut genug bin nicht dazu zu gehören, sondern weil ich meinen Kindern eine entspannte, gesunde Mutter gewünscht hätte, denn sie sind mein ganzer Reichtum in diesem Leben.
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Petra aus Waiblingen schrieb am 28.03.2021
Ich bin auf diese Seite gekommen durch das Buch von Hilke Lorenz "Die Akte Verschickungskinder". Aufmerksam auf das Thema selbst bin ich durch meine Mutter geworden, die den Beitrag auf SWR gesehen hat. Da wurde wohl auch "meine" Klinik erwähnt. Diese Klinik gibt es heute auch noch und ich wenn ich die Homepage sehe mit dem Bild der Klink weiß ich noch genau, wo "mein" Zimmer war. Ich finde die vielen Berichte schrecklich. Ich war 6 Wochen in Schönsicht Berchtesgaden, kam kurz vor Weihnachten wieder nach Hause. Hingeschickt wurde ich, weil ich viele Lungenentzündungen und Bronchitis hatte. Vieles ist mir nur noch brückstückhaft in Erinnerung, Fetzen. Allerdings wiegen sich bei mir gute und schlechte Erinnerungen gefühlt die Waage. Habe ich die schlimmen Dinge verdrängt? Gab es sie oder nicht? Ich weiß es nicht mehr mit Sicherheit. Ich kann mich an tolle Ausflüge erinnern, viele schöne Wanderungen, Gespräche mit den dortigen Erzieherinnen beim Zusammensitzen (Gruppenraum?). Wir waren zu fünft oder sechst in einem Zimmer, es war eine Mädchengruppe, alle so um die 10 Jahre alt. Ein Waschraum für alle. Ich meine, die Duschen waren offen, es gab keine Tür oder Duschvorhang. Es muss viel Spinat zum Essen gegeben haben, denn nach dem Aufenthalt und viele viele Jahre danach hat mich Spinat bis zum Erbrechen angeekelt. Ich habe während den 6 Wochen Gewicht verloren, das weiß ich von meiner Mutter, die erzählt hat, wie erschrocken sie war, als sie mich wieder sah. Nach und von Berchtesgaden bin ich in einem Kindersammeltransport gekommen, Ab- und Anfahrt war der Stuttgarter Hauptbahnhof. lt. meiner Mutter habe ich während den 6 Wochen komplett meinen heimischen Dialekt verlernt und habe reinstes Hochdeutsch gesprochen, was für meine Familie damals wohl sehr befremdlich war. Daran erinnern kann ich mich nicht. Allerdings bin ich heute sehr sehr stolz auf meinen Dialekt und liebe Mundart in jeglicher Form. Folge von damals? Weiß ich nicht. Ich erinnere mich, dass ich von den anderen Mädchen drangsaliert wurde, heute sagt man wohl gemobbt. Mir wurden meine Kleider und Schuhe versteckt, musste sie mühevoll suchen. Ich musste immer alles auf meinem Teller essen, viele Speisen (Beispiel Spinat) mochte ich viele Jahrzehnte nicht mehr. Ich meine, Grießbrei sei darunter gewesen und Haferbrei (Porridge). Beides esse ich wieder heute. An die Nikolausfeier habe ich positive Erinnerungen, das war für mich beeindruckend, aber nicht beängstigend. Ich kann mich an viel Schnee erinnern, lange Eiszapfen vor den Fenstern. Was ich aber sehr stark hatte, war Heimweh. Ich litt sehr darunter. Wir durften auch keine Besuche bekommen, auch nicht telefonieren. Eines Nachts habe ich den Plan ausgeheckt, mich in die große Halle zu schleichen, dort war ein Telefon, und meine Eltern anzurufen, weil ich sie so sehr vermisst hatte. Der Trick dabei war, ich musste unerkannt am Zimmer der Erzieherinnen vorbei, die Nachtdienst hatten. Leider habe ich das nicht geschafft. Warum ich Mitten in der Nacht auf sei? wurde ich gefragt. Ich könne nicht schlafen, habe ich gesagt. An eine Strafe kann ich mich nicht erinnern, sondern nur daran, dass mich eine der Erzieherinnen wieder ins Zimmer begleitet und mich zu Bett brachte. Wir durften Trinken nur während den Mahlzeiten. Oh, wie hatte ich Durst! Nach dem Mittagessen gab es eine Mittagsruhe, wo wir uns ins Bett legen mussten. Ich meine, geschlafen werden musste nicht, wir mussten nur ruhig sein. Durften also lesen, Briefe schreiben. Das empfand ich als furchtbar langweilig. Aber ich habe es nicht als "Strafe" in Erinnerung. Ich kann mich an die Maßnahmen erinnern, wie das Inhalieren, Kneipp-Kuren, Sport- und Schwimmprogramme. An sich muss es - bis auf das Heimweh - nicht so furchtbar gewesen sein, denn zwei Jahre später gingen wir als Familie in Berchtesgaden in den Urlaub und wir besuchten all die Orte, die ich während der Kur auch sah (Watzmann-Wanderungen, Königssee, Ramsau, etc). Ich habe vor, mit meiner Mutter darüber zu sprechen, wie es für sie war, mich wegzuschicken, ob ich Briefe erhalten habe und schreiben durfte oder ob es nur Postkarten waren. Das weiß ich nicht mehr. Allerdings hat die Kur mich nicht komplett geheilt. Ich war und bin weiterhin anfällig für Bronchitis und Lungenentzündung, habe Asthma bronchiale und Heuschnupfen. Danke für diese Seite!
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Thomas Meyer aus Hamburg schrieb am 27.03.2021
Ich muß dort als 5 Jähriger 1967 gewesen. Bin sehr froh, daß das nun ans Tageslicht kommt.

Dauernde Bestrafungen per in der Ecke stehen, Essen sehr schlecht, aber Kotze essen kann ich nicht erinnern, mundvoll machen und in der Toilette ausspucken war meine Taktik, Übelkeit wegen des Essens erinnere ich.

Einziges Licht war die Bibliothek, da gab es Krimis von Enid Blyton. Allerdings nach 3 Wochen war ich morgens früher aufgewacht und hatte mir das spannende Buch unter die Decke geholt: Erwischt und Leseverbot für die verbleibenden 3 Wochen. Das war für mich damals unglaublich schlimm.

Meine ältere Schwester war mit mir zusammen dort, hatte aber keinerlei Kontakt zu mir, kaum, daß ich sie überhaupt mal zu Gesicht bekam.

Träger war die DAK. Gute Erinnerungen habe ich keine.

Ich vermute, daß meine Vergeßlichkeit und meine Gefühlosigkeit gegenüber meiner Mutter in dieser Verschickung wurzeln. Ich kann nichts aus meiner Kindheit von vor dieser Verschickung erinnern. Auch an die Verschickung erinnere ich mich nur ganz schemenhaft. Eigentlich bin ich ein sehr empathischer Mensch, nur bei meiner inzwischen schon länger verstorbenen Mutter war das anders. Wäre durchaus plausibel, daß diese Horrortour der Grund dafür ist.

Brechen konnten sie mich nicht, obwohl ich wohl schon damals dies als Ziel der Maßnahme erkannte. Daher wohl auch mein unendlicher Haß auf Faschisten.

Wüßte zu gern die Namen der Heimleitung, daß man weiterkommt in der Erforschung. Meines Erachtens müßte die Erforschung von der DAK finanziert werden.
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Solveig aus DDR schrieb am 25.03.2021
Zufällig bin ich auf eine Doku zum Thema Verschickungskinder gestossen.
Ich habe nicht mehr so viele Erinnerungen, und ich weiss auch nicht mehr wo ich genau in Kur war.
Ich bin 1977er Jahrgang in Cottbus geboren und hatte 1986 eine sehr schwere Bauch- OP. Es war ein Darmverschluss der notoperiert wurde und bei dem ich fast gestorben wäre. Ich war sehr lange im Krankenhaus. Besuch von den Eltern hab ich kaum bekommen. Ich erinnere mich wie ich oft mit einem Stuhl vor meinem Zimmer sass und wartete das mich jemand besuchte.
Als ich wieder gesund war, aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wurde ich zur Genesungskur geschickt für 4 Wochen.
Ich kann mich nicht mehr erinnern wohin.
Ich weiss nur das es schrecklich war.
Wir müssten bei bitterer Kälte morgens halbnackt im Garten ( oder Hof) stehen und uns gegenseitig abbürsten- uns wurde erklärt das dies gut für uns sei, uns abhärtete. Diese Bürstenmassagen fanden wie in einem Morgenkreis statt - erst bürstete sich jeder selbst ab, anschliessend drehte sich jeder so, das er ein Kind vor sich stehen hatte, dessen rücken es selbst abbürstete. Meine Narbe am Bauch war noch Recht frisch, und sie tat jedes Mal weh, wenn ich sie abbürsten sollte. So oder so hätte man nach dem bürsten ständig Striemen am ganzen Körper- es waren bürsten ähnlich solcher womit man einen Boden schrubbt. Nach diesem Bürsten ging man in den Waschraum, wir müssten uns in die Dusche stellen, wo die Erzieherin uns mit einem Duschschlauch eiskalt abduschte. Ich hab es gehasst, aber mir blieb nichts übrig als mitzumachen, denn sonst wurde man bestraft. Man durfte sonst nicht an einer Freizeit teilnehmen, oder den Eltern keinen Brief schreiben.
Wir Kinder waren in unterschiedliche Altersklassen eingeteilt. Eigentlich geh9rte ich zu den kleineren, wir würden aber genauso behandelt wie die grossen.
Einmal wöchentlich traf man sich im Gemeinschaftssaal, dort konnte man sich eine Ansichtskarte aussuchen, die man auch bezahlen musste. Wir sollten unseren Eltern eine Postkarte schicken. Aber den Text konnten wir nicht frei wählen, er war vorgegeben und stand auf einer grossen Tafel zum abschreiben für uns. Die Erzieherin ging herum und schaute ob auch alles so richtig sei.
Unsere Eltern könnten uns einmal pro Woche zurückschreiben.
Für uns war um 19 Uhr Nachtruhe, daran habe ich keine Erinnerung mehr. Ich weiss nicht wie ich zu Bett kam.
Ich erinnere lediglich die morgendlichen, halbnackten körperbürstungen. Denn ich hatte Probleme damit mich vor anderen frei zu machen, weshalb ich oft getadelt würde vor den anderen Kindern.
Ich war froh wieder zu Hause zu sein.
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Andreas aus Köln schrieb am 21.03.2021
Ich war durch das DRK nach Südtirol/Luttach verschickt worden. Heute wird dasselbe „Heim“ als Gruppenpension betrieben. Ich war 2019 vor Ort weil ich Gewissheit haben wollte ob, ich mir dass alles eingebildet habe. Im Auftrag meiner Erziehungsberechtigten/Eltern wurde ich 1972 im Alter von 10 Jahren, ein paar Tage nach meinem Geburtstag versendet. In einer großen Gruppe sind wir gefühlt zwei Tage im Zug (Typ: Silberlinge) unterwegs gewesen. Das Essen während des Aufenthaltes bestand oft aus Nudeln und gebratener Fleischwurst, also deftige Bergmannskost. Geschlafen haben wir in Zimmern mit Hochbetten 4 bis 6 Kinder je Raum. Wer Nachts nicht schlafen konnte/wollte musste im Flur solange Kniebeugen machen oder stehen bleiben bis er müde war. Das Personal war nett, einmal durften wir Post bekommen, mit frischen Taschengeld. Nach drei/vier Wochen bekam ich beim Spielen durch einen Steinwurf eine Schädelimpressionsfraktur mit linksseitiger Lähmung, Kopfschmerzen hatte ich dann auch öfters, latente Krampfanfälle hatte ich damals nicht so bewertet. Ich erinnere mich auch, aus dem Hochbett gefallen zu sein und habe dann im Bodenliegend teilweise Uriniert. Der „Kurarzt“ und die Leiter und anderen Beschäftigten hatten das alles nicht ernstgenommen, sodaß ich erst nach meiner Rückreise (zwei Wochen später) in einer Uniklinik operiert werden musste. Nach diesem Kuraufenthalt hatte ich weniger Gewicht als vorher. Meine Postkarten (nur diese durften wir schreiben) wurde inhaltlich auf Anweisung eines Gruppenleiters entschärft und von einem anderen Kind neugeschreiben (wegen der erforderlichen Kinderhandschrift), die Eltern sollten nichts Wissen, damit Sie nicht vorbeikommen. Im Kurabschlussbereicht stand dann nur, ich sei ein Sturkopf. Die Rückreise war auch wieder sehr lange, der Proviant Wasser, Semmel reichten nicht. Das ungewollte Versenden in ein fremdes Land, die „Kontaktsperre“, das Gefühl dieser Systemmacht ausgeliefert zu sein, ohne jegliche Hilfe, das ausgeliefert zu sein in einem fremden Land (auch wenn deutsch gesprochen wird), hat mich geprägt, wie ich 40 Jahre später verstanden habe. Ich habe überlebt.
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Martina Fischer schrieb am 21.03.2021
Ich bin über die SWR Doku auf diese Webseite gestoßen und sehr dankbar dafür.
Ich war 1969 mit 6 Jahren für 6 Wochen im "Schifflein Sausewind" auf Norderney. Da ich oft krank war, wurde dies meinen Eltern empfohlen.
Die 6 Wochen in diesem Heim waren schrecklich. Ich habe erlebt, was viele hier schon beschrieben haben: Ich habe mit 6 Jahren nachts wieder ins Bett gemacht und musste in einem dunklen Raum nackt ohne Decke auf einer Holzbank schlafen. Vorher wurde ich in einem Zuber mit kaltem Wasser übergossen und mit einer Wurzelbürste abgeschrubbt. Morgens im Essenssaal wurde ich vor allen Kindern bloßgestellt: "Seht wer wieder ins Bett gemacht hat!"
Wir mussten alles aufessen, auch wenn es uns anekelte, wie mich z.B. die Rosinen. Ich habe sie heimlich in der Hand gesammelt und beim Händewaschen in den Abfluss gestopft. Kam natürlich raus und wurde mit Schlägen bestraft.
Als ich an Windpocken erkrankte, lag ich mit einem Jungen in einem Isolierzimmer. Wir durften nicht auf die Toilette, sondern mussten im Zimmer auf den Topf. Ich habe mich so geschämt, dass ich das nur unter der Bettdecke gemacht habe.
Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens, voller Angst, sie hat mich für mein Leben geprägt.
Ich war beim Schauen der Doku echt erschrocken, wie viele Menschen unter diesen Verschickungen leiden mussten!
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Wolfgang Veit aus Eßlingen schrieb am 21.03.2021
Ich wurde wegen meines Heuschnupfens an die Nordsee geschickt. Abgesehen von gelegentlichem Heimweh habe ich nur eine negative Erinnerung: ich mußte gezuckerten Salat essen. Die Tanten (Studentinnen der PH) waren sehr nett und wir haben in den Dünen und am Strand toll gespielt. Dort habe ich die Mundorgel (Liederbuch) kennengelernt, die benütze ich noch heute.
Ich bin sehr betroffen, daß so viele Menschen in den Verschickungsheimen so schlimme Erfahrungen gemacht haben und schätze mich glücklich, daß es bei mir völlig ok war.
(gegen den Heuschnupfen hat das natürlich nur geholfen, so lange ich dort war)
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Christine Koster aus WINLAW BC Canada schrieb am 21.03.2021
Christine Koster 1970 Bad Reichenhall - Ich erinnere mich daran, dass ein Mann von der Arbeiterwohlfahrt kam. Er hat mich zum Zug gefuehrt und meinen Koffer getragen. Ich wurde zur Erholung nach Bad Reichenhall geschickt. Ich habe angeblich vorher viel geweint, deswegen sollte ich in ein Heim. Die katholischen Schwestern im Heim waren gemein und herzlos. Als erstes haben sie mr alle Suessigkeiten und besondere Sachen von meinen Eltern weggenommen. Ich war erst 5 Jahre alt. Ich hatte Angst vor den Nonnen und furchtbares Heimweh. Sie haben mich eingeschuechtert, man durfte nicht reden und musste am Tisch sitzen mit Spielzeug spielen. Manchmal musste ich meine Haende hochhalten und siehaben dann mit einem Stock drauf eingeschlagen. Das Essen hat mir nicht geschmeckt. ich habe mich oft erbrochen und hatte Durchfall. Am Schlimmsten war es nachts. Wir mussten alle in einem grossen Saal schlafen. Wenn es Zeit fuer ins Bett war, durfte man nicht reden oder weinen. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich viele Naechte aus dem Bett gezogen wurde und musste dann mit nackigen Fuessen auf der eiskalten Treppe stehen. Das traumatischste Ereignis war fuer mich, dass ich eines Abends im Bett lag und auf die Toilette musste. Ich hatte ein schlimmes Bauchweh und durfte nicht gehen. Ich habe in meine Schlafanzug gemacht und musste die ganze Nacht in meinen Fäkalien liegen. Ich weiss noch genau, wie ekelhaft das war und wie sich Krusten geformt haben ueber die langen Stunden in der Nacht, in der ich schlaflos und weinend gelitten habe. Am Morgen hat es alles sehr weh getan. Dann kam die Schwester und hat mich ins Bad geholt. Da hatte sie die Badewanne voll Wasser. Andere Kinder waren anwesend und vor diesen Kindern habe ich mich sehr geschaemt, weil die Schwester allen gezeigt hat, dass ich ins Bett gemacht hatte. Dann musste ich mit einem anderen Kind in die gleiche Badewanne. Das andere Kind hat sich vor mir geekelt. Das war und ist bis heute fuer mich fuerchterlich. Die anderen Erinnerungen sind nur kleine Fragmente z.B. dass wir in Paaerchen im Park gelaufen sind. Die aelteren Kinder haben mir versucht ein Lied beizubringen, in dem die Nonnen aus dem Fenster geschmissen wurden. Nachdem ich wieder daheim war, habe ich einen Monat lang geheult.
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Helga Köhler aus Berlin schrieb am 20.03.2021
Einigermaßen verstört hat mich ein Radiobericht über Kinder-Verschickung in der Bundesrepublik. Deshalb will ich auch von meiner Mutter berichten.
Eine zu diesem Bericht in etwa gleichlautende Erzählung hat mir immer wieder meine Mutter aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegeben.
Meine Mutter Helga Köhler, geb. Kleige wurde am 24.3.1929 und ist im März 2004 verstorben. Sie ist in Berlin-Friedrichshagen aufgewachsen und wurde in den dreißiger Jahren nach Borkum verschickt.
In ihrem Schulzeugnis aus Friedrichshagen fand ich den Vermerk, dass sie vom 10.6. bis 29.7.1937 verschickt war. Ein Foto dieses Dokumentes lege ich bei (gelingt mir leider nicht, ich schicke es an den Verein).
Sie hat beschrieben Erbrochenes selber wegwischen, kein Wechsel der Bettwäsche, Nicht-an den Strand dürfen bis alles gegessen wurde, alleine essen. Erbrochenes aufzuessen ist ihr nicht selbst passiert, aber sie hat es bei anderen Kindern gesehen und beschrieben, dass es für sie wichtig war auf den Boden zu brechen, damit ihr nicht das gleiche passiert.
Wir haben das in unserer Familie immer als schlimme Zustände in der NS-Zeit angesehen. Die Fortführung noch Jahrzehnte hindurch weiter ist unfassbar. Vielleicht hilft ihnen diese Erinnerungs-Aussage einer Tochter in ihren Forschungen zu belegen, dass die Zustände in den Verschickungsheimen der Bundesrepublik ihre Wurzeln im Dritten Reich hatten. Es hat anscheinend nach dem Krieg niemand gefragt, was damals passiert ist und so konnten diese Ungeheuerlichkeiten fortgeführt werden.

Gabriele Köhler
Söbrigener Str.7
01326 Dresden
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Elfi Caba aus Düsseldorf schrieb am 20.03.2021
Langeoog 1969:
Als 8-jährige war ich eine von beiden Jüngsten in einer Gruppe von Mädchen bis 12 Jahre!
Ich hatte 4 Astma-Anfälle hinter mir, bei denen ich ohnmächtig wurde und in Aurich unters Sauerstoffzelt musste. Der letzte war 1 1/2 Jahre her. Ausserdem war ich chronisch erkältet. Das "Reizklima" und das Autoverbot auf Langeoog sollten meine Atemwege heilen!

Ich war in Langeoog kreuzunglücklich, dachte aber bis zur Ausstrahlung der Lokalzeit Düsseldorf Ende Oktober '20, dass das meine Schuld wäre!
Ich kam mit der strengen Taktung des Tagesablaufs nicht klar, und auch nicht mit dem ganztägigen Verbleib in Gruppen, war eine verträumte Einzelgängerin, die nicht ständig mit anderen Kindern spielen und auf sie eingehen konnte. Von Anfang an hatte ich Heimweh und Schwierigkeiten mit den Kindern und Erzieherinnen!
Der Tag begann um 7 Uhr morgens mit dem Wecken! Meiner Erinnerung nach waren wir 6 Mädchen auf dem Zimmer und meine Gruppe von etwa 26 Mädchen teilte sich Toilette und Waschraum. Zu Hause lagen meine Kleider morgens für mich bereit und ich hatte ausreichend Zeit mich anzuziehen! Hier sollte man für Waschen und Anziehen nur 30 Min. brauchen und um 7.30 Uhr im Frühstücksraum sein.Das schaffte ich nie ! Ich konnte meine Kleider nicht schnell genug zusammenstellen und anziehen, suchte immer ein Kleidungsstück zuviel oder zuwenig raus und "kombinierte" Sommersachen zu Gummistiefeln und nichts passend zum Wetter! Fast immer vergass ich irgendein Teil der Unterkleidung anzuziehen, Strümpfe, Unterhose oder Unterhemd! Wenn um ca. 7.25 Uhr die Erzieherin kontrollieren kam, war ich noch nicht ansatzweise mit dem Anziehen fertig. Sie schimpfte dann, dass ich endlich lernen müsste, mich zu beeilen, und dass später alle auf mich warten müssten! Nach ein paar Tagen rief sie alle Kinder, die pünktlich fertig waren (fast alle), vor unser Zimmer, stellte mich halb bekleidet in den Gang und sagte "Guckt mal, wer hier fast nichts anhat!"
Die anderen Kinder grölten vor Lachen, tagelang jeden Morgen!
Nach sehr langer Zeit hatte eines der älteren Kinder, mit kleinen Geschwistern zu Hause, mit mir Erbarmen und verriet mir das Geheimnis: "Wir kriegen abends gesagt, wie morgen das Wetter etwa wird. Du stellst dich abends vor deinen Kleiderschrank, denkst nach welche Sachen am besten dazu passen würden, und faltest sie umgekehrt auf deinen Stuhl neben dir, zuerst die Jacke, zuletzt Unterwäsche und Strümpfe. Dann ziehst du morgens alles so schnell wie möglich nacheinander an!" -
Danach war ich nur noch leicht verspätet, weil etwas zu langsam beim Anziehen!

Von 7.30 Uhr bis 8.00 Uhr war Frühstück. Unser Essen wurde uns zugeteilt, wir kriegten fertige Rationen auf den Teller, mussten essen was da drauf war, kriegten aber auch nichts nach wenn wir mehr wollten! Einige Kinder waren wegen Untergewicht da .Sie wurden gezwungen, alles aufzuessen, und kriegten zu jeder Mahlzeit eine Extra-Ration. Die Erzieherinnen stellten sich ab 7.50 Uhr vor sie hin und drängten sie barsch, im Eiltempo die letzten Nahrungsmittel in sich rein zu schlingen! Die "Mageren" wollten nie essen und heulten und würgten! Wir anderen waren neidisch und hätten liebend gern ihre Extra-Ration verschlungen, denn unsere Portionen waren knapp bemessen.
Wir hatten zwar nach Tisch nie Hunger, waren aber auch nie richtig satt! Ich hatte ein zusätzliches Problem, weil mir um Punkt 8 der Teller unter der Nase weggezogen wurde und ich, wegen meiner Verspätung nach dem Antiehen, noch nicht fertig war!

