ZEUGNIS ABLEGEN – ERLEBNISBERICHTE SCHREIBEN
Hier haben sehr viele Menschen, seit August 2019, ÖFFENTLICH ihre Erfahrung mit der Verschickung eingetragen. Bitte geht vorsichtig mit diesen Geschichten um, denn es sind die Schicksale von Menschen, die lange überlegt haben, bevor sie sich ihre Erinnerungen von der Seele geschrieben haben. Lange haben sie gedacht, sie sind mit ihren Erinnerungen allein. Der Sinn dieser Belegsammlung ist, dass andere ohne viel Aufwand sehen können, wie viel Geschichte hier bisher zurückgehalten wurde. Wenn du deinen Teil dazu beitragen möchtest, kannst du es hier unten, in unserem Gästebuch tun, wir danken dir dafür! Eure Geschichten sind Teil unserer Selbsthilfe, denn die Erinnerungen anderer helfen uns, unsere eigenen Erlebnisse zu verarbeiten. Sie helfen außerdem, dass man uns unser Leid glaubt. Eure Geschichten dienen also der Dokumentation, als Belegsammlung. Sie sind damit Anfang und Teil eines öffentlich zugänglichen digitalen Dokumentationszentrums. Darüber hinaus können, Einzelne, die sehr viele Materialien haben, ihre Bericht öffentlich, mit allen Dokumenten, Briefen und dem Heimortbild versehen, zusammen mit der Redaktion als Beitrag erarbeiten und auf der Bundes-Webseite einstellen. Meldet euch unter: info@verschickungsheime.de, wenn ihr viele Dokumente habt und solch eine Seite hier bei uns erstellen wollt. Hier ein Beispiel
Wir schaffen nicht mehr, auf jeden von euch von uns aus zuzugehen, d.h. Ihr müsst euch Ansprechpartner auf unserer Seite suchen. ( KONTAKTE) Wenn Ihr mit anderen Betroffenen kommunizieren wollt, habt ihr weitere Möglichkeiten:
- Auf der Überblickskarte nachschauen, ob eurer Heim schon Ansprechpartner hat, wenn nicht, meldet euch bei Buko-orga-st@verschickungsheime.de, und werdet vielleicht selbst Ansprechpartner eures eigenen Heimes, so findet ihr am schnellsten andere aus eurem Heim.
- Mit der Bundeskoordination Kontakt aufnehmen, um gezielt einem anderen Betroffenen bei ZEUGNIS ABLEGEN einen Brief per Mail zu schicken, der nicht öffentlich sichtbar sein soll, unter: Buko-orga-st@verschickungsheime.de
- Ins Forum gehen, dort auch euren Bericht reinstellen und dort mit anderen selbst Kontakt aufnehmen
Beachtet auch diese PETITION. Wenn sie euch gefällt, leitet sie weiter, danke!
Hier ist der Platz für eure Erinnerungsberichte. Sie werden von sehr vielen sehr intensiv gelesen und wahrgenommen. Eure Erinnerungen sind wertvolle Zeitzeugnisse, sie helfen allen anderen bei der Recherche und dienen unser aller Glaubwürdigkeit. Bei der Fülle von Berichten, die wir hier bekommen, schaffen wir es nicht, euch hier zu antworten. Nehmt gern von euch aus mit uns Kontakt auf! Gern könnt ihr auch unseren Newsletter bestellen.
Für alle, die uns hier etwas aus ihrer Verschickungsgeschichte aufschreiben, fühlen wir uns verantwortlich, gleichzeitig sehen wir eure Erinnerungen als ein Geschenk an uns an, das uns verpflichtet, dafür zu kämpfen, dass das Unrecht, was uns als Kindern passiert ist, restlos aufgeklärt wird, den Hintergründen nachgegangen wird und Politik und Trägerlandschaft auch ihre Verantwortung erkennen.
Die auf dieser Seite öffentlich eingestellten Erinnerungs-Berichte wurden ausdrücklich der Webseite der „Initiative Verschickungskinder“ (www.verschickungsheime.de) als ZEUGNISSE freigeben und nur für diese Seiten autorisiert. Wer daraus ohne Quellenangabe und unsere Genehmigung zitiert, verstößt gegen das Urheberrecht. Namen dürfen, auch nach der Genehmigung, nur initialisiert genannt werden. Genehmigung unter: aekv@verschickungsheime.de erfragen
Spenden für die „Initiative Verschickungskinder“ über den wissenschaftlichen Begleitverein: Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung / AEKV e.V.: IBAN: DE704306 09671042049800 Postanschrift: AEKV e.V. bei Röhl, Kiehlufer 43, 12059 Berlin: aekv@verschickungsheime.de
Journalisten wenden sich für Auskünfte oder Interviews mit Betroffenen hierhin oder an: presse@verschickungsheime.de, Kontakt zu Ansprechpartnern sehr gut über die Überblickskarte oder die jeweiligen Landeskoordinator:innen
Besonders an den ersten Aufenthalt zur "Luftveränderung" in Bad Reichenhall habe ich grauenhafte Erinnerungsfetzen an Schläge und Demütigungen durch behaubte "Tanten" (Nonnen, Diakonissinnen?). Insbesondere Misshandlung durch "Aufessenmüssen" waren an der Tagesordnung. Mindestens einmal habe ich einen gefühlt ganzen Tag in einem riesigen Speisesaal vor einem kalten Teller Haferbrei gesessen, sicher auch erbrochen (ob ich Erbrochenes essen musste, wie es andere schildern, kann ich nicht mehr sagen). Mir wird über 50 Jahre danach noch schlecht, wenn ich heißes Wasser oder Mich auf Haferflocken nur rieche. Die in anderen Berichten beschriebenen drakonischen Strafen wegen Bettnässens habe ich ebenfalls erlebt. Während des Aufenthalts war einmal ein Tagesausflug zum Königssee vorgesehen, an dem ich zur Strafe nicht teilnehmen durfte und gemeinsam mit einem mit Fieber erkrankten Jungen im Schlafsaal arrestiert wurde. Ich erinnere mich an das Gefühl totaler Verlassenheit, wir glaubten völlig alleine im Haus zurückgelassen worden zu sein. Nach Aussage meiner Mutter hatte ich bis dahin kein auffälliges Problem mit Bettnässen, danach bin ich deswegen bis zum Alter von über 10 Jahren in Behandlung unterschiedlichster Ärzte gewesen, die das nicht erklären oder heilen konnten.
Den zweiten Verschickungsaufenthalt in Freudenstadt erinnere ich weniger deutlich. Hier waren wir altersabgestuft in mit Tiernamen versehenen Schlafgruppen usw. untergebracht, die jeweiligen Tiere, "Eichhörnchen", "Füchse" usw. waren in den Fluren auf die Wände gemalt. Diffuse Gewalterinnerungen habe ich hier nur an Übergriffe und Schläge durch ältere Jungs.
Ich bin über die Berichterstattung in der Presse auf diese Seite gestoßen und habe einige Tage gebraucht, um dies jetzt so weit schreiben zu können.
Besonders schlimm an den Erfahrungen war, dass das wenige zu Hause Erzählte nicht ernst genommen oder als "Phantasieren" abgetan wurde und man mit dem Erlebten und den erlittenen Deformationen allein blieb. Daher bin ich dankbar für eure Initiative und die Möglichkeit des Austausches. Vielleicht weiß ja noch jemand mit ähnlichen Erinnerungen, wie die Heime geheißen haben können?
Grüße,
Uwe
leider wurde ich als 10 jähriger, mit starkem Übergewicht ca. 1978/79 6 Wochen zu einer Kur nach Langeoog geschickt. Zum Glück sind keine seelischen Schäden geblieben. Jedoch empfand ich das Heim als die Hölle. Die sogenannten Dicken wurden von den anderen Kindern (Lunge, Haut, etc...) separiert und ständig gehänselt. Wir mussten unser Essen in einem abgeteilten Raum einnehmen. Dabei kann ich mich noch erinnern, dass wir die Äpfel komplett incl. Kerne aufessen mussten. Wenn einmal Geburtstage waren, durften wir nicht daran teilnehmen, da es ja kleine Süßigkeiten gab. Die Betreuer hänselten uns ständig. Ich war schließlich froh nach 6 Wochen wieder zuhause zu sein. Die abgenommen 6 kg waren nach einigen Wochen doppelt wieder drauf. Das ganze Konzept war einfach nur schrecklich. Eigentlich haben wir nur nichts zu essen bekommen, quasi Nulldiät. Keine Anleitungen zur gesunden Ernährung oder ähnliches. Wie schon gesagt, zum Glück habe ich auf Grund meines Charakters keine Schäden davon getragen, allerdings weiß ich nicht wie es anderen danach ergangen ist. Ich glaube das Heim war von der AWO.
ich bin so froh das ich diese Organisation hier entdeckt habe und endlich ebenfalls betroffene hier schreiben. Ich war als Kind mehrmals zur Kur wegen „schweres Asthma Bronchiale“ und (eine Form von) Neurodermitis. Unter anderem in Norderney Seehospitz jeweils 3 x 12 Wochen ab 1967. Ich kann euch sagen das war die Hölle auf Erden. Das schlimmste was man einem jungen Menschen antuen kann. Ich weiß noch alles ganz genau wie wenn es gestern gewesen wäre. Schläge ins Gesicht –Backpfeife nannte man das. Ich habe es mehrfach erlebt das andere Kinder ihr erbrochenes Essen mussten. Jegliches abweichen von irgendwelchen Regeln wurde sofort sehr hart bestraft. Im Essenssaal vor allen anderen in die Ecke stellen. Mit dem Gesicht zur Wand. Nachts wenn man mal unruhig war und nicht schlafen konnte mußte man sich mehrere Stunden auf einen Stuhl im kalten Gang der hell beleuchtet war mit dem Gesicht zur Wand setzen. Das habe ich mehrfach erlebt am eigenen Leib. Wie gesagt ich erlebte das mit 5 , 6 und 8 Jahren. Es war die Hölle auf Erden. Die schlimmsten waren die Pinguine (Nonnen) allesamt grauenhafte von Hass erfüllte Menschen die ihr unbefriedigtes Leben an den Kurkindern ausgelassen haben. Wenn man das alles zu Hause berichtet hat wurde das nicht ernst genommen. Man hat einem einfach nicht geglaubt. Das eigene Elternhaus hat einem kein vertrauen geschenkt. Man wollte es auch nicht hören. Die verantwortlichen sind bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen worden, das ist traurig.
Grüße
Frank
Ich würde mich freuen hier jemanden zu finden, der auch in diesem Kinderkurheim untergebracht war.
Ich war damals 3 1/2 Jahre alt.
Es muss sich um die übliche Zeit von 6 Wochen Verschickung im Spätsommer / Herbst 1968 gehandelt haben.
Meinen fünften Geburtstag am 13. September 1968 verbrachte ich eingesperrt in einem Raum im Heim, in dem Möbel gelagert wurden.
Zuvor war mein von den Eltern geschicktes Geburtstagspäckchen vor den Augen aller Kinder im Speisesaal geöffnet und die Inhalte an alle verteilt worden. Ich erinnere mich vor allem an Kaugummi, die in einer Plastikverpackung auf Goldfolie eingeschweißt waren.
Ein kleines Auto, eignen grauen Simca 1300, durfte ich mit in das verschlossene Zimmer nehmen.
Der Grund für die Maßnahme waren wiederholte, insbesondere abendliche Durchfälle.
Unter diesen Durchfällen litten viele Kinder.
Diese Kinder wurden im Speisesaal von der Mahlzeit ausgeschlossen, mussten sich zur Wand drehen und bekamen mit einem Esslöffel zuckerfreien BENDSDORP Kakao eingetrichtert, auf dem sie dann in der gesamten Mittagszeit stehend herumkauen und diesen schlucken mussten.
Der Durchfall blieb.
Ich hatte wie viele Kinder Hautausschläge. Hierzu wurden wir in Begleitung der Nonnen / Tanten in eine fussläufig entfernte Badeanstalt, anders kann man es nicht bezeichnen, geführt. Es handelte sich um einen flachen Holzbau, in dem Wannen und Tröge aufgestellt und mit Salzwasser gefüllt waren.
In diese Wannen und Tröge wurden wir nackt gesetzt und von den Begleiterinnen unter Wasser gedrückt, damit auch die von den Hautausschlägen betroffene Gesichtshaut ausreichend Wasserkontakt bekam.
Ich stand oft am Kopf einer nach rechts geschwungenen Treppe und konnte beobachten, wie Kinder von ihren Eltern aus dem Heim abgeholt wurden. Meine Eltern kamen nicht.
Nach sechs Wochen wurde ich wieder auf dem Münsteraner Bahnhof abgeliefert. Meine Eltern hatten eine falsche Ankunftszeit realisiert, von daher musste eine der Tanten mit mir aus dem weiterfahrenden Zug aussteigen und mich auf dem Bahnsteig betreuen.
Ich erinnere mich sehr präzise an die Ankunft meiner Eltern auf dem Bahnsteig, an meine fassungslose und weinende Mutter und an das sofortige Aufsuchen einer Apotheke, um zumindest den schweren Hautausschlag im Gesicht unverzüglich zu lindern.
Am Abend würde ich zuhause ausgezogen und meine Mutter verlor endgültig die Fassung, als sie meinen Körper erblickte..
Ich pflichte vielen Betroffenen bei, da diese sechs Wochen schwer auf der Seele eines Fünfjährigen lasten und ein ganzes Leben nicht vergessen wurden.
Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, werde auch deshalb traurig, weil meine Verschickung auch im Nachhinein die Familienbiografie erheblich beeinträchtigt hat.
Vertrauen in das familiäre System und die Bindung zu Geschwistern wurden meiner Einschätzung nach genau in dieser Situation irreparabel irritiert.
das ist gut, daß es diese Seite gibt !
Auch ich wurde als Kind verschickt, mit 9 Jahren kam ich für 6 Wochen nach St Peter-Ording ins Haus Köhlbrand, da ich zu dünn war.
Schlafsaal mit knapp 30 Betten, null Privatsphäre,wer nachts auffiel, musste ins Zimmer der strengen Leiterin und zur Strafe eine halbe Stunde in der Ecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand natürlich.
Tagsüber waren die Strafen für "unangemessenes Verhalten" (O-ton der Leiterin !!!) Entzug der Nachspeise (wie kontraproduktiv, wo ich doch eh schon zu dünn war..), Ausschluß von Gruppenaktivitäten oder wieder strammstehen bei der grimmigen alten Leiterin.
Die Gruppenleiter waren immerhin jung und in meiner Erinnerung okay.
Obwohl das für mich keine schöne Erinnerung war, habe ich es wohl noch gut getroffen, wenn ich mir so die Kommentare anderer Leute hier durchlese....
Ich habe in Spiegel online von der Seite gelesen.
Ich bin Jahrgang 1961 und war wegen meiner Bronchitis 1967 oder 68 in einem katholischem Kinderheim in Berchtesgarden.Dort wurden wir geschlagen,eingesperrt und mussten unser Essen immer bis auf den letzen Krümel aufessen.Es gab fast täglich Milchreis oder Grießbrei.Ich habe bis heute Würgereiz wenn ich soetwas rieche.Ich bin heute Frührentner wegen einer chronischen Krankheit und in einer Psychosomatischen Reha kam viel raus über meine damalige Kur in Berchtesgarden.Die 6 Wochen dort waren der Horror.Ich weis leider nicht mehr wie die Klinik geheissen hat.Grüße aus dem Schwarzwald. Rolf
Ich, Jahrgang 1950 ) wurde 5 x verschickt., davon die ersten drei Male je 8 Wochen, die weiteren Aufenthalte dauerten nur je 3 Wochen.
Die Verschickungen wurden, von der Fürsorge gesteuert u. wohl auch veranlasst.
