ZEUGNIS ABLEGEN – ERLEBNISBERICHTE SCHREIBEN

Hier haben sehr viele Menschen, seit August 2019, ÖFFENTLICH ihre Erfahrung mit der Verschickung eingetragen. Bitte geht vorsichtig mit diesen Geschichten um, denn es sind die Schicksale von Menschen, die lange überlegt haben, bevor sie sich ihre Erinnerungen von der Seele geschrieben haben. Lange haben sie gedacht, sie sind mit ihren Erinnerungen allein. Der Sinn dieser Belegsammlung ist, dass andere ohne viel Aufwand sehen können, wie viel Geschichte hier bisher zurückgehalten wurde. Wenn du deinen Teil dazu beitragen möchtest, kannst du es hier unten, in unserem Gästebuch tun, wir danken dir dafür! Eure Geschichten sind Teil unserer Selbsthilfe, denn die Erinnerungen anderer helfen uns, unsere eigenen Erlebnisse zu verarbeiten. Sie helfen außerdem, dass man uns unser Leid glaubt. Eure Geschichten dienen also der Dokumentation, als Belegsammlung. Sie sind damit Anfang und Teil eines öffentlich zugänglichen digitalen Dokumentationszentrums. Darüber hinaus können, Einzelne, die sehr viele Materialien haben, ihre Bericht öffentlich, mit allen Dokumenten, Briefen und dem Heimortbild versehen, zusammen mit der Redaktion als Beitrag erarbeiten und auf der Bundes-Webseite einstellen. Meldet euch unter: info@verschickungsheime.de, wenn ihr viele Dokumente habt und solch eine Seite hier bei uns erstellen wollt. Hier ein Beispiel

Wir schaffen nicht mehr, auf jeden von euch von uns aus zuzugehen, d.h. Ihr müsst euch Ansprechpartner auf unserer Seite suchen. ( KONTAKTE) Wenn Ihr mit anderen Betroffenen kommunizieren wollt, habt ihr weitere Möglichkeiten:

  1. Auf der Überblickskarte nachschauen, ob eurer Heim schon Ansprechpartner hat, wenn nicht, meldet euch bei Buko-orga-st@verschickungsheime.de, und werdet vielleicht selbst Ansprechpartner eures eigenen Heimes, so findet ihr am schnellsten andere aus eurem Heim.
  2. Mit der Bundeskoordination Kontakt aufnehmen, um gezielt einem anderen Betroffenen bei ZEUGNIS ABLEGEN einen Brief per Mail zu schicken, der nicht öffentlich sichtbar sein soll, unter: Buko-orga-st@verschickungsheime.de
  3. Ins Forum gehen, dort auch euren Bericht reinstellen und dort mit anderen selbst Kontakt aufnehmen

Beachtet auch diese PETITION. Wenn sie euch gefällt, leitet sie weiter, danke!

Hier ist der Platz für eure Erinnerungsberichte. Sie werden von sehr vielen sehr intensiv gelesen und wahrgenommen. Eure Erinnerungen sind wertvolle Zeitzeugnisse, sie helfen allen anderen bei der Recherche und dienen unser aller Glaubwürdigkeit. Bei der Fülle von Berichten, die wir hier bekommen, schaffen wir es nicht, euch hier zu antworten. Nehmt gern von euch aus mit uns Kontakt auf! Gern könnt ihr auch unseren Newsletter bestellen.

Für alle, die uns hier etwas aus ihrer Verschickungsgeschichte aufschreiben, fühlen wir uns verantwortlich, gleichzeitig sehen wir eure Erinnerungen als ein Geschenk an uns an, das uns verpflichtet, dafür zu kämpfen, dass das Unrecht, was uns als Kindern passiert ist, restlos aufgeklärt wird, den Hintergründen nachgegangen wird und Politik und Trägerlandschaft auch ihre Verantwortung erkennen.

Die auf dieser Seite öffentlich eingestellten Erinnerungs-Berichte wurden ausdrücklich der Webseite der “Initiative Verschickungskinder” (www.verschickungsheime.de) als ZEUGNISSE freigeben und nur für diese Seiten autorisiert. Wer daraus ohne Quellenangabe und unsere Genehmigung zitiert, verstößt gegen das Urheberrecht. Namen dürfen, auch nach der Genehmigung, nur initialisiert genannt werden. Genehmigung unter: aekv@verschickungsheime.de erfragen

Spenden für die „Initiative Verschickungskinder“ über den wissenschaftlichen Begleitverein: Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung / AEKV e.V.:     IBAN:   DE704306 09671042049800  Postanschrift: AEKV e.V. bei Röhl, Kiehlufer 43, 12059 Berlin: aekv@verschickungsheime.de

Journalisten wenden sich für Auskünfte oder Interviews mit Betroffenen hierhin oder an: presse@verschickungsheime.de, Kontakt zu Ansprechpartnern sehr gut über die Überblickskarte oder die jeweiligen Landeskoordinator:innen


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2744 Einträge
Klaus schrieb am 03.12.2019
Ich bin Jahrgang 1959 und wurde im März/April 1964, also mit 4 Jahren, zur Kur nach Borkum verschickt. Im Zug habe ich meiner Mutter noch gesagt, dass ich tapfer sein und nicht weinen werde.
Warum ich dahin geschickt wurde, weiß ich nicht. Meine Eltern haben es mir bis zuletzt nicht verraten. Nur Andeutungen, dass es sein musste usw.
Ich habe kaum noch Erinnerungen an diese Wochen. Ich kenne weder den Namen der Einrichtung, noch den irgend eines der Betreuer bzw. Betreuerinnen.
Ich weiß noch, dass morgens noch im Bett mein Oberkörper mit Meerwasser abgerieben wurde.
Nachts habe ich wohl regelmäßig eingenässt. Das wurde auch meinen Eltern geschrieben.
Ich kann mich noch erinnern, dass ich in einer Badewanne ins Wasser geschissen habe.
Aber eigentlich war ich zu der Zeit schon "stubenrein".
Ich kann mich an Augenblicke am Strand erinnern. Ich weiß noch, dass es verboten war, beim essen zu sprechen.
An Strafen kann ich mich nicht erinnern.
An andere Kinder kann ich mich nicht erinnern.
Meine beiden jüngeren Geschwister und meine ältere Schwester wurden nie verschickt.

Gibt es noch Möglichkeiten heraus zu finden, warum und wo ich damals war?

Grüsse
Klaus
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Renate Kellers schrieb am 03.12.2019
Hallo verschickungskinder
Ich bin 1956 geboren und hatte in der Vorschulzeit eine Magenkrankheit ( Bandwurm) . Da ich zu wenig wog um Eingeschult zu werden bin ich in eine ,, Kindererholung" ins Sauerkand geschickt worden das war Anfang1962 .Ich weiß nicht mehr wie das Haus hieß, ich weiß nur noch das das Heim von Nonnen geleitet wurde.
Von Erholung war keine Rede, wir mussten alles tun was uns gesagt wurde . Schon das Frühstück war für mich eine Qual , warme Milchsuppe mit Brot/ Börtchenstücken drin war pflicht zu essen . Ich mochte noch nie warme Milch aber die Suppe musste ich essen , neben der Suppe lag das lecker Marmeladenbrot was ich erst essen durfte wenn die Milchsuppe aufgegessen war . Bis in den Teller gebrochen habe weil das so ekelhaft war für mich .
Sonntags war es dann noch schlimmer da musste ich Griessbrei nachmittags zur Kaffeezeit essen , es ekelt mich Heute noch wenn ich nur das Wort höre .
Dann wurde ich krank und kam in ein Krankenzimmer ! Da ich Fiber hatte haben so geschwitzt das das ganze Bett nass war , ich fühlte mich so elendig. Eine Schwester kam zu mir und schimpfte direkt los . Ich seid ein Ferkel und so ungezogen ins Bett gemacht zu haben . Ich weinte und sagte das ich nicht ins Bett gemacht habe ich habe so geschwitzt. Die Nonne zog mich aus dem Bett und schrie mich an ich würde lügen , dann musste ich mich am Waschbecken nackt ausziehen und waschen . Alle Kinder die zur Toilette müssen gingen an mir vorbei , ich habe mich so sehr geschämt.
Dann kam ein Junge auf das Krankenzimmer, der ärgerte mich immer ! Er lockte mich mit einem Trick an das Fußende meines Bettes und zog mich aus mein Bett. Ich werte mich und sagte ihm er solle mich los lassen, das bekam wieder eine Nonne mit . Die schrie gleich wieder nur mich an ,, wenn ich so im Bett herum trunen kann wäre ich wo wieder gesund . Mich hat die Nonne gar nicht angehört , ich wurde wieder bestraft .
Auf dem Flur vor einer Treppe musste ich mich anziehen und wieder gingen andere Kinder an mir vorbei. Als ich angezogen war musste ich in die Küche und dort mithelfen , Geschirr spülen und den Tisch im Spieseraum decken obwohl ich noch krank war .
Auch wenn sich das nicht schlimm anhört zu dem was andere Kinder erlebt haben , für mich waren die 4 Wochen schrecklich . Ich war so froh als ich wieder nach Hause durfte . An Gewicht hatte ich auch nicht zugenommen.
L G Renate
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Stefan Decker schrieb am 03.12.2019
Heute fand ich bei Tagesschau einen diesbezüglichen Artikel. Ich muss dazu sagen, dass ich unter einer Amnesie leide, die auch meine komplette Kindheit betrifft.

Weiter recherchierend kamen plötzlich die Erinnerungen zum Teil zurück. Im Moment fühle ich einen unglaublichen Hass - und Angst, und Trauer …

Ich weiß noch, wie ich mit 5 Jahren - abgemagert und Keuchhusten, 1959 alleine in den Zug gesetzt wurde. Das Heim ist dunkel und böse. Ich musste auch Gerichte essen, die so übel schmeckten, dass ich Erbrechen musste. Den Rest kennt ihr. Da waren auch die Schlafräume, ganz viel Angst.

Was ich noch weiß, ist, dass ich mit einem Freund aus dem Heim ausgerissen bin. Wie man mich wieder einfing, weiß ich nicht. An die Strafe erinnere ich mich im Moment Gott sei Dank nicht.

Mir ist gerade furchtbar übel. Ich weiß nicht, ob ich zuhause davon erzählt habe. Ich glaube mich zu erinnern, das die Leiterin des Heimes meiner Mutter einen Brief geschrieben hat. Was für ein böser Junge ich doch sei …
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Heidi Wollmer schrieb am 03.12.2019
Ja, auch ich war in Kurverschickung Mai 1968 auf Norderney 6 Wochenlang. Man hat mich zum Bahnhof gebracht und dann ging es in den Zug und über eine stürmische See ins Heim. Ich war klein und sehr zart. Ich hatte viel Heimweh, stand jeden Abend am Fenster. Bei Ankunft wurden wir durchsucht und die paar Süßigkeiten einkassiert. Ich mußte oft über Mittag sitzen bleiben, bis ich meine Mahlzeit eingenommen hatte. Ein Mädchen hat sich oft die Backen voll gestopft und auf der Toilette entleert. Ab und zu hat eine Küchenmitarbeiterin mich erlöst (aber die war ja nicht immer da). Gesundheitlich ging es mir schlecht, hatte mal eine heftige Magen/Darmerkrankung und sehr häufig Nasenbluten, dass ich mal einen Arzt vorgestellt wurde, daran kann ich mich nicht erinnern. Meine Post wurde gelesen, ich hatte gerade in der Verschickungszeit einen kleinen Bruder bekommen. Man hat mir vorgeworfen, dass ich mich beklage und meine Post wurden dann nicht mehr verschickt. Das Ergebnis dieser Kur war... ich hatte 4 Kilo abgenommen. Dieses Thema berührt mich nach über 50 Jahren immer noch sehr. Ich konnte jetzt nur einen kleinen Einblick geben. Vom Hausarzt her sollte ich mit 12 Jahren, nochmals zur Kur, meine Mutter hat da nicht zugestimmt und abgelehnt. Meine ältere Schwester war mal im Allgäu, sie hat mir mal berichtet, dass ein Kind sein Erbrochenes essen mußte, dass war Anfang der 60 Jahre. Ich finde es gut, dass dieses Thema mal angesprochen wird, ich denke es gibt viele heutige Erwachsenen die ein Kindheitstrauma mit sich tragen. Ich schreibe schnell, weil ich meine Emotionen freien lauf lasse und möchte diesen Kommentar auch nicht Korrekturlesen,
um evtl Tippfehler und Grammatik auszubessern.
Danke und mit freundlichen Grüßen Heidi Wollmer
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Heike schrieb am 02.12.2019
Mich haben die Berichte über Erfahrungen in Erholungsheimen und die Folgen, die diese Aufenthalte bis heute für das Leben von Menschen haben, sehr bewegt. Was mich aber geradezu erschüttert ist die Vielzahl der Heime, in denen Kinder schlecht behandelt wurden.
Ich stamme aus Dortmund und war als 9-jährige ebenfalls in einem Erholungsheim, in Herzberg am Harz. Dieses wurde von katholischen Ordensschwestern geführt. Den Namen des Heims weiß ich leider nicht mehr. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie andere in diesem Forum, bin aber gottseidank (ein ironischer Begriff in diesem Zusammenhang) nicht traumatisiert. Die einzige für mich unmittelbar greifbare Folge für mein späteres Leben war und ist, dass mir in dieser Zeit der Glaube an Gott verloren gegangen ist. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Gott zulassen würde, dass „seine Dienerinnen“ so mit wehrlosen Kindern umgehen.
Schon für mich als 9-jährige war klar, dass von den Kleinsten unter uns Kindern einige einen „Knacks für’s Leben“ (so meine damaligen Gedanken) davontragen würden. Aber ich hatte zum einen das große Glück, dass ich schon in diesem Alter eine „Reisetante“ war und Heimweh nur eine untergeordnete Rolle spielte. Ich gehörte ja auch zu den Ältesten in der Gruppe und war außerdem als viertes von fünf Kindern sehr anpassungsfähig. Außer mir gab es nur noch eine weitere 9-jährige, Anne L. Dann gab es noch eine 8-jährige, deren jüngere Geschwister dabei waren (Gabi?). Die übrigen Kinder waren zwischen 4 und 7 Jahre alt.
Zum anderen haben mir meine Eltern nach meiner Rückkehr jedes Wort geglaubt und mit Annes Eltern zusammen eine Beschwerde bei der CARITAS eingereicht. Meine Mutter erinnert sich leider nicht mehr, was daraus geworden ist, aber für mich war es damals sehr wichtig, dass meine Eltern mit mir wütend auf die CARITAS und die Nonnen waren.
Meine Eltern hatten die Einrichtung und ihre Leiterin sogar kurz kennengelernt, da sie mich persönlich dort ablieferten. Ich konnte wegen einer Mumps-Erkrankung nicht von Anfang an dabei sein (was für ein Glück – ich war während mei¬nes Aufenthaltes täglich dankbar dafür!) und war somit nur 4 anstatt 6 Wochen in dem Erholungsheim. Meine Eltern brachten mich von Dortmund in den Harz. Was ihnen aber damals schon verdächtig erschien war, dass sie das Heim nicht anschauen durften, sondern nur zu einem kurzen „Übergabegespräch“ in das Büro der Heimleiterin gebeten wurden.
Das Heim gibt es heute nicht mehr. Ich war Mitte der 90er mit meinem Mann im Harz im Urlaub und wollte ihm zeigen, wo ich als Kind eine schlimme Zeit verbracht hatte. Ich glaube, das Haus erkannt zu haben, aber es war inzwischen ein Kindergarten darin. Hier mein Bericht über den Aufenthalt dort.

Kinder, wollt ihr Herzberg sehen, fariafariahoh
müsst ihr erst zur CARITAS gehen. Fariafariahoh
Die verschreibt euch einen Schein,
schickt euch dann ins Erholungsheim!
fariafaria fariafaria fariafariahoh!
...
Am schlimmsten waren die Mahlzeiten. Ich war wegen zu geringen Gewichts in diese Kur geschickt worden. Meine Mutter meint, sich erinnern zu können, dass die Initiative nicht von meinem Kinderarzt ausging, sondern aus einer Schuluntersuchung resultierte. Ob alle anderen Kinder auch wegen Gewichtsproblemen dort waren, weiß ich nicht mehr. Nach meiner Erinnerung stand aber „möglichst viel und nahrhaft essen“ im Vordergrund.
Wir mussten essen, was auf den Tisch kam. Bis zum Erbrechen. Die Atmosphäre im Speisesaal war bedrückend. Die Mahlzeiten wurden meist begleitet vom Jammern, Weinen und Würgen mancher Kinder und natürlich vom Schimpfen der Nonnen. Man musste sitzen bleiben, bis der Teller leer war. Ich hatte das Glück, dass ich beim Essen nicht wählerisch war und nur wenige Male Gerichte auf den Tisch kamen, die ich gar nicht mochte.
Das Zweitschlimmste waren die strengen Ruheregeln mittags und nachts. Damit das Essen „richtig ansetzt“, waren nach dem Mittagessen zwei Stunden Mittagsruhe befohlen. Wir mussten in unseren Betten liegen und durften keinen Mucks machen. Auf dem Flur saß eine „Wach-Nonne“ und passte auf. Wer beim Sprechen erwischt wurde, musste für den Rest der Mittagspause zu ihr auf die Holzbank (im Schlafanzug) und dann beim nachmittäglichen Kakaotrinken stehen. Auch nachts saß eine Nonne auf dem kalten Flur und Kinder, die nicht ganz still in ihren Betten lagen, mussten für den Rest der Nacht zu ihr auf die Bank.
Ob gegen Kinder, die nicht so gut „funktionierten“ wie ich, auch sonst in irgendeiner Form Gewalt ausgeübt wurde, weiß ich nicht. In meinem Schlafsaal, in dem wir sechs Mädchen waren, passierte jedenfalls nichts dergleichen.
Anne und ich konnten uns in der Mittagspause mit Zeichensprache „unterhalten“, wobei wir auch dabei nicht erwischt werden durften. Wir hatten gegenüberliegende Betten und spielten „Abnehmen“, jede mit einem Gummiband, und versuchten, dieselben Figuren zu kreieren, um uns die Zeit zu vertreiben. Mir taten die Kleinen unendlich leid, für die diese zwei Stunden täglich, eingesperrt in einen Schlafsaal, wahrscheinlich eine Ewigkeit waren.
Es gab immer nur warme Milchgetränke, keine Säfte oder ähnliches. Wer Durst hatte, musste Wasser aus dem Hahn trinken (sofern er die Toilette aufsuchen durfte). Als Anne und ich ein paar Tage mit Fieber und leichtem Ausschlag im Bett lagen (wahrscheinlich Röteln), brachte uns unsere „Zimmerschwester“, Notburga, heimlich Himbeersirup mit Wasser, weil wir so furchtbaren Durst hatten. Sie machte uns auch Wadenwickel, um das Fieber zu senken. Meine Eltern wurden übrigens nicht über meine Erkrankung informiert.
Schwester Notburga war der einzige erwachsene MENSCH in diesem Heim, und ich bin ihr bis heute zutiefst dankbar, dass sie uns immer wieder vorsichtig signalisiert hat, dass sie mit der Behandlung von uns Kindern auch nicht einver¬standen ist. Sie machte die Wochen für einige Kinder etwas erträglicher.
Die anderen Nonnen waren extrem streng (vor allem zu den Jungen) und hatten wenig Verständnis für das Bedürfnis geräuschvoll zu spielen oder gar zu toben. Es wurde ganz „gesittet“ und leise gespielt, immer unter Aufsicht mehrerer Nonnen.
Nach meinem Gefühl ging es außerdem täglich in die Kirche, um den Rosenkranz rauf und runter zu beten. Ich musste auch zur Beichte gehen – eine der Nonnen „übte“ vorher mit mir, was ich sagen sollte.
Die wenigen Kinder, die schon schreiben konnten, bekamen einen Text für eine Ansichtskarte nach Hause diktiert. Natürlich durften wir nur schreiben, wie schön es ist und wie gut es uns gefällt.
Ich habe mehrfach überlegt, wie ich an ein Telefon komme, um einen Hilferuf nach Hause abzusetzen, aber wir waren ständig unter Aufsicht und konnten somit nicht einmal auf einem der Ausflüge eine Telefonzelle benutzen. Meine Mutter erzählte mir nachher, dass sie einmal angerufen hat und mit mir sprechen wollte, um zu hören, wie es mir geht. Sie wurde abgewimmelt. Es sei besser für mich, nicht mit ihr zu sprechen, da ich sonst sicher Heimweh bekäme.
Ein paar schöne Momente gab es auch. Die Landschaft im Harz gefiel mir gut, das Singen auf den Spaziergängen machte mir Spaß (bis auf das „CARITAS-Lied“, das wir immer wieder gehirnwäscheartig singen mussten). Wir übten mit ein paar der älteren Kinder das Stück „Dornröschen“ ein und spielten es den Kleinen vor. Anne und ich kümmerten uns auch um die Jüngeren und trösteten sie, so gut es ging.
Wenige Tage vor dem Ende des Kuraufenthaltes brachen dann Kopfläuse aus. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Nonnen uns die Schuld daran gaben. Zumindest waren sie erheblich genervt und sehr grob beim Umgang mit dem Läusekamm. Mädchen mit langen Haaren (zu denen auch ich gehörte) mussten besonders leiden. Zuhause gab es dann als erste Maßnahme eine Behandlung mit einem Mittel gegen Kopfläuse.
Ich bin durch diesen Aufenthalt wie gesagt nicht traumatisiert. Verändert hat er mich aber sicherlich in gewisser Weise, auch wenn ich heute nicht genau greifen kann, wie. Die Erinnerungen sind jedenfalls auch 47 Jahre später noch sehr intensiv.
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Sabrina schrieb am 02.12.2019
Ich bin Jahrgang 1980 und war wegen schwerem Asthma war zweimal 1988 und dann wieder 1994 zur "Kur" in der Reihenfolge Wyk auf Föhr, Sylt und Norderney.
Und auch zu dieser Zeit war es noch traumatisch. Die Erlebnisse erinnere ich seit jeher als "Kinderknast" und Bestrafung und habe es auch so berichtet. Nur meinen Eltern nicht, da ich damals Angst vor deren Reaktion und erneuter Verschickung hatte. Wir haben viele Jahre nicht über die Ereignisse gesprochen. Die Trennung von meinen Eltern mit 8 Jahren über 6 Wochen, über die zuvor und danach nie gesprochen wurde, stellte viel mit meiner Kinderseele an. Hinzu kommen die dortigen Zustände, Essens-oder Diätzwang, nackt zum Wiegen aufstellen, wobei die Diät-Kinder, die zugenommen hatten (sowie die Zunehmkinder, die abgenommen haben) vor allen eine Standpauke und Strafen bekamen. Ich wusste nicht warum welche Therapien gemacht wurden und ich ewig nackt in einem entzündungshemmenden Sud sitzen musste, derweil alle an mir vorbei liefen. Nicht auf Kante einsortiert Wäsche wurde aus dem Schrank auf den Boden gefetzt. Bis heute lege ich meine Handtücher auf Kante...Auf Norderney mit 14 Jahren sollte ich mich vor einem wildfremden Arzt nackt ausziehen und mit gespreizten Beinen auf eine Bahre legen. Ich weigerte mich und rief meine Mutter an. Ich durfte nach ihrem Anruf dort die Unterhose anbehalten. Trotzdem wurde ich fast nackt Ganzkörper untersucht. Die Begründung für die "Intimuntersuchung" war, man wolle eine Pilzinfektion ausschließen. Hiernach bekam ich eine mega Standpauke von der Mutter Oberin, ich glaube sie hieß Jutta. Ab da hatte sie mich auf dem Kiecker. Zimmerkontrollen, Ausschuss bei Nachtisch, Gebäck oder Freizeitangeboten mit der Begründung der Überfüllung. Lieblosigkeit und Anbrüllen waren eh an der Tagesordnung. In Wyk auf Föhr auch noch Isolation.
War die Unterwäsche nicht richtig beschriftet, hatte man eben Pech und sie kam nicht aus der Wäscherei zurück. Man musste nehmen was übrig blieb. Und die Sache mit den Paketen ging genau so weiter, Kontrollieren und Einbehalten. Die Gewalt unter den Kinder war mitunter auch groß aber keiner tat etwas, wir waren auf uns allein gestellt. Es herrschte das Recht des Stärkeren. Die Geschichten von Grausamkeit und Demut sind endlos. Ich dachte immer, ich sei allein und würde halt etwas übertreiben. Ich bin völlig geplättet von dieser Initiative! Seit ich 25 Jahre alt bin mache ich Therapie zuerst wegen Angstzuständen. Mittlerweile wegen handfester Traumata und dies ist eines davon. Hilflosigkeit, Gewalt, Ausgeliefert sein, Demütigung, Isolation, Bestrafung. Ich habe mich lange Zeit gefragt, was ich getan habe, dass meine Eltern mich immer wieder fort schickten...
Danke für diese Aktion.
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Gerald schrieb am 02.12.2019
ich habe zufällig im NDR über das Treffen der Betroffenen gehört und mich direkt an meine Zeit vor 55 Jahren im Heim Marienhof in Wyk auf Föhr erinnert.