Der Tag teilte sich in zwei Hälften, vor und nach dem Mittag. Morgens 8 bis kurz vor 12 Uhr und nachmittags bis 17.30 Uhr Programm. Jeden Tag gab es eine grössere Wanderung! Am Meer entlang, in die Dünen, zum grünen Gürtel der Insel, und zweimal sogar durch den Stadtkern! Ich hatte schlechte Füsse (Plattfüsse u.a) und am Ziel taten mir die Füsse weh. Dort wurde meistens irgendein Gruppenspiel gespielt (kriegen, goldener Wagen, bockspringen). Ich wurde von den Erzieherinnen zum Mitmachen ermahnt, setzte mich aber immer an den Rand, um meine Füsse auszuruhen. Ich sagte auch " Mir tun die Füsse weh". Die Erzieherinnen duldeten das aber nicht lange, sie wandten sich an die Gruppe: "Schaut mal, das Fräulein ist sich zu fein um mit uns zu spielen!" , oder " Die Dame braucht mal wieder eine Extra-Wurst! Findet ihr das gut Kinder?" "Nein!" riefen die Kinder, lachten mich aus und mieden mich auf dem Rückweg!
Auf dem Rückweg wollte ich mich immer an den Rand setzen und ausruhen, weil mir die Füsse weh taten! Es gab aber für die ganze Gruppe , etwa Klassenstärke, nur zwei Erzieherinnen. Eine lief vor der Gruppe und passte auf, dass niemand sie überholte, also zu schnell lief. Eine ging kurz vor Schluss und achtete auf alle Kinder Gruppe. Zwei ältere, zügig laufende Kinder mussten ganz hinten laufen und aufpassen, dass niemand hinter ihnen zurück blieb. Falls dich riefen sie die Erzieherin! Mit letzteren beiden geriet ich häufig aneinander, weil ich den Rückweg nicht schnell genug schaffte! Sie schupsten mich nach vorne, zogen mich an beiden Armen oder Ohren hinter sich her - oder riefen eben die Erzieherin! Die schimpfte lautstark auf mich ein: " Du kannst nicht allein nach Hause laufen, würdest nicht mal den Rückweg finden, das weisst du selbst! Willst du jetzt also, dass die ganze Gruppe stehen bleiben muss, nur weil du ein paar Wehwehchen an den Füssen hast?"
Mich zu schlagen hatte sie nicht nötig- die Schlusswachen-Kinder stiessen mich heim!

Beim Mittagessen dasselbe wie beim Frühstück : zugeteilte Portionen, alle das gleiche Essen, nicht zu wenig aber auch nicht reichlich! Ich konnte zwar irgendwie mit Messer und Gabel ans Essen kommen, hatte aber noch keine richtigen "Tischmanieren"!
Niemand wollte neben mir sitzen, meine Gruppe hatte mich ja sowieso nicht allzu gern!
Darum musste ich allein an einem Einzeltisch sitzen! Später, als rauskam, dass ich abreisen wollte, wurde die Gruppe noch weiter gehen mich aufgewiegelt und mein Tisch in die Mitte des Gruppenraums gestellt! Hier konnte mich jeder jederzeit beoachten und mit höhnischen Kommentaren belegen! Beim Anblick vom Zusatznachtisch für die mageren Kinder fragte ich mich schon damals, ob man von einem Pudding oder einer Banane mehr wirklich mehrere Kilo pro Mobat zunehmen könnte! Für die Mageren war es trotzdem Horror auf Tellern! Ein Mädchen in meiner Gruppe war zu dick und in meinen Augen noch schlimmer dran! Sie bekam nur wenige Bissen pro Mahlzeit auf ihren Teller und weinte den ganzen Tag, dass sie solchen Hunger hätte!
Sie wurde auch oft von den anderen Kindern wegen ihrer Figur verlacht und verspottet! Nur am Anfang mussten hier die Erzieherinnen nachhelfen: "Kinder, ist es richtig dass man sich sooo dick frisst?" "Nein!!!" - danach lief das Mobbing von allein und sie brauchten es micht mehr weiter an zu stossen!

In der zweiten Tageshälfte spielten wir auf dem Spielplatz, gingen Muschelsuchen am nahen Strand oder spielten im Gruppenraum. Wir bastelten oder malten oder spielten Spiele wie "ich sehe was, was du nicht siehst" oder "Teekesselchen" oder "Kofferpacken" oder Brettspiele wie "Mensch ärger dich nicht!"
Es spielte immer die ganze Gruppe dasselbe. Ob und was uns gefiel wirden wir nicht gefragt!
Ich selbst mochte die meisten drinnen stattfindenden Aktivitäten gern. Hier lernte ich Mobilees basteln und-von einer Tischnachbarin- Mainzelmännchen malen!
Für diese Fähigkeit wurde ich noch mehrere Schuljahr von meinen Klasdenkameraden beneidet! Dass das Mädchen sich mit mir beschäftigt hat, wundert mich heute, denn auch beim Gruppenspiel zeigte sich meist dass keiner mit mir spielen wollte! Trotzdem mochte ich alle Innen-Aktivitäten gern- sie schonten meine Füsse!

Um 17.30 Uhr war das Abendessen, um 18 Uhr gingen wir hoch auf die Zimmer, ausziehen, waschen, eine Stunde zur freien Verfügung, ab 19 Uhr musste man im Bett liegen und ruhen, nicht mehr reden, nichts mehr tun, obwohl es noch nicht dunkel war! Leider durfte man auch nicht mehr lesen, und ich liebte lesen! Ich hatte "Trotzkopf 1-3" mitgenommen, einen Riesenwälzer, der erst endete, als Trotzkopf Grossmutter war! "Du Angeberin, du kannst das mit 8 doch noch gar nicht lesen!" höhnten meine Zimmergenossinnen. Tasächlich hatten sie selbst nur Gross-Schrift-Bücher für ihte eigene Altersstufe dabei, aber ich komnte und wollte möglichst viel lesen! Unsere Taschenlampen waren im Voraus konfisziert worden, und frühabends bewachten uns die Erzieherinnen wie die Schiesshunde! Das führte dazu, dass ich abends so früh wie möglich an mein Buch wollte, und kaum mit den anderen Mädchen auf meinem Zimmer redete! Die hielten mich deshalb für eine "eingebildete Pute", haben auch einmal mein Buch versteckt, aber mich Gott sei Dank nie körperluch angegriffen! Die Jungen im Heim werden sicher Schlimmeres mitgemacht haben!
Auch wir durften nachts "nicht aufstehen", aber mir kam gar nicht die Idee dass das auch für Toilettengänge gelten könne!
2-3 mal während des Aufenthaltes war ich in tiefer Nacht auf der Toilette, ohne dass eine Aufsicht vor Ort gewesen wäre!
Meine Zimmergenossinen fanden den Aufenthalt toll! Aufgeregt erzählten sie von den Erlebnissen des Tages und malten sich aus, was sie morgen alles Schönes erleben würden. Ich hatte Sorgen vor jedem neuen Tag!

Einmal in der Woche hatten wir Briefschreibstunde, in der wir unseren Eltern schrieben! Schon beim ersten Mal versuchte ich meinen Eltern zu schreiben, dass ich mich schrecklich fühlte und sie mich sofort nach Hause holen sollten. Die Erzieherinnen lasen meinen Brief, beschimpften mich (wieder mal) lauthals vor der ganzen Gruppe, als ungezogen und undankbar! Von dort aus wurde ich zur Direktorin gerufen, und die tobte noch lauter, dass ihr noch nie rin Kind wie ich untergekommen wäre! Was ich wohl glaube ,dass meine Eltern mit mir machen, wenn
s i e i h n en erzählte, dass ich mich hier ständig absondern und ein Gesicht wie 3 Tage Regenwetter zu Schau tragen würde?-
Es half nichts, ich musste diesen Brief noch einmal schreiben, Tenor "Oh wie schön ist Langeoog"! Ich wusste auch damals schon, dass man die Briefe anderer Leute nicht lesen durfte, aber die Erzieherinnen sagten zuerst, dass sie auf Rechtschreibfehler kontrollierten.
Später lasen sie sofort im Gruppenraum:" Nur zu deinem Besten!"
Nach der Rückkehr fiel ich noch am Hafen meiner Mutter weinend um den Hals und erzählte ihr, wie schlimm es dort war!
Die meinte erschrocken:"Warum hast du denn nichts geschrieben?- Wir hätten dich doch sofort nach Hause geholt!"
Meine Eltern haben danach auch mit der Heimleitung telefoniert, aber die gaben mir allein die Schuld an meinem Unglück! -
Ich glaube, so dachten sie auch wirklich!Die schönen Fotos von Feiern und Ausflügenwaren in ihren Augen nicht gestellt, denn die Feiern und Ausflüge gab es ja wirklich! Dass man jedes 3.Kind unter lauten Ermahnungen zum Lächeln zwingen musste, war auf das Ungeschick der Kinder vor der Kamera zurückzuführen!
Man war überzeugt, uns zu unserem Wohl Ordnung und Disziplin beizubringen, und dass man letztlich uns alle glücklich gemacht habe!
Es gab auch hier schöne Momente! Besonderes das gemeinsame Singen, dass im Heim Freitag abends stattfand, liebe ich bis heute! Ich bin im einem Chor und einer Nachbarschafts-Singruppe! Viele Wandereime und Lieder habe ich auf Langeoog gelernt und werde sie bald an meinen neugeborenen Enkel weitergeben!
Von Missbrauch und Misshandlung habe ich nichts bemerkt!- Wie gesagt:
Bis vor einem halben Jahr dachte ich, ich sei Schuld! ?
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Mona Laasch aus Berlin schrieb am 20.03.2021
Mein ganzes Leben verfolgen mich die Erinnerungen an die 6 Wochen in der Kurklinik am Kölpinsee. Ich muss 6 Jahre gewesen sein und es war die Zeit um Ostern. Viele Tage dieser Zeit sind aus meinem Kopf verschwunden, da ich keine Ahnung wie lange in eines der Krankenhäuser auf dem Gelände verbracht habe. Ich erkranke wie fast alle Kinder in dieser Zeit an Imbichiko. Ein übler Hautausschlag mit Fieber und Erbrechen. Irgendwann wachte ich in diesem Krankenhaus auf. Ich wusste gar nicht wie ich dort hin gekommen bin und wie lange ich schon dort war. Eine Krankenschwester kam herein und brachte mir Tabletten. Meine Mutter hat sowas früher zermörsert aber die sollte ich nun so schlucken. Es ging nicht. Die Tablette war so groß dass ich sie nicht schlucken konnte. Da steckte mir die Schwester die Tablette in den Hals und kippte soviel Wasser rein dass ich dachte ich müsste gleich ersticken. Danach sind wieder die Tage in meinem Kopf ausgelöscht. Am ersten Tag wurden wir eine enge Treppe in den Keller geschickt zum waschen. Ein Junge trat mich die Treppe runter. Niemand interessierte sich dafür. Dann mussten wir uns nackt nebeneinander aufstellen und duschen anschließend wurden wir von Kopf bis Fuß eingecremt. Am meisten hatte ich immer Angst vor dem Fußnägel schneiden das war immer mit Schmerzen verbunden. Wir hatten dort auch Schule. Es wurde an die Tafel geschrieben was wir unseren Eltern schreiben sollten. Ich schrieb aber das sie mich sofort abholen müssen und wie schrecklich es dort zugeht. Der Brief wurde geöffnet und vor meinen Augen zerrissen. Entweder schreibe ich was an der Tafel steht oder ich darf meinen Eltern gar nicht mehr schreiben. Von meinen Eltern bekam ich nie etwas. Zu Ostern bekamen die Kinder Päckchen von zu Hause nur ich bekam keins. Zurück gebracht wurde ich schwer krank mit dem Bus. Man setzte mich mitten in Berlin ab. Alle Kinder wurden abgeholt nur ich nicht. Man hatte meinen Eltern einen anderen Treffpunkt mitgeteilt. Ich war erst 6 und mutterseelen allein gelassen worden. Die Zeit dort hat mich bis heute geprägt. Ich finde aber keine Aufzeichnungen über diese Klinik. Vor 3 Jahren habe ich dort eine Mutter Kind Kur gemacht. Es sollte für mich auch eine Aufarbeitung werden. Ich bin der Meinung die Kurklinik neben meiner war die in der ich damals war. Ich erinnere mich an den großen runden Raum vom Hauptgebäude dort befand sich der Speiseraum. Ein solches Gebäude steht dort noch. Aber es sieht natürlich alles anders aus als damals. Ich habe oft versucht im Internet Informationen zu finden. Vielleicht auch Menschen die genau wie ich dort hin mussten. Vor Ort mochte niemand mit mir über die Klinik sprechen.
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Carl Lücker schrieb am 20.03.2021
Hallo,
auch ich finde diese Webseite sehr gut
Ich war 1968 für mehrere Wochen im Kinderheim Gutermann. Der Grund war, dass meine Hände damals fast immer zitterten, wenn ich sie ruhig halten sollte.
Im Heim habe ich damals eigentlich keine wirklich schlimmen Erfahrungen gemacht, obwohl es dort recht streng zuging. Alles war genau getimt. Auch die Toilettenzeiten. Dort musste man in Reih und Glied warten, bis man dran ist, bekam für den Stuhlgang abgezählte Blätter Klopapier. Es wurde auch kontrolliert, ob man sauber abgewischt hat. Das Essen war ok. Es gab allerdings mehrfach Schwarzwurzeln, die ich ekelig fand. Essen musste ich sie trotzdem. Das fand ich doof, aber erträglich.
Ansonsten war der Umgangston ok, die Mitarbeiter des Hauses freundlich. Es gab abwechslungsreiche Aktivitäten im Haus und Spaziergänge in der Natur. Ausgiebige Mittagsschlafzeiten.
Tatsächlich hatten mir die Wochen gutgetan. Auch wenn das Zittern der Hände zwei Wochen nachdem ich zurückgekommen war, wieder da war. Die Zeit dort hat mir eine Wiederholung der Schulklasse eingebracht, was mir in der Schule, bei der sozialen Einbindung erstmal nicht geholfen hat.
Für mich also keine schlechte oder gar traumatische Erfahrung. Immerhin gab es auch solche.
Ihre Arbeit unterstütze ich jedenfalls!
MfG
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Peter Günther aus Berlin schrieb am 19.03.2021
Weil ich als Kind sehr dünn war, hielten meine Eltern es für gut, dass sie mich in Alter von 7 Jahren nach Bad Salzdetfurth verschickten. Sie gaben mir 20,- DM damals mit, in der Hoffnung, dass ich mir dafür etwas kaufen könnte. Die Summe war in den 60er Jahren nicht unbedeutend. Früh morgens, nach der ersten Nacht in den genannten Heim, man hatte kaum die Augen auf, da kahm eine Frau mit weißen Kittel in den Zimmer, wo man übernachten musste und durchsuchte den neben das Bett stehenden Schrank nach Geld und nahm meine 20,- DM an sich, mit der Begründung, dass es mir eingeteilt wird für Eis etc.und auch falls andere Kinder das sehen würden eventuell Neid entstehen könnte, weil andere weniger an Geld bei hätten.
Natürlich sah ich in der 14 tägigen Zeit rein nichts mehr von den Geld.
Das war das erste negative Ereignis unter noch sehr vielen in dieser Zeit.
Wir mussten als Kinder auch ein Mittagsschlaf halten.
Draußen vor die Zimmertüren lauschte der sogenannte Hausmeister, ob auch alle mucksmäuschen still waren.
Beim kleinsten flüstern kam dieser Unmensch hereingeplatzt, zog die Bettdecken den Kindern weg und hielt die Kinder mit einer Hand an ein Bein hoch und mit der anderen Hand schlug er ohne Rücksicht zu, so das einige dabei vor Todesangst den Urin verloren.
Auch platzte diese Herr damals einfach so hinein in die Zimmer und riss uns im Schlaf die Decke weg, zog uns die Unterhosen runter, schaute dabei angeblich nach, ob jemand eventuell sich eigemacht hatte.
Beim kleinsten Rallystreifen Schlug er wieder genauso erstmal zu und musste dann das nur weibliche Pflegepersonal verständigt haben.
Jungs und Mädchen wurden dann von ein Zimmer zum nächsten ohne Unterhosen durch die teils kalten Gänge geschickt und mussten - angeblich zur Strafe - zusammen in mit Salzwasser gefüllte kleine Zinkwannen baden, bis das Wasser kalt wurde.
Das weibliche Personal saß davor und beobachtete jede Bewegung.
Ausflüge fanden auch statt. man hatte Durst, man hatte auch mal Appetit auf ein Eis, oder Ähnliches. Dieses wurde uns ständig verweigert mit der Begründung, dass man in Heim etwas bekommen würde.
An einige Sachen kann ich mich leider nun nicht mehr so erinnern, aber das was ich hier geschildert habe, blieb mein ganzes Leben in Erinnerung.
Als ich nach der Rückkehr dieses meine Eltern erzählte, da hatten diese mir nicht Glauben geschenkt.
Und andere mitreisende Kinder schilderten unmittelbar nach Ankunft am Berliner Rathaus Reinickendorf auch ihren Eltern ihr Leid. Verständnislos fand niemand von uns Kinder bei den jeweiligen Eltern Gehör.
Wäre dieses geschehen, so hätten eventuell die verstorbenen Kinder von 1969 jetzt noch leben können.
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Yousee aus Hessen schrieb am 19.03.2021
Reichenhaller Bummler
Auch ich erlebte als 6 jähriges Mädchen eine 6 Wochen andauernde Hölle in Bad Reichenhall. Kann mich Gott sei Dank an nicht mehr all so viel erinnern, allerdings an manches noch sehr deutlich. So wurden mir bei meiner Ankunft meine Süßigkeiten weggenommen, die meine Eltern für mich abgegeben hatten. Sie wurden in einen Wandschrank weggesperrt, habe nur ein mal eine Kleinigkeit davon bekommen, den Rest habe ich nie wieder gesehen. An das Solebad kann ich mich auch erinnern, ich wurde einfach ins Wasser geschmissen, habe geschrien wie am Spieß vor Angst, denn ich konnte sehen, dass das Wasser ziemlich tief war und ich da nicht stehen konnte. Dass es sich um Salzwasser handelte und man nicht untergehen konnte, wusste ich in dem Alter ja noch nicht. Ich hielt mich krampfhaft am Rand fest, bis mich wieder jemand rauszog. Essensmäßig kann ich mich an Haschee mit Kartoffelbrei erinnern, das roch und schmeckte süßlich-bitter, den Geruch habe ich noch heute in der Nase. Könnte mir vorstellen, dass es sich dabei um ein Schlafmittel handelte, denn ich wurde oft sehr müde. Hatte fürchterliches Heimweh, und habe wohl deshalb nachts oft ins Bett gepinkelt. Zur Strafe haben die BetreuerInnen mir büschelweise die Haare ausgerissen. Dann sperrten sie mich in einen kalten, stockdunklen Raum, wo ich mich mucksmäuschenstill auf ein Metallbett legen musste. Was dann geschah, weiß ich nicht. Jedenfalls fühlte es sich wund an und brannte. Im Waschraum wurden mehrere Kinder mit einem einzigen Waschlappen gewaschen. Singen mussten wir auch jeden Morgen, den Text und die Melodie kenne ich heute noch: "Und morgens früh um Sieben, da werden wir geweckt, dann kommt das liebe Fräulein und schmeißt uns aus dem Bett. Heidi Heida, Heidi Heida, wir Reichenhaller Bummler wir sind da....."
Ich war dort wegen Asthma und Neurodermitis, meine Eltern haben es gut gemeint und auf Hilfe gehofft. Was ich dort jedoch erlebt habe, war die Hölle. Sechs entsetzliche Wochen lang. Damals dachte ich, meine Eltern holen mich nie mehr heim. Dass mir die Haare ausgerissen wurden, wurde erst später von meinen Eltern entdeckt, da ich ein Käppi aufgesetzt bekam. Ich schämte mich außerdem fürchterlich. Ich habe mich damals nicht getraut, irgendwem zu erzählen, was dort passiert ist. Ich war sehr eingeschüchtert.
Ich hoffe, dass alle Betroffenen den Kontakt hierher finden. Vielen Dank denjenigen, die diese Seite ins Leben gerufen haben und uns damit die Möglichkeit geben, sich mitzuteilen und der Sache nachzugehen. Bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen, dem Internet sei Dank!
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Lutz Kuemmel aus Gross Umstadt schrieb am 19.03.2021
ich wurde mit 10 Jahren zur "Erholung" nach Wyk auf Föhr geschickt weil ich so dünn war und zuhause nicht gut gegessen habe.
Also setzten sie mich in Darmstadt mit anderen Kindern in die DB 2. Klasse einfachster Art und fuhren uns über mehrere Sammelstationen ich erinnere mich noch an Wiesbaden Biebrich Richtung Dagebüll / Wyk auf Föhr .
Die Fahrt war schon schlimm genug, an Schlaf war bei dem Krach und der schreienden Kinder nicht zu denken.
Als ich dann doch etwas schlief und erwachte hatte ich den Fuß der Begleitoma im Gesicht die gegenüber auf der Bank sitzend schlief. Somit begann der ganze Ekel.
Mit der Fähre nach Wyk war für mich damals aber ein Highlight. Die alte Fähre schaukelte bei starker Brise und alle Kinder kotzten, nur mir hat Seefahrt nie etwas ausgemacht, ich glücklich.
Angekommen im Haus Tannenberg dem Erholungsheim der Bundesbahn wurden wir sortiert, kleine Kinder und große Kinder. Ich mit 10 Jahren war großes Kind.
Ein großer Schlafsaal ca. 20 - 25 Betten. Die Betreuerinnen auch Tanten genannt hatten da nicht viel Mitgefühl. Gegessen wurde zum Frühstück 2 Brote fertig belegt Minimum jeder. Ob man das mochte oder nicht egal, wer nicht wollte wurde beschimpft, beleidigt vor den anderen und musste solange sitzen bis gegessen war. Das gleiche Mittags und abends. Eines Tages musste ich mich dann übergeben da nichts mehr rein ging und ich zur Toilette rannte. Kein Mitgefühl nur schimpfen und Anschuldigungen was man doch für ein böser Junge war. Eines Nacht macht ich ins Bett und wurde vor dem gesamten Schlafsaal bloßgestellt.
Morgens duschen, alle Nackt, es waren Jungs mit 14 Jahren dabei und selbst bei mir regte sich schon das Schamgefühl. Eine Junge "Tante" überwachte uns ob wir uns auch richtig wuschen, anschließend wurden wir von ihr mit einem Schlauch kaltem Wasser abgespritzt.
Das alles hat sich bei mir festgesetzt und ich könnte hier noch einiges mehr schreiben, aber es soll ja kein Buch werden. Jedenfalls habe ich den Tag der Abreise herbei gesehnt und das alles wegen 2 Kilo die ich zugenommen hatte und 6 Wochen Schule verloren dazu.

