Schwarze Häuser – Kinderbuch – Sabine Ludwig

SCHWARZE HÄUSER

Die Autorin Sabine Ludwig hat ihre Erfahrungen in einem Verschickungsheim 2014 zu einem Kinderbuch verarbeitet, damit hat sie schon Hunderte erfolgreicher Lesungen veranstaltet.

Sie wird auf dem Kongress: Das Elend der Verschickungskinder“ am Samstag den 23.11. um 15 Uhr daraus öffentlich vorlesen. 

Auszug

Die Tür wird aufgerissen. „Aufstehen! Aufstehen!“, brüllt der Drache.

Uli reibt sich die Augen.

Anneliese richtet sich auf, sie hat im Schlaf ihren Waschlappenteddy so fest an sich gedrückt, dass er immer noch an ihrer Wange klebt. Schnell zieht sie ihn ab und stopft ihn unter ihr Kissen. Schwester Hildegard hat es nicht bemerkt, sie reißt Fritze die Bettdecke weg, die liegt zusammengerollt darunter und zieht nun die Knie hoch bis zum Hals. „Mir ist kalt.“

Beweg dich, dann wird dir warm“, sagt Schwester Hildegard, geht zu Annelieses Bett und knotet den Handschuh auf. „Das ist doch …“ Sie hält Annelieses linke Hand hoch. Der Daumen ist noch feucht. „Du lutschst gar nicht mit rechts, sondern links. Du hast uns angelogen!“

Die Kleine bricht in Tränen aus.

Vielleicht weiß sie gar nicht, wo rechts und links ist“, sagt Freya und steigt aus dem Bett.

Anneliese nickt zustimmend. Aber Schwester Hildegard lässt sich nicht besänftigen. „Weißt du, warum du hier bist, Anneliese Reiter?“ Sie beugt sich zu ihr herunter. Anneliese rutscht unter die Decke. Schwester Hildegard wedelt drohend mit dem Finger. „Du bist hier, damit du dir das Daumenlutschen abgewöhnst. Ein achtjähriges Mädchen lutscht nicht mehr am Daumen, hörst du? Das ist ungesund, davon bekommt man schiefe Zähne!“

Die hat ja selber schiefe Zähne, denkt Uli. Und gelb sind sie noch obendrein.

Hast du verstanden?“ Spucke spritzt aus Schwester Hildegards Mund. Sie zieht Anneliese die Decke weg. Die liegt stocksteif da, vor Schreck und Angst wie erstarrt.

Du willst doch deine Eltern nicht traurig machen oder?“

Anneliese schüttelt den Kopf.

Schwester Hildegard dreht sich zu den anderen um. „Was habt ihr hier zu glotzen? Marsch in den Waschraum!“

Zum Frühstück knallt ihnen Schwester Hildegard wie jeden Morgen einen Eimer mit Milchsuppe auf den Tisch und schöpft ihre Teller voll. Uli probiert gar nicht erst, obwohl sie Hunger hat. Fritze fischt ein paar Sagoklumpen heraus und schiebt sie am Tellerrand hin und her. „Froschlaich. Das sieht genauso aus wie Froschlaich.“

Tote Frösche sehen anders aus“, sagt Uli.

Ich meine keine Froschleiche. Ich meine Froscheier. Aus denen dann die Kaulquappen schlüpfen.“

Kaulquappen. Das klingt lustig“, sagt Anneliese. „Kaulquappen, Kaulquappen, Kaulquappen.“

Kaulquappen, die aus dem Teller schwappen!“, singt Fritze und sieht auf einmal ganz vergnügt aus.

Kaulquappen, die in den Eimer schwappen“, sagt Uli und wirft einen Blick unter den Tisch. Fritze versteht. Sie hält den Buddeleimer an die Tischkante und schüttet den Inhalt ihres Tellers hinein. Dann gibt sie den Eimer weiter an Freya. Die gibt ihn Uli. Der Eimer ist fast voll. Uli greift nach Annelieses Teller. „Willst du noch?“ Anneliese schüttelt heftig den Kopf.