Soweit ich mich erinnere, fanden die ärztlichen Voruntersuchungen u. “ der Papierkram “ in Hamburg, im Besenbinder-Hof statt. ( oder Kurio-Haus ? ).
Bei mir war der Grund, dass ich zu dünn und wohl auch häufig erkältet war.
Beim ersten Aufenthalt war ich zwischen 3 u. 5 Jahre beim zweiten 5 oder 6 Jahre jung.
Das erste Heim befand sich in ( Hmb. ? ) Volksdorf, das zweite in Winsen ( Luhe ? )
Ich habe auch – mehrfach - miterlebt, dass Kinder sich über ihrem Essen erbrochen haben und es dennoch ALLES aufessen mussten. Bettnässer-Bestrafungen u. s. w. .
Im Heim Winsen, inmitten vieler schlafender Kinder, wachte ich eines nachts, bedingt durch Licht
und Stimmengewirr, auf.
Am Fußende meines Bettes standen ca. sechs Personen
( Frauen und Männer – glaube ich – ),
meine Bettdecke hatte man entfernt. Mir war kalt, und ich war sehr erschrocken.
Ich lag nur noch mit meinem kurzen Nachthemd ( ohne Slip ) in meinem Gipsbett, welches ich, wegen einer Verkrümmung der Wirbelsäule damals benötigte.
Aus den Worten der Erwachsenen verstand ich, dass die Heimleiterin ( Schwester Eva ) den Leuten, an meinem Bett, das Gipsbett zeigen und wohl erklären wollte.
( Es handelte sich um eine mit Stoff bezogene Gipsschale und Festschnall-Gurten )
Ich war zu dem Zeitpunkt 6 Jahre, aber die ganze Situation überforderte mich total.
Mir wurde gesagt, ich solle die Augen wieder zumachen und weiterschlafen.
Wer könnte das wohl, in so einem Moment ?
Was die ein-/ausgehende Post betrifft :
Ich war noch zu jung um selber schreiben und lesen zu können..
1962, mit knapp 12 Jahren, ( von Anfang April bis Ende Mai ) war ich in Wyk auf Föhr, im Hamburger Kinderheim, so hieß es damals. Direkt an der Strandpromenade, nicht sehr weit vom damaligen Ortskern.
Der Zutritt – zum Strand - blieb uns allerdings, in der gesamten Zeit, verwehrt.
Wir sahen diesen, bei unseren täglichen, bei Wind und Wetter stattfindenden, stundenlangen,
Spaziergängen, nur aus der Ferne, obwohl der doch zum Greifen nahe war.
Mittwochs ging es – bei “ schönem Wetter “ - ab ins Heidewäldchen. ( eingezäunt )
Dort gab es Sand, der immer feucht bis nass u. kalt war, Kiefern und jede Menge tote Kaninchen, “ frisch und auch schon skelettiert “.
Uns wurde vorher gesagt, dass wir damit nicht in Berührung kommen dürften, da die alle an einer Seuche gestorben waren.
Wir hatten, den ganzen Tag, tatsächlich so etwas wie Freizeit.
Jede machte was sie wollte. Miteinander reden, in die Luft starren und den Sand mit den Händen oder Schuhen etwas bewegen.
Was “ die Tanten “ in der Zeit unternahmen, weiß ich überhaupt nicht.
In diesem Heim ging es auch recht strenge zu, allerdings nicht so schlimm wie in den vorherigen.
Wir mussten uns, jeden Morgen – in einem großen Waschraum – mit Reihen-Becken
( für Körper- / und Zahnpflege ) in Richtung einer Eckdusche – alle nackend – hintereinander aufstellen, um einzeln, eine längere Zeit, mit einem Schlauch, von oben bis unten, mit sehr kaltem Wasser, abgespritzt zu werden.
Ich schaffte es – in acht Wochen – zwei oder drei Male dieser Quälerei zu entgehen.
Drei Mädchen mussten allerdings noch mehr ertragen. Sie wurden, jeden Morgen, mit frischem
Nordseewasser, aus Eimern, übergossen.
Dieses wurde immer kurz vorher von einigen Erzieherinnen / Tanten, direkt beim Strand geholt.
Es war April und Mai ! Jeder kann sich vorstellen, wie eisig dieses Wasser gewesen sein muss.
( Gerda F., aus Finkenwerder und die beiden anderen Mädchen, taten mir sehr leid.)
Die sonst üblichen “ Verordnungen “ waren, wie wohl in allen anderen Heimen auch :
Jedes Essen aufessen, tägliches Müsli – am Abend vorher schon zusammengematscht –
Walfisch-Fleisch, extrem süss-sauer, eingelegter Kürbis, viele Speisen mit Grieß und Sago,
Milchsuppen u. v. m.
Aus Mitleid halfen viele von uns größeren Mädchen ( 10 – 13 Jahre ) , den drei “ Diät-Kandidatinnen “ , beim Betreten des langen Speisesaales, im Vorbeigehen, einen vollen Löffel ihrer riesigen Quarkspeise zu verschlingen. Es durfte keiner merken.
Am Tisch - bei unseren Mahlzeiten - versuchten wir uns auch immer ähnlich, gegenseitig zu unterstützen. Gelang allerdings nicht sehr oft.
Süßigkeiten wurden am Ankunftstag eingesammelt und wer Glück hatte, so wie ich, bekam zum
Geburtstag etwas davon. Traurig für die eigentlichen Besitzer !
Päckchen ( außer mit Papiertaschentücher ) wurden beschlagnahmt, Post, ein- / und ausgehend, wurde kontrolliert.
Zwei Tages-Ausflüge fanden statt.
1 x Hallig-Hooge ( Schlechtwetter ) :
Lange Spaziergänge, mit Blick auf viele tot in Zäunen hängenden, aufgeblähten Schafen.
( Noch von der großen Sturmflut aus Februar )
1 x Amrum ( Wetter gemischt ) :
Da die größeren Mädchen, also auch ich, in der Nacht vorher “ laut “ gewesen waren, mussten wir, im Eilschritt, vom ersten Strand, bis hin zur Fähre, einen “ Straf-Marsch “ absolvieren..
Die letzten – paar Hundert Meter – mussten wir sogar noch laufen, sonst wäre das Schiff weg gewesen.
Die kleineren Kinder durften, glücklicherweise, die ganze Zeit am Strand oder in den Dünen
verbringen.
Wir " Grossen " schimpften noch bis zum ins Bett gehen, aber es wurde bestritten, dass es sich um eine Bestrafung handelte.
Mit Verschickungen hat NIEMAND - uns Kindern - etwas Gutes getan, obwohl ich ja vielleicht dabei noch “ ganz gut weggekommen “ bin ? ! ?
Viele Speisen kann ich heute noch nicht riechen geschweige denn essen und auch sonst
verfolgt und prägte mich, das Erlebte, bis zum heutigen Tag.
Eine Freundin sagte mir, nach mehreren gemeinsamen Übernachtungen, sie hätte noch niemals einen, während des Schlafens, so stark zuckenden Menschen, erlebt.
Vielleicht kann ich, mit meinem schriftlichen Beitrag, etwas zur Aufklärung beitragen.
Ich hoffe es sehr.
ich war 1972 oder 1973 mit zarten 4 Jahren für 6 Wochen im Kinderkurheim Frisia und habe noch heute nach fast 50 Jahren einige Traumata. Es ist erschreckend was bei Kindern in diesem Alter für bleibende Schäden durch falsche Pädagogik angerichtet werden.
Ich erinnere mich an wenige junge "Tanten" welche ein wenig Mitgefühl und Wärme in den Kurhorror brachten. Sollten Sie eine davon gewesen sein auf diesem Weg ein grosses Dankeschön. Es ist bestimmt nicht leicht sich als junger Mensch gegen die Übermacht und festgefahrenen Erziehungsmethoden zu stellen. Dafür ist viel Mut nötig. DANKE
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Tief einatmen, die Luft ist selten
In der Wirtschaftswunderzeit genossen viele Kinder in der Bundesrepublik ein großes Privileg. Sie durften oder mussten wochenlang in die Kur fahren. Egal ob sie arm waren oder reich, dick oder dünn, krank oder gesund, Junge oder Mädchen, Heulsuse oder Rabauke, Bettnässer oder Zappelphilipp, Quasselstrippe oder Stotterer, katholisch oder evangelisch, Volksschüler oder Gymnasiast.
Also musste auch ich in die Kur fahren, denn ich war ein Mädchen, dünn, gesund und ein katholischer Volksschüler, aber weder Heulsuse, noch Rabauke und erst recht keine Quasselstrippe.
Alle meine älteren Geschwister waren schon in der Kur gewesen und hatten davon die verschiedensten Geschichten und Erlebnisse mit nach Hause gebracht, die sie mir immer mal wieder erzählten.
Einem Geschwister waren die vielen Wochen in der Kur viel zu kurz gewesen und es hatte gar nicht mehr nach Hause kommen wollen. Andere erzählten von schrecklichem Heimweh und vielen Tränen in den ersten Tagen und strengen Krankenschwestern und Ärzten. Ich wusste also so ungefähr, was in einer Kur auf mich zukam und in die Kur zu fahren war wie das Tüten packen. Ein unumstößliches Gesetz. Also ergab ich mich in mein Schicksal. Ich war noch nicht ganz neun Jahre alt.
Trotz all´ der Schauergeschichten meiner Geschwister, freute ich mich sehr auf die Kur. Eine lange Zugfahrt erwartete mich, denn es sollte nach Bad Orb gehen, in den Spessart. Den Spessart meinte ich sehr gut zu kennen, denn ich hatte schon mehrmals den Spielfilm mit Liselotte Pulver gesehen. Und darum war ich mir sicher, dass ich nun schon bald diesem berühmten Wirtshaus im Spessart einen Besuch abstatten könnte. Wenn Mama mir ein bisschen Taschengeld mitgeben würde, könnte ich Liselotte Pulver vielleicht zu einer Coca Cola einladen.
Mama quälten zu dieser Zeit wieder große Geldsorgen, denn das Wirtschaftswunder war bei uns immer noch nicht eingezogen.
Unser Hausarzt hatte aber bestimmt, dass ich in die Kur zu fahren habe. Sechs Wochen lang. Und so lief ich nach dem Arztbesuch neben einer Mama nach Hause, in deren Gesicht noch tiefere Sorgenfalten standen, als sonst.
Sie murmelte eine Liste vor sich hin. Auf dieser Liste schienen all´ die Dinge zu stehen, welche ich mit in die Kur zu nehmen hatte. Unterhosen- und Hemden, Socken, Schuhe, Strumpfhosen, Bademantel, Badeanzug, Kleider, Röcke, Blusen und Pullover, Schlafanzüge, Jacke und Mantel, Handtücher und Waschlappen. Die Liste hörte gar nicht mehr auf. Mamas Sorgenfalten wurden so breit und tief, wie die Straßenbahnschienen in unseren Straßen.
Ich wusste ganz genau, wenn Mama mir diese Sachen alle neu kaufen musste, würde das die Ladenkasse in 1000 Stücke reißen.
Aber ich wusste auch ganz genau, dass meine Mama mich niemals mit der Kleidung in die Kur schicken würde, die ich normalerweise auf dem Leib trug.
Fadenscheinige Unterhosen, Strumpfhosen mit gestopften Löchern, Pantoffeln mit abgeschnittener Schuhspitze, Schlafanzüge, dessen Ober- und Unterteile nicht unbedingt zusammen passten, Kleider und Röcke mit ausgelassenem Saum, Pullover mit zu kurzen Ärmeln, zu kleine Söckchen und Kniestrümpfe und einen Bademantel hatte ich erst recht nicht.
Mit einem Koffer, bepackt mit diesen Klamotten, würde sie mich niemals nach Bad Orb in den Spessart schicken, denn dann würde ich mich bis auf die Knochen blamieren. Oder noch schlimmer; daherkommen wie ein Mädchen, das aus einer armen Familie stammt.
Das würde sie nicht zulassen. Da brauchte ich keine Angst zu haben. Denn da konnte ich mich auf die Rose des Stolzes und den mächtigen Efeu des Trotzes verlassen, die auch in meiner Mama gewachsen waren. Und natürlich auf ihr Mutterherz, stark wie das einer Löwin.
Die Löwin schrieb zu Hause, auf die größte Brötchen Tüte, die sie finden konnte, eine lange Liste. Anschließend rechnete die Löwin und rechnete und ich hatte bis dahin nicht gewusst, wie tief und breit Sorgenfalten werden können.
Dann schaute die Löwin mich mit ihren schwarzen Augen an, die sie nur dann hatte, wenn sich die Geldsorgen auf ihren Schultern meterhoch türmten.
Sie sagte, dass sie das alles nicht bezahlen kann. Punkt aus.
Tagelang wälzte die Löwin die Geldsorgen hin und her, denn ihr Mutterherz wollte eine Lösung finden. Sie telefonierte mehr als sonst im Buröchen und führte offensichtlich irgendetwas im Schilde.
Und eines Tage schnappte sie mich und eröffnete mir, dass wir jetzt zusammen ins Rathaus zu gehen hätten. Dort gäbe es ein Amt, in dem ein Beamter uns vielleicht das Geld für die Kur geben würde.
Im Rathaus klopfte Mama an eine Tür und eine Stimme forderte uns auf hereinzukommen. Mama nahm mich an die Hand. Ihre Hand umschlang ganz fest die meine und da sie mich sehr selten an die Hand nahm, ahnte ich sofort, dass etwas Besonderes im Busch war.
Ein älterer Mann, mit einem gleichgültigen Gesicht, saß hinter einem Schreibtisch und sagte uns kaum guten Tag. Er wies uns an, auf den beiden Stühlen vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen und fragte nach dem Grund unseres Erscheinens.
Mama erzählte ihm von meiner Kur und der vielen neuen Kleidung und der teuren Fahrkarte ins ferne Bad Orb im Spessart.
Während sie erzählte beobachtete ich sie die ganze Zeit und ich konnte den Blick nicht von ihr lassen.
Denn neben mir saß eine Mama, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte.
Desto mehr sie von der leeren Kasse im Laden und ihren Sorgen sprach, desto mehr sank sie in sich zusammen. Ihre Stimme klang nicht mehr, wie die Stimme einer Löwin, sondern wie die einer Heulsuse. Und irgendwann lief eine kleine Träne an ihrer Wange entlang.
Der Mann hinter dem Schreibtisch ließ sich alles ganz genau erklären und musterte Mama und mich wie ein strenger Lehrer.
Desto mehr Mama erklären musste, desto mehr Tränen liefen ihr über die Wangen und irgendwann saß neben mir eine völlig verzweifelte Mama.
Ein Meer von Tränen lief ihr durchs Gesicht und ihre Stimme zitterte.
Aber sie hörte nicht auf, dem Mann hinter dem Schreibtisch alle Fragen zu beantworten. Irgendwann erklärte sie nicht mehr, sondern bettelte. Nach dem Betteln fing sie an zu Flehen und nach dem Flehen konnte sie nur noch weinen und brachte keinen Ton mehr heraus.
Sie war nur noch ein Häufchen Elend und ich liebte sie dafür.
Ich liebte sie dafür, dass sie sich für mich erniedrigte und gleichzeitig kämpfte wie eine Löwin.
Es war schrecklich und schön zugleich.
Sprechen konnte in diesem Augenblick niemand mehr in diesem Büro in unserem Rathaus. Auch der Mann hinter dem Schreibtisch nicht. Er schaute uns eine geraume Zeit an und dann versprach er Mama, dass sie das Geld für meine Kur bekommen werde. Danach stellte er einen Scheck aus und überreichte ihn wie selbstverständlich meiner Mama.
Der meterhohe Berg aus Sorgen fiel Mama von den Schultern und mit dem Scheck in ihrer Hand verließ sie erhobenen Hauptes das Rathaus. Mit jedem Schritt, auf dem Weg zurück in den Laden, verwandelte Mama sich wieder in die Löwin, die ich kannte.