gez. Lutz Kuemmel 19.3.2021
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Katja E. aus Glossen schrieb am 19.03.2021
bevor ich 1989 eingeschult wurde, bin ich zur Faschingszeit nach Glossen zur Kinderkur gekommen.
Kann mich daran noch erinnern, da wir dort Fasching gefeiert hatten, ich war ein kleines Teufelchen.
Wir hatten Sport im Trainingsanzug.
Im Nachhinein denke ich, ich war dort um zuzunehmen, da mir Nusstorte vorgesetzt wurde, die ich auch aufessen musste, wobei ich überhaupt keine Nüsse möchte. Die Nuss-Sahne Torte bekam mir auch nicht. Abendprogramm: Sandmännchen, alle Kinder auf dem Boden in einem großen Raum. Als wir nach dem Sandmännchen ins Bett mussten (alle hatten ein Gitterbett in dem Alter) versuchte ich mich raus auf die Toilette zu schleichen, um dann die Torte wieder auszubrechen. Ein anderes Kind übergab sich einmal im Bett, kein Erzieher mit Mitleid, das Kind bekam Ärger. Ich habe mich, soweit ich weiß 2x übergeben müssen...
Ich habe in meinem Elternhaus glaube auch noch ein paar Briefe bzw. Bilder o.ä. aus der Kur.
Draußen bauten wir ein Tippi aus Ästen, daran kann ich mich auch noch wohl erinnern. Die Decken der Räume waren hoch. Beim abendlichen duschen, gingen wir Kinder im Kreis unter den Duschen, damit alle Wasser abbekamen und keiner warten musste. Wir hatten Spaß, und die Erzieher waren meist streng und korrekt.
An mehr habe ich leider keine Erinnerungen.
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Frank Fitt aus Wesseling schrieb am 18.03.2021
Als 5 jähriges Kind war ich eher dünn und habe oft unter Erkältungen gelitten. Mein Kinderarzt riet meinen Eltern zu einer Kur. Somit wurde ich von meiner Mutter am Kölner HBF in den Zug gesetzt. Im Eifelort Nettersheim fanden sich dann ca 10 - 12 Jungen zusammen und wir wurden zu einem, von Nonnen geführten, Haus geführt. Es war November und sehr kalt. Unsere Kleidung fanden wir dann in einem grossen Schlafsaal. Dieser lag am Kopfende eines langen dunklen Flur. Von diesem Flur ging dann auch der Speisesaal ab.
Bereits am ersten Tag erklärte ich, dass ich Heimweh habe und wieder nach Hause will. Dafür gab es dann am Abend Milchsuppe. Diese mochte ich nicht, wurde jedoch gezwungen den Teller zu leeren. Zur Strafe bekam ich aus dem grossen Kessel eine Kelle extra. In der Folgezeit erbrach ich diese Suppe, welche es jeden Abend gab. Mal erbach ich meine Suppe bereits im Speisesaal, worauf ich einen neuen Teller vorgesetzt bekam.
Oft erbrach ich mich Nachts. Nachdem ich dann gewaschen und umgezogen war, musste ich mich barfuß im dunklen Flur auf eine Fußmatte vor der Küche stellen. Mir war kalt und ich hatte Angst.....nach der Küche folgte am anderen Flurende eine grosse Tür zur Kapelle. Hier sangen die Nonnen.....
Wenn ich Glück hatte, bekam ich von Küchenpersonal ein Stück Schokolade.
Wach wurde ich immer in meinem Bett.
Obwohl es zwischenzeitlich geschneit hatte, gingen wir nie nach draussen.
Nach 6 langen Wochen hieß es plötzlich, dass wir zum Bahnhof gehen. Als wir in Köln aus dem Zug stiegen mussten wir in 2er Reihe die Treppe zur Halle gehen. Erst nach Erlaubnis durften wir zu unseren Eltern. Meine Mutter war alleine gekommen, da mein Vater gearbeitet hat. Ich muss wohl meine Mutter festgehalten haben als sie meinen Koffer gesucht hat und später in der Straßenbahn.
Wenn ich vorher unter Heimweh litt, wurde dieses auf Jahre verstärkt.
Und warme Milch trinke ich bis heute nicht.
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Josie aus Hamburg schrieb am 18.03.2021
ich war im Januar/ Februar 1979 im Verschickungsheim der LVA auf Sylt. Ich war 4 Jahre alt und zusammen mit meinem drei Jahre älteren Bruder dort. Wir wurden dort getrennt und durften uns die gesamten 6 Wochen nicht sehen. Ich habe leider kaum Erinnerungen mehr an diese Zeit nur an eine Situation in der ich meine Gruppe verlassen habe um zu meinem Bruder zu gehen, dies wurde dann unterbunden. Allgemein habe ich ein diffuses Gefühl von Unbehagen, Angst und Einsamkeit wenn ich an diese Zeit zurück denke.
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Dagmar aus Berlin schrieb am 17.03.2021
Auch ich bin über den Film auf diese Seite gekommen. Vielen Dank für diesen Bericht, bis jetzt habe ich nie über diese Kinderheime gehört, mit meinen traumatischen Erlebnissen habe ich mich sehr allein gefühlt.
Kurz nach der Geburt unseres kleinen Bruders wurden meine Schwester, 4, und ich, 2 1/2 Jahre alt, nach Lenggries verschickt, damit meine Mutter Zeit für das Baby hatte. An dieses Heim und die Zeit dort habe ich keine Erinnerung. Aus den Erzählungen meiner Eltern und Verwandten weiß ich nur, daß ich vorher Schnee sehr gerne mochte, seitdem gehe ich bei Schnee ungern aus dem Haus.
Die 2. Verschickung nach St.Peter Ording war schon mit unserem kleinen Bruder zusammen, da unsere Mutter völlig überfordert war. Da ich zu der Zeit erst 5 Jahre alt war, habe ich auch daran wenig Erinnerungen. Mädchen und Jungen wurden streng getrennt. Auf einem Spaziergang bin ich aus der Reihe gelaufen, da ich auf dem Nebenweg meinen kleinen Bruder gesehen habe, der mir auch gleich entgegen rannte. Dafür wurden wir beide beschimpft und geschlagen. Schwierigkeiten gab es auch beim Essen, da wir nicht immer die Teller leer essen konnten. Und irgendwann hat eine der Tanten entdeckt, daß ich die Vitaminpillen einer Zimmerpflanze in die Erde gesteckt habe. Daraufhin mußte ich so lange am Tisch unter Aufsicht sitzen bleiben, bis ich die Pillen geschluckt hatte. Da ich sie während des Schluckens immer wieder erbrochen hatte, dauerte dies natürlich sehr lange. Die von den Eltern vorfrankierten Karten wurden mit an der Tafel geschriebenen Texten versehen (entweder von den Kindern selbst oder von den "Tanten") und abgeschickt. Also hatten unsere Eltern ständig 3 Karten gleichen Inhalts in der Post.
Schlimm waren die Nächte in den Schlafräumen. Mehrmals wurde ich von den größeren Mädchen angegriffen, bis ich heulend im Bett lag - inklusive mindestens einer rektalen "Vergewaltigung" mittels eines Bürstenstiels - danach wurde ich als Störenfried aus dem Zimmer geholt und mußte den Rest der Nacht auf einer Truhe im Flur verbringen, nur im Nachthemd, ohne Decke. Besonders schlimm war, das meine Eltern der Meinung waren, eine Strafe hätten wir uns immer selbst verdient. Zu Hause wurde über die Zeit im Kinderheim nicht gesprochen.
Wie ich aus den anderen Berichten gesehen habe, bin ich nicht die Einzige, die bis heute unter den Folgen der Verschickung leidet. Allerdings haben natürlich auch andere traumatische Kindheitserlebnisse (Eltern, Krankenhausaufenthalte, ...) Spuren hinterlassen, die ich nicht alle trennen kann.
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Birgit Weiler aus Remscheid schrieb am 17.03.2021
Ich bin Jahrgang 1959 und wurde wegen Bettnässen verschickt.Wir wurden Nachts geweckt und wer ins Bett gemacht hatte wurde morgens aufgerufen und bekam eine Spritze.Wir mussten Stundenlang vor dem Essen sitzen bis es gegessen wurde.Mein Essverhalten ist bis heute nicht einfach.Ich esse nix was komisch aussieht, wenn ich einen Geruch in der Nase habe kriege ich es auch nicht runter.Wir mussten Hering mit warmer Tomatensauce Essen.Warme Tomatensauce kann ich gar nicht riechen.Irgendwas muss auch mit Senf gewesen sein,es darf kein offener Senf bei mir auf dem Tisch stehen.Wenn mir nach dem essen einer sagt da war Senf drin könnte ich heulen.Kurz vor der Heimreise hatte das Heim Läuse.Wir bekamen eine Flüssigkeit auf den Kopf die ganz schlimm gebrannt hat.Darüber eine strammen Badekappe die 2 Tage getragen wurde.Wir dachten wenn die runter kommt sind alle Haare weg.Die Läuse wurden danach rausgekämmt. Ich habe keine einzige schöne Erinnerung wenn ich daran denke,nicht von einem Tag.Ich bin wegen Frau TV aufmerksam geworden.Ich habe dort nicht einmal ins Bett gemacht und danach auch nie wieder.Mein essverhalten wurde zu der Zeit geprägt das weiß ich heute.Es tut mir sehr leid dass andere viel schlimmeres erleben mussten und ganz andere Trauma haben als ich.Birgit Weiler
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Birgitta aus Dortmund schrieb am 17.03.2021
Da ich klein und dünn war wurde ich über die Barmer zur Kur geschickt.Ich habe von dieser Zeit nur wenig Erinnerungen, ich habe alles verdrängt. Der Druck der auf uns Kinder Tag täglich ausgeübt wurde ist mir jedoch in Erinnerung. Da ich schon 10 Jahre war nahm ich mir vor auf keinen Fall aufzufallen, ich wurde unsichtbar! Und fragte mich doch jeden Tag "was hast du verbrochen das du hier sein musst. Obwohl ich so ziemlich "gut" durch diese Zeit kam stellte ich beim lesen ,verschiedener Berichte fest, wie diese Zeit mich für mein Leben geprägt hat. Und ich weine um das was ich verloren habe. Noch heute bin ich unsichtbar, habe einen starken Freiheitsdrang und lasse niemanden zu nah an mich heran, das Vertauen an meine Mutter hatte ich danach verloren. Ich lebe ein einsames aber gutes Leben
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Susanne G. schrieb am 17.03.2021
Ich bin kurz vor meiner Einschulung in diese fürchterliche Kinderkur geschickt worden. Warum weiß ich nicht, ich war ein gesundes Kind.
Das Heim ist in meiner Erinnerung von Nonnen geleitet worden. Ich war im tiefsten Winter da und habe ständig gefroren. Die viele Kleidung die ich dabei hatte, wurde weg gesperrt. Bei der Ankunft wurde ich gefragt welche der beiden Winterjacken ich behalten möchte. Als Kind habe ich mich natürlich für die schönere und nicht für die wärmere entschieden. Das hieß 6 Wochen frieren. Ich habe mich damals nicht getraut das zu artikulieren. Ich kann mich an sehr lange Spaziergänge im Schnee erinnern, bei denen ich vor lauter Kälte regelmäßig in die Hose machte. Das interessierte keinen. Frische Wäsche bekam ich nicht. In meiner Erinnerung stand bei den Toilettengängen immer eine Nonne daneben.
Badetag war einmal in den ganzen 6 Wochen.
An das Essen habe ich nicht viel Erinnerung, ich glaube man musste immer aufessen. Tat man das nicht, musste man sofort ins Bett. Die Nächte waren fürchterlich, ich hatte immer Angst.
Meine Mutter war schockiert als ich nach Hause kam, weil ich so dreckig war.
Diese Kinderkur hat mich mein ganzes Leben verfolgt. Ich war sehr introvertiert als Kind und Jugendliche. Alles in allem war es die schrecklichste Erfahrung die ich in meinem Leben hatte und das als Kind.
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Marina Proske aus Leverkusen schrieb am 17.03.2021
Unsere Tochter, war mit 10 oder 11 Jahren, 1992 oder 1993 in Tambach Dietharz zur Kur. Dies geschah aus anraten der Kinderärztin, unsere Tochter war ein schlechter "Esser".
Da sie jetzt gerade ihr Trauma aufarbeitet und sich überhaupt nicht mehr an diese Kur erinnern kann. Wer hat Erinnerungen und kann zu dieser Einrichtung etwas sagen? Uns wäre damit sehr geholfen. Marina Proske
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Katrin aus Hameln schrieb am 17.03.2021
Ich bin durch den Bericht im SWR auf diese Internetseite aufmerksam geworden.
1972 war ich im Alter von 9 Jahren in den Sommerferien 6 Wochen zur Kinderkur in Bad Sooden Allendorf. Ich war nicht kränklich, aber meine Eltern hatten wenig Geld und wollten mir "etwas Gutes tun". Durch die Sendung im SWR habe ich (mal wieder) über diesen Aufenthalt nachgedacht.

Es gab in dem Kurheim mehrere Gruppen, nach Geschlecht und Alter getrennt. Ich war trotz meiner 9 Jahr in der älteren Gruppe, 10-17 Jahre untergebracht (vielleicht war die jüngere Gruppe schon voll...).
An schlimme Dinge oder Übergriffe durch die Betreuer kann ich mich nicht erinnern, oder ich habe davon nichts mitbekommen - ich möchte behaupten, so etwas gab es dort nicht.

Auf jeden Fall empfand ich es alles sehr streng und fühlte mich eingesperrt. Briefe, die ich schrieb und bekam wurden geöffnet und daher vermutlich auch gelesen. Wenn man bedenkt, dass dies damals der einzige Kontakt zu meiner Familien war.... eine sehr lange Zeit, mit viel Heimweh - heutzutage fast undenkbar. Pakete von zu Hause wurden geöffnet, die Süßigkeiten einbehalten (und an alle verteilt??).
Seltsamerweise kann ich mich kein bisschen mehr daran erinnern, wie wir Kinder den Tag verbracht haben. Ob gespielt oder gebastelt wurde o.ä. - dazu fällt mir gar nichts mehr ein, auch keinerlei Namen der Betreuer oder anderer Kinder.
Wenige Dinge sind mir in Erinnerung geblieben:
- morgens gab es immer einen Haferbrei
- ich hatte einige Anwendungen in Form von Solebädern, Inhalationen und Gruppengymnastik
- im Ort gab/gibt es ein Gradierwerk mit salziger Luft, das müssen wir wohl besucht haben
- eine von den anderen Mädchen hat mir ständig erzählt, dass sie nach dem Trinken von kalter Milch einen Herzinfarkt erlitten hatte
- alle Kinder, auch die Ältesten mussten Mittagsschlaf halten, was ich damals blöd fand.
- und ich weiß noch, dass ich froh war, trotz meiner erst 9 Jahre in der älteren Gruppe untergebracht war, denn die jüngere Gruppe hat noch weniger Freiheiten und ich habe die Kleineren bedauert. Ich weiß nicht mehr, warum ich das so empfand. Aber es muss ja einen Grund für meine Gedanken gegeben haben.....
Mehr fällt mir zu dieser Kur nicht ein, wie eine Gedächtnislücke. Zum Glück sind meine Erinnerungen, im Vergleich zum Bericht im SWR relativ undramatisch.

Da ich erst nicht mehr wusste, wie das Kurheim hieß, habe ich die Begriffe "Bad Sooden-Allendorf und Kinderkurheim" im Internet eingegeben. Bei den dabei angezeigten Bildern sieht man alte Postkarten und ich habe die Klinik sofort wiedererkannt. Auf der einen Postkarte ist ein Aufenthaltsraum mit einer Kommode, bei dem Foto bin ich ein wenig zusammengezuckt - warum auch immer.

Schon damals habe ich gespürt, dass mir das Ganze nicht gut tut, weil ich mich dort überhaupt nicht wohl - sondern eher inhaftiert gefühlt habe. Konkrete Gründe kann ich nach 50 Jahren nicht mehr nennen. Selbst wenn die Erinnerungen verblasst sind, weiß ich folgendes ganz genau:
Meine Persönlichkeit hat sich nach diesem Kuraufenthalt dauerhaft verändert. Unmittelbar danach haben sich meine durchschnittlichen Zensuren in der Schule von einer 2 auf eine 4 verschlechtert, was sich bis zum Ende meiner Schulzeit nicht mehr gebessert hat. Ich bin von einer aufgeweckten Schülerin, zu einer introvertierten Schülerin geworden, die zu einer mündliche Beteiligung am Unterricht nicht mehr in der Lage war. Entsprechende Hinweise sind in jedem meiner Schulzeugnisse dokumentiert.

Auch konnte ich aus Angstgründen an keiner Klassenfahrt, Konfirmandenfreizeit usw. mehr teilnehmen. Selbst eine Gruppenreise während meiner Berufsausbildung sagte ich ab. Bis heute fühle ich mich auf Gruppenreisen auch mit Arbeitskollegen, sei es zu Seminaren oder Betriebsausflügen unwohl bzw. ich fahre unter einem Vorwand gar nicht mit. Eigenartigerweise ist das bei Privatreisen nicht so, auch reise ich problemlos alleine.

Im Dezember 2019 habe ich wegen starker Erschöpfungssymptome eine Reha beantragt, die auch genehmigt wurde. Als der Termin feststand und näher rückte, wurde mir immer unwohler und ich empfand regelrechte Ängste, so dass ich unter einem Vorwand eine Verschiebung beantragt habe. Ich habe mich erst so auf die Reha gefreut, aber irgendwie mag ich nicht fahren.

Es erschreckt mich fast, dass ich so empfinde. Ich habe Angst, fremdbestimmt und eingesperrt zu sein.
Was mir auch noch gerade einfällt, aber irgendwie in den Zusammenhang passt: ich hasse und vermeide Arztbesuche, weil ich das Gefühl habe, dem Arzt "ausgeliefert" zu sein.
Ich kann nicht sagen, ob während dieser Kinderkur 1972 etwas vorgefallen ist oder ob mich die Trennung und das Heimweh so nachhaltig beeinflusst haben.

Ich finde es sehr wichtig, dass mit dieser Initiative und den vielen Erlebnisberichten auf der unglaubliche Schicksal der Verschickungskinder hingewiesen wird.
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Rosa vera Lesnioski aus Kollweiler schrieb am 16.03.2021
Ich war 1967 für 6 schreckliche Wochen in muggendorf.
Am Bahnhof in kaiserslautern haben mich meine Eltern einer Tante übergeben,die dann mit mir zusammen mit dem Zug nach muggendorf fuhr...kann sein dass noch andere kinder zustimmen aber das weiss ich nicht mehr.
Am Bahnhof muggendorf stiegen wir aus und liefen zum heim. Eine Tante zeigte mir von weitem das Haus...und ich fragte wo das Schwimmbad ist,welches sich auf dem Dach des Hauses befinden sollte...... Ich war schon mit 5 Jahren eine gute schwimmerin und meine Mutter hat mir den Aufenthalt dort wohl so schmackhaft machen wollen d mir sogar einen neuen Badeanzug gekauft.
Die Tante sagte mir dass sie kein Schwimmbad haben und ganz und gar ich eins auf dem dach!
ICH HABE MICH SO BELOGEN UND BETROGEN GEFÜHLT!
MEINE MUTTER HAT MICH BELOGEN
Ich habe dieses Gefühl nie vergessen und weiss dass 5 jährige Kinder schon genau wissen,was recht und Unrecht ist!
Es waren schlimme Wochen und ich habe mich verstoßen gefühlt von meinen eltern! Das Gefühl ist auch nie wieder weggegangen,bis heute.
Mittagsschlaf,ohne sich rühren zu dürfen!, kann mich erinnern wie ich mal in meiner Qual mit voller blase unter der liege durchgekommen bin,auf der eine Tante lag und schlief. Sie blockierte die Tür zum Schlafraum damit keiner rauskam. Wie in Zeitlupe bin ich unter ihr durchgekommen und mein Herz hat so laut geklopft....aber ich habe es bis zum Klo geschafft und wieder zurück in mein Bett ohne dass sie was gemerkt hat!
Vor dem Essen mussten wir einen Teelöffel puren Meerrettich essen....das sei appetitsteigerung.
Mir wird heute noch von dem Geruch schlecht!
Und die lügen,die per Postkarte zuhause ankamen!
DINGE,DIE ICH NIE DIKTIERT HABE. Ich konnte ja noch nicht schreiben.
Muggendorf ist jetzt ein Altersheim
An meinem 55 steh Geburtstag wollte ich da nochmal hin,irgendwie abschließen. 50 Jahre später
Im eingangsbereich des altersheimes haben Sie Bilder aufgehängt aus der Zeit als Kinderheim.
Eine altenpflegerin wollte mich durchs Haus führen,aber ich habe das nicht geschafft,habe überall angefangen zu zittern und Tränen sind geflossen.

Es war dann doch noch ein sehr schöner Urlaub in muggendorf....es liegt so schön im Tal an der wiesent.
Als Kind hatte ich da keine Augen für.
Meinen teddy und meinen affi wollten sie mir wegnehmen,wenn ich nicht aufhöre zu ? weinen.
Lauter solche Methoden....wie bei den nazis
Vieles,was mir im Leben passiert ist,geht irgendwie auf diese Zeit zurück! Die haben viel kaputt gemacht!
Und das schlimmste ist,
Keiner hat mir geglaubt!
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Willi Fergen schrieb am 16.03.2021
Lange habe ich gezögert und mir die Frage gestellt, ob ich in diesem Forum etwas veröffentlichen soll. Dennoch habe ich mich entschlossen, hier meine Geschichte und meine Einschätzung zu den veröffentlichen Beiträgen zu posten. Mein Erleben ist so ganz anders als das der meisten, die auf diesen Seiten ihre Eindrücke preisgegeben haben.
Drei Mal war ich zu unterschiedlichen Zeiten (Sommer, Herbst, Ostern) in verschiedenen Heimen an jeweils anderen Orten. Liest man die Berichte in diesem Forum, so scheint klar, Freude, Kindsein, Ungezwungenheit, ja vielleicht sogar Freiheit konnte es in den Kurheimen nicht geben. Alle Heime waren grau, hatten keine Farben, dort herrschte nur Zwang, nur Strenge, nur Gehorsam, nur Qual, nur Tyrannei … Schon diese Aufzählung zeigt, dass den meisten Einträgen eine Schwarz-Weiß-Malerei zugrunde liegt. Auf der einen Seite die Kinder und deren Eltern, die alle nur gut waren und nur das Beste wollten, zwischen denen keine Konflikte bestanden und auf der anderen Seite die grausamen Heime mit ihren repressiven Methoden und sadistischen Menschen. So einfach ist und war es aber nicht!
Während meiner Aufenthalte – 1955 war ich 5 Jahre, 1961 11 Jahre und 1964 14 Jahre alt – habe ich nicht ein einziges Mal das erfahren, wovon die meisten hier berichten. Mir ist auch nicht aufgefallen, dass anderen Kindern, die mit mir untergebracht waren, Leid zugefügt wurde. Weder musste jemand sein Erbrochenes aufessen, noch wurde jemand angeschrien oder geschlagen. Im Gegenteil – ich habe während der Aufenthalte sehr viel gelernt, viele Anregungen erhalten, Neues entdeckt, mich oft sportlich betätigt, sehr viel gespielt, viele neue, unbekannte Brett- und Kartenspiele erlernt, viele Lieder gesungen, deren Texte ich noch heute wiedergeben kann. Ich erinnere mich an meine erste Seilbahnfahrt zum Nebelhorn, an den Bau von kleinen aus Ästen zusammengebauten Häuschen mit Moosdächern, an ausgedehnte Spaziergänge auf sonnigen Wiesen, an die „grüne Spinne“ in ihrem grünen Trainingsanzug, eine Gymnastiklehrerin in die wir Jungs „alle“ verliebt waren, an Schlittenfahrten, an erste Liebschaften, …
Das, was ich erlebt habe, kann aber, wenn ich die Einträge auf diesen Seiten lese, eigentlich gar nicht passiert sein. Das System war doch so sehr auf das Quälen von Kindern ausgelegt. Ich muss mich also irren oder habe ich alles nur besser verdrängt als andere? Was mich wundert, ist, dass meine verstorbene Frau, die zu starken Depressionen neigte, ihren Kinderkurheim-Aufenthalt an der See ebenfalls immer in den buntesten Farben in Erinnerung hatte und oft und gerne mit mir darüber sprach. Ganz so eindimensional, wie sich die Kurheimverschickung auf diesen Seiten darstellt, scheint sie in der Realität also doch nicht gewesen zu sein. Ich möchte allen folgendes zu denken geben:

1. Das Leben ist nicht nur Schwarz oder Weiß, nicht nur Gut oder Böse. Das hätten zwar viele gerne, weil dann manches leichter einzuordnen wäre. Aber so ist es nicht! Deshalb gibt es auch nicht nur den einen Grund, der uns zeigt, warum das Leben nicht so verläuft, wie wir es uns ausmalen.
In vielen Berichten erkennt man eine verengende Perspektive, eine monokausale Sichtweise. Es gibt aber nicht DIE URSACHE, nicht DAS TRAUMA, auf das sich alles reduzieren lässt, welches alleine für das Misslingen eines Lebensentwurfs verantwortlich zu machen ist, das als Erklärung für alle psychischen Schmerzen herangezogen werden kann. Es gibt viele Dinge, viele Gründe, viele Stränge, die ineinander verwoben sind, die miteinander in Beziehung stehen und die unsere Psyche beeinflussen. Ich behaupte, dass der, der glaubt, DIE URSACHE seiner Leiden gefunden zu haben, auf dem falschen Weg ist. So einfach ist das Leben nicht zu erklären, denn das ist – um es mit Fontane zu sagen – ein „zu weites Feld“.

2. Die Kinderverschickungen fanden nicht im luftleeren Raum statt, sie waren an gesellschaftliche Realitäten gebunden. In den 1950er bis 1970er Jahren befanden sich noch auf allen Ebenen des Staates Personen, die auch im Dritten Reich gewichtige Posten innehatten, nicht nur in den Kinderheimen und den Krankenhäusern, man fand sie auch in der Verwaltung, den Gerichten, bei der Polizei, im Justizvollzug, in den Kanzleien, den Ministerien, ja sogar an der Spitze des Staates und der Länder (Bundespräsident Heinrich Lübke, Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger, Ministerpräsident Hans Filbinger, …). Der Bezug zum untergegangenen Macht- und Organisationsgefüge war allgegenwärtig, nicht nur in den Kinderheimen. Ebenso verhält es sich mit den Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen: Wenn Daheim gegessen wurde, durfte man nicht reden, man musste seinen Teller leer essen, man durfte mit Erwachsenen nur reden, wenn man gefragt wurde. Für „Vergehen“ wurde man bestraft, man wurde beschimpft, man wurde geschlagen, man hatte Hausarrest. In den Schulen gab es bis 1973 (BRD) die Prügelstrafe, Erst 1998 wurde das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung im Gesetz verankert.
Vieles, was über die Kinderheime berichtet wird, gab es also auch auf anderen gesellschaftlichen Ebenen. Ich selbst wurde kurz nach meinem ersten Kuraufenthalt, also mit 5 Jahren, während eines längeren Krankenhausaufenthaltes öfter allein in eine dunkle Kammer gesperrt. Im Krankenhaus war ich nicht in einem Zwei- oder Dreibettzimmer, sondern mit sieben weiteren Kindern in einem größeren Saal in Metallbetten untergebracht. Auch war ich nicht ganz unschuldig an der Strafe, die ich erhielt. Selbstverständlich würde man das heute anders regeln, die gesellschaftliche Wirklichkeit 1955 war aber eine andere! Um mein rechtes Auge zu retten, das durch einen heftigen Schlag mit einem Stock fast zerstört war, wurde ich täglich für ca. eine Stunde in Quecksilberwickel eingepackt. Zu welchem Zweck dies geschah, wusste ich nicht. Da Quecksilber hoch giftig ist, musste ich also eine geschlagene Stunde regungslos im Bett liegen. Daran habe ich mich selbstredend nicht gehalten, sondern bin mit den anderen durchs Zimmer getobt. Die Strafe war jedes Mal ein längerer Aufenthalt in der Dunkelkammer, selbstverständlich ohne die Wickel. Ich erzähle das alles nur, um deutlich zu machen, dass Vieles, was in den Kinderkurheimen geschah, auch in anderen Zusammenhängen vorkam, in den Krankenhäusern, in den Familien, in der Schule, in den kirchlichen Institutionen, in den Lehrwerkstätten (Ohrfeigen, Genickschläge mit der Handkante, bewusst verursachte blutige Verletzungen und psychische Erniedrigungen aller Art durch Vorgesetzte gehörten bei Siemens bis in die 1970er Jahre hinein zum Ausbildungsalltag.), … Selbstverständlich sollen die schlimmen Ereignisse in bestimmten Heimen dadurch nicht verharmlost oder gar gerechtfertigt werden. Ich möchte nur der Tatsache Geltung verschaffen, dass diese unentschuldbaren Praktiken auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen Realität waren. Viele Methoden, die in den Heimen angewandt wurden, waren keine Besonderheiten, die nur und ausschließlich in den Heimen Anwendung fanden, sie waren gängige Praxis.