Die Walknochen am Eingangstor sind wohl die beste Erinnerung. Vieles habe ich verdrängt, aber einige Dinge habe ich noch im Kopf.

Ich bin mir sehr sicher, dass ich dorthin wollte, weil mein Freund im Kindergarten dorthin musste. Also fuhren wir im Sammeltransport von Flensburg über Dagebüll nach Föhr. Ansonsten kann ich mich an keine Situation erinnern, an der mein Freund dabei war. Vielleicht wurden wir in unterschiedlichen Gruppen eingeteilt?

Das Essen war fast immer ekelhaft. Alle Kinder mussten am Tisch sitzen bleiben und wurden gezwungen, aufzuessen. Meistens gab es Milchsuppen. Eine Situation sehe ich immer noch vor mir: Es gab Sago- Milchsuppe (sah aus wie Froschaugen-Suppe). Ein Junge nahm den vollen Teller und kippte die Suppe hinterrücks über seine Schulter auf den Boden. Das gab dann gewaltig Ärger von den Tanten...

Jeden Tag war nach dem Essen Mittagsschlaf angesagt. Ich habe als Kind nie mittags geschlafen. Das habe ich auch dort nicht gemacht, so lag ich dann bei Redeverbot im Bett und wartete bis wir wieder aufstehen durften.

Nachts war es noch schlimmer. Neben dem Heimweh war das Schlimmste, dass man nicht auf Toilette durfte. Normalerweise hatte ich damit auch kein Problem, aber als ich einmal doch auf Toilette musste, wurde ich auf dem Weg dorthin erwischt und wieder ins Bett gezerrt. Ergebnis war, dass ich nächsten Morgen in einem durchnässten Bett aufwachte. Allerdings war ich nicht der Einzige, vielen Kinder in dem Schlafraum erging es nicht anders.

Ich weiß noch, dass wir manchmal spazieren gingen. An Spiele kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Ja, wir haben wohl auch Weihnachtslieder gesungen, war ja schließlich Adventszeit.

Zu allem Überfluss bekam ich auch noch die Windpocken. Da wurde ich isoliert und lag allein in einem Raum, der aussah wie eine alte Waschküche. Im Nachhinein eigentlich merkwürdig, dass ich der Einzige Kranke war.

Die Post wurde immer von den Tanten vorgelesen (ich konnte damals noch nicht lesen und schreiben). Die Tanten haben dann auch für mich nach Hause geschrieben. Ob das geschrieben wurde, was ich sagte, wage ich zu bezweifeln.

Positive oder schöne Erinnerungen habe ich nicht. Und wenn ich zuhause erwähnt habe, wie schlimm es doch war, hörte ich immer, "du wolltest doch freiwillig dorthin". Auf jeden Fall war ich froh zuhause zu sein und wollte auch nie wieder an einer Kinderverschickung teilnehmen.

An mehr kann ich mich leider nicht erinnern.
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katma schrieb am 29.11.2019
Hallo ,liebe Leidensgenossen-innen,
ich wurde Juni/Juli 1976 im "Haus Roseneck" Bad Salzuflen gequält, angeblich wegen Untergewicht .Träger war die Bundesbahn,die schlimmste Leiterin hieß Angelika,oder Angela. Gibt es noch mehr Betroffene,die dort waren? Ich sage nur"Milchsuppe aufessen müssen( mir wird schon beim schreiben schlecht,Nachts und Mittags nicht aufstehen( und aufs Klo dürfen,Gewalt,Bloßstellung,eingesperrt werden,auf dem Balkon schlafen müssen,und schlimmeres. Es tut so gut,endlich die Bestätigung zu bekommen,ja,es war schlimm,ja es ist passiert, und es war falsch!!! nicht ich war falsch!!
Ich war damals 9 Jahre alt
Bitte meldet euch
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Michael schrieb am 28.11.2019
Hallo!
Ich (Jahrgang 1967) wurde mehrfach verschickt, einfach weil meine Erzeugerin Geld für den Urlaub sparen wollte, denn das Amt zahlte ja alles und mich los werden wollte. Ich nahm es hin, wie alles in meiner Kindheit von ihr.
Die Berichte haben mich auch dazu animiert hier zu schreiben. Weil ich etwas besonderes erlebt habe, das bestimmt auch andere Kinder gesehen haben.
Ich bin fasziniert, wie stark ich diese Verschickung verdrängt hatte und erstaunt, dass ich ebenfalls von diesen Verschickungen traumatisiert bin.
Ich kann mich sonst nur noch an Bruchstücke erinnern und einzelne Szenen, weis jetzt aber, warum ich so Probleme habe, wenn ich von zu Hause auch heute noch geschäftlich aufbrechen "muss" und ein Paar Tage nicht zu Hause bin. Selbst für Urlaube von zu Hause wegzugehen ist manchmal schwer, jetzt durch diese Seite weis ich warum das so ist, das ist eben das Ttrauma als kleines Kind (5 oder so) einfach für eine Ewigkeit weit weg geschickt zu werden.
Da mich meine Erzeugerin sowieso nicht lieben konnte und wollte, war dies eben die normale Bestätigung ihrer Lieblosigkeit. Später hat sie mich dann in ein Internat gegeben das sie praktischerweise nicht mal Geld kostete. Somit hatte sie immer genug Geld für sich und war mich auch noch los.
Nun aber zu meinem besonderen Erlebnis:
Es muss in einem Heim im Norden gewesen sein, so um 1973(?).
Wochenlang schaufelten die Jugendlichen unter der Regie des Hausherren Sohnes (ca. 16-17 Jahre alt) eine sehr tiefe Grube. Ich schätze mal so 4 Meter tief in den Sand / Boden. Wir kleinen Kinder durften natürlich nicht in die Nähe, weil so kleine Pisser wollten die Großen Jungs da nicht sehen.
Im Endeffekt war das gut, weil viele Tage oder Wochen später die Grube zusammenfiel und den Sohn bei lebendigem Leib begrub.
Alle Kinder wussten es sofort und waren Augenzeugen, wie man versuchte, mit Schaufeln ihn wieder auszugraben. Der Vater(?) stieß nach einer Ewigkeit auf den leblosen Körper und der Krankenwagen (Rotes Kreuz) transportierte den bewusstlosen (?) Jungen später ab.
Circa 100 Kinder haben also diese sehr verstörenden Szenen life miterleben dürfen und es wurde weder darüber geredet noch gab es irgendwelche Aussagen der Aufseherinnen dazu. Es gab bestimmt Kinder, die das Erlebnis mitgenommen hat, aber es wurde weder getröstet noch erklärt.
Ich bin gespannt, ob jemand das Heim und das Erlebnis kennt.
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Tanja Spr schrieb am 28.11.2019
Hab jetzt fast alles hier gelesen, in der stillen Hoffnung mich an noch mehr zu erinnern. Interessanterweise sind mir ein paar „ungefährliche“ Dinge wieder eingefallen. Meine Mutter hat vor der Kur Namensschilder in meine Kleidung genäht und mich auf die Kur vorbereitet. Ich wurde von meinen Eltern dorthin gefahren. Meine Mutter hat in den 6 Wochen einige Male angerufen und die (Kranken-) Schwestern (nicht Tanten) erzählten mir davon. Ich war als 5-jährige mit fünf etwas älteren Mädchen in einem Zimmer mit Etagenbetten. Die Mädchen waren sehr lieb zu mir, aber wir durften kaum sprechen. Und ich erinnere mich an den Speisesaal, wo auch Ankündigungen zu Aktivitäten gemacht wurden, von denen ich aber nichts mehr weiß oder nicht teilgenommen habe (vielleicht weil zu jung?).
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Andrea Bantel schrieb am 28.11.2019
Hallo... war 1967 in Kressbron zur "Kur" für sechs Wochen - November bis kurz vor Weihnachten. Wer in der Nacht weinte, mußte auf dem kalten Flur schlafen - ich weiß noch, daß ich mich immer sehr mühte nicht zu weinen. Einmal wusch ich mir die Hände, ohne im Waschsaal das Licht anzumachen. Zur Strafe mußte ich mein Essen eingesperrt im dunklen Waschsaal essen und anschließend vor allen Kindern meine "Tat" berichten. Ich war 6 Jahre alt! Am letzten Morgen konnte ich vor Aufregung mein Brot nicht essen. Eine der Betreuerinnen sagte mir dann,daß ich nicht heimfahren darf und Weihnachten im Heim bleiben müßte. Irgendwie bekam ich das Brot runter. Vieles aus dieser Zeit ist mir nicht mehr erinnerbar, diese sechs Wochen sind einfach dunkel. Ich kam als völlig ängstliches und verunsichertes Kind zurück - ein Grund für diese Kur war, daß ich zunehmen sollte und meine Schüchternheit verlieren sollte!
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A.B. schrieb am 28.11.2019
Selbst Jahrzehnte nach der Verschickung, hier nach Niendorf im Jahr 1975, gibt es noch Spätfolgen in Form von Selbstmorden. Siehe hier:
https://netzwerkb.org/2010/01/24/daniel-b-1976-im-kinderheim-niendorfostsee-timmendorfer-strand/

Zitat daraus:

"wir schreiben Ihnen als Hinterbliebene unseres Lebensgefährten, Freundes und Papas Daniel B., der sich im Alter von 39 Jahren am 2. November 2009 das Leben genommen hat.

Daniel litt seit ca. zweieinhalb Jahren extrem an den Folgen sexualisierter Gewalt, die er seiner Meinung nach während eines Kinder-Kuraufenthaltes im damaligen Kurheim in Niendorf/Ostsee (Timmendorfer Strand) erlebt hat. Während des sechs Wochen dauernden Aufenthalts als sechsjähriger Junge, soll er auf bestialische Weise missbraucht, vergewaltigt, gefoltert und gequält worden sein.

Über dreißig Jahre lang, von 1977 bis 2007, sind Daniel, dem Kind, dem Jugendlichen, dem jungen Erwachsenen, dem Familienvater, diese Ereignisse nicht präsent gewesen.

Daniel war nach Bewusstwerdung der Ereignisse, nie wieder in der Lage ein „normales“ Leben zu führen.

Er hat bis zum Schluss so sehr gekämpft:
Gegen die urplötzlichen „Flashbacks“ am hellen Tage, die ihn mitten in der Stadt ereilten und ihn einfach umkippen ließen.
Gegen Todesängste und Panikattacken.
Gegen seine Alkoholsucht.
Gegen die Alpträume die ihn stundenlang gelähmt vor Furcht ans Bett fesselten."


Die Verantwortlichen müssen endlich genannt werden und zur Rechenschaft gezogen werden!
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Valerie schrieb am 27.11.2019
Liebe Melanie, wenn du dich mit anderen aus dem Hamburger Kinderheim vernetzen möchtest. Dann melde dich doch über verschickung_hamburger_kinderheim_wyk_föhr@mail.de
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Valerie schrieb am 27.11.2019
Du liebe Silke, du. Ja, es stimmt! Das Lied haben wir sogar am Samstagabend in der Friesenkate auf Sylt gegröhlt. Ich bin froh, dass ich auf Sylt war. Die Solidarität untereinander tut so gut. Liebe Grüße zur dir
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Bettina schrieb am 27.11.2019
Hallo, vor Kurzem fiel in einem Beitrag (Fernsehen?) das Stichwort "Verschickungskinder" und heute las ich in der Tagespresse einen Bericht.
Auch ich gehöre zu diesen "Verschickungskindern". Ich bin 1962 geboren. Meine erste Erfahrung war vor der Einschulung, mit 4 oder 5 Jahren. Damals war es Bad Rappenau. Das 2. Mal 1968/1969 der Ponyhof in Schönau / Berchtesgaden.
Wie bereits schon oft beschrieben, die Vorbereitung der Kleidungsstücke etc. Meine Mutter war alleinerziehend. Manchmal denke ich, dass ich verschickt wurde, damit sie Zeit für sich hatte. Ich war von Klein auf in einer täglichen Betreuung, Tagesfamilie, Kindergarten, Hort.
Unterordnen, anpassen, nicht unangenehm auffallen war lange wichtigster Punkt in meinem jungen Leben. Zum Teil hat das Auswirkungen bis heute. Erst langsam befreit man sich aus diesen unbewussten Zwängen.
Die Erinnerungen an die Erholungsheime sind sehr wage. Aber es gibt kein gutes Bauchgefühl.
Aber das Foto mit den Pony ist sehr präsent. Die Schifffahrt über den Königssee ist mir noch in Erinnerung geblieben. Postkarten schreiben, das Mehrbettzimmer mit der rot-weiß-karierten Bettwäsche. Nachts zur Toilette, schauen, dass es keiner mitbekommt. In der Toilette schwirrten die Nachtfalter, weil dort das Licht immer brannte. Man hat sich nicht wohl gefühlt.
Von Bad Rappenau habe ich eine Erinnerung, dass in einer Lichtung beim Haus, umringt von hohen Tannen ein Pool stand. Der war aber nur den Mitarbeitern vorbehalten. Ich weiß noch, dass ich häufig hingefallen bin, immer mit dem Knie auf die gleiche Stelle. Da kam Jod drauf, ein Verband, das war's.
Menschliche Nähe war in beiden Aufenthalten Mangelware. Zu Hause nicht gewünscht, dort nur verwahrt. Und dann soll man zu einem seelisch stabilen Erwachsenen heranwachsen.
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Heidi Wolter schrieb am 27.11.2019
Liebe Sylvia, leider haben ich so gut wie keine Kinderfotos, von Westerland gar keine. Nur ein paar wenige Briefwechsel aus den späteren Jahren. Wie alt warst du damals? Anfang der 60er gab es verschiedene Unterkünfte für uns, später einen sehr grossen Bau von der LVA. Ich kann heute leider niemanden mehr nach damals fragen. Hast du noch Kontakt zu Eltern oder Geschwister, die vielleicht etwas wissen? Du hast Recht, so sehr mich immer Nord-und Ostsee anziehen, kann ich nach Sylt nicht fahren? Ich lebe östlich von HH, war in HH geboren und aufgewachsen. Ich bin schockiert, wenn ich diese Berichte hier lese.....ich scheine es irgendwie verdeckt zu haben, aber das ganze Thema berührt mich unangenehm und sehr tief?Liebe Grüsse Heidi
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Stephan schrieb am 27.11.2019
Hallo Marion, schau bitte auch unter Heimort-Vernetzung.
Dort gibt es einen Kontakt.
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Petra schrieb am 27.11.2019
Ich wurde im Jahr 1957 mit 5 Jahren zusammen mit meinem Bruder nach St. Peter Ording verschickt.
Meinen Bruder habe ich in den 5 Wochen nur einmal aus weiter Ferne gesehen. Jungen und Mädchen wurden getrennt. Bei mir zäher Keuchhusten. Ich habe auch alles sehr traumatisch in Erinnerung, wenn man überhaupt von deutlicher Erinnerung sprechen kann. Auch bei mir blieb der Speisesaal in Erinnerung und mit mir weinende KInder vorallem auf der Toilette. Wahrscheinlich sonst verboten worden. Lebertran unter Zwang gehörte dazu. Ich hoffe und weiß es nicht mehr im Nachhinein, dass mir wenigstens mein Teddy geblieben ist ! An Päckchen, die man persönlich nicht bekam, kann ich mich auch noch erinnern. Schlafsaal mit angelehnten Türen und Licht im Gang, wo Schritte zu hören waren. Lange Spaziergänge am Strand im Sommer sicher nett, aber es war Winter. Uns wurde vorgelesen, an Spielsachen kann ich mich auch nicht erinnern. Mittags mussten wir schlafen und durften nicht blinzeln, obwohl die alte Nähmaschine ratterte.
Ich bin noch mal nach Wyk auf Föhr verschickt worden, weil ich keine gute Esserin war, insofern können sich Erinnerungen mischen .Ich glaube, meine Eltern haben mir irgendwie geglaubt, aber manchmal wurde scherzhaft gefragt, oder möchtest du da wieder hin? !!!
Ich finde es gut, dass endlich darüber gesprochen wird. Habe zufällig noch mit 2 Personen im näheren Umfeld über gemeinsame Erfahrungen gesprochen, davor dachte ich wirklich, ich wäre
Einzelfall.
Petra
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Silke schrieb am 27.11.2019
"Wir lagen vor Madagaskar/ und hatten die Pest an Bord./ In den Fässern, da faulte das Wasser,/ und täglich ging einer über Bord./ ...Ade, kleines Mädel, ade, ade..." Vielsagend. Kein Wunder, dass sich viele von uns damit identifizieren konnten...
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Silke schrieb am 27.11.2019
Ich wurde 1973 mit 10 Jahren für sechs Wochen von Nordrheinwestfalen ins Kinderkurheim Kiebitzdelle auf Borkum verschickt. Solchen Foltermethoden, von denen viele Verschickungskinder berichten, war ich nicht ausgesetzt, und dennoch leide ich bis heute unter den Folgen des erdrückenden Systems und der persönlichen Demütigungen. Ich bekam außerdem die Behandlung einer Fünfjährigen mit, die Heimweh hatte, und wurde in deren Abwertung verwickelt.

Nach dem Kongress auf Sylt habe ich plötzlich zwei meiner Briefe aus dem Heim gefunden. Sie lösten noch einmal einen Erinnerungs-Schub aus, obwohl sie - oberflächlich gesehen – wenig mit meiner bedrückenden Erinnerung gemein haben: Ein Zauberer muss dort gewesen sein, es gab viele Tiere rund um das Haus, wir wurden auf eine Inselrundfahrt mitgenommen und gingen ins Wellenbad. Ich erinnere mich dagegen an viele Details, die den Aufenthalt für mich zu einer persönlichen Tortur machten:

Zunächst einmal ist es seltsam, dass ich überhaupt auf so eine „Kur“ geschickt wurde, denn bei Familienurlauben an der Ostsee haben wir immer mal Gruppen von Verschickungskindern mit Schildern um den Hals gesehen, die von meiner Mutter als bemitleidenswert betrachtet wurden. Als es bei mir so weit war, schien das aber ganz etwas anderes zu sein. Was genau der Grund für die Kur war, weiß ich nicht mehr, ich glaube, dass ich vorher eine Mandeloperation hatte. Ansonsten war ich nicht besonders oft krank, auch nicht unter- oder übergewichtig.

Mit meinen zehn Jahren kannte ich Jugendfahrten von Kirchen-Freizeiten und hatte vorher nie mit Heimweh zu tun. Meine Mutter hatte mir die Kur als einen tollen Urlaub in den Dünen ausgemalt, und ich hatte mich darauf gefreut. Beim Kofferpacken war ich in freudiger Erwartung. Ich weiß, dass wir für ein neues weißes Sweatshirt mit einem Mickeymouse-Aufdruck einpackten und dass ich eine eigene Dose Nivea-Creme bekam. Außerdem lernte ich extra noch, meine langen Zöpfe selbst zu flechten. Mein Vater gab mir eine alte Armbanduhr mit auf die Reise, auf der man das Datum ablesen konnte. Die wollte ich verwenden, um in einem Tageskalender für meine Mutter die Erlebnisse auf Borkum aufzuschreiben. Ich war fröhlich auf der Zugfahrt, fühlte mich groß und unabhängig und saß stolz im Abteil mit einer Gruppe gleichaltriger Jungen, die auch nach Emden zur Fähre fuhren. Ein Schild um den Hals mussten wir nicht tragen.

