ZEUGNIS ABLEGEN – ERLEBNISBERICHTE SCHREIBEN

Hier haben sehr viele Menschen, seit August 2019, ÖFFENTLICH ihre Erfahrung mit der Verschickung eingetragen. Bitte geht vorsichtig mit diesen Geschichten um, denn es sind die Schicksale von Menschen, die lange überlegt haben, bevor sie sich ihre Erinnerungen von der Seele geschrieben haben. Lange haben sie gedacht, sie sind mit ihren Erinnerungen allein. Der Sinn dieser Belegsammlung ist, dass andere ohne viel Aufwand sehen können, wie viel Geschichte hier bisher zurückgehalten wurde. Wenn du deinen Teil dazu beitragen möchtest, kannst du es hier unten, in unserem Gästebuch tun, wir danken dir dafür! Eure Geschichten sind Teil unserer Selbsthilfe, denn die Erinnerungen anderer helfen uns, unsere eigenen Erlebnisse zu verarbeiten. Sie helfen außerdem, dass man uns unser Leid glaubt. Eure Geschichten dienen also der Dokumentation, als Belegsammlung. Sie sind damit Anfang und Teil eines öffentlich zugänglichen digitalen Dokumentationszentrums. Darüber hinaus können, Einzelne, die sehr viele Materialien haben, ihre Bericht öffentlich, mit allen Dokumenten, Briefen und dem Heimortbild versehen, zusammen mit der Redaktion als Beitrag erarbeiten und auf der Bundes-Webseite einstellen. Meldet euch unter: info@verschickungsheime.de, wenn ihr viele Dokumente habt und solch eine Seite hier bei uns erstellen wollt. Hier ein Beispiel

Wir schaffen nicht mehr, auf jeden von euch von uns aus zuzugehen, d.h. Ihr müsst euch Ansprechpartner auf unserer Seite suchen. ( KONTAKTE) Wenn Ihr mit anderen Betroffenen kommunizieren wollt, habt ihr weitere Möglichkeiten:

  1. Auf der Überblickskarte nachschauen, ob eurer Heim schon Ansprechpartner hat, wenn nicht, meldet euch bei Buko-orga-st@verschickungsheime.de, und werdet vielleicht selbst Ansprechpartner eures eigenen Heimes, so findet ihr am schnellsten andere aus eurem Heim.
  2. Mit der Bundeskoordination Kontakt aufnehmen, um gezielt einem anderen Betroffenen bei ZEUGNIS ABLEGEN einen Brief per Mail zu schicken, der nicht öffentlich sichtbar sein soll, unter: Buko-orga-st@verschickungsheime.de
  3. Ins Forum gehen, dort auch euren Bericht reinstellen und dort mit anderen selbst Kontakt aufnehmen

Beachtet auch diese PETITION. Wenn sie euch gefällt, leitet sie weiter, danke!

Hier ist der Platz für eure Erinnerungsberichte. Sie werden von sehr vielen sehr intensiv gelesen und wahrgenommen. Eure Erinnerungen sind wertvolle Zeitzeugnisse, sie helfen allen anderen bei der Recherche und dienen unser aller Glaubwürdigkeit. Bei der Fülle von Berichten, die wir hier bekommen, schaffen wir es nicht, euch hier zu antworten. Nehmt gern von euch aus mit uns Kontakt auf! Gern könnt ihr auch unseren Newsletter bestellen.

Für alle, die uns hier etwas aus ihrer Verschickungsgeschichte aufschreiben, fühlen wir uns verantwortlich, gleichzeitig sehen wir eure Erinnerungen als ein Geschenk an uns an, das uns verpflichtet, dafür zu kämpfen, dass das Unrecht, was uns als Kindern passiert ist, restlos aufgeklärt wird, den Hintergründen nachgegangen wird und Politik und Trägerlandschaft auch ihre Verantwortung erkennen.

Die auf dieser Seite öffentlich eingestellten Erinnerungs-Berichte wurden ausdrücklich der Webseite der „Initiative Verschickungskinder“ (www.verschickungsheime.de) als ZEUGNISSE freigeben und nur für diese Seiten autorisiert. Wer daraus ohne Quellenangabe und unsere Genehmigung zitiert, verstößt gegen das Urheberrecht. Namen dürfen, auch nach der Genehmigung, nur initialisiert genannt werden. Genehmigung unter: aekv@verschickungsheime.de erfragen

Spenden für die „Initiative Verschickungskinder“ über den wissenschaftlichen Begleitverein: Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung / AEKV e.V.:     IBAN:   DE704306 09671042049800  Postanschrift: AEKV e.V. bei Röhl, Kiehlufer 43, 12059 Berlin: aekv@verschickungsheime.de

Journalisten wenden sich für Auskünfte oder Interviews mit Betroffenen hierhin oder an: presse@verschickungsheime.de, Kontakt zu Ansprechpartnern sehr gut über die Überblickskarte oder die jeweiligen Landeskoordinator:innen


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2774 Einträge
Ursula schrieb am 05.12.2019
Hallo zusammen, ich war im Sommer 1971 für 6 Wochen in dem DAK-Heim Bad Sassendorf. ich war ziemlich dürr . Ich musste immer das Mittagessen aufessen. konnte das aber nicht, musste mich , vorallem bei Haferschleim, ins Essen erbrechen und das dann aufessen. Ich musste alleine im Essensaal sitzen bleiben, bis ich aufgegessen hatte. In dieser Zeit dort hatte ich Geburtstag. Ich bekam von zu Hause ein Päckchen mit einem kleinen Kuchen und Süssigkeiten. Alles wurde verteilt und ich bekam fast nichts davon ab. Der Kurerfolg sollte zu einer Gewichstzunahme führen. Ich habe allerdings nichts zugenommen. In der Woche 5 wog ich genauso viel wie zu Kurbeginn, der Abschlussbericht liegt mir heute noch vor. Das führte dazu, dass ich die gesamte letzte Woche alleine im Zimmer im Bett bleiben musste, während ich bei tollsten Sommerwetter die anderen Kinder draußen spielen hörte. Dieses Gefühl des alleine seins war die Hölle und für mich völlig unverständlich. Mein Bruder, 1,5 Jahre älter, war auch dort, erzählte mir dann auch, dass alle zum Abschluss noch auf einem tollen Spielplatz waren und auch ein Eis bekommen haben.
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Clarissa Baillon schrieb am 05.12.2019
Ich war 1961 Dezember im Kinderhaus Santa Maria in Borkum ich kann auch nur bestätigen - Kinder wurden misshandelt , das Essen war ein Horror und wenn man erbrochen hat solange essen bis der Teller Lehr war egal ob mit oder ohne kotze. Nachts aufs Klo war verboten wer ins Bett pinkelte musst nachts im Dunkeln auf der Treppe den Nonen die Schuhe putzen in der Küche arbeiten - als 6 und 7 jährige Kinder. Briefe an die Eltern wurden geöffnet und weggeschmissen Nikolaus Pakete verteilten die Nonnen unter sich! Sehr viele der Kinder In meiner Zeit ? wurden krank und total gestört. Ich war lange Zeit in psychologischer Behandlung . Diese Nonnen waren bösartig und eine Schande für alles was mit Schutz und Gutem für Kindern sein sollte. Unglaublich heute zu erfahren wie oft dieses Vorgekommen ist und das keiner je zur Rechenschaft gezogen wurde. Ich habe nichts über Misshandlungen bei Santa Maria im Internet gefunden. Sind die bisher nicht entdeckt worden?.....
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Beate Stursberg schrieb am 05.12.2019
Guten Tag, ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen, habe den Bericht im Fernsehen nicht gesehen. Beim Lesen der vielen Berichte und Kommentare musste ich immer wieder an meine eigenen Erlebnisse in Kinderheimen denken.
Ich bin Jahrgang 1954, in Hamburg aufgewachsen. Mit 4 Jahren kam ich zum ersten Mal in ein Kinderheim. Den Namen des Heimes weiß ich nicht mehr , es war in Voßloch bei Elmshorn. Die Patentante meiner Schwester, Frau Dr. Wieczorek hat mich dorthin bringen lassen , um meine Mutter für eine Weile zu entlasten. Ich wurde von ihrer Sprechstundenhilfe abends dorthin gebracht. Das ganz ging sehr plötzlich , und ich hatte überhaupt keine Ahnung wieso jemand Fremdes mit mir irgendwohin fuhr. Doch bis dahin war ich wohl noch recht gut gelaunt.
Ich erinnere mich, dass es vom Bahnhof aus noch recht weit zu laufen war, was mir aber weniger ausmachte als der Sprechstundenhilfe, denn auf ihre Worte, sie könne nicht mehr laufen sagte ich: " Du kannst, du willst nur nicht."
Meine Erinnerungen an die Zeit in dem Heim sind sehr gering. Ich erinnere mich aber, dass ich allein vor meinem Teller mit Spinat saß, den ich absolut nicht mochte. Ich sollte ihn aber aufessen. Ich wurde von einer " Tante"? aus einem Raum beobachtet, der rechts von meinem Tisch war. Irgendwann versuchte ich den Spinat zu essen, um endlich gehen zu dürfen. Nach ein paar Löffeln erbrach ich aber alles wieder . Ich fing an zu weinen, da ich doch meinen Teller nun erst recht nicht leer essen konnte . Ich musste zu der " Tante " in den Raum gehen und wurde gefragt, warum ich denn erbrochen hätte, ob ich das etwa mit Absicht getan hätte. Ich verneinte und bestritt das unter heftigem Weinen auch bei mehrmaligem Nachfragen. Ich wurde wieder an den Tisch gesetzt und sollte trotzdem meinen Teller leer essen. Da ich aber aufs heftigste weinte , durfte ich irgendwann aufstehen und wurde zum Mittagsschlaf gebracht.
Sobald wir zum Schlafen im Bett waren durften wir nicht mehr auf die Toilette. Einmal habe ich versucht auf die Toilette zu gehen, doch weil gerade jemand kam bin ich schnell wieder ins Bett gegangen. Ein oder zweimal habe ich ins Bett gemacht .Ob ich dafür bestraft wurde weiß ich nicht mehr.
Ich hatte großes Heimweh in der ganzen Zeit. Meine Mutter durfte keinen Kontakt zu mir haben.Damit sie sich erholen konnte. Irgendwann wurde ich krank , bekam hohes Fieber. Ich erinnere mich an eine junge Frau, die mir über den Kopf strich und sagte: " Endlich geht es Dir besser und du bist wach". Das Streicheln über meinen Kopf habe ich sehr genossen, und es hat mich beruhigt.
( Während ich die letzten zwei Sätze geschrieben habe, ist mir der Gedanke gekommen, dass mir noch heute die Tränen in die Augen steigen, wenn mir mein Mann oder meine Kinder über den Kopf streichen. Und wenn ich nachts schlecht träume, so beruhige ich mich sofort, wenn man mir über den Kopf streicht. Womöglich gibt es da einen Zusammenhang??)
Ich war wohl ca. 6 Wochen in diesem Heim. Es muss über Ostern gewesen sein, denn ich hatte ein Osternest. In dem war gefüllte Schokolade und ein Fondant Küken , beides mochte ich nicht. Ich ließ die angebissene Schokolade in dem Nest, und das Nest blieb stehen, bis die Ameisen darüber liefen.
Auf dem Heimgelände gab es wohl auch einen kleinen Spielplatz mit einer Schaukel. Und es gab einen Jungen, der mich an die Hand nahm ( schätzungsweise war er zwei Jahre älter als ich) und zu mir sagte: " Ich pass auf dich auf." In meiner Erinnerung hieß er Michael.

Mit 8 oder 9 Jahren wurde ich wegen einer Bronchitis in das Kinderheim in Cuxhaven/ Duhnen verschickt. Liebe Frau Marianne Vossoug, als ich den Namen der Leiterin " Frau Hussmann " las, klingelte es leise bei mir. Sie war 1962/63 ja auch da.
Auch in diesem Kinderheim durften wir nicht mehr auf die Toilette wenn Nachtruhe angesagt war. Ich kann mich noch sehr deutlich daran erinnern, dass ein älteres Mädchen ( ca.12/13 J.) abends noch mal zur Toilette musste und im Bett deswegen jammerte. " Ich kann nicht mehr! Ich halt das nicht mehr aus!" Sie sprach einen süddeutschen Dialekt. Ich habe ihre Stimme noch immer im Ohr.Ein anderes Mädchen bot ihr ihren Zahnputzbecher an. Irgendwann sind wir dann mit mehreren zur Toilette geschlichen, haben uns tief gebückt um an dem Zimmer der Leiterin vorbei zu kommen. Auf dem Rückweg ging kurz hinter uns dann die Tür dieses Zimmers auf. Wir sind wie wild zum Schlafraum gerannt. Natürlich wurden wir gefragt, wer da gerade auf dem Flur gewesen sei und warum. Das als " Anstifterin" ausgemachte Mädchen musste dann aufstehen und den Raum in Begleitung der Leiterin verlassen. Sie kam an dem Abend nicht mehr zurück . Als sie am nächsten oder übernächsten Tag wieder auftauchte sagte sie nur, dass sie allein in einem Raum gewesen wäre und nicht raus gedurft hätte.
Beim Essen durften wir nicht reden, nach dem Essen mussten wir mit den Armen hinter der Stuhllehne warten bis wir aufstehen durften. Einmal in der Woche mussten wir eine Karte nach Hause schreiben. Es wurde aber genau kontrolliert was wir geschrieben hatten. Abends putzten wir gemeinsam Zähne, die Toiletten waren nebeneinander, nur durch kleine Wände voneinander getrennt. Einmal die Woche wurden wir gewogen und unsere Köpfe nach Läusen abgesucht. In unserem Haus waren nur Mädchen. Es gab auch einen Hausteil mit Jungen. Zu denen durften wir keinen Kontakt haben. Es wurde uns gesagt, sie hätten die Pest. Die ältesten Mädchen waren 12 bis 14 Jahre alt.

Im vergangenen Jahr war ich in Cuxhaven und bin an der Wehrbergstrasse 63 vorbei gegangen. Ich brachte es aber nicht fertig, näher hin zu gehen. Das Haus gibt es immer noch, ist aber wohl nicht mehr in Betrieb so wie es aussah.

Mit 11 Jahren war ich dann in den Sommerferien noch in einem Schullandheim in Kakenstorf an der Este.Da habe ich noch in Erinnerung , dass ich die Schokolade die meine Mutter mir geschickt hatte an einem Abend komplett aufaß ,damit sie niemand anderes bekam oder wegnehmen konnte, und dann später alles wieder erbrach. Leider hatte ich es nicht ganz bis zur Toilette geschafft und so die Toilettentür und den Fußboden " verziert" . Ich musste dann alles selber saubermachen. Am nächsten Tag musste ich im Bett bleiben. Erst als meine Mutter mich besuchte ( Warum weiß ich nicht mehr)durfte ich aufstehen und mit ihr spazieren gehen. Ansonsten habe ich bei dem Aufenthalt nicht wirklich etwas negatives erlebt. Ich habe die Zeit dort sogar relativ positiv in Erinnerung. Nur dass ich überhaupt noch einmal verschickt worden war hat mich sehr gestört.
Liebe Frau Marianne Vossoug, wenn Sie Interesse haben können wir ja gerne wegen unserer Aufenthalt in Duhnen Kontakt aufnehmen.