3. Ein letzter Punkt, der in Vielem, was ich bisher über die Verschickungsheime gelesen, gehört und gesehen habe, nur unterschwellig, oft in vagen Formulierungen auftaucht, betrifft die Anzahl der Betroffenen. Wenn man annimmt, dass 8 Millionen Kinder verschickt wurden und wenn man weiter annimmt, dass nicht 1.000, nicht 10.000, nicht 100.000, sondern 1.000.000 der verschickten Kinder traumatisierende Erlebnisse hatten, dann sind das ca. 13% aller Verschickungskinder! Wie gesagt, jedes Kind, das verletzt, beleidigt, gequält oder missbraucht wurde, ist ein Kind zu viel. Aber dass es 1 Million sein sollen, das glaube ich nicht. Selbst wenn – es wären „erst“ 13 %. Man sollte sich also hüten, zu schnell, zu leichtfertig, ohne Belege und Beweise vorzubringen, davon zu sprechen, dass es alle, die meisten oder viele Kinder waren, die in den Heimen gequält wurden. Außerdem sollte man Bedenken, was man denen antut, die in den Heimen ihren Dienst taten und die nicht an der Disziplinierung der Kinder beteiligt waren. Aber das scheint ja egal zu sein, diese Personen können sich nicht mehr wehren. Sie scheinen – so kommt es mir manchmal vor – kein Recht auf eine faire Behandlung zu haben.

Vielleicht hat die Redaktion ja den Mut, diese vom Mainstream abweichende Stellungnahme zu veröffentlichen.
Willi Fergen
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Susanne aus Regensburg, Stadt schrieb am 16.03.2021
Da ich mit 7 Jahren zu klein und zu dünn war und zudem Neurodermitis und Asthma hatte, wurde ich im November/Dezember 1969 für sechs Wochen nach Amrum ins Kindererholungsheim in Nebel verschickt.
Empfohlen hatte meiner Mutter dies offenbar ein Schularzt.
Da das große Heim renoviert wurde, wurden wir in den ersten Wochen in der "Liegehalle" in Satteldüne untergebracht. Das war ein einstöckiger, flacher Bau, der zum Meer hin über seine ganze Länge aus Fenstern bestand. Angrenzend an unseren Schlafsaal gab es noch einen kleinen Nebenraum, der als Garderobe genutzt wurde.
Nachts habe ich mir oft erträumt, meine Eltern warten in diesem Raum auf mich, um mich abzuholen...
Ich erinnere mich an einen schweren Asthmaanfall, wegen dem ich auch tagsüber im Bett war, als einziges Kind im Schlafsaal.

Ein Mädchen aus unserer Gruppe hat regelmäßig ins Bett gepieselt und wurde dann am Morgen von den Tanten in ihrem nassen Nachthemd in den Schnee nach draußen geschubst. Nach einer Weile durfte sie wieder rein und wurde dann unter die kalte Dusche gestellt. Alle Kinder sollten zuschauen, zur Abschreckung.

Als ich beim Essen vor lauter Heimweh weinend mein Essen nicht essen konnte, musste ich so lange allein am Tisch sitzen bleiben, bis ich mein kaltes, mit Rotz und Tränen vermengtes Essen nach Ewigkeiten endlich würgend hinuntergebracht habe.

Als die Tanten meinten, ich hätte bei einer Kindertheater Vorführung zu viel geschwatzt, wurde ich nach Ende der Vorführung an meinen langen Haaren die Treppe runtergezogen und zusammengeschrien.

Es gab regelmäßige Gruppenuntersuchungen, bei denen der Arzt zum Abschluss unsere Unterhosen am Rand nach vorne zog und hineinsah. Wir wurden "entlaust", mussten unsere Köpfe über ein weißes Blatt Papier beugen und wurden dann mit einem Nissenkamm drangsaliert.
Ich habe mich während dieser Untersuchungen sehr geschämt.

Als ich nach 6 Wochen endlich wieder im Lübecker Hauptbahnhof ankam, waren meine Eltern über den Zustand meiner Haut entsetzt. So schlimm war meine Neurodermitis vorher noch nie gewesen.

Im selben Jahr, allerdings schon im Sommer, war mein Bruder, 6 Jahre alt, in Bad Sachsa zur Verschickung. Es war traumatische für ihn. Unter anderem musste er sein erbrochenes Essen aufessen.
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Andreas D.61 aus Hameln/Weser schrieb am 16.03.2021


Essen "Oliver Twist":
" Stil in Charles Dickens " , unter dem Saal war eine Töpferei
und ein Brandofen mein zimmer war glaube ich Unter dem Dach habe zur Nittagspause aus dem Fenster runter nach unten zum Tor geschaut und wurde erwischt von den sndern gehänselt dann kamm eine Frau (Erzieherin) dazu und mit Hand und Gürtel geschagen hat sogar Gelacht-
Zur Töpferei .... Da Musten wir Wasen
und anderes klein kram herstellen
das wurde warscheinlig verkauft
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Meike aus Düsseldorf schrieb am 15.03.2021
Wir (5 Geschwister) waren im Kurheim Sonnhalde, wir sind nach ca einer Woche aus dem heim abgehaun nd durch den Wald gelaufen , in der Morgenddämmerung von Waldarbeitern aufgegriffen und zur nächsten ortspolizei gebracht, meine Eltern haben uns dann abgeholt und es wurde ein Heiminterner Prozess angestrebt, die Täterinnen haben sich geweigert zuzugeben das wir die Wahrheit sagten, meine Eltern haben uns nach Hause geholt es war ein langer harter Prozess, wir wurden in Flurschränke gesperrt mt Eikaltem Wasser abgespritzt via Schlauch des Nachts und mussten in den Duschen (im Keller) aus eikaltem Betnboden Barfuss stehen. Die Post wurde abgefangen und vor allen ohren vorgetragen, die Kritik die wir an unsere Eltern über diese Heim"Pädagogen" senden wollten wurden in den Müll geworfen, wir sahen wie die Kleinsten an ihren Bettchen gefesselt wurden und ins Bett machten, auch sie wurden in die kalten Flurschränke gesperrt, die Schlösser haben wir dann aufgebrochen , weil man das jewimmer nicht mehr ertragen konnte . Meine ältere Schwester war schon 12 , ich war 8 meine Brüder 7 u. 11 und meine ander Schwester war 9.
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Christoph schrieb am 15.03.2021
Wessobrunn Sommer 1973

Ich bin Christoph, Jahrgang 1965

Im Sommer 1973, es muss Ende Juli, in den August /September hinein gewesen sein, wurde auch ich im Alter von 8 Jahren von NRW aus in die „Kur“ nach Wessobrunn geschickt. Es war entweder gegen Ende oder kurz nach den Sommerferien.
Am Abfahrtstag kann ich mich nur erinnern, dass meine Eltern mich zum Bahnhof gebracht haben. Das Besondere war, dass mein Vater, der zu diesem Zeitpunkt berufsbedingt unter der Woche nicht zu Hause sein konnte, extra über Nacht gekommen war um mich am Bahnhof mit zu verabschieden. Der Abschied von meiner Schwester war wohl zu Hause, da sie in die Schule musste.
An die Fahrt und die Ankunft im Kloster habe ich keine Erinnerung, nur an die große Halle in der wir unseren Koffer abgestellt haben. Dort haben wir alles abgeben müssen, den Koffer, den Umschlag mit den Papieren und auch das Taschengeld. „damit nichts wegkommt“.
An den Schlafssal erinnere ich mich nur ungenau. Leider weiß ich nicht mehr, wieviele Jungs wir waren. Doch die Demütigungen der Jungs, die Nachts in Bett gemacht hatten, die sind mir nebulös in Erinnerung. Insbesondere dass zumimdest in einem Fall die Bettwäsche einfach nur am offenen Fenster getrocknet wurde.
Was wir tagsüber gemacht haben, keine Ahnung. Außer diesem Bettzwang für den Mittagsschlaf. Das waren wohl zwei Stunden still im Bett liegen, die Augen geschlossen halten, sonst gab es zumindest verbalen Ärger. Erinnerungen an Strafen dafür, Fehlanzeige. Doch es muss etwas gegeben haben. Sonst wäre mir nicht die Ausnahme im Gedächtnis. Einmal die Woche hat eine Ordensschwester die Sitzwache im Raum übernommen. Ansonsten war es wohl die für die Gruppe verantwortliche „Tante“, meines Erachtens keine Ordensfrau. Diese eine Ordensschwester war sehr gütig und hat uns erlaubt, dass wir uns leise von Bett zu Bett unterhalten konnten. Eben mit dem Hinweis, dass wir leise sein sollten, damit auf dem Flur niemand etwas bemerkt. Was war das jeden Tag für eine Qual für mich als achtjährigen, der sich bei strahlendem Sonnschein bewegen, toben, die Gegend erkunden wollte.
Der Hinweis der mir in Erinnerung zu dem Zwangsmittagsschlaf geblieben ist, wer dreimal beim Stören erwischt wird, wird nach Hause geschickt und die Eltern müssen die Fahrt für einen selbst und für die Begleittante bezahlen. Das reichte für mich als Einschüchterung.
Von den Mahlzeiten ist mir bewusst nur ein Teil der Mittagessen im Gedächtnis. Ich wurde neben einen Jungen gesetzt, der abnehmen sollte. Ich war wegen meiner sehr schmächtigen Statur verschickt worden, sollte im Gegensatz zu ihm zunehmen. Er bekam eine Traube Weintrauben und ich einen Teller voll mit ?, den ich nie hätte leer essen können. Er musste mir beim Essen zusehen und ich bekam das Essen nicht runter. Als ich ihm etwas abgeben wollte wurden wir sofort zurechtgewiesen. „Noch einmal…“
Manchmal ist es uns im Laufe der 6 Wochen gelungen, dass er heimlich etwas mitessen konnte. Seit damals kann ich keinen Milchreis sehen oder riechen. Ebensowenig diesen fürchterlichen roten Tee. An die vielberichteten Essenszwänge anderer kann ich mich nicht erinnern.
Ich war körperlich sehr klein für mein Alter und wie gesagt sehr schmächtig. Das ideale Opfer für die anderen Jungs, wenn es ans auslachen oder an andere Demütigungen ging. Dank meines Tischnachbarn ist, glaube ich, das Schlimmste an mir vorbei gegangen. Er war groß und kräftig. Als Dank fürs Essen teilen, so interpretiere ich es heute, hat er wohl auf mich aufgepasst. Seinen Namen weiß ich leider nicht mehr. Kein Name ist in meiner Erinnerung geblieben. Auch nicht einer von den „Tanten“.
Dafür kann ich mich an das tägliche gewaschen werden erinnern. Mein Widerspruch, dass ich mich zu Hause auch selber wasche wurde im Keim unterdrückt. Ebenso bei der wöchentlichen Badeprozedur. Hier ist es jedesmal zu sexualisierter Gewalt durch eine „Tante“ gekommen, die ich nie vergessen werden, ebensowenig wie ihren Gesichtsausdruck. Mein Schreien vor Schmerz und mein Weinen wurde mit einem „ich gebe dir gleich einen Grund zum Weinen“ niedergeschrien.
An einen einzigen Ausflug habe ich eine Erinnerung. Wir waren wandern und haben Station auf dem elterlichen Hof einer Auszubildenden des Kurheimes gemacht. An dem Tag war alles schön und friedlich. An diesem Tag war die einzige Gelegenheit etwas von meinem Taschengeld auszugeben. Ich habe für meine Eltern ein kleines Schnapsglas mit dem Bild vom Kloster Wessobrunn gekauft. Mehr Geld durfte ich nicht ausgeben.
Eigenartiger Weise war mein Taschengeld am Ende der Kur vollständig aufgebraucht. Damals waren 40 DM, auf die ich lange gespart hatte für einen 8 jährigen Jungen sehr viel Geld. Porto für Postkarten die ich schreiben musste damit die Mama nicht traurig wird, wurde vom Taschengeldkonto abgezogen. Gefühlt habe ich pro Woche zwei Karten geschrieben. Angekommen ist in 6 Wochen zu Hause eine einzige. Wohl die Erste. Die Briefe, die für mich ankamen, wurden vor allen Kindern beim Mittagessen vorgelesen. Mein Widerspruch, dass noch nicht einmal meine Eltern meine Post lesen, dass ich sie ungeöffnet bekomme, hat niemanden interessiert.
Ein paar Mal konnten wir das zum Kurheim gehörende Schwimmbad benutzen. Streng nach Schwimmern und Nichtschwimmern getrennt. Wehe ein Nichtschwimmer trat über die im Beckenboden eingelassene vermutlich geflieste Linie.
Es gab allerdings einen Ort, an dem man mich in Ruhe gelassen hat. Manchmal bin ich entwischt und habe mich in die Klosterkapelle geflüchtet. Dort war ich vor allem sicher. Meist war eine der Ordensschwestern anwesend.
Was mir am meisten auffällt, sind die Erinnerungslücken. Was habe ich wohl alles von diesen 6 Wochen verdrängt, die für mich die schlimmsten sechs Wochen meines Lebens waren. Sie haben mich nachhaltig geprägt, beeinflussen mein Verhalten bis heute.
An Rückfahrt und Ankunft habe ich keine Erinnerung.
Von meinen Eltern habe ich erfahren, dass ich wohl etwas erzählt habe, insbesondere das mit dem Taschengeld. Eine Beschwerde bei der Krankenkasse, auch mit dem Hinweis auf den Nichterfolg des Zieles, Gewichtszunahme, verlief vollständig ins Leere.
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Claudia aus Walheim schrieb am 14.03.2021
Nun möchte ich mich hier mal anschließen mit den wenigen Erinnerungen die ich noch habe...
Denn ich bin schon seit einiger Zeit auf der Suche irgendetwas über diese Zeit am Lago Maggiore in Erfahrung zu bringen.
Ich habe auch schon auf dem Gesundheitsamt LB nachgefragt ob es irgendwelche Informationen noch gibt. Aber da gibt es wohl nichts mehr weil es schon zu lange her ist. Ich konnte auch nichts im Internet finden. Man kann von vielen Orten und Heimen etwas lesen. Aber nicht über Brissago...
Einen Eintrag habe ich hier gefunden!!!
(von Stefan aus Niedersachsen)

Ich bin 1966 Jahrgang und 1972 mit gerade mal 6 Jahren in die Schule gekommen.
Es gab kurz nach der Einschulung die Reihenuntersuchungen.
Wenn ich mich noch richtig erinnern kann sagte die Tante vom Gesundheitsamt ich sei noch nicht Schulreif und müsste unbedingt zunehmen.
Somit wurde die Kindererholung angeordnet.
6 Wochen an den Lago Maggiore....

Wir wurden auf den Bahnhof nach Stuttgart gebracht, dort wurden wir abgegeben...
Von der Minute an als ich in diesen Zug gestiegen bin, bis zu meiner Rückkehr habe ich geweint. Ich habe 6 Wochen vor Heimweh geweint.
Meine Erinnerungen sind einige Puzzelteile...
Ich kann mich daran erinnern das es ein 4 oder 5 Bettzimmer war.
Und wenn man aus dem Fenster geschaut hatte am morgen den Anblick der Berge.

Ich kann mich an den Essraum /Aufenthaltsraum erinnern.
Ich kann mich an die Schalen aus denen morgens getrunken wurde,
an die Haferflocken mit Kakao und Zucker, an den Schokoaufstrich und das Marmeladebrot morgens erinnern.
Aber an warme Mahlzeiten kann ich mich nicht wirklich erinnern...
Vielleicht waren sie so grauenhaft, ich weiß es nicht.
An den eckelhaften Hagebuttentee aus Plastikbecher, den ich übrigens heute auch nicht wirklich mag.
Es war für mich einfach nur eine grausame Zeit.
Die größte Freude war das Päckchen von zuhause.
Ich war bereit es zu teilen mit den andern die mit mir im Zimmer waren. Doch leider haben sie es verraten, somit wurde es mir weggenommen!!! Mit der Erklärung es wird unter allen aufgeteilt.
Ich kann mich nicht erinnern das es aufgeteilt wurde.
Wenn ich mich noch richtig erinnern kann waren 2 Mädchen in meinem Zimmer Geschwister, aber wie gesagt wirklich kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Und ich meine es war 1 Mädchen mit im Zimmer da war was zuhause passiert und das hat man ihr gesagt sie hat bitterlich geweint. So ist es in meiner Erinnerung, aber ob das so stimmt kann ich auch nicht mehr 100% sagen.
Jungs waren übrigens auch da! Wir waren geteilt. Ein Gebäude die Mädchen, ein Gebäude die Jungs.

Ich schreibe das deshalb mit den Jungs weil mein Mann auch 1966 Jahrgang zum gleichen Zeitpunkt auch in Bressago in Erholung war.
Damals war mein Mann aus Ottmarsheim und ich aus Ludwigsburg.
(Mein Mann und ich haben uns 2002 kennengelern und bei Erzählungen kam raus das wir zum gleichen Zeitpunkt dort waren)
Mein Mann kann sich auch kaum an irgendetwas erinnern.
Mein Mann war auch noch in Pelzerhagen in Erholung entweder 1 oder 2 Jahre später da hat er auch keine Erinnerungen mehr....

Es müsste doch jemand geben zwischen Heilbronn und Stuttgart oder aus Baden - Württemberg oder sonst wo in Deutschland der zum gleichen Zeitpunkt in der Kindererholung am Lago Maggiore in Brissago war.
Wir bekommen mit unseren Puzzelteile kein Bild zusammen!!!
Es ist schon merkwürdig!!!

Wir würden uns freuen wenn sich jemand meldet.
Bleibt alle gesund
herzlichst
Claudia und Jörg...
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Jürgen G. schrieb am 14.03.2021
Aufmerksam geworden auf diese Seite bin ich durch die Sendung im SWR am 17.2.2021. Allerdings spüre bzw. weiß ich schon lange, dass auch ich Betroffener bin.

Ich war 1967 (wahrscheinlich während der ersten drei bis vier Monate des Jahres) als knapp 6-jähriger in "Kinderkur" in Bad Sooden-Allendorf, in welchem der Heime dort weiß meine Mutter nicht mehr und ich erst recht nicht. Sie weiß nur, dass die "Erholung" aufgrund meiner "schwächlichen Konstitution" von der Kinderärztin Frau Dr. R. veranlasst und von der Stadt Frankfurt / Main bezahlt wurde und sechs Wochen dauerte. Meine Mutter geht noch heute davon aus, dass dort Bäder, Spiele und Krankengymnastik stattfanden.

Ich habe an den gesamten Aufenthalt keinerlei Erinnerung mit einer Ausnahme: Einmal (zum Abschluss?) habe / musste ich ein Lied vorsingen, ich weiß sogar noch welches: "Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Coca Cola Schnaps enthält ..." – ich war schüchtern, zaghaft und habe sicher nicht aus eigenem Antrieb oder gar mit Freude gesungen.

Ansonsten habe ich nur unangenehme Körperempfindungen, Ahnungen sowie sonstige Hinweise, aufgrund derer ich schon lange vermute, dass dieser Aufenthalt emotional traumatisch für mich war und ich die Erinnerung daran verdrängt oder genauer gesagt abgespalten habe.

Auch die Schilderungen meiner Mutter lassen nichts Gutes erahnen, z.B. , dass ich nach der Kur kaum etwas erzählt habe und sehr verschlossen gewesen sei. Oder das Besuchs- und sogar Annäherungs-Verbot an das Heim für Eltern während der Kur. Eine der „Tanten“ hätte meiner Mutter schließlich verraten, dass wir zu einer bestimmten Zeit spazieren gingen; meine Eltern haben mich daraufhin wenigstens kurz aus der Ferne beobachten können, in Zweierreihen laufend, was meine 88-jährige Mutter noch heute genau vor Augen hat. Wenn die Trennung schon so schwer für meine Eltern war, dass sie über 400km fuhren, nur um mich kurz zu sehen – wie furchtbar muss sie dann erst für die Seele des Kindes gewesen sein?!

Deshalb war ich nicht überrascht über den Fernsehbericht und die Zeugnisse auf dieser und anderen Seiten, die ich seither gelesen habe (und bisher nur aus Erziehungsheimen kannte).

Ende meiner 40-er Lebensjahre habe ich, nach einer Krise, unbewusst die Aufarbeitung meiner Traumata zu meinem Beruf gemacht und bin ärztlicher Psychotherapeut geworden. Von daher nehme ich für das Folgende eine gewisse fachliche Untermauerung in Anspruch.

Ich weiß inzwischen, dass ich in meiner Kindheit traumatisiert wurde, was mein Leben, vor allem die zwischenmenschlichen Aspekte, negativ beeinflusst hat; auch wenn ich es äußerlich gut auf die Reihe gekriegt habe – das Anpassen habe ich schließlich gelernt; und ich wollte schon als Kind „auf die andere Seite der Spritze“ gelangen und habe dies geschafft. Die psychischen Folgen des Erlebten für mich waren dennoch massiv. Allerdings dürfte die Hauptursache meiner Traumatisierung in noch früherer Zeit als meiner Kinderkur mit knapp 6 Jahren liegen: Mehrere mehrmonatige Krankenhausaufenthalte von meinem 16. Lebensmonat bis zum 4. Lebensjahr. Das war bezüglich der Trennung von den Eltern noch schlimmer, als das oben geschilderte: Einmal pro Woche durfte ich meine Eltern durch eine Glasscheibe sehen – das war’s. Soviel zu den Themen Bindung, Geborgenheit und Sicherheit. Doch die Traumatisierung in den Krankenhäusern der damaligen Zeit ist ein anderes Kapitel, das hoffentlich eines Tages auch aufgearbeitet wird. Die Erfahrungen von Verlassensein, Ausgeliefertsein und Ohnmacht dürften jedenfalls ähnlich und genauso gravierend gewesen sein wie in der Kinderverschickung.

Dass dann zwei Jahre später gerade dieser Junge nochmals für sechs Wochen durch die Kinderärztin von zuhause weggerissen, alleine, im Stich gelassen und dadurch retraumatisiert wurde, ist für mich bis heute absolut unverständlich. Ich habe lange gebraucht, die mit diesem wehrlos Ausgeliefertsein verbundene ohnmächtige Wut zuzulassen und zu bearbeiten.

Die frühen Klinik-Erfahrungen liegen in meiner Vorerinnerungs-Zeit; deshalb habe ich akzeptiert, hiervon nur aus den Erzählungen meiner Eltern etwas zu wissen. Das Spüren und Erahnen der schlimmen Zeit in Bad Sooden-Allendorf beschäftigt mich jedoch seit langem und bis heute. Trotz aller Selbsterfahrung und Traumatherapie wünschte ich, mehr über diese Zeit zu erfahren, um das Abgespaltene wieder integrieren zu können oder zumindest ein Narrativ zu haben. Bis heute weiß ich beispielsweise nicht, ob meine (inzwischen erfreulicherweise deutlich gelockerten) Zwänge – z.B. kein „unnötiges“ warmes Wasser zu „verschwenden“ oder beim Essen das, was ich am wenigsten mag, zuerst zu essen damit es weg ist und das Leckerste bis zuletzt aufzuheben – aus dieser Zeit stammen. Deshalb die Frage: Gibt es Menschen, die in etwa zur selben Zeit in Bad Sooden-Allendorf waren und sich mit mir austauschen möchten?

Jedenfalls freue ich mich, dass dieses dunkle Kapitel für zigtausende damaliger Kinder nun aufgedeckt und hoffentlich aufgearbeitet wird. Es belastet uns bis heute. Ich weiß, wie ich selbst die Auswirkungen über vier Jahrzehnte nicht wahrgenommen habe und weiß als Therapeut, dass dies bei vielen Traumatisierten so ist, bis sie hoffentlich schlussendlich in Behandlung kommen.