Zuhause erzählten wir niemandem, was sich im Rathaus abgespielt hatte. Die anderen erfuhren nur so viel, wie sie wissen mussten. Nämlich, dass das Amt die Kosten für meine Kur bezahlt hat. Welchen Preis Mama dafür zahlte, erzählte sie nicht und wir beide haben auch nie wieder miteinander darüber gesprochen.
Einige Tage später kam ich von der Schule nach Hause und auf dem Küchentisch lagen viele Stapel neuer Kleidung.
Schneeweiße Unterhosen- und Hemden strahlten mich an und nagelneue schicke Söckchen und Kniestrümpfe warteten darauf, in einen Koffer gepackt zu werden. Bunte Schlafanzüge, die noch niemand vor mir getragen hatte und ein nagelneuer Bademantel mit Kapuze kamen mir vor, wie ein Wunder. Ömchen hatte Nadel und Faden geholt und nähte in meine neuen Sachen kleine, weiße Stoffschildchen ein, auf die Mama mit einem Stift meinen Namen schrieb.
Das war der Beweis!
Diese neuen Sachen gehörten nur mir ganz allein.
Der blaue Badeanzug, die Pantoffeln, die Strumpfhosen ohne gestopfte Löcher und der Faltenrock mit passendem Pullover.
Das war alles so unbeschreiblich schön für mich, dass ich einen Wermutstropfen spielend leicht hinunterschlucken konnte. Meine schönen, neuen Sachen wurden in einen alten, braunen Koffer aus dicker Pappe gepackt. Da die Schlösser nicht mehr richtig schlossen, wurde der Kofferdeckel mit einer Schnur festgebunden und so sah mein Koffer wie ein Paket aus, das zur Post gebracht werden musste.
Am Abreisetag trug ich von oben bis unten neue Kleidung und war sicher das stolzeste Mädchen zu sein, dass jemals nach Bad Orb in den Spessart gefahren ist.
Auf dem Bahnsteig traf ich noch weitere Kinder, die mit mir in die Kur fuhren und in einem Abteil wartete eine ältere Dame auf uns, welche beauftragt war (von wem auch immer), uns gesund und munter in Bad Orb abzuliefern.
In Bad Orb wartete ein Bus auf uns und der fuhr immer nur bergauf, bis vor uns ein riesiges, weißes Gebäude auftauchte. Die Kinderkurklinik.
Ich hatte sofort riesiges Heimweh.
Mürrische Frauen in weißen Kitteln begrüßten uns, und ich trottete mit meinem braunen Pappkoffer unglücklich hinter ihnen her. Mit drei weiteren Mädchen zog in ein Zimmer ein und ein Bett wurde mir mit strengem Blick zugeteilt.
Mein Heimweh war von nun an so groß und schwer, wie die Geldsorgen meiner Mama.
Wie im Nebel erlebte ich die ersten Stunden in dieser Kinderkurklinik.
Das Abendessen, den pipiwarmen Hagebuttentee in großen Metallkannen, das Auspacken meiner schönen, neuen Sachen in meinen Kleiderschrank und die lieblose Strenge um mich herum.
Tüten packen war dagegen Pipikram.
Ein Gong verkündete, dass nun Schlafenszeit sei.
Alles musste ganz schnell gehen und wir hatten in Nullkommanichts im Bett zu liegen. Auf dem Rücken, die Arme auf der Bettdecke liegend.
Dann machte eine Pflegerin die Runde, welche für uns zuständig war. Sie war hartherzig, unnahbar und bitter. Von der ersten Sekunde an nannte ich sie innerlich nur „den Teufel“.
Der Teufel erklärte uns, dass wir nur mit dem Gesicht zur Wand einzuschlafen und zu schlafen hätten. Von jetzt an wolle sie keine Wort mehr von uns hören.
Wie alle Betten stand auch meins der Länge nach an der Wand. Um mit dem Gesicht zur Wand einzuschlafen, musste ich mich auf meine linke Seite drehen. Aber das war nicht meine Lieblingseinschlafseite. Meine Lieblingseinschlafseite war meine rechte Seite.
Aus Angst vor dem Teufel drehte ich mich zur Wand und versuchte einzuschlafen. Ich war dafür zwar schon viel zu groß, aber ich rief innerlich das Sandmännchen zur Hilfe. Aber das konnte noch so viel Sand in meine Augen streuen, mein Heimweh war viel zu groß.
Also drehte ich mich auf meine Lieblingseinschlafseite und erkannte in der Dunkelheit die anderen drei Mädchen, welche sich genau wie ich, auf die verbotene Seite gedreht hatten.
Wir hatten alle Angst vor dem Teufel.
Und wir hatten alle Heimweh.
Und wir weinten alle stumm vor uns hin.
Und so schliefen wir irgendwann ein.
Der Teufel ließ mich nicht lange schlafen. Er rüttelte und schüttelte mich, bis ich wach war und befahl mir, mich gefälligst zur Wand zu drehen. Immer wieder tauchte der Teufel in dieser Nacht auf, weckte mich und ich drehte mich von meiner Lieblingseinschlafseite auf die linke Seite. Einige Nächte lang ging das so.
Eines muss ich dem Teufel aber lassen, wir haben alle gelernt mit dem Gesicht zur Wand zu schlafen.
Mein Heimweh marterte mich Tag und Nacht. Und es gab nichts, was mich hätte trösten können. Nicht einmal meine schönen, neuen Sachen.
Mein Heimweh war so groß, dass ich wegen jeder Kleinigkeit anfing zu weinen und von morgens bis abends mit einem traurigen Gesicht durch die Kinderkurklinik lief.
Jeden Abend weinte ich mich in den Schlaf, der einfach nicht kommen wollte und die Nachtschwestern immer wütender auf mich machte.
Ich sehnte mich nach zu Hause, nach dem Tüten packen, den Pantoffeln mit den abgeschnitten Zehenspitzen und sogar nach Papas Dämmerschoppen.
Jeden Tag mussten wir lange Spaziergänge durch den Spessart machen, was ich überhaupt nicht leiden konnte. Bergauf, bergab. Besonders oft bergauf. Und dabei die Lieder aus der „Mundorgel“ singen. Laut und gesund.
Während die anderen Kinder fröhlich und munter „Wir lagen vor Madagaskar“ sangen, weinte ich und auch „Das Wandern ist des Müllers Lust“ konnte mein Heimweh nicht vertreiben. Nicht einmal für eine kleine Sekunde lang. So ging das tagelang.
Am ersten Wochenende durften wir eine Postkarte oder einen Brief nach Hause schreiben. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.
Ich nahm einen Bogen Briefpapier und machte aus meinem Herzen keine Mördergrube. Zum ersten Mal in meinem Leben schrieb ich meiner Mama einen langen Brief.
Ich erzählte ihr darin von dem Kindergefängnis, in dem ich gefangen sei und das ein Teufel auf uns aufpasst. Und das sie mich sofort abholen soll, da ich sonst weglaufen würde. Ich bettelte und flehte Mama an.
Ich steckte den Brief in einen Umschlag und nach einiger Zeit sammelte der Teufel unsere Postkarten und Briefe ein.
Ein paar Stunden später war der Teufel los.
Mit wütendem Blick fuchtelte er mit meinem Brief vor meiner Nase herum und schimpfte auf mich ein. Was ich mir einbilde, wie ich so etwas nach Hause schreiben könne!
Jetzt begriff ich, dass unsere Post geöffnet und gelesen wurde.
Mein Heimweh trat einen Moment zur Seite und meine Wut brach sich Bahn.
Ich schrie den Teufel an, dass das doch alles stimme. Ich sei in einem Gefängnis und sie der Teufel. Und ich wolle sofort nach Hause. Rotz und Schnott heulte ich dabei und dann stampfte ich mit dem Fuß auf und sagte schluchzend:
„Ich will zu meiner Mama.“
Wie aus dem Nichts stand plötzlich eine Ärztin neben mir. Die, die immer so nett zu uns Kindern war. Sie wollte wissen, was hier los sei.
Trotzig überreichte der Teufel der Ärztin den Brief. Und die las ihn ganz ruhig durch.
Sie schaute mich lange an und nahm mich und meinen Brief mit in ihr Arztzimmer.
Dort durfte ich alles erzählen, einfach so, ganz ehrlich, was mit mir los war.
Von meinem großen Heimweh konnte ich erzählen, von dem schrecklichen, pipiwarmen Hagebuttentee und das ich nicht einschlafen kann, mit dem Gesicht zur Wand.
Die Ärztin hörte sich alles an und zu meinem Erstaunen versprach sie mir, dass nun alles besser werden würde und der Brief an meine Mama genau so abgeschickt wird, wie ich ihn geschrieben habe.
Es wurde nicht alles besser, aber ein wenig.
Der Teufel war ein bisschen freundlicher zu uns Kindern, aber mit dem Gesicht zur Wand mussten wir immer noch schlafen. Und mein Heimweh blieb so schlimm, wie vom ersten Tag an.
Einige Tage später kam ein großes Päckchen für mich an.
Es war von meiner Mama!
Wieder trat mein Heimweh ein kleines Stück zur Seite und Aufregung und Freude erfasste mich. Wie eine Wilde riss ich das Päckchen auf und auf einem Haufen meiner Lieblingssüßigkeiten lag ein Brief von meiner Mama.
Sie schrieb, dass sie meinen Brief erhalten habe und dass sie sich beim Oberarzt beschwert hätte und nun sicher alles besser werden würde. Ich solle mich mit den Süßigkeiten trösten und auf keinen Fall weglaufen. Auch mein Heimweh würde vorrübergehen. Ich solle tapfer sein.
Die Süßigkeiten waren lecker, aber sie haben mich nicht getröstet.
Was mich bis in die letzte Zelle meines kleinen, vom Heimweh geplagten Herzens getröstet hat, war Mamas Brief. Nicht die Worte. Einfach nur der Brief. Das weiße Papier mit den Worten nur für mich. Mit der Handschrift meiner Mama, die ich bis heute sicher unter Tausend Briefen wieder erkennen würde.
Mit vielen Tränen und Heimweh überstand ich die nächsten Tage in dem immer gleichen Trott. Frühstück mit Graubrot, Butter und Marmelade; dazu den verhassten, pipiwaremn Hagebuttentee. Spaziergang in den Spessart. Mittagessen. Mittagsruhe. Graubrot mit Butter und Zucker und Hagebuttentee. Spaziergang in den Spessart. Abendessen. Schlafen. Mit dem Gesicht zur Wand. Am Sonntag gab es einen Nachtisch und ein Stück Kuchen.
Die Spaziergänge hasste ich. Sie waren immer gleich. Nichts interessantes passierte. Nur Bäume und Wiesen, Bäume und Wiesen. Ich weinte vor Heimweh und die anderen Kinder trällerten aus der Mundorgel immer die gleichen Lieder.
Nichts konnte mich aufmuntern. Kein Harung jung und schlank zwo, drei, vier und auch nicht ein Mann, der sich Kolumbus nannt, und schon gar nicht die drei Chinesen mit dem Kontrabass.
Aber der Teufel liebte diese Spaziergänge. Und besonders den Spaziergang, bei dem wir an einem Bauernhof mit einem großen Misthaufen vorbeikamen.
Schon hundert Meter vorher wussten und rochen wir, was nun kommen wurde. Es war, wie mit dem Amen in der Kirche. Unvermeidbar.
Wir erreichten den braunen, stinkenden, dampfenden Misthaufen und mussten uns sofort drum herum im Kreis aufstellen. Dann forderte der Teufel uns auf, unsere Arme ´gen Himmel zu strecken und dabei tief ein und aus zu atmen.
Dazu rief der Teufel mit Inbrunst: „Tief einatmen, die Luft ist selten“.
Dieses teuflische Ritual mussten wir mehrmals in der Woche klaglos über uns ergehen lassen.
Aber gegen mein Heimweh half auch das nicht.
Nach zwei quälenden Wochen wurden wir Kinder dazu ermuntert, uns eine Geschichte auszudenken und diese aufzuschreiben. Wir durften schreiben, was wir wollten und den Inhalt selber wählen.
Ich brauchte nicht lange zu überlegen und schrieb eine Geschichte über meine Babypuppe Sonja und meinen Teddybären Max.
Ich hatte vor einiger Zeit im Fernsehen das Ballett vom Nussknacker gesehen und war seitdem von der Idee fasziniert, dass Spielzeug um Mitternacht erwacht.
Unsere Geschichten wurden eingesammelt und nach einigen Tagen wurde ich vom Teufel in ein Arztzimmer geführt. Ich erwartete die nette Ärztin, aber an diesem Tag saßen viele Männer in weißen Kitteln, Hosen, Socken und Schuhen dort.
Mama hätte dazu „Götter in Weiß“ gesagt.
Mir war das alles ziemlich unheimlich, aber da die Götter in Weiß mich freundlich anlachten, war es nicht ganz so schlimm. Ich entdeckte, dass ein Gott in Weiß meine Geschichte vor sich liegen hatte.
Er wollte von mir wissen, ob ich diese Geschichte ganz allein geschrieben habe.
Ich bejahte das.
Die Götter in Weiß warfen sich Blicke zu, die ich nicht deuten konnte, mir aber das Gefühl gaben, dass etwas Besonderes vor sich ging.
Die Götter in Weiß tuschelten ein wenig miteinander und ich konnte kein einziges Wort verstehen. Einige musterten mich, ließen sich die Blätter mit meiner Geschichte geben und lasen kurz darin.
Dann wurde ich gefragt, ob ich immer noch so viel Heimweh habe.
Ich nickte.
Wieder tuschelten die Götter in Weiß miteinander und dann sagte ein Gott:
„ Du darfst nach Hause fahren.“
Wie angenagelt blieb ich auf meinem Stuhl sitzen.
Ich durfte nach Hause fahren?
Warum denn auf einmal?
Ehe ich was sagen oder fragen konnte, ob das alles was mit meiner Babypuppe Sonja und meinem Teddybär Max zu tun habe, wurde ich gebeten, das Arztzimmer zu verlassen.
Die Götter in Weiß wollten mir nichts erklären.
Ich stand auf, sagte brav auf Wiedersehen, öffnete die Tür, trat in den Flur, schloss die Tür und das Heimweh war wie weggeblasen. Es war einfach weg. Futsch.
Und zum ersten Mal lief ich fröhlich die Flure entlang und fühlte mich wohl in Bad Orb im Spessart.
Der Teufel empfing mich und wusste schon Bescheid. „Du darfst also nach Hause fahren. Dann gehen wir mal packen.“
Der Teufel machte vielleicht große Augen, als ich ihm sagte, dass ich aber gar nicht mehr nach Hause fahren wolle, da mein Heimweh auf einmal weg sei und ich sehr gerne in Bad Orb bleiben würde.
Ich durfte bleiben und nun wurden es herrliche Wochen.
Zwar hasste ich die Spaziergänge und den Hagebuttentee immer noch, aber ich war plötzlich gerne im Spessart, mit seinen Bäumen, den Wiesen und dem braunen, stinkenden, dampfenden Misthaufen.
Ich habe die Geschichte von Sonja und Max noch einmal für dieses Buch aufgeschrieben. Natürlich sind es die Worte eines Erwachsenen, aber sie erzählen genau das Gleiche.
Bis heute ist es mir ein großes Rätsel, was die Götter in Weiß dazu bewogen hat, mich nach Hause zu schicken.
Meine Mutter war über meine Veränderung nach diesem Aufenthalt so schockiert das wir einen Psychologen augesucht haben.
Weil ich 1957 ein dünnes Mädchen (geb. 1950) war und sehr oft im ersten Schuljahr krank war, wurde auch ich für 6 Wochen „verschickt“ nach Wyk auf Föhr ins Haus Sonnenschein - zu einer kalten Jahreszeit Herbst oder Frühjahr.
