Pressemitteilung vom 10.1.20

Die „Initiative Verschickungskinder“ hat nun das erste Mal Einblick genommen in zwei Heimakten, angelegt in der Landesverwaltung Niedersachsen, abgelegt in je einem der Landesarchive, erarbeitet vom damaligen Landesjugendamt, mit der Aufgabe der Überprüfung und Genehmigung von Kinderkur- und Erholungsheimen.

Solcherlei Akten gibt es zu jeder der bisher bekannten ca. 900 Kinderheime, die Verschickungskuren durchführten. Diese Akten lagern in den meist 7 – 10 über das jeweilige Bundesland verteilten Landesarchiven.

Die Akten, die wir angeschaut haben, waren Zufallsfunde, aber erschreckend enthüllte sich in ihnen eine Aneinanderreihung von Verstößen gegen bestimmte Kinderschutzbestimmungen, z.B. gegen die jedem Kind zugesicherte Quadratmeterzahl, statt die damals vorgeschrieben 3 qm, hatten die Kinder bei z.B. der Heimleiterin des Friesenhofs auf Borkum, (Akte: NLA OL Rep 400 Akz. 226 Nr. 146) pro Kopf keine 1.5 qm, eine Art Schreibtischplatte.  

Die Heimleiterin auf Borkum (Edith Künlen, verstorben) hat vorsätzlich ihr Heim mit Kindern überbelegt, mit Fachpersonal unterbesetzt, hat Grundrisse gefälscht und Überprüfungsbesuche verweigert. Sie ging beleidigend und cholerisch auf Jugendmitarbeiter los, sie hetzte andere Kinderheimbesitzer gegen das Jugendamt auf. Es enthüllte sich aus umfänglichem Briefwechsel eine gewaltige kriminelle Energie: Als einmal 86 Kinder wegen Eiswetter und zugefrorener Nordsee von ihren Eltern nicht geschickt wurden, verklagte sie die Bahnversicherung, (Entsendevertragspartner) auf 19.000.- DM. Das war der Reingewinnverlust. Dass die Kinder frieren würden (vorher war oft die Heizung bemängelt worden) das schien ihr kein Problem zu machen, ebensowenig, dass sie in Emden um Mitternacht ankommend, vielleicht tagelang in einer Jugendherberge würden übernachten müssen, bis das Eis aufgetaut sein würde. Als eines der Kinder starb, beteuerte sie, dass es nichts mit den Heimbedingungen zu tun gehabt hätte. Arztbericht oder Obduktionsbefund lagen der Akte nicht bei, wurden auch von niemandem  angefordert. Ein Satz auf einem Attest war das einzige, was zum Tod des Kindes zu finden war. Auf diesem stand lapidar: Herz-Kreislaufversagen. In einer Heimakte eines anderen Heimes (Salzdetfurth) hatten wir einige Wochen vorher als Todesursache gefunden: Nahrungsreste in der Lunge. Ein anderes Kind war als kleines von größeren totgetrampelt und -geärgert worden. Vier weitere Kinder kamen in einer TBC-Kurklinik bei nicht genehmigten Medikamentenversuchen ums Leben. Veröffentlicht und in Auftrag gegeben wurde diese Studie vom Kinderarzt Werner Catel, der während der NS-Zeit einer der Hauptgutachter der T4-Euthanasiebehörde war. (1) 

Wir können dadurch etwas lernen: Nämlich, dass diese Geschichte aufgearbeitet gehört.

Tausend Akten liegen in Archiven rum, niemand hat sie je angeschaut. Sie enthüllen uns die Hinter- und Abgründe der Institutionen, an die so viele Verschickungskinder die schrecklichsten Erinnerungen haben.  Alles muss gründlich angeschaut und ausgewertet werden, dazu brauchen wir Forschungsgelder für Historiker unserer Wahl. Unterstützen Sie unsere „ERKLÄRUNG DER VERSCHICKUNGSKINDER“: Lückenlose Aufklärung, Aufarbeitung und Hilfe für Verschickungskinder!

 (1) zitiert nach Referat von Frau Dr. Sylvia Wagner auf unserem Kongress im November 2019

 

 

 

 

 

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