Doch heute bin ich kein wehrloses Opfer mehr. Und deshalb klage ich an:
- Das, was Menschen anderen Menschen, vor allem Kindern, in Institutionen angetan haben (auch wenn ich es heute so sehe, dass dies überwiegend nicht aus bösem Willen geschah).
- Das (damalige) Gesundheitssystem und die sog. Pädagogik mit all ihren den Menschen / das Kind verachtenden Überzeugungen, Meinungen und Ideologien.
- Vor allem aber klage ich an, dass die Auswirkungen des Geschehenen auf Menschen weiterhin verharmlost und bagatellisiert werden. Dass den Betroffenen kein Gehör und kein Glauben geschenkt wird. Ein „ja, es war so“, „ja, die Auswirkungen waren für die Betroffenen schrecklich“ aus den für das damalige Leid verantwortlichen und großteils heute noch existierenden Institutionen würde vielen von uns helfen – und ihnen sowie insbesondere den ihnen heute noch „Anvertrauten“ vermutlich auch.

Dabei geht es mir nicht um Wiedergutmachung; was vergangen ist, lässt sich nicht ungeschehen machen und nur sehr begrenzt wiedergutmachen. Es geht darum, aus den damaligen Geschehnissen und deren Folgen für zigtausend Menschen zu lernen. Damit es sich nicht wieder und wieder wiederholt und weitergeht. Doch leider ist es bis dahin auch in unserem heutigen Gesundheits- und Erziehungs-System, unserer heutigen Gesellschaft noch ein weiter Weg, der noch viel Mut und Stärke erfordert.

Ein herzlicher Gruß an euch alle
Jürgen
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I. P. schrieb am 12.03.2021
Ich kann mich nicht mehr an alle Ereignisse in Bad Sassendorf so genau erinnern, allerdings verbinde ich keinerlei positive Erinnerungen mit dieser Zeit. Ich war 7 oder 8 und kann mich an das Mästen erinnern, es musste immer aufgegessen werden, oftmals hatte man einen Nachschlag erhalten, obwohl man schon nicht mehr in sich hinein stopfen konnte. An dem Tisch saß immer eine Aufsichtsperson und achtete darauf, dass alles gegessen wurde. Wichtig war, dass man zunahm. Ich gehörte auch zu den Kindern, die aus dem Bett geholt wurden und nachts über Stunden auf dem kalten Flur stehen mussten. Innerhalb der ersten Woche habe ich angefangen ins Bett zu nässen. Meine Eltern wurden in meinem Beisein angerufen und ihnen mitgeteilt, dass ich ein Bettnässer wäre, obwohl ich mit 2 1/2 Jahren schon trocken war. Wir durften auch nur zu bestimmten Zeiten auf die Toiletten und nachts gar nicht. Am meisten Angst hatte ich vor den Holzfässern mit heißer Sole, das Wasser wurde bis zum Kinn eingelassen und man sollte sich nicht bewegen. Nach dem Bad mussten man sich in dem Raum an einer Wand aufstellen und wurde mit einem eiskalten Wasserstrahl von einer recht dicklichen Frau abgeduscht. Sie hat gelacht und gesagt, man solle sich mal zusammenreißen. Sonntags ist man in Reihe durch das Dorf zur Kirche gewandert, es war etwas weiter weg. In der dritten Woche, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, hatte ich starke Bauchschmerzen bekommen. Ich hatte die Betreuerin informiert, jedoch wurde mir gesagt ich würde simulieren und soll mich nicht so wichtig tun. Auf dem Weg zur Kirche am Sonntag konnte ich kaum noch aufrecht laufen. Nach dem Gottesdienst, habe ich es fast nicht zurück geschafft und bin mehrmals gefallen, musste aber trotzdem den ganzen Weg zurücklaufen. Dann hat man mich ins Bett gelegt. Erst als ich nur noch vor Schmerzen geschrien habe, hat man mich ins Auto gesetzt und ist mit mir zum Arzt im Dorf gefahren, dieser hat den Notarzt informiert und ich kam hochfiebernd mit einem Blinddarmdurchbruch nach Soest ins Krankenhaus. Für die OP Einwilligung, so erzählte mir meine Mutter, hätte man nur von einer kleinen Blinddarmreizung gesprochen. Erst nach der OP hatte sie von einem Arzt aus dem Krankenhaus erfahren, dass mein Zustand sehr kritisch war und sie froh sein konnte, dass ich überlebt habe. Die weiteren Wochen war ich ausschließlich im Krankenhaus in Soest. Nach Bad Sassendorf, bin ich mit meinem Vater nur noch einmal, um die Unterlagen abzuholen. Mir war insbesondere das Bettnässen so peinlich, dass ich meinen Eltern wenig über den negativen Umgang der Betreuerinnen mit uns Kindern erzählt habe. Vieles hat man in den Jahren verdrängt, aber durch die Berichte wird einem klar, was man dort alles an Unangenehme erleben musste. Die Erlebnisse der einzelnen Kinder gleichen sich ja. Schlimm, dass man so ausgeliefert war, aber gut, dass es endlich ausgesprochen wird und man eine Stimme erhält.
Auch ich habe Interesse daran mich mit anderen auszutauschen, so kann man eher verarbeiten und damit abschließen.
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Karl schrieb am 12.03.2021
Hallo,
im Jahr 1966 war ich in einem "Erholungs-Heim", dessen genaue Adresse ich leider nicht mehr kenne. Die Einrichtung muss aber in oder der Nähe von Donaueschingen gewesen sein. Da mein Vater bei der der Bundesbahn tätig war, könnte der bzw. ein Heimträger auch die damalige Bahnkasse gewesen sein.
Nach meinen Recherchen war es wohl das Kindersolebad Donaueschingen.
Ich war damals 8 Jahre alt und habe eher unangenehme Erinnerungen an diesem Aufenthalt, wobei mir aber extrem schlimmste Behandlungen jetzt nicht mehr bewusst sind. Unter den "Tanten" gab es mW. sehr strenge aber auch an eine nette Frau - glaube ich mich erinnern zu können. Aber ich weiß auch noch von "Mobbing-Attacken" anderer Verschickungskinder, besonders eines älteren Jungen. Da ich damals auch schon etwas größer und kräftiger war, kam ich da wohl noch glimpflich davon. Ein anderer, etwas kleinerer Junge, mit dem ich per Bahn angereist war, hatte da mW. weniger Glück.
Ich hatte den Eindruck, dass die "Tanten" da nicht immer einschritten, obwohl sie davon wussten. Ansonsten die wohl weit verbreitete Praxis in dieser Zeit: Androhung (und Vollzug) von Strafen, bei "Fehlverhalten" der Kinder. Besonders das (wohl nicht grundlose) Einnässen hatte - neben einer Riesenschelte - eine (zumindest gefühlte) öffentliche Demütigung zur Folge.
Mit ist auch noch in Erinnerung, wie wir zum Abschluss des 6- wöchigem Aufenthaltes, eine Glasbläser-Werkstatt besuchten. Das war eigentlich sehr schön.
Richtig vor Augen habe ich noch den Sammel-Schlafsaal mit unzähligen Metallbetten. Vor dem Zimmer "wachte" eine "Schwester" an einem Bürotisch, auf der eine Schreibtischlampe platziert war, wie sie in den Krimi-Serien der 60er Jahre zur Ausstattung gehörte.
Vor dem Haus war viel Grün und Rasen. Wenn man aus einiger Entfernung auf das Gebäude zurücksah, wirkte dies wie ein karges Schloss, wo man nur ungern wieder zurückging.
Nach allem, was ich zu dieser Thematik jetzt schon gelesen habe, war ich in der betr. Einrichtung aber vermutlich - insgesamt gesehen - noch "gut bedient". Oder - was auch sein kann - ich habe diese Epoche gut verdrängt.
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Jean Müller aus Güstrow schrieb am 12.03.2021
Als „Zappelphilipp“ und zu dünn kam ich mit vier Jahren 1977 nach Bad Salzungen. Ich habe visuell nur noch den Schlafsaal in Erinnerung und dass es Strafen für vieles gab. Und dass ich nach dieser „Kur“ ein noch größeres Nervenbündel war, welches viel weinte und keinen Mittagsschlaf mehr machen wollte. Vielleicht gibt es jemanden, der zu dieser Zeit mehr Erinnerungen hat.
Danke, dass diese Seite, Möglichkeiten zur Bewältigung und Vernetzung bietet! Es ist absolut tröstlich, nicht allein mit dieser prägenden Kindheitserinnerung zu sein.
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Wolfgang Müller-Davidi aus Heusenstamm schrieb am 12.03.2021
Wie bei allen hier, wurde ich mit 8 Jahren wegen Unterernährung zur Kinderlandverschickung nach Muggendorf in der fränkischen Schweiz vom Schularzt ausgewählt. 4 Wochen über Ostern waren angesagt. Nach Anweisung durften meine Eltern zu Ostern kein Paket senden. Ich war der einzige der keins bekam. Die Tagesordnung bestimmte, dass alles aufgegessen werden musste, sonst wurde man nach dem Mittagessen ins Bett geschickt und man konnte sich nur hilflos in die Kissen weinen. Die Zimmer mit mehreren Betten waren nach den umliegenden Bergen benannt. Mein Zimmer hieß Wichsenstein.
Das Essen war sicher für Kinder nicht schmackhaft. Eine bleibende Erinnerung ist das wunderschöne Gericht Germknödel mit warmen Apfelmus und süßsauren rote Beete. Ein Junge übergab sich beim Essen auf den Teller des Gegenübersitzenden und löste so eine Kettenreaktion aus. Seit dem kann ich keine rote Beete mehr essen. Alle mussten danach ins Bett.
Da wir kein Telefon zu Hause hatten, blieb die einzige Verbindung nach zu Haus über Postkarten. Diese wurden vor dem Abschicken zensiert, sodass nichts aus dem Heim nach draußen gelangen konnte. Briefmarken konnte man sich nicht alleine beschaffen, denn das Haus durfte man nicht verlassen.
Eine Begebenheit ist mir erst nach Jahren hochgekommen. Ich fuhr mit dem Wohnmobil durch die Gegend und kam zufällig durch Muggendorf. Ich fand das Heim, dass heute ein Altersheim ist. Erinnerungen wurden wach. Eine davon war: einmal in der Woche wurde geduscht in einer großen Gemeinschaftsdusche. Wir Jungen waren nackt und sollten unter der Dusche im Kreis laufen und dabei den Hintermann an den Schniedel fassen. Die Schwestern schauten zu und amüsierten sich. Ich habe davon keinen Schaden erlitten aber das würde wohl heute unter sexuellen Missbrauch fallen.
Der Heimaufenthalt wurde nach endlosen 4 Wochen ohne Gewichtszunahme beendet und hinterließ keine guten Erinnerungen. An den Namen der einen Schwester Lieselotte, die auf dem Bild ist, erinnere ich mich noch. Des weiteren an einen Besuch in der nahe gelegen Tropfsteinhöhle.
Ich hoffe, dass mein Bericht durch die geschilderten Einzelheiten authentisch ist.
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Gaschnitz, Cornelia aus Unstruttal schrieb am 12.03.2021
Ich war 1979 zur Kur in Königswusterhausen. Zur Mastkur. Für mich war es furchtbar. Da ich kein Fisch esse wurde ich gezwungen. Ich erbrach es und musste als Strafe in der Mittagsruhe in der Mitte des Schlafsaals stehen. Zwei größere Kinder tauschten später mit mir das Essen gegen Dinge, die sie nicht mochten. Im Sport machte ich wohl die Übungen nicht richtig und fing eine kräftige Ohrfeige. Nach Hause schreiben durften wir nur vorgefertigte Texte. Ich weiß noch genau wie die " Erzieherin meine Karte zerrissen hat weil ich was eigenes geschrieben habe. Ich erinnere mich nur an das viele weinen, an Bleche mit Zuckerbrot, fetter ekliger Milch. Für mich Horror wovon ich bis heute noch träume.
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Esther Neitzert aus Lautert schrieb am 12.03.2021
Mit 4 Jahren wurde ich vom Kinderarzt in Mainz aufgrund von chronische Bronchitis zur „Kur“ geschickt.
... einsperren im Kleiderspind war die tägliche Bestrafung. Ich hatte immer Angst keine Luft mehr zu bekommen. Die größeren Kinder hatten Freude die kleinen zu verbotenem zu animieren: Ich sollte ein Lied während der Mittagspause singen, nichtsahnend dass dies mit „Spind“ bestraft wurde. Essen von glibberigem Haferbrei, welcher solange vorgesetzt wurde bis er alle war...Ich habe versucht auf der Toilette auszuspucken welches entdeckt und bestraft (Spind) wurde. Ich wurde obwohl seid 2 jährig stubenrein wieder zum Bettnässer- man zog mir wollstrumpfhosen über meine Neurodermitis... ich fühlte mich völlig wehrlos.Der Kinderarzt des Hauses empfahl Abbruch wegen Gewichtsverlust.... ich musste bleiben ... Meine Mutter dürfte mich mich nicht sehen.Wir hatten viel Angst, weil wir die Regeln nicht verstanden .Meine Freundin und ich aßen Waschpulver um uns zu vergiften ... sie war dann weg und ich blieb ganz alleine zurück ...
Wieder zuhause war ich laut meiner Mutter sehr verändert, sprach eine Weile nicht , hatte einen wasch und aufräumzwang...Lange habe ich geglaubt wenn ich nicht lieb bin, muss ich zurück ins Heim...
Eine Essstörung und Ekel sowie Ängste und Alpträume waren lange Begleiter.
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Helga Schmickt aus Ruppichteroth schrieb am 11.03.2021
Es muss im Jahr 1951, war 5 Jahre alt, kam ich zur Erholung nach Solbad Sassendorf. Hatte mit den Bronchien zu tun und war wohl auch etwas unterernährt. Es war die Hölle für mich. Das Essen wurde täglich mit einem Bollerwagen aus dem Dorf geholt. Es handelte sich fast ausschließlich um Milchsuppen aus Ziegenmilch. Morgens gab es zum Brot ein dickes Stück Ziegenbutter. Ich habe mich nur geekelt und immer alles erbrochen. Dafür musste ich in der Ecke stehen und wurde von den Kindern verhöhnt. Ich habe es noch in den Ohren. Dann hatten wir einen Schlafsaal für ca. 20 Kinder. Jedes Kind hatte ein Bett und einen Stuhl. Abends wurden wir eingeschlossen und durften nicht zur Toilette. Es stand lediglich 1 Topf im Zimmer. Der lief nach kurzer Zeit immer über und man versuchte einzuhalten. Es war auch immer Stockdunkel. Schrecklich. Ich sehe alles noch vor mir. Mehrmals in der Woche wurden wir im Dorf in einen Bottich gesteckt und auch schon mal untergetaucht. Meine Mutter sagte mir später, ich hätte mich total verändert und wäre überängstlich geworden. Bis heute trinke ich keine Milch. Das Ganze ist jetzt knapp 70 Jahre her und immer noch gegenwärtig.
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Eva schrieb am 11.03.2021
ich war in den 70er Jahren (wahrscheinlich 1971) in Oy/Mittelberg. Ich war nicht im großen Klinikgebäude, sondern in einem kleineren (Bauern-)Haus (Haus "Schwalbennest"?) in der Dorfbrunnenstr. 18 in Mittelberg. Ich muss ca. 7 bis 8 Jahre alt gewesen sein. Am 17.02.2021 habe ich im SWR die Doku „Das Leid der Verschickungskinder- Was geschah in den Kurheimen?“ gesehen und war tief berührt. Und ich versuchte mich an meine Kur zu erinnern. War ich auch 6 Wochen weg? Ich musste zur Kur wegen Unterernährung. Ich habe diese Kur nicht als negativ abgespeichert (oder ist das nur Verdrängung?). Es gibt nur wenige Bruchstücke an die ich mich erinnere. Morgens wurde immer ein Lied gesungen, um uns aufzuwecken. Ich kann mich undeutlich an folgenden Text erinnern: “Raus aus den Federn, raus aus dem Haus, wir wollen in die Natur …”. Wir waren auch beim Schlittenfahren und ich hatte Schulunterricht. Wir müssen auch Fasching gefeiert haben, denn davon klebt ein Foto in meinem Album. Beim Essen saß mir ein Teenagermädchen gegenüber, das abnehmen musste. Das war blöd, denn ich hatte keinen Hunger auf z.B. belegte Brote und sie schielte ganz gierig darauf. Wie gerne hätte ich ihr eins von mir gegeben. Aber das war natürlich verboten. Eine Erinnerung habe ich noch an einen Einlauf, denn so etwas kannte ich bis dahin noch nicht. Ich bin gespannt, ob durch meine Recherche noch weitere Erinnerungen kommen.
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Erika G. aus Redefin schrieb am 11.03.2021
Nachtrag z. A. v. 04.03.2021. Durch das Lesen mehrerer Artikel ist mir klar geworden, dass die Geschehnisse auf Kur Ursache für mein späteres alptraumhaftes Leben sind. Bin1957 in RL/PF geboren. 1960 starb mein Vater. Habe von 1960 bis 1963 kaum Erinnerungen. Als ich von einem fremden Mann nach Kurende zu Hause abgeliefert wurde, bekam ich panische Angst. Wenn Jemand in meiner Gegenwart laut lachte, fühlte sich mein Körper an, als würde er implodieren. Habe auch mein ganzes Leben lang einen Reizmagen. Während meiner Schulzeit war es für mich kaum zu ertragen, wenn mehrere Kinder um mich rum waren. War auch kaum in der Lage mit anderen zu reden oder mich Jemanden an zu vertrauen. Konnte keine Gefühle zeigen .Ich war total verstockt. Mein Vater war der Einzige bei dem ich mich beschützt fühlte. Zeit meines Lebens habe ich dieses Gefühl vermisst. Bis ich vor 3 Jahren an einen Arzt ( Chirurg) geraten bin und mich von Anfang an gut aufgehoben gefühlt habe. Während der Nachbehandlung änderte sich meine Gefühlslage so dramatisch, dass in einen seelischen Ausnahmezustand geriet. Die Erklärung dafür habe ich in einigen Artikeln lesen können. Auf Kur gehörten ärztliche Untersuchungen dazu, genau so wie der Essenszwang und sonstige Drangsalierungen. In meinem Gedächtnis ist nur ein schwarzes Vakuum. Meine Mutter hätte mir Antwort geben können, aber sie schaffte es später nicht mehr meine 4 Geschwister und mich zu versorgen. Sie wurde asozial und wir wurden 1971 getrennt. Ich bin froh endlich den Grund für mein Seelenleid bekommen zu haben, auch wenn ich noch nicht so glücklich bin, wie ich es gern sein möchte.
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Karl-Heinz Krämer aus 51381 Leverkusen schrieb am 11.03.2021
Bin dankbar für die Aufarbeitung der „Verschickungskinder“Problematik.Ich war nach 6 wöchigem Aufenthalt dort, stark traumatisiert.Erbrochenes aufessen,Bettnässen mit anschließender Strafe.Überheiße Solbäder mit anschließender totaler Ruhe unter strenger Aufsicht. Das alles un noch viel mehr habe ich dort erlebt
Karl-Heinz Krämer
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Walburga Kalis aus Ratingen-Lintorf schrieb am 09.03.2021
Aufgrund des SWR Beitrags, wurde ich wieder mit meiner eigenen Verschickung 1964 nach Berlebeck konfrontiert.
Ich muss zugeben, der Beitrag hat mich sehr aufgewühlt. Im Moment grüble ich sehr viel, bin sehr verstört, sehr emotional und verwirrt.
Meine Erinnerungen sind leider nur sehr gering. Laut Aussage meiner Mutter wurde ich damals verschickt, weil sie mir etwas Gutes tun wollten. Aufgewachsen bin ich als 4 Kind und als sogenanntes Schattenkind, denn ich hatte einen 2 Jahre älteren Bruder mit Trisomie 21, um den ich mich, trotz meines jungen Alters, sehr kümmerte. 1964 wurde unsere Mutter zum 5. mal schwanger und ich denke, dass war der Grund warum ich verschickt wurde.
Ich fuhr zur Kur in das DRK Kinderheim Johannaberg in Berlebeck.
Genaue Erinnerungen habe ich nicht mehr an die Zeit, habe alles scheinbar verdrängt, da der Aufenthalt dort für mich die Hölle war.
Ich erinnere mich an:
- viel Angst,
- viel Heimweh,
- viel Tränen,
- viele böse Betreuerinnen,
- Kneippgüsse in einem eisigkalten Waschsaal oder
Keller,
- einen großen Schlafsaal,
- ein rotes Licht welches uns den Gang zur Toilette
verbot,
- ein Bettlaken welches ich selbst waschen musste, weil
ich mich eingenässt hatte,
- an ein stilles oder schwarzes Zimmer,
- zwei Brüder die flüchten wollten und von einem
Taxifahrer wieder zurück gebracht wurden,
- ein älteres Mädchen, dass mich hin und wieder tröstete
- Milch die ich noch nie vertragen habe und
- schrecklich viel Butter, dass es mir heute noch übel
wird, wenn ich Butter nur rieche
Als fröhliches Kind wurde ich verschickt und als trauriges, verängstigtes Kind kam ich wieder nach Hause.
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Herbert schrieb am 09.03.2021
Ich war im Herbst 1967 als Begleitung für meinen 2Jahre jüngeren Bruder in Bad Reichenhall Kurfürstenstr.,dadurch war man natürlich nicht so allein u.unsicher in einer fremden Gemeinschaft,wie wie andere Kinder.Wir waren in der "Mittelgruppe" im alten Bau gegenüber dem Neubau.Das erste Negative war das bei der Anreise dann die Süßigkeiten aus dem Koffer konfisziert wurden,später sah ich dann wie andere Kinder davon aßen,u.wir kriegten auch fremdes Zucker-Zeug zu essen.Unangenehm war beim wöchentlichen Duschen immer wie Fräuleins immer mit dem Wattestab in den Ohren rumgestochert haben.Die Rosi war die strengste,es gab aber auch nette u.milde wie die Anschi u.die Ursula. Im Solebad sind wir dann immer nackt rumgeschwommen,angeblich weil das Salzwasser die Badehose zerfressen hätte,dann gabs Atemgymnastik in der Turnhalle,Salzinhalationenin so einer "Gaskammer",u.wir sind sogar auch mal in eine Druckkammer reingesteckt worden wo man Höhen von ein paar tausend Metern simulieren konnte,ich erinnere mich noch an meine Bettnachbarn,den Gerhard Schmid (Segelohr) aus Köln u. Frank May aus Siegen,alles nette Typen,Mitternacht haben wir uns dann manchmal heimlich auf der Toilette getroffen, weil pinkeln mußte man ja doch irgendwann mal,man mußte da immer vorsichtig auf den knarrenden Dielen schleichen,das die Nachtwache nichts merkte.
Haben auch schöne Ausflüge in der schönen Berglandschaft gemacht,,Padinger Alm,mit der Seilbahn auf den Predigtstuhl,Busreisen nach Salzburg (Hohe Festung), Berchtesgaden Salzbergwerk u.Königsee,also schon ganzschön rumgekommen mit ca.9 Jahren,u.das auf Kosten der Allgemeinheit.
An viel Negatives kann ich mich nicht erinnern,wenns mal ein paar hinter die Ohren gegeben hat,das waren wir Jungen damals ja von zuhause aus gewöhnt,nur einmal haben sie meinem Bruder die übriggebliebenen Fettreste vom Fleisch der ganzen Gruppe dann noch in den Mund gestopft,aber der hat das dann gleich wieder auf dem Klo ausgespuckt wie er mir dann stolz erzählte.Alles in allem habe ich es als schöne Zeit in Erinnerung,mußte man doch in jungen Jahren sich zum ersten Mal in eine fremde Gemeinschaft einfügen,was ja nicht unbedingt schlecht ist. Habe da auch die Liebe zu den Bergen gewonnen,war 1987 noch mal dort,aber da war unser alter Bau schon abgerissen,das neue Gebäude stand aber noch,ist aber inzwischen auch weg u.jetzt befindet sich da nur noch ein öder Parkplatz wo wir uns früher mal getummelt haben
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Nöthlich aus Berlin schrieb am 09.03.2021
Es begann damit, daß mein jüngerer Bruder und ich mit einem Schild um den Hals "Bad Dürrheim" allein auf die Bahn gesetzt wurden. Beim Umsteigen in Frankfurt/M (?) wurde ich von einer Erzieherin mit voller Wucht mit dem Kopf an einen Laternenmast geschleudert, sicher unbeabsichtigt, aber auch sehr unvorsichtig, Ich muß eine Verletzung am Kopf davongetragen haben, denn ich wurde im Heim in einem Einzelzimmer untergebracht. Vor Angst und Übelkeit habe ich ins Bett genäßt. Die Heimarbeiterinnen reagierten verständnislos und roh, ich war damals ca 5 Jahre alt, das einzig Tröstende waren die gelben Schlüsselblumen, die im Garten vor meinem Zimmer blühten. Meine Eltern haben eingesehen, daß es ein Fehler war, uns Kinder zu verschicken
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Stefan Lahr aus Zürich schrieb am 09.03.2021
Bin durch SWR Sendung darauf aufmerksam geworden, geschockt, dass es so viele Betroffene gibt und über deren Berichte! Ich selbst habe leider nur Bruchstücke in Erinnerung: wurde im Alter von 5 Jahren durch Kinderarzt in Mainz wegen Asthma in ein Heim der Caritas (?) im Schwarzwald verschickt, weiss aber weder Ort noch Namen des Heimes. War für 6 Wochen dort, das wurde dann aber von Ferne und ohne weitere Diagnose auf weitere 6 Wochen verlängert. Dieser Tag war der schlimmste: alle anderen reisten ab, ich musste bleiben. Die Nachricht der Verlängerung meines Aufenthaltes wurde von meinem Onkel, der damals oder später Caritasdirektor in Worms war, überbracht. Ich versteckte mich in seinem Auto, wurde aber entdeckt. Da ich schon etwas schreiben konnte, hatte ich mehrmals einen Brief mit Hilferuf an meine Eltern geschrieben, diese Briefe wurden aber abgefangen, ebenso wie die Briefe und Päckchen meiner Eltern. Ich war völlig allein und wusste auch nicht wo ich bin. Leider sind Eltern und Verwandte aus dieser Generation alle verstorben, ich kann niemanden mehr fragen. Ich habe wenig Erinnerung an einzelne Vorgänge im Heim: ich wurde aber mindestens einmal mit dem Gesicht in meinen Teller mit Milchreis getaucht, weil ich nicht aufgegessen hatte. Man durfte nachts nicht aufs WC, auf dem Treppenabsatz sass/lag eine "Tante" und warf einmal mit einer leeren Flasche nach mir, als ich aufs WC wollte. Man hatte immer Angst. Viel mehr weiss ich nicht, ausser dass ich nach meiner Rückkehr nachhause längere Zeit nicht mehr gesprochen habe. Klagen wurden dadurch obsolet, dass mein Asthma durch die Kur "geheilt" war und auch nie mehr wieder kam. Jahre später wurde dieses Heim geschlossen, es gab Strafverfahren und Urteile in diesem Zusammenhang. Wenn ich den Namen des Heimes erfahren könnte, würde ich vielleicht weitere Informationen finden.
Vielleicht hat jemand einen Tipp?
Danke für ihre Arbeit und Initiative!