Zum Essen:
Ich kann mich erinnern, dass es morgens immer Haferschleimsuppe gab, nur Sonntags gab es Schokoladensuppe, die schmeckte gut. In meiner Erinnerung gab es sehr oft Linsensuppe, die offenbar den meisten Kindern nicht schmeckte, weshalb wir in einen „Streik“ traten. Wir verabredeten uns, so lange beim Essen zu würgen, bis wir uns übergeben mussten. Das haben wir offenbar öfter gemacht. An Strafen kann ich mich nicht erinnern - wahrscheinlich bekamen wir hinterher nichts mehr zu essen.
Zum Spielen:
Ich kann mich an keine Spielsituation drinnen oder draußen erinnern. Offenbar mussten wir aber bei Wind und Wetter an den Strand, was ich immer als unangenehm empfunden habe (danach hasste ich lange das Meer).
Zur Post
Unsere Post, die wir nach Hause geschrieben haben, wurde immer kontrolliert, ältere Kinder schrieben für die jüngeren, da stand immer drin, dass es mir gefällt, dass ich gutes Essen bekomme und dass es mir gut ging. Meine Mutter zu Hause wurde damit beruhigt. An Post von zu Hause kann ich mich nicht erinnern.
Schlafenszeiten:
Wir schliefen in großen Sälen. Dort hatte in meiner Erinnerung immer eine Erzieherin mit roten Locken die Aufsicht, die mich oft ausschimpfte, wenn ich mich im Bett am Körper kratzte. Ich floh dann immer unter das Bett, wo sie mich jedesmal wieder hervorzog - ich sah in ihr in meiner kindlichen Phantasie eine Hexe.
Krankheit
Nach drei Wochen erkrankte ich an Angina, hatte hohes Fieber. Meine Mutter wurde darüber nicht informiert (sonst hätte sie mich sofort abgeholt), sie erhielt weiterhin die o.g. Post. Wie ich versorgt wurde, weiß ich nicht mehr. Als es mir wieder etwas besser ging, hat sich die Heimleitung um mich gekümmert, mit mir nur kurze Spaziergänge am Strand gemacht. Diese Situation habe ich eher als angenehm im Gedächtnis.
Beschwerden
Ich wurde erst nach dem regulären Ende der Verschickungszeit von 6 Wochen nach Hause geschickt, meine Mutter bekam ein noch dünneres blasses Kind zurück, als sie es losgeschickt hatte. Sie beschwerte sich bei der Organisation (Rotes Kreuz??), das hatte aber keine weiteren Auswirkungen auf das Heim.
hab' versehentlich 'n falsch geleiteten Beitrag an die service@ adress a.r. abgeschickt, gestern.
ich heiß als Kind Uwe, und hatte ne böse Stiefmutter ab 9, und meine liebe Mami starb langsam an'm Gebärmutter-CA, und wohl davon mochte ich nix essen fast, so kam ich ins ESSheim zum ESSen nach Bad Sachsa, da raus nach Steina, wo von der Straße her 'ne schmale steinerne Treppe raufführt, steil, zu den 2 erinnerbaren Häusern, und FreSSsaal, gleich links, ich war in'n 90ern mal nacherinnern hingefahren, aber hatt' zu viel Angst genau zu gucken.
Auch zu fuß war ich zu wenig beweglich geworden, wegen unterer Wirbelsäule am Ende.
Meine tötenswerte Stiefmutter schrieb den Aufseherinnen dort über mich was sie mit mir machen sollen, worauf die Führerin da zu mir sagte, deine Mutter hat geschrieben, jetzt weiß ich was du für einer bist!
Ich Angst in der deutschen Kinderseele.
Ich falsch.
Ich dumm.
Meine Stiefmutter war bis ins 90er eine hassenswerte Person, ich brachte ihr zum Abschied einen Brief an ihren Hausbriefkasten, in SIE Form, worin ich u.a. meinte, ich würde sie erschlagen, wenn das erlaubt wäre, das war ein Heiligabend.
Damit will ich ausdrücken, man müßte zu viele Böse erschlagen, und kann nicht Gerechtigkeit erlangen, aber inneren Frieden in Maßen suchen in der zusammenhänglichen Kommunikation.
Gruß Euch Mutigen.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir in der Vorweihnachtszeit vor das Haus der Besitzer, einem älteren Ehepaar Schulz-Lauterbach, das wir sonst nie zu Gesicht bekommen haben, ziehen und etwas singen mussten.
Später habe ich oft gedacht, was es wohl für ein Gefühl sein muss, mit dem Unglück der Kinder sein Geld zu verdienen.
Heute habe ich gesehen, dass das Heim zu einer Kinderkurklinik ausgebaut worden ist, die immer noch einem Herrn Schulz-Lauterbach, also vielleicht einem Sohn oder Enkel, gehört. Aber heute gibt es diese Verschickungen ja nicht mehr, und ich will für die Kinder von heute hoffen, dass der Stand der Medizin und die behördliche Aufsicht auf einem besseren Stand ist als in den 60er Jahren.
Ich gebe Ihnen übrigens Recht, dass sich auch Kinder gegenseitig traumatisieren , neudeutsch mobben können. Besonders in einem Klima der Kälte, der Angst , in der das noch gefördert wird. Mich haben Kinder - aufgehetzt von einer Erzieherin - einen Abhang rruntergeworfen.
- der Horror mit den Nonnen
Ende der 60-er Jahre war ich in Reinhardshausen - bei Bad Wildungen. Dort wurden wir geschlagen und gedemütigt. Kinder die ins Bett gemacht hatten, mußten ihre Matratzen und Bettbezüge mit den Händen auswaschen und feucht wieder aufziehen. Getrocknet wurde alles mit der eigenen Körperwärme. Ich mochte vor allem die undefinierbare Nachtischpampe nicht und wurde so lange von den Nonnen mit dem Gesicht hineingedrückt bis ich keine Luft mehr bekam. Jede Woche mußte ich - wie einige andere auch - auf eine Liege in eine Doggystellung. Dann bekamen wir eine Spritze in den Rücken. Danach mußte ich Stunden liegen, ohne mich zu bewegen. Man sagte mir, wenn ich mich bewege, kann ich danach nicht mehr laufen. Schläge usw. waren an der Tagesordnung. Vieles habe ich verdrängt. Und das ist gut so. Oftmals warn ich mit dem Motorrad in der Gegend um Reinhardshausen. Nach Jahren habe ich mich dann getraut zu dem Heim zu fahren. Der alte Kasten sah so aus, als ob er bald zusammenbricht. Das war für mich eine späte Genugtuung. Traumatisiert bin ich noch heute. Weder damals noch heute will jemand etwas von dieser Geschichte wissen. Es tut gut, das mal hier zu schreiben und zu erkennen, das ich nicht alleine damit bin. Und wenn es noch ein wenig Gerechtigkeit für das alles gibt - mögen die Nonnen von damals ewig in der Hölle schmoren.
Ende der 60-er Jahre war ich in Reinhardshausen - bei Bad Wildungen. Dort wurden wir geschlagen und gedemütigt. Kinder die ins Bett gemacht hatten, mußten ihre Matratzen und Bettbezüge mit den Händen auswaschen und feucht wieder aufziehen. Getrocknet wurde alles mit der eigenen Körperwärme. Ich mochte vor allem die undefinierbare Nachtischpampe nicht und wurde so lange von den Nonnen mit dem Gesicht hineingedrückt bis ich keine Luft mehr bekam. Jede Woche mußte ich - wie einige andere auch - auf eine Liege in eine Doggystellung. Dann bekamen wir eine Spritze in den Rücken. Danach mußte ich Stunden liegen, ohne mich zu bewegen. Man sagte mir, wenn ich mich bewege, kann ich danach nicht mehr laufen. Schläge usw. waren an der Tagesordnung. Vieles habe ich verdrängt. Und das ist gut so. Oftmals warn ich mit dem Motorrad in der Gegend um Reinhardshausen. Nach Jahren habe ich mich dann getraut zu dem Heim zu fahren. Der alte Kasten sah so aus, als ob er bald zusammenbricht. Das war für mich eine späte Genugtuung. Traumatisiert bin ich noch heute. Weder damals noch heute will jemand etwas von dieser Geschichte wissen. Es tut gut, das mal hier zu schreiben und zu erkennen, das ich nicht alleine damit bin. Und wenn es noch ein wenig Gerechtigkeit für das alles gibt - mögen die Nonnen von damals ewig in der Hölle schmoren.
Wie kommen Sie dazu mein Leid, mein Trauma (und Das der anderen Leidtragenden die hier ein Forum gefunden haben), das was ich erlebt habe und mein ganzes Leben beeinflusst hat abzuwerten? Und das auch noch als nicht Aufarbeitungswürdig zu bewerten! Sie sind nicht der Maßstab dafür. Das ist niemand! Leid ist immer individuell. Ihr Beitrag zeigt Ihre Empathielosigkeit und Ignoranz. Leben Sie gerne weiter so, aber nehmen Sie Abstand davon uns hier abzuwerten. Kirsten Beste
haben sie schon mal was vom Milgram- Experiment gelesen ( wieweit Menschen gehen, wenn Autoritäten gesundheitsgefährdende Anweisungen geben)?Beschreibung finden sie im Internet.
Niemand verallgemeinert hier, jeder beschreibt seine ganz persönliche Erfahrung. Niemand leugnet, dass es in der Zeit auch rühmliche Ausnahmen und gut geführte Heime gegeben haben mag; auch davon berichten hier Zeitzeugen, nur scheinen sie damals sehr selten gewesen zu sein.
Hier tauschen sich eben vorwiegend die aus, die nicht in "Bullerbü" waren und das sind scheinbar nicht wenige. Niemand leugnet hier Misshandlungen auf der Flucht, in der Schule, in den eigenen vier Wänden oder wiegt sie gegeneinander auf - auch das gehört aufgeklärt und aufgearbeitet. Es ändert aber nichts an meinen eigenen Erfahrungen und macht sie nicht besser.
Leute mit eher schlichtem Gemüt spielen das Erlebte halt gern herunter, sind abgestumpft oder machen jeden Abend "ein Fass auf" (und das nicht im übertragenen Sinn...). Aber auch dafür gibt es Therapieangebote Jürgen... :o)
Besonders in Erinnerung sind mir die "Inhalationsmaßnahmen" gelblieben. Gruppenweise kamen wir in gekachelte Räume (sie schienen die Bombenangriffe überstanden zu haben), so groß wie kleine Umkleidekabinen. Dort saßen wir dann auf Holzbänken in kurzen Lederhosen. Durch eine Rohröffnung wurde dann ein Solenebel eingeblasen, daß man die gegenüberliegende Wand nicht mehr sehen konnte. Beim ersten Mal, war eine der "Tanten" dabei, danach wurden wir dort alleine eingesperrt. Etliche Kinder fingen regelmäßig an zu weinen und wollten raus. Verfroren und an allen Gliedern schlotternd kamen wir danach aus diesem Raum dann immer raus. Heute würde man sowas wohl als "seelische Grausamkeit" bezeichnen - damals war das wohl noch normal.
Die Briefe, die wir nach Hause schreiben mußten (dafür gab es jede Woche einen festen Tag), wurden allesamt zensiert. Ich durfte meine immer mehrfach schreiben, bis sie "ordenskonform" waren. Meine Mutte hatte mir ein kleines Portemonait mitgegeben, mit etwas Taschengeld. Dieses bekamen wir nur zu "Ausgängen" ausgehändigt. Besagtes Portemonait hatte ein kleines, kaum sichtbares Seitenfach. Und dort hatte mir meine Mutter einige Briefmarken reingetan. Während sich die anderen Kinder bei einem dieser Ausflüge Eis oder Süßigkeiten kaufte, erstand ich eine Postkarte. Irgendwo hatte ich dann heimlich nach Hause geschrieben, was wirklich los war - und, daß ich sofort nach hause wollte.
Fazit: ich kam von dieser "Erholungstortour" krank und abgemagert wieder zurück. Bis zum heutigen Tag habe ich eine tiefe Abneigung gegen alle Ordenschwestern....
Ich selbst war im Januar 1966 mit 5 Jahren in Bad Reichenhall.
Herzliche Grüße
Hallo,
am 19.11. sah ich in der Sendung, "Hallo Niedersachsen", den Bericht über die schlechte Behandlung der Kurkinder.
Ich war 1963 9 Jahre alt und von Ende August bis Ende September im Oldenburger Kinderheim, in Bad Rothenfelde, im Teutoburger Wald. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind schlecht.
Vor der Kur wurde der Koffer von meiner Mutter liebevoll gepackt. Hübsche Kleider und persönliche Sachen kamen hinein. Auch Proviant für die Fahrt war dabei. Sehr stolz war ich auf die 8X4 Seife zum Waschen.
Bei der Ankunft wurden wir Kinder auf die Terrasse des Hauses gebracht, und wir mußten unsere übrig gebliebenen Lebensmittel in Körbe legen. Auch die Seife mußte ich abgeben. Beim Kofferauspacken, was die "Tanten" machten, wurde mir gleich gesagt, daß ich die Kleider nicht anziehen dürfte, weil die anderen Mädchen sonst neidisch würden. Ich hatte in den 4 Wochen 2 Kleider an, die Tante Gudrun für geeignet hielt.
An die Abläufe beim Frühstück und Abendbrot kann ich mich nicht erinnern.
Aber die Mittagessen sind noch sehr präsent. Wir mußten drei Teller, die uns vom Personal gebracht wurden , leeressen. Wenn wir das geschafft hatten, durften wir uns den vierten Teller selber holen.
Bei der Linsensuppe, die es 4x in den Wochen gab, habe ich es tatsächlich geschafft, vor dem Essen zu erbrechen.
Meine Seife habe ich auf der Gemeinschaftstoilette wiedergefunden.
Das Briefeschreiben wurde kontrolliert und die, die ankamen, wurden geöffnet und vorab gelesen. Mir ist meine Post erst später ausgehändigt worden. Die Briefe, die von uns nach Hause geschickt wurden, duften nur Positives beinhalten.
Um 7 Uhr morgens sind wir geweckt worden. Aber die Augen mußten noch geschlossen sein.
Am 13.09. hatte ich Geburtstag und war etwas aufgeregt und öffnete die Augen früher. Ich bin angewiesen worden, die Augen wieder zu schließen, um 15 Minuten "nachzuschlafen".
Ich habe die ganze Zeit geweint und geschluchzt. Es war eine Strafe und das an meinem Tag.
Ein Mädchen näßte jede Nacht ein. Sie durfte nicht mit uns aufstehen. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte, war ich schweißgebadet, weil ich Angst hatte, daß mir das auch passiert wäre.
Gott sei Dank blieb alles trocken.
Den Herbergsvater habe ich als schreienden und colerischen Mann in Erinnerung. Einmal brüllte er mich an, weil ich einen Blick auf die Seite der Jungen warf.
Mit freundlichen Gruß
Heidi
P.S. Ich war danach noch einige Male zur Kinderverschickung. Dort habe ich positive Erlebnisse
gehabt.
Gruß Doris
Die vermeintliche Harmonie durch die idyllische Lage der Häuser (Muggendorf liegt wunderschön am Wald) täuscht gewaltig. Das Essen war immer eine Katasthrophe. Ich wollte am liebsten unsichtbar sein, nicht auffallen. Aber nun hatte mich beim Mittagessen - es gab Zwetschendatschi! - eine Wespe oder Biene gestochen. Leise weinte ich vor mich hin, denn es tat weh. Da kam die Aufseherin, zog mich am Arm nach oben (ob ich eine Ohrfeige bekam, weiß ich nicht mehr) und schrie mich an, warum ich weine. Ich wolle bloß die Zwetschendatschi nicht essen, meinte sie. Ein Mädchen an meinem Tisch sagte, dass ich von einer Wespe/Biene gestochen wurde. Da zog sie mich in die Toilette, ich musste meinen Unterarm frei machen, denn der Stich war unter der Achselhöhle. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es stimmte mit dem Stich, wurde sie etwas kleinlauter und brachte mich an den Tisch zurück. Ich musste weiter essen, keine Entschuldigung oder so.