Mich würde noch sehr interessieren, ob es noch jemanden gibt, der das Heim in Voßloch kennt. Dort war für mich die schlimmste Zeit. Ich weiß nicht , wer der Träger war . Vielleicht war es ja sogar unter privater Trägerschaft.
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Uwe Sternberg schrieb am 05.12.2019
Ich bin 1953 geboren und war einmal mit meiner Schwester zusammen in der "Verschickung" in den 60ziger Jahren. Per Sammeltransport ging es nach Bad-Immnau in den Schwarzwald. Ein streng katholisch geführtes Heim, Jungen und Mädchen wurden getrennt. Die Mädchen waren weiit entfernt in einem anderen Haus, nahe der Kirche im Ort untergebracht. Meine Schwester sah ich in den 6-Wochen nur beim Gottesdienst in der Kirche auf Abstand. Sprechen mit ihr durfte ich nicht. Ich war als Kind kränklich und zu dünn und sollte in der sogen. "Erholung" zunehmen. Ich kann nur bestätigen, was ich hier lese, Züchtigung, Strenge, ekelhaftes Essen und physische und psychische Gwalt war an der Tagesordnung.
Schon die Brotberge, die ich beim Frühstück essen sollte, waren mir ein Greul vom Tee ganz zu schweigen. Ich mußte so lange sitzenbleiben bis alles aufgegessen war, notfalls mit Gewalt von den Schwestern ausgehend. Ich wußte mir nicht anderst zu helfen und ließ das Brot zum Teil unter einem Schrank, der in der Nähe stand, verschwinden. Leider kam das beim putzen irgendwann raus, ich wurde geschlagen, im Zimmer tagelang eingesperrt und mußte dann zum Frühstück jedesmal das verschimmelte Brot unter Gewalt essen. Beim sogen. "christlichen" Mittagsmal als ich die Tomaten-Sago-Suppe (schrecklich!!) nicht essen wollte, wurde mir von zwei Betschwestern nachgeholfen. Die eine Schwester drehte mir die Hände auf den Rücken und die andere zwang mir das Essen rein und als ich mich über dem Teller erbrochen habe, wurde es mir erneut mit roher Gewalt eingetrichtert. Das war dort auch bei anderen Kindern so. Alle Briefe die wir nach Hause sendeten, wurden zensiert, dass ja nichts nach außen dringt und beim wöchentlichem Wiegen, bei "Nicht-Zunahme" des Gewichts wurden wir unter Druck gesetzt, nicht mehr nach Hause zu dürfen, solange bis wir zugenommen haben. Schlimm waren auch die viel zu heißen Bäder in der Badewanne mit Sole-Wasser. Sogenanntes Wassertreten mußten wir auch immer. Im Kreis rum, durch zwei Wasserbecken laufen, eines davon mit eiskaltem Wasser gefüllt und eines mit viel zu heißem Wasser. Ein entrinnen gab es nicht und wir waren den "Uralt-Schwestern hilflos ausgeliefert. Von Menschlichkeit keine Spur und von Nächstenliebe hatten die damals auch noch nichts dort gehört. Briefe von Kindern an die Eltern mit den Mißständen dort kamen doch an das Tageslicht und das Heim wurde dann daraufhin geschlossen.
Ich denke mal, dass ich keinen all zu großen Schaden davon getragen habe, aber vergessen kann ich das, in all den Jahren die vergangen sind, nicht!!
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uwe schrieb am 04.12.2019
Ich musste als 11jähriger über sechs Wochen (vom 21.05.1979-03.07.1979) wegen der guten Luft und zwecks Gewichtszunahme in der Kinderklinik Prinzregent Luitpold in Scheidegg im Allgäu verbringen. Den Aufenthalt habe ich in schlimmer Erinnerung, habe jahrzehntelang immer wieder von den katholischen Schwestern geträumt, die das Haus mit fester Hand geführt haben. Briefe nach Hause durften nur zu bestimmten Zeiten geschrieben werden. Offenbar wurden diese von den Schwestern geöffnet und gelesen, weil Kinder, die sich darin negativ über das Heim geäußert hatten, vor allen Mitleidenden an den Pranger gestellt wurden. Die Anwendungen und Untersuchungen waren distanzlos (u.a. nackt gebadet werden). Da ich in der ganzen Zeit trotz ständigen Zwangs, alles Mögliche essen zu müssen (noch heute sind div. Mahlzeiten fest mit der Kurzzeit assoziiert) nur 400 Gramm zugenommen habe, wurde mit Kurverlängerung gedroht, so dass ich tagelang versuchte, Toilettengänge zu meiden. Es wurde viel gebetet und erwartet, dass man sich bekreuzigt und die Messe besucht. Im Vergleich zu anderen Kindern kam ich noch glimpflich davon. Viele litten unter schrecklichem Heimweh und Ängsten oder wurden regelmäßig gedemütigt. Zum Abschied drohte uns die leitende Schwester namens Waldefrieda, wir dürften zuhause nur Positives über die Kur erzählen und sollten alles Negative „über die Balkonbrüstung wegwerfen“, da sie sonst ihre negativen Eindrücke von uns weitergebe.
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Heidi Rehmet schrieb am 04.12.2019
ich(geb 1950) war Ende der 50iger in St Peter Ording im Heim Köhlbrand. Erinnerung nur an zwangsweisen Mittagsschlaf
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Heidi Rehmet schrieb am 04.12.2019
Ich (geb 1950 )war auch in den 50igern noch vor Schuleintritt in Bad Sachsa. Meine Erinnerungen sind schwach aber mein Erbrochenes essen zu müssen erinnere ich. ich wurde durch die Firma Osram Berlin verschickt Arbeitgeber meines Vaters.
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Elke schrieb am 04.12.2019
Ich war 1971 irgendwo an der Nordsee. Es war ein kirchlich geführtes Heim. Ich sollte vor Schulbeginn "aufgepäppelt" werden, da ich klein und dünn war. Das Schönste war die Anreise durch das immer flacher werdende Norddeutschland, Himmel und Horizont ganz vereint. Ich war also eigentlich guter Dinge und freute mich auf das Abenteuer. In der ersten Nacht weinte ein anderes Mädchen im Schlafsaal vor Heimweh. Ich ging zu ihr, um sie zu trösten. Eine Schwester (Häubchen, Tracht) kam herein und brüllte mich an. Ich fühlte mich ungerecht behandelt und wollte die Lage richtig stellen (ich war es von zu Hause gewöhnt, das man hilfsbereit ist und das man einander zu hört und Meinungen frei und offen austauschen kann). Keine Chance, ich wurde in mein Bett zurückgeschickt. Kurz darauf musste ich auf die Toilette – was ich mich nun nicht mehr traute und habe eingenässt. Wie peinlich – ich war schon 6 Jahre alt. Am anderen Morgen kam ebenjene Schwester und hob vor allen Kindern die nasse Bettwäsche hoch und blamierte mich öffentlich. Dann musste ich die Bettwäsche alleine in dem Waschsaal waschen und vor allen anderen Kindern zum Trocknen aufhängen.
Ich sollte dicker werden, deshalb musste ich (ich nehme an, auch die anderen Kinder am Tisch) Puddingsuppe essen – das konnte ich nicht, es ging einfach nicht. Zur Strafe musste die ganze Tischgruppe so lange am Tisch sitzen, bis ich fertig war.
Wir wurden mehrmals medizinisch untersucht. Höhe, Breite usw. Jedes Kind saß bis auf die Unterhose ausgezogen auf einem Stuhl in einem Kreis in einem großen Raum und wartete darauf, "dranzukommen". Es war kalt und demütigend so dazusitzen und sich wie Vieh betrachten zu lassen. Nackt traten wir allein ohne Vater oder Mutter in der völligen Fremde vor einen Arzt, der uns dann untersuchte – unvorstellbar! An weitere Einzelheiten diesbezüglich erinnere ich mich nicht.
Ich habe an meine Eltern Postkarten "geschrieben", obwohl ich erst nach der Kur eingeschult wurde. Die Schwestern haben geschrieben, dass es mir gut gehe und es mir Spaß mache usw. und so fort. Ich bin ehrlich erzogen worden, Lügen gab es nicht bei uns, sie waren verpönt und unmoralisch. Also habe ich interveniert und gesagt, dass es nicht stimme, was sie da schreiben. Dafür bin ich wieder bestraft worden - Puddingsuppe und alleine im Hof spielen, die anderen sollten nicht mit mir spielen, weil ich "böse" sei.
"Von Haus aus" habe ich ein sonniges Gemüt und lasse mich nicht so schnell unterkriegen – aber was zu viel war, war zu viel. Nach drei Wochen bin ich glücklicherweise an Masern erkrankt und durfte auf die Krankenstation, wo mich eine reizende Krankenschwester versorgt hat. Endlich Menschlichkeit, Wärme, Zuneigung. Meine Eltern haben mich dann abgeholt, die Masern habe ich zu Hause auskuriert und kurz darauf Keuchhusten bekommen. Zum Schulstart war ich also dünner und schwächer als vor der Kur.
Bislang habe ich noch nie über diesen Kuraufenthalt berichtet, weil ich mich geschämt habe, weil es schrecklich war, nicht mal meinen Eltern gegenüber habe ich jemals etwas gesagt, denn sie meinten es ja gut, ich wollte ihnen nicht wehtun. Fast konnte ich mir ja selber nicht glauben, dass so etwas passieren kann, denn solche Demütigungen und Grausamkeiten kannte ich nicht und habe sie auch nie wieder in meinem Leben erfahren. Erst durch euren Bericht bin ich darauf aufmerksam geworden. Herzlichen Dank für die Initiative, dieses nun öffentlich zu machen.
Ich bin froh, dass ich dort nur drei Wochen gewesen bin.
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Anna schrieb am 04.12.2019
Ich bin 1952 geboren und war zwei Mal in der „Verschickung“. Beide Male in St. Peter Ording in den 60er Jahren.
Das erste Mal war es direkt am Strand. Es könnte das Heim „Heimattreue“ oder „Gorch Fock“ gewesen sein. Ich kann alles nur bestätigen, was ich bisher gelesen habe. Strenge, Züchtigung, Schläge. Ekelhaftes Essen. Als ich nicht gehorcht habe, hat mich die Kindergartentante gewürgt, sodass ich fast erstickt wäre. Ich habe geschrien, geweint, als sie endlich begriff, dass sie imstande war mich zu töten. Daraufhin wurde meine Mutter angerufen, die dann noch in der Nacht mit meinem Großvater kam und mich abholte. Ich war natürlich schuld, meine Mutter war auf der Seite der Tante. Mein Großvater Gott sei dank auf meiner.
Das zweite Mal war ich im Kinderheim Blinkfuer in St. Peter Ording Dorf/Boehl. Das Heim wurde von Diakonissen geleitet, also überall in Kutten gekleidete Frauen, die sehr streng und unverzeihlich, sprich ohne jede Empathie mit uns umgingen. Im Namen des Herrn. Meine Klassenlehrerin Frau Steenken in Hamburg von der Mittelwegschule hatte das organisiert, weil ich so dünn und verträumt war. Wie eben ein Kind in der 2. Klasse so ist. Ich bin in den Wochen dort zur ortsansässigen Schule geschickt worden. Da hatte ich einen kleinen Freund. Alfred. Der holte mich morgens immer mit dem Fahrrad zur Schule ab und wir haben uns toll verstanden, was den Diakonissen natürlich nicht gefiel. Stubenarrest. Und noch etwas in meiner Erinnerung: Wabenhonig als ich krank war und auf der Krankenstation lag. Ich kriegte den nicht runter, da wurde er mir mit Maulsperre rein gelöffelt. Anschließend habe ich gekotzt. Seitdem esse ich keinen Honig mehr und die Kirche ist ein Ort des Grauens fuer mich.
Ich kann alles nur bestätigen, was hier erzählt wird. Es waren Traumata, die mich mein Leben lang begleitet haben.
Inwieweit Schulärzte oder Krankenkassen an diesen Heimen beteiligt waren, weiß ich nicht. An einen Bustransport dahin kann ich mich nicht erinnern.
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Barbara Thielke schrieb am 04.12.2019
Auch ich war zusammen mit meiner 2Jahre jüngeren Schwester Mitte der Sechziger Jahre zu einer 6wöchigen Kur in Bad Rothenfelde. Es handelte sich bei uns um ein Kinderheim der Stadt Bochum, das auch inzwischen einer Senioreneinrichtung Platz gemacht hat.

Der Aufenthalt gestaltete sich für uns als totaler Albtraum. Gleich am ersten Tag wurden wir mit den rigiden Regeln konfrontiert: Kinder, die beim Essen nicht gerade saßen, mussten während der gesamten Essenszeit stehen mit einer durch die Armbeugen gesteckten Holzstange auf dem Rücken. Das Essen wurde kalt, musste jedoch trotzdem anschließend komplett aufgegessen werden. Reste auf dem Teller wurden nicht akzeptiert. Jedes Kind musste mittags zwei Portionen essen. Es wurde peinlich darauf geachtet, dass sich niemandum die zweite Portion gedrückt hat. Wer während dieser Prozedur erbrochen hat, musste das Erbrochene wieder aufessen.
Zum Abendessen gab es nichts mehr zu trinken, weil man so das Bettnässen verhindern wollte.
Einmal wurden meine Schwester und ich dabei erwischt, wie wir abends aus dem
Wasserhahn in der Toilette getrunken hatten. Zur Strafe wurden wir geohrfeigt.
Wir konnten beide nicht mehr aufhören zu weinen. Da Reden und Weinen im Schlafsaal streng verboten war, haben wir uns eine Hand gereicht und uns festgehalten. Dabei verletzten wir eine weitere Regel: Alle mussten beim Schlafen auf der rechten Seite liegen. Wenn wir uns die Hand reichen wollten, musste sich einer umdrehen. Dabei hat uns die ständig kontrollierende Nachtschwester erwischt. Wir mussten getrennt voneinander auf dem Flur stundenlang in der Ecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand. Wer müde wurde und nicht mehr stehen konnte, wurde mit dem eigenen Pantoffel geschlagen.
Wir wurden Zeuge, wie die Nachtschwester einem jüngeren Kind drohte, es käme ins Kindergefängnis nach Osnabrück, wenn es nicht sofort aufhörte zu weinen.
Diese sechs Wochen gehörten für uns zu den schlimmsten unserer Kindheit.
Als wir nach Hause kamen, erzählten wir unseren Eltern von den Ungeheuerlichkeiten. Meine Mutter hat uns geglaubt und wollte sich bei der Stadt Bochum beschweren. Mein Vater fand das jedoch reichlich übertrieben und war auch der Meinung, Verbote solle man eben akzeptieren. Außerdem war er bei der Stadt Bochum beschäftigt und erwartete in Kürze seine Beförderung zum Oberinspektor, die er nicht gefährden wollte.
Ich glaube in der Ignoranz und Gleichgültigkeit der Erwachsenen zu dieser Zeit lag ein Hauptgrund für die hoffnungslose und schreckliche Situation der “Verschickungskinder”. Wir wurden übrigens trotz unserer Erlebnisse in Rothenfelde wieder verschickt, in ein Heim in Glücksburg an der Ostsee, wo ähnliche Verhältnisse herrschten. Wir fühlten uns verloren und verraten. Schutz und Hilfe von Erwachsenen haben wir nicht mehr erwartet.
Jetzt bin ich froh, dass diese Initiative hier entstanden ist. Ich bin siebzig Jahre alt und hoffe immer noch, dass man uns endlich glaubt. Entschädigungen usw. sind mir egal, es ist nur wichtig, dass man die Wahrheit erfährt.
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Nina schrieb am 04.12.2019
Ich war mit 5,8 und 12 jeweils 6Wo in Wyk auf Föhr (AOK) und habe keine einzige negative Erinnerung außer, daß ich sofort wieder zurück wollte. Ich finde es schockierend, daß es so viele schlechte Erfahrungen gab.

Mich würde es interessieren, eine Analye zu erstellen, was damals den Unterschied ausgemacht hat (Lessons learnt). Vielleicht kann man mit diesen dann ja zukünftige Probleme, auch in anderen Bereichen, vermeiden.
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Kerstin schrieb am 04.12.2019
Ich bin Jahrgang 1962 und war insgesamt 2-mal auf Verschickung. Das erste Mal mit 4.5 (1967) in der Lüneburger Heide -Egestorf- das zweite Mal mit 6.5 (1969) an der Ostsee, Haffkrug, ich weiß den Namen nicht mehr, anhand der Bilder im Internet dürfte es aber Haus Marion gewesen sein.

Wo fange ich an? Seit Jahren habe ich immer wieder “Bilder im Kopf”, die ich ebenso lange beharrlich weg schob und verdrängte. Ich erinnere mich an die Busfahrt zur Verschickung (es war der zweite Aufenthalt) ich hatte von meinen Eltern Bonbons und Leckereien mitbekommen, das waren meine “Schätze”. Ich bewahrte sie auf, alle, hielt sie fest in meinem kleinen roten Täschchen, aß nicht ein Bonbon. Im Heim angekommen, nahm man sie mir ab – ALLE-. Sie kamen in einen kleinen Karton. :*-( Man versprach mir, ich würde sie wiederbekommen, bekam ich aber nicht!

Das Nächste was ich erinnere ist dass ich nachts zur Toilette musste, das durften wir aber nicht, also schlich ich mich, aus Angst ins Bett zu machen, raus, wollte aufs Klo. Ich wäre wohl fast erwischt worden, denn ich weiß, dass ich mich in einer Art Garderobe oder Schrank versteckte, bis die “Schwester” wieder außer Sicht war. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob ich unentdeckt wieder ins Bett gelangte, oder ob ich erwischt wurde.. denn mit dem “Schrank” bricht meine Erinnerung ab. Wie groß muss meine Angst gewesen sein, dass ich fast alles verdrängte? Wie schlimm muss alles gewesen sein, dass ich nur Sequenzen erinnere?

Das nächste war an Demütigung und vor Scham im Boden versinken kaum zu überbieten. Auf dem Weg zur Nasszelle, mussten wir Mädchen, nur in Unterwäsche bekleidet, an den Jungs vorbei laufen, die uns von einer Treppe aus anstarrten.. es war so erniedrigend.. so entwürdigend, so unendlich peinlich…. Ende Sequenz.. wieder siegt die Verdrängung.

Jetzt ein Paradox, ich war 6.5 Jahre alt, konnte also sicher noch nicht schreiben, dennoch erinnere ich mich daran, meinen Eltern “geschrieben” zu haben, und auch daran, dass diese Worte kontrolliert wurden (schrieb sie vielleicht jemand für mich? Tat dieser jemand seinen Unmut über das was ich sagte kund?) Jedenfalls durfte ich meinen Eltern nicht mitteilen, was ich ihnen eigentlich mitteilen wollte…. Ende Sequenz.

Mehr erinnere ich nicht. Leider? Gott sei Dank?

Ich war in meinem Leben in 4 Therapien.. in keiner war die Verschickung ein Thema!
Warum?
Weil es in meinem Bewusstsein nicht existent war. Immer wieder mal flammten die Sequenzen auf.. um ganz schnell wieder verdrängt zu werden.

Ich kann mit Druck, egal in welcher Form bis heute nicht umgehen. Ich reagiere panisch, konfus, verwirrt, kopflos, bin ausser Stande einen klaren Gedanken zu fassen, fühle mich nicht mehr, möchte am liebsten weglaufen. Ich litt Jahrzehnte unter Panikattacken. Durch die letzte Therapie bekam ich diese soweit in den Griff, dass ich heute in der Lage bin, die ersten Anzeichen zu erkennen, mich dann sofort zu fragen: “Was hast du jetzt gedacht? Was war unmittelbar davor? Die Antwort ist immer die selbe: ich hatte das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben, jemanden enttäuscht zu haben, jemand gegen mich aufgebracht zu haben, ein “böses Kind” zu sein. Indem ich mich damit bewusst auseinandersetzte, mit diesem Gefühl, bekam ich die aufsteigende Panik, in den Griff.

Wie komm ich jetzt dazu, nicht wieder zu verdrängen. Ich sah gestern den Beitrag in “report”.. und mir liefen die Tränen die Wangen hinunter. Da waren sie wieder die Erinnerungen, diesmal ließen sie mich nicht mehr los, ich wollte sie nicht mehr verdrängen. Ich suchte im Internet nach Bildern, fragte meine Mutter wie oft und wo ich in Verschickung war. Mit mehr wollte ich sie nicht belasten, da es ihr gesundheitlich nicht sehr gut geht.

Vieles ist mir seit Gestern klar geworden, ich hab Erklärungen gefunden für Verhaltensweisen von mir. Z. B. warum ich IMMER für meine Kinder da sein wollte und bin! IMMER für sie erreichbar sein wollte und bin! Warum ich keinen Druck ertrage! Warum ich mich nicht wirklich fallenlassen kann! Warum ich panisch reagiere, wenn meine Kinder mich brauchen, und ich nicht sofort und auf der Stelle für sie da sein kann. Warum ich Ungerechtigkeiten nicht ertrage!

Ich sitze hier wie ein hypnotisiertes Kaninchen..