S. Lahr, Zürich, 9.3.2021
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Mike schrieb am 08.03.2021
@ Michaela aus Kassel:
Kommt das Kinderheim / Kinderkurheim Inntal in Nußdorf in Frage?
Registriere Dich bitte im Forum, um dort nach weiteren Betroffenen suchen zu können.
LG Mike
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Wolf aus Edenkoben schrieb am 08.03.2021
Aus der Perspektive eines „Betreuers“ einer Ferienfreizeit auf dem Land für Stadtkinder, 1980 oder 1981.

Vielleicht aufgrund des späten Zeitpunkts auch von Interesse. Obwohl ich nicht so traumatische Sachverhalte bestätigen kann, wie am 04.03.2021 in SWR2 geschildert.

Selbst bin ich 1962 geboren und war somit 17 oder 18 Jahre alt als ich die im folgenden beschriebenen Erfahrungen machte. Das ist nun fast 40 Jahre her und ich hoffe, dass ich alles korrekt wiedergebe. Denn seit ich meine Erlebnisse das erste Mal festhielt, drängen immer wieder andere Details ins Bewußtsein, die ich jahrelang verdrängt hatte, von denen ich teils gar nicht mehr wußte, dass dies geschehen war und die eine oder ander Kleinigkeiten mußte ich auch schon korrigieren.

Ich kann aber versichern, dass das Folgende nach bestem Wissen und Gewissen notiert ist:

In der Oberstufe dachte ich daran Sozialpädagogik zu studieren und habe deshalb, wohl aufgrund einer Zeitungsannonce der CARITAS, welche Betreuer für Ferienerhohlung für Stadtkinder suchte, gedacht, dass es sinnvoll wäre, ein entsprechendes Praktikum in diesem Bereich zu machen.

So geriet ich an die Caritas und das von Nonnen geführte Heim in Rickenbach.

Obwohl ich als Referenzen meinen Sozialkundelehrer und einen Sozialarbeiter angegeben hatte, der mich kannte, da er mit meinem Vater Fußball spielte und ich seit Jahren nicht mehr in der Pfarrei aktiv war, also wohl schon 6 Jahre kein Messdiener mehr war, hat man, wie ich im Nachhinein erfuhr, nur in der Pfarrei Referenzen eingeholt. Meine beiden Gewährspersonen wurden nicht kontaktiert.

Die Vorbereitung fand an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in einem Tagungsheim in St. Martin bei Edenkoben statt. Ich kann mich nach fast 40 Jahren nur noch an basteln und spielen erinnern, aber bin mir sicher, dass es keine ernsthafte pädagogische Ausbildung war; wie denn auch an 2 Tagen.

Rückblickend stellt sich mir dieses Vorbereitungstreffen, auch wenn es 2 Tage dauerte, vollkommen unangemessen dar. Denn in den paar Stunden war nichts wirklich handfestes zu vermitteln.

Vor allem wurde ich ohne fundierte Ausbildung oder entsprechende Aufsicht auf die Kinder losgelassen, hatte sozusagen meine eigene Gruppe, statt nur Hilfsdienste zu leisten, wie es vielleicht dem stattgefunden „Vorbereitungstreffen“ angemessen wäre.

Die Unterbringung fand in einem von Nonnen geführten Heim für angeblich schwererziehbare Kinder statt, die über die Sommerferien Urlaub bei ihren Familien machten. Augenscheinlich wollten die Nonnen über die Sommerferien Zusatzeinnahmen generieren.

*** („Angeblich schwererziehbare“ schreibe ich deswegen, da noch 4 Jugendliche im Heim waren, da wohl keinerlei Familie. Erst war ich befangen und ich war deswegen befangen, weil man uns vor den Heimkindern gewarnt hatte und ausdrücklich gesagt hatte, dass wir auf Abstand zu den Ferienkindern achten sollten.

Es gab da sowieso kaum Kontakt, da die Ferienbetreuungs-Kinder unter 10 und die Heimkinder geschätzte 13 – 15 Jahr alt waren, also fast in meinem Alter.

Nachdem ich mit einem der Heimkinder mehrmals in Kontakt kam und mir der Junge einen normalen und vernünftigen Eindruck machte, traute ich mich, ihn nach Wochen zu fragen, was an ihm schwer erziehbar wäre. Er sagte mir, dass er und die anderen Kinder nicht schwer erziehbar wären, aber die Nonnen durch die entsprechende Titulierung mehr Geld erhielten.

Erst die letzten Jahre wurde mir bewußt, wie man damit den Kindern das Leben verbaute, weil eben in allen ihren Papieren steht, dass als Kind im Heim für Schwererziehbare, also tendenziell problematisch.

Ganz zu schweigen von dem zutiefst unchristlichen Getue, vor diesen Heimkindern auch noch zu warnen, weil „schwererziehbar“.)

Die Kinder der Caritas-Kinderlandverschickung waren im Stockwerk über den Stallungen untergebracht. Diese befanden sich auf gegenüber dem Haupthaus, in dem die Heimkinder unterbracht waren und in dem sich der Speiseraum befand und der Fußballplatz.

Sehr problematisch war, dass beide Gebäude durch eine öffentliche Landstraße getrennt waren und wir Betreuer damit permanent aufpassen mußten, dass kein Kind aus Versehen auf die Straße oder gar unter ein Auto geriet  Denn, es war nicht viel Verkehr aber wer dort vorbeifuhr tat dies schnell.

Wenn man Ferienfreizeit für Stadtkinder im Schwarzwald hört, stellt man sich vor dem geistigen Auge vor, dass die Unterkünfte im Grünen liegen, so dass die Kinder autonom etwas das Gelände erkunden könnten, einen großen Spielplatz, grüne Wiesen direkt an der Unterkunft. Dem war leider nicht so.

Alleine schon wegen der Gefahr für Leib und Leben und der Verantwortung, die damit konstant auf den Betreuern lastete, erschien uns Betreuern die Unterbringung als vollkommen unakzetabel.

Nun bin ich kein böser Mensch und habe kein Kind geschlagen oder sonstwie gequält; hoffentlich nicht; aber rückblickend war das untragbar, vor allem auch die Überlastung mit einem 14 – 16 Stundentag; nur unterbrochen von den Essenspausen, s.u.

Da die Kinder abends viel zu lange wachblieben, wie denn auch nicht in einem 6 oder 8-Bettzimmer ging ich mit meiner Gruppe viel und lange spazieren und anschließend spielten wir Fußball. Die anderen Gruppenleiter und die Aufsicht lachten erst, aber nachdem sie mit ihren Gruppen nicht zurechtkamen, haben sie mir ihre Gruppen auch anvertraut; zumindest die Kinder, die man wohl als überaktiv bezeichnen würde.

Denn auch wenn man Sozialpädagogik studiert hat sind 16-STundentage, d.h. bis spät in die Nacht hinein, ohne Wochenende nicht lange durchzuhalten.

Zu den Essenspausen: Auch die Betreuer bekamen ausschließlich Mehlspeisen, wobei besonders unappetitlich war, dass hierzu regelmäßig selbst eingemachtes Obst serviert wurde und die Würmer nicht abgeschöpft wurden.

Wobei, ich noch nicht einmal weiß, was die Kinder zu essen bekamen und zu welchen Szenen es dort kam, da wir davon ferngehalten wurden. Auch dies ein Sachverhalt, der mir erst jetzt, Jahrzehnte später, rückblickend beim Schreiben aufstößt. Zumindest haben sich die Kinder alle vor dem Essen geekelt, eben nur Mehlspeisen mit eingemachten Obst und hier vor allem vor den Würmern und sich permanent beklagt.

Zu was für Szenen es beim Essen gekommen sein mag, konnte ich allerdings nicht sehen; aber, wie geschrieben; mir fiel erst Jahre später auf, dass die Betreuer beim Essen von den Kindern getrennt wurden.

Und auch erst Jahre später verstand ich wirklich, wie einfach es auch den Nonnen gewesen wäre die Würmer abzuschöpfen. Und wer die Würmer nicht vom eingemachten Obst abschöpft, wie ist der geistig disponiert und was macht der noch?

Auch rückblickend konstatiere ich diese Art von toxischem Katholizismus wie bspw bei Theresa von Kalkutta, welche Todkranke alle mitdemselben dreckigen Lappen abwusch, obwohl genug saubere Lappen und auch eine Waschmaschine vorhanden war.

Ich gestehe, wenn es denn überhaupt ein Fehler war, dass ich Kindern, die sich beschwerten und zwar in Menge, d.h. nicht nur eins oder das andere, sagte, dass sie das ihren Eltern schreiben sollen; denn Telefon war dort irgendwie nicht und der Münzfernsprecher – ja, das gab es – erst nach einigen km, die zu laufen waren, im nächsten Dorf.

Da viele Kinder dies ihren Eltern schrieben, wurde eine Visite durch Leitungspersonal der CARITAS angesetzt. An dem Tag, also rund 3 Wochen nach Beginn, gab es das einzige Mal ein Schnitzelchen und selbstgemachte Pommes Frites. Damit war alles gut. Kinder sind so.

Zumindest dachte ich das wohl lange so.
Rückblickend?

Die CARITAS-Visite hatte auch nur mit der Gruppenleiterin der Betreuer gesprochen, nicht mit den anderen Betreuern.

Zumindest bei den Betreuern ging es mit dem Essen wohl weiter wie davor, wobei ich natürlich nicht weiß, ob das Essen der Betreuer nicht vielleicht besser war, aber von den Kindern wurde sich nur noch sehr, sehr vereinzelt beschwert. Rückblickend ist natürlich auch auffällig ist und ich frage mich, wie ich so blind sein konnte.

Das ich mir die ganzen Zustände mit den 16-STundentagen und ohne Wochenende und der mangelhaften Verpflegung nicht erfunden oder falsch verstanden habe, ergibt sich alleine schon daraus, dass es zwischen den anderen Betreuern, die alle Sozialpädagogik studierten und für welche der Aufenthalt ein verpflichtendes Praktikum zu Reibereien kam. Diese nahm ich nur am Rande war. Aber eine der Kolleginnen ergriff aufgrund der untragbaren Zu- und Umstände die Flucht, d.h. brach ihr verpflichtendes Praktikum ab und hierbei ist es wichtig zu verstehen, dass sie im Gegensatz zu mir das Praktikum als Studienleistung zu erbringen hatte.

Aber sie nahm lieber in Kauf einige Wochen zu verlieren und sonstwo ein Praktikum nachzuweisen, als das begonnen zu Ende zu führen.

Dunkel kann ich mich noch daran erinnern, dass ich daraufhin in der vierten Woche der „Freizeit“ erklärte, dass ich nun einige Tage meiner Wochenenden nachholte. Dies tat ich dann auch und in diesen Tagen besuchte mich meine damalige Freundin. Ich hatte ein Schuljahr hinter mir und das nächste vor mir, die „Freizeit“ dauerte 5 von 6 Ferienwochen und ich war erschöpft, schlichtweg am Ende.

Aus irgendeinem, mir heute unverständlichen Grund, wohl falsch verstandendes Pflichtbewußtsein, habe ich die Angelegenheit nicht komplett abgebrochen, wie es sich rückblickend gehört hätte.

Der damit ausgelöste Aufstand war dergestalt, dass ich kein Zeugnis bekam und ich glaube mich erinnern zu können, dass mir noch Geld abgezogen wurde. Selbst, noch beim Aussteigen aus dem Bus in meinem Heimatort hatte ich von einem CARITAS-Mitarbeiter eine persönliche Ansprache zu vergegenwärtigten; die mir aber angesichts der Sklavenhaltermethoden mit durchgearbeiteten Wochenenden und 16-Stundentagen allerdings bereits herzlich egal war; auch wenn ich die Problematik noch lange nicht ganz durchdrungen hatte.

Bei der Abschlussuntersuchung beim lokalen Allgemeinmediziner in Rickenbach hatten fast alle Kinder, obwohl nicht übergewichtig. 2 – 3 kgs abgenommen, was für 10-jährige wohl heftig ist. Trotzdem wurden, bis auf eine Ausnahme, überall dieselben Gewichte eingetragen wie bei der Eingangsuntersuchung. Auch diese Brisanz und welche Dimensionen diese hat, nämlich ärtzliche Unterlagen freihändig zu gestalten, ging mir erst beim Schreiben auf.

Denn nur ein Junge, der wirklich übergewichtig war und ½ kg abgenommen hatte, also eigentlich im Rahmen der Messungenauigkeit wurden 3 kgs Gewichtsabnahme aufgeschrieben. Da wir als Betreuer hierbei in der Arztpraxis behilflich waren, kann ich dies bezeugen. Es war auch Gesprächsthema zwischen den Betreuern.

Mir liegt es, angesichts des Leids der Kinder, auch in anderen, gar traumatischen, Zusammenhängen fern, hier aufzurechnen, aber es ist nun mal nicht so, dass nicht auch die Betreuer Opfer des billigen, gottlosem Profitstrebens der Nonnen und der Caritas wurden; auch wenn deren Leid sich in Grenzen hält.

Es tut mir trotzdem leid hierbei mitgewirkt zu haben, d.h. Jahrzehnte zurückblickend und nachdem ich selbst Kinder aufgezogen habe, würde ich mir diese Art von Sommeraufenthalt für kein Kind gewünscht haben.

Irgendwie wurde ich da auch missbraucht und sei es nur als billige Hilfskraft.

Wenn ich nun den Radiobeitrag in SWR2 vom 04.03.2021 höre, dann ist das Verhalten der kranken Menschen, welche Kinder so gequält haben, immer noch unentschuldbar aber ob das wirklich alle und ausnahmslos böse Menschen, gar Nazis, waren oder wegen Profitstrebens an ihr Limit und darüber hinausgeführt wurden?

Meine Erfahrungen waren dergestalt, dass ich davon Abstand nahm Sozialpädagogik zu studieren. Denn mir war klar, dass die 5 Wochen ohne Wochenende mit 14- 16-STundentagen mich an mein Limit geführt hatten und wohl so im Berufsalltag nicht vorkämen; oder vielleicht doch, wenn auch dort vielleicht erst nach 15 Jahren?

Ich habe dann auch davon Abstand genommen den Kriegsdienst zu verweigern, da ich bei den Ersatzdienstleisteden denselben Mechanismus am Wirken sah, d.h. ausgenutzt und überfordert mit den Alten und Kranken als Opfer. Bei der Abwägung schießen zu lernen für einen nur hypothetischen Ernstfall oder Kranke und Schwache darunter leiden zu lassen, dass ich ohne entsprechende Qualifikation und überfordert aus Gewinnstreben von „Trägern“, von unseren Gutmenschenorganisationen auf diese losgelassen werde, entschied ich mich für das erste.
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Ilona Seedorf aus Berlin schrieb am 08.03.2021
Ich war im Sommer 1966 als 8jährige ca. 4 Wochen in diesem Heim nahe am Strand. Anfangs hatte ich etwas Heimweh, ich war das erste Mal getrennt von meinen Eltern, aber ich wurde sehr liebevoll getröstet und überwand es schnell. Auch als ich einige Tage krank war, hat man sich sehr intensiv gekümmert, auch abends und nachts schaute immer wieder jemand nach mir. Da ich schon als Kind eine ausgeprägte soziale Ader für andere hatte, würde ich mich auch sicher erinnern, wenn Andere schlecht behandelt worden wären. Zumindest dieses Kindererholungsheim ist seinem Namen gerecht geworden.
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Tim aus Düsseldorf schrieb am 08.03.2021
Ich war 6 Jahre alt, als es im Sommer 1999 für 6 Wochen ins Kloster Wessobrunn in Kur ging.
In der Kaserne eh Ich meine im Kloster angekommen ging der Psychoterror gleich los.
Als erster Termin stand eine Impfung für alle Kinder an.
Aufgrund der vielen Kinder war dies mit enormen Wartezeiten verbunden. In dieser Wartezeit ließ man es sich nicht nehmen, die Kinder zu unterrichten, welch brutalen Schmerzen bei der Impfung bevorstehen!

Vor jedem Frühstück waren Wir Kinder gezwungen mehrere Runden auf einem Hof am Kloster zu laufen. Als Belohnung winkte die Aussicht vom Glockenturm nach dem Laufen. Vor dem Besteigen des Turmes hatte Ich jedoch große Angst vor den lauten Glocken welche regelmäßig leuteten. Einmal war Ich mit zwei weiteren ängstigen Kindern gezwungen mit einer Schwester eine längere Zeit auf dem Turm zu verharren!
Die Nahrungsaufnahme dort gleichte eher einer Kaserne als einem Kloster voller Kinder.
So war es verboten beim Essen zu sprechen und verpflichtend das vorgesetzte komplett zu verspeisen.
An einem Abend erwischte eine Schwester Mich beim Zähneputzen wie Ich etwas von der roten zuckersüßen Zahnpasta mit Erdbeergeschmack gegessen hatte.
Die Strafe folgte umgehend mit einer schallenden Ohrfeige. Des weiteren holte sie eine andere Zahnpasta und zwang Mich unter Androhung weiterer körperlicher Gewalt etwas davon zu essen. Sie war feuerscharf und schmeckte so in etwa nach Minze oder Mentol.
Rein vorsorglich durften Wir Kinder etwa 1-2 Stunden vor dem Schlafengehen nichts mehr trinken um dem Einnässen vorzubeugen!
Auch sollten Wir Uns besser nicht erwischen lassen beim Zähneputzen heimlich etwas Wasser vom Wasserhahn zu Trinken. Sonst drohte harte Brügel!
Toilettengänge waren nach dem Zubettgehen verboten. Im Notfall stand ein Eimer im Zimmer bereit. Natürlich wollte diesen Eimer kein Junge benutzen, wenn einem die Mädchen beim Pinkeln zuschauten. Umgekehrt wollten die Mädchen natürlich auch nicht von den Jungen beim Pinkeln beobachtet werden.

"Du willst doch nicht, dass die Schwester böse wird oder Junge?!"
Dieser Satz brannte sich fest bei Uns ein und galt als letzte Warnung vor Körperlicher Gewalt.
Diese Drohung wurde besonders häufig und für die kleinste Kleinigkeit ausgesprochen. Der nächste Schritt war dann die schallende Ohrfeige!

Auch erinnere Ich Mich an eine Situation die Mich in große Angst versetzte.
Ich musste ganz alleine als kleiner Junge auf einer durch Bauklötze oder Bausteine abgesteckte Fläche stehen und dort Stunden verharren. Geprägt von der beängstigenden Aussage dass Ich Wort wörtlich sofort "sterben werde, wenn Ich die Fläche verlasse oder Mich hinsetze" stand Ich Stunden lang stramm dort. Ich war so weggetreten, dass Ich nicht einmal merkte, dass Ich vor Angst eingenässt hatte! Die eingenässte Kleidung wusch Ich nach der Aufforderung der Schwester natürlich per Hand und das freiwillig. Ich wollte ja nicht, dass die Schwester böse wird ....!

Aufgeschreckt und erinnert an die traumatischen Erlebnisse in diesem Kloster wurde Ich durch einen Alptraum der sich in der Nacht vom 06.03.2021 auf den 07.03.2021 ereignete!
Über 20 Jahre habe Ich diese Horror-Erlebnisse verdrängt. Bis dato!