Ein anderes Mädchen konnte keinen Fisch essen. Nachdem alle fertig waren mit Essen, musste sie vor uns allen den Teller leeressen - und kotzte über den ganzen Tisch! Eine kleine gehässige Genugtuung blieb uns da, denn sie wurde dann tatsächlich vom Tisch entlassen (musste, entgegen anderen Berichten von Verschickungsopfern, ihre Kotze wenigsten nicht ..... und auch nicht selber sauber machen).
Mittags mussten wir schlafen! Ich konnte aber oft nicht richtig schlafen, sondern phantasierte mit offenen Augen vor mich hin. Einmal wurde ich dabei erwischt (ich war aber nur eine von vielen!) und musste vor die Tür stehen, bis die anderen Mädchen mit Schlafen fertig waren und zum Spielen geschickt wurden. Ich musste dann nochmal eine Stunde hinliegen. Das war für mich eine der härtesten Strafen, denn ich konnte und kann auch heute tagsüber nicht schlafen.
Meine Lieblingstante schickte mir einmal ein Päckle mit vielen besonderen Süßigkeiten. Da wir eine große Familie waren (9 Kinder, Vater und Mutter), war ich es gewöhnt zu teilen. Ich hätte garantiert mit meiner Schwester und mit den anderen in meinem Schlafraum geteilt. Aber ich bekam außer dem Brief meiner Tante den gleichen Anteil wie alle anderen, und das war natürlich nicht viel. Es wäre eine für mich außergewöhnliche Situation gewesen, wenn ich mal für mich alleine etwas gehabt hätte. Aber das wurde mir von dem Betreuungspersonal nicht vergönnt.
Es gibt sicher noch einiges, das ich vergessen habe - aus dem Gedächtnis radiert habe. Wenn ich das Gruppenfoto anschaue mit den beiden BRK-Schwestern, sehe ich eine harmonisch lächelnde Freizeitgruppe, die freundlich von den Betreuerinnen umarmt werden. Wie der Schein trügt!
Danke an ALLE, die sich hier reinhängen! Das ist so wichtig!
ich war ca. 1974 gemeinsam mit meinem Bruder für 6 Wochen auf Borkum. Ich glaube, es war das Haus Concordia.
Vieles was ich hier lese ist uns und den anderen Kindern auch geschehen. Mein schlimmstes Erlebnis: Ein mit einer Zwangsjacke ans Bett gefesseltes Kind. In einem seperaten Raum. Warum, wie lange usw., daran kann ich mich nicht erinnern. ???
Ebenso zu behaupten, dass die Kinder aus Elternhäusern kamen, wo seelische und körperliche Misshandlungen an der Tagesordnung waren( wobei gerade diese Kinder ein Recht auf therapeutische Hilfe und liebevolle Unterstützung haben!).
Woher möchten Sie das bitte wissen?
Zu meiner Schulzeit gab es keine Rohrstockschläge mehr durch Lehrer- und auch diese Kinder,welche Gewalt durch Lehrer erleben mussten, haben das Recht der Aufarbeitung. Ebenso Kinder durch Mobbing, Misshandlungen, etc. dieses Recht haben.
Da kann man sich doch nicht hinstellen und behaupten- aber diese "Verschickungskinder" brauchen keine Aufarbeitung. Ich verstehe den Unterschied nicht? Seelische und körperliche Gewalt gegen Kinder( egal wo oder in welcher Hinsicht) Bedarf immer Aufarbeitungsbedarf.
Sind Sie lieber froh darüber, nicht solch ein Leid durchlebt zu haben.
Im "Erholungsheim" der Diakonie bekam ich im Schlafsaal ein vergittertes Kleinkinderbett zugewiesen, weil ich da noch reinpasste. Das war ich nicht gewohnt und das engte mich sehr ein. Oft lag ich nachts wach und konnte nicht einschlafen wegen der eingeschränkten Bewegungsfreiheit.
Zum Aufpäppeln musste ich - was mich total ekelte - heiße Schokolade zum Wurstbrot trinken. Nachts musste ich mich übergeben, weil ich diese Kombination nicht vertragen habe. Nur: ich kam nicht aus meinem vergitterten Bett raus und habe mich im Bett übergeben. Da musste ich dann liegen bleiben, damit nur ja die anderen im Schlafsaal nicht geweckt werden. Ich habe kein Auge zugemacht und auch danach wollte ich nur noch raus aus diesem Bett. Ging aber nicht. Ich lag an der Durchgangstür zum benachbarten Schlafsaal und hatte in einer Nacht mal leise flüsternd mit dem Kind im Nachbarraum gesprochen. Dazu stand ich im Gitterbett und habe mich weit rüber gelehnt, um ganz leise zu sein. Da kam plötzlich von hinten eine Hand und griff in meine Haar und zerrte mich ins Bett zurück. Ganz leise hatte sich die wachsame "Tante" von hinten angeschlichen und mir den Schrecken meines Lebens eingejagt!
Während der täglichen Gymnastikübungen habe ich Nasenbluten bekommen. Das war während der Wachstumsschüben bei mir normal. Nicht normal war, dass ich den Saal nicht verlassen durfte, um die Blutzung zu stillen. Ich konnte damals schon gut damit umgehen und wusste, was zu tun ist, aber ich durfte nicht. Zur "Strafe" musste ich den Rest der Woche mit dem blutverschmierten Pullover rumlaufen, obwohl genügend frische Wäsche für mich eingepackt worden war.
Üblich war, dass wir einmal in der Woche im Waschraum nackt Schlange stehen mussten und von den "Tanten" mal kurz abgeduscht wurden. Es war kalt und ring auch recht ruppig zu.
Es gab allerdings auch die "schöneren" Momente, wenn wir als Gute-Nacht-Geschichte "Die kleine Hexe" vorgelesen bekamen. Wir haben auch mit Klötzchen Figuren für den Dominoeffekt gelegt. Das hat dann mal Spaß gemacht und wir wurden immer kreativer.
Trotzdem überwog die permamente Einschüchterung, Zwangsmaßnahmen und Strafen für alles mögliche. Als ich wieder zu Hause war, wollte meine Familie nochmals mit mir dorthin fahren, damit ich ihnen alles zeige. Ich war total verstört. Bis heute ist Badenweiler für mich mit diesen Erinnerungen verbunden.
Die "Kur" hatte nicht den gewünschten Erfolg eingebracht: weder hatte ich zugenommen, noch war ich "aufgeweckter" - im Gegenteil: Ich hatte weiter abgenommen und war verschreckter und ängstlicher als zuvor. Zu Ostern, nach meiner Rückkehr hatte ich ein Paar Rollschuhe geschenkt bekommen. Als ich mir die Strumpfhose beim Spielen aufriss, habe ich mich fast nicht nach Hause getraut. Denn im Heim hätte das üble Folgen gehabt. Erst dann haben meine Eltern begriffen, dass die schönen Karten, die sie "von mir" bekommen hatten, nicht mit der erlebten Realität übereinstimmten - zu spät.
An den Aufenthalt kann ich mich kaum noch erinnern. Habe ich wohl verdrängt.
An zwei Dinge kann ich mich aber gut erinnern. Ich wurde über einen Zeitraum von zwei oder drei Stunden unter Schlägen in den Nacken und gegen den Kopf, gezwungen, meinen Teller mit Fisch und Kartoffelsalat zu leeren. Jedem Bissen folgte ein heftiges würgen. Ob ich mich auch erbrochen habe, weiß ich nicht mehr.
Nach diesem Tag wurde ich krank, bekam Fieber und kam nicht mehr aus dem Bett heraus. Meine Mutter musste mich vorzeitig aus dem Heim abholen. Ich weiß nicht mehr, ob ich meinen Eltern von diesem für mich schrecklichen Erlebnis erzählt habe. Fragen kann ich sie nicht mehr.
Ich wurde gezwungen trotz Panik und Atemnot die "angemessene " zeit in einer verriegelten Sauna zu verbringen trotz Weinens. Geblieben ist mir davon mit 67 J. heute eine Panik vor jeglicher Form von geschlossenen Räumen besonders im Sommer. Ich kann Sommer nur mit Klimaanlage verbringen und gehe bei Temperaturen ab 26 Grad nicht ins Freie. Meine therapeutische Aufarbeitung ergab, dass die Wurzeln hierfür in dem Heimaufenthalt im Möwenheim liegen. Es gäbe noch eine Menge von schlechten Erinnerungen zu schildern. Für heute reicht es.
Auch die Prügeleien unter den Kindern wurden nicht unterbunden. Die Heimfahrt in den Zügen war auch schlimm, weil ich
keine Kontrolle mehr über meine Blase hatte. Mein Bruder hat in dieser Zeit besonders gelitten, weil er insgesamt nicht so robust war wie ich. Mit Folgen für sein Leben bis heute.
so ca. mitte der 60er war ich im Erholungsheim Bad Sachsa da wo wohl die Kinder der AntifaschistInnen inhaftiert worden waren.
Es war für mich emotional furchtbar !!!
Kotze fraß ich vergefreiwilligt.
Ich war dort täglich seelisch verängstigt.
Einmal spürte das ein auch dort einsitzender Junge und sprang mich am Oberkörper an um mich niederzuringen wovon ich in der unteren Wirbelsäule geschwächt schmerzhaft zusammensackte und das als Schwächling zu verbergen übte.
Glaub, es war wie ein Banscheibenvorfall.
Ich hatte unten doch Morbus Scheuermann.
Dort sollte ich zu essen lernen wie ein Vieh.
Gruß Euch.
Vielmehr bin ich ziemlich pragmatisch in diesen Dingen und habe das auch teilweise an meine Kinder weitergegeben. Wenn ein Kind in diesem Alter diese Erlebnisse hat verliert es sein Urvertrauen und der Schaden ist nicht mehr zu reparieren. So habe ich durch diese Erfahrung schon früh gelernt mich zu behaupten und bin immer kampfbereit durchs Leben, dass aufgrund dieser frühkindlichen Erfahrung und noch anderer negativen Erfahrungen nicht immer leicht war. Ich habe jedoch durch meine Ehe und meine 3 Kinder die Sonnenseite des Lebens erlangt und habe die Devise,schau nach vorn und nicht zurück denn das bringt dir dann auch Glück.
Meine Eltern wollten nur das Beste für mich und daher mache ich Ihnen auch keine Vorwürfe.
Mindestens genauso aber erinnere ich mich wie die Ankunft zurück zuhause am Bahnhof war. Ich rannte meinen Eltern in die Arme, weinend und sagte "Gell Mama, jetzt muss ich nie wieder weg" - Meine Mutter hat meine Erzählung schon oft gehört und fühlt sich immer sehr schlecht dabei. "Das habe man damals halt so gemacht...das haben alle so gemacht."
Ich selbst war mit meinem damals 9-jährigen Sohn vor Jahren in der Mutter Kind Kur. Wir hatten so eine gute Zeit zusammen und kamen gestärkt und erholt zurück.
Meine Angst war so groß das ich den Kurantrag aus der Schreibklappe meines Vaters stahl und in einem Sitzkissen versteckte. Mit dem Ergebnis das meine Mutter Ärger von meinem Vater bekam, also lies ich die Unterlagen wieder “auftauchen“.
Ich war noch nie alleine von zuhause weg, der Zeitpunkt der Abreise kam immer näher bis dahin hatte ich bereits sehr viele Angst - Tränen vergossen. Ich werde die meisten Sachen hier nicht wiederholen, es bleibt ein Martyrium das wir erlebt haben.
Es ist alles wirklich geschehen, es sind nicht nur Erinnerungen !
Wie man Kinder dazu zwingen kann sich nachts im Bett nicht zu bewegen ( ich hatte die Erfahrung gemacht wenn ich es getan habe war eine Tante vor Ort, im dunkeln Zimmer, und es gab Ärger, dann erschreckst du dich so sehr das du dich Tod stellst, so liege ich heute noch oft im Halbschlaf nachts im Bett und frage mich immer wieder warum ich nicht einfach zu Klo gehe.) und den Gang zur Toilette zu verwehren. Wenn das Bett nass ist gibt es nachts bei der Kontrolle Ohrfeigen.
Und jeden Morgen mussten Wir Singen : “Danke für jeden Guten Morgen“. Für mich als Kind war das wirklich schrecklich – traurig, heute sage ich das war Folter !!!! - in der Kinderheilstätte - Stieg, der Caritas, in Unteralpfen - Albbruck im Sommer 1978.
Gruß
Thomas
Norderney – Vestisches Kinderheim – ca. 1953/4
Da ich als Kind recht dünn war, haben meine Eltern (wahrscheinlich über Zeche Rheinpreußen) einen 6-wöchigen Aufenthalt auf Norderney im Vestischen Kinderheim gebucht. Damals war ich ca. 8 oder 9 Jahre alt (Schätzung). Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter mit einem Wäscheschreiber in alle meine Kleidungstücke meinen Namen schrieb bzw. einnähte.
Die Fahrt begann in Duisburg – mit einer riesigen Dampflok. Unterwegs konnte man nicht so viel sehen, weil der Qualm der Lok fast immer die Sicht versperrte. In Norden wurden wir aufs Schiff gebracht – Frisia 4 oder 6.
Wir wurden im Vestischen Kinderheim untergebracht, das von Nonnen geleitet wurde.
Im Vestischen Kinderheim kann ich mich an folgendes erinnern: Es war ein weißes kastenförmiges Gebäude. Innen war eine große Treppe in die oberen Stockwerke.
In den ersten Tagen haben wir nichts zu trinken bekommen, weil die Tanten und Schwestern besorgt waren, dass wir bettnässten. Ich habe damals mit einem anderen Jungen zusammen in einer Toilette aus der hohlen Hand das Spülwasser getrunken.
Beim Essen im Esssaal kann ich mich an eine Situation erinnern: ein Junge hatte sich in den Gang erbrochen. Daraufhin kam eine Schwester – stellte sich neben ihn und zwang ihn, das Erbrochene vom Boden zu verzehren. Ich weiß noch, dass in den Fleischgerichten kleine Stücke wie Gummi waren (wahrscheinlich Darmstücke) – widerlich. Der Pudding hatte eine dicke feste Oberhaut, die ich nur widerwillig hinunterbekam. Auch wurden Kinder zum Essen gezwungen – ich hatte etwas Glück, weil einige Speisen, die ich nicht mochte, mein Nachbar heimlich (es war streng verboten) nahm.
Wir schliefen alle in einem großen (für Kinder bleibt alles groß in Erinnerung) Schlafsaal, in dem regelmäßig der Lichtstrahl des Leuchtturms fiel. An bestimmten Tagen durften/mussten die katholischen Kinder in die Kapelle, die am anderen Ende des Gangs zum Schlafsaal lag. Wir, die evangelischen mussten aber ins Bett – hörten Teile des Gottesdienstes und rochen den Weihrauch bis in den Schlafsaal. Am Eingang stand eine Nonne und wachte über uns. Wenn dann unter den Kindern Gespräche begannen (es war schließlich noch früh und fast hell), kam die sie mit einem Holzstück (Rand einer Schiefertafel) und ging von Bett zu Bett und verprügelte jeden, egal ob er schon schlief oder wach war.
An die Toilettengänge kann ich mich noch gut erinnern: Am Eingang zum Toilettenraum saß eine Schwester, die jedem Kind ca. 2 – 3 Blatt kleingeschnittenes Zeitungspapier als Toilettenpapier gab . Nachfragen nach weiteren Blätter wurden stets barsch abgelehnt. Dazu ist wohl nicht mehr zu sagen?!