Ich weiß nicht, ob ich wirklich alles wissen will, was damals geschah. Zwei Therapeuten von mir, deuteten einen emotionalen Missbrauchsverdacht an.. den ich nie erklären konnte.. denn, wie oben geschrieben, die Verschickung war NIE Thema, weil verdrängt!
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Carsten Palm schrieb am 04.12.2019
Das klingt genau nach meinem Erlebnissen dort ,eine gewisse Frau Braun war immer dabei und dieser Teller /Berg gebratene Haferflocken habe ich nicht runter bekommen.Und musste Stunden daran sitzen .Einmal wollte ich nachts zur Toillette und wurde abgefangen und in den Waschraum gesperrt.Dort gab es kein Klo so musste ich mir in das große Geschäft in die Hose machen.
Im Großen und Ganzen war es aber schon schön.Wandern ,Spielen im Wald ,des öfteren Schwimmen und Inhalationstherapeutisches Singen im Keller .Einmal in der Woche kam Pinoccio im Ferseher der in einer großen Schrankwand eingelassen war.Wir waren auch in einem Passionswegsmuseum und Eisessen, ja ich bin auch einmal geschlagen worden ,aber bei mir zu hausewar es viel schlimmer.
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Carsten Palm schrieb am 04.12.2019
Ich war 1980 in Bad Orb ich erinnere mivh an eine Roswitha und eine Dorfbewohnerin hst ihren Sohn tagsüber dort geparkt. Eine Treppe rauf war der Dr.in seinem Büro.Eigentlich war es fanz nett dort Das einzig negative war die Drohung mit 4 Wochen nachkur ,wenn der Dr.es für notwendig hält.Seit der Kur bin ich immer latent übergewichtig.
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Brigitte Rock schrieb am 04.12.2019
Ich war 1966 in Schwenningen im Schwarzwald. Oder in der Nähe. Es war furchtbar. Ich war von zuhause schon einiges an Misshandlungen gewöhnt. Aber danach war ich froh, wieder zu meinem prügelnden Vater zurück zu kommen. Tatsächlich waren Kinder da, die taten mir so leid. Wenn sie wegen Heimwehs weinten, wurden sie in den Schlaf geprügelt. Bettnässer täglich. Die nicht essen wollten...
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Renate B. schrieb am 04.12.2019
1974 im Alter von 5 Jahren war ich zur Kur im Kinderheim auf Norderney. Eigentlich sollte ich 6 Wochen fortbleiben, es wurden elf! Meine Eltern waren zweimal dort , ohne mich sehen zu dürfen . Nur durch heftige Auseinandersetzungen meines Vaters mit den Ärzten konnte ich dann nach hause. Bei einem langen Spaziergang ca. 3 std musste ich zur Toilette , es wurde ignoriert und ich machte in die Hose was mir sehr peinlich war. Wurde mit eiskalten Wasser abgespritzt und einer harten Wurzelbürste abgeschrubbt, was sehr schmerzhaft war. Danach bin ich in einem dunklen Speicher eingesperrt worden. Musste eiskalten widerlichen Kartoffelsalat essen, der wieder rauskam und ich ihn wieder essen musste! Noch heute meide ich diesen .Kehrpakete mit Überraschungen und Süßigkeiten von den Eltern wurden vom Personal einbehalten . Einige Kinder haben versucht an ihre Sachen zu kommen und sind böse bestraft und auf den Dachboden teilweise auch über Nacht eingesperrt worden. wenn ich heute noch diese Geschichten erzähle, entsteht immer noch Unglaube und erzeugt bei mir Traurigkeit, ich habe nie verstanden warum ich immer wieder mit Angst und Panikattacken zu tun habe. Durch den Bericht bei Report Mainz bin ich darauf gekommen! Danke das Sie sich angängigeren.
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Roland Müller schrieb am 04.12.2019
Ich heiße Roland geb 1951 und ich war damals 6 Jahre alt. Blass, dünn, blutarm und kränklich. Deswegen haben mich meine Eltern wohlmeinend in das Caritas Kinderheim nach Westerland Sylt geschickt. (Haus Nordmark) Zeitpunkt wahrscheinlich Februar 1957 oder 1958. All das, was in den ganzen Briefen auf schreckliche Weise ans Licht kommt habe ich auch so erlebt. Ich bin zwar nicht geschlagen worden aber das Einsperren stundenlang in dunkle Kammern tat eine noch schlimmere Wirkung. Die "bamherzigen " Schwestern waren kaltherzig und gefühllos. Das aufessen von Erbrochenem war an der Tagesordnung. Der Lebertran wurde mit Gewalt eingeflößt. Nach Hause mussten wir schreiben "wie schön es hier ist" der Text wurde diktiert. Noch heute kommen mir die Tränen und es schüttelt mich, wenn ich an dieses Heim denke oder es jemand mitteilen will.
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Claudi schrieb am 04.12.2019
Hallo Sil, war das vielleicht in Todtmoos-Weg-Luginsland ? Fotos findest du im Netz. Ich war 1969 dort, siebenjährig und erinnere mich an Vieles :-((
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Ute K. schrieb am 04.12.2019
Ich heisse Ute, 52 Jahre alt und die jüngste von 3 Mädels.Was die Beweggründe meiner Mutter waren, uns in Kur zu schicken, weiß ich leider nicht und ich kann sie auch nicht mehr fragen, da sie 1977 nur 2,5 Monate nach Ende meiner letzten Kur in Adenau plötzlich verstarb.Meine Mutmaßung kann nur sein, dass sie auch mal Ruhe von und uns 3 Kindern haben wollte.Da unsere Eltern ja auch bereits 1972 geschieden wurden, war es finanziell nicht möglich in Urlaub zu fahren und damit stellten die Kuren eine günstige Alternative dar und 6 Wchen "ERHOLUNG" für Mutter und Kinder.
1972 - Berchtesgarden
1973 - Murnau
1974 - Cuxhaven ( keine Kur, sondern 3 Wochen Jugendfahrtendienst )
1975 - Baden Soden - Allendorf
1977- Adenau
An Berchtesgarden habe ich keine Erinnerung, an Murnau nur das wir abends ab Köln-Deutz und nicht ab Köln Hbf abgefahren sind. Unsere Mutter stand auf dem Bahnsteig und weinte. Das verstand ich so gar nicht. Schickt uns weg und dann weinen. Sie hatte sich im Vorfeld sehr viel Mühe gemacht, damit unsere Kleidung auch ordentlich ist und mit Namen versehen. Sie beschriftete unsere Namen auf Stoßband mit schwarzer Tusche und Feder und nähte sie anschließend in die Kleidung. Alles von Hand. Ich habe heute noch einen Washlappen, der so beschriftet ist. Besonders fatal an Murnau war, dass ich gerade am Vortag erst eingeschult worden war und nun musste ich schon 6 Wochen fehlen. In Bad Soden war ich mal krank und man entschied, dass ich im Bett bleiben sollte. Ich bekam ein Teller mit Scheidben Zwieback und eine Tasse Kamillentee hingestellt und dann kam niemand mehr. Am abend als die Kinder ins Bett geschickt wurden und eine Betreuerin ins Zimmer kam, sagte ich ihr, dass ich Hunger hätte und sie antwortete, dass ich Pech hätte, denn die Küche wäre geschlossen. Ich habe solange Theater gemacht, bis man mir Zwieback und Tee nochmals aus der Küche holte.Außerdem mussten wir täglich dieses widerliche Sole-Wasser trinken. Da ging man mit uns hin, dass sah aus wie eine Kneipe. Bis dahin war Kur blöd, aber mehr auch nicht dachte ich, bis ich nach Adenau kam. Adenau hat mich so geprägt, dass ich bis heute sehr schlecht in Urlaub fahren kann und immer unter schreckliches Heimweh leide ( wahrscheinlich eine Nachwirkung der ganzen aufgezwungenen Kuren ).
Im Ausust 1977, ich hatte gerade die erste Woche in der 5.Klasse und damit in der neuen Schule überstanden, war für mich wieder Schluss und ich führ mit einem Reisebus voller Kölner Kindern vom Gesundheitsamt am Neumarkt in der Kölner Innenstadt ab nach Adenau in die Eifel. Meine Mutter hatte mir auch ein paar Süßigkeiten eingepackt. Als wir ankamen, wurden wir auf Gruppen verteilt und dann führte man uns in einen Speiseraum. Dort standen die Tische in U-Form. Jedes Kind suchte sich eien Platz und dann wurden allen Kindern die Süßigkeiten abgenommen. Dort im Raum stand auch ein Schrank, der verschlossen war und nur die sehr strenge ältere Frau ( wer das war und welche Rolle sie in dem Kurheim spielte, weiß ich bis heute nicht ) hatte dazu einen Schlüssel. Sie sagte, dass die Süßigkeiten geteilt werden würden. Soweit so gut. Allerdings sahen wir nie wieder was davon. Der "General" ( so nenne ich diese strenge Frau mal ) bewachte uns auch zu den Mahlzeiten und es war schön, wenn sie mal nicht da war, denn dann konnte wir uns auch mal unterhalten und wurden nicht immer angeschrieen. Die Mädchen schliefen im 2. Stock und die Jungs im 1. Stock.Mein Zimmer war gleich links neben der Holztreppe, die wir immer hochsteigen mussten.Es war ein 4-Bett-Zimmer und mein Bett stand gleich in gerader Linie zur Türe. Immer unter Beobachtung, denn die Türe durfte nicht geschlossen werden. Fast jeden Tag bei Wind und Wetter mussten wir den Kreuzweg hoch laufen.Das war für mich sehr beängistend. Daran konnte man merken, dass das Haus bis Ende 1976 noch von Nonnen geleitet wurde. 1977 war die Übergangszeit und die Kurzeit endete 1977. Somit waren wir wohl die letzten Kinder dort. Ab 1978 wiurde es eine Familienbildungstätte der Stadt Köln. Jeden Mittag mussten wir 2 Stunden Mittagsschlaf halten. Wir lagen ganz ruhig auf unseren Betten und durften nicht erzählen oder uns bewegen, ansonsten stand schon ein Betreuer im Rahmen, um uns anzuschreien.Die Waschräume mit Toiletten befanden sich gegenüber der Zimmer der Nachtwachen. Nachts, wenn man mal auf Toilette musste, dann hatte man schon angst, dass eine Nachtwache aus dem Zimmer kam, und schimpend fragte, wo man hin wolle. Die Toletten war eiskalt und voller Mücken. Die Badezimmer befanden sich gegenüber der Waschräume und gleich neben den Nachtwachenzimmern.Jeden Samstag war Badetag. Es waren 2 Wannen hintereinander und in jede Wanne kamen 2 Kinder. Das eigentliche Baden dauerte nur 5 Minuten. Anschließend wurden wir eiskalt abgeduscht. Angeblich wäre das gesund. Wenn man zickte, wurde das eiskalte Abduschen wiederholt oder dauerte eben länger. Ich kann bis heute keine Wecjhselduschen über mich ergehen lassen. Meine Wasser unter der Dusche muss warm sein.Wie kann man das Kindern nur antun. Briefe nach Hause wurnden zensiert oder kamen erst gar nicht an, wenn man schrieb, dass es schrecklich ist und man nach Hause wollte. Meine Stiefoma schickte mir 20DM, aber ich fand das Geld nicht in dem göffneten Umschlag. Demnach wurde unsere Post vorab schon gelesen.Ich traute mich nicht nach dem Geld zu fragen, da ich sehr große Angst hatte, wieder angebrüllt zu werden.Ein paar Tage später hieß es zu einigen Kindern, u.a. auch zu mir, dass wir nicht mit spazieren gehen würden, sondern wir müssten zum Friseur gehen. Zum Friseur? Ich hatte vor der Kur gerade die Haare geschnitten bekommen, denn meine Mutter legte auf Äußeres großen Wert. Aber ich konnte mich ja nicht dagegen wehren, also zum Friseur und ab waren die Haare. Was kostete 1977 so ein Kinderhaarschnitt? Also bestimmt keine 20 DM. Ich nehme an, dass der Friseur davon bezahlt wurde. Hat man mir aber nicht gesagt. Ich weiß es bis heut nicht, aber es liegt wohl nae. Der Rest hat man wohl asl " Spende" an das Kurheim behalten, denn ich habe kein Geld wieder mitgebracht und Taschengeld hatte meine Mutter mir ja auch mitgegeben. Das war in einem Umschlag und musste abgegeben werden. Das hab ich ja auch verstanden und kannte das aus vden vorherigen Kuren. Aber die 20 DM bleiben ein Rätsel. Es gab nur 2 nette Betreuerinnen, deren Namen ich nicht mehr weiß. Eine jüngere, die war 28 Jahre alt ( wir hatten sie nach dem Alter gefragt und das habe ich behalten ) und eine ältere Dame , die kam aber nur 2 -3 x die Woche. Die wohnte ebenfals in der Wimbachgasse ( heute Wimbachstrasse ), da wo auch das Kurheim stand. Es war ein Segen für uns, wenn sie uns betreute, dann war es erträglich. Aber ansonsten war es schlimm, beängsitend und man stand ständig unter Druck und das 6 Wochen lang.Als die Kur endlich zu ende war und ich wieder zu Hause war, habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass ich nie wieder in Kur fahren würde. Nie wieder....

Ich glaube schon, dass ich durch die Kuren und vorallem durch Adenautraumatisiert bin, denn ich kann bis heute nicht wirklich in Urlaub fahren. Leide unter großes Heimweh und fühle mich nur zu Hause sicher. Genauso kann ich mich nur unter eine warme bis heiße Dusche stellen.

Für mich war klar, meine Tochter wird niemals in Kur geschickt werden und auch als meine Freundinnen mit ihren Kindern in Mutter-Kind-Kuren fuhren, war das für mich ein No-Go... Allein der Begriff "Kur" macht mich schon aggressiv.

Sicherlich ist es nicht so schlimm, wenn man andere Berichte hier liest, aber mir hat es gereicht, um mich doch zu schädigen.

Ute K- aus Köln
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R. schrieb am 04.12.2019
Hallo Franzi, ich war als ganz kleines Kind dort. Habe gerade heute Postkarten von dort entdeckt. Hast Du Interesse? R.
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Hanne Voswinkel schrieb am 04.12.2019
Oft habe ich meinen Freundinnen und Freunden oder der Familie über meine gruseligen Erfahrungen in St. Peter Ording erzählt. Aber ich habe immer gedacht, ich wäre eine Ausnahme gewersen. Und nun zeigt das ganze Drama der Kindesmisshandlungen bei den KinderkureneIch. Das macht es wahrlich nicht besser, aber ich bin froh, ohne Selbstzweifel darüber reden zu können. Ich war Anfang der 1960er zwei Mal in dem Kinderheim, dessen Namen ich niemals vergessen habe.
Im Mittelpunkt stand, dass ich eine schlechte Esserin war und zunehmen. sollte. Das Essen war so schlecht, dass es mir immer wieder hochkam und zur Strafe wurde es erneut auf den Teller getan. Ich wurde geschlagen, wenn ich beim Wiegen nicht zugenommen hatte. Einmal wurde ich an einen Baum gebunden, während die anderen Kinder einen Ausflug zu den Seehunden machten, worauf ich mich die ganze Zeit gefreut hatte.
Zu Ostern bekam ich ein Päckchen mit Süßigkeiten von zu Hause. Ich verteilte die Ostereier unter den anderen Kindern. Doch das war verboten und uns wurde alles wieder weggenommen.
Die Postkarten an die Eltern wurden uns von den "Tanten" diktiert. Ich habe sie bei meinen Unterlagen aus der Zeit. "Alles prima."
Beim Wiegen am Ende des Aufenthaltes muss etwas Schreckliches passiert sein. Ich erinnere mich nicht daran, was es war. Ich weiss nur, dass ich 1,3 kg abgenommen hatte und fertig gemacht wurde. Ich fühlte ausgestoßen wie ein Hund.
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Sil schrieb am 03.12.2019
Schwarzwald irgendwo. Ich- 3Jahre alt 1966- und wurde von Eltern sorglos zum Aufpäppeln nach Rat des Kinderarztes allein per Zug losgeschickt. Ich erinnere mich an Baden in Holzzubern und neben dem Bett stehen müssen. Ich kam nach 6 Wochen zu dick und im Hochsommer mit rotem schwitzendem Kopf in Woll-Strumpfhosen heimgekehrt. Meine Eltern haben sich keine besonderen Sorgen gemacht. Ich hab heute Depressionen und Flashbacks.
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Heike Rupp schrieb am 03.12.2019
Hallo,
auch ich musste 1979/1980 für 7 Wochen in ein Heim in Salzwedel. Dort geschah fürchterliches: Ich durfte als kleines Kind keinen Kontakt zu meinen Eltern und Geschwistern haben. Essen musste ich täglich Puddingsuppe, ich habe sie zum Teil schon fast nicht mehr runterschlucken können. Und dadurch dass ich nicht mehr essen konnte bin ich alleine an einem Tisch gesetzt worden und es saß eine Aufseherin mit Häubchen auf dem Kopf neben mir und hat mich zum Essen unter gewalt gezwungen bis ich mich übergab.
Am Morgen musste täglich nach dem aufstehen um das Kurgebäude gerannt werden. Damit auch wirklich gerannt wurde, wurde ein Hund hinterher geschickt , der die Kinder alle vorantrieb.
Als ein Gewitter war, hatte ich große Angst und habe bitterlich geweint. Um zu lernen wie man an Gewittertagen oder mit Gewitter umgeht, musste ich in ein Einzelzimmer (Bunker) im Keller.
Auch ich habe auf ein Holzbett schlafen müssen und durfte Nachts nicht aufstehen und auf Toilette. Da ich es trotzdem tat um nicht einzunässen, musste ich die Nacht auf dem kalten Flur auf einem Stuhl verbringen.
Es wurden uns Horrorgeschichten erzählt, Trinken durfte man kaum etwas.
Die Briefe an den Eltern waren erfunden und gelogen.
Auch bin ich missbraucht worden und habe heute noch Albträume und viele sowie große Ängste.

Heike
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Carola KLOHS schrieb am 03.12.2019
Hallo, ich bin im Dezemder 1954 geboren und war 1960, kurz vor meinem 6sten Geburtstag, für 6 Wochen auf der Insel Borkum. Bis heute verfolgen mich diese 6 Wochen. Jahre habe ich diese Zeit verdrängt, aber statt endlich ganz zu vergessen, belasten mich die Erinnerungen an diese Zeit immer mehr. Je älter ich werde. Und wie man lesen kann, geht es wohl vielen so. Das Bild von dem Mädchen, welches bei "Frühstück" oft weinte, weil sie die graue Pampe nicht mochte, sich dann erbrach und gezwungen wurde weiter zu essen, hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Auch der Schmerz den ich aushalten musste und die Ängste sind mir noch gegenwärtig. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich dort Nr.3 war. Eine Nummer. Ich weiss leider nicht mehr wie das Heim geheisen hat. Der Name " Adolfinenheim" kommt mir bekannt vor, aber nur eine Ahnung. Meine Mutter ist fast 90zig und dement, von Ihr kann ich keine Informationen bekommen. Viele Grüsse an alle Carola
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Hildegard Heinemann schrieb am 03.12.2019
Meine Name ist Hildegard Heinemann, geb Altmann. Ich wurde 1960 wegen angeblicher Unterernährung nach Bad Rippoldsau im
Schwarzwald verschickt. Die stundenlange Reise im Zug fand ohne jegliche Betreuung
statt. Ich habe während der Reise keinen
Erwachsenen zu Gesicht bekommen. Erst
am Bestimmungsbahnhof wurden wir von
Nonnen und uniformierten Erzieherinnen
in Empfang genommen.
Ich erinnere mich an Schlafsäle mit mindestens 20 Betten, an nächtliche Schläge, weil Kinder eingenässt hatten, an rüdeste Methoden, uns zum Schlafen zu zwingen.
Manche Kinder wurden im Bett festgebunden,
um sie am Aufstehen zu hindern. Ich musste
mehrfach unbekleidet nachts stundenlang in
einer Flurecke stehen. Weinen und Frieren
machte alles nur schlimmer. Nach wenigen Tagen waren fast alle Kinder gebrochen und
gaben Ruhe.
Das Essen war schlecht. Ich erinnere mich an
täglich angebrannte Milchsuppe zum Frühstück, die man gezwungen wurde zu essen. Man zwang uns, ausgespucktes, ungeniessbares Essen, auch von anderen Kindern, zu essen.
Briefe an die Eltern wurden zensiert.
Post von zuhause erhielt man nur, wenn man brav gewesen war.
Ich erinnere mich auch an 1 oder 2 Erzieherinnen, die versuchten, liebevoll mit uns unzugehen und Kritik an den Methoden zu üben. Sie waren über Nacht verschwunden.
Die sogenannte Erholung endete nach meiner Rückkehr nach Hause in einer Gelbsucht, die mich 6 Wochen ans Bett fesselte.
Dies alles ist nun 60 Jahre her, ich habe es nie
vergessen. Was die Quälerei noch toppte, war die Tatsache, dass meine Eltern auch noch einen nicht unbeträchtlichen Betrag zahlen mussten.
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Heide F. schrieb am 03.12.2019
Ich wurde Im Sommer 1960 als Achtjährige aus dem Harz nach Schillig an der Nordseeküste verschickt. Ich meine, dass der Träger des Heimes das DRK war. Ich habe die schrecklichsten Erinnerungen an diese Zeit, sie mit Therapeuten, Familienangehörigen, Freunden später versucht, zu „verarbeiten“. Als junge Frau bin ich einmal in den Ort gefahren, habe die düsteren Holzbaracken -jetzt freundlich angestrichen- wiedererkannt und meine Wut über das damalige Erlebte in den Wind geschrieen! Als ich viel später im Nachlass meiner Mutter eine Postkarte von mir an die Familie fand, wurde alles wieder wach und real.
Die Wochen waren geprägt von großem Heimweh, dem Gefühl von Verlassenheit und Verzweiflung. Die Erwachsenen waren streng, hart und ohne Verständnis für kleine Kinder. Meine erste Post nach Hause wurde zerrissen „wir wollen doch nicht, dass deine Eltern traurig werden, schreib nochmal!“ Ich habe schnell begriffen, was die Erwachsenen von mir erwarten und dann auf weiteren Karten simple Aufzählungen ohne Erwähnung meiner Gefühle gemacht: „Wir haben hier 2 Schaukeln, eine Wippe, ein Drehkarussel, wir waren am Strand“. Ich erinnere meinen großen Ekel und immer wieder Erbrechen. Ich musste rohe Leber (wirklich!) essen und neben rohem Gemüse, das ich kannte auch rohe Kartoffeln! Ich sollte täglich mit Meerwasser gurgeln. Das erste Päckchen von Zuhause wurde von der „Schwester“ vor meinen Augen geöffnet und die Süßigkeiten darin an Alle verteilt. Ich hatte kein Mitspracherecht. Ich habe häufig nachts ins Bett gepinkelt und das Bettlaken unter Tränen verschämt abgezogen und zum „Trocknen“ über das Fußende des Bettes gehängt.
Meine Eltern müssen gemerkt haben, dass mit mir etwas nicht stimmte und baten einen Bekannten, der in den Urlaub in die Nähe fuhr, mich aufzusuchen und Grüße zu bestellen. Ich habe den mir Fremden dann unter Tränen umarmt und wenige Tage später holten die Eltern mich vorzeitig ab! Der Bekannte hatte eindringliche Worte an die Eltern gefunden.
Nachzutragen bleibt: Verschickungsgrund: ich war anämisch, blass, kränklich, untergewichtig. Zum ersten Mal allein in der Fremde. Meine Eltern waren, geprägt vom Faschismus, angepasst, autoritätsgläubig und hatten kein Verständnis für “Wehleidigkeit“ und „Extrawürste“ bei Kindern. Umso erstaunlicher und bezeichnend für diese „Sadisteneinrichtung“, dass sie mich, wenn auch spät, daraus erlösten.
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Elisabeth Häuser schrieb am 03.12.2019
hi war auch in Bad Rothenfelde, 74 mit 10 Jahren. Auch bei mir wurden Grenzen überschritten. Kleiderwünsche (meine Mutter hatte für mich extra Spielkleider genäht) sadistisch - mit dieses Kleid wird nicht angezogen ausgeräumt.
Das sich Waschen war immer ,außer am Beginn und dann nach 6 Wochen zum Abschluss eine Sammeldusche mit allen. mit Unterwäsche angezogen! Ich hatte damals dann ganz wüste Pickel am Popo. ( Körperliche Vernachlässigung!)
Reden beim Mittagschlaf? (10 Jahre alt) - Strafe um den Sportplatz 10 Runden entlanglaufen. (Hatte Blasen wegen unzulänglichen Schuhen)
Essen zur Gewichtszunahme - mit Hunger ins Bett
Jeder erhielt Rationierte Essensmenge.
Nicht lesen dürfen von mitgebrachten Büchern.
Keine Person die Zuwendung oder Beziehung angeboten hat.
Gut war das ich schon 10 war, aber geglaubt hat mir niemand so recht
was ich dann zu Hause erzählt habe.
Und lange dachte ich das hast blos Du so negativ empfunden, aber in Erinnerungen
fällt mir just jetzt ein das wir Kinder da schon nachgefragt haben , warum es so wenig zu Essen gab.
Danke für die Aufarbeitung
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Christian schrieb am 03.12.2019
Ich bin Jahrgang 1981. Ich war Mitte/Ende der 80er Jahre auf einer Mutter-Kind-Kur. Wahrscheinlich auf Sylt. Ich bin mir da aber nicht mehr so sicher da ich das ganze mehr oder weniger verdrängt habe. Zum Essen und für das Programm wurden Eltern und Kinder getrennt. Einmal gab es beim Essen Mungobohnensprossen was wir Kinder nicht kannten und den "Betreuer" fragten was das ist. Als Antwort bekammen wir gekochte Spinnenbeine und er zwang uns das ganze zu Essen. Ich und einige andere Kinder haben sich erbrochen was wir dann auch Essen mussten. Meine Mutter glaubte mir nicht als ich ihr das erzählte. Ich hatte das ganze Erlebnis verdrängt und mich erst vor einigen Jahren wieder daran Erinnert als ich versuchte herauszufinden wann meine Arachnophobie anfing und woher Sie kamm. Arachnophobie hab ich immer noch aber wenigstens weiss ich heute warum.
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Silke schrieb am 03.12.2019
Hallo Klaus, bitte wende dich an unsere Borkum-Gruppe unter "Heimort-Vernetzung".
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Volker Selse schrieb am 03.12.2019
Ich möchte eigentlich nur schreiben, ich war auch dabei.
In Bad Sassendorf bei Soest NRW Nur soviel die Punkte die hier geschrieben habe ich auch so erlebt. Deshalb empfinde ich es eine Schweinerei, das niemand zu Verantwortung gezogen wird.
Allerdings habe habe auch eine Gute Erfahrung bei meiner zweiten Verschickung nach Bad Salzuflen. Diese Kur hat mir wirklich etwas gebracht. Dieses wollte ich mal Erwähnen bei den ganzen negativen Erfahrungen.