Wer auch solche Erfahrungen im Kloster Wessobrunn gemacht hat und eventuell sogar in den 90er Jahren dort war ist ausdrücklich gebeten sich bei Mir zwecks Kontakt/Gedankenaustausch via E-Mail an tim.steffen.kontakt@gmail.com zu melden.
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Michaela aus Kassel schrieb am 07.03.2021
Hallo. Ich wurde in den 80er Jahren zur Kur geschickt. Ich weiß noch das es für sechs Wochen war und ich mit dem Zug dorthin bin. Ich erinnere mich an das Schild am Bahnhof Rosenheim und einen Ort Namens Nußdorf. Das Thema lässt mich keinen Frieden finden, da ich dort furchtbares erlebt habe, ich wurde dort missbraucht.Leider habe ich niemanden gefunden der auch dort war und mir hilft mich an weitere Einzelheiten zu erinnern. Ich habe bereits einer Dame geschrieben aber keine Antwort mehr erhalten. Ich würde unter anderem gerne wissen wie dieses Heim hieß und es muss doch jemand anderen geben, der mit mir dort war.
Ich freue mich über jede Anwort.
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Britta B. aus Köln schrieb am 07.03.2021
Ich verbrachte im Sommer 1962 als 3-Jährige sechs Wochen im Kinderheim Sancta Maria auf Borkum.
Wohl auch aufgrund meines jungen Alters habe ich nur sehr wenige Erinnerungen an diesen Aufenthalt, fühle aber noch heute, dass es ein ganz düsteres Kapitel in meinem Leben war.
Die stärkste Erinnerung ist die an einen großen kahlen Schlafsaal mit vielen weißen Metallbetten, einer Nonne als Nachtwache auf einem Stuhl sitzend, einem Nachttopf unterm Bett, der Geruch von Pfefferminztee auf dem Nachttisch und Heimweh, gepaart mit einem Gefühl der Verlassenheit ohne Ende.
Zumindest einmal musste ich mich beim Essen in die Ecke stellen, mit dem Gesicht zur Wand.
Meine Eltern schickten mir einmal ein Paket, dessen Inhalt irgendwie verteilt wurde.
Meine heiß geliebte Babypuppe erhielt ich wohl nur zu bestimmten Spielzeiten, aber nicht beim Schlafen gehen, wo sie mir bestimmt ein kleiner Trost in der großen Einsamkeit gewesen wäre. Ich erinnere mich daran, dass ich meine Puppe beim Spielen auch an andere Kinder abgeben sollte, was ich aber überhaupt nicht wollte. Das ist alles was ich noch sicher weiß. Keine Erinnerung an Tagesabläufe, andere Kinder, Betreuungspersonen, Mahlzeiten.
Laut Verzeichnis von Folberth, Sepp - Kinderheime - Kinderheilstätten, 2. Auflage 1964, S. 160 hatte „Sancta Maria“ 280 Betten für Kinder von 6!! - 13 Jahren. Ich habe noch vier Fotos von meiner Mädchengruppe, auf denen ich wohl als die Jüngste zu sehen bin.
Pfefferminztee konnte ich noch jahrzehntelang danach nicht trinken.
Es kostete mich sehr viel Überwindung und gutes Zureden, meine Kinder in einem Kindergarten anzumelden, der mir vom Konzept her sehr zusagte, aber von einer katholischen Nonne geleitet wurde. (Die Erzieherinnen waren aber „weltliche“ Fachkräfte.)
Nachdem ich die vielen erschütternden Erfahrungsberichte in diesem Blog gelesen habe, vermute ich, dass auch ich noch ganz andere Dinge erlebt habe, die in meinem Gedächtnis ausgelöscht sind. Das würde mir so manche Probleme, mit denen ich heute noch kämpfe, erklären.
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Jutta Weißer geb.Peter aus Villingen-Schwenningen schrieb am 06.03.2021
Ich wurde mit 5 Jahren auf Anraten unseres Hausarztes zur „Erholung“ nach Lenzkirch geschickt. Mein Bruder wurde gleichzeitig nach Bamberg verschickt. Angeblich weil wir zu schmächtig waren. Ich hatte solches Heimweh, mir fehlten meine Geschwister, die Eltern und die gewohnte Umgebung. Ich war bis dahin noch nie von zuhause weg. In dem Heim gab es große Schlafräume mit ca. 8-10 Betten und wir wurden immer zum Mittagschlaf ins Bett gesteckt. Eine Schwester in grauem Gewand überwachte uns, damit ja keiner Faxen macht. Ich hab oft geweint, dann war mein Kopfkissen klatschnass und dafür wurde ich ausgeschimpft. Auch mussten wir unseren Teller immer leeressen. Einmal gab es Spinat, den ich partout nicht mochte, ich musste ihn essen. Danach mussten wir uns alle in der Reihe vor der Toilette anstellen und noch aufs Klo gehen, bevor es dann zum Mittagschlaf ging. Beim Anstehen kam mir der Spinat wieder hoch und ich erbrach in im hohen Bogen gegen die Toilettentür. Daraufhin bekam ich von der „Tante“ gewaltig den Hintern vermöbelt und wurde für den Rest des Tages ins Bett gesteckt. Dieses Erlebnis und dass mich ein paar Mädchen gemoppt haben ist mir in Erinnerung geblieben, und dass ich an Masern erkrankte und deswegen noch eine Woche länger bleiben musste. Sonst weiß ich nichts mehr. Keine Namen, keine Gesichter, nur graue Kutten und weiße Hauben. Warum ich in „Erholung“ musste, weiß ich bis heute nicht. Ich war nach der Mastkur dünner denn je.
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Claudia K. aus Bamberg schrieb am 06.03.2021
Ich möchte den Eintrag meiner Schwester Susanne K. vom 01.03.2021 ergänzen.
Wir müssen 6 und 8 Jahre alt gewesen sein als wir in das "Kindererholungsheim" geschickt wurden. Unserer alleinerziehenden Mutter wurde eine Kur verschrieben und wir mussten irgendwo unterkommen während der Sommerferien.
Die in psychisch und physischer Hinsicht sadistische Behandlung, die wir als Kinder in Neustift erfuhren, ist auch im Rückblick nur schlecht erträglich.
Während unseres 4-wöchigen Aufenthaltes in diesem von "schwarzen" Nonnen geleiteten Heimes lag meine Schwester ca. eine Woche mit einer Mandelentzündung im Bett. Ich durfte sie während des ganzen Aufenthaltes nur einmal während ihrer Krankheit durch eine Glasscheibe sehen. Sprechen durften wir vier lange Wochen nicht miteinander. Alle Schlafräume waren mit Glasscheiben ausgestattet, durch die die Schwestern z.B. den Mittagsschlaf der Kinder beobachteten. Jedes Kind, das sich während der Ruhezeit auch nur bewegte, wurde bestraft. Jeder noch so kleiner fröhliche Ausbruch wurde sofort mit Androhung von Strafen unterdrückt. Ekel gegenüber Essen wurde mit Zwang, eine weitere Portion essen zu müssen bestraft. Als Kind einer alleinerziehenden, geschiedenen Mutter war ich für die Nonnen unterstes Niveau und bekam die Verachtung täglich zu spüren. So wurde ich z.B. gleich zu Beginn vor allen anderen damit gedemütigt, dass ich nicht die richtige Wäsche und auch nicht genug Wäsche dabei hatte. Freunde habe ich so nicht gefunden. Durch das Verhalten der Nonnen waren aber auch die Kinder ohne Empathie füreinander. Jeder kämpfte für sich und Trost gab es keinen. Einmal am Wochenende durften wir im Fernsehen die Hitparade schauen. Nach der Rückkehr in den Schlafsaal versuchte ich ein dort aus Strafe zurückgebliebenes Mädchen aufzuheitern, indem ich eine Sängerin (Maggie Mae - Lollypop;) nachmachte. Meine Strafe folgte auf den Fuß und so musste auch ich in den nächsten Tagen früher ins Bett. Nachts bekam man mit, wie Kinder, die sich einnässten aus den Betten geholt wurden. Was mit einem geschah, wenn einem dieses Malheur passierte, konnte ich am eigenen Leib erfahren. Aus dem Bett gerissen, beschimpft, nackt in eine Badewanne gestellt, mit kaltem Wasser abgeduscht und brutal abgeschrubbt. Ich stellte mir wochenlang meine Flucht aus dem Heim vor und flehte jede Nacht innerlich um Hilfe. Die Briefe, die wir unseren Eltern schreiben mussten, wurden gelesen und zensiert. Man wusste, dass man nicht die Wahrheit schreiben durfte. Als wir mit dem Zug wieder in Bamberg ankamen und unsere Mutter uns empfing, ist meiner Erinnerung nach sofort alles aus uns herausgebrochen. Ich habe nur noch geheult. Unsere Mutter hat Beschwerde beim katholischen Träger des Heimes eingereicht und sie war wohl nicht die Einzige. Angeblich ist das Heim zunächst geschlossen worden. Sicherlich hätten wir damals psychologische Hilfe gebraucht, aber angeboten wurde dies nicht.
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Karin aus Baden Württemberg schrieb am 05.03.2021
Vor kurzem wurde ich durch eine Videoaufzeichnung auf das Thema Verschickungskinder aufmerksam. Ich war tief erschüttert und hatte direkt körperliche Schmerzen. Das war für mich der Anlass, weiter zu recharchieren, da ich im Winter 1962 im Kindersanatorium WUNSCHA (ehemalige DDR) war . Ich habe an diese Zeit des Aufenthalts (4 Wochen) keine Erinnerung. Ich war bereits 7 Jahre alt, in der zweiten Klasse und kann mich an die Zeit davor gut erinnern.(Schuleinfuhrung/erstes Schuljahr). Da ich mein ganzes Leben lang nach Gründen suche, warum ich weder Nähe zulassen kann und mir immer selbst im Wege stehe, vermute ich nun, dass es Ursachen dafür gibt, die eventuell mit dieser Zeit zu tun haben.Es gibt leider niemanden mehr, den ich in der Familie fragen kann und es wurde auch nier darüber geredet. Leider gibt es das Kurheim nicht mehr und auch den Ort Wunscha nicht, da er in den achtziger Jahren dem Bergbau zum Opfer gefallen ist. Weitere Recherchen haben mich bisher nicht weiter gebracht. Vielleicht soll es so sein, dass sich hier jemand findet, der im selben Kurheim war. Im Moment lese ich das Buch "Die Akte Verschickungskinder", welches aber eher die Kinder der BRD betrifft.
Ich hoffe sehr, dass mit Hilfe dieser Homepages, vielen Menschen geholfen werden kann und immer mehr Licht ins Dunkel kommt. Vielen Dank für diese Möglichkeit.
Liebe Grüsse Karin
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Harald Reimann aus Kassel schrieb am 05.03.2021
Sehr geehrte Frau Röhl,
vielen Dank für Ihr Engagement, ohne das ich auf dieses in der Öffentlichkeit verdrängte Problem nicht aufmerksam geworden wäre. Hier folgt meine Geschichte aus der Erinnerung:
Meine Zwillingsschwester und ich wurden mit 4 Jahren, einige Monate vor unserem 5. Geburtstag, zur "Kindererholung" auf die Insel Amrum verschickt, nach Wittdün/Nebel. Wie ich später erfuhr, gehörte das Kindererholungsheim "Lenzheim" in den 60iger-Jahren der evangelischen Kirche, die einen "Lenzheim-Heimstätten-Verein" in Kurhessen-Waldeck (Sitz Kassel) gegründete hatte, der Bestandteil der Inneren Mission war (vermutlich war das Heim auch schon 1959 im Besitz der Kirche, aber das werden Sie stimmt schon recherchiert haben. Vielleicht können Sie mich mal darüber informieren. Vielen Dank.).
Das Heimweh von uns kleinen Kindern war grenzenlos und besonders meine Schwester litt besonders darunter. Sie weinte ständig und hatte Angstträume, so dass die "Tanten" sie öfter nachts zu mir ins Jungenzimmer brachten, damit sie sich mit mir zusammen im Bett schlafend beruhigen konnte. Die Schlafräume waren vollgestellt und ich hatte selbst auch Einschlafprobleme, da ich so viele Menschen auf engstem Raum nicht gewohnt war.
Dass man beim Essen so lange sitzen bleiben musste, bis alles aufgegessen war, erinnere ich auch noch und auch daran, dass eines Tages der Abfalleimer, in den die Apfelreste gegeben wurden, nochmal an uns Kinder zurück gereicht wurde, mit der Begründung, wir hätten die Äpfel nicht genug abgegessen. So mussten alle Kinder sich einen Apfelrest aus dem Eimer nehmen (der natürlich nicht ihr eigener war) und ihn abknabbern.
Die schlimmste Erinnerung für mich war das Duschen abends, wenn wir vom Spiel am Strand zurück kamen. Duschbrausen, die unter der Decke hingen, kannte ich von zuhause nicht und wurde ohne Vorwarnung darunter gestellt. Dann schoss das Wasser mit großem Druck herab, und ich hatte das Gefühl, zu ertrinken oder zu ersticken. Jedesmal, wenn ich zur Seite sprang, wurde ich mit Gewalt zurück gedrängt, festgehalten und es gab auch Schläge aufs Gesäß. Ein-oder zwei anderen Jungen erging es ähnlich und wir mussten "als Strafe" zum Schluss länger als die anderen Jungen weiter duschen. Dazu wurde wechselweise das Wasser erst heiß und dann kalt aufgedreht und sollte unserer "Abhärtung" dienen. Ich hatte jeden Tag Angst vor dem Duschen und konnte das Spiel am Strand nie richtig genießen, weil ich bereits an den Abend unter der Dusche denken musste.
Auch das Waschen morgens in den kalten Räumen, nackt, und das Zähneputzen mit Salzwasser sind noch heute in meiner Erinnerung.
Ich kam als verängstigtes Kind zurück und blieb es über viele Jahre. Dazu gesellte sich ein übergebührlicher Respekt vor "Autoritäten", denn der eigene Wille war teilweise gebrochen worden, zusammen mit einem Verlust des Vertrauens in andere Menschen. Bis heute habe ich Schwierigkeiten mit Menschenansammlungen und suche in Theater, Kino usw. zuerst den "Notausgang" als Fluchtmöglichkeit. Ich bevorzuge dort immer einen Sitzplatz an einer Seite und kann nur mit größtem Unbehagen irgendwo in der Mitte sitzen.
Soweit meine erinnerte Geschichte. Ich bin noch im Besitz von 2 persönlichen Fotografien aus der damaligen Zeit und meine Schwester besitzt ein kleines Foto-Andenken-Mäppchen zum Aufklappen vom "Lenzheim", welches uns als Souvenir zum Abschied mit gegeben wurde. Es ist ein böses Andenken.
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Wolfram schrieb am 05.03.2021
Meine Verdrängungsmechanismen haben sehr gut funktioniert bis ich bei einem Spaziergang mit meinen Töchtern aufgerüttelt wurde. Sie hatten von unglaublichen Zuständen in Erholungsheimen in der Nachkriegszeit gelesen. Durch das Gespräch kamen die Erinnerungen an meine "Mastkur", so hatte ich meinen Aufenthalt immer tituliert, wieder hoch. Wenn ich mich recht erinnere, hatte das Gebäude einen großen Speisesaal, in dem Neben der Nahrungsaufnahme bei schlechtem Wetter auch Spiele stattfanden. An den Tischen saßen wir zu sechs oder acht Kindern im Alter von ca. neun bis vierzehn Jahren. Ich war spindeldürr und kerngesund. Mein Highlight beim Essen war vieler anderer Elend. Es gab täglich Haferflocken mit Zucker, Kakao und Milch, meine Lieblingsnahrung. Ich konnte nicht verstehen, warum andere das nicht mochten und sich sogar davon übergeben mussten. Ausnahmslos jeder musste seinen Teller auffüllen und leer essen. Mir gegenüber saß ein Junge, der, nachdem er in seinen Teller erbrochen hatte, gezwungen wurde, das Erbrochene wieder zu essen. Anderen erging es nicht anders. Ich bekam große Angst, das es mir genauso ergehen würde und aß alles, auch wenn es mich ekelte. Nach dem Mittagessen mussten alle in ihre Betten und schlafen. Danach ging es bei trockenem Wetter raus. Abends, wenn alle in den mit acht bis zehn Betten bestückten Schlafräumen lagen, kamen die großen Jungs zu uns kleinen, zogen wahllos irgend einem die Decke weck und die Hose runter und hatten riesig Spaß beim Schinkenklopfen, bis die Pobacken feuerrot waren und der Gepeinigte Rotz und Wasser heulte. Die Betreuungsriege zeigte daran keinerlei Interesse. Während des sechswöchigen Aufenthalts wurde unter Aufsicht nach Hause geschrieben. Jeder musste schreiben, dass alles ganz toll und schön ist, und dass es einem gut ginge. Dann brach zu allem Übel noch Mumps aus. Die Erkrankten wurden von den anderen getrennt, und niemand wusste, was mit denen geschah. Manchmal sah man den ein oder anderen am Fenster, wenn wir draußen spielen durften. Dann erwischte es auch mich. Da ich auf keinen Fall in diesem Haus gefangen sein wollte, verschwieg ich meine Erkrankung und vertuschte die Schwellung mit einem Rollkragenpulli. Später, wieder zu Hause, erkrankte ich an einer Hirnhautentzündung. Für mich waren diese Wochen ein reines Grauen mit viel Heimweh. Ich wagte mich nicht, mich jemandem anzuvertrauen, da ich Sanktionen fürchtete. Als ich endlich wieder nach Hause kam, heulte ich vor Erleichterung. Meinen Eltern habe ich nie etwas davon erzählt. In meinem "Entlassungsgutachten" wurde bescheinigt, sechs Kilogramm zugenommen zu haben. Ziel erreicht. Geprüft hat es niemand.
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Silke Balsser schrieb am 05.03.2021
Ergänzung zu meinen Schreiben: War am 04.September 1968 bis zum 11.Februar 1969 in Dehrn wurde vom meinen Hauptwohnsitz abgemeldet u dort angemeldet.

Wurde vom Facharzt (Marburg Hessen ) verschickt.....meine Eltern sollten sich an den Kosten beteiligen 24 DM am Tag (eine Information für die Verwaltung der Kinderklinik Schoss Dehrn) bin nicht sicher von wem das Schreiben kommt die Krankenkasse AOK oder Stadt/Kreissozialamt oder Landeswohlfahrtsverband für meine Eltern unmöglich zu bezahlen mein Vater als Hauptvediener war meine Mutter nur stundenweise arbeiten ging ...Ich habe die Patientenakte angefordert die Behandlungsmethoden waren nicht dabei aber eine Bescheinigung das ich polizeilich gemeldet war (war 6Jahre alt ).
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Gabriele Schmidt aus Hannover schrieb am 04.03.2021
Ich war 10 Jahre alt als durch die AWO im Kinderkurheim Herrlingen bei Ulm war. Ich hatte schlimmes Heimweh, es war Hochsommer. Wir mußten draußen unter schweren Jutedecken unsere sogenannte "Mittagsruhe" halten. Direkt neben den Pritschen war ein Tisch an dem ein Junge saß und - ich glaube "Tante Ingrid" - die ihn mit strenger Mine zwang zu essen. Und auch hier sah ich entsetzt, wie der Junge erbrach und das Erbrochene weiter essen mußte. So etwas ist also kein Einzelfall. Briefe nach Hause wurde vorab von "Tanten" gelesen und zensiert. Stand etwas negatives drin, mußte der Brief noch einmal geschrieben werden. Telefonate nach Hause gab es damals noch nicht. Das ist auch die Erklärung, dass die Eltern nie erfuhren, wie es einem ging. Einmal hat ein Mädchen aus Berlin den Mut gehabt, unsere heimlich geschriebenen Briefe zu einem Briefkasten am Ende der Straße zu bringen, indem sie durch ein Loch im Maschendrahtzaun schlüpfte und schnell die Straße hinunter lief. Als mein Brief zu Hause ankam, rief mein Vater mich an. Ich wurde ans Telefon geholt, aber "Tante Jutta" stand beobachtend daneben und ließ mich nicht aus den Augen. Das Ganze hatte ein wenig von einem Gefängnisaufenthalt. Ich war nicht zum Zunehmen, sondern zum Abnehmen dort, da ich schon immer etwas pummelig war. Morgens mußten die "Abnehmer" eine Tablette schlucken, Appetitzügler Tenuate. Dann war man ganz aufgedreht und hatte weniger Hunger. Heute wäre so etwas undenkbar. Nach alle den anderen hier beschriebenen Berichten ging es uns noch relativ gut, ausser dem schrecklichen Heimweh und den vereinzelten unschönen Vorkommnissen war es gerade noch auszuhalten. Heute bin ich 63 Jahre als. Vor kurzem waren wir mal in Herrlingen und haben das ehemalige Kinderkurheim angeschaut. Es hat sich kaum verändert, ist jetzt aber von einer Privatperson bewohnt. Alles in allem war die Zeit dort eher unschön und ich habe noch Monate später voller Freude festgestellt, endlich wieder zu Hause zu sein. Die Kinderkuraufenthalte in der damaligen Zeit waren wohl im allgemeinen nicht sehr angenehm.
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Inge N. schrieb am 04.03.2021
Ich verbrachte 6 Wochen in Dausenau, angeblich wegen Bronchitis. Ich war erst 5 Jahre und sehr schüchtern, so das ich fürchterlich unter der Trennung meiner Eltern gelitten habe. Ich kann mich nicht an so viel erinnern, nur an die Essensszenen und die große Angst es nicht runter zu bekommen. Ich kann mich wenig an Details erinnern. Vielleicht verdrängt. Auf jeden Fall wurde ich nach dem Aufenthalt dort "nicht mehr krank" und war noch schweigsamer als vorher. Meine Mutter erzählte, das Ehepaar Lichius, das Haus war in Privatbesitz, hat mich und einige andere Kinder am 9.9.59 mit zwei PKWs in Saarbrücken abgeholt. Ich war aus Orscholz. Vielleicht kann sich noch jemand daran erinnern. Ich habe noch ein Gruppenfoto und eine Karte und werde dies noch in die Galerie tun. Alles Liebe Inge
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Thorsten Krause aus Hamburg schrieb am 04.03.2021
Ich war im Sommer 1977 für sechs Wochen in einem Heim auf der Insel Föhr in der Nordsee, nachdem ein Arzt oder sonstiger Herr in weißem Kittel meiner Mutter nach einer sehr oberflächlichen Untersuchung weisgemacht hatte, ich müsse zunehmen. Ich erinnere mich noch gut an den Tag der Abreise, an dem ich in einen Bus gesteckt wurde, während meine Eltern draußen standen und mir hinterwunken, als führe ich für immer davon. Ich war mit neun Jahren nie zuvor von ihnen getrennt gewesen, und jetzt sollten es gleich sechs Wochen sein. Man hatte mich in keinster Weise auf den Aufenthalt vorbereitet, ich kannte keines der anderen Kinder und auch keinen der Erwachsenen. Während der mehrstündigen Fahrt zur Insel kümmerte sich niemand um mich, wurde ich nicht getröstet, machten wir keine Pause. Ich vermute, dass wir an Bord der Fähre die Busse hätten verlassen können, aber das geschah meiner Erinnerung nach nicht, weil es gewiss aus personellen Gründen unmöglich war. Ob ich etwas zu Essen oder zu Trinken dabei hatte, weiß ich auch nicht mehr. Ich kann es mir aber nicht vorstellen, weil mein kindlicher Organismus eine so lange Reise ohne die Benutzung einer Toilette kaum ausgehalten hätte. Die Betreuerinnen und Betreuer im Heim waren streng. Strenge war das Mittel der Wahl, nicht Liebe. Einen so großen Haufen Kinder zusammenzuhalten, gelang offenbar nur so, zumal, wie schon erwähnt, die Personalstärke schwach gewesen zu sein scheint. Ich weiß, dass wir während des gesamten Aufenthalts nicht ein einziges Mal im Meer gebadet haben. Auch das lässt für mich nur den einen Schluss zu, dass es an geschultem Personal mangelte. Was wir Jungs stattdessen machten, waren Gruben, die wir im Sand des Strandes schaufelten, Tag für Tag. Solche Schanzarbeiten, wie sie unter anderen zeitlichen Bedingungen wohl auch für die Vorbereitung auf den Fronteinsatz hätten praktiziert werden können, scheinen das einzige gewesen zu sein, was den Betreuern einfiel. Eines Nachts wachte ich auf und tappte im Halbdunkel zur Toilette, fand aber beim Zurückkehren mein Bett nicht wieder. So legte ich mich schüchtern und zu ängstlich, um den Aufseher in seinem schwach beleuchteten Zimmer um Hilfe zu bitten, auf das mit einem Plastiklaken überzogene Bett in einem anderen Zimmer. Irgendwann war mir so kalt, dass ich erneut aufstand und mich auf die Suche nach meinem Bett machte und es auch glücklich fand. Am Ende meines Aufenthaltes lernte ich ein Mädchen kennen und fragte sie in kindlicher Manier, ob sie mich zu ihrem Freund wolle. Sie schien mich für würdig genug gehalten zu haben, dass sie einwilligte, und ich erlebte einige Stunden großen Glücks. Doch schon am folgenden Tag war sie nicht mehr da. Ihre Eltern hatten sie zwei Tage vor unserer aller Abreise nach Hause geholt. Ich sah sie nie wieder. Ob die Heimleitung hinter dieser unvermittelten Trennung steckte, weiß ich nicht, aber es würde mich auch nicht überraschen. Als besonders absurd für dieses ganze Konstrukt Heimverschickung erscheint mir heute ein „Ausflug“, den wir eines Tages machten und der in einer Umrundung der Insel bestand. Wir marschierten morgens mit vier Scheiben Butterbrot los. Nach einer Weile ließ man uns, die wir den Schluß des Bandwurms bildeten allein, um Getränke zu besorgen. Doch während der insgesamt 42 Kilometer sahen wir keinen einzigen Tropfen davon. Wir waren bald ein Grüppchen von fünf Jungs, vollkommen auf sich allein gestellt, die irgendwann aus purer Verzweiflung beschlossen, das Wasser aus den Pfützen zu trinken, die sich am Fuß des Deichs gebildet hatten. Eine Evaluation meines Aufenthaltes nach sechs Wochen fand nicht statt, niemand fragte mich oder meine Eltern jemals danach, was das alles gebracht hatte. Eine Farce, die zum Glück folgenlos für mich blieb, und nur ein gebrochenes Herz hinterließ, das ich mich schleunigst zu flicken bemühte. Eines hatte ich zumindest gelernt: Verlasse Dich niemals mehr auf Erwachsene, weder Deine Eltern noch andere.
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Erika G. aus Redefin schrieb am 04.03.2021
Da ich in RL/PF geboren bin und nach dem 2, Kuraufenthalt in MV gelandet bin, kann ich nicht sagen, ob ich in Ost-oder Westdeutschland zur Kur war. Ich erinnere mich daran, wie wir 4-5 Jährigen nackt in einem stark vernebelten Raum im Kreis laufen mussten. Eine Pflegerin zwang mich zum essen. was schnell wieder retour kam. Daraufhin schleifte sie mich eine breite Treppe hinauf. Hatte eine gefühlte Ewigkeit vorher allein an der großen Tafel sitzen müssen.
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Hofrichter Katharina schrieb am 04.03.2021
1965 schickten unsere Eltern meinen siebenjährigen Bruder auf Anraten der Kinderärztin über die BASF nach Bad Dürrheim ins DRK Kinderheim. Damit es für meinen Bruder nicht so schwer sei, so lange in Kur zu sein, schickten sie mich mit. Ihnen wurde nicht vorher erklärt, dass Vorschulkinder und Schulkinder getrennt untergebracht werden. So wurde ich schon auf der Fahrt von meinem Bruder getrennt und war sechs Wochen lang allein. Einmal traf ich meinen Bruder zufällig im Treppenhaus und wir freuten uns beide - sofort wurde uns verboten, miteinander zu sprechen, sonst gäbe es kein Mittagessen.
Nachts wurde uns vorgeschrieben, wie wir im Bett zu liegen hatten und auf welche Wand wir schauen mussten. Es gab Jungs, die aufstanden und mit dem Nachttopf als Mutprobe Fußball spielten, bis die Nachtschwester kam. Die habe ich bewundert, selbst war ich so eingeschüchtert, dass ich nicht einmal aufstand, als ich dringend aufs Klo musste.
Es gab DRK - Schwestern, die habe ich als Drachen in Erinnerung. Aber es gab auch Frauen aus dem Ort, die waren richtig lieb. Zum Glück hatte eine von den lieben Frauen Dienst in der Nacht, als ich ins Bett machte!
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich zum essen gezwungen wurde oder dass das Essen nicht schmeckte.
Furchtbar fand ich, dass ich vor dem Essen nicht die Hände waschen durfte und kein Taschentuch bekam, als ich starken Schnupfen hatte. Mein Bruder meint, Zahnpasta, Seife und Tempos hätten die Schwestern eingesteckt.
Ich habe noch den Arztbericht von damals. Darin steht, dass ich sehr ruhig war und nur langsam Kontakt zu zwei anderen Kindern fand. Da hat doch jemand genauer hingeschaut!
Und dass ich etwas zugenommen habe- das war ja bei untergewichtigen Kindern immer ein Sieg!
Ich erinnere mich an Spaziergänge im Wald, an die Inhalationen und an ein Schwimmbad im Keller und an ein Spielzimmer mit Spielsachen, in dem ich mit anderen Kindern gebaut habe. Daran habe ich gute Erinnerungen.
Aber alles ist überlagert von der großen Einsamkeit und dem Gefühl des Ausgeliefertseins.
Meine Eltern haben extra ganz in der Nähe Urlaub gemacht und wollten uns besuchen. Sie wurden abgewimmelt nach einem kurzen Gespräch mit dem Arzt. Noch heute sagt meine Mutter, sie hätten uns sofort mitgenommen, wenn sie um die Zustände gewusst hätten.
Ich war 5 Jahre alt und war nicht im Kindergarten- ich war mit der Situation völlig überfordert.
Meine Eltern waren sehr erschrocken, als ich eingeschüchtert nach Hause kam.
Jahrzehnte später war ich zur Reha auf Föhr. Die Atmosphäre hat mich so an das Kinderheim 1965 erinnert- was ich denke und fühle, ist unwichtig. Der Arzt bestimmt, was läuft. Der Kasernenton hängt wohl bis heute in den Mauern.
Inzwischen fahre ich gerne nach Bad Dürrheim in Urlaub- jedes Mal gehe ich am DRK Kurheim vorbei, das immer mehr verfällt. Als Mutter- Kind Heim hatte es noch eine gute Zeit, aber das war lange nach 1965.
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Susanne Schauer aus Bietigheim-Bissingen schrieb am 03.03.2021
Ich schreibe hier für meine Mutter, die leider schon verstorben ist. Sie hat mir aber viel über ihre Kinderlandverschickung berichtet, und es hat sie ihr ganzes Leben beschäftigt.
Da sie zu klein und zu dünn war musste sie vor der Einschulung in "Erholung". Ihr einziges Glück war, dass ihr Bruder auch mit musste und so hat sie sich nicht ganz so verloren gefühlt. Sie hat mir von Zwangsessen (Sitzen bis zum Nachmittag) und von Zwangsmittagsschlaf (egal wie alt) berichtet. Ihr Heimweh war unerträglich, da sie noch nie von ihrer Familie und ihrem Bauernhof getrennt war.
Es hat sie so sehr erschüttert, dass ich als Kind nie aufessen musste und auch nie wo übernachten musste wo ich nicht wollte. Zu Hause hat sie erzählt wie schlimm der Aufenthalt für sie war. Ihre Eltern haben sie nicht mehr weggeschickt!
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Franziska schrieb am 03.03.2021
Da meine Mutter mit meiner Erziehung (Ich war Einzelkind, mein Vater hatte einen guten Arbeitsplatz, die noch fitten Großeltern wohnten noch im Haus) überfordert war und /oder ich Probleme mit den Bronchien hatte, wurde ich mit vier Jahren und vier Monaten ins Kinderheim Mittelberg-Oy verschickt.
Meine Mutter war vor ihrer Heirat und meiner Geburt 1955 beim Gesundheitsamt beschäftigt und dort wurde durch einen ihr vermutlich bekannten Arzt mein Asthma und Untergewicht (auf meinen damaligen Kinderfotos nicht zu erkennen) attestiert. Ohne Vorbereitung wurde ich von meiner Mutter ohne Abschiedsworte am Bahnhof an einen Sanitäter übergeben.
An meine ersten Tage im Heim kann ich mich kaum erinnern, aber die Berichte auf der Web-Seite zu Mittelberg kann ich alle bestätigen. Man zwang uns Kindern zum Essen mit der Drohung: „Wenn du nichts isst, kommt der Schlauch“ Der lag immer am Tisch.
Falls ein Kind weinte, wurden die anderen dazu aufgefordert, das Kind zu verlachen und mit den Fingern darauf zu zeigen. So stand man am „Pranger“ und wurde als „Lätschenbene“ (= Heulsuse) verspottet.
Mittags gab es die Liegekur, wenn man sich bewegte, wurde man fixiert. Beim wöchentlichen Arzttermin bekam man von einer Ärztin eine Spritze in den Hintern verabreicht. Nachts wurden wir im Dunklen mit Kochlöffel oder Ähnlichem geschlagen, vermutlich wenn man tagsüber nicht so folgsam war.
Am schlimmsten empfand ich jedoch die morgendliche Toilettenverrichtung. Wenn man kein „Häufchen“ gemacht hatte, wurde man auf den vollen Eimer in den Flur gesetzt. Alle anderen Kinder gingen vorbei, mussten lachen und mit dem Finger auf einen zeigen.
Kurz gesagt: Für mich war es eine Zeit der Hölle mit Drohungen: Wenn du nicht folgst, kommt der schwarze Mann und nimmt dich mit in den Kohlekeller.
Nach meiner Rückkehr erkannte ich meinen Vater nicht mehr, ich verweigerte den Kindergartenbesuch. Meine Eltern ließen mich nichts über den Aufenthalt erzählen, ich wurde als „Phantasiehansl“ bezeichnet. Es wurde mir nicht geglaubt, bis ich es verdrängte und es mir selbst nicht mehr richtig vorstellen konnte. Ich war traumatisiert, mein Urvertrauen war zerstört, ich immer unsicher und ängstlich.
Trotzdem habe ich mein Leben gut bewältig und dank meines Mannes (Wir heirateten schon mit 20 Jahren) und meiner Berufe geschafft, ein einigermaßen glücklicher und erfolgreicher Mensch zu werden. Nur Kinder wollte/konnte ich nicht bekommen.
Kurz vor dem Tod meiner Mutter übergab sie mir die Unterlagen über den Aufenthalt, die ich leider vernichtete. Ein Gruppenfoto (ca. 20 Mädchen im Alter von 2 bis 12 Jahren und einer ganz in weiß gekleideter Klosterschwester) habe ich aufbewahrt.
Ich weiß aber von den Postkarten des Heimes, die von den Eltern voradressiert und mit kurzen Berichten des Heimes versehen verschickt wurden. Beispielsweise: Ich habe noch ein wenig Heimweh. Wenn ich heimkomme, bin ich ein kleines Dickerchen.
Ein ärztliches Attest war nach Entlassung vorhanden: Kerngesund und ein Pfund zugenommen.
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Sabine Stengel-Maidel aus 87769 Oberrieden schrieb am 03.03.2021
Gleich am Anfang wurde ich (7 Jahre) von meiner 9-jährigen Schwester getrennt. Ich kam in die Gruppe der Jüngsten, Buben und Mädchen waren zusammen. Einmal musste ich im kalten großen Speisesaal den ganzen Nachmittag in Unterwäsche sitzen, "zur Strafe" (wofür?) . Jeder, der hereinkam, konnte mich dort sitzen sehen. Ich wurde ausgelacht und verspottet, besonders von den älteren Buben. Ich war sehr dünn und kränklich, der evangelische Pfarrer in meinem Heimatort hatte meinen Eltern das Heim besonders für Kinder, die vorher an Keuchhusten erkrankt waren, ans Herz geleg. Er betonte vor allem die gute Führung und den guten Ruf des Heimes. Meine Eltern waren überzeugt, uns etwas Gutes zu tun. Das Essen war grauenhaft, einmal brach Brechdurchfall aus. Viele Kinder in meinem Schlafsaal erbrachen sich oder machten ins Bett. Da es Nacht war, trauten wir uns nicht, die "Tanten" zu wecken. Die sahen dann am Morgen die Bescherung, die ich ihnen heute noch gönne...Ich durfte meine ältere Schwester nur einmal, an einem Sonntag, als wir in die Kirche mussten, sehen. Sich mit anderen Kindern anzufreunden, wurde unterbunden. Ich fühlte mich immer sehr allen und hatte Heimweh. Getröstet hat einen niemand. Ich war ein stolzes Kind und zeigte meine Gefühle nicht. Ich hatte 4 Wochen ständig einen Kloß im Hals, aber rein instinktiv zeigte ich mein Weh den Tanten nicht, da es dann noch schlimmer werden würde für mich. Spielsachen gab es gar keine, nicht einmal einen Ball. Ab und zu wurde ein Ausflug an den Strand gemacht. Wir mussten in dem eiskalten Nordseewasser badenund saßen den restlichen Tag in unseren nassen Badanzügen schlotternd am Strand. Getobt werden zum Aufwärmen war strikt verboten. Was mich sehr erstaunt hat war, dass die beiden Tanten (eine davon hieß Ursula) ständig an den kleinen Buben in meiner Gruppe herumfummelten. Meine Eltern bekamen per Postkarten mitgeteilt, wie gut sich ihre Kinder erholten und wie fröhlich wir waren. Meine Eltern schickten mir mindestens zwei Mal Päckchen mit Süßigkeiten, von denen ich nichts bekommen habe. Die Tanten haben die Sachen wohl selbst gegessen. Zum Waschen im Waschraum (es gab dort eine Dusche, höchstens drei Waschbecken und Toiletten) mussten wir nackt mit Handtuch und Seife anstehen, bis wir an der Reihe waren. Es war dort immer kalt, ich habe ständig gefroren, weil ich so dünn war. Im Nachhinein bin ich erstaunt, dass ich mir dort nicht noch eine Lungenentzündung zum Keuchhusten geholt habe. Ich hatte wohl eine stabile Konstitution... Meinen Eltern habe ich zu Hause von alldem erzählt, und mein Vater hat die Geschichten dem evang. Pfarrer, der ihm zu der Kur geraten hatte, berichtet. Er wollte das wohl nicht glauben, aber meine Eltern sagten, sie hätten keine Zweifel an unseren Berichten. Ob es daraufhin Kosequenzen in dem Heim gab, weiss ich nicht, ich glaube aber nicht. Das Heim ist heute ein Jugenderholungsheim und heisst anders. Die "Erziehung" zu dieser Zeit war drakonisch, Kinder mussten funktionieren und gehorchen. Ich musste nie wieder in eine solche Einrichtung, meine Eltern waren tief betroffen von den Vorkommnissen und machten sich Vorwürfe, uns das angetan zu haben.
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Hubert S. aus St. Peter Ording schrieb am 03.03.2021
Zu dem Bericht von Andi aus München vom 26.02.2021 über seine Erfahrungen im "Haus Schwarzwald" in Ühlingen-Birkendorf möchte ich doch anmerken, dass m.E. sehr wohl das betr. Heimpersonal eine gehörige Schuld an der allmählichen Verrohung der Kinder während des dortigen mehrwöchigen Heimaufenthaltes trifft:

Durch das dort offensichtliche tatenlose laissez faire hat man alles laufen lassen bis hin zu Bandenbildung der Kindergruppen - das ist angewandter Sozialdarwinismus.

Ursachen sind altersmäßig zu heterogene Gruppen (von z. B. 6-13 Jahren) sowie das Nichteinschreiten und Wegschauen des Aufsichtspersonals, welches gerade auch die Aufgabe hätte, jüngere und schwächere Kinder gegen die starken und frechen zu schützen, wie es z.B.normalerweise zu Hause verantwortungsvolle Eltern tun.

In diesem Zusammenhang möchte ich zu meinem Bericht v. 03.10.2020 noch folgendes ergänzen:

Auch in "meinem" Kinderheim habe ich wiederholt körperliche Brutalitäten seitens bestimmter älterer und kräftigerer Jungs meiner Gruppe miterlebt.

Ich selbst mit knapp 9 Jahren stand zwar unter dem Schutz eines kräftigen durchsetzungsstarken Jungen (Peter) aus meiner Nachbarstadt, der mich offenbar mochte, weil wir der gleichen christlichen (kath.) Minderheiten-Konfession angehörten.

Aber mein gleichaltriger Klassenkamerad Alwin F. wurde im Schuhkeller, wo wir unsere Haus- gegen Straßenschuhe und umgekehrt wechseln mussten, öfters von einem etwas älteren Jungen (Manfred Pr.) und dessen Komplizen verdroschen, ohne dass ich oder andere dagegen einschritten. Für meine diesbezügliche auf Feigheit und Ängstlichkeit begründete Tatenlosigkeit schäme ich mich bis heute.

Möglich waren diese Misshandlungen. a. Deshalb, weil im Schuhkellerraum während des Schuhewechselns niemals eine erwachsene Aufsichtsperson dabei war.

Eine schon von anderen gelegentlich geschilderte unangenehme  Erinnerung bzgl. des Fiebermessens bei Krankheit im Krankenzimmer habe übrigens auch ich gemacht:

Auch in meinem Heim erfolgte das rektal - eine für mich durchaus ungewohnte und von mir als sehr peinlich empfundene Methode.

Abschließend möchte ich noch von einem mehrfach wiederholten Streich berichten, den mein Klassenkamerad Alwin und ich den Aufseherinnen wiederholt spielten, ohne dass diese uns als Verursacher  herausbekommen haben.

Wir Jungs schliefen in einem großen Schlafsaal zu insgesamt geschätzt 50 - 60 Betten, der in der Mitte durch einen ca. 2m breiten Mittelgang geteilt war. Auf der einen Seite dieses Mittelgangs lagen die jüngeren Jungs unter 6 Jahren, auf der anderen Seite wir größeren Jungs. Vorne war ein ebenfalls breiter freier Quergang, und der Mittelgang endete an einer doppelflügeligen mittigen Tür, durch die der Schlafsaal betreten wurde. Der Fußboden bestand nach meiner Erinnerung aus Holzbrettern oder vielleicht auch Parkett, und die Längsseite des Saales zumindest auf unserer Seite war vom Fußboden aus bis in eine Höhe von geschätzt 1 - 1,5 m  mit Holzbrettern verkleidet. Alwin und ich hatten unsere Betten ganz weit vorne mit Blick auf die Flügeltür und dem Flur dahinter, Alwins Bett stand direkt am breiten Mittelgang des Saales, meines links daneben. Wir hatten natürlich bemerkt, dass es wegen des Holzfußbodens relativ laut war, wenn man sich darauf bewegte.

Nachts war es im Saal zudem total dunkel, allenfalls durch den davor liegenden Flur und die offenstehende Flügeltür fiel ein wenig Dämmerlicht von einer entfernten Notbeleuchtung. Die Aufsichtspersonen mussten also mit Taschenlampen leuchten, wenn sie etwas sehen wollten.

Wir waren somit nachts vollkommen unbeobachtet, solange es stockdunkel war - selbst seitens unserer Saalgenossen.

So kamen wir beide in den letzten beiden Wochen unseres Kuraufenthalts auf eine Idee, wie wir bestimmte uns besonders verhasste Aufsicht führende "Tanten" ärgern konnten:

Wir strecken ein Bein aus dem Bett und klopften mit der Ferse mehrfach kräftig auf den Holzfußbodens, danach zogen wir es schnell wieder unter die Bettdecke. Die dadurch verursachten dumpfen Klopfgeräusche waren weithin zu hören, und alsbald erschien die Aufsicht mit der Taschenlampe, um nach der Herkunft und Ursache zu forschen. Sie hat es nie herausgefunden, denn wir waren es ja schon von der Mittagsstunde her gewöhnt, uns nicht zu verraten und schlafend zu stellen. Sie war natürlich darüber wütend und frustriert, den Täter nicht zu ermitteln, vermutete schließlich u. a. zu Unrecht, die neben der Holzverkleidung an der Wand liegenden Jungs seien es gewesen und verhörte diese, die ja ahnungslos waren. Unter lauten Drohungen zog die betr. "Tante" schließlich wieder unverrichteter Dinge aus dem Schlafsaal ab.

Wir haben unser Geheimnis beide strikt für uns behalten auch vor der übrigen Gruppe, und so ist es bis zu unserer Abreise nie heraus gekommen, obwohl wir das nächtliche Klopfen in unregelmäßigen Abständen noch ein paar Male wiederholten. Für uns beide underdogs eine große Befriedigung, hier mal dem ungeliebten Regime des Heimes aber auch den frechen und brutalen Rädelsführern der Gruppe ein Schnippchen schlagen und auch mal eine eigene bescheidene Machtprobe zeigen zu können.
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Kathi aus Dormagen schrieb am 02.03.2021
Ich lese seit geraumer Zeit alle Einträge und bin immer wieder schockiert, was die meisten Kinder ertragen mussten.
Gewalt habe ich bei meinen Aufenthalten nicht erlebt, wohl aber eine sehr unpersönliche Behandlung. Die Betreuerinnen interessierten sich nicht für uns. Hauptsache war, dass wir reibungslos funktionierten.
Ich erinnere mich nicht wie fast alle anderen an Gefühle wie Heimweh oder Angst, obwohl sechs Wochen Abwesenheit von zuhause im Alter von acht Jahren ( 1. Aufenthalt) bestimmt nicht leicht waren. Ich habe auch kein Kuscheltier dabei gehabt und auch keine Päckchen bekommen.
Damals habe ich gelernt, mich anzupassen und meine Gefühle zu überlaufen. So mache ich es mein Leben lang, obwohl ich schon fast 70 bin.
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Rogers Freund aus München schrieb am 02.03.2021
Hallo,
am 08.02.2021 berichtete ich hier etwas ausführlicher über meine bleibenden "Erlebnisse" in dieser Kinder-Kur ...!

Unter anderem, bekam ich ja in regelmäßigen Abständen alle 2 oder 3 Tage auf dieser "Kur" Spritzen, die man "Aufbauspritzen" nannte wenn ich fragte.

Als 5 Jähriger zum ersten mal getrennt und weit weg von den Eltern hatte ich vor diesen Tagen wenn man zum Spritzen geführt wurde natürlich große Angst.
Da gab es keine Mutter die neben einem stand und für einen eintrat wenn man zu etwas gezwungen wurde.

Aber gerade eben sehe ich einen Filmbericht, der dem ganzen eine ganz neue Tragweite gibt.

Ich leide nämlich seit ca 20 Jahren an Muskelschund (FSHD) der seinen Ursprung schon in der Kindheit hatte.

Verursacht wird mein Muskelschwund durch einen Gen-Defekt am Chromosomenstrang 4 (und wir haben und hatten keinen einzigen Verwandten in der Familie der jemals ein Muskelproblem hatte) und in dem Bericht wird nun von Medikamtententest an den Verschickungskindern berichtet.
z.B. unter anderem sogar mit dem Schlafmittel Contagan. Und Schlaf- u. Beruhigungsmittel bekanem wir zumindest in den ersten durchweinten Nächten nach der Trennung von den Eltern auch.

Ich hoffe ich darf hier den Link zu dem Filmbericht über Verschickungskinder anhängen.

https://www.youtube.com/watch?v=oW24BaiLz8A&list=RDCMUCK6jlnWA8t-XgUxwZJJHkQA

Bleibt gesund!
R.
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Regina M. aus Dortmund schrieb am 02.03.2021
1963 schickte man mich unmittelbar vor der Einschulung 6 Wochen zur Mastkur nach Bad Rothenfelde. Ich war ein lebhaftes fantasievolles Kind. Da ich bereits Lesen und Schreiben konnte und man mich aus dem Kindergarten raushaben wollte, weil da alle von mir genervt waren, sollte ich mit 5 Jahren eingeschult werden. Körperlich war ich aber noch nicht „schulreif“, nämlich klein und dünn. Kein Wunder, mein Vater misst stolze 170, meine Mutter 152 cm. Ich bin heute 158 cm klein und wie der Rest meiner Familie übergewichtig. Wir waren eine Gruppe von ca. 30 Kindern in einem großen Schlafsaal und durften die Betten nur zum Essen und für Kuranwendungen verlassen. Dazwischen war die Tür abgeschlossen. Jeden Morgen wurde vom Personal (keine Nonnen) Fieber gemessen und festgestellt, dass ALLE Kinder „Fieber hatten“, also den ganzen Tag im Bett verbringen mussten. Komisch, ich habe mich gar nicht krank gefühlt… Ich erinnere mich an den furchtbaren mehrstündigen Mittagsschlaf, bei dem ich stundenlang liegend die Wand angestarrt habe, aber die Zeit schien still zu stehen. Außer Essen, Schlafen und täglichem Wiegen und Messen bestand der Tagesablauf aus einem kurzen morgendlichen Spaziergang mit der Gruppe rund um das Gradierwerk und nach dem Abendessen mussten wir eine Stunde lang in einem zugigen weiß gefliesten Raum in Bottichen mit ungereinigtem Solewasser sitzen. Zu trinken gab es gelbe Limonade mit Salzgeschmack. Bäh. Eine Kur mit allem Drum und Dran, aber mit 5 Jahren? Ich hatte es noch ganz gut getroffen, denn körperliche Gewalt gab es keine, nur Kasernierung und gähnende Langeweile. Zum Essen kann ich nichts sagen, es muss wohl halbwegs in Ordnung gewesen sein. Ich komme aber aus einer nicht so begüterten Familie und war es gewohnt, zum Frühstück Hafersuppe oder Graubrot mit Margarine und Zucker essen zu müssen.
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Kerstin aus Ludwigshafen am Rhein schrieb am 01.03.2021
Habe heute durch Facebook von Verschickungsheime. de erfahren.
Insgesamt war ich 4 mal für jeweils 6 Wochen weg.

Das erste Mal mit 4 Jahren und 6 Jahren in Bad Dürrheim.
Kann mich nur an grausame Erlebnisse erinnern, wobei ich wohl vieles verdrängt habe . Konnte ja nicht lesen und schreiben, daher wurde das dort übernommen was die Post betraf. Päckchen bekam ich nur eins, das wohl vorher geplündert wurde.
Kann mich noch erinnern dass mein Koffer auf einen Dachboden kam und das meiste im Koffer blieb( hatte schrecklich geweint deswegen. Meine Puppe durfte ich nicht behalten. Kann mich auch noch erinnern dass ich mich mit noch einem Kind, eventuell auch zwei, hichschleichen wollte um an den Koffer zu kommen. Es gab dann schläge?
Weiß auch noch das man alles Essen musste, selbst wenn man Erbrochenen hatten mussten man so lange im Speisesaal bleiben bis leer war.. ? Ich war sehr eingeschüchtert und wurde wohl wegen seelischer Grausamkeit beide male Krank.
Bei der Heimfahrt mit 4 Jahren waren meine langen Haare so kaputt(wurde nie gekämmt) dass sie komplett abgeschnitten wurden.
Meine Reisekleidung war ein Schlafoberteil und Hausschuh und ich hatte eine eidrige Nase und wohl Fieber. ( meine Mutter hatte das oft erzählt) Leider war meine Mutter keine starke Frau die sich gewehrt hatte... Sie war mit meinen zwei älteren Brüder und mir alleine und hatte nicht viel Geld und war wohl froh dass sie nichts zahlen musste oder hatte Angst vor dem Jugendamt. Da ich ja zu dünn war..
Leider ist sie schon verstorben und sonst auch niemand mehr lebt den ich fragen könnte.

Dann war ich glaub 1973 in Schloß Friedenweiler im Schwarzwald und
1975 in Stetten am kalten Markt.
Bei beiden hatte ich natürlich Anfangs Heimweh, jedoch keine schlechten Erfahrungen bzw Erinnerungen.
Als Kind bzw Jugendliche war ich sehr aufmüpfig und aggressiv gegenüber manchen Kinder und auch Erwachsenen.. Vielleicht hat das ja mit diesen grausamen Erinnerungen zu tun...
Jedenfalls bin ich froh dass es solche Zeiten nicht mehr gibt und hoffentlich nicht mehr geben wird!
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Beate Kauer aus Minheim schrieb am 01.03.2021
Zufällig sah ich den Bericht auf YouTube und musste feststellen, dass auch ich ein Verschickungskind war. Ich konnte nie verstehen, wie meine Eltern mir das antun konnten und mich für 6 Wochen dahin schickten. Vielleicht war ich ein so schlechtes Kind, ging es mir oft durch den Kopf.
Dort wurden die Kinder, die nachts sprachen oder lachten, reihum geschlagen. Im Dunklen ging dann leise die Tür vom großen Schlafsaal auf und die Nonnen prügelten die Kinder, die wach waren. Zum Glück lag ich ganz vorne nahe der Tür und stellte mich schlafend. Von da an wurde ich zur Bettnässerin und kaute an den Fingernägeln. Meinen Teller musste ich lange am Tisch sitzend bis zum Erbrechen leeren. Mein Heimweh wurde immer größer, ich verlor jegliches Zeitgefühl und dachte, ich dürfte nie mehr nach Hause zurück. Als meine Eltern und Geschwister mich mit dem Auto abholen kamen, konnte ich nicht mehr sprechen vor Glück. Ich hatte ein Sprachblokade. Sie konnten nicht verstehen, was mit mir los war und ich habe nie darüber gesprochen. Vor einigen Jahren fuhr ich mit meinem Mann dort hin und erzählte ihm meine Erlebnisse. Aus dem Gebäude wurde ein schickes Hotel, aber den Eingangs- und Essbereich konnte ich noch erkennen.
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