Es gibt auch schöne Erinnerungen: Wanderungen am Strand (dies mit jungen und freundlichen 'Tanten') – Muschelsuchen. Besuch des Wellenbades. Dort hatte ich mir aber ein Ekzem am Fuß zugezogen. Die Zehen nässten, juckten und die Haut ging ab.
Daraufhin wurde ich zur Krankenschwester geschickt – Den Namen werde ich nicht vergessen: Schwester Aloysia. Sie kochte Wasser und schüttete es in eine kleine Wanne, verrührte dann Schmierseife darin. Dann drückte sie meine Füße in das wirklich heiße Bad. Mein Schreien hat man bis unten gehört, wie mir ein anderer Junge sagte.
Diese Behandlung wurde mehrfach vorgenommen. Nach einer dieser Behandlungen sagte Schwester Aloysia – es war wenige Tage vor der Abreise – dass die Behandlung jetzt abgeschlossen sei und ich nicht wiederzukommen brauche. Tatsächlich war es aber nicht besser geworden. Ich lief nur noch auf den Hacken, weil das normale Laufen so weh tat. Eine von den wenigen jungen Frauen, die uns beim Spielen etc. beaufsichtigten nahm sich meiner an. Als sie meine Füße sah, ging sie zur Schwester Aloysia und bat sie, doch eine weitere Behandlung vorzunehmen. Die Schwester aber sagte: Dieter ist gestern nicht zu Behandlung gekommen – ich behandele ihn nicht mehr! Ich verstand die Welt nicht mehr.
Dann kam die Abreise. Wieder Frisia und Dampflok. In Duisburg angekommen (im Abteil des Zugschaffners) und Ansage am Bahnhof: Kind Dieter Scheepers – aussteigen!
Am Bahnhof warteten meine Eltern (und ich glaube auch meine Schwestern). Als meine Mutter mich auf Hacken ankommen sah, war ihre erste Frage: was ist los?
Zuhause haben mich meine Eltern dann zu einen Arzt gebracht: rohes Fleisch an den Zehen!
Der Arzt schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte (das weiß ich noch ganz genau): Da darf absolut kein Wasser dran, schon gar nicht heißes mit Schmierseife. Ich bekam Puder und Verbände und nach einiger Zeit waren die Füße dann auch verheilt.
Mir blieb eine besondere Erinnerung: Schwestern musst du meiden, die sind böse, bezichtigen dich der Lüge und sind nicht freundlich – fröhlich. Diese Einstellung konnte ich erst als junger Mann im Krankenhaus in Bremen korrigieren – dort war eine Nonne - immer fröhlich und hilfsbereit. Hat mir Briefmarken vom Professor besorgt und auch schon mal eine Flasche Bier rangeschmuggelt.
Das Heim wurde von "kirchlichen Schwestern" geleitet. Viele der in andren Berichten geschilderten Erlebnisse kann ich für dieses Heim auch bestätigen. Aus heutiger Erinnerung besonders bedrückend empfand ich die Hilflosigkeit gegenüber den Schwestern und auch gegenüber älteren Kindern. Es gab falsche Anschuldigungen und daraus folgende Bestrafungen. Gegen Quälereien (heute würde man Mobbing sagen) der Älteren gab es keine Unterstützung, im Gegenteil.
Habe beim Surfen heute Abend schon mehrere Berichte über dieses Heim gelesen. Es muss dort Methode gewesen sein und nicht die Fantasie eine kleinen Kindes.
Auch von meiner Seite Dank dafür, dass dieses Thema aufgegriffen wird.
Im Tagesraum wurde gegessen, häufig gab es Suppe (Schokoladensuppe). Mehrmals wurden wir gewogen. Nachmittags wurde manchmal etwas vorgelesen. Im 1. Stock lagen die Schlafsäle.
In meinem Schlafsaal befanden sich ca. 15 Betten. Es wurde täglich Mittagsschlaf gehalten.
Während dieser Zeit und natürlich auch nachts musste man ganz still sein und durfte sich kaum bewegen. Die Strafe: lauten Kindern wurde ein Pflaster auf den Mund geklebt, unruhige Kinder wurden mit Bändern ans Bett gefesselt. Ob auch geschlagen wurde, weiß ich nicht. Die "Tante", die mich betreute hieß "Tante Ingke". Sie berichtete den Eltern schriftlich über das Verhalten und den Entwicklungsstand der Kinder. Meine Mutter war insofern der Meinung, dass es mir dort gut gefiele. Ich erhielt im Heim 2 Postkarten meiner Mutter, die vor der ganzen Gruppe laut vorgelesen wurden. Nur eine Karte erhielt ich bei der Abreise ausgehändigt. In Flensburg angekommen, mussten wir Kinder noch sehr lange im Wartesaal des Bahnhofes warten, weil die Eltern nicht über unsere Ankunftszeit informiert worden waren. Zuhause berichtete ich meiner Mutter über die Zustände im Heim, was zunächst ungläubig aufgenommen wurde. Als jedoch mein Koffer mit der teilweise stark verschmutzten Unterwäsche eintraf, waren meine Eltern doch etwas skeptisch geworden. Übrigens wurde bei der ärztlichen Nachuntersuchung festgestellt, dass ich weder zu- noch abgenommen hatte. - Die Tatsache, dass ich mich noch so genau an diesen Heimaufenthalt erinnere, zeigt doch, wie stark die Eindrücke waren, die die Kinder in dieser Zeit verarbeiten mussten.
Heute habe ich bei der Autofahrt vom Kongress an diesem Wochenende erfahren - ja mehr noch - davon dass es offensichtlich anderen so ging wie mir!
Ich habe hier eine Originaldokumentation über meine "ERFOLGE" von der AOK liegen - 0,7 Kilo Gewichtszunahme...von 1981. Ein Jahr vorher war ich aber auch dort, also 1980, jeweils für 6 Wochen, im Kinderkurheim Marienhof...
1. Aufenthalt 1980, ich 6 Jahre alt:
6 Bettzimmer, Jumgs und Mädels gemischt. Ein Junge, ein etwas dunkelhäutigerer Lockenkopf, hatte es irgendwie auf mich abgesehen. Das Spiel ging dann folgendermaßen:
Heiratest Du mich? Ich: nein! Daraufhin rollte er den über Tage getrockneten Kot, der nicht aus seinem Bett entfernt wurde, zwischen den Fingern und bewarf mich und mein Bett damit. Solange, bis mein Ekel mich rufen lies: Ja, ich heirate dich...Dummerweise musste ich das Ganze aufgrund meiner Ehrlichkeit kurze Zeit später wieder zurücknehmen, und wurde wieder mit Scheiße beworfen..Ich habe mich furchtbar geekelt, das Bett wurde tagelang nicht gesäubert, die Prozedur wiederholte sich Abend für Abend.
Traurig war das Abschlussfest, Mannschaften mussten gegeneinander antreten, ich war bei den Losern, die im Seilziehen etc. versagten. Während die Gewinner große Naschitüten bekamen gingen wir leer aus, zumindest erinnere ich das so, was auch zu meiner Erinnerung beim 2. Aufenthalt passt...
2. Aufenthalt
Jede Nacht falle ich aus dem Bett, es tut furchtbar weh, jedesmal der Solarpklexus, Es gibt am Bett keine seitliche Begrenzung dieses Mal, ich weiß nicht, ob ich damals um Hilfe bat...wohl eher nicht: Ich erinnere mich den Aufseherinnen gegenüber stumm, gehorsam und ängstlich.
Beim Essen im großen Saal komme ich endlich auf den Trick, mir die Nase dabei zuzuhalten, weil ich mich so geekelt habe. Ich war eine schwierige Esserin... umso glücklicher war ich nun, mit dem Nasezuhalten alles runterwürgen zu können, auch den penetranten, verhassten Nachschlag. Als die Aufsivht das sah, wurde ich vor den gefühlten 300 Kindern mittig in den großen Saal gesetzt. Sie nannten ihn den Katzentisch (ich weiß nicht, wie viele Kinder es waren, gefühlt waren es viele!)Dort durfte ich dann alleine hocken und meinen Teller leeren...
Zum Glück bekam ich Mumps. Auf der Krankenstation war ich diverser Drangsal nimmer ausgesetzt, und bekam zum Abschiedsfest ganz automatisch eine Naschitüte - ich weiß noch, wie ich mich gefreut habe, mich nicht wieder messen zu müssen, wieder leer ausgehen zu müssen.
Wahrscheinlich hasse ich seit dem jegliche Art von Wettstreit,
Ich habe mich im KKHMarienhof furchtbar einsam und verloren gefühlt, und habe viel geweint. Mit Erholung hatte das wohl nichts zu tun, und das im Jahre 1980 / 81....
auch ich gehöre zu den Verschickungskindern und war 1970 auf Wangerooge.
Ich erinnere mich daran, dass ich jeden Mittag im Solebad liegen mußte.
Ob es meiner Neurodermitis half, weswegen ich dort war,weiß ich nicht.
Aber das ich wahnsinniges Heimweh hatte, weiß ich sehr wohl!
Ich habe keine guten Erinnerungen und als Pädagogin weiß ich heute, dass sehr viel falsch gelaufen ist. Gut, dass dies heute vorbei ist!
Mit 9 Jahren war ich kein ganz kleines Kind mehr, dennoch erinnere ich mich an eine größtenteils schlimme Zeit. Furchtbares Heimweh. Oft ekelhaftes Essen, das aufgegessen werden musste (ich habe zum Glück immer geschafft es runterzuwürgen ohne zu kotzen, das gelang aber nicht jedem Kind). Bettnässer wurden vor allen blossgestellt. Ausgehende Briefe an Eltern wurden zensiert. Eine "Tante" (eine junge Frau von höchstens 20 Jahren) habe ich als besonders übergriffig in Erinnerung. Einmal schlug sie einem Jungen so heftig ins Gesicht, dass seine Wange aufplatzte. Mich knallte sie einmal mit dem Kopf gegen den Kopf eines anderen Jungen weil wir uns gezankt hatten. Es war so heftig. dass wir beide noch tagelang danach Kopfschmerzen hatten. Es gab aber auch nette und verständnisvolle Betreuerinnen.
Die 6 Wochen kamen mir damals wie eine Ewigkeit vor. Die zweite Hälfte der Zeit war etwas erträglicher. Man hatte sich mit anderen Kindern angefreundet, und es gab teilweise schöne Ausflüge an/auf den Königssee.
Ich bin mir sicher, wenn der Grund für Übergewicht keine Essstörung war, hatten sie die spätestens bei ihrer Entlassung.
Ich habe als Erwachsene erst die Diagnose Aspergerautismus bekommen, das heisst, ich war ziemlich wehrlos und verstand nicht so recht, was geschah. Die Welt war vorher schon bedrohlich gewedsen, im Kurheim wurde sie eine Hölle. Es dauete sehr lange, bis ich mich erholte, und ich glaube, ich wurde als Kind schon schwer depressiv.
Als ich nach Hause kam, habe ich nur geweint, doch meine Eltern haben nicht groß reagiert und auch nie Beschwerde eingelegt.
Als ich 6 Jahre später aber in ein anderes Kurheim kam , sind sie mitgefahren und haben mich hingebracht, daher glaube ich, dass sie mich doch ernst genommen haben.
Ich finde es sehr erfreulich, dass es Menschen gibt, die sich um die Aufarbeitung der missbräuchlichen Handlungen bemühen. Herzlichen Dank dafür !!!
Andrea
Es war Ende der 70er Jahre, als es hieß, das Kind muss sich mal richtig von allen familiären Strapazen (Scheidung der Eltern) erholen, allgemeine Roborierung heißt der Fachausdruck. Der Kontakt zum Heim kam über unsere Nachbarin, die beim Caritas Verband gearbeitet hat, ein anderes Mädchen aus unserem Haus durfte auch mit.
Wir waren um die 10 Jahre alt, als wir in den Zug gesetzt wurden. Im Heim angekommen kann ich mich an einen Käfig im Flur erinnern, in dem ein kleines Äffchen lebte. Es gab mehrere, kleine Schlafsääle mit alten, quietschenden Metallbetten. Beim Schlafen wurde uns befohlen, uns nicht zu bewegen, damit wir niemanden stören. Somit trauten wir uns alle nicht, fest einzuschlafen aus Angst, wir könnten das Bett zum Quietschen bringen.
Es gab eine Gruppe von Mädchen dort, eine ältere und eine jüngere Erzieherin und andere Angestellte. Die alte Erzieherin war schroff, streng und brutal, die jüngere etwas milder.
In der Gruppe waren alle Mädchen ziemlich dünn und sollten zunehmen, ich war (schon immer) etwas kompakter und sollte abnehmen. Beim Frühstück gab es für die dünnen Mädchen Brötchen mit Butter und Schokostreußeln mit Kakao, für mich Schwarzbrot mit Margarine (als hätte Margarine weniger Fett!!!) mit Marmelade und Tee.
Wenn die Eltern Naschpakete geschickt haben, wurden diese geöffnet und an alle, außer, Sie ahnen es schon, mich, verteilt.
Ab und zu ging es an den Strand zum Baden, und wenn die Zeit vorbei war, wurden die Kinder mit einem Megaphon aus dem Wasser befohlen: "Alle raus aus dem Wasser, nur Romana bleibt noch länger im Wasser, die muss abnehmen!" Danke, jetzt weiß der ganze Strand Bescheid.... . Es war mehr als nur peinlich!
Und ich kann mich noch einen Ausflug in die Dünen erinnern, eigentlich ganz lustig, doch wenn man ausserhalb der terminierten Pausenzeiten um etwas zu Trinken bat, wurde dieses barsch abgewiesen. Warte, bis alle trinken!
Mein Freundin und ich waren so unglücklich, wussten, dass wir von unseren Eltern keine Unterstützung erwarten konnten, und so haben wir den Plan geschmiedet, die Kasse zu stehlen, um uns dann Zugtickets nach Hause kaufen und abhauen zu können. Wir haben nur leider die Kasse nicht gefunden.
Mein einziger Lichtblick in dieser Zeit war die Tochter des Hausmeisters, die das Down-Syndrom hatte und einfach nur aufmerksam und liebevoll war.
Wenn es hier heißt, man möchte keine Entschuldigung, keine Entschädigung sondern nur Gewissheit, dass alles so stimmte, kann ich das teilweise gut nachvollziehen. Dennoch: Ich möchte eine Entschuldigung des Caritas Verbandes für so eine grausame Einrichtung unter dem Deckmantel der katolischen Kirche.
Klasse, dass es diesen Kongress gibt, ich hoffe auf viel Aufklärung auch seitens der Träger dieser sog. Kindererholungsheime! Ich bin dabei....
Im Jahr 1964 kam ich in die Lungenheilstätte Kutzenberg im Landkreis Lichtenfels.
Vieles habe ich im Laufe der Jahrzehnte vergessen oder verdrängt. Nachfolgendes werde ich aber nie vergessen können.
Die ersten 6 Wochen (oder war es noch länger?) durften mich weder Eltern oder Geschwister besuchen, um mir das „Eingewöhnen zu erleichtern“. Auch Briefe oder Päckchen wurden in dieser Zeit nicht ausgereicht.
Das Personal bestand aus Nonnen, deren Orden ich nicht mehr mit Bestimmtheit benennen kann.
Im Schlafsaal waren ca. 12 Kinder untergebracht. Wieviele solcher Säle es gab kann ich nicht mehr sagen.
Es gab streng geregelte Zeiten. So durfte man nach dem Zubettgehen nicht mehr aufstehen, auch nicht um zur Toilette zu gehen.
Eines Abends verspürte ich einen starken Harndrang. Da ich mich nicht einnässen wollte, habe ich Taschentücher als Windel benutzt und unter das Bett entsorgt. Dies blieb natürlich nicht unentdeckt. Zur Strafe hat man mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und ich musste nackt, für eine Stunde, im kalten Badesaal, frierend über einem Bodenablauf stehen.