Mein Fall von dem Höhenflug begann bei der Ankunft im Heim, als die Anzahl der Jungen und Mädchen jeweils in der Mitte in „Große“ und „Kleine“ eingeteilt wurden. Ich lag altersmäßig auf der Mitte und kam in die Gruppe der „kleinen“ Mädchen. Diese Zuordnung hatte eine Reihe von Einschränkungen zur Folge, die mich in den nächsten Wochen immer weiter in eine Haltung von Scham, Schuld und Angst hineinbrachten:

1. Die „kleinen Mädchen“ mussten vor dem Abendessen den Schlafanzug anziehen und so zurück in den Essensraum kommen – gleich am ersten Abend schämte ich mich fürchterlich, denn die Jungen, mit denen ich vorher im Zug gesessen hatte, saßen nun am Nebentisch komplett angezogen. Hätte ich doch wenigstens einen Bademantel gehabt wie einige Andere! Aber der hatte nicht auf unserer Liste gestanden, an die meine Mutter sich genau gehalten hat. Ich fühlte mich total entblößt mit meinem Schlafanzug im Essenssaal.
2. Die „kleinen Mädchen“ durften sich ihre Wechsel-Sachen nicht selbst aus dem Schrank nehmen, der auch im Flur entsprechend erhöht war. Unsere „Tante Elisabeth“ stand einmal die Woche auf der Leiter, um uns nach ihrem Geschmack etwas für die Woche auszusuchen, und wir bettelten von unten um unsere Lieblingsstücke – ich immer wieder um mein neues weißes Sweatshirt. Ich bekam es erst in der letzten Woche.
3. Das Schlimmste aber war das Duschen, für das wir nackt aus unseren Zimmern über den Flur laufen mussten. Dort wurden wir dann von der Tante abgeduscht. Ich erinnere mich noch, wie ich beim ersten Mal mit einem anderen Mädchen im Zimmer hockte und wir uns nicht trauten, das Zimmer nackt zu verlassen. Die Tür zum Essenssaal stand offen und auf der andern Seite war der Jungenflur. Überhaupt waren wir von zu Hause nicht gewöhnt, außerhalb des Badezimmers nackt herumzulaufen. Aber es half nichts. Wir sollten uns nicht „so anstellen“ und wir mussten uns überwinden. Aus Spaß stellte Tante Elisabeth dann auch schon mal das Wasser kurz kalt und freute sich über unser Geschrei, aber das nur nebenbei.

Die Gruppenleiterinnen waren gar nicht so alte harte Frauen wie die, von denen andere Verschickungskinder berichten. Im Gegenteil, unsere „Tante Elisabeth“ war sogar noch sehr jung und fröhlich – gut möglich, sie machte diese Gruppenleitung der „kleinen Mädchen“ als Ferienjob. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn es ehemalige Verschickungskinder gäbe, die sie positiv in Erinnerung haben. Irgendwie wirkte sie ganz lässig, und ich bewunderte zum Beispiel auf unseren Strandwanderungen ihre coolen „Boots“ – habe wohl diese Bezeichnung sogar da zum ersten Mal gehört. In meinen Briefen spreche ich seltsamerweise von „Frl. Elisabeth“ oder nenne sie sogar mit Nachnamen, aber ich weiß genau, dass wir sie im Heim „Tante“ nannten. Wahrscheinlich war es mir gegenüber meinen Eltern peinlich, dass wir so „kindisch“ behandelt wurden. Ich erinnere mich jetzt auch, dass mir später die Tanten-Bezeichnung mal rausgerutscht ist und meine Mutter sich darüber wunderte.

Die Creme, die auf meiner Einpackliste gestanden hatte, wurde schon am Anfang eingesammelt. Ich kam ja überhaupt an meinen Koffer und meine persönlichen Sachen gar nicht mehr heran. Immer vor dem Schlafengehen kamen wir in einem der Zimmer zusammen; dann (oder nur nach dem wöchentlichen Abduschen?) suchte Tante Elisabeth sich in unserem Beisein die Creme aus, auf die sie Lust hatte. Das war auch immer mit einer gewissen Wertigkeitszuschreibung verbunden. Aus der ausgesuchten Cremedose tupfte sie uns allen Punkte aufs Gesicht. Weil das so lustig aussah, knotete sie bei mir dazu noch die Haare über dem Kopf zusammen, damit alle etwas zu lachen hatten, und experimentierte überhaupt ganz gerne mit meinen Haaren herum. Im ersten der beiden wiedergefundenen Briefe schreibe ich meiner Mutter, dass ich mit dem „Kämmen“ zurechtkäme und „Frl. Elisabeth“ mir einen Zopf flechten würde; das sei „auch gut“. Ich weiß aber noch genau, dass ich die Zöpfe selbst flechten wollte, wie ich es geübt hatte, und das nicht durfte. Offenbar waren wir der Tante als Spielpuppen überlassen worden.

Das jüngste Mädchen in meiner Gruppe war erst fünf Jahre alt und ich erinnere mich sogar an ihren Namen. Sie war die erste Zeit mit mir in einem (Dreibett-?)Zimmer und hat immer geweint. Deshalb nahm man ihr zur Strafe das Schmusetier ab – einen Frosch, von dem ich auch noch eine genaue Vorstellung habe. Wir anderen wurden in einer Art Gruppensitzung informiert, J. würde nur deshalb dauernd herumheulen, weil sie zuhause schrecklich verwöhnt würde; das sei widerlich, deshalb könnte sie sich hier nicht einfügen und man müsse ihr das abgewöhnen. Wir sollten uns auf keinen Fall um sie kümmern, denn sie wolle nur Aufmerksamkeit und dürfe nicht immer ihren Willen bekommen, dann höre das nie auf. Sie weinte also nächtelang in unserem Zimmer und wir trösteten sie nicht. Man hatte uns zu Mittäterinnen gemacht. „Trotz“ dieser Abhärtungskur hörte J. nicht auf zu weinen, wurde krank und dann tatsächlich abgeholt. Ich sah ihre Eltern am Eingang und fragte mich die ganze Zeit, wie ich das auch schaffen könnte, aber man durfte ja nicht „verwöhnt“ wirken.

Mir selbst wurde ziemlich schnell die geliebte Uhr (Zeichen meiner Größe und Unabhängigkeit) abgenommen, weil ich sie zweimal im Waschraum vergessen hatte. Auch hier half kein Flehen, dass ich sie doch dringend zum Tagebuchschreiben bräuchte – ich sollte lernen, dass man nichts liegenlassen darf und bekam sie erst zur Abreise nach sechs Wochen zurück.

Beim wöchentlichen Schreiben der Briefe und Postkarten nach Hause wurde uns gleich mitgeteilt, dass die Post kontrolliert würde und wir nichts Schlechtes schreiben dürften, um unsere Eltern nicht traurig zu machen. Die Umschläge mussten offengelassen werden. Immer überlegte ich, wie ich beim Spaziergang einen Hilferuf an meine Eltern in einen Briefkasten werfen könnte, aber ich hatte ja nicht einmal eine Briefmarke und schon gar kein Geld (unser gesamtes Taschengeld wurde am Anfang eingezogen). Außerdem wollte ich eigentlich auch meine Eltern nicht so enttäuschen und schrieb selbst in das Tagebuch für meine Mutter nur Belanglosigkeiten über nette Dünenspaziergänge. Bei den frühen Zubettgehzeiten und während der „Mittagsschläfe“ war ja genug Zeit zum Nachdenken, aber ich kam trotzdem nicht dahinter, warum es mir überhaupt so schlecht ging.

Wegen der Peinlichkeit mit dem Schlafanzug riskierte ich in einem Brief die wohlüberlegte Bitte, mir doch einen Bademantel zu schicken, weil mir abends kalt sei. Dieser kam aber nicht. Meine Mutter erzählte mir später, sie habe im Heim angerufen, man hatte ihr aber versichert, es sei warm genug im Essensraum, was ja auch stimmte. Mit mir sprechen durfte sie nicht. Mein zweiter wiedergefundener Brief beginnt gleich mit der erneuten Bitte um den Bademantel, jetzt schon flehentlich, fast anklagend. Überraschend, dass auch dieser Brief durch die angekündigte Zensur gegangen ist. Es geht daraus auch hervor, dass meine Mutter mich wohl auf eine Trainingsjacke verwiesen hat – diese war aber in meinen Sachen nicht mehr auffindbar.

Wirklich schlimm und traumatisch für mich wurde ein Dünenspaziergang, bei dem „Tante Elisabeth“ angeblich etwas vergessen hatte und ich es holen sollte – ein Vorwand, wie sich zeigte. Als ich zur Gruppe zurückkam, sagte sie, sie habe in der Zwischenzeit mal mit den anderen über mich gesprochen, weil ich ja gar keine Freundin gefunden hätte und mich so schlecht einfügen würde. Sie hätte die anderen mal gefragt, was sie an mir stört. Was ich denn selbst denken würde, was der Grund dafür sei. Ich wusste darauf nichts zu sagen, denn mir war gar nicht aufgefallen, dass ich „keinen Anschluss“ hatte. Die Tante meinte jedenfalls, irgendetwas sei eben „komisch“ mit mir. Und ich sollte mal darüber nachdenken. Das tat ich dann auch - die nächsten Jahre meines Lebens – vorerst aber bemühte ich mich um die anderen Mädchen, um nicht mehr weiter dem Vorwurf der Freundinnenlosigkeit ausgesetzt zu sein. Meine angebliche Seltsamkeit sollte wenigstens nach außen kaschiert werden. In meinem zweiten Brief nach Hause zähle ich lang und breit alle Namen der Mädchen auf, mit denen ich angeblich „befreundet“ sei, und wie nett alle wären.

Meine Mutter hatte sich einfach strikt an die Anweisung der BEK gehalten, keine Pakete zu schicken. Deshalb bekam ich auch zu Ostern kein Paket wie die meisten anderen Kinder. Im Essensraum zu sitzen und beim Auspacken zuzusehen, war schrecklich. Bisher hatte ich mich immer behütet gefühlt, und nun sah es so aus, als würde sich niemand um mich kümmern. Die Kinder mit Süßigkeiten mussten uns armen unversorgten Kindern etwas abgeben – als ob es bei diesem Problem um Naschereien gegangen wäre. Die Almosen machten die Scham nur noch schlimmer. Dabei hatte meine Mutter mir das mit den Paketen erklärt, ich wusste, dass ich nicht einfach vergessen worden war. Das Schlimme war die Erniedrigung vor der Gruppe. Erst nach Wochen kam endlich doch noch eine Reisetasche mit dem Bademantel an – und auch einigen versteckten Süßigkeiten, die ich nun im Zimmer teilen konnte.

Einen weiteren Einbruch für meine Kinderseele gab es, als aufflog, dass ich an meinem Bett die Tapete abgerissen hatte. Ein ganzer Haufen kleiner Fetzen wurden beim Putzen darunter gefunden. Die Tante machte bei der Strafpredigt keinen Hehl aus ihrer Vermutung, dass dies als ein weiteres Zeichen für meine angebliche Seltsamkeit oder geradezu Gestörtheit zu werten sei. Ich begann nun auch selbst daran zu glauben, obwohl ich in der Schule nie irgendwie auffällig gewesen war.

Bei einem der letzten Abendrunden in einem der Schlafräume kam es zu einer ähnlichen Ansprache wie bei dem Dünenspaziergang. Schon öfter war uns mit einem „Bericht“ an unsere Eltern gedroht worden, der über jede von uns geschrieben werden würde. Nun war die „Kur“ bald zu Ende – aber kein Grund zum Aufatmen! Ich sollte zuerst wieder selbst sagen, was Tante Elisabeth wohl in meinen Bericht schreiben würde. Immerhin konnte ich ja inzwischen Freundinnen vorweisen. Aber das Vergessen der Uhr, das Abreißen der Tapete und die Lüge wegen des Bademantels wurden dennoch als Anzeichen dafür dargestellt, dass ich mich nicht in Gruppen einfügen könnte – jedenfalls behauptete die Tante, dass sie das so schreiben würde. Wochenlang hatte ich nach meiner Rückkehr Angst vor diesem Bericht – Anpassung war auch bei uns zu Hause ein hoher Wert. Dabei haben meine Eltern diesen Bericht (angeblich) nie erhalten.

Zu guter Letzt musste ich meine Eltern auch noch um eine Nachzahlung meines Taschengelds bitten, weil ich wohl beim Andenkenkauf zu viel davon ausgegeben hatte – ohne es selbst in Händen gehalten zu haben und ohne über vorherige Ausgaben informiert worden zu sein. Dennoch wurde mir diese Fehlorganisation von den Tanten als erneutes peinliches Versagen meinerseits verkauft, und ich war auch inzwischen so weit, das sofort anzunehmen.

Obwohl ich zu Hause niemals erzählte, wie es mir tatsächlich ergangen war – weil ich ja dachte, ich sei alles selbst schuld gewesen – müssen meine Eltern mir etwas angemerkt haben. Auch meine jüngere Schwester erinnert sich an die Familien-Erzählung, dass sie wegen meiner „schlechten Erfahrung“ auf Borkum selbst nicht zur Kur geschickt worden ist.
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Silke schrieb am 27.11.2019
Liebe Susan, hast du gesehen, dass wir uns hier auch nach Heimorten vernetzen können? Für Timmendorfer Strand steht dort (noch) keine Heimort-Verantwortliche, soweit ich sehe, aber für andere Orte an der Ostsee. Vielleicht willst du ja mitmachen. Silke
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Jens Rothfuss schrieb am 27.11.2019
Warum sollte man solch einen unsäglichen Kommentar dadurch aufwerten, dass man ihn Ernst nimmt und weitere Worte darüber verliert. Dieses aufgemachte Fass macht diesen JüJü ja sprachlos. Somit ist ja Gott sei Dank nicht noch mehr intellektueller Dünnpfiff von ihm zu befürchten.
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Susan Mattner schrieb am 27.11.2019
Hallo, mein Name ist Susan,ich wurde 1966 wegen unterernährung nach Timmendofer Strand verschickt. Soweit ich mich erinnern kann war noch ein Junge namens Andre ,der mit mir zusammen im Kindergarten in Hamburg Jenfeld war mit verschickt.
Auch ich habe keine guten einnerungen an diese 8 Wochen. Morgens gab es haferschleim ,der bei verweigerung,zwangsverabreicht wurde. Ich kann bis heute den Geruch nicht ertragen .wir wurden nachts im Schlafsaal eingesperrt mit zwei Nachttöpfen in der mitte ,wer eingenässt hat wurde in einer Wanne mit kaltem Wasser abgedutscht und alle anderen Kinder mussten zu sehen.wir haben eine Nacht im der Toilette eingeschlossen,weil wir vorher noch einmal auf die Toilette gehen wollten .
Wenn wir an den Strand gegangen sind mussten wir singen, damit jeder sehen konnte wie gut es uns ging.Auch wir haben in der Zeit keine Post oder ähnliches von unseren Eltern bekommen ,nur zu Ostern wurden Geschenke in die Betten gelegt .
Ich hatte und habe bis heute Probleme in geschlossenen Räumen zu sein .Meine Mutter hat mir irgendwann die erlebnisse geglaubt und mir versprochen mich nicht mehr zu verschicken .Gibt es noch jemanden, der ebenfalls in Timmendorf /Ostsee seine Zeit verbringen musste ? Ich war als erwachsene noch einmal dort ,da war aus dem Heim ein Altenpflegeheim geworden.
Es tut gut zu wissen, das man nicht alleine ist,obwohl die ganzen erlebnisse so furchtbar sind.
Susan
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Ivy schrieb am 27.11.2019
1970, mit 2 1/2 Jahren war ich zum ersten Mal in Norderney, Seehospiz für die Dauer von 3 Monate. Es fehlt mir der Mut, an dieser Stelle aufzuschreiben, wie einschneidend nicht nur die Verschickung an sich sondern auch die markerschütternden Erlebnisse waren. Meine Kinderseele wusste schließlich nicht mehr, wem oder was sie vertrauen konnte und ein Teil hat eigentlich nicht wieder von der Insel zurückgefunden.

Ich hatte immer das Gefühl, als krankes Kind von meinen Eltern bewusst in eine Art Erziehungslager geschickt zu werden. Als wenn irgendein Zusammenhang bestehen würde zwischen Krankheit und mangelnder starker Hand. Auch die Diakonissen vor Ort waren frei von grundlegenden Instinkten, was ein Kind gesund macht und was es krank macht.
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Thomas schrieb am 27.11.2019
Als ich von dieser Aktion erfuhr, habe ich mich an ein Ereignis in meiner Kindheit erinnert: es muss wohl im Sommer 1959 gewesen sein, als bei uns zu Hause eine Art Betreuungsnotstand entstand. Ich war 6 oder knapp 6 Jahre alt und meine Mutter im 7. oder 8. Monat schwanger mit meinem jüngsten Bruder, meine Schwester war zu dem Zeitpunkt 4. Wir wohnten in einem Dorf am Rande von Freiburg im Elternhaus meiner Mutter zusammen mit meiner Großmutter (damals 71). Landwirtschaft gab es zwar keine mehr, allerdings waren Großmutter und Mutter in den Sommermonaten stets im riesigen Garten hinter dem Haus tätig , wo sämtliches Gemüse und Obst angebaut und im Wortsinne beackert wurde.
Mein Vater war tagsüber auf Arbeit. Familienprobleme gab es keine; ich wuchs sorglos im klassischen ländlichen Idyll auf. An den wahren Grund meiner "Verschickung" in ein "Kinder-Erholungsheim" im Nordschwarzwald kann ich mich nur vage erinnern bzw es nachvollziehen, auch Nachfragen bei meiner Schwester verlief ergebnislos; sie war zu jung damals.
Ich erinnere mich, dass ich mit meinem Vater rund anderthalb Stunden durch den Schwarzwald nach Bad Rippoldsau gefahren bin, wo ich 6 Wochen in diesem Erholungsheim verbrachte, das mir in der schwachen Erinnerung eher wie eine Klinik vorkam.
Ich fand mich inmitten von hypernervösen Kindern aus dem Ruhrgebiet wieder; wir schliefen in einem Schlafsaal mit ca 20 Betten oder mehr (keine Doppelstockbetten), und ab und zu bekamen wir eine Injektion in den Hintern - keine Ahnung, ob es sich um ein Medikament oder um Placebo handelte. An Auswirkungen kann ich mich nicht erinnern. Meine Erinnerungen an diesen Aufenthalt beschränken sich auch auf die wenigen Fetzen, die ich hier beschreibe. Es gab wohl auch "renitente" Kinder, die irgendwie bestraft wurden, aber ich kann mich an keine Details mehr erinnern.
Ich erlitt vermutlich eine Art Mini-Trauma, das mich glücklicherweise nicht länger verfolgte. Allerdings kam ich gewissermaßen "beschädigt" zurück nach Hause: Ich war nervös und plapperte komisches Zeug im Ruhrpott-Dialekt, was meine Spielkameraden aus der Nachbarschaft einigermaßen verstörte (und meine Eltern ebenfalls), schließlich sprachen wir auf dem Dorf alemannischen Dialekt. Eine der von mir geplapperten Formeln war "Spritze jekricht, Spritze jekricht" oder "Düsenjäger, Düsenjäger".

Den Sinn des Aufenthaltes der anderen Kinder habe ich mir (eher im Nachhinein) so erklärt, dass diese aus einer großstädtischen Umgebung mit schlechter Luft (Ruhrgebiet) zur Erholung dort waren.
Ich erinnere mich noch, dass der Abschied meinem Vater damals schwer an die Nieren gegangen ist und er mir Jahre später sagte, dass das ein furchtbares Erlebnis für ihn war. Ähnlich betroffen reagierte meine Mutter, wenn ich viele Jahre später eher scherzhaft diese Verschickung in ironischer Meiner thematisierte. Ich habe meinen Eltern nie einen Vorwurf gemacht deswegen. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang unbedingt, dass mich meine Eltern dort gut aufgehoben glaubten, da die Schwester meiner Mutter in Bad Rippoldsau als Ordensschwester lebte und ein Auge auf mich werfen sollte. Meiner Erinnerung nach habe ich sie in der ganzen Zeit dort selten gesehen, geschweige denn ein "sich Kümmern" erlebt. Diese meine Tante war ein sehr spezieller Fall von Weltabgewandheit und fast schon religiösem Wahn, der aus dem katholischen Elternhaus meiner Mutter gewachsen ist; sie ging bald darauf als Missionsschwester nach Indonesien, wo sie mindestens 10 Jahre blieb. Meine Sozialisation in dieser Hinsicht hat mich sicher 100.000mal mehr geprägt als diese 6 Wochen im Schwarzwald. Man war, wie man das damals bezeichnete "gut katholisch" LOL, was bei mir später eine radikale Zuwendung zu linker Politik zur Folge hatte.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich im Gegensatz zu den meisten hier beschriebenen Schicksalen keinen Schaden erlebt und davon getragen habe, wollte aber meine Geschichte hier loswerden, auch weil mich Anja Röhl dazu anregte.
Ich wünsche allen hier Versammelten nur das Beste für den Rest ihres Lebens!
Thomas
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Anja G. schrieb am 26.11.2019
Hallo in die Runde,
ich habe lange hin- und her überlegt, ob ich mich hier melde, da ich mich a) an viele Jahre in meiner Kindheit so gut wie gar nicht erinnere und b) zumindestens meine letzte Reise ohne Eltern wohl keine klassische Verschickung war. Nach dem wenigen, das ich so zusammen gepuzzelt bekomme, war ich außerhalb der Schulferien und nicht mit meiner Schulklasse über einen längeren Zeitraum im damaligen Bismarckheim in Wennigstedt/Sylt. Das müsste ca. 1975 gewesen sein. Das Haus war damals in Trägerschaft von ein oder zwei Hamburger Schulen, meine war definitiv nicht dabei. Daher ist mir sehr schleierhaft, warum und wie ich überhaupt dahin gekommen bin. Leider kann oder will sich aber niemand aus meinen familären Umfeld daran erinnern.
An die Zustände dort kann ich mich aber recht genau erinnern, und die waren nicht anders als die hier geschilderten. Beispielsweise hatte mich eine Nachtwache auf dem 'Kieker', so dass ich Nacht für Nacht aus meinem Schlafsaal geholt wurde, mein Bettzeug in einer bestimmten Art vor der Brust falten musste und barfuss über einen Steinfussboden 'wandeln' musste. 'Anja, geh wandeln', an diesen Satz geht mir noch heute in blöden Situationen durch den Kopf. Habe ich mich hingesetzt, wurde die Strafe verlängert. Bis ich dann irgendwann durchgefroren ins Bett kam, der Aufenthalt muss irgendwann im November/Dezember gewesen sein. Ob ich die Verursacherin von Lärm war, war übrigens egal.
Beim Essen musste ich stets sitzen bleiben, bis ich alles aufgegessen habe. Bei Widerworten (auch so ein Begriff von damals) wurde der Teller wieder aufgefüllt. Auch an die eklige Milch mit Haut, die ausgetrunken werden musste, erinnere ich mich mit Grauen. Die Beschimpfungen (bockig, verstockt usw.) waren dann nur noch Beiwerk.
Danach ab in Schulraum, während der Rest der Gruppe draußen spielen durfte.