Die Geschichte mit Bad Sassendorf habe ich meinen Gutachter angegeben zur Begutachtung für die A U, es musste einfach sein
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Klaus schrieb am 03.12.2019
Ich bin Jahrgang 1959 und wurde im März/April 1964, also mit 4 Jahren, zur Kur nach Borkum verschickt. Im Zug habe ich meiner Mutter noch gesagt, dass ich tapfer sein und nicht weinen werde.
Warum ich dahin geschickt wurde, weiß ich nicht. Meine Eltern haben es mir bis zuletzt nicht verraten. Nur Andeutungen, dass es sein musste usw.
Ich habe kaum noch Erinnerungen an diese Wochen. Ich kenne weder den Namen der Einrichtung, noch den irgend eines der Betreuer bzw. Betreuerinnen.
Ich weiß noch, dass morgens noch im Bett mein Oberkörper mit Meerwasser abgerieben wurde.
Nachts habe ich wohl regelmäßig eingenässt. Das wurde auch meinen Eltern geschrieben.
Ich kann mich noch erinnern, dass ich in einer Badewanne ins Wasser geschissen habe.
Aber eigentlich war ich zu der Zeit schon "stubenrein".
Ich kann mich an Augenblicke am Strand erinnern. Ich weiß noch, dass es verboten war, beim essen zu sprechen.
An Strafen kann ich mich nicht erinnern.
An andere Kinder kann ich mich nicht erinnern.
Meine beiden jüngeren Geschwister und meine ältere Schwester wurden nie verschickt.

Gibt es noch Möglichkeiten heraus zu finden, warum und wo ich damals war?

Grüsse
Klaus
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Renate Kellers schrieb am 03.12.2019
Hallo verschickungskinder
Ich bin 1956 geboren und hatte in der Vorschulzeit eine Magenkrankheit ( Bandwurm) . Da ich zu wenig wog um Eingeschult zu werden bin ich in eine ,, Kindererholung" ins Sauerkand geschickt worden das war Anfang1962 .Ich weiß nicht mehr wie das Haus hieß, ich weiß nur noch das das Heim von Nonnen geleitet wurde.
Von Erholung war keine Rede, wir mussten alles tun was uns gesagt wurde . Schon das Frühstück war für mich eine Qual , warme Milchsuppe mit Brot/ Börtchenstücken drin war pflicht zu essen . Ich mochte noch nie warme Milch aber die Suppe musste ich essen , neben der Suppe lag das lecker Marmeladenbrot was ich erst essen durfte wenn die Milchsuppe aufgegessen war . Bis in den Teller gebrochen habe weil das so ekelhaft war für mich .
Sonntags war es dann noch schlimmer da musste ich Griessbrei nachmittags zur Kaffeezeit essen , es ekelt mich Heute noch wenn ich nur das Wort höre .
Dann wurde ich krank und kam in ein Krankenzimmer ! Da ich Fiber hatte haben so geschwitzt das das ganze Bett nass war , ich fühlte mich so elendig. Eine Schwester kam zu mir und schimpfte direkt los . Ich seid ein Ferkel und so ungezogen ins Bett gemacht zu haben . Ich weinte und sagte das ich nicht ins Bett gemacht habe ich habe so geschwitzt. Die Nonne zog mich aus dem Bett und schrie mich an ich würde lügen , dann musste ich mich am Waschbecken nackt ausziehen und waschen . Alle Kinder die zur Toilette müssen gingen an mir vorbei , ich habe mich so sehr geschämt.
Dann kam ein Junge auf das Krankenzimmer, der ärgerte mich immer ! Er lockte mich mit einem Trick an das Fußende meines Bettes und zog mich aus mein Bett. Ich werte mich und sagte ihm er solle mich los lassen, das bekam wieder eine Nonne mit . Die schrie gleich wieder nur mich an ,, wenn ich so im Bett herum trunen kann wäre ich wo wieder gesund . Mich hat die Nonne gar nicht angehört , ich wurde wieder bestraft .
Auf dem Flur vor einer Treppe musste ich mich anziehen und wieder gingen andere Kinder an mir vorbei. Als ich angezogen war musste ich in die Küche und dort mithelfen , Geschirr spülen und den Tisch im Spieseraum decken obwohl ich noch krank war .
Auch wenn sich das nicht schlimm anhört zu dem was andere Kinder erlebt haben , für mich waren die 4 Wochen schrecklich . Ich war so froh als ich wieder nach Hause durfte . An Gewicht hatte ich auch nicht zugenommen.
L G Renate
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Stefan Decker schrieb am 03.12.2019
Heute fand ich bei Tagesschau einen diesbezüglichen Artikel. Ich muss dazu sagen, dass ich unter einer Amnesie leide, die auch meine komplette Kindheit betrifft.

Weiter recherchierend kamen plötzlich die Erinnerungen zum Teil zurück. Im Moment fühle ich einen unglaublichen Hass - und Angst, und Trauer …

Ich weiß noch, wie ich mit 5 Jahren - abgemagert und Keuchhusten, 1959 alleine in den Zug gesetzt wurde. Das Heim ist dunkel und böse. Ich musste auch Gerichte essen, die so übel schmeckten, dass ich Erbrechen musste. Den Rest kennt ihr. Da waren auch die Schlafräume, ganz viel Angst.

Was ich noch weiß, ist, dass ich mit einem Freund aus dem Heim ausgerissen bin. Wie man mich wieder einfing, weiß ich nicht. An die Strafe erinnere ich mich im Moment Gott sei Dank nicht.

Mir ist gerade furchtbar übel. Ich weiß nicht, ob ich zuhause davon erzählt habe. Ich glaube mich zu erinnern, das die Leiterin des Heimes meiner Mutter einen Brief geschrieben hat. Was für ein böser Junge ich doch sei …
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Heidi Wollmer schrieb am 03.12.2019
Ja, auch ich war in Kurverschickung Mai 1968 auf Norderney 6 Wochenlang. Man hat mich zum Bahnhof gebracht und dann ging es in den Zug und über eine stürmische See ins Heim. Ich war klein und sehr zart. Ich hatte viel Heimweh, stand jeden Abend am Fenster. Bei Ankunft wurden wir durchsucht und die paar Süßigkeiten einkassiert. Ich mußte oft über Mittag sitzen bleiben, bis ich meine Mahlzeit eingenommen hatte. Ein Mädchen hat sich oft die Backen voll gestopft und auf der Toilette entleert. Ab und zu hat eine Küchenmitarbeiterin mich erlöst (aber die war ja nicht immer da). Gesundheitlich ging es mir schlecht, hatte mal eine heftige Magen/Darmerkrankung und sehr häufig Nasenbluten, dass ich mal einen Arzt vorgestellt wurde, daran kann ich mich nicht erinnern. Meine Post wurde gelesen, ich hatte gerade in der Verschickungszeit einen kleinen Bruder bekommen. Man hat mir vorgeworfen, dass ich mich beklage und meine Post wurden dann nicht mehr verschickt. Das Ergebnis dieser Kur war... ich hatte 4 Kilo abgenommen. Dieses Thema berührt mich nach über 50 Jahren immer noch sehr. Ich konnte jetzt nur einen kleinen Einblick geben. Vom Hausarzt her sollte ich mit 12 Jahren, nochmals zur Kur, meine Mutter hat da nicht zugestimmt und abgelehnt. Meine ältere Schwester war mal im Allgäu, sie hat mir mal berichtet, dass ein Kind sein Erbrochenes essen mußte, dass war Anfang der 60 Jahre. Ich finde es gut, dass dieses Thema mal angesprochen wird, ich denke es gibt viele heutige Erwachsenen die ein Kindheitstrauma mit sich tragen. Ich schreibe schnell, weil ich meine Emotionen freien lauf lasse und möchte diesen Kommentar auch nicht Korrekturlesen,
um evtl Tippfehler und Grammatik auszubessern.
Danke und mit freundlichen Grüßen Heidi Wollmer
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Heike schrieb am 02.12.2019
Mich haben die Berichte über Erfahrungen in Erholungsheimen und die Folgen, die diese Aufenthalte bis heute für das Leben von Menschen haben, sehr bewegt. Was mich aber geradezu erschüttert ist die Vielzahl der Heime, in denen Kinder schlecht behandelt wurden.
Ich stamme aus Dortmund und war als 9-jährige ebenfalls in einem Erholungsheim, in Herzberg am Harz. Dieses wurde von katholischen Ordensschwestern geführt. Den Namen des Heims weiß ich leider nicht mehr. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie andere in diesem Forum, bin aber gottseidank (ein ironischer Begriff in diesem Zusammenhang) nicht traumatisiert. Die einzige für mich unmittelbar greifbare Folge für mein späteres Leben war und ist, dass mir in dieser Zeit der Glaube an Gott verloren gegangen ist. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Gott zulassen würde, dass „seine Dienerinnen“ so mit wehrlosen Kindern umgehen.
Schon für mich als 9-jährige war klar, dass von den Kleinsten unter uns Kindern einige einen „Knacks für’s Leben“ (so meine damaligen Gedanken) davontragen würden. Aber ich hatte zum einen das große Glück, dass ich schon in diesem Alter eine „Reisetante“ war und Heimweh nur eine untergeordnete Rolle spielte. Ich gehörte ja auch zu den Ältesten in der Gruppe und war außerdem als viertes von fünf Kindern sehr anpassungsfähig. Außer mir gab es nur noch eine weitere 9-jährige, Anne L. Dann gab es noch eine 8-jährige, deren jüngere Geschwister dabei waren (Gabi?). Die übrigen Kinder waren zwischen 4 und 7 Jahre alt.
Zum anderen haben mir meine Eltern nach meiner Rückkehr jedes Wort geglaubt und mit Annes Eltern zusammen eine Beschwerde bei der CARITAS eingereicht. Meine Mutter erinnert sich leider nicht mehr, was daraus geworden ist, aber für mich war es damals sehr wichtig, dass meine Eltern mit mir wütend auf die CARITAS und die Nonnen waren.
Meine Eltern hatten die Einrichtung und ihre Leiterin sogar kurz kennengelernt, da sie mich persönlich dort ablieferten. Ich konnte wegen einer Mumps-Erkrankung nicht von Anfang an dabei sein (was für ein Glück – ich war während mei¬nes Aufenthaltes täglich dankbar dafür!) und war somit nur 4 anstatt 6 Wochen in dem Erholungsheim. Meine Eltern brachten mich von Dortmund in den Harz. Was ihnen aber damals schon verdächtig erschien war, dass sie das Heim nicht anschauen durften, sondern nur zu einem kurzen „Übergabegespräch“ in das Büro der Heimleiterin gebeten wurden.
Das Heim gibt es heute nicht mehr. Ich war Mitte der 90er mit meinem Mann im Harz im Urlaub und wollte ihm zeigen, wo ich als Kind eine schlimme Zeit verbracht hatte. Ich glaube, das Haus erkannt zu haben, aber es war inzwischen ein Kindergarten darin. Hier mein Bericht über den Aufenthalt dort.

Kinder, wollt ihr Herzberg sehen, fariafariahoh
müsst ihr erst zur CARITAS gehen. Fariafariahoh
Die verschreibt euch einen Schein,
schickt euch dann ins Erholungsheim!
fariafaria fariafaria fariafariahoh!
...
Am schlimmsten waren die Mahlzeiten. Ich war wegen zu geringen Gewichts in diese Kur geschickt worden. Meine Mutter meint, sich erinnern zu können, dass die Initiative nicht von meinem Kinderarzt ausging, sondern aus einer Schuluntersuchung resultierte. Ob alle anderen Kinder auch wegen Gewichtsproblemen dort waren, weiß ich nicht mehr. Nach meiner Erinnerung stand aber „möglichst viel und nahrhaft essen“ im Vordergrund.
Wir mussten essen, was auf den Tisch kam. Bis zum Erbrechen. Die Atmosphäre im Speisesaal war bedrückend. Die Mahlzeiten wurden meist begleitet vom Jammern, Weinen und Würgen mancher Kinder und natürlich vom Schimpfen der Nonnen. Man musste sitzen bleiben, bis der Teller leer war. Ich hatte das Glück, dass ich beim Essen nicht wählerisch war und nur wenige Male Gerichte auf den Tisch kamen, die ich gar nicht mochte.
Das Zweitschlimmste waren die strengen Ruheregeln mittags und nachts. Damit das Essen „richtig ansetzt“, waren nach dem Mittagessen zwei Stunden Mittagsruhe befohlen. Wir mussten in unseren Betten liegen und durften keinen Mucks machen. Auf dem Flur saß eine „Wach-Nonne“ und passte auf. Wer beim Sprechen erwischt wurde, musste für den Rest der Mittagspause zu ihr auf die Holzbank (im Schlafanzug) und dann beim nachmittäglichen Kakaotrinken stehen. Auch nachts saß eine Nonne auf dem kalten Flur und Kinder, die nicht ganz still in ihren Betten lagen, mussten für den Rest der Nacht zu ihr auf die Bank.
Ob gegen Kinder, die nicht so gut „funktionierten“ wie ich, auch sonst in irgendeiner Form Gewalt ausgeübt wurde, weiß ich nicht. In meinem Schlafsaal, in dem wir sechs Mädchen waren, passierte jedenfalls nichts dergleichen.
Anne und ich konnten uns in der Mittagspause mit Zeichensprache „unterhalten“, wobei wir auch dabei nicht erwischt werden durften. Wir hatten gegenüberliegende Betten und spielten „Abnehmen“, jede mit einem Gummiband, und versuchten, dieselben Figuren zu kreieren, um uns die Zeit zu vertreiben. Mir taten die Kleinen unendlich leid, für die diese zwei Stunden täglich, eingesperrt in einen Schlafsaal, wahrscheinlich eine Ewigkeit waren.
Es gab immer nur warme Milchgetränke, keine Säfte oder ähnliches. Wer Durst hatte, musste Wasser aus dem Hahn trinken (sofern er die Toilette aufsuchen durfte). Als Anne und ich ein paar Tage mit Fieber und leichtem Ausschlag im Bett lagen (wahrscheinlich Röteln), brachte uns unsere „Zimmerschwester“, Notburga, heimlich Himbeersirup mit Wasser, weil wir so furchtbaren Durst hatten. Sie machte uns auch Wadenwickel, um das Fieber zu senken. Meine Eltern wurden übrigens nicht über meine Erkrankung informiert.
Schwester Notburga war der einzige erwachsene MENSCH in diesem Heim, und ich bin ihr bis heute zutiefst dankbar, dass sie uns immer wieder vorsichtig signalisiert hat, dass sie mit der Behandlung von uns Kindern auch nicht einver¬standen ist. Sie machte die Wochen für einige Kinder etwas erträglicher.
Die anderen Nonnen waren extrem streng (vor allem zu den Jungen) und hatten wenig Verständnis für das Bedürfnis geräuschvoll zu spielen oder gar zu toben. Es wurde ganz „gesittet“ und leise gespielt, immer unter Aufsicht mehrerer Nonnen.
Nach meinem Gefühl ging es außerdem täglich in die Kirche, um den Rosenkranz rauf und runter zu beten. Ich musste auch zur Beichte gehen – eine der Nonnen „übte“ vorher mit mir, was ich sagen sollte.
Die wenigen Kinder, die schon schreiben konnten, bekamen einen Text für eine Ansichtskarte nach Hause diktiert. Natürlich durften wir nur schreiben, wie schön es ist und wie gut es uns gefällt.
Ich habe mehrfach überlegt, wie ich an ein Telefon komme, um einen Hilferuf nach Hause abzusetzen, aber wir waren ständig unter Aufsicht und konnten somit nicht einmal auf einem der Ausflüge eine Telefonzelle benutzen. Meine Mutter erzählte mir nachher, dass sie einmal angerufen hat und mit mir sprechen wollte, um zu hören, wie es mir geht. Sie wurde abgewimmelt. Es sei besser für mich, nicht mit ihr zu sprechen, da ich sonst sicher Heimweh bekäme.
Ein paar schöne Momente gab es auch. Die Landschaft im Harz gefiel mir gut, das Singen auf den Spaziergängen machte mir Spaß (bis auf das „CARITAS-Lied“, das wir immer wieder gehirnwäscheartig singen mussten). Wir übten mit ein paar der älteren Kinder das Stück „Dornröschen“ ein und spielten es den Kleinen vor. Anne und ich kümmerten uns auch um die Jüngeren und trösteten sie, so gut es ging.
Wenige Tage vor dem Ende des Kuraufenthaltes brachen dann Kopfläuse aus. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Nonnen uns die Schuld daran gaben. Zumindest waren sie erheblich genervt und sehr grob beim Umgang mit dem Läusekamm. Mädchen mit langen Haaren (zu denen auch ich gehörte) mussten besonders leiden. Zuhause gab es dann als erste Maßnahme eine Behandlung mit einem Mittel gegen Kopfläuse.
Ich bin durch diesen Aufenthalt wie gesagt nicht traumatisiert. Verändert hat er mich aber sicherlich in gewisser Weise, auch wenn ich heute nicht genau greifen kann, wie. Die Erinnerungen sind jedenfalls auch 47 Jahre später noch sehr intensiv.
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Sabrina schrieb am 02.12.2019
Ich bin Jahrgang 1980 und war wegen schwerem Asthma war zweimal 1988 und dann wieder 1994 zur "Kur" in der Reihenfolge Wyk auf Föhr, Sylt und Norderney.
Und auch zu dieser Zeit war es noch traumatisch. Die Erlebnisse erinnere ich seit jeher als "Kinderknast" und Bestrafung und habe es auch so berichtet. Nur meinen Eltern nicht, da ich damals Angst vor deren Reaktion und erneuter Verschickung hatte. Wir haben viele Jahre nicht über die Ereignisse gesprochen. Die Trennung von meinen Eltern mit 8 Jahren über 6 Wochen, über die zuvor und danach nie gesprochen wurde, stellte viel mit meiner Kinderseele an. Hinzu kommen die dortigen Zustände, Essens-oder Diätzwang, nackt zum Wiegen aufstellen, wobei die Diät-Kinder, die zugenommen hatten (sowie die Zunehmkinder, die abgenommen haben) vor allen eine Standpauke und Strafen bekamen. Ich wusste nicht warum welche Therapien gemacht wurden und ich ewig nackt in einem entzündungshemmenden Sud sitzen musste, derweil alle an mir vorbei liefen. Nicht auf Kante einsortiert Wäsche wurde aus dem Schrank auf den Boden gefetzt. Bis heute lege ich meine Handtücher auf Kante...Auf Norderney mit 14 Jahren sollte ich mich vor einem wildfremden Arzt nackt ausziehen und mit gespreizten Beinen auf eine Bahre legen. Ich weigerte mich und rief meine Mutter an. Ich durfte nach ihrem Anruf dort die Unterhose anbehalten. Trotzdem wurde ich fast nackt Ganzkörper untersucht. Die Begründung für die "Intimuntersuchung" war, man wolle eine Pilzinfektion ausschließen. Hiernach bekam ich eine mega Standpauke von der Mutter Oberin, ich glaube sie hieß Jutta. Ab da hatte sie mich auf dem Kiecker. Zimmerkontrollen, Ausschuss bei Nachtisch, Gebäck oder Freizeitangeboten mit der Begründung der Überfüllung. Lieblosigkeit und Anbrüllen waren eh an der Tagesordnung. In Wyk auf Föhr auch noch Isolation.
War die Unterwäsche nicht richtig beschriftet, hatte man eben Pech und sie kam nicht aus der Wäscherei zurück. Man musste nehmen was übrig blieb. Und die Sache mit den Paketen ging genau so weiter, Kontrollieren und Einbehalten. Die Gewalt unter den Kinder war mitunter auch groß aber keiner tat etwas, wir waren auf uns allein gestellt. Es herrschte das Recht des Stärkeren. Die Geschichten von Grausamkeit und Demut sind endlos. Ich dachte immer, ich sei allein und würde halt etwas übertreiben. Ich bin völlig geplättet von dieser Initiative! Seit ich 25 Jahre alt bin mache ich Therapie zuerst wegen Angstzuständen. Mittlerweile wegen handfester Traumata und dies ist eines davon. Hilflosigkeit, Gewalt, Ausgeliefert sein, Demütigung, Isolation, Bestrafung. Ich habe mich lange Zeit gefragt, was ich getan habe, dass meine Eltern mich immer wieder fort schickten...
Danke für diese Aktion.
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Gerald schrieb am 02.12.2019
ich habe zufällig im NDR über das Treffen der Betroffenen gehört und mich direkt an meine Zeit vor 55 Jahren im Heim Marienhof in Wyk auf Föhr erinnert.