Zum Mittagessen bekamen wir jeweils einen Esslöffel mit Lebertran in den Mund verabreicht. Einmal konnte ich den Geschmack nicht mehr ertragen und habe mich erbrochen. Das Erbrochene musste ich dann aufessen.
Im Speisesaal durfte auch nicht gesprochen werden. Wurde das Schweigen gebrochen, wurde mit Züchtigungen reagiert. Bestraft wurde auch, wenn nicht aufgegessen wurde.
Briefe an die Eltern wurden zensiert. Wir mussten Passagen die nicht passend erschienen, nach Diktat abändern. Unsere Eltern dachten deshalb, uns geht es super und waren beruhigt.
Insgesamt war ich über 6 Monate in dieser Hölle.
Ich wünsche allen, die ähnliches erleben mussten, alles erdenklich Gute.
erst heute bin ich durch einen Artikel in unserer Zeitung auf diese Seite aufmerksam geworden. Ich kann kaum glauben, dass diese Vorfälle fast normal waren und jetzt ans Licht kommen. Als Kind traut man sich nicht, so etwas zu erzählen.
Mit etwa 5 Jahren war ich in einem Kinderheim im Schwarzwald, Königsfeld (wenn ich mich richtig erinnere. Das ist jetzt fast 60 Jahre her, aber bis heute kann ich den Geruch von gekochtem Valiiepudding nicht ertragen. Die Erlebnisse, dass Kinder verprügelt wurden, die beim Frühstück nicht schnell genug ihren Suppenteller voll von diesem schnittfesten Vanillepudding aufaßen, ebenso wie an Kinder, die ihr Erbrochenes wieder essen mussten, verfolgen mich bis heute.
Obwohl ich schon lesen und schreiben konnte, durfte ich weder die Post meiner Eltern selbst lesen und schon garnicht an sie schreiben.
Wer beim Mittagsschlaf kicherte (was bei kleinen Mädchen nun eben so ist), wurde an den Haaren oder den Ohren gezogen...
Kennt jemand diese Heim?
Meine Mutter ist kurz darauf gestorben, mein Vater auch. Ich habe immer Probleme mit Essen, kann nur kleine Portionen essen, beim Zahnarzt musste ich mich schon immer übergeben, wenn er zu tief in den Rachen kam.
Ich habe immer zuviel gearbeitet, habe aber drei fröhliche erwachsene Kinder mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und guter Ausbildung. Leider war ich trotzdem mein ganzes Leben als Alkoholiker (Pegeltrinker) unterwegs, als Pegeltrinker kann das alltägliche Leben gut funktionieren. Es merkt niemand. Jetzt bin ich seit 5 Jahren trocken, dafür sind die Depressionen gekommen, die ich vorher weggetrunken hatte.
Ich bin am liebsten alleine und nicht gerne mit Menschen zusammen.
Meine psychischen Probleme sind sicher auch durch den frühen Tod meiner Eltern hervorgerufen, aber ein Trauma war Bad Harzburg sicherlich. Ich habe ein Foto von kleinen Mädels vor dem Heim, mit "Tante Heidi" und ich bin ein kleines süßes Mädchen, das muss ich mir immer sagen. Ein kleines verletzliches Wesen. Meine Mutter hat auf die Rückseite alle Namen notiert, mit dem Zusatz: zur lieben Erinnerung an meinen Kuraufenthalt in Bad Harzburg, den 5.02.63. !!!
Den Namen des Hauses weiß ich leider nicht mehr.
Sabine Koopmann
ich war 1950 9 Jahre alt. Gerade war ein Brüderchen bei uns angekommen. Da verschickten mich meine Eltern in ein Kinderkurheim auf die Insel Spiekeroog. Das war schon schlimm, allein weil nun ein Baby in der Familie war, wurde ich weg geschickt....dachte ich. Auch dort musste das Erbrochene noch einmal gegessen werden. Was wir Kinder damals als völlig normal ansahen. Zuhause war sowas ja noch nicht passiert....also konnten wir doch das nicht als widerwärtig empfinden. Wir Kinder hielten das für normal.
Ich hatte Asthma und wenn ich stark hustete, dann wurde ich auf den Dachboden verfrachtet. Dort lag ich dann auf einem Heusack und konnte mich im Höchstfall mit einem nicht bezogenen dünnen Federbett zudecken. Im schlimmsten Fall hatte ich gar keine Zudecke.
Hat man sich mal eingenässt...aus Angst...dann wurde das Höschen als Trophäe an einem Pfeiler aufgehängt, damit das alle sehen konnten. Ein sauberes Höschen gabs nicht, dann liefen wir eben unten rum nackend durch die Gegend. Für uns Kinder war das alles völlig normal.
Ich habe dort nicht viel geweint, weil ich alles hinnahm, was geschah. Ich dachte doch immer, das alles völlig normal war. Zuhause erzählt, wurde mir später nicht geglaubt. Es konnte doch nicht sein, was nicht sein durfte.
Dieses Martyrium MUSSTE ich und auch die Anderen, 6 Wochen aushalten. Danach wurde mein Asthma immer schlimmer. Inzwischen ist aus dem Asthma COPD geworden.
Erst mit 50 habe ich das alles in einer Therapie aufarbeiten können. Auch als Erwachsene habe ich alles hingenommen, was andere als ungerecht oder unzumutbar empfanden, hielt ich für völlig normal. Auch später in meiner Ehe. Ich war eine stille Dulderin.
Ich bin nun 76 Jahre und seit über 20 Jahren frei von dem Gedanken, alles ertragen zu müssen. Ich habe in der Therapie gelernt mich zu wehren.
Du kannst dir schon mal die Schlafanzughose runterziehen. Du auch und du und alle die gesprochen hatten.Dann gab es Schläge mit einem Badelatschen auf den nackten Hintern.Dabei ist auch mal ein Latschen gerissen! Das verfolgt mich noch heute.
Liebe Grüße Heike Heine
ich bin Jahrgang 1951, aus dem Südwesten Deutschlands und mußte 1958/59 über Winter als evang.Kind wg.Tuberkulose in ein Lungensanatorium für Kinder in den kathol.Hotzenwald. Das Sanatorium in Stieg/ Oberalpfen bei Waldshut wurde geführt von Nonnen mit freien Erzieherinnen,Tanten genannt. Ich habe dort schöne Dinge erlebt und grausame, besonders die mit Pädagogik zu tun hatten. Um der Wahrheit willen hier erst die schönen Dinge.
Das Heim lag abseits vom nächsten Dorf, ein wunderschöner Wald ums Haus ( dort entstand meine Liebe zum Wald) Wir wurden von einem nahen Bauernhaus mit versch.Essen versorgt, das ich als gut u.abwechslungsreich in Erinnerung habe. Auch zum Hausmeister mit seinem Hund hatte ich eine gute, quasi ausgleichende Beziehung. Er war sehr verständnisvoll. Wir haben oft auch schöne Wanderungen im verschneiten Wald gemacht ( frische Luft) und hatten auf der offenen Veranda unsere "Liegekuren" bei denen uns Märchen vorgelesen wurden. Dieses große Märchenbuch aus einem österr.Verlag habe ich in den 90ern gesucht und dann per Zufall bei einer angeheirateten Verwandten gefunden und abgekauft. Es hat etliche unbekanntere Märchen in denen der auf zwei Seiten geschriebene Text umrahmt war mit wunderschönen Illustrationen.
Auch hatten wir dort Schulunterricht ( 2 Klassen zusammen) und als wißbegieriges Kind mußte ich so kein Schuljahr nachholen. Auch haben wir dort " freche" Lieder gelernt.
Jede Medaille hat zwei Seiten.
Nun zu den perfiden, grausamen, unchristlichen Geschichten, die geschahen, und für die ich hier NUR Zeugin sein will, keine Anklägerin mehr. Ich habe kein Traumata zurückbehalten, habe den Personen auch mittlerweile verziehen.
Ich will nur zur Glaubwürdigkeit beitragen, denn auch mir wurde von meiner geliebten Mutter zuerst nicht geglaubt. Das schreibe ich der Autoritätshörigkeit zu, zu der die Generation meiner Eltern erzogen wurden.
In kurzen Zügen die "schwarze Pädagogik" ( Buch Alice Miller Schweizer Kinderpsychologin) des von kathol.Nonnen geführten Haus:
- bei den Liegekuren auf der offenen Veranda im Winter wurden wir bis zum Hals, die Arme am Körper in eine Wolldecke eingewickelt und lagen auf wie Feldbetten aussehenden Liegen hingelegt und mussten still sein, ein Märchen wurde vorgelesen u.dann auf Kommando schlafen. Redete ein Kind mit dem Nachbarkind, wurde ihm das Kopfkissen entzogen und auf das Gesicht gelegt.
Was aber schlimmer war, war das, daß Kinder die Wasserlassen mußten gezwungen wurden in die Hose zu machen, man kann sich vorstellen was das nicht nur seel.sondern auch physisch bedeudete bei Kälte.
-jeden Montag war ein Brief an die Eltern zu schreiben, natürlich zensiert. Als Kind mit stark ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, schrieb ich natürlich über die unsäglichen Vorkommnisse und mein Heimweh u.diese Briefe wurden solange zerrissen, bis sie den Tanten gefielen.Verlogenes Blablabla.
- Besuch war wochenlang verboten, als aber meine Mutter mit ihrer Freundin, die ein Auto hatte, mich besuchen kam vor der Zeit, hat man mich im Schlafsaal eingesperrt, die Fenster verriegelt und ich weinte und schrie nach ihnen hinter den verschlossenen Fenstern. Sie liesen mich nicht zu ihnen, wenigstens konnte ich noch winken, aber meine Mutter weinte und ihre Freundin gestikulierte empört gegen die Nonne.
-Da bei Tuberkulose Appetitlosigkeit u.Gewichtsverlust einhergeht, wurde natürlich immer auf Teller leer essen geachtet.
Hat ein Kind sich geweigert wurde es gezwungen allein weiter nach der gemeinsamen Mahlzeit am Tisch vor einem vollen Teller zu sitzen bis der leer war.
- was noch schlimmer war, wenn ein Kind erbrochen hatte, mußte es das Erbrochene wieder aufessen! Immer und immer wieder bis der Teller mit Erbrochenem überlief, dann holte man die Heimleiterin um das Kind noch mehr bloßzustellen.Aber die war wenigstens so human, den Teller ausleeren zu lassen und einen mit frisch gefülltem Essen hinzustellen.
-Einmal, ich vergesse es nie, kann seitdem auch kein Tafelspitz und Rote Beete mehr essen, erbrach sich ein Kind, das mir gegenüber saß so stark, daß es auch in meinen Teller fiel. Mir wurde ein frischer Teller gereicht dem erbrechenden Kind nicht.Ich reagierte empört und wurde dafür bestraft.
-Nur einmal erlebte ich eine wirklich christl.Nächstenliebe als ich selbst, nur wg. einer verschluckten Wursthaut erbrechen mußte...
Als einziges evang. Kind mußte ich nicht mit in die Messe ( so ca. 17 Uhr) und durfte im Speisesaal alleine abendessen. Es gab Schwarzwurst und an deren Haut verschluckte ich mich und erbrach. Das junge Küchenmädchen das mich beaufsichtigen mußte, hat sofort den Teller entsorgt u.mir auch kein neues Essen mehr aufgenötigt u.bat mich nur ängstlich, diesen Vorfall nicht der Nonne zu erzählen, klar das ich das auch nicht wollte. Ich danke Gott heute für diese menschl.fürsorgliche Küchenhilfe und erbitte Segen für sie wo immer sie heute auch ist.
In den 80ern wollte ich mit einem Teil meiner Familie nochmal dort hin einen Ausflug machen. Als wir dort waren, mittlerweile wurde aus dem Haus ein Aussiedlerheim, erzählte ich die Geschichte nochmal und plötzlich sagte der Freund meiner Schwester" Waaas, du auch?" Und diesmal hörte meine Mutter die Bestätigung meiner Geschichte die ich dort erlebte und glaubte sie. Sie nahm mich in den Arm und bat um Verzeihung und weinte. Ich vergab ich ihr gern.
Später wurde ich Krankenschwester besonders im Notfallbereich, Intensiv- u.Op und habe Patienten geholfen, wenn sie von Ärzten ungerecht behandelt wurden. Weil ich wußte, wie man sich als hilfloses Opfer fühlt.
Jesus in Matth.18,6+7!
Nicht nur Erwachsene haben Rechte, auch Kinder.
Aber Er sagte auch, vergebet euren Feinden und auch das weiß ich nun, wie das sich anfühlt, befreiend, neue Kraftressourcen hervorbringend.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen Betroffenen rechtlichen Erfolg aber auch Frieden für ihre Seelen.
Doris Stober
Meine Mutter musste sich einer OP unterziehen und die Kinder sollten gut untergebracht sein.
Meine jüngste Schwester war noch zu klein und kam zu einer Tante von uns.
Wir fuhren mit vielen anderen Kindern im Zug dorthin. Ich war 10 und meine Schwester 6 Jahre alt.
Als wir da waren mussten wir duschen. Das war das einzige Mal in 6 Wochen das wir duschen durften.
Unsere persöhnlichen Sachen, wie Zahnpasta, Toilettenartikel, Süßigkeiten, Bücher ...mussten wir abgeben.
Dann kamen wir auf unsere Zimmer. Ich war in einem sehr großen Mehrbettzimmer mit meiner Schwester.
Mir wurde aufgetragen dafür zu Sorgen, dass sich meine Schwester benimmt.
Wir mussten um 18:00 oder 19:00 Uhr ins Bett und durften weder reden noch uns bewegen.
Uns wurde eine bestimmte Schlafstellung gezeigt, die wir einzunehmen hatten.Dann gingen Erzeiherinnen oder noch schlimmer der Hausmeister rum um uns zu bewachen. Besonders vor dem Hausmeister hatte ich große Angst.
Wer redete/flüsterte oder sich zuviel bewegte musste mit nackten Füßen im Nachthemd auf der zugigen Treppe, unter Aufsicht des Hausmeisters stehen.
Das war so ein älterer Mann der für mich eine sehr böse Ausstrahlung hatte. Der hatte immer so einen Rohrstock dabei. Ob er ihne benutzt hat weiß ich nicht mehr. Ich wurde nicht geschlagen. Der war bestimmt ein alter Nazi.
Zahnpasta und manchmal Seife wurden uns zugeteilt.
Meine Schwester fing dann an einzunässen und einzukoten.
Die Bettlaken und Unterhosen wurden dann immer im Speisesaal , während des Essens, hochgehalten. Dann musste ich die Mahlzeit beenden und alles auswaschen.
Die Malzeiten waren auch schrecklich. Es gab immer sehr dicke, trockene Brotscheiben. Da meine Schwester die Kannten nicht essen konnte, schob sie sie mir unterm Tisch zu. Ich habe sie dann für sie gegessen oder verschwinden lassen. Eines Tages wurden wir jedoch erwischt und meine Schwester musste solange am Tisch sitzen bleiben bis sie sie gegessen hat.
Sie saß von Morgens bis Abends dort da sie die Kanten nicht essen konnte. Ich konnte ihr nicht helfen. Sie durfte auch nicht aufstehen um zur Toilette zu gehen und nässte natürlich wieder ein. Das Ergebnis wurde dann wieder allen Kindern beim Abendessen präsentiert.
Wir hatten keinerlei Spielsachen oder sonstige Beschäftigung. Wir waren einfach draußen. Ich versteckte mich dann oft mit meiner Schwester hinter einem alten Schuppen im Garten.
Es gab ein Schwimmbad im Garten. Im Vorfeld wurde unseren Eltern das auch angepriesen. Sehnsüchtig schauten wir immer aufs Wasser. Wir durften nicht ein einziges Mal hinein. Wen wir still in unseren Betten liegen mussten gingen die Tanten dort hinein.