Ich war in diesem Heim mindestens zweimal, davor u.U. in einem anderen Heim auf Sylt in klassicher Verschickung.

Mich würde es sehr interessieren, ob sich noch andere LeserInnen an diese besondere Form der Verschickung erinnern.

Die Initiatoren dieser Seite und des Kongresses möchte ich meinen höchsten Respekt und Dank aussprechen.
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Jott74 schrieb am 26.11.2019
Ja, gab es. Siehe mein Beitrag vom 25.11.2019
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Xyzxyz schrieb am 26.11.2019
1961 gab es diese Milchnudeln auch im Kinderheim Hans im Glück in
Westerland, täglich und es waren labbriggekochte Makkaroni, ohne Geschmack und Würze.
Hatte man erst einmal den ganzen Nachmittag damit im Speisesaal verbringen müssen, dann gab es nur ein Bestreben, irgendwie und irgendwo rechtzeitig entsorgen. Wir haben sogar draußen Papier gesammelt, da kamen am Tisch die Nudeln rein, versteckt im Pulloverärmel.
Die Milch verschwand im Blumentopf. Ein richtig ausgefeiltes System und so
würdelos. Was hätten Erzieher und Kinder nicht alles mit der Energie machen können, wirklich kreatives, lehrreiches. Stattdessen übten die einen
sinnlose Gewaltherrschaft aus und die anderen (wir älteren Kinder/10) suchten Auswege.
Komplettierte Dummheit und Dumpfheit und Beschädigungen - mehr ist von Gewalt ja nie zu erwarten.
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Christiane schrieb am 26.11.2019
Lieber Jürgen Jürgensen,
Sie haben fünfmal „ja“ geschrieben. Versuchen Sie mal, sich diese Szenen, die Sie vielleicht nur beobachtet haben und Ihre dazugehörigen Gefühle vor Augen zu führen. Nicht aus Ihrer heutigen Sicht, sondern in dem Sie sich hineinfühlen in Ihr damaliges kindliches Erleben.
Bei der Aufarbeitung dieser Themen durch die geplante selbstbestimmte Forschung soll es darum gehen, Zahlen und Fakten zusammenzustellen, eine historische Einordnung vorzunehmen, organisatorische und personelle Strukturen darzulegen, die dafür verantwortlich waren und daran viel Geld verdient haben und, aus meiner Sicht, klar zu machen, wie diese Erziehungsprinzipien bis heute fortwirken können. Wenn wir sie uns nicht bewusst machen, und zwar im eigenen Denken und Handeln, geben wir dieses Denken, das Handeln und das Verleugnen von Unrecht (eine kindliche Reaktion aus Ohnmachtserleben heraus) an die nächste und übernächste Generation weiter.
Ich empfehle die Lektüre der Schriften von Sigrid Chamberlain. Und die nächste Sendung von Report Mainz (3.12.19).
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Walter schrieb am 26.11.2019
Hallo zusammen,
1972 wurde ich im Alter von 6 Jahren in die Einrichtung 'Haus Sonnenschein' verschickt. Aufgrund einer chronischen Bronchitis und eines schwächlichen Gesamtzustand hielt unser 'Halbgott in Weiß', Dr. Wortberg - ein bis zuletzt überzeugter Nationalsozialist - es für angemessen, mich für sechs Wochen nach Langeoog zu verschicken - natürlich ohne jeden Kontakt zu meinen Eltern oder Geschwistern. In meiner Erinnerung ist es so, als hätte ich sechs Wochen nur geweint. Da ich mich regelmäßig einnässte, wurde mein Bett zur Strafe nachts auf den Flur geschoben, wo ich die Nacht in meinem nassen Bett verbringen musste. Vor jeder Mahlzeit wurden wir gezwungen ein Glas Salz- oder Meerwasser zu trinken, sonst bekamen wir nichts zu essen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in den gesamten sechs Wochen auch nur ein einziges liebevolles oder tröstendes Wort gab. Und noch schlimmer: Es gab auch keine Freundschaft oder Nähe unter den Kindern, da wir alle nur damit beschäftigt waren, unsere Haut und unsere kleinen Seelen zu retten. Erwähnen sollte ich vielleicht noch, dass es sich um eine katholische Einrichtung handelte und unter den 'Betreuerinnen' auch Ordensschwestern waren. Für mich als Kind war es unbegreiflich, wie Menschen, die von Gottes Liebe und Nächstenliebe faseln, solche Sadisten und Folterknechte sein konnten. Ich bin heute 53 Jahre und habe immer noch furchtbare Erinnerungen an die Zeit. Aber ich habe mich entschieden, dass ich mir von diesen Unmenschen nicht mein Leben versauen lasse. Ich bin glücklich mit einer toller Frau verheiratet, habe drei großartige Kinder, eine starke Familienbande und viele gute Freunde. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte den Verantwortlichen gegenübertreten, ihnen in die Augen schauen und sie fragen 'warum?' Was für Menschen seid ihr, dass ihr den Schwächsten der Schwachen so etwas antun konnten? Und dann würde ich ihnen sagen, dass sie es NICHT geschafft haben. Sie haben mich NICHT gebrochen, sie haben mich NICHT kaputt gemacht. Nicht zuletzt wegen dieser Erfahrungen bin ich schon vor Jahrzehnten aus der katholischen Kirche ausgetreten und halte alle, die mir lieb sind, von dieser Institution fern. Trotzdem wünsche ich mir, es gäbe diesen Gott mit Jesus an seiner Seite, der auf dieses Sadistenpack wartet und in die ewige Verdammnis schickt.
Mein Appell lautet: Passt auf die Schwachen auf, passt auf eure Kinder auf, achtet auf sie, hört auf sie und glaubt ihren.
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Martina Tr. schrieb am 26.11.2019
Hallo, mein Name ist Martina. Ich bin Jahrgang 1964 und war 1970 oder 71 in Bad Soden Allendorf zur "Kinderkur", aufgrund meiner "schwachen" und "kränklichen" Verfassung. Ich nehme an, dass die Volkswagen-Betriebskrankenkasse mich dorthin geschickt hat. Meine Eltern brachten mich zu einem Bus (Treffpunkt VW-Werk Hannover?) auf der Fahrt sammelten wir noch weitere Kinder ein. Sechs Wochen war ich auf mich allein gestellt.
Es sind nur wenige Erinnerungen an diese Zeit, die allerdings in all den Jahrzehnten nicht verblasst sind. Einmal bin ich während der Mittagsruhe verbotenerweise auf die Toilette gegangen und erwischt worden. Ich erinnere mich an eine Backpfeife. Wir sind gewandert und mindestens einmal saß ich in einer Art Sole-Dampfbad. Meine Mutter hat mir später erzählt, dass meine Unterwäsche offensichtlich nie gewechselt, geschweige denn gewaschen wurde! Ich hatte eine Erklärung dafür, an die ich mich aber nicht mehr erinnere. Meine Eltern haben mir diese Erklärung nicht geglaubt. Nun sind sie leider schon verstorben.
Ich bin sehr daran interessiert, mich auszutauschen.
Viele Grüße
Martina
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Eva Zartmann schrieb am 26.11.2019
Waren Sie auch in Lindenberg im Allgäu im Eisenbahner Kinderheim?
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Eva Zartmann schrieb am 26.11.2019
Eisenbahnererholungs Kinderheim Lindau im Allgäu - Sommer 1964.
Ich feierte dort im Juli meinen 8. Geburtstag, deshalb erinnere ich mich gut an das Jahr.
In einer Nachbarkindergruppe war ein bettnässendes Mädchen, die brutal von der Kinderpflegerin an den Haaren aus dem Bett gezogen und laut beschimpft wurde - welche Strafe sie erhielt weiß ich nicht mehr.
Dieses Ereignis, bei dem unsere Gruppe zusah, war entsetzlich angstbesetzt und erschütternd. An dieses eine Mal erinnere ich mich ganz genau.
Und durch diesen Beitrag erhoffe ich mir, dass dieses betroffene Mädchen, Jahrzehnte danach, irgendeine Art von Wiedergutmachung erhalten kann. Das ist meine einzige Motivation, mich hier zu engagieren.
Ein älteres Mädchen (10 Jahre) stampfte mir jedesmal, wenn wir in der Schlange standen, brutal mit ihrem Fuß auf meine Füße. Obwohl ich es der Kinderpflegerin berichtete, wurde diese Schikane nicht eingestellt und ich hatte große Angst vor diesem Mädchen und versuchte ihr so gut es ging aus dem Weg zu gehen.
Einmal sprach ich im Traum und meine Schlafgenossinnen berichteten:
Ich sagte laut: "Schlag mir den Kopf ab!"
Als ich von meiner Mutter in Stuttgart nach 6 Wochen Kindererholungsheim auf dem Bahnsteig abgeholt wurde, wünschte ich mir einen Kaktus.
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Angela Covato schrieb am 26.11.2019
Hallo Xyzxyz, genau so einen Jungen hatte ich in meiner Gruppe, vielleicht auch mehrere. Ich erinnere mich an tröstende Gesten, heimliche Hilfestellungen, das Gefühl, nicht ganz alleine zu sein. Stellvertretend für alle „Großen“ möchte ich Dir herzlich danken.
Liebe Grüße Angela
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Tanja Spr schrieb am 26.11.2019
Im Jahre 1973 bin ich im Alter von 5 Jahren für 6 Wochen wegen Bettnässen verschickt worden. Das Problem sollte vor der Schule noch geheilt werden. Ich war vorher noch nie länger von Zuhause weg und schon gar nicht bei Fremden. Der Kontakt zu meiner Mutter wurde strikt untersagt, damit das Heimweh nicht noch schlimmer wird. Ich kann mich an nicht mehr viel erinnern, habe aber gefühlt 6 Wochen lang durch geweint. Jeden Abend vor dem Einschlafen habe ich mir eingeredet, dass alles nur ein Alptraum ist, und ich morgens in meinem Bett wieder aufwache. Das ist aber nicht passiert. Irgendwann hab ich einfach aufgegeben, nichts mehr gefühlt, nicht mehr geweint und mich damit abgefunden, dass der Alptraum nie endet. Irgendetwas in mir ist damals unwiederbringlich zerbrochen. Mittlerweile bin ich seit 3 Jahren (ich bin 51) wegen Depressionen berentet. Und ich bin mir sicher, dass damals die Grundlage für diese immer wieder kehrenden Depressionen gelegt wurde. Ich bin froh, dass überhaupt mal darüber geredet wird. Ich hatte immer das Gefühl ganz allein mit dem Erlebten zu sein.
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Regina K. schrieb am 26.11.2019
Diese Verschickungen gab es auf jeden Fall noch in den 90ern. Habe in einem Archiv zu einem bestimmten Kurheim recherchiert, welches 1993 geschlossen wurde.
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Silke schrieb am 25.11.2019
Ich bin jetzt auch direkt zu erreichen: verschickungskinder-sh@mailbox.org
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Doreen schrieb am 25.11.2019
Hallo.
Ich bin ein Verschickungskind.
Nach mittlerweile 12 Jahren Therapie,inhaltlich habe alle Therapieansätze durchlaufen die es gibt.
Mittlerweile stecke ich mitten in der Psychoanalyse.
Das erste Mal habe ich über "die kur" gesprochen.

Ich habe geheult. ich bin entsetzt.

und ich bin schockiert und gleichzeitig erleichtert.

ich bin nicht allein. es gibt sogar einen Begriff für "das Kind braucht mal frische Luft und muss aufgepäppelt werden ".

meine Mutter,so naiv wie sie auch war,hat mich tatsächlich in diesen Wahnsinn geschickt. mit 4!

kaltes Wasser,mit Strumpfhosen ans Bett gefesselt,mit Strumpfhosen Augen (nicht schlafen können) oder Mund ( geweint)zugebunden.
geschlagen,gedemütigt

es ging Postkarten nach Hause...von mir bemalt....."nein,wir schreiben nicht,du hast Heimweh. da geht es Mama nicht gut. wir schreiben,dir schmeckt das Essen aber zugenommen hast du noch nicht".

Ich bin so wütend. Ich hasse diese Menschen. Ich glaube,ich gebe meiner Mutter große Schuld.

ich hatte immer Angst,dass sie mich wieder wegschicken könnte. in die Hölle.

ich weiß nicht mehr wo ich war.
ich will Antworten für mich finden.
Wie. Das weiß ich noch nicht.

ich war nicht darauf vorbereitet,dass es "diese Gruppe" gibt,dass es überhaupt Leidgenossen gibt.

Ich bin jetzt 37 und ich habe mir eingeredet,es war bestimmt nicht so schlimm u meine Erinnerungen sind übertrieben u spielen mir einen bösen Streich.
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Roswitha Mahn schrieb am 25.11.2019
Hallo, ich bin Roswitha Mahn, Jahrgang 1948.
Mit fünf Jahren wurde ich eingeschult. Schon bald stellte meine Lehrerin fest, dass ich körperlich zu schwach war und das Schuljahr wohl nicht schaffen würde. Unsere Hausärztin veranlasste darauf hin, dass mein jüngerer Bruder und ich zur Erholung gechickt wurden.
Wir waren 1954 für 6 Wochen in Bad Sachsa und sollten in der Zeit zunehmen. Ich vermute, dass wir im Haus Warteberg waren, bin mir allerdings nicht sicher.
Im Gedächtnis haften geblieben sind mir die Mahlzeiten, die morgens hauptsächlich aus Haferflockensuppe bestanden, mit Wasser und groben Haferflocken gekocht. Wäre die Suppe mit Milch und ein paar Rosinen gekocht worden, hätte ich sie sicherlich nicht jedesmal ausgebrochen. So mußte ich das Erbrochene aufessen bis der Teller leer war. Gleichzeitig wurde ich von der "Tante", es war die Heimleiterin, beschimpft. Zuhause hätte ich so etwas Gutes nicht zu essen bekommen und hier würde ich es "auskotzen". Das hatte mich sehr gekrängt. Wie konnte sie das sagen! Wir hatten zuhause einen Obst- und Gemüsegarten, ein Hausschwein und Hühner. Ich musste dann auch in der Raumecke stehen, damit mich alle anschauen konnten. Es gab auch zwei Scheiben Brot, die für mich zuviel waren. So versteckte ich sie in meiner Hosentasche und habe sie beim Morgenspaziergang unterwegs heimlich verstreut. Alles in der Angst, die sogenannte Tante Begleitung könnte es bemerken.
Nach dem Mittagessen mußten wir täglich 2 Stunden auf dem Balkon schlafen. Das war für mich eine Strafe, ich hätte gern gespielt und herum getobt. Danach wurden wir wieder auf einen Spaziergang geführt, meist am Märchenpark vorbei.
Nach dem Abendessen ging es sehr früh ins Schlaflager. Es durfte kein Wort mehr gesprochen werden. Dieser Drill war die Hölle. Ich hatte Heimweh, wusste jedoch, dass ich 6 Wochen durchhalten musste.
Wenn ich meinen Bruder auf dem Spaziergang traf, durfte ich nicht mit ihm reden. Er hat natürlich jedesmal geweint, weil er Heimweh hatte. Das war auch für mich besonders schlimm, weil ich ihn nicht trösten durfte.
In den 6 Wochen hatte ich 8 Pfund zugenommen. Für die Heimleiterinwar es ein gutes Ergebnis!
Ich hatte mich wie eine gestopfte Gans gefühlt...
Ich habe versucht, alles zu vergessen, aber sobald jemand etwas über Haferflockensuppe erzählt, kommt alles wieder hoch.
Allerdings erinnere ich mich nach so vielen Jahren nicht mehr an wichtige Details. Viele Jahre später habe ich zusammen mit meinem Mann Bad Sachsa besucht, jedoch nur den Märchenwald wieder erkannt. Nach dem Heim hatten wir nicht gesucht, weil ich mich nur wage an die Hanglage, wäldiche Umgebung, Steintreppe und Balkon erinnern konnte.

Inzwischen haben wir einige Jahre Urlaub im Harz gemacht, und ich finde den Harz schön, trotz der Kindheitserinnerungen.
Dennoch muss alles aufgeklärt, für die Zukunft unterbunden und Verantwortliche müssen benannt werden. Die Betroffenen haben ein Recht darauf. Durch Berichte in den Medien wurde ich erst aufmerksam über Ausmaß und Zeitraum der unmenschlichen Behandlung der anvertrauten Kinder in den Verschickungsheimen. Die hier geschilderten Erlebnisse mißhandelter Kinder und deren Leid bedrücken mich sehr. Unglaublich, dass in Deutschlan so etwas über Jahrzehnete möglich war.
Ich wüsste auch gern, in welchem Heim mein Bruder und ich 1954 waren. Irgendwelche Unterlagen besitze ich leider nicht. Ich hatte auch nur eine Ansichtskarte nach Hause schicken dürfen. Der Text wurde mir diktiert.
Für mich war es kein Erholungsheim, sondern ein Erziehungsheim mit viel Drill und ohne Liebe und Zuwendung.
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Tina schrieb am 25.11.2019
Diese Verschickungen gab es leider noch bis Anfang der 90er. Ich war 1990 in einem Kurheim der ehemaligen DDR. 6 Wochen Alptraum.
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Hubertus Tresp schrieb am 25.11.2019
Langeoog kenne ich auch, von einem "Kuraufenthalt". Es war Anfang der 60er, ich war 7 oder 8 Jahre alt. Alles war lieblos, das Essen schlecht. Die Briefe wurden uns vorgeschrieben. Ich hatte extra Karten mitbekommen, um meinen Großeltern, dem Lehrer und dem Pfarrer auch aus der Kur zu schreiben. Durfte ich nicht. Ich erinnere mich an entsetzlich langweilige Spaziergänge über die Insel. Und ich wurde Bettnässer. Ich weiß nicht mehr, ob noch andere Kinder ins Bett gemacht haben. Ich musste jedenfalls die Bettwäsche kalt auswaschen. Und es kamen stets ein paar Mädchen vorbei, die mich ausgelacht haben. Ich weiß nicht ob wir gleichzeitig auf Langeoog waren, in jedem Fall danke ich dir, dass du die Hänselei nicht mitgemacht hast.
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Menkenhagen schrieb am 25.11.2019
Hallo,
bin Jahrgang 62. Ich war vor der Schulzeit verschickt nach Amrum und Ende der 1. Klasse in Hanstedt/Lüneberger Heide - jeweils 6 oder 8 Wochen - weiß ich nicht mehr genau. Dazu war ich als Vierjähriger für 1,5 Jahre mit TBC und anschließender Gelbsucht im Krankenhaus. Zuerst Hamburg Altona, danach Wintermoor.
Ich erlebte Einsperren ins dunkle Bad, schlafen auf dem kalten Flurfußboden, anschnallen ans Bett, Gesicht in den Suppenteller drücken, Schlauch schlucken, bis ich Galle kotzte, Gruppenduschen mit lästernden Krankenschwestern und noch einiges mehr. Die gefälschten, geschönten Postkarten nach Hause kenne ich auch.
Leider (vielleicht auch Gottseidank) erinnere ich nur Fetzen und kann sie selten Zeiten und Orten zuordnen.
Das Schlimme an allen drei Orten war die Einsamkeit, das Ausgeliefertsein, die Hoffnungslosigkeit und vor allem die Angst, Angst, Angst.
Obwohl sie sicher nur einen kleinen Teil der Schuld trugen, war und ist mein Verhältnis zu meinen Eltern nicht in Ordnung und mein Sozialverhalten ist manchmal für andere etwas rätselhaft.
Ich war ewig lang Bettnässer - mit Psychotherapie, Schlägen, Spritzen und allem Schnickschnack. Es half später viel Alkohol und andere Drogen. Dann kamen Abszesse, zweimal mit OP und dann mit Mitte dreißig eine schwere Angstneurose: Gesprächstherapie, 4 Monate psychosomatische Klinik und fast ein Jahrzehnt KBT.
Danke, dass ich das in diesem recht öffentlichen Rahmen mal loswerden durfte.
Gruß T.
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Dr. Thomas Hill schrieb am 25.11.2019
Ich war 1964 oder 1965 im Alter von fünf oder sechs Jahren zusammen mit meinem drei Jahre älteren Bruder auf Sylt. Leider kennen wir nicht mehr den Namen des Heims. Überhaupt sind meine Erinnerungen recht bruchstückhaft. In vielen Kommentaren dieser Seite finde ich mich aber wieder. Meine wenigen Erinnerungen: Wir wurden vom Hausarzt nach einem kalten Winter nach Sylt geschickt, um "aufgepäppelt" zu werden. In dem Heim gab es deshalb immer Essen mit Milch, zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendbrot. Ich erinnere v.a. Milchnudeln. Seitdem trinke ich keine Milch mehr, erst seit einigen Jahren fällt es mir leicht, Müsli mit Milch zu essen. Neben dem Essen spielte natürlich das Scheißen eine große Rolle, weil es reglementiert war: Man durfte tagsüber nur nach den Mahlzeiten auf Toilette. Auch abends gab es bestimmt eine Regelung, die erinnere ich aber nicht mehr. In jedem Fall wurde als Resultat laufend in die Hose bzw. ins Bett gemacht. Das Heim lag an der Nordsee und trotz des noch kalten Wetters im März/April waren wir oft am Strand. Wir sind da in Reih und Glied mit geschulterten Schaufeln hin marschiert (muss wohl etwas wie beim Reichsarbeitsdienst ausgesehen haben). Mein Bruder meint zu erinnern, dass Verschickte geschlagen wurden. Er sagt auch, dass die Post nach Hause zensiert wurde, indem die Briefe während des Schreibens kontrolliert und man ggf. zur Überarbeitung aufgefordert wurde. Ich besuchte noch nicht die Schule und konnte daher noch nicht schreiben. Mein Bruder und ich haben noch lange Zeit nach dem Aufenthalt darüber gesprochen, uns zu rächen. Unser Plan: Eine Bombe in den Zug nach Sylt schmuggeln und unter dem Sitz verstecken und mit dieser Bombe das Heim in die Luft sprengen. Es war ein schrecklicher, schlimmer Aufenthalt, aber trotz meiner Milchallergie glaube ich nicht, dass ich irgendwie traumatisiert worden bin. Bei uns zu Hause ging es zum Glück ganz anders zu. Ich denke, dass meine Eltern - v.a. meine Mutter - dem Aufenthalt zugestimmt haben, weil sie großes Vertrauen zu unserem Hausarzt hatten.
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Melanie Pickenpack schrieb am 25.11.2019
Hallo, meine Name ist Melanie P. mit sehr traurigen und beklemmenden Gefühlen habe ich die vielen Berichte gelesen.
Ich bin Jahrgang 1950 und bin mit 11 oder 12 Jahren nach Wyk auf Föhr, Hamburger Kinderheim verschickt worden.
Der Schularzt legte meinen Eltern nah, dass ich zu dünn sei und eine Luftveränderung mit gutem Essen, dass richtig für mich sei.
6 Wochen ohne Kontakt zu den Eltern, schlafen in großen Sälen ohne liebevolle Betreuung. An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern, nur daran, dass es für die " dünnen" Kinder jeden morgen Lebertran gab, danach Müsli, was mir bis heute ein Graus ist. An fröhliche Zeiten mit Spielen und Zuwendungen durch " die Tanten", kann ich mich nicht erinnern, keinen Kontakt zu meinen Eltern war für mich schrecklich und ließ mich nicht schlafen.
Zum Ende der 6 Wochen bekam ich Windpocken, wurde in einen großen Saal geschoben , ohne, dass sich jemand gekümmert hat, ich sollte dann weitere Zeit bleiben, daraufhin muss ich mich dagegen stark gewährt haben, so dass ich dann doch nach den 6 Wochen nach Hause kam. Wie meine Mutter mir später immer erzählte , blasser und dünner als vorher.
Diese Erlebnisse habe ich über die viele Jahre sehr verdrängt, jetzt durch die vielen Berichte sind sie wieder sehr präsent.
Es ist schon schlimm, was Kindern in diesen Heimen angetan worden ist .
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Madeleine15 schrieb am 25.11.2019
Ich war ca. 1965 auf Borkum im Friesenheim,( hieß es so?), irgendwas mit ' Friesen', in der Nähe der Dünen. Wer war auch dort? Ich kann nicht behaupten, dass es traumatisierend war. Ich, aus Württemberg, konnte danach kein Schwäbisch mehr 🙂
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Anja Q. schrieb am 25.11.2019
Auch ich war ein "Verschickungskind", Jahrgang 1958.
Hätte ich schon früher von der Initiative gehört, hätte ich an dem Kongress teilgenommen.
Ich wurde zweimal wegen Neurodermitis und chronischer Bronchitis nach St. Peter Ording verschickt.
Das erste mal 6 Wochen mit 4 oder 5 Jahren, das zweite mal 4 Wochen mit 6 oder 7 Jahren.
Ich wurde an´s Bett gefesselt, damit ich mich nicht kratze (Neurodermitis ist eine Höllenqual). Ich musste stundenlang im Speisesaal weinend vor meinem Teller sitzen, bis dieser leer war (Rote Bete kann ich bis heute nicht essen). Ich wurde von den anderen Kindern ausgesondert und musste alleine essen.