Die Walknochen am Eingangstor sind wohl die beste Erinnerung. Vieles habe ich verdrängt, aber einige Dinge habe ich noch im Kopf.

Ich bin mir sehr sicher, dass ich dorthin wollte, weil mein Freund im Kindergarten dorthin musste. Also fuhren wir im Sammeltransport von Flensburg über Dagebüll nach Föhr. Ansonsten kann ich mich an keine Situation erinnern, an der mein Freund dabei war. Vielleicht wurden wir in unterschiedlichen Gruppen eingeteilt?

Das Essen war fast immer ekelhaft. Alle Kinder mussten am Tisch sitzen bleiben und wurden gezwungen, aufzuessen. Meistens gab es Milchsuppen. Eine Situation sehe ich immer noch vor mir: Es gab Sago- Milchsuppe (sah aus wie Froschaugen-Suppe). Ein Junge nahm den vollen Teller und kippte die Suppe hinterrücks über seine Schulter auf den Boden. Das gab dann gewaltig Ärger von den Tanten...

Jeden Tag war nach dem Essen Mittagsschlaf angesagt. Ich habe als Kind nie mittags geschlafen. Das habe ich auch dort nicht gemacht, so lag ich dann bei Redeverbot im Bett und wartete bis wir wieder aufstehen durften.

Nachts war es noch schlimmer. Neben dem Heimweh war das Schlimmste, dass man nicht auf Toilette durfte. Normalerweise hatte ich damit auch kein Problem, aber als ich einmal doch auf Toilette musste, wurde ich auf dem Weg dorthin erwischt und wieder ins Bett gezerrt. Ergebnis war, dass ich nächsten Morgen in einem durchnässten Bett aufwachte. Allerdings war ich nicht der Einzige, vielen Kinder in dem Schlafraum erging es nicht anders.

Ich weiß noch, dass wir manchmal spazieren gingen. An Spiele kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Ja, wir haben wohl auch Weihnachtslieder gesungen, war ja schließlich Adventszeit.

Zu allem Überfluss bekam ich auch noch die Windpocken. Da wurde ich isoliert und lag allein in einem Raum, der aussah wie eine alte Waschküche. Im Nachhinein eigentlich merkwürdig, dass ich der Einzige Kranke war.

Die Post wurde immer von den Tanten vorgelesen (ich konnte damals noch nicht lesen und schreiben). Die Tanten haben dann auch für mich nach Hause geschrieben. Ob das geschrieben wurde, was ich sagte, wage ich zu bezweifeln.

Positive oder schöne Erinnerungen habe ich nicht. Und wenn ich zuhause erwähnt habe, wie schlimm es doch war, hörte ich immer, "du wolltest doch freiwillig dorthin". Auf jeden Fall war ich froh zuhause zu sein und wollte auch nie wieder an einer Kinderverschickung teilnehmen.

An mehr kann ich mich leider nicht erinnern.
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katma schrieb am 29.11.2019
Hallo ,liebe Leidensgenossen-innen,
ich wurde Juni/Juli 1976 im "Haus Roseneck" Bad Salzuflen gequält, angeblich wegen Untergewicht .Träger war die Bundesbahn,die schlimmste Leiterin hieß Angelika,oder Angela. Gibt es noch mehr Betroffene,die dort waren? Ich sage nur"Milchsuppe aufessen müssen( mir wird schon beim schreiben schlecht,Nachts und Mittags nicht aufstehen( und aufs Klo dürfen,Gewalt,Bloßstellung,eingesperrt werden,auf dem Balkon schlafen müssen,und schlimmeres. Es tut so gut,endlich die Bestätigung zu bekommen,ja,es war schlimm,ja es ist passiert, und es war falsch!!! nicht ich war falsch!!
Ich war damals 9 Jahre alt
Bitte meldet euch
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Michael schrieb am 28.11.2019
Hallo!
Ich (Jahrgang 1967) wurde mehrfach verschickt, einfach weil meine Erzeugerin Geld für den Urlaub sparen wollte, denn das Amt zahlte ja alles und mich los werden wollte. Ich nahm es hin, wie alles in meiner Kindheit von ihr.
Die Berichte haben mich auch dazu animiert hier zu schreiben. Weil ich etwas besonderes erlebt habe, das bestimmt auch andere Kinder gesehen haben.
Ich bin fasziniert, wie stark ich diese Verschickung verdrängt hatte und erstaunt, dass ich ebenfalls von diesen Verschickungen traumatisiert bin.
Ich kann mich sonst nur noch an Bruchstücke erinnern und einzelne Szenen, weis jetzt aber, warum ich so Probleme habe, wenn ich von zu Hause auch heute noch geschäftlich aufbrechen "muss" und ein Paar Tage nicht zu Hause bin. Selbst für Urlaube von zu Hause wegzugehen ist manchmal schwer, jetzt durch diese Seite weis ich warum das so ist, das ist eben das Ttrauma als kleines Kind (5 oder so) einfach für eine Ewigkeit weit weg geschickt zu werden.
Da mich meine Erzeugerin sowieso nicht lieben konnte und wollte, war dies eben die normale Bestätigung ihrer Lieblosigkeit. Später hat sie mich dann in ein Internat gegeben das sie praktischerweise nicht mal Geld kostete. Somit hatte sie immer genug Geld für sich und war mich auch noch los.
Nun aber zu meinem besonderen Erlebnis:
Es muss in einem Heim im Norden gewesen sein, so um 1973(?).
Wochenlang schaufelten die Jugendlichen unter der Regie des Hausherren Sohnes (ca. 16-17 Jahre alt) eine sehr tiefe Grube. Ich schätze mal so 4 Meter tief in den Sand / Boden. Wir kleinen Kinder durften natürlich nicht in die Nähe, weil so kleine Pisser wollten die Großen Jungs da nicht sehen.
Im Endeffekt war das gut, weil viele Tage oder Wochen später die Grube zusammenfiel und den Sohn bei lebendigem Leib begrub.
Alle Kinder wussten es sofort und waren Augenzeugen, wie man versuchte, mit Schaufeln ihn wieder auszugraben. Der Vater(?) stieß nach einer Ewigkeit auf den leblosen Körper und der Krankenwagen (Rotes Kreuz) transportierte den bewusstlosen (?) Jungen später ab.
Circa 100 Kinder haben also diese sehr verstörenden Szenen life miterleben dürfen und es wurde weder darüber geredet noch gab es irgendwelche Aussagen der Aufseherinnen dazu. Es gab bestimmt Kinder, die das Erlebnis mitgenommen hat, aber es wurde weder getröstet noch erklärt.
Ich bin gespannt, ob jemand das Heim und das Erlebnis kennt.
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Tanja Spr schrieb am 28.11.2019
Hab jetzt fast alles hier gelesen, in der stillen Hoffnung mich an noch mehr zu erinnern. Interessanterweise sind mir ein paar „ungefährliche“ Dinge wieder eingefallen. Meine Mutter hat vor der Kur Namensschilder in meine Kleidung genäht und mich auf die Kur vorbereitet. Ich wurde von meinen Eltern dorthin gefahren. Meine Mutter hat in den 6 Wochen einige Male angerufen und die (Kranken-) Schwestern (nicht Tanten) erzählten mir davon. Ich war als 5-jährige mit fünf etwas älteren Mädchen in einem Zimmer mit Etagenbetten. Die Mädchen waren sehr lieb zu mir, aber wir durften kaum sprechen. Und ich erinnere mich an den Speisesaal, wo auch Ankündigungen zu Aktivitäten gemacht wurden, von denen ich aber nichts mehr weiß oder nicht teilgenommen habe (vielleicht weil zu jung?).
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Andrea Bantel schrieb am 28.11.2019
Hallo... war 1967 in Kressbron zur "Kur" für sechs Wochen - November bis kurz vor Weihnachten. Wer in der Nacht weinte, mußte auf dem kalten Flur schlafen - ich weiß noch, daß ich mich immer sehr mühte nicht zu weinen. Einmal wusch ich mir die Hände, ohne im Waschsaal das Licht anzumachen. Zur Strafe mußte ich mein Essen eingesperrt im dunklen Waschsaal essen und anschließend vor allen Kindern meine "Tat" berichten. Ich war 6 Jahre alt! Am letzten Morgen konnte ich vor Aufregung mein Brot nicht essen. Eine der Betreuerinnen sagte mir dann,daß ich nicht heimfahren darf und Weihnachten im Heim bleiben müßte. Irgendwie bekam ich das Brot runter. Vieles aus dieser Zeit ist mir nicht mehr erinnerbar, diese sechs Wochen sind einfach dunkel. Ich kam als völlig ängstliches und verunsichertes Kind zurück - ein Grund für diese Kur war, daß ich zunehmen sollte und meine Schüchternheit verlieren sollte!
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A.B. schrieb am 28.11.2019
Selbst Jahrzehnte nach der Verschickung, hier nach Niendorf im Jahr 1975, gibt es noch Spätfolgen in Form von Selbstmorden. Siehe hier:
https://netzwerkb.org/2010/01/24/daniel-b-1976-im-kinderheim-niendorfostsee-timmendorfer-strand/

Zitat daraus:

"wir schreiben Ihnen als Hinterbliebene unseres Lebensgefährten, Freundes und Papas Daniel B., der sich im Alter von 39 Jahren am 2. November 2009 das Leben genommen hat.

Daniel litt seit ca. zweieinhalb Jahren extrem an den Folgen sexualisierter Gewalt, die er seiner Meinung nach während eines Kinder-Kuraufenthaltes im damaligen Kurheim in Niendorf/Ostsee (Timmendorfer Strand) erlebt hat. Während des sechs Wochen dauernden Aufenthalts als sechsjähriger Junge, soll er auf bestialische Weise missbraucht, vergewaltigt, gefoltert und gequält worden sein.

Über dreißig Jahre lang, von 1977 bis 2007, sind Daniel, dem Kind, dem Jugendlichen, dem jungen Erwachsenen, dem Familienvater, diese Ereignisse nicht präsent gewesen.

Daniel war nach Bewusstwerdung der Ereignisse, nie wieder in der Lage ein „normales“ Leben zu führen.

Er hat bis zum Schluss so sehr gekämpft:
Gegen die urplötzlichen „Flashbacks“ am hellen Tage, die ihn mitten in der Stadt ereilten und ihn einfach umkippen ließen.
Gegen Todesängste und Panikattacken.
Gegen seine Alkoholsucht.
Gegen die Alpträume die ihn stundenlang gelähmt vor Furcht ans Bett fesselten."


Die Verantwortlichen müssen endlich genannt werden und zur Rechenschaft gezogen werden!
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Valerie schrieb am 27.11.2019
Liebe Melanie, wenn du dich mit anderen aus dem Hamburger Kinderheim vernetzen möchtest. Dann melde dich doch über verschickung_hamburger_kinderheim_wyk_föhr@mail.de
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Valerie schrieb am 27.11.2019
Du liebe Silke, du. Ja, es stimmt! Das Lied haben wir sogar am Samstagabend in der Friesenkate auf Sylt gegröhlt. Ich bin froh, dass ich auf Sylt war. Die Solidarität untereinander tut so gut. Liebe Grüße zur dir
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Bettina schrieb am 27.11.2019
Hallo, vor Kurzem fiel in einem Beitrag (Fernsehen?) das Stichwort "Verschickungskinder" und heute las ich in der Tagespresse einen Bericht.
Auch ich gehöre zu diesen "Verschickungskindern". Ich bin 1962 geboren. Meine erste Erfahrung war vor der Einschulung, mit 4 oder 5 Jahren. Damals war es Bad Rappenau. Das 2. Mal 1968/1969 der Ponyhof in Schönau / Berchtesgaden.
Wie bereits schon oft beschrieben, die Vorbereitung der Kleidungsstücke etc. Meine Mutter war alleinerziehend. Manchmal denke ich, dass ich verschickt wurde, damit sie Zeit für sich hatte. Ich war von Klein auf in einer täglichen Betreuung, Tagesfamilie, Kindergarten, Hort.
Unterordnen, anpassen, nicht unangenehm auffallen war lange wichtigster Punkt in meinem jungen Leben. Zum Teil hat das Auswirkungen bis heute. Erst langsam befreit man sich aus diesen unbewussten Zwängen.
Die Erinnerungen an die Erholungsheime sind sehr wage. Aber es gibt kein gutes Bauchgefühl.
Aber das Foto mit den Pony ist sehr präsent. Die Schifffahrt über den Königssee ist mir noch in Erinnerung geblieben. Postkarten schreiben, das Mehrbettzimmer mit der rot-weiß-karierten Bettwäsche. Nachts zur Toilette, schauen, dass es keiner mitbekommt. In der Toilette schwirrten die Nachtfalter, weil dort das Licht immer brannte. Man hat sich nicht wohl gefühlt.
Von Bad Rappenau habe ich eine Erinnerung, dass in einer Lichtung beim Haus, umringt von hohen Tannen ein Pool stand. Der war aber nur den Mitarbeitern vorbehalten. Ich weiß noch, dass ich häufig hingefallen bin, immer mit dem Knie auf die gleiche Stelle. Da kam Jod drauf, ein Verband, das war's.
Menschliche Nähe war in beiden Aufenthalten Mangelware. Zu Hause nicht gewünscht, dort nur verwahrt. Und dann soll man zu einem seelisch stabilen Erwachsenen heranwachsen.
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Heidi Wolter schrieb am 27.11.2019
Liebe Sylvia, leider haben ich so gut wie keine Kinderfotos, von Westerland gar keine. Nur ein paar wenige Briefwechsel aus den späteren Jahren. Wie alt warst du damals? Anfang der 60er gab es verschiedene Unterkünfte für uns, später einen sehr grossen Bau von der LVA. Ich kann heute leider niemanden mehr nach damals fragen. Hast du noch Kontakt zu Eltern oder Geschwister, die vielleicht etwas wissen? Du hast Recht, so sehr mich immer Nord-und Ostsee anziehen, kann ich nach Sylt nicht fahren? Ich lebe östlich von HH, war in HH geboren und aufgewachsen. Ich bin schockiert, wenn ich diese Berichte hier lese.....ich scheine es irgendwie verdeckt zu haben, aber das ganze Thema berührt mich unangenehm und sehr tief?Liebe Grüsse Heidi
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Stephan schrieb am 27.11.2019
Hallo Marion, schau bitte auch unter Heimort-Vernetzung.
Dort gibt es einen Kontakt.
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Petra schrieb am 27.11.2019
Ich wurde im Jahr 1957 mit 5 Jahren zusammen mit meinem Bruder nach St. Peter Ording verschickt.
Meinen Bruder habe ich in den 5 Wochen nur einmal aus weiter Ferne gesehen. Jungen und Mädchen wurden getrennt. Bei mir zäher Keuchhusten. Ich habe auch alles sehr traumatisch in Erinnerung, wenn man überhaupt von deutlicher Erinnerung sprechen kann. Auch bei mir blieb der Speisesaal in Erinnerung und mit mir weinende KInder vorallem auf der Toilette. Wahrscheinlich sonst verboten worden. Lebertran unter Zwang gehörte dazu. Ich hoffe und weiß es nicht mehr im Nachhinein, dass mir wenigstens mein Teddy geblieben ist ! An Päckchen, die man persönlich nicht bekam, kann ich mich auch noch erinnern. Schlafsaal mit angelehnten Türen und Licht im Gang, wo Schritte zu hören waren. Lange Spaziergänge am Strand im Sommer sicher nett, aber es war Winter. Uns wurde vorgelesen, an Spielsachen kann ich mich auch nicht erinnern. Mittags mussten wir schlafen und durften nicht blinzeln, obwohl die alte Nähmaschine ratterte.
Ich bin noch mal nach Wyk auf Föhr verschickt worden, weil ich keine gute Esserin war, insofern können sich Erinnerungen mischen .Ich glaube, meine Eltern haben mir irgendwie geglaubt, aber manchmal wurde scherzhaft gefragt, oder möchtest du da wieder hin? !!!
Ich finde es gut, dass endlich darüber gesprochen wird. Habe zufällig noch mit 2 Personen im näheren Umfeld über gemeinsame Erfahrungen gesprochen, davor dachte ich wirklich, ich wäre
Einzelfall.
Petra
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Silke schrieb am 27.11.2019
"Wir lagen vor Madagaskar/ und hatten die Pest an Bord./ In den Fässern, da faulte das Wasser,/ und täglich ging einer über Bord./ ...Ade, kleines Mädel, ade, ade..." Vielsagend. Kein Wunder, dass sich viele von uns damit identifizieren konnten...
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Silke schrieb am 27.11.2019
Ich wurde 1973 mit 10 Jahren für sechs Wochen von Nordrheinwestfalen ins Kinderkurheim Kiebitzdelle auf Borkum verschickt. Solchen Foltermethoden, von denen viele Verschickungskinder berichten, war ich nicht ausgesetzt, und dennoch leide ich bis heute unter den Folgen des erdrückenden Systems und der persönlichen Demütigungen. Ich bekam außerdem die Behandlung einer Fünfjährigen mit, die Heimweh hatte, und wurde in deren Abwertung verwickelt.

Nach dem Kongress auf Sylt habe ich plötzlich zwei meiner Briefe aus dem Heim gefunden. Sie lösten noch einmal einen Erinnerungs-Schub aus, obwohl sie - oberflächlich gesehen – wenig mit meiner bedrückenden Erinnerung gemein haben: Ein Zauberer muss dort gewesen sein, es gab viele Tiere rund um das Haus, wir wurden auf eine Inselrundfahrt mitgenommen und gingen ins Wellenbad. Ich erinnere mich dagegen an viele Details, die den Aufenthalt für mich zu einer persönlichen Tortur machten:

Zunächst einmal ist es seltsam, dass ich überhaupt auf so eine „Kur“ geschickt wurde, denn bei Familienurlauben an der Ostsee haben wir immer mal Gruppen von Verschickungskindern mit Schildern um den Hals gesehen, die von meiner Mutter als bemitleidenswert betrachtet wurden. Als es bei mir so weit war, schien das aber ganz etwas anderes zu sein. Was genau der Grund für die Kur war, weiß ich nicht mehr, ich glaube, dass ich vorher eine Mandeloperation hatte. Ansonsten war ich nicht besonders oft krank, auch nicht unter- oder übergewichtig.