Es gab eine sehr nette Erzieherin. Sie war jung und hieß Roswita. Sie wurde von den anderen Tanten als Zigeunerin beschimpft und schlecht gemacht. Sie war nach etwa 3 Wochen nicht mehr da.
Dann gab es noch eine Putzfrau die mich und meine Schwester ins Herz geschlossen hatte. Es war eine ältere, etwas dicke Frau die irgendwie aus dem Osten oder Ostpreussen kam. Sie hatte einen so netten Akzent.
Sie kam jeden Morgen etwas früher zur Arbeit um mir und meiner Schwester die Haare zu flechten.
Wir hatten beide sehr lange Haare und uns wurde immer damit gedroht , das sie abgeschnitten würden wenn wir sie offen trügen.
Davor hatte ich große Angst. Zum Glück hat die liebe Tante "Gell" (so nannten wir sie, weil sie immer Gell sagte) sie uns immer geflochten. Ich konnte es nicht selber und die Erzeiherinnen haben es nicht gemacht.
Jeden zweiten Tag mussten wir ins Gradierwerk und dort den salzigen Nebel einatmen. Dabei wurden Volkslieder gesungen.Meine Schwester bekam davon ganz wunde, rissige Haut und der salzige Nebel tat ihr dann weh. Sie musste trotzdem mit
Jeden Sontag mussten wir den Eltern schreiben. Die Briefe wurden zensiert. Ich versuchte heimlich einen unzensierten Brief an unsere Eltern zu schreiben und ihn auf dem Weg zum Gradierwerk einzuwerfen.
Leider misslang es.
Nachts lag ich wach und glaubte immer wieder das Auto meines Vaters zu hören. Ich hatte die Hoffnung das er uns da raus holt. Das ich ihn durch die Kraft meiner Gedanken wissen lassen könne wie schlecht es uns geht.
Am schlimmsten war aber die Ärztin.
Einmal in der Woche mussten wir antreten zur Untersuchung. Wir standen Stundenlang nur mit Unterwäsche bekleidet auf dem Flur vor ihrem Zimmer. Wenn man bei ihr war musste man die Hose runterziehne und sie rammte einem erstmal ein Fiebertermometer hinten rein. Ich empfand das als extrem unwürdig und übergriffig.
Meine arme Schwester wurde auch krank und musste zu dem Drachen auf die Krankenstation. Ich durfet meinen Eltern nichts davon schreiben. Sie sollten sich keine Sorgen machen. Ich machte mir aber Sorgen um meine Schwester. Durfte aber nicht zu Ihr. Sie war dort völlig isoliert.
Einmal bekamen wir ein Päckchen von zu Hause. Es wurde uns mitgeteilt aber wir haben es niemals zu Gesicht bekommen oder etwas vom Inhalt gesehen.
Einmal ist ein Junge abgehauen. Er war etwas jünger als ich. Er hat mithilfe eines Freundes beim Mittagessen einen riesen Tumult verursacht und das Durcheinander genutzt um durch das offene Fenster zu entfliehen.
Als es auffiel war er schon über alle Berge.
Die Erzieher haben 3 Tage nach ihm gesucht. Dann wurde er aufgegriffen. Ich weiß nicht mehr was mit ihm passiert ist.
Ich kann mich noch erinnern das es einmal GRiesbrei gab und ich hatte mir mehr genommen als ich essen konnet.
Ich musste aber alles aufessen. Da es zuviel war erbrach ich und der Teller war wieder voll.
Ich sollte das dann wieder essen, weigerte mich aber. Ich musste dann aufstehen und ins Bett gehen( es war Mittag) durfte mich an dem Tag nicht mehr blicken lassen und bekam an diesem und am nächsten Tag nichts zu essen. Zum Glück schmuggelte meine Schwester ihre Brotkanten, die sie nicht essen konne, raus und ich hatte etwas zu essen.
Als wir wieder zu Hause waren war meine Mutter entsetzt über unseren Zustand. Wir waren verdreckt und verlaust und abgemagert. Auch unseren Erzählungen wurde Glauben geschenkt. Meine Mutter hat sich wohl bei der AWO über die Zustände in dem Heim beschwerd aber sie wurde abgewimmelt.
Wir waren zum Glück nie wieder in Verschickung.
Ich dachte ich hätte das alles vergessen. Als ich den Bericht im Radio hörte überlief es mich jedoch eiskalt und alles kam wieder hoch. Meine jüngere Schwester möchte nicht mehr an die Ereignisse erinnert werden.
Ich hoffe ich konnte Dir helfen.
Liebe Grüße
Inka
Das furchtbarste Erlebnis war an meinen Geburstag, den ich dort verbringen "durfte" fernab von Geschwisatern und Eltern. Am Tag vor dem Geburtstag wurde in der Morgenrunde Post verteilt. Ein Paket für mich!!!! Die Freude war riesengroß. Doch dann wurde das Paket zurück gerissen. Ohne Begründung. Es war wohl einen Tag zu früh??? Da kommen mir auch heute noch die Tränen. Erinnern tue ich mich an völlige Verloenheit. Da waren ja die Tanten, aber ich kann mich an keine Zuwendung, an kein Gespräch erinnern. Meine Familie erhielt Karten, die aber von den Tanten geschrieben wurden, ich konnte ja noch nicht schreiben. Eine Karte gibt es noch. " Susanne hat sich gut eingelebt...." Nein, nein!! Das Schlimmste waren die Mahlzeiten. Wenn ich etwas nicht mochte, habe ich mich erbrochen und musste dieses dann essen.
Nach der Rückkehr nach Hause ahbe ich bis zum Alter von 12 Jahren am Daumen gelutscht und bin beim Einschlafen immer an einer grauen Wand abgerutscht.
Auc kann ich bis heute nur mit größter Überwindung reisen...Am liebsten bleibe ich Zuhause. Wie gut, dass endlich alles schreiben zu können. Danke für diese Möglichkeit. Tiefste Verbundenheit allen anderen Verschickkindern. Susanne Speck
Ein zweites ungemein entwürdigendes Erlebnis war, dass man nicht auf Toilette gehen durfte, wenn man musste, sondern zu festen Zeiten. Ich habe das nicht immer ausgehalten und einmal, als ich wieder eingenässt hatte, musste ich meine Unterhose zur Wäsche bringen und o h n e weiter herumlaufen - mich so auch in eine Stuhlreihe setzen, als irgendwelche "Offiziellen" kamen, denen die Kinder in Unterwäsche mit ihren Basteleien vorgeführt wurden. Jedes mal, wenn ich mein noch existierendes Bastkörbchen sehe, muss ich daran denken, wie verkrampft ich es auf meinen Schoß gepresst habe, damit die fremden Erwachsenen meinen nackten Unterleib nicht sehen, weil ich mich so geschämt habe! Die jungen Erzieherinnen haben selbst unter der rigiden Heimleitung gelitten, wir haben sie häufiger weinen gesehen. Die Leiterin muss eine Diakonisse oder Schwester gewesen sein, denn sie war immer mit Haube und Schürze.
Ich sollte wegen chron. Bronchitis Luftveränderung erhalten. Im Heim ging es aber nur um Essen und Zunehmen. Wir mussten Unmengen an Marmeladebroten zum Frühstück essen, viele Kinder haben unter dem Esszwang erbrochen und mussten dann das Erbrochene vom Tisch aufessen. Wir durften erst aufstehen, nachdem alles gegessen war.
Die Nächte waren ebenfalls grausam. Der Gang zur Toilette war verboten. Wer ins Bett machte wurde morgens von den Tanten bloßgestellt und von allen Kindern verlacht.
Kontakt zu den Eltern oder gar Besuche waren verboten. Einmal die Woche wurden Briefe von zuhause vor allen Kindern vorgelesen. Ich erinnere mich an die Blicke der Kinder, die keine Post bekommen haben.
Ich wollte mehrfach weglaufen, ich hatte aber keine Ahnung wo ich überhaupt war und wie ich wieder nach Hause kommen konnte. Nach ca. 3 Monaten durfte ich heim. Heute weiß ich, dass ich als Kind das Gefühl hatte, von den Eltern bestraft worden zu sein. Ich konnte von den schrecklichen Erlebnissen nichts erzählen und habe die Utopie aufrecht erhalten, dass es im Ponyheim ganz toll war. (Damals waren wohl die Ponyhof-Urlaube aus Sicht der Eltern das beste was man einem Kind bieten konnte. Ich erinnere mich aber, dass wir nur für Fotos auf ein Pony gesetzt worden sind.) Diese Zeit dort hat mein ganzes Leben beeinflusst und auch einen tiefen Bruch zu meinen Eltern verursacht. Diese wollten sicherlich nur das tun, was Ärzte und Krankenkasse empfohlen hatten.
schade, dass ich erst heute durch das Radio von dieser Aktion erfahre. Ich wäre gerne nach Sylt gekommen. Meine Zwillingsschwester und ich waren 1969 für sechs Wochen in einem Heim in Lüneburg. Wir waren fünf Jahre alt. Wir sollten zu nehmen. Ich habe gedacht, unsere Eltern wollen uns nicht mehr haben. Daher war ich ziemlich überrascht, als wir wieder nach Hause durften.
Dieses Heim wurde 1970 geschlossen wegen Kindesmisshandlung. Erst danach haben meine Eltern mal gefragt, was wir erlebt haben. Wir haben gar nicht gewagt davon zu erzählen. Wir durften nachts nicht auf Toilette gehen . Wer erwischt wurde, musste auf der Holzbank im kalten Badezimmer schlafen. Ohne Decke und Kissen, nur so. Sprechen war nach dem Abendessen verboten. Wäre eine Frage der Erzieher beantwortet hat, wurde bestraft, denn er hat ja gesprochen. Er musste z.b. die halbe Nacht stehend neben seinem Bett sein. Auch einen ganzen Tag ohne Essen im Bett bleiben war eine Strafe. Ich bin für zwei Wochen auf der Krankenstation gewesen, da ich krank geworden bin. Dort durfte ich mich im Bett nicht hinlegen wenn ich meinen Mittagessen gegessen habe und fertig war. Ich musste teilweise zwei Stunden sitzen bleiben was ich gar nicht konnte. Für jede Kleinigkeit wurde man bestraft. Die Strafen waren vielfältig. Immer so, dass sie keine Spuren am Körper hinterließen. Badetag bedeutete alle Kinder gingen durch eine kalte Badewanne und wurden kalt abgeduscht. Das Essen in den großen Sälen war von sehr schlechter Qualität. Wir wurden gezwungen alles aufzuessen. Wer sich übergeben musste, wurde gezwungen das Übergebene aufzuessen.
Ich habe zwar keine Albträume davon, wie geht es aber immer noch nahe davon zu berichten.
Post kam geöffnet. antworten mussten offen abgegeben werden. bei spaziergängen wurde vor brielkästen die Strassenseite gewechselt. betreut wurden wir von schwestern.
wecken morgens 5.00 dann solebad. dann wieder ins bett.
es gab viel griesbrei abends oft heringssalat. bei jeder mahlzeit hat sich mindestens 1 kind erbrochen.
ich bin heute durch eien SPIEGEL Online Artikel auch Euch aufmerksam geworden.
Ich bin Jg. 1963 und war im Herbst 1969 noch vor meiner Einschulung für 6 Wochen auf BORKUM (ich glaube im Concordia Heim). Es war eine Zeit die ich lange ganz tief begraben hatte. Ich weis noch dass während des Aufenthaltes ein Sturm über Borkum zog und dieser mir als positiv in Erinnerung blieb.
Die Erinnerung ist durch zwei Ereignisse in den letzten Jahren wieder hochgekommen, wenn auch nur bruchstückhaft. Ich leide seit Jahren an Depressionen und im Rahmen der Therapie habe ich das erste mal wieder an diese Zeit zurückdenken müssen. Dazu kommt, dass ich letztes Jahr das erste mal seit dieser Zeit wieder auf Borkum war; und dieser Aufenthalt hatte gesundheitliche Folgen.
Auf Borkum selbst und in den Tagen vor der Reise , war ich in einer "komischen" Verfassung, es bedrückte und beschäftigte mich etwas was ich nicht so ganz einordnen konnte. Am ersten Tag auf Borkum waren wir am alten Leutchturm und sind von da aus Richtung neuer Leuchtturm und Promenade gelaufen, als mir auf einmal schwindelig wurde und ich Gänsehaut bekam, as wir vior dem "Weißen Haus" vorbeiliefen. Ich sagte zu meiner Frau "Hier war es" und brach iin Tränen aus.
Zwei Tage später ereilte mich ein Hexenschuß, den ich so noch nicht erlebt habe; körperlich wurden dafür keine Ursachen gefunden und ich war die nächsten vier Wochen wieder mit der Diagnose Depressiver Schub arbeitsunfähig (Die Depression ist erstmals 2016 festgestellt worden).
In dieser Zeit kamen auch wieder Erinnerungen hoch die sich um den Aufenthalt in ´69 drehten; z.B. das miese Essen, ich mochte keinen Reis, musste diesen aber immer essen. Auch Pfefferminztee ist seitdem ein Getränk, dass ich weder gerne trinke noch für andere zubereite. Ob ich auch zu den Kindern gehörte, die ihr Erbrochenes essen mussten weis ich heute nicht mehr, aber bis heute ist der Anblick von Erbrochenem für mich fast unerträglich.
Zudem habe ich in dieser Zeit wieder bettgenässt und und auch eingekotet: ich erinnere mich bildlich an eine Situation in der ich einem großen Treppenhaus mit einer bogenförmigen (Granit- oder dunklen Marmor-) treppe stehe und versuche auf eine Toiliette zu kommen um meine Unterhose zu wechseln, die beschmutzt war. Ich weis aber nicht mehr wie es ausgegangen ist.
Ich habe hier viele Kommentare gesehen (noch nicht gelesen) und bin irgendwie erleichtert, dass ich nicht alleine bin. Ich wünsche allen anderen Betroffenen dass es Euch gelingt dieses Traume zu verarbeiten.
Börries
Die Zugfahrt von Stuttgart nach Westerland erlebte ich als spannendes Abenteuer- wir klappten die roten Bundesbahnsitze auseinander und hatten eine 'Liegewiese', teilten unser Vesper und spielten gefühlt stundenlang MauMau. In dem kleinen Heim mit nur 20 Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren gab es ein Zweierzimmer für die Ältesten, Vierer- und Sechserzimmer mit Mittagsruhe, während der wir Märchenschallplatten hörten. Soviele Lego und Bücher, sowie Brettspiele auf einem Haufen waren mir bis dahin nicht begegnet- am liebsten mochte ich aber das zum Strand gehen, je nach Wetter mit Gummistiefeln oder im Meer baden. Auch die Ausflüge zum Wellenbad nach Westerland und ins Legoland vergesse ich nie! Das Essen war sicher nichts Besonderes, aber wir asen um die Wette: manchmal acht! Scheiben Brot abends. Und - für mich eines der Highlights: wir mussten so gut wie nie Hausis machen, nur einzelne Arbeitsblätter, die ich von meiner Schule dabei hatte! Im Großen und Ganzen hat es mir dort sehr gut gefallen - die Hunde Pit und Zottel, sowie die Katze Tiger (der Hauseltern Wentz), die oft zu den Spaziergängen angeleint mitliefen, taten ein Übriges, dass es mir gefiel. Die jungen Erzieherinnen waren unterschiedlich sympathisch, kamen mir als Kind aber nicht irgendwie bösartig vor.
Es tut mir leid für diejenigen, die so schlimme Erfahrungen machten. Ich wollte aber nichtsdestotrotz meine positiven Erinnerungen teilen und freue mich von anderen zu hören, die auch im Kindererholungsheim Möwengrund waren, ob sie wohl ähnliche Erfahrungen machten? vG Tina