Uli stellt den Eimer auf den Boden und schiebt ihn mit dem Fuß an die Scheuerleiste.

Gerade noch rechtzeitig, denn Schwester Hildegard kommt an ihren Tisch. Sie sieht die leeren Teller und stößt ein zustimmendes Grunzen aus. Sie will zum nächsten Tisch gehen, da sagt Anneliese stolz: „Wir haben alles aufgegessen.“

Schwester Hildegard dreht sich zu ihr um und runzelt die buschigen Brauen. Dann fährt sie dem Mädchen mit den Fingern durch die Haare. „Hast du dich nicht gekämmt?“

Anneliese starrt in ihren Teller. Der Drache drückt ihr das Kinn hoch. „Sieh mich an, wenn ich mit dir spreche. Hast du dir heute morgen die Haare gekämmt?“

Nein“, flüstert Anneliese.

Schwester Hildegard zieht einen Kamm aus ihrer Schürzentasche. Der Kamm ist aus braunem Horn. Ein paar Zinken fehlen. Sie fährt Anneliese damit über den Kopf. Die schreit: „Au, au! Das ziept!“

Schwester Hildegard steckt den Kamm wieder ein. „Das glaub ich gern, dass es ziept. Da sind ja lauter Knoten drin. Die müssen wir abschneiden.“

Abschneiden?“ Anneliese schüttelt den Kopf. „Nich abschneiden!“

Nach dem Frühstück kommst du in den Waschraum“, sagt Schwester Hildegard und geht aus dem Speisesaal.

Anneliese schluchzt. Fritze legt ihr die Hand auf den Arm. „Wir kommen mit. Das lassen wir nicht zu.“

Im Waschraum ist es jetzt noch kälter als vorhin. Schwester Hildegard ist schon da. Vor ihr steht ein Hocker.

Setz dich hin.“

Uli hält Anneliese an der Schulter fest. „Sie können ihr nicht die Haare abschneiden“, sagt sie, aber ihre Stimme zittert.

So? Ich kann nicht?“ Die Augen des Drachen verengen sich zu bösen Schlitzen. Sie beugt sich zu Anneliese herunter, die sich gehorsam auf den Hocker gesetzt hat. „Wenn du nicht willst, dass ich dir die Haare abschneide, dann muss ich sie kämmen, willst du das?“

Anneliese nickt.

Gut“, sagt Schwester Hildegard. Dann schaut sie nacheinander Freya, Fritze und Uli an. „Was habt ihr hier verloren? Geht runter und macht euch fertig.“

Fritze dreht sich in der Tür noch einmal um. „Aber Sie schneiden sie nicht ab, bitte.“

Schwester Hildegard zieht den Kamm aus der Schürzentasche.

In der Eingangshalle sind die Kinder dabei, ihre Schuhe zuzubinden und Jacken anzuziehen.

Uli sieht Peter, der gerade den Reißverschluss seines blauen Anoraks schließt. Er zwinkert ihr zu. Uli wird rot.

Sie haben sich alle an der Tür aufgereiht – vorn die Jungs, hinten die Mädchen -, da erscheint Anneliese in Begleitung von Schwester Hildegard. Ohne Locken. Der Drache hat sich nicht die Mühe gemacht, die Haare in Form zu schneiden, sie enden wie abgehackt in der Höhe der Ohren.

Wortlos lässt Anneliese sich von Uli die Jacke anziehen.

Über die Autorin: 

Sabine Ludwig, 1954 in Berlin geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie. Nach dem Studium und Staatsexamen war sie kurze Zeit an einem Berliner Gymnasium als Lehrerin tätig. Danach arbeitete sie als Regieassistentin, Pressereferentin und Rundfunkredakteurin. Seit 30 Jahren Kinderbücher.

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