Mit meinen zehn Jahren kannte ich Jugendfahrten von Kirchen-Freizeiten und hatte vorher nie mit Heimweh zu tun. Meine Mutter hatte mir die Kur als einen tollen Urlaub in den Dünen ausgemalt, und ich hatte mich darauf gefreut. Beim Kofferpacken war ich in freudiger Erwartung. Ich weiß, dass wir für ein neues weißes Sweatshirt mit einem Mickeymouse-Aufdruck einpackten und dass ich eine eigene Dose Nivea-Creme bekam. Außerdem lernte ich extra noch, meine langen Zöpfe selbst zu flechten. Mein Vater gab mir eine alte Armbanduhr mit auf die Reise, auf der man das Datum ablesen konnte. Die wollte ich verwenden, um in einem Tageskalender für meine Mutter die Erlebnisse auf Borkum aufzuschreiben. Ich war fröhlich auf der Zugfahrt, fühlte mich groß und unabhängig und saß stolz im Abteil mit einer Gruppe gleichaltriger Jungen, die auch nach Emden zur Fähre fuhren. Ein Schild um den Hals mussten wir nicht tragen.

Mein Fall von dem Höhenflug begann bei der Ankunft im Heim, als die Anzahl der Jungen und Mädchen jeweils in der Mitte in „Große“ und „Kleine“ eingeteilt wurden. Ich lag altersmäßig auf der Mitte und kam in die Gruppe der „kleinen“ Mädchen. Diese Zuordnung hatte eine Reihe von Einschränkungen zur Folge, die mich in den nächsten Wochen immer weiter in eine Haltung von Scham, Schuld und Angst hineinbrachten:

1. Die „kleinen Mädchen“ mussten vor dem Abendessen den Schlafanzug anziehen und so zurück in den Essensraum kommen – gleich am ersten Abend schämte ich mich fürchterlich, denn die Jungen, mit denen ich vorher im Zug gesessen hatte, saßen nun am Nebentisch komplett angezogen. Hätte ich doch wenigstens einen Bademantel gehabt wie einige Andere! Aber der hatte nicht auf unserer Liste gestanden, an die meine Mutter sich genau gehalten hat. Ich fühlte mich total entblößt mit meinem Schlafanzug im Essenssaal.
2. Die „kleinen Mädchen“ durften sich ihre Wechsel-Sachen nicht selbst aus dem Schrank nehmen, der auch im Flur entsprechend erhöht war. Unsere „Tante Elisabeth“ stand einmal die Woche auf der Leiter, um uns nach ihrem Geschmack etwas für die Woche auszusuchen, und wir bettelten von unten um unsere Lieblingsstücke – ich immer wieder um mein neues weißes Sweatshirt. Ich bekam es erst in der letzten Woche.
3. Das Schlimmste aber war das Duschen, für das wir nackt aus unseren Zimmern über den Flur laufen mussten. Dort wurden wir dann von der Tante abgeduscht. Ich erinnere mich noch, wie ich beim ersten Mal mit einem anderen Mädchen im Zimmer hockte und wir uns nicht trauten, das Zimmer nackt zu verlassen. Die Tür zum Essenssaal stand offen und auf der andern Seite war der Jungenflur. Überhaupt waren wir von zu Hause nicht gewöhnt, außerhalb des Badezimmers nackt herumzulaufen. Aber es half nichts. Wir sollten uns nicht „so anstellen“ und wir mussten uns überwinden. Aus Spaß stellte Tante Elisabeth dann auch schon mal das Wasser kurz kalt und freute sich über unser Geschrei, aber das nur nebenbei.

Die Gruppenleiterinnen waren gar nicht so alte harte Frauen wie die, von denen andere Verschickungskinder berichten. Im Gegenteil, unsere „Tante Elisabeth“ war sogar noch sehr jung und fröhlich – gut möglich, sie machte diese Gruppenleitung der „kleinen Mädchen“ als Ferienjob. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn es ehemalige Verschickungskinder gäbe, die sie positiv in Erinnerung haben. Irgendwie wirkte sie ganz lässig, und ich bewunderte zum Beispiel auf unseren Strandwanderungen ihre coolen „Boots“ – habe wohl diese Bezeichnung sogar da zum ersten Mal gehört. In meinen Briefen spreche ich seltsamerweise von „Frl. Elisabeth“ oder nenne sie sogar mit Nachnamen, aber ich weiß genau, dass wir sie im Heim „Tante“ nannten. Wahrscheinlich war es mir gegenüber meinen Eltern peinlich, dass wir so „kindisch“ behandelt wurden. Ich erinnere mich jetzt auch, dass mir später die Tanten-Bezeichnung mal rausgerutscht ist und meine Mutter sich darüber wunderte.

Die Creme, die auf meiner Einpackliste gestanden hatte, wurde schon am Anfang eingesammelt. Ich kam ja überhaupt an meinen Koffer und meine persönlichen Sachen gar nicht mehr heran. Immer vor dem Schlafengehen kamen wir in einem der Zimmer zusammen; dann (oder nur nach dem wöchentlichen Abduschen?) suchte Tante Elisabeth sich in unserem Beisein die Creme aus, auf die sie Lust hatte. Das war auch immer mit einer gewissen Wertigkeitszuschreibung verbunden. Aus der ausgesuchten Cremedose tupfte sie uns allen Punkte aufs Gesicht. Weil das so lustig aussah, knotete sie bei mir dazu noch die Haare über dem Kopf zusammen, damit alle etwas zu lachen hatten, und experimentierte überhaupt ganz gerne mit meinen Haaren herum. Im ersten der beiden wiedergefundenen Briefe schreibe ich meiner Mutter, dass ich mit dem „Kämmen“ zurechtkäme und „Frl. Elisabeth“ mir einen Zopf flechten würde; das sei „auch gut“. Ich weiß aber noch genau, dass ich die Zöpfe selbst flechten wollte, wie ich es geübt hatte, und das nicht durfte. Offenbar waren wir der Tante als Spielpuppen überlassen worden.

Das jüngste Mädchen in meiner Gruppe war erst fünf Jahre alt und ich erinnere mich sogar an ihren Namen. Sie war die erste Zeit mit mir in einem (Dreibett-?)Zimmer und hat immer geweint. Deshalb nahm man ihr zur Strafe das Schmusetier ab – einen Frosch, von dem ich auch noch eine genaue Vorstellung habe. Wir anderen wurden in einer Art Gruppensitzung informiert, J. würde nur deshalb dauernd herumheulen, weil sie zuhause schrecklich verwöhnt würde; das sei widerlich, deshalb könnte sie sich hier nicht einfügen und man müsse ihr das abgewöhnen. Wir sollten uns auf keinen Fall um sie kümmern, denn sie wolle nur Aufmerksamkeit und dürfe nicht immer ihren Willen bekommen, dann höre das nie auf. Sie weinte also nächtelang in unserem Zimmer und wir trösteten sie nicht. Man hatte uns zu Mittäterinnen gemacht. „Trotz“ dieser Abhärtungskur hörte J. nicht auf zu weinen, wurde krank und dann tatsächlich abgeholt. Ich sah ihre Eltern am Eingang und fragte mich die ganze Zeit, wie ich das auch schaffen könnte, aber man durfte ja nicht „verwöhnt“ wirken.

Mir selbst wurde ziemlich schnell die geliebte Uhr (Zeichen meiner Größe und Unabhängigkeit) abgenommen, weil ich sie zweimal im Waschraum vergessen hatte. Auch hier half kein Flehen, dass ich sie doch dringend zum Tagebuchschreiben bräuchte – ich sollte lernen, dass man nichts liegenlassen darf und bekam sie erst zur Abreise nach sechs Wochen zurück.

Beim wöchentlichen Schreiben der Briefe und Postkarten nach Hause wurde uns gleich mitgeteilt, dass die Post kontrolliert würde und wir nichts Schlechtes schreiben dürften, um unsere Eltern nicht traurig zu machen. Die Umschläge mussten offengelassen werden. Immer überlegte ich, wie ich beim Spaziergang einen Hilferuf an meine Eltern in einen Briefkasten werfen könnte, aber ich hatte ja nicht einmal eine Briefmarke und schon gar kein Geld (unser gesamtes Taschengeld wurde am Anfang eingezogen). Außerdem wollte ich eigentlich auch meine Eltern nicht so enttäuschen und schrieb selbst in das Tagebuch für meine Mutter nur Belanglosigkeiten über nette Dünenspaziergänge. Bei den frühen Zubettgehzeiten und während der „Mittagsschläfe“ war ja genug Zeit zum Nachdenken, aber ich kam trotzdem nicht dahinter, warum es mir überhaupt so schlecht ging.

Wegen der Peinlichkeit mit dem Schlafanzug riskierte ich in einem Brief die wohlüberlegte Bitte, mir doch einen Bademantel zu schicken, weil mir abends kalt sei. Dieser kam aber nicht. Meine Mutter erzählte mir später, sie habe im Heim angerufen, man hatte ihr aber versichert, es sei warm genug im Essensraum, was ja auch stimmte. Mit mir sprechen durfte sie nicht. Mein zweiter wiedergefundener Brief beginnt gleich mit der erneuten Bitte um den Bademantel, jetzt schon flehentlich, fast anklagend. Überraschend, dass auch dieser Brief durch die angekündigte Zensur gegangen ist. Es geht daraus auch hervor, dass meine Mutter mich wohl auf eine Trainingsjacke verwiesen hat – diese war aber in meinen Sachen nicht mehr auffindbar.

Wirklich schlimm und traumatisch für mich wurde ein Dünenspaziergang, bei dem „Tante Elisabeth“ angeblich etwas vergessen hatte und ich es holen sollte – ein Vorwand, wie sich zeigte. Als ich zur Gruppe zurückkam, sagte sie, sie habe in der Zwischenzeit mal mit den anderen über mich gesprochen, weil ich ja gar keine Freundin gefunden hätte und mich so schlecht einfügen würde. Sie hätte die anderen mal gefragt, was sie an mir stört. Was ich denn selbst denken würde, was der Grund dafür sei. Ich wusste darauf nichts zu sagen, denn mir war gar nicht aufgefallen, dass ich „keinen Anschluss“ hatte. Die Tante meinte jedenfalls, irgendetwas sei eben „komisch“ mit mir. Und ich sollte mal darüber nachdenken. Das tat ich dann auch - die nächsten Jahre meines Lebens – vorerst aber bemühte ich mich um die anderen Mädchen, um nicht mehr weiter dem Vorwurf der Freundinnenlosigkeit ausgesetzt zu sein. Meine angebliche Seltsamkeit sollte wenigstens nach außen kaschiert werden. In meinem zweiten Brief nach Hause zähle ich lang und breit alle Namen der Mädchen auf, mit denen ich angeblich „befreundet“ sei, und wie nett alle wären.

Meine Mutter hatte sich einfach strikt an die Anweisung der BEK gehalten, keine Pakete zu schicken. Deshalb bekam ich auch zu Ostern kein Paket wie die meisten anderen Kinder. Im Essensraum zu sitzen und beim Auspacken zuzusehen, war schrecklich. Bisher hatte ich mich immer behütet gefühlt, und nun sah es so aus, als würde sich niemand um mich kümmern. Die Kinder mit Süßigkeiten mussten uns armen unversorgten Kindern etwas abgeben – als ob es bei diesem Problem um Naschereien gegangen wäre. Die Almosen machten die Scham nur noch schlimmer. Dabei hatte meine Mutter mir das mit den Paketen erklärt, ich wusste, dass ich nicht einfach vergessen worden war. Das Schlimme war die Erniedrigung vor der Gruppe. Erst nach Wochen kam endlich doch noch eine Reisetasche mit dem Bademantel an – und auch einigen versteckten Süßigkeiten, die ich nun im Zimmer teilen konnte.

Einen weiteren Einbruch für meine Kinderseele gab es, als aufflog, dass ich an meinem Bett die Tapete abgerissen hatte. Ein ganzer Haufen kleiner Fetzen wurden beim Putzen darunter gefunden. Die Tante machte bei der Strafpredigt keinen Hehl aus ihrer Vermutung, dass dies als ein weiteres Zeichen für meine angebliche Seltsamkeit oder geradezu Gestörtheit zu werten sei. Ich begann nun auch selbst daran zu glauben, obwohl ich in der Schule nie irgendwie auffällig gewesen war.

Bei einem der letzten Abendrunden in einem der Schlafräume kam es zu einer ähnlichen Ansprache wie bei dem Dünenspaziergang. Schon öfter war uns mit einem „Bericht“ an unsere Eltern gedroht worden, der über jede von uns geschrieben werden würde. Nun war die „Kur“ bald zu Ende – aber kein Grund zum Aufatmen! Ich sollte zuerst wieder selbst sagen, was Tante Elisabeth wohl in meinen Bericht schreiben würde. Immerhin konnte ich ja inzwischen Freundinnen vorweisen. Aber das Vergessen der Uhr, das Abreißen der Tapete und die Lüge wegen des Bademantels wurden dennoch als Anzeichen dafür dargestellt, dass ich mich nicht in Gruppen einfügen könnte – jedenfalls behauptete die Tante, dass sie das so schreiben würde. Wochenlang hatte ich nach meiner Rückkehr Angst vor diesem Bericht – Anpassung war auch bei uns zu Hause ein hoher Wert. Dabei haben meine Eltern diesen Bericht (angeblich) nie erhalten.

Zu guter Letzt musste ich meine Eltern auch noch um eine Nachzahlung meines Taschengelds bitten, weil ich wohl beim Andenkenkauf zu viel davon ausgegeben hatte – ohne es selbst in Händen gehalten zu haben und ohne über vorherige Ausgaben informiert worden zu sein. Dennoch wurde mir diese Fehlorganisation von den Tanten als erneutes peinliches Versagen meinerseits verkauft, und ich war auch inzwischen so weit, das sofort anzunehmen.

Obwohl ich zu Hause niemals erzählte, wie es mir tatsächlich ergangen war – weil ich ja dachte, ich sei alles selbst schuld gewesen – müssen meine Eltern mir etwas angemerkt haben. Auch meine jüngere Schwester erinnert sich an die Familien-Erzählung, dass sie wegen meiner „schlechten Erfahrung“ auf Borkum selbst nicht zur Kur geschickt worden ist.
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Silke schrieb am 27.11.2019
Liebe Susan, hast du gesehen, dass wir uns hier auch nach Heimorten vernetzen können? Für Timmendorfer Strand steht dort (noch) keine Heimort-Verantwortliche, soweit ich sehe, aber für andere Orte an der Ostsee. Vielleicht willst du ja mitmachen. Silke
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Jens Rothfuss schrieb am 27.11.2019
Warum sollte man solch einen unsäglichen Kommentar dadurch aufwerten, dass man ihn Ernst nimmt und weitere Worte darüber verliert. Dieses aufgemachte Fass macht diesen JüJü ja sprachlos. Somit ist ja Gott sei Dank nicht noch mehr intellektueller Dünnpfiff von ihm zu befürchten.
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Susan Mattner schrieb am 27.11.2019
Hallo, mein Name ist Susan,ich wurde 1966 wegen unterernährung nach Timmendofer Strand verschickt. Soweit ich mich erinnern kann war noch ein Junge namens Andre ,der mit mir zusammen im Kindergarten in Hamburg Jenfeld war mit verschickt.
Auch ich habe keine guten einnerungen an diese 8 Wochen. Morgens gab es haferschleim ,der bei verweigerung,zwangsverabreicht wurde. Ich kann bis heute den Geruch nicht ertragen .wir wurden nachts im Schlafsaal eingesperrt mit zwei Nachttöpfen in der mitte ,wer eingenässt hat wurde in einer Wanne mit kaltem Wasser abgedutscht und alle anderen Kinder mussten zu sehen.wir haben eine Nacht im der Toilette eingeschlossen,weil wir vorher noch einmal auf die Toilette gehen wollten .
Wenn wir an den Strand gegangen sind mussten wir singen, damit jeder sehen konnte wie gut es uns ging.Auch wir haben in der Zeit keine Post oder ähnliches von unseren Eltern bekommen ,nur zu Ostern wurden Geschenke in die Betten gelegt .
Ich hatte und habe bis heute Probleme in geschlossenen Räumen zu sein .Meine Mutter hat mir irgendwann die erlebnisse geglaubt und mir versprochen mich nicht mehr zu verschicken .Gibt es noch jemanden, der ebenfalls in Timmendorf /Ostsee seine Zeit verbringen musste ? Ich war als erwachsene noch einmal dort ,da war aus dem Heim ein Altenpflegeheim geworden.
Es tut gut zu wissen, das man nicht alleine ist,obwohl die ganzen erlebnisse so furchtbar sind.
Susan
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Ivy schrieb am 27.11.2019
1970, mit 2 1/2 Jahren war ich zum ersten Mal in Norderney, Seehospiz für die Dauer von 3 Monate. Es fehlt mir der Mut, an dieser Stelle aufzuschreiben, wie einschneidend nicht nur die Verschickung an sich sondern auch die markerschütternden Erlebnisse waren. Meine Kinderseele wusste schließlich nicht mehr, wem oder was sie vertrauen konnte und ein Teil hat eigentlich nicht wieder von der Insel zurückgefunden.

Ich hatte immer das Gefühl, als krankes Kind von meinen Eltern bewusst in eine Art Erziehungslager geschickt zu werden. Als wenn irgendein Zusammenhang bestehen würde zwischen Krankheit und mangelnder starker Hand. Auch die Diakonissen vor Ort waren frei von grundlegenden Instinkten, was ein Kind gesund macht und was es krank macht.
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Thomas schrieb am 27.11.2019
Als ich von dieser Aktion erfuhr, habe ich mich an ein Ereignis in meiner Kindheit erinnert: es muss wohl im Sommer 1959 gewesen sein, als bei uns zu Hause eine Art Betreuungsnotstand entstand. Ich war 6 oder knapp 6 Jahre alt und meine Mutter im 7. oder 8. Monat schwanger mit meinem jüngsten Bruder, meine Schwester war zu dem Zeitpunkt 4. Wir wohnten in einem Dorf am Rande von Freiburg im Elternhaus meiner Mutter zusammen mit meiner Großmutter (damals 71). Landwirtschaft gab es zwar keine mehr, allerdings waren Großmutter und Mutter in den Sommermonaten stets im riesigen Garten hinter dem Haus tätig , wo sämtliches Gemüse und Obst angebaut und im Wortsinne beackert wurde.
Mein Vater war tagsüber auf Arbeit. Familienprobleme gab es keine; ich wuchs sorglos im klassischen ländlichen Idyll auf. An den wahren Grund meiner "Verschickung" in ein "Kinder-Erholungsheim" im Nordschwarzwald kann ich mich nur vage erinnern bzw es nachvollziehen, auch Nachfragen bei meiner Schwester verlief ergebnislos; sie war zu jung damals.
Ich erinnere mich, dass ich mit meinem Vater rund anderthalb Stunden durch den Schwarzwald nach Bad Rippoldsau gefahren bin, wo ich 6 Wochen in diesem Erholungsheim verbrachte, das mir in der schwachen Erinnerung eher wie eine Klinik vorkam.
Ich fand mich inmitten von hypernervösen Kindern aus dem Ruhrgebiet wieder; wir schliefen in einem Schlafsaal mit ca 20 Betten oder mehr (keine Doppelstockbetten), und ab und zu bekamen wir eine Injektion in den Hintern - keine Ahnung, ob es sich um ein Medikament oder um Placebo handelte. An Auswirkungen kann ich mich nicht erinnern. Meine Erinnerungen an diesen Aufenthalt beschränken sich auch auf die wenigen Fetzen, die ich hier beschreibe. Es gab wohl auch "renitente" Kinder, die irgendwie bestraft wurden, aber ich kann mich an keine Details mehr erinnern.
Ich erlitt vermutlich eine Art Mini-Trauma, das mich glücklicherweise nicht länger verfolgte. Allerdings kam ich gewissermaßen "beschädigt" zurück nach Hause: Ich war nervös und plapperte komisches Zeug im Ruhrpott-Dialekt, was meine Spielkameraden aus der Nachbarschaft einigermaßen verstörte (und meine Eltern ebenfalls), schließlich sprachen wir auf dem Dorf alemannischen Dialekt. Eine der von mir geplapperten Formeln war "Spritze jekricht, Spritze jekricht" oder "Düsenjäger, Düsenjäger".