Da ich noch nicht schreiben konnte, wurde ich aufgefordert, einen Text für eine Postkarte an meine Eltern zu diktierten. Ich sagte, dass die "Tante" schreiben soll, dass ich nach Hause will
und dass meine Eltern mich abholen sollen.
Niemand kam...
Jahre später fand ich die Karte in den Unterlagen meiner Mutter.
Dort stand nichts von dem, was ich diktiert hatte.
Im Gegenteil - es stand nur positives darin.

Ich kam nach Hause mit Euromünz-großen, verkrusteten Stellen am ganzen Körper.
Ich war krank, als ich wieder zu Hause war.
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Dati schrieb am 25.11.2019
Mit nur 6 Jahren und zwei Monaten wurde ich auf Anraten der Fürsorgerin 1972 in das Kindererholungsheim „Haus Roseneck“ des Bundesbahn-Sazialwerks nach Bad Salzuflen geschickt. Der Aufenthalt dauerte unendliche 6 Wochen. Ich war das erste Mal länger als wenige Stunden von zuhause entfernt. Die Urkatastrophe meines Lebens.
Heute kann ich dieses Heim nur als „Kinder-KZ“ bezeichnen. Die Parallelen zur Nazi-Zeit sind erschreckend:
Eingesperrt hinter einem unüberwindlichen gusseisernen Zaun. 24 h unter Kontrolle und Beobachtung. Gedemütigt und entmenschlicht. Rationierte Lebensmittel. Solebäder und Höhensonne, für die es keine medizinische Indikation gab (also Körperverletzung). Stundenlanges tägliches Marschieren, vormittags und nachmittags, als „Spazieren gehen“ bezeichnet. Eine Eiseskälte von Seiten der „Schwestern“. Militärischer Ton. Drill und bedingungsloser Gehorsam.
Bis heute kann ich bestimmte Situationen nicht ertragen / aushalten:
Zum Abendbrot gab es immer ausschließlich Kamillentee. Ich kann alleine schon den Geruch von Kamillentee nicht aushalten; geschweige denn ihn trinken.
Das Schlaflied „Guten Abend, gute Nacht“ kann ich nicht mehr hören. Wir mußten es jeden Abend, im Bett liegend singen. Im Refrain heißt es sinngemäß „…und wenn Gott will, wirst du wieder geweckt…“. Warum sollte der liebe Gott Kinder wieder wecken, die, weil sie ungezogen waren, von ihren Eltern in´s Heim gesteckt wurden??? Panik und Angst, gepaart mit einer spontanen Aggression sind für mich bis heute die unmittelbaren Folgen.
Es wurde in diesem Forum bereits ausführlich über Exzesse in den Heimen berichtet. Weitestgehend kann ich diese Beschreibungen bestätigen.
Für mich waren diese 6 Wochen die Hölle auf Erden. Unter den Folgen leide ich bis heute. Aufenthalte – egal wie notwendig sie sind – in Heim-ähnlichen Einrichtungen, wie z.B. Krankenhäusern sind für mich nur schwer auszuhalten. Alles, was mich in meiner persönlichen Freiheit und Selbstbestimmtheit einschränkt, lehne ich ab, oder verweigere ich. Das schränkt natürlich meine Lebensqualität enorm ein.
Noch ein Punkt: Die Stasi-Unterlagen werden in´s Bundesarchiv überführt. Sie werden der Öffentlichkeit bis zum Sankt Nimmerleinstag erhalten bleiben. Gut so.
Selbst 75 Jahre nach Kriegsende kann jeder bei der Deutschen Dienststelle in Berlin Auskunft über jeden einzelnen Wehrmachtsangehörigen beantragen. Gut so.
Selbst 75 Jahre nach Kriegsende kann jeder beim Suchdienst des DRK einen Suchantrag stellen. Gut so.
Knapp 50 Jahre nach meinem Kinder-KZ Aufenthalt sind die Unterlagen längst geschredert; die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen.
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Stefan Steurer schrieb am 25.11.2019
Kann ich voll und ganz bestätigen. Ich war auch im "Goldenen Schlüssel" wg. angeblichem Asthma, bei "Tante Dora" - Prügel waren ganz üblich, es wurde jede Post zensiert, alles gefilzt und vieles mehr. Jahr später - als erwachsener Bär - bin ich dort extra mal mit dem Motorrad hingefahren, um das für mich aufzuarbeiten und mich davon zu überzeugen, dass der Laden so nicht mehr existiert. Verm. sind alle Verantwortlichen Sadisten tot (nicht alle waren so, aber die Mächtigen - ich erinnere mich ausschließlich an Frauen. Einzig sexuelle Übergriffe kann ich nicht erinnern. Die "Braven" durften als Belohnung zu Tante Dora in die Privatgemächer zum Fernsehgucken - da war ich aber nie dabei 🙂 Was dort pasiert ist - keine Ahnung. Jedenfalls war das System ser perfide, man wurde so eingeschüchtert, dass man nix gesagt hat und - erst durch diese Veröffentlichungen glaubt mir meine heute 87-jährige Mutter die später erzählten Schauergeschichten. Dafür - späten Dank!
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Miriam Müller schrieb am 25.11.2019
Hallo,

obwohl ich im Januar 1971 erst 6 Jahre alt wurde, kann ich mich noch sehr gut an meinen Erholungsurlaub in Röt bei Baiersbronn erinnern und fand das dort Erlebte bereits als Kind grenzwertig, berichtete schon damals, so in der Pubertät, davon und hörte andere Ähnliches berichten. Derartige Erfahrungen habe ich sonst, im Kindergarten z..B. nicht gemacht, und wunderte mich schon damals sehr, dass so etwas möglich ist.

Der Grund für meinen Urlaub war häufige Bronchitis und Asthma sowie eine von meiner Mutter benötigte Auszeit von mir als sehr lebhaftem Kind. Meine jüngere Schwester war erst knapp 2, meine Eltern waren beide berufstätig. Insbesondere, da sich meine Großmutter sehr liebevoll um mich kümmern konnte, fühlte ich mich als ein geliebtes Kind, auch von den gestressten Eltern geachte..Deshalb fand ich es ja auch sehr befremdlich, dass dies in diesem Erholungsheim dann nicht mehr der Fall war.

Nun einige von weiteren Episoden, an die ich mich spontan erinnere:

Obwohl ich zuhause mit reichlich Gemüse aus heimischen Garten großwurde, ich immer viel aß und nicht unterernährt war, wurde man in diesem Heim regelrecht überernährt. Das fing schon morgens im Bett an, wo man noch schlaftrunken einen kräftigen Haferschleim zu sich nehmen musste. Es war nicht möglich, dies abzulehnen. Ich verstand nicht, wie es möglich war, dass die meisten der anderen Kinder dann auch noch ein paar Schnitten später zum Frühstück aßen. Man wurde immer zum Essen angehalten. Man musste auch Kakao trinken, was ich nicht gewöhnt war, vor allem in den Mengen.

In der Nacht kotete ich mich regelmäßig ein, was mir sehr peinlich war, zuhause nie geschah, ich große Mühe hatte, wieder was Frisches zu finden, mich sauber zu halten und weshalb ich voll fertig gemacht wurde: Von den anderen Mädchen in meinem Schlafraum und von den Erzieherinnen. Damals schon war ich so "frech" zu behaupten, das läge auch an dem morgendlichen Brei, den ich lieber nicht essen wolle.

Abendliches Sprechen im Schlafzimmer war verboten. Man wurde bestraft. Ich sagte den anderen Kindern immer, sie sollten doch ruhig sein. Wer aber wurde vor die Tür gesetzt? Ich! Man musste die ganze Nacht, ohne Decke auf einem Stuhl im Flur sitzen. Ich fand das unmöglich! Jedenfalls nicht erholsam! Ich bettelte, wieder ins Bett zu dürfen! Keine Chance! Ich benannte die Ungerechtigkeit! Keine Chance! Ich beschloss, dass mich dies nicht umbringen solle. Aber mir war klar, das der liebe Gott die dafür bestrafen werde.

Einmal riss mir ein Kind am Trägerröckchen. Ich brachte es der Nöhfrau, der Knopf war ab. Diese schimpfte mit mir, und nannte mich Lügnerin, das Missgeschick noch einem anderen Kind in die Schuhe zu schieben. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich fühlte mich total verlassen. Sonst waren die Nähfrauen eigentlich immer nett.

Dann musten wir einen total vereisten Hang Schlitten runter fahren. Ich merkte, dass ich nicht bremsen konnte. Und blieb dann unten stehen, damit mir nichts passiert. Ich wurde harsch gezwungen, wieder hoch zu gehen und wieder runterzufahren. Zwei- oder drei Mal gelang mir das Bremsen unten mit Mühe. Dann überschlug ich miich, hatte das ganze Kinn blutig. Die Erzieherin war nicht mal bereit, mir ein Tempo für das viele Blut zu geben, sie ließ mich links liegen, war mit einem Schlitten beschäftigt, der im Bach, weit weg gelandet war. Dann schimpfte sie, was ich den da gemacht habe und wurde noch ärgerlicher, als ich ihr sagte, das sei ja ihre Schuld, ich habe da nicht runter fahren wollen, das sei viel zu vereistt, unten in der Kurce. Ich würde die Stell heute wohl noch wiederfinden! Die Wunde musste später genäht werden, gibt wohl noch kleine Narben.

Konntakt nach Hause hatte ich nur über Briefe, die angeblich ich diktierte. Da stand dann aber drin, dass ich Winterstiefel brauche und ao Zeug. Ea gab immer so eine Stunde, wo man Briefe schreiben lassen konnte.

Sehr schlimm fand ich folgendes: Meine Tante, die nicht weit entfernt wohnte, wollte mich zum Geburtstag besuchen. Sie wurde aber nicht vorgelassen zu mir. Angeblich würde ich Heimweh bekommen. So erfuhr ich später von meiner Mutter. Sie brachte allen Kindern Süßigkeiten mit, sowie mir die benötigten Stiefel. Dass ich meine Tante nicht sehen durfte, obwohl ich erfuhr, dass sie da war, tat mir sehr, sehr weh. Ich wollte ihr auch erzählen, wie das hier alles so lief. Wahrscheinlich wollren diie dort auch nicht, dass meine Tante das verletzte Kinn sah.

Was ich auch nicht gut fand: Karnevall wurde man gezwungen, sich schminken zu lassen! Ich hasste aber Schminke im Gesicht!

Auch sehr, sehr negativ für mich: Unterm Dach durften wir uns Spielsachen hinter einem Bretterverschlag holen, zu bestimmten Spielzeiten. Die Jungen bekamen immer die interessanten Sachen. Ich musste zuschauen, wie andere Mädchen mit Puppenstuben spielten, was mich wirklich gar nicht interessierte.

Positiv fiel meiner Mutter bei meiner Heimkehr auf, dass ich sehr viele Lieder mit sehr vielen Strophen sang. Sie hatte den Eindruck, dass ich froh zurückkehrte. Ich war vor allem aber froh, zurückzukehren in ein Umfeld, das mir die natürliche Achtung, die ein Kind verdient, nicht systematisch verweigerte.
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Franziska Petersen schrieb am 25.11.2019
Hallo, ich heiße Franzi P., ich war Anfang der 60er Jahre (1964?) im Kinderheim in Hirschegg, Klein Walsertal. Die Erfahrungen von dort gehören zu den schlimmsten meines Lebens. Wenn es Leidensgenossen/innen gibt, die das lesen,
bitte melden zwecks Austausch!
.
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Uwe B. schrieb am 25.11.2019
Ich bin 1962 geboren und wurde mit der Diagnose "chronische Bronchitis" zwei Mal verschickt, vermutlich 1966 für -nach meiner Erinnerung- 6 Wochen nach Bad Reichenhall und ca. 1968 für 4 Wochen nach Freudenstadt.
Besonders an den ersten Aufenthalt zur "Luftveränderung" in Bad Reichenhall habe ich grauenhafte Erinnerungsfetzen an Schläge und Demütigungen durch behaubte "Tanten" (Nonnen, Diakonissinnen?). Insbesondere Misshandlung durch "Aufessenmüssen" waren an der Tagesordnung. Mindestens einmal habe ich einen gefühlt ganzen Tag in einem riesigen Speisesaal vor einem kalten Teller Haferbrei gesessen, sicher auch erbrochen (ob ich Erbrochenes essen musste, wie es andere schildern, kann ich nicht mehr sagen). Mir wird über 50 Jahre danach noch schlecht, wenn ich heißes Wasser oder Mich auf Haferflocken nur rieche. Die in anderen Berichten beschriebenen drakonischen Strafen wegen Bettnässens habe ich ebenfalls erlebt. Während des Aufenthalts war einmal ein Tagesausflug zum Königssee vorgesehen, an dem ich zur Strafe nicht teilnehmen durfte und gemeinsam mit einem mit Fieber erkrankten Jungen im Schlafsaal arrestiert wurde. Ich erinnere mich an das Gefühl totaler Verlassenheit, wir glaubten völlig alleine im Haus zurückgelassen worden zu sein. Nach Aussage meiner Mutter hatte ich bis dahin kein auffälliges Problem mit Bettnässen, danach bin ich deswegen bis zum Alter von über 10 Jahren in Behandlung unterschiedlichster Ärzte gewesen, die das nicht erklären oder heilen konnten.
Den zweiten Verschickungsaufenthalt in Freudenstadt erinnere ich weniger deutlich. Hier waren wir altersabgestuft in mit Tiernamen versehenen Schlafgruppen usw. untergebracht, die jeweiligen Tiere, "Eichhörnchen", "Füchse" usw. waren in den Fluren auf die Wände gemalt. Diffuse Gewalterinnerungen habe ich hier nur an Übergriffe und Schläge durch ältere Jungs.

Ich bin über die Berichterstattung in der Presse auf diese Seite gestoßen und habe einige Tage gebraucht, um dies jetzt so weit schreiben zu können.
Besonders schlimm an den Erfahrungen war, dass das wenige zu Hause Erzählte nicht ernst genommen oder als "Phantasieren" abgetan wurde und man mit dem Erlebten und den erlittenen Deformationen allein blieb. Daher bin ich dankbar für eure Initiative und die Möglichkeit des Austausches. Vielleicht weiß ja noch jemand mit ähnlichen Erinnerungen, wie die Heime geheißen haben können?

Grüße,
Uwe
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Veronika Heinisch schrieb am 25.11.2019
Ich wurde1974 mit fünf Jahren zusammen mit meinem Bruder, der sechs Jahre alt war, nach Scheidegg im Allgäu in die Prinzregent Luitpold Klinik geschickt. Da Mädchen und Jungen getrennt untergebracht waren, habe ich meinen Bruder nur ganz selten gesehen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass meine Mutter in alle Kleidungsstücke meinen Namen eingenäht hat. Aus der Zeit in der Kur kann ich mich nur noch daran erinnern, dass wir das Essen aufessen mussten.Es gab Grießbrei und es hat sich auch jemand erbrochen, aber es musste alles aufgegessen werden. Mehr Erinnerungen habe ich nicht und meine Eltern haben mir erzählt, dass mein Bruder und ich nach der Kur sehr verstört waren, aber wir hätten nichts darüber erzählt. Ich könnte Jahrzehnte lang nichts mit Grieß essen. Bis heute habe ich große psychische Probleme.
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steven schrieb am 25.11.2019
Hallo,
leider wurde ich als 10 jähriger, mit starkem Übergewicht ca. 1978/79 6 Wochen zu einer Kur nach Langeoog geschickt. Zum Glück sind keine seelischen Schäden geblieben. Jedoch empfand ich das Heim als die Hölle. Die sogenannten Dicken wurden von den anderen Kindern (Lunge, Haut, etc...) separiert und ständig gehänselt. Wir mussten unser Essen in einem abgeteilten Raum einnehmen. Dabei kann ich mich noch erinnern, dass wir die Äpfel komplett incl. Kerne aufessen mussten. Wenn einmal Geburtstage waren, durften wir nicht daran teilnehmen, da es ja kleine Süßigkeiten gab. Die Betreuer hänselten uns ständig. Ich war schließlich froh nach 6 Wochen wieder zuhause zu sein. Die abgenommen 6 kg waren nach einigen Wochen doppelt wieder drauf. Das ganze Konzept war einfach nur schrecklich. Eigentlich haben wir nur nichts zu essen bekommen, quasi Nulldiät. Keine Anleitungen zur gesunden Ernährung oder ähnliches. Wie schon gesagt, zum Glück habe ich auf Grund meines Charakters keine Schäden davon getragen, allerdings weiß ich nicht wie es anderen danach ergangen ist. Ich glaube das Heim war von der AWO.
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Frank schrieb am 25.11.2019
Hallo,
ich bin so froh das ich diese Organisation hier entdeckt habe und endlich ebenfalls betroffene hier schreiben. Ich war als Kind mehrmals zur Kur wegen „schweres Asthma Bronchiale“ und (eine Form von) Neurodermitis. Unter anderem in Norderney Seehospitz jeweils 3 x 12 Wochen ab 1967. Ich kann euch sagen das war die Hölle auf Erden. Das schlimmste was man einem jungen Menschen antuen kann. Ich weiß noch alles ganz genau wie wenn es gestern gewesen wäre. Schläge ins Gesicht –Backpfeife nannte man das. Ich habe es mehrfach erlebt das andere Kinder ihr erbrochenes Essen mussten. Jegliches abweichen von irgendwelchen Regeln wurde sofort sehr hart bestraft. Im Essenssaal vor allen anderen in die Ecke stellen. Mit dem Gesicht zur Wand. Nachts wenn man mal unruhig war und nicht schlafen konnte mußte man sich mehrere Stunden auf einen Stuhl im kalten Gang der hell beleuchtet war mit dem Gesicht zur Wand setzen. Das habe ich mehrfach erlebt am eigenen Leib. Wie gesagt ich erlebte das mit 5 , 6 und 8 Jahren. Es war die Hölle auf Erden. Die schlimmsten waren die Pinguine (Nonnen) allesamt grauenhafte von Hass erfüllte Menschen die ihr unbefriedigtes Leben an den Kurkindern ausgelassen haben. Wenn man das alles zu Hause berichtet hat wurde das nicht ernst genommen. Man hat einem einfach nicht geglaubt. Das eigene Elternhaus hat einem kein vertrauen geschenkt. Man wollte es auch nicht hören. Die verantwortlichen sind bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen worden, das ist traurig.
Grüße
Frank
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Birgitt Voce-Hommel schrieb am 25.11.2019
Ich heiße Birgitt, bin Jahrgang 1961 und war zur 'Kur' auf Borkum, im Heim Concordia. Wann genau, kann ich nicht sagen, ich denke das ich etwa 8 Jahr war. Seit ich den Artikel im Spiegel online gelesen habe, bin ich total aufgeregt, weil ich immer dachte, das die schlechten Erinnerungen daran nur durch meine eigene Wahrnehmung zustande kamen und ich bin erschüttert, wie vielen Anderen es genauso geht. Alle diese Bericht decken sich mit meinen Erinnerungen. Das Abnehmen persönlicher Dinge bei der Ankunft, das schlafen mit den Gesicht zu Wand, die Bestrafung von Einnässen im Bett mit Isolierung des Kindes und viele andere Erniedrigungen und Strafen. Jetzt ist die Erinnerung wieder greifbar. Auch ich bin erleichtert, das ich mit meinen Erlebnissen nicht alleine bin, denn es zeigt mir, das ich kein schlechts Kind war, so wie es einem im Concordia immer eingeredet wurde. Ich wünsche dir und allen Anderen viele Kraft, diese Erlebnisse zu verarbeiten.
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Marion schrieb am 24.11.2019
Hallo, auch ich bin Betroffene und war im Mai 1966 in BAD SOODEN - ALLENDORF.
Ich würde mich freuen hier jemanden zu finden, der auch in diesem Kinderkurheim untergebracht war.
Ich war damals 3 1/2 Jahre alt.
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Ralf schrieb am 24.11.2019
Seit 3 Tagen habe ich den Artikel über Verschickungskinder nunmehr auf Spiegel Online gelesen und mir kommen in diesem Zusammenhang leider die präzisen Erinnerungen an meine eigene Verschickungszeit in einem Heim in Wilhelmshaven in den Sinn.

