Verschickungsheime – keine Kindererholung

Was war eine Verschickung? 

Zahlreiche Arbeiter- und Kleine Angestelltenkinder wurden in den 60er Jahren in der BRD zu Millionen in Kinderkuren gegeben, oft als „Kassenverschickungen“ indem ein Arzt das Attest ausschrieb. Die Krankenkassen bezahlten den „Erholungsaufenthalt“. Jedoch viele dieser Kinder kamen traumatisiert zurück.

Die Kinderheilstätten lagen abseits der Metropolen, vielfach in Wald- und Küstengebieten, sie waren oft schon zur Zeit der Jahrhundertwende gebaut worden. Unter den Nazis wurden solche Heime für paramilitärische Zwecke genutzt, dienten Lazarettzwecken, zT verbunden mit Maßnahmen der Kinder-Euthanasie, Kinder-Evakuierung und Landverschickung, später der Unterbringung von ca. zwei Millionen Kriegswaisen.

Nach 1945 gehörten diese Heime zum sozialen Versorgungssystem der Bundesrepublik Deutschland. Ende der 50er Jahre muss es zu Werbekampagnen der sozialen Träger der Heime gekommen sein, die an die Hausärzte in den Arbeiter- und kleinen Angestelltengebieten herantraten, doch unbedingt möglichst viele Kinder zu schicken.

Es kam ab den 60er Jahren zu einem Boom von Verschickungen.

Bronchitis, Über- oder Untergewicht, zu dünn, zu dick, zu blass, es reichten Kleinigkeiten aus, dass den Eltern geraten wurde, ihre Kinder zu „verschicken“. Was so geschah, dass man sie ab frühestem Alter allein in einen Zug setzte. Geraten wurde, den Kindern nichts davon zu erzählen, dass sie allein fahren müssten, um das „Heimweh“ zu vermindern. Das Alleingelassenwerden wurde damals nicht thematisiert.

Krankenkassen warben mit frischer Seeluft

Sie rieten besonders diejenigen Kinder aufzunehmen, deren Familien sich keinen Sommerurlaub mit ihren Kindern und frische Seeluft leisten konnten. Für Verschickungskinder, die in die Berge geschickt wurden, galt das Motto: Luftveränderung macht Appetit und stärkt die Widerstandkraft des Körpers.

Essen als Strafe

Die „Verschickungsheime“, wie sie genannt wurden, waren Häuser, in die Kinder ab frühestem Alter, ab dem 2./3./4. Lebensjahr allein „geschickt“ wurden, 6-8 Wochen lang, fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen. Diese wurden 30-50 Kindern zugeordnet und versuchten mittels Drohungen, schlechtem Essen, Isolationsstrafen, Demütigungen, Essen als Strafe, (brutale Einfütterung), Schlafstrafen oder -entzug, Ans-Bett-Fesseln, in den Waschraum sperren, Trennung von Geschwistern, Mund und Augen zukleben und vielem mehr „duchzukommen“.

Einerseits waren die Erzieherinnen, Pflegerinnen und Hilfskräfte überfordert, andererseits waren sie noch unter der Ideologie der Nazi-Pädagogik, der Erziehungsprinzipien Hitlers, die da lauteten: „Nur das Starke hat das Recht zu existieren – Das Schwache muss ausgemerzt werden“ erzogen und ausgebildet worden.

Der Erholungswert dieser Kuren ist im Nachhinein stark anzuzweifeln, es ist von massiver Traumatisierung auszugehen. Es melden sich täglich mehr Augenzeugen, die von Erlebnissen berichten, die heute als schwere Kindesmisshandlung gelten.

Schulausfall wurde nicht ausgeglichen

Die Kuren lagen grundsätzlich nicht in den Ferien, sondern wurden über das ganze Jahr verteilt, womit die Auslastung der Heime gleichmäßig erfolgte. Der dadurch hervorgerufene Schulausfall wurde meist nicht ausgeglichen. Viele verloren damit schulisch den Anschluss oder mussten ein Jahr dranhängen oder ausfallen lassen. Oft wurden die Kinder aber vor dem Schuleintritt in diese Heime gegeben. Die jüngsten waren 2 Jahre alt, sie reisten manchmal mit älteren Geschwistern, von denen sie aber meist sofort bei Eintritt des Heimes getrennt wurden.

Wer ist Betroffene oder Betroffener ?

Diese Opfer haben bisher keine öffentliche Stimme, das soll nun anders werden, deshalb hat Anja Röhl, Autorin und selber Betroffene,auf deren Seite sich die Erlebnisse von „Verschickungskindern“ häuften, ein Projekt „Initiative Verschickungskinder“ und einen Kongress initiiert, wo erstmalig „Verschickungskinder“ zusammenkommen und sich über ihre Erlebnisse austauschen. Siehe auf dieser Webseite die Seite: Kongress.

Ein Vorbereitungstreffen findet am 7.9.19 in Berlin im Sekis e.V., Bismarkstraße 101, in Charlottenburg, 10625 Berlin, um 12 Uhr statt.

Vertiefungsinterviews

Anja Röhl begann vor einiger Zeit, nachdem sie auf eine Veröffentlichung hin, zahllose Kommentare bekam, die ihre Erlebnisse bestätigten, besonders exemplarische Geschichten für ein Buchprojekt zu sammeln. Wer will, kann ihr schreiben, wer will, kann besucht werden und mehr erzählen,

Kontakt über: info@verschickungsheime.de

Zum Einlesen in die „Berichte aus den Heimen“ auf der Autorinnenseite von Anja Röhl die Kommentare zu diesem Artikel lesen: http://www.anjaroehl.de/wyk-auf-fohr-%E2%80%93-verschickung