Den Sinn des Aufenthaltes der anderen Kinder habe ich mir (eher im Nachhinein) so erklärt, dass diese aus einer großstädtischen Umgebung mit schlechter Luft (Ruhrgebiet) zur Erholung dort waren.
Ich erinnere mich noch, dass der Abschied meinem Vater damals schwer an die Nieren gegangen ist und er mir Jahre später sagte, dass das ein furchtbares Erlebnis für ihn war. Ähnlich betroffen reagierte meine Mutter, wenn ich viele Jahre später eher scherzhaft diese Verschickung in ironischer Meiner thematisierte. Ich habe meinen Eltern nie einen Vorwurf gemacht deswegen. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang unbedingt, dass mich meine Eltern dort gut aufgehoben glaubten, da die Schwester meiner Mutter in Bad Rippoldsau als Ordensschwester lebte und ein Auge auf mich werfen sollte. Meiner Erinnerung nach habe ich sie in der ganzen Zeit dort selten gesehen, geschweige denn ein "sich Kümmern" erlebt. Diese meine Tante war ein sehr spezieller Fall von Weltabgewandheit und fast schon religiösem Wahn, der aus dem katholischen Elternhaus meiner Mutter gewachsen ist; sie ging bald darauf als Missionsschwester nach Indonesien, wo sie mindestens 10 Jahre blieb. Meine Sozialisation in dieser Hinsicht hat mich sicher 100.000mal mehr geprägt als diese 6 Wochen im Schwarzwald. Man war, wie man das damals bezeichnete "gut katholisch" LOL, was bei mir später eine radikale Zuwendung zu linker Politik zur Folge hatte.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich im Gegensatz zu den meisten hier beschriebenen Schicksalen keinen Schaden erlebt und davon getragen habe, wollte aber meine Geschichte hier loswerden, auch weil mich Anja Röhl dazu anregte.
Ich wünsche allen hier Versammelten nur das Beste für den Rest ihres Lebens!
Thomas
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Anja G. schrieb am 26.11.2019
Hallo in die Runde,
ich habe lange hin- und her überlegt, ob ich mich hier melde, da ich mich a) an viele Jahre in meiner Kindheit so gut wie gar nicht erinnere und b) zumindestens meine letzte Reise ohne Eltern wohl keine klassische Verschickung war. Nach dem wenigen, das ich so zusammen gepuzzelt bekomme, war ich außerhalb der Schulferien und nicht mit meiner Schulklasse über einen längeren Zeitraum im damaligen Bismarckheim in Wennigstedt/Sylt. Das müsste ca. 1975 gewesen sein. Das Haus war damals in Trägerschaft von ein oder zwei Hamburger Schulen, meine war definitiv nicht dabei. Daher ist mir sehr schleierhaft, warum und wie ich überhaupt dahin gekommen bin. Leider kann oder will sich aber niemand aus meinen familären Umfeld daran erinnern.
An die Zustände dort kann ich mich aber recht genau erinnern, und die waren nicht anders als die hier geschilderten. Beispielsweise hatte mich eine Nachtwache auf dem 'Kieker', so dass ich Nacht für Nacht aus meinem Schlafsaal geholt wurde, mein Bettzeug in einer bestimmten Art vor der Brust falten musste und barfuss über einen Steinfussboden 'wandeln' musste. 'Anja, geh wandeln', an diesen Satz geht mir noch heute in blöden Situationen durch den Kopf. Habe ich mich hingesetzt, wurde die Strafe verlängert. Bis ich dann irgendwann durchgefroren ins Bett kam, der Aufenthalt muss irgendwann im November/Dezember gewesen sein. Ob ich die Verursacherin von Lärm war, war übrigens egal.
Beim Essen musste ich stets sitzen bleiben, bis ich alles aufgegessen habe. Bei Widerworten (auch so ein Begriff von damals) wurde der Teller wieder aufgefüllt. Auch an die eklige Milch mit Haut, die ausgetrunken werden musste, erinnere ich mich mit Grauen. Die Beschimpfungen (bockig, verstockt usw.) waren dann nur noch Beiwerk.
Danach ab in Schulraum, während der Rest der Gruppe draußen spielen durfte.

Ich war in diesem Heim mindestens zweimal, davor u.U. in einem anderen Heim auf Sylt in klassicher Verschickung.

Mich würde es sehr interessieren, ob sich noch andere LeserInnen an diese besondere Form der Verschickung erinnern.

Die Initiatoren dieser Seite und des Kongresses möchte ich meinen höchsten Respekt und Dank aussprechen.
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Jott74 schrieb am 26.11.2019
Ja, gab es. Siehe mein Beitrag vom 25.11.2019
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Xyzxyz schrieb am 26.11.2019
1961 gab es diese Milchnudeln auch im Kinderheim Hans im Glück in
Westerland, täglich und es waren labbriggekochte Makkaroni, ohne Geschmack und Würze.
Hatte man erst einmal den ganzen Nachmittag damit im Speisesaal verbringen müssen, dann gab es nur ein Bestreben, irgendwie und irgendwo rechtzeitig entsorgen. Wir haben sogar draußen Papier gesammelt, da kamen am Tisch die Nudeln rein, versteckt im Pulloverärmel.
Die Milch verschwand im Blumentopf. Ein richtig ausgefeiltes System und so
würdelos. Was hätten Erzieher und Kinder nicht alles mit der Energie machen können, wirklich kreatives, lehrreiches. Stattdessen übten die einen
sinnlose Gewaltherrschaft aus und die anderen (wir älteren Kinder/10) suchten Auswege.
Komplettierte Dummheit und Dumpfheit und Beschädigungen - mehr ist von Gewalt ja nie zu erwarten.
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Christiane schrieb am 26.11.2019
Lieber Jürgen Jürgensen,
Sie haben fünfmal „ja“ geschrieben. Versuchen Sie mal, sich diese Szenen, die Sie vielleicht nur beobachtet haben und Ihre dazugehörigen Gefühle vor Augen zu führen. Nicht aus Ihrer heutigen Sicht, sondern in dem Sie sich hineinfühlen in Ihr damaliges kindliches Erleben.
Bei der Aufarbeitung dieser Themen durch die geplante selbstbestimmte Forschung soll es darum gehen, Zahlen und Fakten zusammenzustellen, eine historische Einordnung vorzunehmen, organisatorische und personelle Strukturen darzulegen, die dafür verantwortlich waren und daran viel Geld verdient haben und, aus meiner Sicht, klar zu machen, wie diese Erziehungsprinzipien bis heute fortwirken können. Wenn wir sie uns nicht bewusst machen, und zwar im eigenen Denken und Handeln, geben wir dieses Denken, das Handeln und das Verleugnen von Unrecht (eine kindliche Reaktion aus Ohnmachtserleben heraus) an die nächste und übernächste Generation weiter.
Ich empfehle die Lektüre der Schriften von Sigrid Chamberlain. Und die nächste Sendung von Report Mainz (3.12.19).
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Walter schrieb am 26.11.2019
Hallo zusammen,
1972 wurde ich im Alter von 6 Jahren in die Einrichtung 'Haus Sonnenschein' verschickt. Aufgrund einer chronischen Bronchitis und eines schwächlichen Gesamtzustand hielt unser 'Halbgott in Weiß', Dr. Wortberg - ein bis zuletzt überzeugter Nationalsozialist - es für angemessen, mich für sechs Wochen nach Langeoog zu verschicken - natürlich ohne jeden Kontakt zu meinen Eltern oder Geschwistern. In meiner Erinnerung ist es so, als hätte ich sechs Wochen nur geweint. Da ich mich regelmäßig einnässte, wurde mein Bett zur Strafe nachts auf den Flur geschoben, wo ich die Nacht in meinem nassen Bett verbringen musste. Vor jeder Mahlzeit wurden wir gezwungen ein Glas Salz- oder Meerwasser zu trinken, sonst bekamen wir nichts zu essen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in den gesamten sechs Wochen auch nur ein einziges liebevolles oder tröstendes Wort gab. Und noch schlimmer: Es gab auch keine Freundschaft oder Nähe unter den Kindern, da wir alle nur damit beschäftigt waren, unsere Haut und unsere kleinen Seelen zu retten. Erwähnen sollte ich vielleicht noch, dass es sich um eine katholische Einrichtung handelte und unter den 'Betreuerinnen' auch Ordensschwestern waren. Für mich als Kind war es unbegreiflich, wie Menschen, die von Gottes Liebe und Nächstenliebe faseln, solche Sadisten und Folterknechte sein konnten. Ich bin heute 53 Jahre und habe immer noch furchtbare Erinnerungen an die Zeit. Aber ich habe mich entschieden, dass ich mir von diesen Unmenschen nicht mein Leben versauen lasse. Ich bin glücklich mit einer toller Frau verheiratet, habe drei großartige Kinder, eine starke Familienbande und viele gute Freunde. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte den Verantwortlichen gegenübertreten, ihnen in die Augen schauen und sie fragen 'warum?' Was für Menschen seid ihr, dass ihr den Schwächsten der Schwachen so etwas antun konnten? Und dann würde ich ihnen sagen, dass sie es NICHT geschafft haben. Sie haben mich NICHT gebrochen, sie haben mich NICHT kaputt gemacht. Nicht zuletzt wegen dieser Erfahrungen bin ich schon vor Jahrzehnten aus der katholischen Kirche ausgetreten und halte alle, die mir lieb sind, von dieser Institution fern. Trotzdem wünsche ich mir, es gäbe diesen Gott mit Jesus an seiner Seite, der auf dieses Sadistenpack wartet und in die ewige Verdammnis schickt.
Mein Appell lautet: Passt auf die Schwachen auf, passt auf eure Kinder auf, achtet auf sie, hört auf sie und glaubt ihren.
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Martina Tr. schrieb am 26.11.2019
Hallo, mein Name ist Martina. Ich bin Jahrgang 1964 und war 1970 oder 71 in Bad Soden Allendorf zur "Kinderkur", aufgrund meiner "schwachen" und "kränklichen" Verfassung. Ich nehme an, dass die Volkswagen-Betriebskrankenkasse mich dorthin geschickt hat. Meine Eltern brachten mich zu einem Bus (Treffpunkt VW-Werk Hannover?) auf der Fahrt sammelten wir noch weitere Kinder ein. Sechs Wochen war ich auf mich allein gestellt.
Es sind nur wenige Erinnerungen an diese Zeit, die allerdings in all den Jahrzehnten nicht verblasst sind. Einmal bin ich während der Mittagsruhe verbotenerweise auf die Toilette gegangen und erwischt worden. Ich erinnere mich an eine Backpfeife. Wir sind gewandert und mindestens einmal saß ich in einer Art Sole-Dampfbad. Meine Mutter hat mir später erzählt, dass meine Unterwäsche offensichtlich nie gewechselt, geschweige denn gewaschen wurde! Ich hatte eine Erklärung dafür, an die ich mich aber nicht mehr erinnere. Meine Eltern haben mir diese Erklärung nicht geglaubt. Nun sind sie leider schon verstorben.
Ich bin sehr daran interessiert, mich auszutauschen.
Viele Grüße
Martina
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Eva Zartmann schrieb am 26.11.2019
Waren Sie auch in Lindenberg im Allgäu im Eisenbahner Kinderheim?
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Eva Zartmann schrieb am 26.11.2019
Eisenbahnererholungs Kinderheim Lindau im Allgäu - Sommer 1964.
Ich feierte dort im Juli meinen 8. Geburtstag, deshalb erinnere ich mich gut an das Jahr.
In einer Nachbarkindergruppe war ein bettnässendes Mädchen, die brutal von der Kinderpflegerin an den Haaren aus dem Bett gezogen und laut beschimpft wurde - welche Strafe sie erhielt weiß ich nicht mehr.
Dieses Ereignis, bei dem unsere Gruppe zusah, war entsetzlich angstbesetzt und erschütternd. An dieses eine Mal erinnere ich mich ganz genau.
Und durch diesen Beitrag erhoffe ich mir, dass dieses betroffene Mädchen, Jahrzehnte danach, irgendeine Art von Wiedergutmachung erhalten kann. Das ist meine einzige Motivation, mich hier zu engagieren.
Ein älteres Mädchen (10 Jahre) stampfte mir jedesmal, wenn wir in der Schlange standen, brutal mit ihrem Fuß auf meine Füße. Obwohl ich es der Kinderpflegerin berichtete, wurde diese Schikane nicht eingestellt und ich hatte große Angst vor diesem Mädchen und versuchte ihr so gut es ging aus dem Weg zu gehen.
Einmal sprach ich im Traum und meine Schlafgenossinnen berichteten:
Ich sagte laut: "Schlag mir den Kopf ab!"
Als ich von meiner Mutter in Stuttgart nach 6 Wochen Kindererholungsheim auf dem Bahnsteig abgeholt wurde, wünschte ich mir einen Kaktus.
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Angela Covato schrieb am 26.11.2019
Hallo Xyzxyz, genau so einen Jungen hatte ich in meiner Gruppe, vielleicht auch mehrere. Ich erinnere mich an tröstende Gesten, heimliche Hilfestellungen, das Gefühl, nicht ganz alleine zu sein. Stellvertretend für alle „Großen“ möchte ich Dir herzlich danken.
Liebe Grüße Angela
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Tanja Spr schrieb am 26.11.2019
Im Jahre 1973 bin ich im Alter von 5 Jahren für 6 Wochen wegen Bettnässen verschickt worden. Das Problem sollte vor der Schule noch geheilt werden. Ich war vorher noch nie länger von Zuhause weg und schon gar nicht bei Fremden. Der Kontakt zu meiner Mutter wurde strikt untersagt, damit das Heimweh nicht noch schlimmer wird. Ich kann mich an nicht mehr viel erinnern, habe aber gefühlt 6 Wochen lang durch geweint. Jeden Abend vor dem Einschlafen habe ich mir eingeredet, dass alles nur ein Alptraum ist, und ich morgens in meinem Bett wieder aufwache. Das ist aber nicht passiert. Irgendwann hab ich einfach aufgegeben, nichts mehr gefühlt, nicht mehr geweint und mich damit abgefunden, dass der Alptraum nie endet. Irgendetwas in mir ist damals unwiederbringlich zerbrochen. Mittlerweile bin ich seit 3 Jahren (ich bin 51) wegen Depressionen berentet. Und ich bin mir sicher, dass damals die Grundlage für diese immer wieder kehrenden Depressionen gelegt wurde. Ich bin froh, dass überhaupt mal darüber geredet wird. Ich hatte immer das Gefühl ganz allein mit dem Erlebten zu sein.
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Regina K. schrieb am 26.11.2019
Diese Verschickungen gab es auf jeden Fall noch in den 90ern. Habe in einem Archiv zu einem bestimmten Kurheim recherchiert, welches 1993 geschlossen wurde.
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Silke schrieb am 25.11.2019
Ich bin jetzt auch direkt zu erreichen: verschickungskinder-sh@mailbox.org
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Doreen schrieb am 25.11.2019
Hallo.
Ich bin ein Verschickungskind.
Nach mittlerweile 12 Jahren Therapie,inhaltlich habe alle Therapieansätze durchlaufen die es gibt.
Mittlerweile stecke ich mitten in der Psychoanalyse.
Das erste Mal habe ich über "die kur" gesprochen.

Ich habe geheult. ich bin entsetzt.

und ich bin schockiert und gleichzeitig erleichtert.

ich bin nicht allein. es gibt sogar einen Begriff für "das Kind braucht mal frische Luft und muss aufgepäppelt werden ".

meine Mutter,so naiv wie sie auch war,hat mich tatsächlich in diesen Wahnsinn geschickt. mit 4!

kaltes Wasser,mit Strumpfhosen ans Bett gefesselt,mit Strumpfhosen Augen (nicht schlafen können) oder Mund ( geweint)zugebunden.
geschlagen,gedemütigt

es ging Postkarten nach Hause...von mir bemalt....."nein,wir schreiben nicht,du hast Heimweh. da geht es Mama nicht gut. wir schreiben,dir schmeckt das Essen aber zugenommen hast du noch nicht".

Ich bin so wütend. Ich hasse diese Menschen. Ich glaube,ich gebe meiner Mutter große Schuld.

ich hatte immer Angst,dass sie mich wieder wegschicken könnte. in die Hölle.

ich weiß nicht mehr wo ich war.
ich will Antworten für mich finden.
Wie. Das weiß ich noch nicht.

ich war nicht darauf vorbereitet,dass es "diese Gruppe" gibt,dass es überhaupt Leidgenossen gibt.

Ich bin jetzt 37 und ich habe mir eingeredet,es war bestimmt nicht so schlimm u meine Erinnerungen sind übertrieben u spielen mir einen bösen Streich.
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Roswitha Mahn schrieb am 25.11.2019
Hallo, ich bin Roswitha Mahn, Jahrgang 1948.
Mit fünf Jahren wurde ich eingeschult. Schon bald stellte meine Lehrerin fest, dass ich körperlich zu schwach war und das Schuljahr wohl nicht schaffen würde. Unsere Hausärztin veranlasste darauf hin, dass mein jüngerer Bruder und ich zur Erholung gechickt wurden.
Wir waren 1954 für 6 Wochen in Bad Sachsa und sollten in der Zeit zunehmen. Ich vermute, dass wir im Haus Warteberg waren, bin mir allerdings nicht sicher.
Im Gedächtnis haften geblieben sind mir die Mahlzeiten, die morgens hauptsächlich aus Haferflockensuppe bestanden, mit Wasser und groben Haferflocken gekocht. Wäre die Suppe mit Milch und ein paar Rosinen gekocht worden, hätte ich sie sicherlich nicht jedesmal ausgebrochen. So mußte ich das Erbrochene aufessen bis der Teller leer war. Gleichzeitig wurde ich von der "Tante", es war die Heimleiterin, beschimpft. Zuhause hätte ich so etwas Gutes nicht zu essen bekommen und hier würde ich es "auskotzen". Das hatte mich sehr gekrängt. Wie konnte sie das sagen! Wir hatten zuhause einen Obst- und Gemüsegarten, ein Hausschwein und Hühner. Ich musste dann auch in der Raumecke stehen, damit mich alle anschauen konnten. Es gab auch zwei Scheiben Brot, die für mich zuviel waren. So versteckte ich sie in meiner Hosentasche und habe sie beim Morgenspaziergang unterwegs heimlich verstreut. Alles in der Angst, die sogenannte Tante Begleitung könnte es bemerken.
Nach dem Mittagessen mußten wir täglich 2 Stunden auf dem Balkon schlafen. Das war für mich eine Strafe, ich hätte gern gespielt und herum getobt. Danach wurden wir wieder auf einen Spaziergang geführt, meist am Märchenpark vorbei.
Nach dem Abendessen ging es sehr früh ins Schlaflager. Es durfte kein Wort mehr gesprochen werden. Dieser Drill war die Hölle. Ich hatte Heimweh, wusste jedoch, dass ich 6 Wochen durchhalten musste.
Wenn ich meinen Bruder auf dem Spaziergang traf, durfte ich nicht mit ihm reden. Er hat natürlich jedesmal geweint, weil er Heimweh hatte. Das war auch für mich besonders schlimm, weil ich ihn nicht trösten durfte.
In den 6 Wochen hatte ich 8 Pfund zugenommen. Für die Heimleiterinwar es ein gutes Ergebnis!
Ich hatte mich wie eine gestopfte Gans gefühlt...
Ich habe versucht, alles zu vergessen, aber sobald jemand etwas über Haferflockensuppe erzählt, kommt alles wieder hoch.
Allerdings erinnere ich mich nach so vielen Jahren nicht mehr an wichtige Details. Viele Jahre später habe ich zusammen mit meinem Mann Bad Sachsa besucht, jedoch nur den Märchenwald wieder erkannt. Nach dem Heim hatten wir nicht gesucht, weil ich mich nur wage an die Hanglage, wäldiche Umgebung, Steintreppe und Balkon erinnern konnte.