Es muss sich um die übliche Zeit von 6 Wochen Verschickung im Spätsommer / Herbst 1968 gehandelt haben.
Meinen fünften Geburtstag am 13. September 1968 verbrachte ich eingesperrt in einem Raum im Heim, in dem Möbel gelagert wurden.
Zuvor war mein von den Eltern geschicktes Geburtstagspäckchen vor den Augen aller Kinder im Speisesaal geöffnet und die Inhalte an alle verteilt worden. Ich erinnere mich vor allem an Kaugummi, die in einer Plastikverpackung auf Goldfolie eingeschweißt waren.
Ein kleines Auto, eignen grauen Simca 1300, durfte ich mit in das verschlossene Zimmer nehmen.
Der Grund für die Maßnahme waren wiederholte, insbesondere abendliche Durchfälle.
Unter diesen Durchfällen litten viele Kinder.

Diese Kinder wurden im Speisesaal von der Mahlzeit ausgeschlossen, mussten sich zur Wand drehen und bekamen mit einem Esslöffel zuckerfreien BENDSDORP Kakao eingetrichtert, auf dem sie dann in der gesamten Mittagszeit stehend herumkauen und diesen schlucken mussten.
Der Durchfall blieb.

Ich hatte wie viele Kinder Hautausschläge. Hierzu wurden wir in Begleitung der Nonnen / Tanten in eine fussläufig entfernte Badeanstalt, anders kann man es nicht bezeichnen, geführt. Es handelte sich um einen flachen Holzbau, in dem Wannen und Tröge aufgestellt und mit Salzwasser gefüllt waren.
In diese Wannen und Tröge wurden wir nackt gesetzt und von den Begleiterinnen unter Wasser gedrückt, damit auch die von den Hautausschlägen betroffene Gesichtshaut ausreichend Wasserkontakt bekam.

Ich stand oft am Kopf einer nach rechts geschwungenen Treppe und konnte beobachten, wie Kinder von ihren Eltern aus dem Heim abgeholt wurden. Meine Eltern kamen nicht.

Nach sechs Wochen wurde ich wieder auf dem Münsteraner Bahnhof abgeliefert. Meine Eltern hatten eine falsche Ankunftszeit realisiert, von daher musste eine der Tanten mit mir aus dem weiterfahrenden Zug aussteigen und mich auf dem Bahnsteig betreuen.

Ich erinnere mich sehr präzise an die Ankunft meiner Eltern auf dem Bahnsteig, an meine fassungslose und weinende Mutter und an das sofortige Aufsuchen einer Apotheke, um zumindest den schweren Hautausschlag im Gesicht unverzüglich zu lindern.

Am Abend würde ich zuhause ausgezogen und meine Mutter verlor endgültig die Fassung, als sie meinen Körper erblickte..

Ich pflichte vielen Betroffenen bei, da diese sechs Wochen schwer auf der Seele eines Fünfjährigen lasten und ein ganzes Leben nicht vergessen wurden.

Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, werde auch deshalb traurig, weil meine Verschickung auch im Nachhinein die Familienbiografie erheblich beeinträchtigt hat.

Vertrauen in das familiäre System und die Bindung zu Geschwistern wurden meiner Einschätzung nach genau in dieser Situation irreparabel irritiert.
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Oliver Heath schrieb am 24.11.2019
Hallo Frau Roehl,
das ist gut, daß es diese Seite gibt !
Auch ich wurde als Kind verschickt, mit 9 Jahren kam ich für 6 Wochen nach St Peter-Ording ins Haus Köhlbrand, da ich zu dünn war.
Schlafsaal mit knapp 30 Betten, null Privatsphäre,wer nachts auffiel, musste ins Zimmer der strengen Leiterin und zur Strafe eine halbe Stunde in der Ecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand natürlich.
Tagsüber waren die Strafen für "unangemessenes Verhalten" (O-ton der Leiterin !!!) Entzug der Nachspeise (wie kontraproduktiv, wo ich doch eh schon zu dünn war..), Ausschluß von Gruppenaktivitäten oder wieder strammstehen bei der grimmigen alten Leiterin.
Die Gruppenleiter waren immerhin jung und in meiner Erinnerung okay.
Obwohl das für mich keine schöne Erinnerung war, habe ich es wohl noch gut getroffen, wenn ich mir so die Kommentare anderer Leute hier durchlese....
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Rolf D. schrieb am 24.11.2019
Hallo zusammen,
Ich habe in Spiegel online von der Seite gelesen.
Ich bin Jahrgang 1961 und war wegen meiner Bronchitis 1967 oder 68 in einem katholischem Kinderheim in Berchtesgarden.Dort wurden wir geschlagen,eingesperrt und mussten unser Essen immer bis auf den letzen Krümel aufessen.Es gab fast täglich Milchreis oder Grießbrei.Ich habe bis heute Würgereiz wenn ich soetwas rieche.Ich bin heute Frührentner wegen einer chronischen Krankheit und in einer Psychosomatischen Reha kam viel raus über meine damalige Kur in Berchtesgarden.Die 6 Wochen dort waren der Horror.Ich weis leider nicht mehr wie die Klinik geheissen hat.Grüße aus dem Schwarzwald. Rolf
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Margret Schröter-Mewis schrieb am 24.11.2019
Margret ( damals Wazel )
Ich, Jahrgang 1950 ) wurde 5 x verschickt., davon die ersten drei Male je 8 Wochen, die weiteren Aufenthalte dauerten nur je 3 Wochen.

Die Verschickungen wurden, von der Fürsorge gesteuert u. wohl auch veranlasst.
Soweit ich mich erinnere, fanden die ärztlichen Voruntersuchungen u. “ der Papierkram “ in Hamburg, im Besenbinder-Hof statt. ( oder Kurio-Haus ? ).
Bei mir war der Grund, dass ich zu dünn und wohl auch häufig erkältet war.

Beim ersten Aufenthalt war ich zwischen 3 u. 5 Jahre beim zweiten 5 oder 6 Jahre jung.

Das erste Heim befand sich in ( Hmb. ? ) Volksdorf, das zweite in Winsen ( Luhe ? )
Ich habe auch – mehrfach - miterlebt, dass Kinder sich über ihrem Essen erbrochen haben und es dennoch ALLES aufessen mussten. Bettnässer-Bestrafungen u. s. w. .

Im Heim Winsen, inmitten vieler schlafender Kinder, wachte ich eines nachts, bedingt durch Licht
und Stimmengewirr, auf.
Am Fußende meines Bettes standen ca. sechs Personen
( Frauen und Männer – glaube ich – ),
meine Bettdecke hatte man entfernt. Mir war kalt, und ich war sehr erschrocken.
Ich lag nur noch mit meinem kurzen Nachthemd ( ohne Slip ) in meinem Gipsbett, welches ich, wegen einer Verkrümmung der Wirbelsäule damals benötigte.
Aus den Worten der Erwachsenen verstand ich, dass die Heimleiterin ( Schwester Eva ) den Leuten, an meinem Bett, das Gipsbett zeigen und wohl erklären wollte.
( Es handelte sich um eine mit Stoff bezogene Gipsschale und Festschnall-Gurten )

Ich war zu dem Zeitpunkt 6 Jahre, aber die ganze Situation überforderte mich total.
Mir wurde gesagt, ich solle die Augen wieder zumachen und weiterschlafen.
Wer könnte das wohl, in so einem Moment ?

Was die ein-/ausgehende Post betrifft :
Ich war noch zu jung um selber schreiben und lesen zu können..

1962, mit knapp 12 Jahren, ( von Anfang April bis Ende Mai ) war ich in Wyk auf Föhr, im Hamburger Kinderheim, so hieß es damals. Direkt an der Strandpromenade, nicht sehr weit vom damaligen Ortskern.

Der Zutritt – zum Strand - blieb uns allerdings, in der gesamten Zeit, verwehrt.
Wir sahen diesen, bei unseren täglichen, bei Wind und Wetter stattfindenden, stundenlangen,
Spaziergängen, nur aus der Ferne, obwohl der doch zum Greifen nahe war.

Mittwochs ging es – bei “ schönem Wetter “ - ab ins Heidewäldchen. ( eingezäunt )
Dort gab es Sand, der immer feucht bis nass u. kalt war, Kiefern und jede Menge tote Kaninchen, “ frisch und auch schon skelettiert “.
Uns wurde vorher gesagt, dass wir damit nicht in Berührung kommen dürften, da die alle an einer Seuche gestorben waren.
Wir hatten, den ganzen Tag, tatsächlich so etwas wie Freizeit.
Jede machte was sie wollte. Miteinander reden, in die Luft starren und den Sand mit den Händen oder Schuhen etwas bewegen.
Was “ die Tanten “ in der Zeit unternahmen, weiß ich überhaupt nicht.

In diesem Heim ging es auch recht strenge zu, allerdings nicht so schlimm wie in den vorherigen.

Wir mussten uns, jeden Morgen – in einem großen Waschraum – mit Reihen-Becken
( für Körper- / und Zahnpflege ) in Richtung einer Eckdusche – alle nackend – hintereinander aufstellen, um einzeln, eine längere Zeit, mit einem Schlauch, von oben bis unten, mit sehr kaltem Wasser, abgespritzt zu werden.
Ich schaffte es – in acht Wochen – zwei oder drei Male dieser Quälerei zu entgehen.

Drei Mädchen mussten allerdings noch mehr ertragen. Sie wurden, jeden Morgen, mit frischem
Nordseewasser, aus Eimern, übergossen.
Dieses wurde immer kurz vorher von einigen Erzieherinnen / Tanten, direkt beim Strand geholt.

Es war April und Mai ! Jeder kann sich vorstellen, wie eisig dieses Wasser gewesen sein muss.
( Gerda F., aus Finkenwerder und die beiden anderen Mädchen, taten mir sehr leid.)

Die sonst üblichen “ Verordnungen “ waren, wie wohl in allen anderen Heimen auch :
Jedes Essen aufessen, tägliches Müsli – am Abend vorher schon zusammengematscht –
Walfisch-Fleisch, extrem süss-sauer, eingelegter Kürbis, viele Speisen mit Grieß und Sago,
Milchsuppen u. v. m.

Aus Mitleid halfen viele von uns größeren Mädchen ( 10 – 13 Jahre ) , den drei “ Diät-Kandidatinnen “ , beim Betreten des langen Speisesaales, im Vorbeigehen, einen vollen Löffel ihrer riesigen Quarkspeise zu verschlingen. Es durfte keiner merken.

Am Tisch - bei unseren Mahlzeiten - versuchten wir uns auch immer ähnlich, gegenseitig zu unterstützen. Gelang allerdings nicht sehr oft.

Süßigkeiten wurden am Ankunftstag eingesammelt und wer Glück hatte, so wie ich, bekam zum
Geburtstag etwas davon. Traurig für die eigentlichen Besitzer !
Päckchen ( außer mit Papiertaschentücher ) wurden beschlagnahmt, Post, ein- / und ausgehend, wurde kontrolliert.

Zwei Tages-Ausflüge fanden statt.
1 x Hallig-Hooge ( Schlechtwetter ) :
Lange Spaziergänge, mit Blick auf viele tot in Zäunen hängenden, aufgeblähten Schafen.
( Noch von der großen Sturmflut aus Februar )

1 x Amrum ( Wetter gemischt ) :
Da die größeren Mädchen, also auch ich, in der Nacht vorher “ laut “ gewesen waren, mussten wir, im Eilschritt, vom ersten Strand, bis hin zur Fähre, einen “ Straf-Marsch “ absolvieren..
Die letzten – paar Hundert Meter – mussten wir sogar noch laufen, sonst wäre das Schiff weg gewesen.
Die kleineren Kinder durften, glücklicherweise, die ganze Zeit am Strand oder in den Dünen
verbringen.
Wir " Grossen " schimpften noch bis zum ins Bett gehen, aber es wurde bestritten, dass es sich um eine Bestrafung handelte.


Mit Verschickungen hat NIEMAND - uns Kindern - etwas Gutes getan, obwohl ich ja vielleicht dabei noch “ ganz gut weggekommen “ bin ? ! ?

Viele Speisen kann ich heute noch nicht riechen geschweige denn essen und auch sonst
verfolgt und prägte mich, das Erlebte, bis zum heutigen Tag.

Eine Freundin sagte mir, nach mehreren gemeinsamen Übernachtungen, sie hätte noch niemals einen, während des Schlafens, so stark zuckenden Menschen, erlebt.

Vielleicht kann ich, mit meinem schriftlichen Beitrag, etwas zur Aufklärung beitragen.
Ich hoffe es sehr.
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Birgit aus Bremen schrieb am 24.11.2019
Hallo Frau Mirbach,
ich war 1972 oder 1973 mit zarten 4 Jahren für 6 Wochen im Kinderkurheim Frisia und habe noch heute nach fast 50 Jahren einige Traumata. Es ist erschreckend was bei Kindern in diesem Alter für bleibende Schäden durch falsche Pädagogik angerichtet werden.
Ich erinnere mich an wenige junge "Tanten" welche ein wenig Mitgefühl und Wärme in den Kurhorror brachten. Sollten Sie eine davon gewesen sein auf diesem Weg ein grosses Dankeschön. Es ist bestimmt nicht leicht sich als junger Mensch gegen die Übermacht und festgefahrenen Erziehungsmethoden zu stellen. Dafür ist viel Mut nötig. DANKE
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Mechthild Steinigen schrieb am 24.11.2019
Ich habe meine Kindheitserinnerungen in einem Buch aufgeschrieben und mein Kuraufenthalt in Bad Orb im Spessart ist eine dieser Geschichten. Eine der wichtigsten in meinem Buch. Hier ist sie:
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Tief einatmen, die Luft ist selten

In der Wirtschaftswunderzeit genossen viele Kinder in der Bundesrepublik ein großes Privileg. Sie durften oder mussten wochenlang in die Kur fahren. Egal ob sie arm waren oder reich, dick oder dünn, krank oder gesund, Junge oder Mädchen, Heulsuse oder Rabauke, Bettnässer oder Zappelphilipp, Quasselstrippe oder Stotterer, katholisch oder evangelisch, Volksschüler oder Gymnasiast.
Also musste auch ich in die Kur fahren, denn ich war ein Mädchen, dünn, gesund und ein katholischer Volksschüler, aber weder Heulsuse, noch Rabauke und erst recht keine Quasselstrippe.
Alle meine älteren Geschwister waren schon in der Kur gewesen und hatten davon die verschiedensten Geschichten und Erlebnisse mit nach Hause gebracht, die sie mir immer mal wieder erzählten.
Einem Geschwister waren die vielen Wochen in der Kur viel zu kurz gewesen und es hatte gar nicht mehr nach Hause kommen wollen. Andere erzählten von schrecklichem Heimweh und vielen Tränen in den ersten Tagen und strengen Krankenschwestern und Ärzten. Ich wusste also so ungefähr, was in einer Kur auf mich zukam und in die Kur zu fahren war wie das Tüten packen. Ein unumstößliches Gesetz. Also ergab ich mich in mein Schicksal. Ich war noch nicht ganz neun Jahre alt.

Trotz all´ der Schauergeschichten meiner Geschwister, freute ich mich sehr auf die Kur. Eine lange Zugfahrt erwartete mich, denn es sollte nach Bad Orb gehen, in den Spessart. Den Spessart meinte ich sehr gut zu kennen, denn ich hatte schon mehrmals den Spielfilm mit Liselotte Pulver gesehen. Und darum war ich mir sicher, dass ich nun schon bald diesem berühmten Wirtshaus im Spessart einen Besuch abstatten könnte. Wenn Mama mir ein bisschen Taschengeld mitgeben würde, könnte ich Liselotte Pulver vielleicht zu einer Coca Cola einladen.

Mama quälten zu dieser Zeit wieder große Geldsorgen, denn das Wirtschaftswunder war bei uns immer noch nicht eingezogen.
Unser Hausarzt hatte aber bestimmt, dass ich in die Kur zu fahren habe. Sechs Wochen lang. Und so lief ich nach dem Arztbesuch neben einer Mama nach Hause, in deren Gesicht noch tiefere Sorgenfalten standen, als sonst.
Sie murmelte eine Liste vor sich hin. Auf dieser Liste schienen all´ die Dinge zu stehen, welche ich mit in die Kur zu nehmen hatte. Unterhosen- und Hemden, Socken, Schuhe, Strumpfhosen, Bademantel, Badeanzug, Kleider, Röcke, Blusen und Pullover, Schlafanzüge, Jacke und Mantel, Handtücher und Waschlappen. Die Liste hörte gar nicht mehr auf. Mamas Sorgenfalten wurden so breit und tief, wie die Straßenbahnschienen in unseren Straßen.

Ich wusste ganz genau, wenn Mama mir diese Sachen alle neu kaufen musste, würde das die Ladenkasse in 1000 Stücke reißen.
Aber ich wusste auch ganz genau, dass meine Mama mich niemals mit der Kleidung in die Kur schicken würde, die ich normalerweise auf dem Leib trug.
Fadenscheinige Unterhosen, Strumpfhosen mit gestopften Löchern, Pantoffeln mit abgeschnittener Schuhspitze, Schlafanzüge, dessen Ober- und Unterteile nicht unbedingt zusammen passten, Kleider und Röcke mit ausgelassenem Saum, Pullover mit zu kurzen Ärmeln, zu kleine Söckchen und Kniestrümpfe und einen Bademantel hatte ich erst recht nicht.
Mit einem Koffer, bepackt mit diesen Klamotten, würde sie mich niemals nach Bad Orb in den Spessart schicken, denn dann würde ich mich bis auf die Knochen blamieren. Oder noch schlimmer; daherkommen wie ein Mädchen, das aus einer armen Familie stammt.
Das würde sie nicht zulassen. Da brauchte ich keine Angst zu haben. Denn da konnte ich mich auf die Rose des Stolzes und den mächtigen Efeu des Trotzes verlassen, die auch in meiner Mama gewachsen waren. Und natürlich auf ihr Mutterherz, stark wie das einer Löwin.

Die Löwin schrieb zu Hause, auf die größte Brötchen Tüte, die sie finden konnte, eine lange Liste. Anschließend rechnete die Löwin und rechnete und ich hatte bis dahin nicht gewusst, wie tief und breit Sorgenfalten werden können.
Dann schaute die Löwin mich mit ihren schwarzen Augen an, die sie nur dann hatte, wenn sich die Geldsorgen auf ihren Schultern meterhoch türmten.
Sie sagte, dass sie das alles nicht bezahlen kann. Punkt aus.

Tagelang wälzte die Löwin die Geldsorgen hin und her, denn ihr Mutterherz wollte eine Lösung finden. Sie telefonierte mehr als sonst im Buröchen und führte offensichtlich irgendetwas im Schilde.
Und eines Tage schnappte sie mich und eröffnete mir, dass wir jetzt zusammen ins Rathaus zu gehen hätten. Dort gäbe es ein Amt, in dem ein Beamter uns vielleicht das Geld für die Kur geben würde.

Im Rathaus klopfte Mama an eine Tür und eine Stimme forderte uns auf hereinzukommen. Mama nahm mich an die Hand. Ihre Hand umschlang ganz fest die meine und da sie mich sehr selten an die Hand nahm, ahnte ich sofort, dass etwas Besonderes im Busch war.

Ein älterer Mann, mit einem gleichgültigen Gesicht, saß hinter einem Schreibtisch und sagte uns kaum guten Tag. Er wies uns an, auf den beiden Stühlen vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen und fragte nach dem Grund unseres Erscheinens.
Mama erzählte ihm von meiner Kur und der vielen neuen Kleidung und der teuren Fahrkarte ins ferne Bad Orb im Spessart.
Während sie erzählte beobachtete ich sie die ganze Zeit und ich konnte den Blick nicht von ihr lassen.
Denn neben mir saß eine Mama, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte.
Desto mehr sie von der leeren Kasse im Laden und ihren Sorgen sprach, desto mehr sank sie in sich zusammen. Ihre Stimme klang nicht mehr, wie die Stimme einer Löwin, sondern wie die einer Heulsuse. Und irgendwann lief eine kleine Träne an ihrer Wange entlang.
Der Mann hinter dem Schreibtisch ließ sich alles ganz genau erklären und musterte Mama und mich wie ein strenger Lehrer.
Desto mehr Mama erklären musste, desto mehr Tränen liefen ihr über die Wangen und irgendwann saß neben mir eine völlig verzweifelte Mama.
Ein Meer von Tränen lief ihr durchs Gesicht und ihre Stimme zitterte.
Aber sie hörte nicht auf, dem Mann hinter dem Schreibtisch alle Fragen zu beantworten. Irgendwann erklärte sie nicht mehr, sondern bettelte. Nach dem Betteln fing sie an zu Flehen und nach dem Flehen konnte sie nur noch weinen und brachte keinen Ton mehr heraus.

Sie war nur noch ein Häufchen Elend und ich liebte sie dafür.
Ich liebte sie dafür, dass sie sich für mich erniedrigte und gleichzeitig kämpfte wie eine Löwin.
Es war schrecklich und schön zugleich.

Sprechen konnte in diesem Augenblick niemand mehr in diesem Büro in unserem Rathaus. Auch der Mann hinter dem Schreibtisch nicht. Er schaute uns eine geraume Zeit an und dann versprach er Mama, dass sie das Geld für meine Kur bekommen werde. Danach stellte er einen Scheck aus und überreichte ihn wie selbstverständlich meiner Mama.
Der meterhohe Berg aus Sorgen fiel Mama von den Schultern und mit dem Scheck in ihrer Hand verließ sie erhobenen Hauptes das Rathaus. Mit jedem Schritt, auf dem Weg zurück in den Laden, verwandelte Mama sich wieder in die Löwin, die ich kannte.

Zuhause erzählten wir niemandem, was sich im Rathaus abgespielt hatte. Die anderen erfuhren nur so viel, wie sie wissen mussten. Nämlich, dass das Amt die Kosten für meine Kur bezahlt hat. Welchen Preis Mama dafür zahlte, erzählte sie nicht und wir beide haben auch nie wieder miteinander darüber gesprochen.

Einige Tage später kam ich von der Schule nach Hause und auf dem Küchentisch lagen viele Stapel neuer Kleidung.
Schneeweiße Unterhosen- und Hemden strahlten mich an und nagelneue schicke Söckchen und Kniestrümpfe warteten darauf, in einen Koffer gepackt zu werden. Bunte Schlafanzüge, die noch niemand vor mir getragen hatte und ein nagelneuer Bademantel mit Kapuze kamen mir vor, wie ein Wunder. Ömchen hatte Nadel und Faden geholt und nähte in meine neuen Sachen kleine, weiße Stoffschildchen ein, auf die Mama mit einem Stift meinen Namen schrieb.
Das war der Beweis!
Diese neuen Sachen gehörten nur mir ganz allein.
Der blaue Badeanzug, die Pantoffeln, die Strumpfhosen ohne gestopfte Löcher und der Faltenrock mit passendem Pullover.
Das war alles so unbeschreiblich schön für mich, dass ich einen Wermutstropfen spielend leicht hinunterschlucken konnte. Meine schönen, neuen Sachen wurden in einen alten, braunen Koffer aus dicker Pappe gepackt. Da die Schlösser nicht mehr richtig schlossen, wurde der Kofferdeckel mit einer Schnur festgebunden und so sah mein Koffer wie ein Paket aus, das zur Post gebracht werden musste.

Am Abreisetag trug ich von oben bis unten neue Kleidung und war sicher das stolzeste Mädchen zu sein, dass jemals nach Bad Orb in den Spessart gefahren ist.
Auf dem Bahnsteig traf ich noch weitere Kinder, die mit mir in die Kur fuhren und in einem Abteil wartete eine ältere Dame auf uns, welche beauftragt war (von wem auch immer), uns gesund und munter in Bad Orb abzuliefern.

In Bad Orb wartete ein Bus auf uns und der fuhr immer nur bergauf, bis vor uns ein riesiges, weißes Gebäude auftauchte. Die Kinderkurklinik.
Ich hatte sofort riesiges Heimweh.

Mürrische Frauen in weißen Kitteln begrüßten uns, und ich trottete mit meinem braunen Pappkoffer unglücklich hinter ihnen her. Mit drei weiteren Mädchen zog in ein Zimmer ein und ein Bett wurde mir mit strengem Blick zugeteilt.
Mein Heimweh war von nun an so groß und schwer, wie die Geldsorgen meiner Mama.

Wie im Nebel erlebte ich die ersten Stunden in dieser Kinderkurklinik.
Das Abendessen, den pipiwarmen Hagebuttentee in großen Metallkannen, das Auspacken meiner schönen, neuen Sachen in meinen Kleiderschrank und die lieblose Strenge um mich herum.
Tüten packen war dagegen Pipikram.

Ein Gong verkündete, dass nun Schlafenszeit sei.
Alles musste ganz schnell gehen und wir hatten in Nullkommanichts im Bett zu liegen. Auf dem Rücken, die Arme auf der Bettdecke liegend.
Dann machte eine Pflegerin die Runde, welche für uns zuständig war. Sie war hartherzig, unnahbar und bitter. Von der ersten Sekunde an nannte ich sie innerlich nur „den Teufel“.

Der Teufel erklärte uns, dass wir nur mit dem Gesicht zur Wand einzuschlafen und zu schlafen hätten. Von jetzt an wolle sie keine Wort mehr von uns hören.

Wie alle Betten stand auch meins der Länge nach an der Wand. Um mit dem Gesicht zur Wand einzuschlafen, musste ich mich auf meine linke Seite drehen. Aber das war nicht meine Lieblingseinschlafseite. Meine Lieblingseinschlafseite war meine rechte Seite.
Aus Angst vor dem Teufel drehte ich mich zur Wand und versuchte einzuschlafen. Ich war dafür zwar schon viel zu groß, aber ich rief innerlich das Sandmännchen zur Hilfe. Aber das konnte noch so viel Sand in meine Augen streuen, mein Heimweh war viel zu groß.
Also drehte ich mich auf meine Lieblingseinschlafseite und erkannte in der Dunkelheit die anderen drei Mädchen, welche sich genau wie ich, auf die verbotene Seite gedreht hatten.
Wir hatten alle Angst vor dem Teufel.
Und wir hatten alle Heimweh.
Und wir weinten alle stumm vor uns hin.
Und so schliefen wir irgendwann ein.

Der Teufel ließ mich nicht lange schlafen. Er rüttelte und schüttelte mich, bis ich wach war und befahl mir, mich gefälligst zur Wand zu drehen. Immer wieder tauchte der Teufel in dieser Nacht auf, weckte mich und ich drehte mich von meiner Lieblingseinschlafseite auf die linke Seite. Einige Nächte lang ging das so.
Eines muss ich dem Teufel aber lassen, wir haben alle gelernt mit dem Gesicht zur Wand zu schlafen.

Mein Heimweh marterte mich Tag und Nacht. Und es gab nichts, was mich hätte trösten können. Nicht einmal meine schönen, neuen Sachen.
Mein Heimweh war so groß, dass ich wegen jeder Kleinigkeit anfing zu weinen und von morgens bis abends mit einem traurigen Gesicht durch die Kinderkurklinik lief.
Jeden Abend weinte ich mich in den Schlaf, der einfach nicht kommen wollte und die Nachtschwestern immer wütender auf mich machte.
Ich sehnte mich nach zu Hause, nach dem Tüten packen, den Pantoffeln mit den abgeschnitten Zehenspitzen und sogar nach Papas Dämmerschoppen.

Jeden Tag mussten wir lange Spaziergänge durch den Spessart machen, was ich überhaupt nicht leiden konnte. Bergauf, bergab. Besonders oft bergauf. Und dabei die Lieder aus der „Mundorgel“ singen. Laut und gesund.
Während die anderen Kinder fröhlich und munter „Wir lagen vor Madagaskar“ sangen, weinte ich und auch „Das Wandern ist des Müllers Lust“ konnte mein Heimweh nicht vertreiben. Nicht einmal für eine kleine Sekunde lang. So ging das tagelang.

Am ersten Wochenende durften wir eine Postkarte oder einen Brief nach Hause schreiben. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.
Ich nahm einen Bogen Briefpapier und machte aus meinem Herzen keine Mördergrube. Zum ersten Mal in meinem Leben schrieb ich meiner Mama einen langen Brief.
Ich erzählte ihr darin von dem Kindergefängnis, in dem ich gefangen sei und das ein Teufel auf uns aufpasst. Und das sie mich sofort abholen soll, da ich sonst weglaufen würde. Ich bettelte und flehte Mama an.


Ich steckte den Brief in einen Umschlag und nach einiger Zeit sammelte der Teufel unsere Postkarten und Briefe ein.

Ein paar Stunden später war der Teufel los.
Mit wütendem Blick fuchtelte er mit meinem Brief vor meiner Nase herum und schimpfte auf mich ein. Was ich mir einbilde, wie ich so etwas nach Hause schreiben könne!
Jetzt begriff ich, dass unsere Post geöffnet und gelesen wurde.

Mein Heimweh trat einen Moment zur Seite und meine Wut brach sich Bahn.
Ich schrie den Teufel an, dass das doch alles stimme. Ich sei in einem Gefängnis und sie der Teufel. Und ich wolle sofort nach Hause. Rotz und Schnott heulte ich dabei und dann stampfte ich mit dem Fuß auf und sagte schluchzend:
„Ich will zu meiner Mama.“

Wie aus dem Nichts stand plötzlich eine Ärztin neben mir. Die, die immer so nett zu uns Kindern war. Sie wollte wissen, was hier los sei.
Trotzig überreichte der Teufel der Ärztin den Brief. Und die las ihn ganz ruhig durch.
Sie schaute mich lange an und nahm mich und meinen Brief mit in ihr Arztzimmer.
Dort durfte ich alles erzählen, einfach so, ganz ehrlich, was mit mir los war.
Von meinem großen Heimweh konnte ich erzählen, von dem schrecklichen, pipiwarmen Hagebuttentee und das ich nicht einschlafen kann, mit dem Gesicht zur Wand.

Die Ärztin hörte sich alles an und zu meinem Erstaunen versprach sie mir, dass nun alles besser werden würde und der Brief an meine Mama genau so abgeschickt wird, wie ich ihn geschrieben habe.

Es wurde nicht alles besser, aber ein wenig.
Der Teufel war ein bisschen freundlicher zu uns Kindern, aber mit dem Gesicht zur Wand mussten wir immer noch schlafen. Und mein Heimweh blieb so schlimm, wie vom ersten Tag an.

Einige Tage später kam ein großes Päckchen für mich an.
Es war von meiner Mama!
Wieder trat mein Heimweh ein kleines Stück zur Seite und Aufregung und Freude erfasste mich. Wie eine Wilde riss ich das Päckchen auf und auf einem Haufen meiner Lieblingssüßigkeiten lag ein Brief von meiner Mama.
Sie schrieb, dass sie meinen Brief erhalten habe und dass sie sich beim Oberarzt beschwert hätte und nun sicher alles besser werden würde. Ich solle mich mit den Süßigkeiten trösten und auf keinen Fall weglaufen. Auch mein Heimweh würde vorrübergehen. Ich solle tapfer sein.
Die Süßigkeiten waren lecker, aber sie haben mich nicht getröstet.
Was mich bis in die letzte Zelle meines kleinen, vom Heimweh geplagten Herzens getröstet hat, war Mamas Brief. Nicht die Worte. Einfach nur der Brief. Das weiße Papier mit den Worten nur für mich. Mit der Handschrift meiner Mama, die ich bis heute sicher unter Tausend Briefen wieder erkennen würde.

Mit vielen Tränen und Heimweh überstand ich die nächsten Tage in dem immer gleichen Trott. Frühstück mit Graubrot, Butter und Marmelade; dazu den verhassten, pipiwaremn Hagebuttentee. Spaziergang in den Spessart. Mittagessen. Mittagsruhe. Graubrot mit Butter und Zucker und Hagebuttentee. Spaziergang in den Spessart. Abendessen. Schlafen. Mit dem Gesicht zur Wand. Am Sonntag gab es einen Nachtisch und ein Stück Kuchen.

Die Spaziergänge hasste ich. Sie waren immer gleich. Nichts interessantes passierte. Nur Bäume und Wiesen, Bäume und Wiesen. Ich weinte vor Heimweh und die anderen Kinder trällerten aus der Mundorgel immer die gleichen Lieder.
Nichts konnte mich aufmuntern. Kein Harung jung und schlank zwo, drei, vier und auch nicht ein Mann, der sich Kolumbus nannt, und schon gar nicht die drei Chinesen mit dem Kontrabass.

Aber der Teufel liebte diese Spaziergänge. Und besonders den Spaziergang, bei dem wir an einem Bauernhof mit einem großen Misthaufen vorbeikamen.
Schon hundert Meter vorher wussten und rochen wir, was nun kommen wurde. Es war, wie mit dem Amen in der Kirche. Unvermeidbar.
Wir erreichten den braunen, stinkenden, dampfenden Misthaufen und mussten uns sofort drum herum im Kreis aufstellen. Dann forderte der Teufel uns auf, unsere Arme ´gen Himmel zu strecken und dabei tief ein und aus zu atmen.
Dazu rief der Teufel mit Inbrunst: „Tief einatmen, die Luft ist selten“.
Dieses teuflische Ritual mussten wir mehrmals in der Woche klaglos über uns ergehen lassen.
Aber gegen mein Heimweh half auch das nicht.

Nach zwei quälenden Wochen wurden wir Kinder dazu ermuntert, uns eine Geschichte auszudenken und diese aufzuschreiben. Wir durften schreiben, was wir wollten und den Inhalt selber wählen.
Ich brauchte nicht lange zu überlegen und schrieb eine Geschichte über meine Babypuppe Sonja und meinen Teddybären Max.
Ich hatte vor einiger Zeit im Fernsehen das Ballett vom Nussknacker gesehen und war seitdem von der Idee fasziniert, dass Spielzeug um Mitternacht erwacht.

Unsere Geschichten wurden eingesammelt und nach einigen Tagen wurde ich vom Teufel in ein Arztzimmer geführt. Ich erwartete die nette Ärztin, aber an diesem Tag saßen viele Männer in weißen Kitteln, Hosen, Socken und Schuhen dort.
Mama hätte dazu „Götter in Weiß“ gesagt.
Mir war das alles ziemlich unheimlich, aber da die Götter in Weiß mich freundlich anlachten, war es nicht ganz so schlimm. Ich entdeckte, dass ein Gott in Weiß meine Geschichte vor sich liegen hatte.
Er wollte von mir wissen, ob ich diese Geschichte ganz allein geschrieben habe.
Ich bejahte das.
Die Götter in Weiß warfen sich Blicke zu, die ich nicht deuten konnte, mir aber das Gefühl gaben, dass etwas Besonderes vor sich ging.
Die Götter in Weiß tuschelten ein wenig miteinander und ich konnte kein einziges Wort verstehen. Einige musterten mich, ließen sich die Blätter mit meiner Geschichte geben und lasen kurz darin.
Dann wurde ich gefragt, ob ich immer noch so viel Heimweh habe.
Ich nickte.
Wieder tuschelten die Götter in Weiß miteinander und dann sagte ein Gott:
„ Du darfst nach Hause fahren.“

Wie angenagelt blieb ich auf meinem Stuhl sitzen.
Ich durfte nach Hause fahren?
Warum denn auf einmal?

Ehe ich was sagen oder fragen konnte, ob das alles was mit meiner Babypuppe Sonja und meinem Teddybär Max zu tun habe, wurde ich gebeten, das Arztzimmer zu verlassen.
Die Götter in Weiß wollten mir nichts erklären.

Ich stand auf, sagte brav auf Wiedersehen, öffnete die Tür, trat in den Flur, schloss die Tür und das Heimweh war wie weggeblasen. Es war einfach weg. Futsch.
Und zum ersten Mal lief ich fröhlich die Flure entlang und fühlte mich wohl in Bad Orb im Spessart.

Der Teufel empfing mich und wusste schon Bescheid. „Du darfst also nach Hause fahren. Dann gehen wir mal packen.“
Der Teufel machte vielleicht große Augen, als ich ihm sagte, dass ich aber gar nicht mehr nach Hause fahren wolle, da mein Heimweh auf einmal weg sei und ich sehr gerne in Bad Orb bleiben würde.

Ich durfte bleiben und nun wurden es herrliche Wochen.
Zwar hasste ich die Spaziergänge und den Hagebuttentee immer noch, aber ich war plötzlich gerne im Spessart, mit seinen Bäumen, den Wiesen und dem braunen, stinkenden, dampfenden Misthaufen.

Ich habe die Geschichte von Sonja und Max noch einmal für dieses Buch aufgeschrieben. Natürlich sind es die Worte eines Erwachsenen, aber sie erzählen genau das Gleiche.
Bis heute ist es mir ein großes Rätsel, was die Götter in Weiß dazu bewogen hat, mich nach Hause zu schicken.
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s.sobota-coombs schrieb am 24.11.2019
Ich hatte im Radio von dem Kongress auf Sylt gehört und wurde aufmerksam. Ich wurde 1970 nach Norderney verschickt. Dort durften die Kinder Nachts nicht zur Toilette gehen, sondern mussten ein "Töpfchen" benutzen.Haben Kinder das Laken zerwühlt, so wurden sie angeschnallt. Ähnlich wie die Vorrichtungen für Kinderwagen, die damals noch üblich waren.Telefonieren mit den Eltern war nicht möglich, es wurden die Hände zum schreiben geführt, aber nicht das was man schreiben wollte. Nur "Liebe Mama mir geht es gut"!
Meine Mutter war über meine Veränderung nach diesem Aufenthalt so schockiert das wir einen Psychologen augesucht haben.
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Dr. Bettina Jansen-Schulz schrieb am 24.11.2019
Ich heiße Bettina Jansen-Schulz. damals Bettina Schröder.
Weil ich 1957 ein dünnes Mädchen (geb. 1950) war und sehr oft im ersten Schuljahr krank war, wurde auch ich für 6 Wochen „verschickt“ nach Wyk auf Föhr ins Haus Sonnenschein - zu einer kalten Jahreszeit Herbst oder Frühjahr.
Zum Essen:
Ich kann mich erinnern, dass es morgens immer Haferschleimsuppe gab, nur Sonntags gab es Schokoladensuppe, die schmeckte gut. In meiner Erinnerung gab es sehr oft Linsensuppe, die offenbar den meisten Kindern nicht schmeckte, weshalb wir in einen „Streik“ traten. Wir verabredeten uns, so lange beim Essen zu würgen, bis wir uns übergeben mussten. Das haben wir offenbar öfter gemacht. An Strafen kann ich mich nicht erinnern - wahrscheinlich bekamen wir hinterher nichts mehr zu essen.
Zum Spielen:
Ich kann mich an keine Spielsituation drinnen oder draußen erinnern. Offenbar mussten wir aber bei Wind und Wetter an den Strand, was ich immer als unangenehm empfunden habe (danach hasste ich lange das Meer).
Zur Post
Unsere Post, die wir nach Hause geschrieben haben, wurde immer kontrolliert, ältere Kinder schrieben für die jüngeren, da stand immer drin, dass es mir gefällt, dass ich gutes Essen bekomme und dass es mir gut ging. Meine Mutter zu Hause wurde damit beruhigt. An Post von zu Hause kann ich mich nicht erinnern.
Schlafenszeiten:
Wir schliefen in großen Sälen. Dort hatte in meiner Erinnerung immer eine Erzieherin mit roten Locken die Aufsicht, die mich oft ausschimpfte, wenn ich mich im Bett am Körper kratzte. Ich floh dann immer unter das Bett, wo sie mich jedesmal wieder hervorzog - ich sah in ihr in meiner kindlichen Phantasie eine Hexe.
Krankheit
Nach drei Wochen erkrankte ich an Angina, hatte hohes Fieber. Meine Mutter wurde darüber nicht informiert (sonst hätte sie mich sofort abgeholt), sie erhielt weiterhin die o.g. Post. Wie ich versorgt wurde, weiß ich nicht mehr. Als es mir wieder etwas besser ging, hat sich die Heimleitung um mich gekümmert, mit mir nur kurze Spaziergänge am Strand gemacht. Diese Situation habe ich eher als angenehm im Gedächtnis.
Beschwerden
Ich wurde erst nach dem regulären Ende der Verschickungszeit von 6 Wochen nach Hause geschickt, meine Mutter bekam ein noch dünneres blasses Kind zurück, als sie es losgeschickt hatte. Sie beschwerte sich bei der Organisation (Rotes Kreuz??), das hatte aber keine weiteren Auswirkungen auf das Heim.
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Uwe Schmauder schrieb am 24.11.2019
Mitmenschen, Nächste,
hab' versehentlich 'n falsch geleiteten Beitrag an die service@ adress a.r. abgeschickt, gestern.
ich heiß als Kind Uwe, und hatte ne böse Stiefmutter ab 9, und meine liebe Mami starb langsam an'm Gebärmutter-CA, und wohl davon mochte ich nix essen fast, so kam ich ins ESSheim zum ESSen nach Bad Sachsa, da raus nach Steina, wo von der Straße her 'ne schmale steinerne Treppe raufführt, steil, zu den 2 erinnerbaren Häusern, und FreSSsaal, gleich links, ich war in'n 90ern mal nacherinnern hingefahren, aber hatt' zu viel Angst genau zu gucken.
Auch zu fuß war ich zu wenig beweglich geworden, wegen unterer Wirbelsäule am Ende.
Meine tötenswerte Stiefmutter schrieb den Aufseherinnen dort über mich was sie mit mir machen sollen, worauf die Führerin da zu mir sagte, deine Mutter hat geschrieben, jetzt weiß ich was du für einer bist!
Ich Angst in der deutschen Kinderseele.
Ich falsch.
Ich dumm.
Meine Stiefmutter war bis ins 90er eine hassenswerte Person, ich brachte ihr zum Abschied einen Brief an ihren Hausbriefkasten, in SIE Form, worin ich u.a. meinte, ich würde sie erschlagen, wenn das erlaubt wäre, das war ein Heiligabend.
Damit will ich ausdrücken, man müßte zu viele Böse erschlagen, und kann nicht Gerechtigkeit erlangen, aber inneren Frieden in Maßen suchen in der zusammenhänglichen Kommunikation.
Gruß Euch Mutigen.
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Dieter schrieb am 23.11.2019
Ich war 1966 oder 1967 als Dritt- oder Viertklässler im "Kinderkurheim Schönsicht" in Berchtesgaden. (Es war also nicht der Ponyhof Schönau und auch nicht eins der Caritas-Heime, die auf dieser Website mehrfach erwähnt wurden.) Es war für mich eine schwere Zeit, auch wenn es nicht eines der ganz schlimmen Heime war, von denen hier sonst berichtet wird. Schläge, Fixieren oder der Zwang, Erbrochenes zu essen habe ich dort nicht beobachtet oder erfahren. Es war mehr der psychische Druck. Obwohl ich zum "Aufpäppeln" dort hin geschafft wurde, kam ich nach 6 Wochen abgemagert wieder nach Hause. Die Heimleiterin "Tante Steffi" empfand ich als Hexe, rückblickend vermute ich eine Nazi-Vergangenheit, die Gruppenleiterinnen ("Tanten") waren wohl objektiv überfordert, konnten jedenfalls das Aggressionspotenzial innerhalb der Kindergruppen nicht bändigen. Statt dessen wurden durch Zwangsessen, Bloßstellen, Schimpfen, Verweigerung des Kontaktes mit den Eltern, Briefzensur, ... noch weitere Aggressionen in die Gruppen getragen. Die entluden sich dann ohne Hemmungen an den Schwächsten. Einziger Lichtblick war einmal in der Woche die Krankengymnastin und Masseurin Frau Lattermann, die in ihren Gruppen für Ruhe sorgte und auch mal fragte, wie es uns geht.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir in der Vorweihnachtszeit vor das Haus der Besitzer, einem älteren Ehepaar Schulz-Lauterbach, das wir sonst nie zu Gesicht bekommen haben, ziehen und etwas singen mussten.
Später habe ich oft gedacht, was es wohl für ein Gefühl sein muss, mit dem Unglück der Kinder sein Geld zu verdienen.
Heute habe ich gesehen, dass das Heim zu einer Kinderkurklinik ausgebaut worden ist, die immer noch einem Herrn Schulz-Lauterbach, also vielleicht einem Sohn oder Enkel, gehört. Aber heute gibt es diese Verschickungen ja nicht mehr, und ich will für die Kinder von heute hoffen, dass der Stand der Medizin und die behördliche Aufsicht auf einem besseren Stand ist als in den 60er Jahren.
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Remi schrieb am 23.11.2019
Was Sie tun, nennt man neudeutsch "Whataboutism " .... ja, aber was war in den Elternhäusern, Schulen etc? Das macht aber ein Unrecht nicht kleiner .
Ich gebe Ihnen übrigens Recht, dass sich auch Kinder gegenseitig traumatisieren , neudeutsch mobben können. Besonders in einem Klima der Kälte, der Angst , in der das noch gefördert wird. Mich haben Kinder - aufgehetzt von einer Erzieherin - einen Abhang rruntergeworfen.
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Hans-Peter 61 Jahre alt schrieb am 23.11.2019
Mein Name ist Hans-Peter - heute bin ich 61 Jahre alt