Inzwischen haben wir einige Jahre Urlaub im Harz gemacht, und ich finde den Harz schön, trotz der Kindheitserinnerungen.
Dennoch muss alles aufgeklärt, für die Zukunft unterbunden und Verantwortliche müssen benannt werden. Die Betroffenen haben ein Recht darauf. Durch Berichte in den Medien wurde ich erst aufmerksam über Ausmaß und Zeitraum der unmenschlichen Behandlung der anvertrauten Kinder in den Verschickungsheimen. Die hier geschilderten Erlebnisse mißhandelter Kinder und deren Leid bedrücken mich sehr. Unglaublich, dass in Deutschlan so etwas über Jahrzehnete möglich war.
Ich wüsste auch gern, in welchem Heim mein Bruder und ich 1954 waren. Irgendwelche Unterlagen besitze ich leider nicht. Ich hatte auch nur eine Ansichtskarte nach Hause schicken dürfen. Der Text wurde mir diktiert.
Für mich war es kein Erholungsheim, sondern ein Erziehungsheim mit viel Drill und ohne Liebe und Zuwendung.
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Tina schrieb am 25.11.2019
Diese Verschickungen gab es leider noch bis Anfang der 90er. Ich war 1990 in einem Kurheim der ehemaligen DDR. 6 Wochen Alptraum.
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Hubertus Tresp schrieb am 25.11.2019
Langeoog kenne ich auch, von einem "Kuraufenthalt". Es war Anfang der 60er, ich war 7 oder 8 Jahre alt. Alles war lieblos, das Essen schlecht. Die Briefe wurden uns vorgeschrieben. Ich hatte extra Karten mitbekommen, um meinen Großeltern, dem Lehrer und dem Pfarrer auch aus der Kur zu schreiben. Durfte ich nicht. Ich erinnere mich an entsetzlich langweilige Spaziergänge über die Insel. Und ich wurde Bettnässer. Ich weiß nicht mehr, ob noch andere Kinder ins Bett gemacht haben. Ich musste jedenfalls die Bettwäsche kalt auswaschen. Und es kamen stets ein paar Mädchen vorbei, die mich ausgelacht haben. Ich weiß nicht ob wir gleichzeitig auf Langeoog waren, in jedem Fall danke ich dir, dass du die Hänselei nicht mitgemacht hast.
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Menkenhagen schrieb am 25.11.2019
Hallo,
bin Jahrgang 62. Ich war vor der Schulzeit verschickt nach Amrum und Ende der 1. Klasse in Hanstedt/Lüneberger Heide - jeweils 6 oder 8 Wochen - weiß ich nicht mehr genau. Dazu war ich als Vierjähriger für 1,5 Jahre mit TBC und anschließender Gelbsucht im Krankenhaus. Zuerst Hamburg Altona, danach Wintermoor.
Ich erlebte Einsperren ins dunkle Bad, schlafen auf dem kalten Flurfußboden, anschnallen ans Bett, Gesicht in den Suppenteller drücken, Schlauch schlucken, bis ich Galle kotzte, Gruppenduschen mit lästernden Krankenschwestern und noch einiges mehr. Die gefälschten, geschönten Postkarten nach Hause kenne ich auch.
Leider (vielleicht auch Gottseidank) erinnere ich nur Fetzen und kann sie selten Zeiten und Orten zuordnen.
Das Schlimme an allen drei Orten war die Einsamkeit, das Ausgeliefertsein, die Hoffnungslosigkeit und vor allem die Angst, Angst, Angst.
Obwohl sie sicher nur einen kleinen Teil der Schuld trugen, war und ist mein Verhältnis zu meinen Eltern nicht in Ordnung und mein Sozialverhalten ist manchmal für andere etwas rätselhaft.
Ich war ewig lang Bettnässer - mit Psychotherapie, Schlägen, Spritzen und allem Schnickschnack. Es half später viel Alkohol und andere Drogen. Dann kamen Abszesse, zweimal mit OP und dann mit Mitte dreißig eine schwere Angstneurose: Gesprächstherapie, 4 Monate psychosomatische Klinik und fast ein Jahrzehnt KBT.
Danke, dass ich das in diesem recht öffentlichen Rahmen mal loswerden durfte.
Gruß T.
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Dr. Thomas Hill schrieb am 25.11.2019
Ich war 1964 oder 1965 im Alter von fünf oder sechs Jahren zusammen mit meinem drei Jahre älteren Bruder auf Sylt. Leider kennen wir nicht mehr den Namen des Heims. Überhaupt sind meine Erinnerungen recht bruchstückhaft. In vielen Kommentaren dieser Seite finde ich mich aber wieder. Meine wenigen Erinnerungen: Wir wurden vom Hausarzt nach einem kalten Winter nach Sylt geschickt, um "aufgepäppelt" zu werden. In dem Heim gab es deshalb immer Essen mit Milch, zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendbrot. Ich erinnere v.a. Milchnudeln. Seitdem trinke ich keine Milch mehr, erst seit einigen Jahren fällt es mir leicht, Müsli mit Milch zu essen. Neben dem Essen spielte natürlich das Scheißen eine große Rolle, weil es reglementiert war: Man durfte tagsüber nur nach den Mahlzeiten auf Toilette. Auch abends gab es bestimmt eine Regelung, die erinnere ich aber nicht mehr. In jedem Fall wurde als Resultat laufend in die Hose bzw. ins Bett gemacht. Das Heim lag an der Nordsee und trotz des noch kalten Wetters im März/April waren wir oft am Strand. Wir sind da in Reih und Glied mit geschulterten Schaufeln hin marschiert (muss wohl etwas wie beim Reichsarbeitsdienst ausgesehen haben). Mein Bruder meint zu erinnern, dass Verschickte geschlagen wurden. Er sagt auch, dass die Post nach Hause zensiert wurde, indem die Briefe während des Schreibens kontrolliert und man ggf. zur Überarbeitung aufgefordert wurde. Ich besuchte noch nicht die Schule und konnte daher noch nicht schreiben. Mein Bruder und ich haben noch lange Zeit nach dem Aufenthalt darüber gesprochen, uns zu rächen. Unser Plan: Eine Bombe in den Zug nach Sylt schmuggeln und unter dem Sitz verstecken und mit dieser Bombe das Heim in die Luft sprengen. Es war ein schrecklicher, schlimmer Aufenthalt, aber trotz meiner Milchallergie glaube ich nicht, dass ich irgendwie traumatisiert worden bin. Bei uns zu Hause ging es zum Glück ganz anders zu. Ich denke, dass meine Eltern - v.a. meine Mutter - dem Aufenthalt zugestimmt haben, weil sie großes Vertrauen zu unserem Hausarzt hatten.
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Melanie Pickenpack schrieb am 25.11.2019
Hallo, meine Name ist Melanie P. mit sehr traurigen und beklemmenden Gefühlen habe ich die vielen Berichte gelesen.
Ich bin Jahrgang 1950 und bin mit 11 oder 12 Jahren nach Wyk auf Föhr, Hamburger Kinderheim verschickt worden.
Der Schularzt legte meinen Eltern nah, dass ich zu dünn sei und eine Luftveränderung mit gutem Essen, dass richtig für mich sei.
6 Wochen ohne Kontakt zu den Eltern, schlafen in großen Sälen ohne liebevolle Betreuung. An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern, nur daran, dass es für die " dünnen" Kinder jeden morgen Lebertran gab, danach Müsli, was mir bis heute ein Graus ist. An fröhliche Zeiten mit Spielen und Zuwendungen durch " die Tanten", kann ich mich nicht erinnern, keinen Kontakt zu meinen Eltern war für mich schrecklich und ließ mich nicht schlafen.
Zum Ende der 6 Wochen bekam ich Windpocken, wurde in einen großen Saal geschoben , ohne, dass sich jemand gekümmert hat, ich sollte dann weitere Zeit bleiben, daraufhin muss ich mich dagegen stark gewährt haben, so dass ich dann doch nach den 6 Wochen nach Hause kam. Wie meine Mutter mir später immer erzählte , blasser und dünner als vorher.
Diese Erlebnisse habe ich über die viele Jahre sehr verdrängt, jetzt durch die vielen Berichte sind sie wieder sehr präsent.
Es ist schon schlimm, was Kindern in diesen Heimen angetan worden ist .
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Madeleine15 schrieb am 25.11.2019
Ich war ca. 1965 auf Borkum im Friesenheim,( hieß es so?), irgendwas mit ' Friesen', in der Nähe der Dünen. Wer war auch dort? Ich kann nicht behaupten, dass es traumatisierend war. Ich, aus Württemberg, konnte danach kein Schwäbisch mehr 🙂
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Anja Q. schrieb am 25.11.2019
Auch ich war ein "Verschickungskind", Jahrgang 1958.
Hätte ich schon früher von der Initiative gehört, hätte ich an dem Kongress teilgenommen.
Ich wurde zweimal wegen Neurodermitis und chronischer Bronchitis nach St. Peter Ording verschickt.
Das erste mal 6 Wochen mit 4 oder 5 Jahren, das zweite mal 4 Wochen mit 6 oder 7 Jahren.
Ich wurde an´s Bett gefesselt, damit ich mich nicht kratze (Neurodermitis ist eine Höllenqual). Ich musste stundenlang im Speisesaal weinend vor meinem Teller sitzen, bis dieser leer war (Rote Bete kann ich bis heute nicht essen). Ich wurde von den anderen Kindern ausgesondert und musste alleine essen.

Da ich noch nicht schreiben konnte, wurde ich aufgefordert, einen Text für eine Postkarte an meine Eltern zu diktierten. Ich sagte, dass die "Tante" schreiben soll, dass ich nach Hause will
und dass meine Eltern mich abholen sollen.
Niemand kam...
Jahre später fand ich die Karte in den Unterlagen meiner Mutter.
Dort stand nichts von dem, was ich diktiert hatte.
Im Gegenteil - es stand nur positives darin.

Ich kam nach Hause mit Euromünz-großen, verkrusteten Stellen am ganzen Körper.
Ich war krank, als ich wieder zu Hause war.
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Dati schrieb am 25.11.2019
Mit nur 6 Jahren und zwei Monaten wurde ich auf Anraten der Fürsorgerin 1972 in das Kindererholungsheim „Haus Roseneck“ des Bundesbahn-Sazialwerks nach Bad Salzuflen geschickt. Der Aufenthalt dauerte unendliche 6 Wochen. Ich war das erste Mal länger als wenige Stunden von zuhause entfernt. Die Urkatastrophe meines Lebens.
Heute kann ich dieses Heim nur als „Kinder-KZ“ bezeichnen. Die Parallelen zur Nazi-Zeit sind erschreckend:
Eingesperrt hinter einem unüberwindlichen gusseisernen Zaun. 24 h unter Kontrolle und Beobachtung. Gedemütigt und entmenschlicht. Rationierte Lebensmittel. Solebäder und Höhensonne, für die es keine medizinische Indikation gab (also Körperverletzung). Stundenlanges tägliches Marschieren, vormittags und nachmittags, als „Spazieren gehen“ bezeichnet. Eine Eiseskälte von Seiten der „Schwestern“. Militärischer Ton. Drill und bedingungsloser Gehorsam.
Bis heute kann ich bestimmte Situationen nicht ertragen / aushalten:
Zum Abendbrot gab es immer ausschließlich Kamillentee. Ich kann alleine schon den Geruch von Kamillentee nicht aushalten; geschweige denn ihn trinken.
Das Schlaflied „Guten Abend, gute Nacht“ kann ich nicht mehr hören. Wir mußten es jeden Abend, im Bett liegend singen. Im Refrain heißt es sinngemäß „…und wenn Gott will, wirst du wieder geweckt…“. Warum sollte der liebe Gott Kinder wieder wecken, die, weil sie ungezogen waren, von ihren Eltern in´s Heim gesteckt wurden??? Panik und Angst, gepaart mit einer spontanen Aggression sind für mich bis heute die unmittelbaren Folgen.
Es wurde in diesem Forum bereits ausführlich über Exzesse in den Heimen berichtet. Weitestgehend kann ich diese Beschreibungen bestätigen.
Für mich waren diese 6 Wochen die Hölle auf Erden. Unter den Folgen leide ich bis heute. Aufenthalte – egal wie notwendig sie sind – in Heim-ähnlichen Einrichtungen, wie z.B. Krankenhäusern sind für mich nur schwer auszuhalten. Alles, was mich in meiner persönlichen Freiheit und Selbstbestimmtheit einschränkt, lehne ich ab, oder verweigere ich. Das schränkt natürlich meine Lebensqualität enorm ein.
Noch ein Punkt: Die Stasi-Unterlagen werden in´s Bundesarchiv überführt. Sie werden der Öffentlichkeit bis zum Sankt Nimmerleinstag erhalten bleiben. Gut so.
Selbst 75 Jahre nach Kriegsende kann jeder bei der Deutschen Dienststelle in Berlin Auskunft über jeden einzelnen Wehrmachtsangehörigen beantragen. Gut so.
Selbst 75 Jahre nach Kriegsende kann jeder beim Suchdienst des DRK einen Suchantrag stellen. Gut so.
Knapp 50 Jahre nach meinem Kinder-KZ Aufenthalt sind die Unterlagen längst geschredert; die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen.
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Stefan Steurer schrieb am 25.11.2019
Kann ich voll und ganz bestätigen. Ich war auch im "Goldenen Schlüssel" wg. angeblichem Asthma, bei "Tante Dora" - Prügel waren ganz üblich, es wurde jede Post zensiert, alles gefilzt und vieles mehr. Jahr später - als erwachsener Bär - bin ich dort extra mal mit dem Motorrad hingefahren, um das für mich aufzuarbeiten und mich davon zu überzeugen, dass der Laden so nicht mehr existiert. Verm. sind alle Verantwortlichen Sadisten tot (nicht alle waren so, aber die Mächtigen - ich erinnere mich ausschließlich an Frauen. Einzig sexuelle Übergriffe kann ich nicht erinnern. Die "Braven" durften als Belohnung zu Tante Dora in die Privatgemächer zum Fernsehgucken - da war ich aber nie dabei 🙂 Was dort pasiert ist - keine Ahnung. Jedenfalls war das System ser perfide, man wurde so eingeschüchtert, dass man nix gesagt hat und - erst durch diese Veröffentlichungen glaubt mir meine heute 87-jährige Mutter die später erzählten Schauergeschichten. Dafür - späten Dank!
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Miriam Müller schrieb am 25.11.2019
Hallo,

obwohl ich im Januar 1971 erst 6 Jahre alt wurde, kann ich mich noch sehr gut an meinen Erholungsurlaub in Röt bei Baiersbronn erinnern und fand das dort Erlebte bereits als Kind grenzwertig, berichtete schon damals, so in der Pubertät, davon und hörte andere Ähnliches berichten. Derartige Erfahrungen habe ich sonst, im Kindergarten z..B. nicht gemacht, und wunderte mich schon damals sehr, dass so etwas möglich ist.

Der Grund für meinen Urlaub war häufige Bronchitis und Asthma sowie eine von meiner Mutter benötigte Auszeit von mir als sehr lebhaftem Kind. Meine jüngere Schwester war erst knapp 2, meine Eltern waren beide berufstätig. Insbesondere, da sich meine Großmutter sehr liebevoll um mich kümmern konnte, fühlte ich mich als ein geliebtes Kind, auch von den gestressten Eltern geachte..Deshalb fand ich es ja auch sehr befremdlich, dass dies in diesem Erholungsheim dann nicht mehr der Fall war.

Nun einige von weiteren Episoden, an die ich mich spontan erinnere:

Obwohl ich zuhause mit reichlich Gemüse aus heimischen Garten großwurde, ich immer viel aß und nicht unterernährt war, wurde man in diesem Heim regelrecht überernährt. Das fing schon morgens im Bett an, wo man noch schlaftrunken einen kräftigen Haferschleim zu sich nehmen musste. Es war nicht möglich, dies abzulehnen. Ich verstand nicht, wie es möglich war, dass die meisten der anderen Kinder dann auch noch ein paar Schnitten später zum Frühstück aßen. Man wurde immer zum Essen angehalten. Man musste auch Kakao trinken, was ich nicht gewöhnt war, vor allem in den Mengen.

In der Nacht kotete ich mich regelmäßig ein, was mir sehr peinlich war, zuhause nie geschah, ich große Mühe hatte, wieder was Frisches zu finden, mich sauber zu halten und weshalb ich voll fertig gemacht wurde: Von den anderen Mädchen in meinem Schlafraum und von den Erzieherinnen. Damals schon war ich so "frech" zu behaupten, das läge auch an dem morgendlichen Brei, den ich lieber nicht essen wolle.

Abendliches Sprechen im Schlafzimmer war verboten. Man wurde bestraft. Ich sagte den anderen Kindern immer, sie sollten doch ruhig sein. Wer aber wurde vor die Tür gesetzt? Ich! Man musste die ganze Nacht, ohne Decke auf einem Stuhl im Flur sitzen. Ich fand das unmöglich! Jedenfalls nicht erholsam! Ich bettelte, wieder ins Bett zu dürfen! Keine Chance! Ich benannte die Ungerechtigkeit! Keine Chance! Ich beschloss, dass mich dies nicht umbringen solle. Aber mir war klar, das der liebe Gott die dafür bestrafen werde.

Einmal riss mir ein Kind am Trägerröckchen. Ich brachte es der Nöhfrau, der Knopf war ab. Diese schimpfte mit mir, und nannte mich Lügnerin, das Missgeschick noch einem anderen Kind in die Schuhe zu schieben. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich fühlte mich total verlassen. Sonst waren die Nähfrauen eigentlich immer nett.

Dann musten wir einen total vereisten Hang Schlitten runter fahren. Ich merkte, dass ich nicht bremsen konnte. Und blieb dann unten stehen, damit mir nichts passiert. Ich wurde harsch gezwungen, wieder hoch zu gehen und wieder runterzufahren. Zwei- oder drei Mal gelang mir das Bremsen unten mit Mühe. Dann überschlug ich miich, hatte das ganze Kinn blutig. Die Erzieherin war nicht mal bereit, mir ein Tempo für das viele Blut zu geben, sie ließ mich links liegen, war mit einem Schlitten beschäftigt, der im Bach, weit weg gelandet war. Dann schimpfte sie, was ich den da gemacht habe und wurde noch ärgerlicher, als ich ihr sagte, das sei ja ihre Schuld, ich habe da nicht runter fahren wollen, das sei viel zu vereistt, unten in der Kurce. Ich würde die Stell heute wohl noch wiederfinden! Die Wunde musste später genäht werden, gibt wohl noch kleine Narben.

Konntakt nach Hause hatte ich nur über Briefe, die angeblich ich diktierte. Da stand dann aber drin, dass ich Winterstiefel brauche und ao Zeug. Ea gab immer so eine Stunde, wo man Briefe schreiben lassen konnte.

Sehr schlimm fand ich folgendes: Meine Tante, die nicht weit entfernt wohnte, wollte mich zum Geburtstag besuchen. Sie wurde aber nicht vorgelassen zu mir. Angeblich würde ich Heimweh bekommen. So erfuhr ich später von meiner Mutter. Sie brachte allen Kindern Süßigkeiten mit, sowie mir die benötigten Stiefel. Dass ich meine Tante nicht sehen durfte, obwohl ich erfuhr, dass sie da war, tat mir sehr, sehr weh. Ich wollte ihr auch erzählen, wie das hier alles so lief. Wahrscheinlich wollren diie dort auch nicht, dass meine Tante das verletzte Kinn sah.

Was ich auch nicht gut fand: Karnevall wurde man gezwungen, sich schminken zu lassen! Ich hasste aber Schminke im Gesicht!

Auch sehr, sehr negativ für mich: Unterm Dach durften wir uns Spielsachen hinter einem Bretterverschlag holen, zu bestimmten Spielzeiten. Die Jungen bekamen immer die interessanten Sachen. Ich musste zuschauen, wie andere Mädchen mit Puppenstuben spielten, was mich wirklich gar nicht interessierte.

Positiv fiel meiner Mutter bei meiner Heimkehr auf, dass ich sehr viele Lieder mit sehr vielen Strophen sang. Sie hatte den Eindruck, dass ich froh zurückkehrte. Ich war vor allem aber froh, zurückzukehren in ein Umfeld, das mir die natürliche Achtung, die ein Kind verdient, nicht systematisch verweigerte.
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Franziska Petersen schrieb am 25.11.2019
Hallo, ich heiße Franzi P., ich war Anfang der 60er Jahre (1964?) im Kinderheim in Hirschegg, Klein Walsertal. Die Erfahrungen von dort gehören zu den schlimmsten meines Lebens. Wenn es Leidensgenossen/innen gibt, die das lesen,
bitte melden zwecks Austausch!
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