- der Horror mit den Nonnen
Ende der 60-er Jahre war ich in Reinhardshausen - bei Bad Wildungen. Dort wurden wir geschlagen und gedemütigt. Kinder die ins Bett gemacht hatten, mußten ihre Matratzen und Bettbezüge mit den Händen auswaschen und feucht wieder aufziehen. Getrocknet wurde alles mit der eigenen Körperwärme. Ich mochte vor allem die undefinierbare Nachtischpampe nicht und wurde so lange von den Nonnen mit dem Gesicht hineingedrückt bis ich keine Luft mehr bekam. Jede Woche mußte ich - wie einige andere auch - auf eine Liege in eine Doggystellung. Dann bekamen wir eine Spritze in den Rücken. Danach mußte ich Stunden liegen, ohne mich zu bewegen. Man sagte mir, wenn ich mich bewege, kann ich danach nicht mehr laufen. Schläge usw. waren an der Tagesordnung. Vieles habe ich verdrängt. Und das ist gut so. Oftmals warn ich mit dem Motorrad in der Gegend um Reinhardshausen. Nach Jahren habe ich mich dann getraut zu dem Heim zu fahren. Der alte Kasten sah so aus, als ob er bald zusammenbricht. Das war für mich eine späte Genugtuung. Traumatisiert bin ich noch heute. Weder damals noch heute will jemand etwas von dieser Geschichte wissen. Es tut gut, das mal hier zu schreiben und zu erkennen, das ich nicht alleine damit bin. Und wenn es noch ein wenig Gerechtigkeit für das alles gibt - mögen die Nonnen von damals ewig in der Hölle schmoren.
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Hans-Peter 61 Jahre alt schrieb am 23.11.2019
der Horror mit den Nonnen

Ende der 60-er Jahre war ich in Reinhardshausen - bei Bad Wildungen. Dort wurden wir geschlagen und gedemütigt. Kinder die ins Bett gemacht hatten, mußten ihre Matratzen und Bettbezüge mit den Händen auswaschen und feucht wieder aufziehen. Getrocknet wurde alles mit der eigenen Körperwärme. Ich mochte vor allem die undefinierbare Nachtischpampe nicht und wurde so lange von den Nonnen mit dem Gesicht hineingedrückt bis ich keine Luft mehr bekam. Jede Woche mußte ich - wie einige andere auch - auf eine Liege in eine Doggystellung. Dann bekamen wir eine Spritze in den Rücken. Danach mußte ich Stunden liegen, ohne mich zu bewegen. Man sagte mir, wenn ich mich bewege, kann ich danach nicht mehr laufen. Schläge usw. waren an der Tagesordnung. Vieles habe ich verdrängt. Und das ist gut so. Oftmals warn ich mit dem Motorrad in der Gegend um Reinhardshausen. Nach Jahren habe ich mich dann getraut zu dem Heim zu fahren. Der alte Kasten sah so aus, als ob er bald zusammenbricht. Das war für mich eine späte Genugtuung. Traumatisiert bin ich noch heute. Weder damals noch heute will jemand etwas von dieser Geschichte wissen. Es tut gut, das mal hier zu schreiben und zu erkennen, das ich nicht alleine damit bin. Und wenn es noch ein wenig Gerechtigkeit für das alles gibt - mögen die Nonnen von damals ewig in der Hölle schmoren.
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Kirsten Beste schrieb am 23.11.2019
Herr Jürgen Jürgensen.
Wie kommen Sie dazu mein Leid, mein Trauma (und Das der anderen Leidtragenden die hier ein Forum gefunden haben), das was ich erlebt habe und mein ganzes Leben beeinflusst hat abzuwerten? Und das auch noch als nicht Aufarbeitungswürdig zu bewerten! Sie sind nicht der Maßstab dafür. Das ist niemand! Leid ist immer individuell. Ihr Beitrag zeigt Ihre Empathielosigkeit und Ignoranz. Leben Sie gerne weiter so, aber nehmen Sie Abstand davon uns hier abzuwerten. Kirsten Beste
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Doris Stober schrieb am 23.11.2019
Hallo Hr.Sanderink,
haben sie schon mal was vom Milgram- Experiment gelesen ( wieweit Menschen gehen, wenn Autoritäten gesundheitsgefährdende Anweisungen geben)?Beschreibung finden sie im Internet.
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Juergen Wuergensen schrieb am 23.11.2019
Ich verstehe diesen Äpfel-/Birnenvergleich mit Glückstadt und der katholischen Kirche nicht - nur weil Kinder auch anderswo misshandelt wurden, darf sich hier nicht untereinander ausgetauscht werden? Dass es in "ja soooo viel harmloseren" Verschickungsheimen sogar Todesfälle durch Misshandlungen gab, die juristisch nie aufgeklärt wurden und nahezu alle, die hier schreiben, heute teilweise schwere psychische Folgen davontragen, soll nicht thematisiert werden? Die Art der Mißhandlung spielt dabei überhaupt keine Rolle, wenn sie als traumatisch erlebt wird.

Niemand verallgemeinert hier, jeder beschreibt seine ganz persönliche Erfahrung. Niemand leugnet, dass es in der Zeit auch rühmliche Ausnahmen und gut geführte Heime gegeben haben mag; auch davon berichten hier Zeitzeugen, nur scheinen sie damals sehr selten gewesen zu sein.

Hier tauschen sich eben vorwiegend die aus, die nicht in "Bullerbü" waren und das sind scheinbar nicht wenige. Niemand leugnet hier Misshandlungen auf der Flucht, in der Schule, in den eigenen vier Wänden oder wiegt sie gegeneinander auf - auch das gehört aufgeklärt und aufgearbeitet. Es ändert aber nichts an meinen eigenen Erfahrungen und macht sie nicht besser.

Leute mit eher schlichtem Gemüt spielen das Erlebte halt gern herunter, sind abgestumpft oder machen jeden Abend "ein Fass auf" (und das nicht im übertragenen Sinn...). Aber auch dafür gibt es Therapieangebote Jürgen... :o)
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Matthias schrieb am 23.11.2019
Es muß 1966 in den Sommerferien gewesen sein, bzw. schon vor deren Beginn, als ich mit 10 J. nach Bad-Dürrheim in ein "Kindererholungsheim" verschickt wurde. Wie ich da hinkam, gebracht oder mit anderen Kindern zusammen, daran habe ich keine Erinnerung mehr. Auf jeden Fall mit dem Zug. Positive Erinnerungen habe ich an diese Zeit nicht eine Einzige. Es herrschte von den Ordensschwestern (Tanten) ein strenges, aber dafür umso weniger herzliches Regiment. Ein irgendwie geartetes "Aufmucken" gab es bei einem 10-jährigen damals ohnehin nicht, wir waren Gehorsam gewöhnt. Da ich in dieser Zeit Geburtstag hatte, bekam ich ein Paket von zuhause. Dieses wurde mir zwar ausgehändigt, aber wieder weggenommen, zwecks "Zuteilung". Meine Mutter -und daran erinnere ich mich genau- hatte das Zeugnis mit ins Paket gelegt, da ich ja schon kurz vor Ferienbeginn verschickt wurde und diesen nicht erhalten hatte. Wie bei jedem "anständigen" Jungen in diesem Alter, waren nicht alle Note zur vollsten Zufriedenheit. Aus irgend einem absolut nichtigen Anlaß, las dann eine der "Tanten" zur Strafe die Zeugnisnoten allen anderen Kindern vor. Man könnte das auch Anleitung und Aufstachelung zum Mobbing bezeichnen. Es gab Kinder (die etwas aufmüpfigeren), die auch geschlagen wurden. Mir selber ist das nicht passiert, außer einer Ohrfeige. Trotzden hatten solche Maßnahmen ihre verstörende Wirkung auf alle anderen.
Besonders in Erinnerung sind mir die "Inhalationsmaßnahmen" gelblieben. Gruppenweise kamen wir in gekachelte Räume (sie schienen die Bombenangriffe überstanden zu haben), so groß wie kleine Umkleidekabinen. Dort saßen wir dann auf Holzbänken in kurzen Lederhosen. Durch eine Rohröffnung wurde dann ein Solenebel eingeblasen, daß man die gegenüberliegende Wand nicht mehr sehen konnte. Beim ersten Mal, war eine der "Tanten" dabei, danach wurden wir dort alleine eingesperrt. Etliche Kinder fingen regelmäßig an zu weinen und wollten raus. Verfroren und an allen Gliedern schlotternd kamen wir danach aus diesem Raum dann immer raus. Heute würde man sowas wohl als "seelische Grausamkeit" bezeichnen - damals war das wohl noch normal.
Die Briefe, die wir nach Hause schreiben mußten (dafür gab es jede Woche einen festen Tag), wurden allesamt zensiert. Ich durfte meine immer mehrfach schreiben, bis sie "ordenskonform" waren. Meine Mutte hatte mir ein kleines Portemonait mitgegeben, mit etwas Taschengeld. Dieses bekamen wir nur zu "Ausgängen" ausgehändigt. Besagtes Portemonait hatte ein kleines, kaum sichtbares Seitenfach. Und dort hatte mir meine Mutter einige Briefmarken reingetan. Während sich die anderen Kinder bei einem dieser Ausflüge Eis oder Süßigkeiten kaufte, erstand ich eine Postkarte. Irgendwo hatte ich dann heimlich nach Hause geschrieben, was wirklich los war - und, daß ich sofort nach hause wollte.
Fazit: ich kam von dieser "Erholungstortour" krank und abgemagert wieder zurück. Bis zum heutigen Tag habe ich eine tiefe Abneigung gegen alle Ordenschwestern....
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Uschi Pietzsch schrieb am 23.11.2019
Hallo Kurt schaue mal es gibt zu Bad Reichenhall schon eine Heimortvernetzung. Armin: armin.prauser@t-online.de
Ich selbst war im Januar 1966 mit 5 Jahren in Bad Reichenhall.
Herzliche Grüße
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Noll schrieb am 23.11.2019
Wilhelmshaven,den 20.11.2019

Hallo,
am 19.11. sah ich in der Sendung, "Hallo Niedersachsen", den Bericht über die schlechte Behandlung der Kurkinder.

Ich war 1963 9 Jahre alt und von Ende August bis Ende September im Oldenburger Kinderheim, in Bad Rothenfelde, im Teutoburger Wald. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind schlecht.
Vor der Kur wurde der Koffer von meiner Mutter liebevoll gepackt. Hübsche Kleider und persönliche Sachen kamen hinein. Auch Proviant für die Fahrt war dabei. Sehr stolz war ich auf die 8X4 Seife zum Waschen.
Bei der Ankunft wurden wir Kinder auf die Terrasse des Hauses gebracht, und wir mußten unsere übrig gebliebenen Lebensmittel in Körbe legen. Auch die Seife mußte ich abgeben. Beim Kofferauspacken, was die "Tanten" machten, wurde mir gleich gesagt, daß ich die Kleider nicht anziehen dürfte, weil die anderen Mädchen sonst neidisch würden. Ich hatte in den 4 Wochen 2 Kleider an, die Tante Gudrun für geeignet hielt.
An die Abläufe beim Frühstück und Abendbrot kann ich mich nicht erinnern.
Aber die Mittagessen sind noch sehr präsent. Wir mußten drei Teller, die uns vom Personal gebracht wurden , leeressen. Wenn wir das geschafft hatten, durften wir uns den vierten Teller selber holen.
Bei der Linsensuppe, die es 4x in den Wochen gab, habe ich es tatsächlich geschafft, vor dem Essen zu erbrechen.
Meine Seife habe ich auf der Gemeinschaftstoilette wiedergefunden.
Das Briefeschreiben wurde kontrolliert und die, die ankamen, wurden geöffnet und vorab gelesen. Mir ist meine Post erst später ausgehändigt worden. Die Briefe, die von uns nach Hause geschickt wurden, duften nur Positives beinhalten.
Um 7 Uhr morgens sind wir geweckt worden. Aber die Augen mußten noch geschlossen sein.
Am 13.09. hatte ich Geburtstag und war etwas aufgeregt und öffnete die Augen früher. Ich bin angewiesen worden, die Augen wieder zu schließen, um 15 Minuten "nachzuschlafen".
Ich habe die ganze Zeit geweint und geschluchzt. Es war eine Strafe und das an meinem Tag.
Ein Mädchen näßte jede Nacht ein. Sie durfte nicht mit uns aufstehen. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte, war ich schweißgebadet, weil ich Angst hatte, daß mir das auch passiert wäre.
Gott sei Dank blieb alles trocken.
Den Herbergsvater habe ich als schreienden und colerischen Mann in Erinnerung. Einmal brüllte er mich an, weil ich einen Blick auf die Seite der Jungen warf.
Mit freundlichen Gruß
Heidi

P.S. Ich war danach noch einige Male zur Kinderverschickung. Dort habe ich positive Erlebnisse
gehabt.
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Doris Stober schrieb am 23.11.2019
Hallo Thomas, da war ich auch, s.mein Zeugnis. Ja, nur Erlebtes in der Vergangenheit generiert Erinnerung. Mir hat Jesus geholfen das kinderfeindliche Erleben zu meistern und überwinden. Reden sie einfach mal mit IHM. Bitte Ihn nicht mit Kirche gleichsetzen!
Gruß Doris
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Gisela Ehrhardt schrieb am 23.11.2019
Mit elf Jahren, dürr wie eine Spindel, wurden meine 3 Jahre jüngere Schwester und ich vom BRK nach Muggendorf / Ofr. in ein Kurheim verschickt. Im Prinzip ähneln sich solche Berichte, und wir sind kollektive Opfer. Dennoch ist jeder für sich alleine, um diesen Teil der Vergangenheit aufzuarbeiten.
Die vermeintliche Harmonie durch die idyllische Lage der Häuser (Muggendorf liegt wunderschön am Wald) täuscht gewaltig. Das Essen war immer eine Katasthrophe. Ich wollte am liebsten unsichtbar sein, nicht auffallen. Aber nun hatte mich beim Mittagessen - es gab Zwetschendatschi! - eine Wespe oder Biene gestochen. Leise weinte ich vor mich hin, denn es tat weh. Da kam die Aufseherin, zog mich am Arm nach oben (ob ich eine Ohrfeige bekam, weiß ich nicht mehr) und schrie mich an, warum ich weine. Ich wolle bloß die Zwetschendatschi nicht essen, meinte sie. Ein Mädchen an meinem Tisch sagte, dass ich von einer Wespe/Biene gestochen wurde. Da zog sie mich in die Toilette, ich musste meinen Unterarm frei machen, denn der Stich war unter der Achselhöhle. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es stimmte mit dem Stich, wurde sie etwas kleinlauter und brachte mich an den Tisch zurück. Ich musste weiter essen, keine Entschuldigung oder so.
Ein anderes Mädchen konnte keinen Fisch essen. Nachdem alle fertig waren mit Essen, musste sie vor uns allen den Teller leeressen - und kotzte über den ganzen Tisch! Eine kleine gehässige Genugtuung blieb uns da, denn sie wurde dann tatsächlich vom Tisch entlassen (musste, entgegen anderen Berichten von Verschickungsopfern, ihre Kotze wenigsten nicht ..... und auch nicht selber sauber machen).
Mittags mussten wir schlafen! Ich konnte aber oft nicht richtig schlafen, sondern phantasierte mit offenen Augen vor mich hin. Einmal wurde ich dabei erwischt (ich war aber nur eine von vielen!) und musste vor die Tür stehen, bis die anderen Mädchen mit Schlafen fertig waren und zum Spielen geschickt wurden. Ich musste dann nochmal eine Stunde hinliegen. Das war für mich eine der härtesten Strafen, denn ich konnte und kann auch heute tagsüber nicht schlafen.

Meine Lieblingstante schickte mir einmal ein Päckle mit vielen besonderen Süßigkeiten. Da wir eine große Familie waren (9 Kinder, Vater und Mutter), war ich es gewöhnt zu teilen. Ich hätte garantiert mit meiner Schwester und mit den anderen in meinem Schlafraum geteilt. Aber ich bekam außer dem Brief meiner Tante den gleichen Anteil wie alle anderen, und das war natürlich nicht viel. Es wäre eine für mich außergewöhnliche Situation gewesen, wenn ich mal für mich alleine etwas gehabt hätte. Aber das wurde mir von dem Betreuungspersonal nicht vergönnt.
Es gibt sicher noch einiges, das ich vergessen habe - aus dem Gedächtnis radiert habe. Wenn ich das Gruppenfoto anschaue mit den beiden BRK-Schwestern, sehe ich eine harmonisch lächelnde Freizeitgruppe, die freundlich von den Betreuerinnen umarmt werden. Wie der Schein trügt!
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Daniel schrieb am 23.11.2019
Liebe Kerstin, Danke Dir für die Antwort ! Wahrscheinlich sind wir uns da über den Weg gelaufen. Verrückt, vor 46 Jahren ! Ich war wohl so um Juli/August 73 herum als 5/6-jähriger in Timmendorf. Warum zu dieser Zeit ? Das genaue Datum weiß ich nicht mehr, aber wir haben im nahen Wäldchen bei den organisierten Ausmärschen reife Himbeeren gesammelt und es gab ziemlich viele Weinbergschnecken, was für einen knapp 6-jährigen aus HH schon eine ziemliche Attraktion ist. Klingt erstmal toll, aber man wird unbeteiligten Dritten wohl nie vermitteln können, wie verlassen sich alle Kinder damals fühlten. Elternbesuch gab es nicht. Im Saal, in dem ich damals schlief, standen nach meiner Erinnerung ca. 10-12 einfache Betten für sowohl Mädchen als auch Jungs. Wie ich gesehen habe steht das Haus heute noch und wird auch heute noch für dieselben Zwecke - nur hoffentlich moderner - genutzt. Ich könnte wahrscheinlich heute noch auf den Platz zeigen, wo mein Bett stand. Mensch, ich könnte noch einiges erzählen. Bis zu den aktuellen Berichten war das bei mir alles längst beerdigt.
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May-Britt schrieb am 23.11.2019
Ich war ca. 1969 mit 5 Jahren in Muggendorf. Ich habe nur wenige Erinnerungen. Meine Mutter hatte in alle meine Kleidungsstücke meinen Namen eingenäht. Kontakt mit meinen Eltern gab es während des Aufenthaltes nicht, man hatte sie wohl aufgefordert, den Kontakt zu unterlassen, damit ich kein Heimweh bekäme. Einmal kam eine Postkarte und einmal ein Päckchen, dessen Inhalt ich aber abgeben musste. Eine Situation ist mir aber bis heute in Erinnerung geblieben. Ich musste etwas aufessen, obwohl mir schon schlecht war. Anschließend im Bett musste ich mich übergeben, wofür ich nichts konnte. Zur Strafe musste ich die Nacht alleine auf dem Dachboden verbringen. Als Kind habe ich das irgendwie verarbeitet, denn die Erziehungsmethoden waren ja allgemein üblich. Durch das Buch „geprügelte Generation“ bin ich darauf aufmerksam geworden, wie verbreitet diese Methoden, die ich ja selber zu Hause auch erlebt hatte, waren und erst in den letzten Jahren ist mir in Gesprächen klar geworden, dass viele Kinder meiner Generation in solchen „Kuren“ ähnlich üble Erfahrungen gemacht haben. Gut, wenn das mal an die Öffentlichkeit kommt.
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